Laubblatt im Wollfaden-Netz

Die Wirrnis, die Ordnung, die Zeit

Oder:

Sind wir nicht alle ein bisschen AFD?

I

Ich verstehe das alles nicht. „Wir reißen alle Windkraftwerke nieder! Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“, ruft mit einer emphatischen Geste, die ihr nicht so recht gelingen will, die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel auf einem AfD-Bundesparteitag in den Saal. „Was für ein Quatsch!“, denke ich und halte innerlich mit Gedanken dagegen, die ich für rational halte. Sehe vor mir Kräne, Facharbeiter:innen, die in schwindelnder Höhe demontieren, Bagger, die Fundamente aus der Erde brechen, LKW’s, die abtransportieren. Frage mich, wie die dann entstehende Lücke in der Energieproduktion gefüllt werden solle. Und spätestens dann weise ich dieser Aussage final zu: Absurd.

Und das gut geölte Gedankenaggregat schnurrt munter weiter. So dumm könne sie ja nicht sein. Sie müsse andere Gründe haben, so etwas zu sagen. Und sie müsse vor allem – für sie gute – Gründe haben, Worte in die Welt zu fauchen, die gar nicht die Bedeutung haben können, die sie vorgeben zu haben, sondern eine andere haben müssen. Jenseitig vom Thema. Ich versuche, zu verstehen, welche das sein könnten. Windräder sind in ihrer Welt und der Welt derer, die sie – anders als ich – „verstehen“, eine „Schande“. Ein niederträchtiges Vergehen an irgendetwas. Vielleicht an der Unversehrtheit der Natur? Etwas in mir protestiert. Das wäre doch „links-grün versifft“. Und wäre nach dieser Logik ein neues Kohlekraftwerk nicht eine noch größere Schande? Vielleicht aber geht es bei solchem Reden auch gar nicht darum, in die Zukunft zu denken. Sondern in die Vergangenheit. Der Konjunktiv 2 kommt ins Spiel. Hätten wir die Kernkraft nicht verteufelt, hätten wir die Energie-Probleme gar nicht. Wenn sie nun aber abgeschaltet sind? …

Und spätestens, wenn ich mir vorstelle, ich würde meine Einwände im Gespräch mit einer/m Anhänger:in der AFD vorbringen, merke ich:

So komme ich nicht weiter. Und dann muss mein Gedankenaggregat eine zweite Rationalitäts-Mechanik bewegen. Eine, die sich an dem abarbeitet, was jenseits des scheinbaren Sachthemas liegt. Was sind die dem Bild der Schande, dem Bild der „Windmühle“ zugrunde liegenden inneren Welten? „Don Quijote“ fällt mir ein. Aber das passt ja nicht. Don Quijote ist ein der Wirklichkeit entrückter, in der Welt der Ritterromane verlorener, verwirrter Harmloser auf einem klapprigen Gaul in einer verrosteten Rüstung, der am Ende verliert. Ein trauriger Antiheld. Immerhin ein Held. Schimmert da eine Erklärungsmöglichkeit? Die Anrufung einer Opferrolle als Behauptung – einmal um die Ecke – eines Siegertums? Und mir fällt ein, dass Björn Höcke die Betonquader, die in Berlin an die ermordeten Jüdinnen und Juden erinnern, als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet hat. Verbunden mit der Forderung, die Erinnerung an die Taten, mit denen sich eine Nation schuldig gemacht habe, zu tilgen und zu ersetzen durch Erinnerung an all die Errungenschaften eben dieser Nation. Die berühmt gewordene „erinnerungspolitische Wende um 1800“. Das Gedankenmaschinchen stottert. Das Volk der Dichter und Denker beruft sich doch dauernd auf seine Leistungen. Wo führt denn dann diese Wende hin? Immerhin auch hier: Eine durch „Schande“ bedrohte verloren gegangene Identität. Ihre Rettung: Die Änderung der Vergangenheit. Wir wollen nicht weiter Opfer sein. Wollen aber weiterhin Opfer sein einer als falsch verstandenen jüngeren Vergangenheit?!

Vorläufig schalte ich die inzwischen zwei Gedankenmaschinchen ab. Sie drohen heiß zu laufen.

II

Ich begegne der Wirrnis mit Gedanken, die ich für rational halte. Aber wenn ich ehrlich bin: Nicht um der Rationalität selbst willen, – einer jenseits von mir bestehenden, übergeordneten Systematik, die die vermeintlich logische Voraussetzung für sinnvolles Handeln wäre. Ich tue es vielmehr zuallererst, weil Frau Weidel mit ihrer Äußerung Stützpfeiler meiner inneren Ordnung angreift. Diese Ordnung meldet sich meist erst, wenn sie bedroht ist. Und es ist gar nicht leicht, sie zu fassen zu bekommen. Es geht nur versuchsweise, weil ich geneigt bin, mich zu schnell hinter dem Schutzzaun „Rationalität“ zu verstecken. Da ist zum einen diese abfällige Häme, mit der Frau Weidel etwas charakterisiert, was andere geschaffen haben, weil sie es für sinnvoll hielten. Eine solche Häme empfinde ich als nur destruktiv. Mir selbst würde meine innere Ordnung das verbieten. Oder mich mit Schuldgefühl strafen, wenn ich mich doch zur Häme hinreißen lassen würde. Dann ist es die nassforsche Frechheit etwas anzukündigen, was durchzuführen sie selbst und die „Ihren“ selbst bei aufrichtigem Bemühen objektiv nicht in der Lage wären. Auch das empfinde ich auf schmerzhafte Art als destruktiv. Und weiter ist es die mit der Forderung zum Einreißen der Windräder verbundene Unterstellung, alle diejenigen, die einen gefährlichen Klimawandel konstatieren, also eine weit überwiegende Zahl von Wissenschaftler:innen, Naturbeobachter:innen, Politiker:innen und Journalist:innen wären dumm. Zu dumm zu erkennen, dass die Menschen nicht an den sie selbst bedrohenden Veränderungen schuld seien. Zu dumm zu erkennen, dass es sich bei den Phänomenen, die sie erforschen und zu erklären versuchen, um ganz normale Klimaschwankungen handele. Auch eine solche Hybris würde ich mir verbieten. An all dem merke ich: Dass ich Frau Weidel und Herrn Höcke nicht verstehe, liegt nicht in erster Linie daran, dass ihr Reden sachlich falsch ist, sondern daran, dass ich es nicht will. Denn sie bedrohen meine innere Ordnung. Meine Abwehr ist im Ursprung ein emotionaler Impuls, nicht ein rationaler.  Und ich verteidige diese meine Ordnung gegen sie. Ich bringe meine Rationalität in Stellung und versuche damit den Angriff auf meine Integrität abzuwehren.

Diese mentale Mechanik – (schein-)rationales Argumentieren um des Schutzes der inneren Ordnung willen – ist das nicht gar etwas, was uns verbindet? Uns, – die unversöhnlichen Gegner rechts gegenüber links?

III

Dieses Gegenüber wird ins Unbeherrschbare hinein forciert durch das zunehmende Schwinden der Zeit. Wir haben für nichts Zeit. Wir werden dauerbespielt mit Nachrichten, „Wahrheiten“ – offenen und insgeheimen – , mit Bildern, mit Kommentaren. Unsere innere Ordnung wird unablässig und immer schneller bedroht. Zugleich aber gibt es auch in steigender Kurzzeitigkeit Angebote zu ihrem Schutz. Schnellst verfügbar und schnellst konsumierbar. Ich kann mein Innenleben im Sekundentakt einhegen und mich hinter Wahrheiten verschanzen, die so knackig sind wie flüchtig. Zugleich hat auch die Kommunikation keine Zeit. Sie wird in WhattsApp-gerechte schlagwort-listige Halbsätze, spontan abgespulte Sprachnachrichten, hipp gepostete Flash-News auf allen Kanälen in Synapsen-betäubender Frequenz mehr eilig hingeworfen als gepflegt. Aufmerksamkeitsspannen schwellen ab, kaum dass etwas nach dem Wahrnehmen weitergedacht ist. Die Informationsflut vertieft die schützenden Schützengräben in Sturmeseile. Diese Charakterisierung mag meinem hohen Alter geschuldet sein und dem damit einhergehenden Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Aber wäre sie schon deshalb falsch? Und zugleich nutze auch ich das Tempo zum hochfrequenten Aufbau von Schutzwänden. Eine Gemeinsamkeit von „Ich“ und „Die Anderen“. Wir alle werden damit zu schieren Gegnern. Ohne Chance auf Zusammenkunft. Und tun vielleicht zugleich dasselbe.

Kommunikation als flirrende scheininformierte Selbstbestätigungs-Routine.

Wir brauchen dringend Begegnung. Wir brauchen Austausch. Wir brauchen Beschäftigung mit dem Innenleben unserer Schützengräben. Wir brauchen Zeit, Luft und Raum dafür mit einer erheblichen Portion Analogität. Und wenn wir begreifen, dass wir in mancherlei Hinsicht dasselbe Spiel im wahrsten Sinne des Wortes: treiben, hätten wir dann nicht einen Ansatz, einander wieder verständnissuchend begegnen zu können?

Oder wenigstens versuchen zu können, den Gründen auf die Spur zu kommen,  warum wir einander nicht verstehen?

Der verdoppelte Mord

Ein Mensch, der aus Afghanistan geflüchtet ist, tötet in Aschaffenburg ein kleines Kind und einen Mann.

Die einzig angemessene Reaktion auf dieses schier unfassbar leidvolle Geschehen ist:  – – Stille. Nur sie kann die Größe haben, die Arme zu öffnen, wo kein Trost sein will, – die Größe, sich selbst und seine Interessen bedingungslos hintanzustellen.

Und wenn man unbedingt dennoch etwas dazu sagen muss, wäre die einzig angemessene Form, um Worte ringend, den Tränen nah, den Versuch zu machen, tiefes Mitgefühl zu fassen zu bekommen und zu halten.

Was aber geschieht, ist die Einlassung von Herrn Merz, das Maß sei voll, es dürfe niemand mehr ohne Papier ins Land gelassen werden, ein Kompromiss sei für ihn in einer zukünftigen Regierung in dieser Frage nicht möglich.

Was ebenfalls geschieht, ist, dass Politiker:innen verschiedener Parteien sich genötigt sehen, sich ebenfalls zu äußern. Die meisten auf mehr oder weniger scharfe Art in der von Herrn Merz eingeschlagenen Richtung. Und Politiker:innen der AFD sehen sich eingeladen zur Kooperation, – eine Einladung, die sie gerne annehmen, indem sie sie aussprechen. Die Brandmauer steht lichterloh in Flammen.

Die Opfer aber verdorren dabei zu einem bloßen – hinterrücks willkommenen – Anlass zu selbstherrlicher Rede mit uneinlösbaren politischen Wahlkampf-Heilsversprechen.

Als Menschen müssen sie dabei ein zweites Mal sterben.

 

 

Brandmauer

Im Juli 2023 schließt Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview eine Zusammenarbeit mit der AFD auf kommunaler Ebene nicht aus.
Im September 2023 bringt die CDU mit Hilfe der Stimmen der AFD unter dem Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke und mit Hilfe der Stimmen der FDP ein Gesetz durch, das die Grunderwerbssteuer in Thüringen senkt. Der Antrag ist eine Woche vorher durch Abstimmung der CDU, FDP und AFD im Landtag überhaupt erst möglich.
Das Wort „Brandmauer“ grassiert. Auch unter CDU-Politiker*innen.

Es gibt keine Brandmauer.
Vielleicht hat es nie eine gegeben.
Es gibt nur eine Attrappe.
Aus Pappmaché.
Als verschiebbare Theaterkulisse.
Ab und zu gibt es kleine Veränderungen im Volkstheater-Stück. Dann muss jemand nach vorne und einen feigenblättrigen Distanzierungstext aufsagen. Je nach aktueller Situation gegen Antisemitismus, gegen Nazismus, gegen Fremdenfeindlichkeit. Um eine Distanzierung von faschistoidem Denken zu betonen.
Wo es vielleicht gar keine gibt.
Wo sie nur haltlos beharrend beschworen werden muss.

Machen wir uns nichts vor: Früher oder später wird die CDU auch offiziell eine Koalition mit der AFD bilden. Den Testlauf gibt es schon. In Bayern. Dort regiert eine Art CDU mit einer Art AFD. Und dort kann man gut studieren am Humpen-gesteuerten Bierzelt-Getöse, dass hier ein Beschwören von Distanzierung nicht nötig ist. So ein bisschen faschistoides Geschwätz, so ein bisschen antisemitisches Flugblatt in der Jugend, – ist ärgerlich – Kurzauftritt vor der Pappmaché-Kulisse –, kann man aber verschmerzen, wenn die Richtung stimmt. Und hinter vorgehaltenem Stirnlappen denkt man vielleicht grinsend: Hä, hä, ganz schön frech der Aiwanger-Hubert!

Ich fürchte, die Wahrheit ist leider: Die AFD hat sich längst als politischer Mitspieler etabliert. Sie hat sich in Manchem sogar schon durchgesetzt.

Sie hat die Dummheit, mindestens als Rede-Gestus, hoffähig gemacht. Inklusive des aus ihr erwachsenden schein-eloquenten Volksstimmen-Gestammels. Zum Beispiel, wenn der Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag behauptet, der Ausbau der Autobahnen sei „am Ende des Tages“ gut für den Klimaschutz, weil dann die Autos nicht mehr im Stau stünden und dabei sinnlos CO2 in die Luft bliesen. Oder wenn Politiker*innen immer häufiger vulgäre Formulierungen benutzen wie „die Schnauze voll“ oder „bekloppt“.
Sie hat hoffähig gemacht, biestigen, schlecht gelaunten Ärger ohne auch nur einen Hauch von Sprach-Besonnenheit, gerne garniert mit dem Konjunktiv II, vorzutragen, als wäre das schon ein tragfähiges Programm zur politischen Gestaltung dieser unendlich komplexen gesellschaftlichen Prozesse, die gerade im Gange sind bzw. bald im Gange sein werden.
Sie hat hoffähig gemacht, in bitterer Verallgemeinerung die gerade am schlechtesten angesehenen gesellschaftlichen Gruppen mit dem Begriff „die“ zu verunglimpfen und den Bild-Zeitungs-Mob auf sie zu hetzen. „Die“ da in Berlin, die nichts auf die Kette kriegen, die sich nur streiten, und dringend mehr Führung bräuchten, – um nicht zu sagen: einen echten Führer. „Die“ da, die „uns“ links-grün-versifft bevormunden wollen. „Die“ da, die sich in der Zahnarzt-Praxis die Zähne machen lassen, während „wir“ – das Gegenteil von „die“, also die Guten – keinen Termin kriegen.
Sie hat hoffähig gemacht, die Existenz von Verboten zu behaupten, wo gar keine sind. Um dann – die letzten Verteidiger der Freiheit! – gegen sie zu kämpfen. Es wird niemandem vorgeschrieben, das Gender-Sternchen zu benutzen. Es wird nur hin und wieder darauf hingewiesen, dass zwischen männlich und weiblich eben doch von vielen Menschen andere Schattierungen erfahren werden. Das ist einfach kein Verbot. Sondern eine Anregung. Eine Frage, ob wir unsere Sprache angesichts dieser Tatsache nicht toleranter gestalten könnten.
Sie hat hoffähig gemacht, jemandem, der nach Worten sucht, der differenziert versucht, komplexe Zusammenhänge zu erklären, vorzuwerfen, er schwafele herum. Es könne doch alles viel einfacher sein, wenn man dem „gesunden Menschenverstand“ folge. Dabei könnte man doch wissen, dass der „gesunde Menschenverstand“ – auch der eigene, trotzkopfdumm – manchmal nur sehr kurz springt, weil der Horizont direkt hinter dem Brett vor dem Kopf endet.
Sie hat hoffähig gemacht zu lügen. Um dann, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, so lange einfach immer wieder dasselbe zu behaupten, bis der Geruch der Lüge verflogen ist, weil die Medienmaschinerie zu anderen Aufregern weitergezogen ist. Oder aber – erwischt beim Lügen – sich selbst zum Opfer einer Kampagne zu stilisieren. Herr Merz behauptet, abgelehnte Asylbewerber bekämen „voll Heilfürsorge“ und ließen sich die Zähne machen und die Deutschen „nebendran“ bekämen gleichzeitig keine Termine. Das ist schlicht falsch. Abgelehnte Asylbewerber*innen bekommen keine „volle Heilfürsorge“, sondern nur eine Notversorgung. Als das aufgedeckt wird, tönt er, man müsse nicht gleich „Schnappatmung“ bekommen, wenn mal jemand Fakten zugespitzt zur Sprache bringe.

Man muss ihnen zuhören, – den Aiwangers und den anderen Ton-Nachahmern der AFD. Dann hat man sogar manchmal – ganz versteckt – kleine Momente von Heiterkeit, wenn sie sich verhaspeln. Wenn die Wörter sich wehren. Wenn sie der Wahrheit verpflichtete Eigenregie übernehmen. In der Rede unmittelbar nach seiner Nicht-Entlassung wegen eines von ihm als Jugendlicher verfassten, oder doch nicht oder nur vielleicht verfassten antisemitischen Hetz-Flugblattes, wettert Herr Aiwanger gegen alles Mögliche „Zeitgeistige“. Und dann sagt er:  „… dass wir für Meinungsvielfalt stehen, dass wir nicht zulassen, dass hier die Schlinge immer enger gezogen wird, dass in dieser – (kurzes Zögern) ja, vielleicht: vorgegebenen Meinung  –  immer mehr gesagt wird, was man nicht mehr tun, denken und sagen darf.“ Da spielt ihm die Sprache einen Streich. Das von ihm bekämpfte Verbot ist doch nur, – na ja, also … – „vielleicht“ eine „vorgegebene Meinung“.
Also keine vorgegebene.

[Screenvideo, Ansicht Youtube-Video, 26.10.2023]

Glaube, Liebe, Hoffnung

Die diversen „…gidas“, Wilders, Trump, Le Pen, Farage und der Brexit, die AFD, …, es scheint zu einer eleganten Selbstverständlichkeit geworden zu sein, die politische Kultur, die mit diesen und anderen Namen einhergeht, als postfaktisch zu bezeichnen. Bisweilen liest und hört man auch, das Zeitalter des Postfaktischen sei angebrochen.
Das nun würde implizieren, es habe ein „faktisches Zeitalter“ gegeben. Vorher. Geprägt von einer politischen Kultur der Orientierung an Fakten.
Unmittelbar fällt mir mein Vater ein. Seine beiden Lieblingssprüche, die mit schöner Regelmäßigkeit die rebellische Haltung des noch jungen Sohnes dämpfen sollten, waren:
„Du kannst ja nach drüben gehen, wenn es dir hier nicht passt.“ Und: „Wer mit 17 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 25 noch immer Kommunist ist, hat keinen Verstand.“
Da war sie wieder, die Keule „Verstand“. Wer die Fakten richtig „lese“, hieß das für mich, könne nicht solchen Träumereien wie dem Kommunismus folgen. Müsse sehen, wie es zugehe in der Welt. Die Fakten analysieren. Und das hieß immer: Den Status Quo akzeptieren und das Beste daraus machen. Für ihn waren Fakten so etwas, wie: Der Russe will den Westen einnehmen und deshalb brauchen wir die Freundschaft zu den USA und die Nato. Deshalb brauchten wir die Einführung der deutschen Bundeswehr. Das sagte ER, dem als 17-Jährigem ein Granatsplitter die halbe Flanke so zerrissen hatte, dass er das nur mit viel Glück überhaupt überlebt hatte. Das sagte auch der Vater meiner damaligen Freundin, dem in Russland beide Füße zur Hälfte abgefroren waren. Zerschossene Flanke, abgefrorene Füße, – denkbar konkrete Fakten. Könnte man meinen. Jedenfalls deutlich faktischer als die Vermutung, der „Russe“ würde sofort in die BRD einmarschieren, wenn er die Möglichkeit eines Sieges sähe.
Es gab noch viele andere solcher „Fakten“, z.B. dass ein Lehrer, der mir wieder mal buchstäblich die Ohren lang gezogen hatte, sicher gute Gründe dafür hatte.
Die sogenannten Fakten sprachen für den größten Teil der Politiker in den 80er Jahren eindeutig für die Sinnhaftigkeit einer forcierten Förderung der Atomkraft. Heute sprechen die sogenannten Fakten selbst für die CDU eindeutig für das Gegenteil. Einen mit Fukushima vergleichbaren vielleicht sogar noch „faktischeren“ Fakt gab es 1986 in Tschernobyl. Dieses Ereignis war aber offenbar noch nicht faktisch genug, um darauf konkret politisch so zu reagieren wie später nach Fukushima.
Mir drängt sich der Gedanke auf, dass das Postfaktische mit solcher sich selbst davon abgrenzenden scheinbar wissenden Eleganz so sehr in den Vordergrund gestellt wird, um schon damit unter Beweis zu stellen, dass aktuelle Politik jenseits von Pegida und Konsorten faktisch orientiert sei.
Und der Gedanke, dass das angeblich Faktische schon immer nicht so faktisch war, wie es daher kam. Dass im Gegenteil die etablierte sogenannte Demokratie und die einflussreichen Akteure in ihr immer perfekter darin geworden sind, ihr Handeln mit sogenannten Fakten scheinbar zu begründen. Und eigentlich immer zum Nachteil derer, deren faktisches Leben nicht gerade gut aufgehoben war und ist in den daraus folgenden Entscheidungen. Natürlich waren es die Fakten, die die Agenda 2010 gebaren, natürlich waren es die Fakten, die die Rettung der systemrelevanten Banken notwendig machten. Natürlich sollen es Fakten sein, die eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen erzwingen.
Ich empfinde bitteren Überdruss daran. Ich empfinde Überdruss an diesem Schmuddelspiel. Überdruss an dieser Art von Erosion des demokratischen Gedankens. Überdruss daran, dass Lobbyisten Gesetzestexte schreiben, die danach demokratisch entschieden und dann mit den und den Fakten „verkauft“ werden. Was sind das für Fakten, die seit mehr als fast 40 Jahren Krieg in Afghanistan begründen? Immer wieder aufs Neue und in neuen Wendungen, aber: Krieg. Menschen sterben. Massenhaft. Und immer wieder und aufs Neue ohne das am Anfang faktisch imaginierte friedliche Ergebnis. Die Fakten sprechen ja eine klare Sprache: Krieg. Seit 40 Jahren.
Fakt: Soziale Ungerechtigkeit des Bildungssystem, – seit weiß der Henker wieviel Jahren …
Fakt: Ausrottung von Tieren. Fakt: Ein von der EU nach Namibia exportiertes Huhn ist billiger als eines, das dort gelebt hat. Fakt: Jede SMS, die ich schreibe, ist bezahlt mit dem Blut derer, die für die Gewinnung der Rohstoffe für mein Handy rigoros ausgebeutet werden. Fakt: Scheiß auf den Klimawandel, wenn Vatti im SUV trotzkopfdumm am Morgen im Winter vor der Bäckerei mal eben den Wagen laufen lässt, damit er schön warm bleibt. Offenbar aber alles Fakten, die nicht faktisch genug sind.
Der Durchmesser eines Moleküls vom Molekül vom Molekül lässt sich heute auf drei Stellen hinter dem Komma genau berechnen, aber offenbar nicht, ob die Maut nun so und so viel oder so und so viel oder womöglich sogar gar nix einbringt.
Ja, – Überdruss ist das, was ich empfinde. Und fast schäme ich mich ein bisschen, wenn ich weiter denke und mir vorstelle, dass es vielleicht sogar ein ähnlicher Überdruss ist, der die Anhänger der Le Pens und der Gaulands (was für ein Name!) und der Orbans ebendiese auf beängstigend gute Wahlergebnisse oder sogar in Wahlsiege schiebt.
Ein Gefühl schon seit Nineeleven. Dass nämlich die von der erodierten Demokratie der Nestles, der Krauss-Maffei Wegmanns, der Exons, der Lehmanns, der McDonalds Verratenen aufstehen und wild verzweifelt dieser erodierten Demokratie etwas entgegenzusetzen versuchen, – hier, im sogenannten freien Westen, wie dort im sogenannten nahen Osten: Den Glauben an etwas Besseres als die sogenannte Welt der Fakten. Den Glauben an Ideale. Die Hoffnung auf eine bessere Welt. Nichts weniger. Und wenn schon nicht hier, dann wenigstens im Paradies. Und wenn schon nicht überall, dann wenigstens bei uns.
Vielleicht ist es am Anfang, so gedacht, sogar – zynisch genug!  – ein verständlicher Impuls, den sogenannten freien Medien nicht mehr vertrauen zu wollen. Wie auch ich es nicht mehr getan habe seit Nineelven. Da nämlich begann, dass ich von eben diesen freien faktenorientierten Medien bombardiert wurde mit Bilden des hässlichen Islam. Hysterische Langbärtige, die Fahnen verbrennen, arabisch in Mikrofone brüllen, lächerliche weiße Nachthemden tragen. Und mitteilen sollen: Ich, der ich das sehe, bin vernünftig, faktisch, besonnen, friedlich. Die da sind unvernünftig, religiös fanatisch, verirrt, brutal. Ist es am Ende nur eine verzweifelte Behauptung der sogenannten freien Medien? Wir sind faktisch und der Wahrheit verpflichtet, – die da nicht. Wir geißeln das Postfaktische um unsere Arbeit als faktisch und der Wahrheit verpflichtet aussehen lassen zu können.
Kürzlich sitze ich mit meinen Tenniskumpels beim Bier danach. Im Hintergrund läuft die Verabschiedung des Präsidenten Gauck. Gebührend beweihräuchert. Ich wende mich ab mit dem Satz: „Oh Gott, den ertrag ich nicht.“ „Wieso?“, staunen mich die Kumpels mit runden Gesichtern an. Ich schimpfe – ganz „postfaktisch“ – über seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz von, – war das 2015? Wo er mit salbungsvoll pastoralen Worten Europa und Deutschland daran erinnert, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen in der Welt. Auch militärisch.
Darauf entspinnt sich eine Diskussion. Na ja, es stimme ja schließlich, dass die Europäer sich immer von den Amerikanern auf den Schlachtfeldern dieser Welt verteidigen ließen. Dass diese Europäer nur bescheidene Beiträge leisteten – oder auch gar keine. Dass sie aber eben noch weit entfernt seien von den einmal von der Nato beschlossenen 2% Anteil am Bruttosozialprodukt, die für Rüstung auszugeben wären. Von daher sei es doch verständlich, …
Das kann ich alles, sage ich, nicht beurteilen und habe dazu auch keine Meinung. Was ich aber weiß, sage ich, ist, dass dieser Präsident verschweigt, was sein Aufruf letztlich heißt, nämlich junge Menschen in den Tod zu schicken. Hier wie dort. Du … tot. Und Du … tot. Und Dein Sohn … tot. Und dieses Verschweigen, zumal von einem ehemaligen Pastor, der Freiheit und Mitmenschlichkeit predigt, das hasse ich.
Die Gesichter werden noch runder. Ähneln zunehmend dem von meinem Vater. Sie sagen es nicht, aber sie senden es: Mein Gott, bist du naiv.
Da ist sie wieder, die sogenannte nicht postfaktische Mechanik. Ein Wüterich in den USA, an die Macht gespült vom sogenannten Postfaktischen infiziert die Welt mit dieser Zahl. 2%. Und schon wird damit von Politiker/-innen, wie von Tennis-Kumpels scheinbar faktisch argumentiert.
Ich weiß damit kaum umzugehen. Vielleicht am ehesten so:
Dass ich um Ideale werbe, um Mitmenschlichkeit, um Wahrheit, um Empathie und Aufmerksamkeit für das Leid, wo und wie auch immer es sich mir zeigt. Nicht um eine scheinbar faktisch belegte, glatte, kaum bezweifelbare, eingemauerte Wahrheit. Nein, um eine, die den Zweifel atmet, die Bitte um Mit-Denken, das Eingestehen des Nicht-Wissens, den Versuchscharakter.
„Glaube, Liebe, Hoffnung“ kommt mir in den Sinn, – mir! Der aus der Kirche vor langer Zeit ausgetreten ist!
Und dann träume ich von einer Bewegung der Menschenfreunde. Sie müsste nur leider anders heißen, weil man das so schlecht abkürzen kann.

Angenommen, Leif-Erik Holm, der Spitzen-Kandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, der als Gewinner der Landtagswahl am Morgen danach im Morgenmagazin auf WDR 5 interviewt wird, – angenommen dieser Kandidat hat nicht die halbe Nacht Kreide gefressen, damit ihm bloß nicht das rausrutscht, was die AfD so viele Stimmen hat gewinnen lassen. Angenommen, dass dieser Kandidat nicht zynisch genug ist, genau das in seinem öffentlichen Radio-Reden wegzulassen, wovon er weiß, dass es ekelig ist: Hetze gegen Islam, Hetze gegen die Bundeskanzlerin, die schuld an der Flüchtlingsflut ist, Hetze gegen Schwule, Hetze gegen die Lügenpresse. Angenommen also, Herr Holm meinte ernst, was er sagte, nämlich, dass die AfD ihren nunmehr gewachsenen Einfluss für eine bessere Landespolitik nutzen wolle. Angenommen er will tatsächlich dazu beitragen, dass, wie er in diesem Interview sagt, Familien gefördert werden, dass die Ansiedelung von Betrieben in MV forciert wird, dass mehr dafür getan wird, dass nicht so viele junge Menschen aus MV abwandern und das Land vergreist, dass mehr für die Bildung in MV getan wird.
Das alles angenommen, dann: Respekt! So konsequent hat noch keine der sogenannten Protestparteien daran gearbeitet, den Anspruch, dereinst eben nicht politisch vollgefressen im Sumpf der sogenannten etablierten Parteien zu landen, auch in die Tat umzusetzen. Sich nicht vom Virus der Macht anstecken zu lassen. Denn: Etwas dafür tun, dass mehr junge Menschen in MV bleiben, die Klientel also, bei denen der Anteil an AfD-Wählern am geringsten ist. Und dann auch noch etwas für die Bildung zu tun, was, je mehr man im Besitz von ihr ist, die Neigung AfD zu wählen erwiesenermaßen auch nicht gerade steigen lässt. Wenn das alles so ist. Respekt! Die AfD arbeitet vom Morgen nach der Wahl an konsequent daran, sich selbst wieder überflüssig zu machen.
Unglücklicherweise habe ich aber auch ein paar Nebensätze gehört, die den Verdacht nahelegen, dass die Annahme unsinnig ist.
Wahrscheinlich also doch: Kreide.

AFD

Meine Fresse
Mein Land
Meine Frau
Meine Stadt
Mein Vaterland
Mein Volk
Mein Gott
Mein Eid
Mein Kampf
Mein Atomkraftwerk
Meine Prügelstrafe
Mein Gott
Vermeintes Gelände.