Tag 27

Wie ist der Stand
In Anderland?

Meine Mutter ist dement. Sie lebt in Anderland. Ihr Aufenthaltsort ist ein Altenheim.
Ich rufe dort an, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Frau, die gerade am Telefon sitzt, schildert mir ausführlich, wie es meiner Mutter geht. Wie sie isst oder nicht isst, trinkt oder nicht trinkt, reagiert oder nicht reagiert, ab und zu etwas sagt oder nicht, … es gibt keinen Grund zur Besorgnis.
Doch, gibt es, gestehe ich, – mir und ihr. Besorgnis um mich: Wenn ich sie nach Wochen zum ersten Mal wieder sehe, wird sie dann, wie üblich, meinen Namen zwar nicht mehr wissen, aber strahlen?
Oder wird dieser Rest Kontakt, den ich noch leicht verstehe, auch weg sein?
Die Pflegerin berichtet mir, dass sie alle, die dort arbeiten, den Menschen, die noch regelmäßig Besuch bekommen, regelmäßig Fotos von diesen Personen zeigen und mit diesem alten Menschen dann über diese Person sprechen würden. Zum Glück hänge ja auch von mir griffbereit ein Foto im Raum. Wenn sie es meiner Mutter zeige, lache sie immer. Wenn sie sie dann frage, ob sie wüsste, wer das sei, sage sie mit dem Wunsch, möglichst überzeugend zu wirken, damit bloß keine weitere Frage komme: „Natürlich!“ Ich kann mir diesen etwas künstlich erwachsenen tiefen Stimmsitz, den meine Mutter dann hat, sofort lebhaft vorstellen.
Und dann würden sie immer ein wenig über mich sprechen.
Wie meine Mutter reagiere, wenn ich dann irgendwann nach Wochen sie wieder besuche dürfe, wisse sie aber trotzdem nicht.
Aber ich solle mir keine Sorgen machen. „Sie wissen doch: Das Gehirn mag dement werden. Das Herz wird es nicht.“

Ich besuche wie jeden Donnerstag meine Mutter im Altenheim. Als ich durch die erste Tür bin, stehe ich in der Halle, die ich sonst einfach nur durchquere, mitten in einer Veranstaltung. Die alten Leute sind alle versammelt. Vorne auf einer angedeuteten Bühne steht ein älterer Herr, der alte Schlager singt. Seine noch dichten weißen Haare, sein dezenter Schick, sein geübter Ton im Umgang mit dem Publikum. Er macht das nicht zum ersten Mal. Meine Mutter mitten im Publikum. Sie ist, wie viele hier, schon sehr weit entschwunden ins Land des Vergessens. Die Frauen und Männer, viele von ihnen in Rollstühlen, sind eingeladen mitzusingen. Sie tun es auch. Auch meine Mutter. Immer wieder blubbern Fragmente von Silben und Tönen aus ihren Mündern. Klingende Seifenblasen, die einen Moment durch den Raum schweben und dann versiegen.
Dann stimmt er dies an:

Am Abend wollen wir noch auf ein Glas Wein ins Städtchen. Schon von Weitem hören wir vom Markplatz Fetzen von Musik und  verwehtes Stimmengewirr. Als wir da sind, erleben wir eine feiernde Menschenmenge. Eine Bühne ist aufgebaut. Auf ihr eine Band. Ein Frontmann. Aufgemacht. Irgendwas zwischen Rex Gildo und Hardrockstar. Rechts von ihm zwei Tanzmäuschen. Mit hautengen Glitzer-dresses. Sehr weit ausgeschnitten. Sehr, sehr weit. Sehr kurze Hosen. Sehr, sehr kurz. Rhythmisch bewegte Titten und Ärsche. Auf demselben Platz, auf dem noch vor ein paar Wochen Hunderte von Menschen vor der Kirche standen und schweigend dem Trauergottesdienst um die Schülerinnen und Schüler folgten, die bei dem Flugzeug-Unglück zums Leben gekommen waren.
Jetzt aber bellt der Frontmann: „Ich will Haltern feiern sehen!! Ich will die Hände oben sehen!! Ich will Euch hören!!“ Es gelingt. Er ist sichtbar zufrieden. Mit dem ganzen Markplatz singt er „Atemlos durch die Nacht“.