Venezia
I
Venedig und ich
Ein langes Dasein hat mir verwinkelte Kanäle und Gassen ins Gemüt und ins Gesicht geschrieben. Du kommst nicht einfach so ans Ziel. Es ist schwierig, die richtigen Wege zu finden. Bevor Du ankommst, musst Du Irrwege gehen. Verlierst die Orientierung. Findest Dinge, die Du gar nicht suchtest. Findest, was Du suchtest, vielleicht doch, aber dann eher zufällig. Hast die Richtung verloren. Glaubst, jetzt wärst Du nahe dran und stehst plötzlich vor einem Kanal. Musst wieder umkehren, einen nächsten Weg gehen. Entdeckst einladende Gefilde, Plätze, Gassen, Häuser, hinter denen sich verwilderte Gärten verstecken. Prachtvolle Palazzi, ebenso wie verwahrloste Hinterhöfe. Übrig geblieben aus einem bewegten Leben. Voller armseligen Reichtums und reicher Armut. Und das im Herbst. Immerhin bin ich fast 70. Vom wuchtigen Sommer gebleichte Blätter halten sich mit schwindender Kraft am Ast des Lebens fest. Glücklich, vorerst weiter aus schorfiger Rinde mit Lebenssaft versorgt zu werden. Dort! Eine Brücke. Bestimmt ist sie der Schlüssel zum Ziel. Und dann lenkt Dich der Weg dahinter wieder in die entgegengesetzte Richtung.
Hier hat das Leben gewildert. Dort hat es Orte hinterlassen, an denen Du bleiben möchtest. Oft beides zugleich. Du versuchst zu verstehen und erkennst dabei, dass Verstehen immer das ist: Ein Versuch.
Viele suchen, was sie schon vorher wussten. Wollen es bestätigt finden. Ein Foto machen. Und verstellen sich dabei gegenseitig den Blick. Und dann doch: Momente von einem Glanz, mit dem all die vergangene Zeit sich selber feiert.
Magisch ist es am sehr frühen Morgen oder bei Nacht. Gerne begleitet von Nieselregen. Dann ist es leichter zu sehen. Zu spüren all diese Geschichten vom Glück und vom Schmerz. Vielleicht liegt es daran, dass dann alles noch verletzlicher ist, noch nicht umhüllt von dem, was wir sein wollen. Oder sollen. Oder müssen. Noch bereit, all das loszulassen, angesichts der Wahrheit, dass das Ende schon in Sicht ist. Zu erkennen, an den Pfützen, die das steigende Wasser in den Kanälen auf den Gehwegen hinterlassen hat. Oder an den Podesten, die den Weg eine Etage höher legen, weil das Wasser das Erdgeschoss schon geschluckt hat. Dann ist Improvisation gefragt. Und die Notwendigkeit, sich von der Fassade zu verabschieden.
Merkwürdig. Erst auf dem Weg zurück in mein Alltagsleben wird mir klar, welch ungeheuer mildernde Umstände mir diese Stadt geschenkt hat. Ich habe zwei Wochen lang kein einziges Auto, kein Motorrad, – ja: nicht einmal ein Fahrrad gesehen. Einen LKW nur manchmal. Stehend auf einem Schiff, das für einen kurzen Moment mitten auf dem Canale di Giudecca die Vaporetti aus dem Weg scheuchte. Alle hier gehen oder schwimmen. Niemand fährt. Selbst das aufgeregte Geschnatter und Gerenne der Abertausenden von Touristen stört nicht so sehr, wie es Autos täten. Wer hier lebt, weiß, wo er seine Einkaufs-Tasche auf Rädern hinter sich herziehen kann, ohne im dickflüssigen Touristen-Menschenbrei steckenzubleiben. Wenn es doch passiert: Ein böser Blick. Vielleicht gar ein Fluchen. Aber beides von kurzer Dauer. Es geht ja doch irgendwie immer alles weiter. Jede Flasche Wasser, die hier am Tag getrunken wird, kommt mit dem Schiff. Und leer geworden verschwindet sie am Abend wieder. Auch per Schiff. Die am Morgen blau. Die am Abend grün. Der Notarzt und die Sanitäter kommen in gelb-roten.
Am Abend sitze ich mit der Liebsten auf einem beinahe zu kleinen und doch gemütlichen Stuhl, nahe am Wasser, das schon manchmal über den Rand schwappend die Zunge ausstreckt nach unseren Füßen. Wir rücken ein Stückchen weiter. Und bleiben. Wir können dem Klang unserer zärtlich aneinander geschubsten Gläser lange nachhorchen.
Wie schön das Leben ist. Für Venedig und mich.
II
Venezianisches Menuett
Schon gewebt
Haben wir das Leichentuch.
Breiten es aus
Über das Pflaster
Um es zu schützen
Vor uns’ren Schritten.
[Unsere Streifzüge waren wundervoll. Das haben wir zu einem guten Teil auch Paola Longobardi zu verdanken, deren Webseite wir zufällig entdeckt haben. Dort sind u.a. mehrere Spaziergänge durch Venedig beschrieben, die wir alle nachspaziert sind. Oft genug mit langen Abstechern, wenn uns danach war. Man findet diese und Spaziergänge in anderen Regionen hier: https://paola-longobardi.de/?page_id=8147]