Tag 58

Abstand ohne Distanz

Ich lungere vor der Apotheke herum. Kann noch nicht rein. Zuviele Leute drin. Zwei. Dauert so lange, bis ich endgültig jede Werbetafel im Schaufenster gelesen habe. Und noch länger.
Dann entdecke ich noch ein Plakat auf der anderen Seite der Eingangstür.
Eine Frau im weißen Kittel. Apotheken-Interieur hinter ihr. Brille. Dunkle Haare. Mittleres Alter. Ein sehr einladendes Lächeln. Aber auch wieder nicht zu leutselig. Sie soll ja Zugewandtheit und zugleich Seriösität und Kompetenz ausstrahlen. Schätze ich.
Das tut sie. Schätze ich.
Darunter der Satz: „Abstand hat nichts mit Distanz zu tun. Wir sind weiterhin für sie da.“

Da gibt es einen Menschen, der den Auftrag hat, sich einen werbewirksamen Spruch auszudenken. Dann gibt es Menschen, die sich seine Vorschläge mal informell ansehen. Dann gibt es Menschen, die auf irgendeinem Meeting sich entscheiden. Für genau diesen Spruch. Dann gibt es Menschen, die layouten. Und Menschen, die drucken. Und Menschen, die das fertige probegedruckte Plakat zum Druck und zur Verwendung freigeben, nachdem sie es in einem Meeting begutachtet haben.

Da sind einige Menschen beteiligt. Und keiner, dem auffällt, wie idiotisch der Spruch eigentlich ist. Natürlich hat Abstand mit Distanz zu tun. Wer je versucht hat, über den Mundschutz weg auf 2 Meter Innigkeit und Nähe herzustellen, weiß das. Und leidet darunter.

Tag 29

Rebellion

Die Liebste bleibt an einem Schaukasten hängen. Sie steht perplex da. Ich gehe zu ihr zurück. Ab und zu schüttelt sie leicht den Kopf. „Jetzt guck dir das an!“, raunt sie.

Abstand halten Werbeplakat

Ich gucke mir das an. Verstehe aber ihre Verstörtheit nicht. O.k., das Plakat hängt schief und ein bisschen unentschieden an der Magnet-Pin-Fläche herum. Aber das kann es nicht sein. So pingelig ist sie nicht.
Ich sag erstmal nichts, damit ich nicht doof dastehe.
Und dann fällt es auch mir auf. Wie hab ich das bloß übersehen können! Es ist ja klar zu erkennen!
Mich durchfährt jähe Erkenntnis. Dass gallische Dorf, diese allseits bekannte Ikone des wackeren Widerstandes gegen die autoritäre Obrigkeit, … es liegt im Süden des Münsterlandes. „Meine“ Stadt ist eine Keimzelle des Aufbegehrens. Das Epizentrum nichts weniger als das alte Rathaus selber. Womöglich ist „mein“ Bürgermeister der strahlende Held der Rebellion.
Die Botschaft ist ja eindeutig: Wollt Ihr Euch wirklich wie die blöden Hammel auf Befehl auseinander treiben lassen, um dann, wenn es den Mächtigen gefällt, bei „Haltern bittet zu Tisch“ wieder gemeinsam an den Trog beordert zu werden?
Wollt ihr das?!?!
Wollt Ihr dumme Schafe sein?!?!
Das Plakat wirkt. Ich bin zutiefst verunsichert. Ja, ich muss mir eingestehen, dass auch ich nur ein unkritisches Vieh in der Herde war. Ich beschließe noch hier vor Ort an diesem Schaukasten mich zu ändern. Ich werde wieder renitent in der Nase bohren, sogar öffentlich, auch wenn ich mich nicht erinnere, was ich heute nach dem Händewaschen schon alles angefasst habe.
Ich folge dem Ruf der Freiheit!

Tag 5

Am frühen Morgen hole ich Brot und Brötchen. Beim Lieblingsbäcker. Die Schlange draußen reicht von der Eingangstür über die Fußgänger-Laden-Straße davor, macht einen Knick und zieht sich dann noch an zwei Häusern entlang. Es sind nur ein paar Menschen. Sie halten tatsächlich die 2m ein. Wir alle scannen immer wieder mal unsere jeweilige Umgebung. O.k. stimmt noch.
Wieder draußen steige ich auf’s Fahrrad und bleibe ziemlich genau 2m vor der Ampel stehen. Es dauert eine Weile, bis ich es bemerke.