Drachentöterchen

Wolf Biermann, ich habe das Interview mit Dir gelesen. In der „Zeit“. Also – ich habe angefangen. Und war genervt (milde gesagt). Und dachte: Ich muss Dir antworten. Und da ich das seriös machen wollte, musste ich es auch noch zuende lesen. Und auch noch mehrmals. Diesen Oberlehrer-Blödsinn.

Mein Gott, Wölfi, bist Du eitel. Und wie Du unbeirrt den Besserwisser gibst, der die Weisheit mit Schöpfkellen gefressen hat. Und nicht merkst, dass es die sind aus der Puppenstube. Genauso wie der Drachen der Firma Schleich, den Du gar nicht töten musst. Er war ja nie lebendig. Du Drachentöterchen.
Wie Du selbstgefällig auf Dein Werk schaust, jede Gelegenheit nutzt, Dich selbst zu zitieren, sogar larmoyant ein bisschen billige scheinbare Selbstkritik einwebst, die beim zweiten Hinhören auch nur Selbstbeweihräucherung ist.  Du fändest Dein Lied „Mein Junge, du fragst mich …“ heute, sagst Du, zum Kotzen. Wolf! „Kotzen“- das war mal irgendwie aufmüpfiger Berliner Hinterhof-Gestus als Gegenpart zum Elfenbein-Jargon. Heute ist das RTL 2. Schon mitgekriegt? Du fändest, sagst Du, das Lied zum Kotzen, hättest es aber trotzdem in deine Sammlung „Alle Lieder“ aufgenommen. Ja, wie denn auch nicht, hallo??!!, sie heißt ja „alle Lieder“. Und dann verkauft Du uns selbst diese Selbstverständlichkeit noch als wohlmeinenden pädagogischen Akt. Der geneigte Leser solle sehen, dass der Drachentöter Wölfilein auch nicht immer ein Drachentöter gewesen sei. Und brav soll man ergänzen: Und heute aber einer ist. Und ein Rebell. Mensch Biermännchen, das ist autoritärer Katheder-Blödsinn. Sonst nix.

Und wie Du altväterlich ironisch Greta Thunberg „Menschheitsretterin“ nennt, um gleich danach auf pubertäre Schwärmerei zurückzuschneiden, indem Du einen Pubertätsschwank aus Deinem Leben erzählst, den, wo Du als Junge einen Ladenbesitzer frech darauf aufmerksam gemacht habest, dass man doch so kurz nach dem Krieg kein Kriegsspielzeug verkaufen dürfe. Wenn die Geschichte mann überhaupt so stimmt. Aber sie soll eben zeigen, dass Du schon als Kind der mutige Rebell warst, und Greta nur die von Dir ironisierte Selbstüberschätzerin ist. Ach, Wolle!!

Und wie Du auch die Gelegenheit nutzt nochmal kundzutun, was eh alle wissen, dass Dein Vater in Ausschwitz ermordet wurde. Ein doppelter Märtyrer. Jude und Kommunist. Kann man als linker Elfenbein-Moralist bessere Gene haben? So träufelt das auf mich herab, wenn Du es so grundlos nochmal erwähnt. Und verätzt mir mein linkes Gemüt, das sich so oft an Dir gewärmt hat. Doof genug, ja, und irrational, ja, aber Du hast das Gesöff doch auch gesoffen.

Am Ende aber, Wölfchen, wird es richtig unangenehm.

Dass Du so tust, als müssest Du jetzt, wie damals als Kind, wieder Krieg erleiden, – das riecht nun doch ein bisschen streng altherrisch. Und stinkt nach Legende. Die Du jetzt schon lieber selber schreibst, bevor es die Nachwelt dann womöglich falsch macht. Es schließe sich jetzt ein Lebenskreis. So steht das in billigen Beweihräucherungs-Biografien. Du seist aus dem Krieg gekommen, und fändest Dich jetzt dort wieder. Was für ein Quatsch! Immerhin bist du doch gerade noch ohne Angst draußen gewesen. Apfel pflücken. Hätte Eva ihn doch bloß schnell weggezogen! Das schnallst Du natürlich. So doof bist Du nun wieder nicht. Und schickst – ganz der schnellgeistige Streber – noch schnell hinterher, dass der Krieg natürlich 1000 Kilometer weit weg sei, aber dank des allgegenwärtigen Sirenengeheuls der Medien dann doch ganz nah. Nee, Wolf!, diese Logik funktioniert nicht. Das Blut, das aus der Glotze trieft, ist Kunstblut. Auch wenn es echt ist. Versteße?!

Und wie Du Dich dauernd selber mit Ruhm bekleckerst.

„Ich muss so viel wie möglich sehen, hören und tiefer begreifen.“ Tiefer als wer? Nein, Red dich jetzt nicht raus.  So in der Art „…poetisch gemeint…tiefer als auf den ersten Blick“. Würde immer noch bedeuten. Du kannst. Andere nicht. Wer weiß, vielleicht bildest Du dir nur tiefer ein, Du könntest. Poetisch gemeint.

Und: „Ich musste gelegentlich etwas mutiger sein als andere …“ Oder „…Melancholie. Sie ist der Überlebenskampf, den ein kluges Herz wagen muss…“.
Und (auf die – ziemlich dämliche – Frage, ob Du kriegerisch seiest): „ … streitbar, aber ich bin zugleich sanfter als andere Leute.“

Und dann zitierst Du Dich wieder mal selbst und dann auch noch den Text, der dir Gelegenheit gibt, nonchalant so ganz nebenbei zu erwähnen, dass Du diesen Text mal Angela Merkel vorgelesen hättest. Wow! Wowwi! Du hast in dasselbe Kissen gepupst wie die Bundeskanzlerin und erlaubst Dir – ganz der wohlmeinend auf die Schülerin herabblickende Oberlehrer – sie „Christenkind“ zu nennen.

Und Deine Bonmots: „Zu kurz gedacht und zu lang gefühlt“, Petrarca, ick hör dir trapsen. (Ja, Wolf, ich kann das auch, dieses Belesenheits-Getue.)

Und: Du nennst Precht und Welzer „Second-Hand-Kriegsverbrecher“. Statt dauernd den Poeten zu spielen, könntest du mal erklären. Es reicht nicht, wortgewaltig abzukanzeln, Wolfgang. Kleine Erinnerung: Kriegsverbrecher sind brutale Folterer. Diese Metapher findest Du also angemessen gegenüber Precht und Wälzer?!? Übrigens: Auch Du musst schon lesen, und nochmal lesen, und zuhören, Dich auseinandersetzen, meinetwegen „tiefer“ denken und dann den Versuch machen, Deine Gedanken aufzufächern, nachvollziehbar zu machen, und zwar so, dass man versteht: Es ist ein Versuch.

Als Du im Bundestag aufgetreten bist und Dich im Glanz der Macht gesonnt hast, da hast Du mich noch richtig geärgert. Ich hab Dir damals sogar ein Gedicht geschrieben. (Ich zitier das jetzt nicht.) Heißt: Ich hab Dich doch irgendwie noch ernst genommen. Jetzt entwickle ich langsam Gefühle, die denen ähnlich sind, die ich meinen alten Eltern entgegenbrachte. Nur: Die hatte ich dann doch irgendwie gern, auch wenn sie den größten Scheiß erzählten. Man hatte ja nur die.
Aber Dich? Du Schaf im Wolfspelz?

Biermann spielt im Bundestag

Wortgewalt-tätiger Drachentöter

Ein Drachentöter möcht‘ er gerne sein gewesen.
Der ausgestreckte Zeigefinger war wohl dann sein Schwert.
Von diesen hier und jenen da ins Heldentum hineinverehrt,
(Von jenen feindeshalber halt verkehrt
Herum), wollt‘ er am Ende nur Leviten lesen.

Das zeigt: Ein einig Vaterland schon vor der Wende!
Der Lehrer hebt im Wohlgefühl des Besserwissens seine Hände.
Er unterweist vom Pult das Pack.
War hier wie da nichts als autoritärer alter Sack.

Youtube: Wolf Biermann gibt dem Bundestag die Ehre

Der netteste Moment am Ende.
Kanzlerin und Vizekanzler machen Biermann Ihre Aufwartung. Und der Spitzbube Lammert – hat er intuitiv gespürt, was hier schiefläuft? – sagt:

„Also, das war jetzt nicht Kanzlerwahl mit den üblichen Gratulationskuren am Präsidentenpult“.

Vorher singt Biermann eine alte Kamelle. Empfiehlt den Abgeordneten, die mit wohlaufgesetztem „Achtung!-Kunst“-Blick dem selbsternannten Drachentöter zuhören wie Abiturienten in der teuren Privatschule dem Schulleiter bei der Zeugnisverleihung: „Du lass dich nicht verhärten“.
Zuerst sagt er, was ein Lehrer immer als erstes sagt: „So“. Übersetzt: Jetzt wird mir zugehört.
Sagt es und glotzt danach ab und zu selbstherrlich in die Runde. Am Anfang gleich. Virtuoses Geklimper als Einleitung. Scheinbedeutsame klingende Belanglosigkeit. Dann ein musikalisches Zitat seiner selbst. Er kontrolliert, ob auch alle brav zuhören, die Botschaft verstehen, das Lied erkennen. Man würde sich nicht wundern, wenn er plötzlich unterbrechen und rufen würde: „Trittin! – Was hab ich gerade gespielt?“ Trittin schreckt auf! Er weiß es nicht. „Setzen! 6!“
Kündigt an, den Linken nicht die Leviten zu lesen, wie es die Rechten natürlich erwarten. Und tut es dann doch. Na klar. Im deutschen Bundestag! Als ob da nicht schon andere tagtäglich ihr klägliches Mütchen kühlen am traurigen Rest einer irgendwann einmal utopischen gesellschaftlichen Vision.
Wohlgemerkt: Dem Rest einer Utopie im Westen dieses Landes.
Wenn schon Grüne sich eine „aktivere Rolle“, sprich: eine „bewaffnete Rolle“ der Deutschen an den Kriegsschauplätzen dieser Welt vorstellen, dann ist der traurige Rest des „demokratischen“ „Sozialissimus“ in der DDR – will man sagen: leider? – eben auch der traurige Rest jener linken gesellschaftlichen Vision im Westen, … ja, liebe Kinder, das gab es mal. (Zwinker!)
Diesem traurigen Rest liest er dann doch die Leviten. Stürzt sich in Scharmützel mit Zwischenrufern aus der Fraktion der Linken. Die sind doof genug, ihm diese Gelegenheit auch zu bieten. Anstatt, wie man das bei einschlägigen Gelegenheiten als braver Privatschul-Abiturient eben macht, einfach die Schnauze zu halten. Nein, sie wehren sich. Wissen sie nicht, dass sie es mit dem Schulleiter zu tun haben? Trotzig weisen sie darauf hin, dass sie doch aber demokratisch gewählt seien. Und kriegen natürlich vom Oberlehrer gleich mit dem Hinweis auf die Geschichte – ah: Geschichtslehrer… – was auf die Fresse. „Sei nicht zu clever!“, raunzt er dem aufmüpfigen Pennäler entgegen.
Um dann – endlich – doch Gnade vor Recht ergehen zu lassen und dem Auditorium das Lied vom Verhärten zu schenken.
Ich hab ihn gemocht. Sehr sogar. Ein bisschen schäme ich mich jetzt vor mir. Hatte er immer schon diese autoritäre Pose? Diesen Schimmer von Künstler-upperclass, ja, aber dieses Elfenbein-Kerker-Belehrende? Bin ich darauf einfach reingefallen? Oder war ich eingeschüchtert? Hab ich ihm lieber geglaubt, als ihm zuzuhören?
„Ich weiß ja, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär“, sagt er. Im deutschen Bundestag. Wo er gerade sitzt und seine geschichtsgeschwängerte Prominenz ausbreitet.
Er hätte doch auch „Nein“ sagen können. Nein, hätte er nicht. Ein echter Oberlehrer sagt nicht „Nein“, wenn er mal den Schulleiter vertreten darf.

So ist das ja wohl zu verstehen, wenn er am Ende die große „Wie-schön-dass-wir-jetzt-alle-in-der-Demokratie-leben-Sülze“ verteilt. Mit Erfolg. Denn Kanzlerin und Vizekanzler verlassen ihre Sessel und gehen zu ihm hin. Nicht er zu ihnen. Und kondolieren.
Hat Lammert das alles gespürt, als er sagte: [s.o.]?