29. August 2018

(Castellammare di Stabia)

Als wir uns in den frühen Morgenstunden wieder auf den Weg machen, schauen wir erst wieder mehr zurück als nach vorn. Der Morgendunst hat die Aragoner-Burg auf Ischia, die wir gestern erleben durften, sanft eingehüllt, als wolle er sie vor dem scharfkantigen Tun des hellichten Tages schützen. Fast bin ich froh, dass ich schreibe und Fotos mache. Sonst könnte dieses Heiligtum sich womöglich selbst aus profaner Erinnerung tilgen, um sich zu schützen.
Je mehr die Burg sich im Hintergrund versteckt, um so klarer werden die Konturen von Castellammare di Stabia. Und umso klarer wird, dass wir uns dem Gegenentwurf zur Idylle nähern, aus der wir kommen. Große Gebäude, Werfthallen, Kräne, dichte Bebauung. Aus 5 Meilen Entfernung noch beeindruckend. Mit jeder Meile, die wir näher kommen, sehen wir deutlicher: marode Melancholie. Offenbar segeln wir gerade in die Città von der traurigen Gestalt. Dass es irgendwie passend ist, dass hier unser Schiff vier Tage liegen wird, wenn wir zur Beerdigung meines Vaters aufbrechen, – diesen Gedanken haben wir und finden ihn kitschig. Umgekehrt romantisch. Eigentlich Blödsinn. Aber er stimmt ja doch auch.
Der Mann, der uns am Steg empfängt und einweist, passt zu dieser Melancholie. Auf schöne Art. Er ist ernst. Schweigsam. Sucht Blickkontakt mit einem Hauch von Lächeln. Er ist vielleicht 50-55 Jahre alt. Sein Gesicht erzählt von Schmerz, aus dem er aufgetaucht ist. Sein Hund, der wie ein treuer Stegbegleiter ihm folgt, hat ihm bestimmt dabei geholfen.
Wir zwei traurige Gestalten durchstreifen diese Stadt ein wenig. Diese Art von Bewegen kennen wir nicht. Es ist kein Besichtigen, kein Schlendern, kein Flanieren. Es ist ein hilflos schwimmendes Treiben. Wie zwei alte Stücke Holz in brackigem Hafenwasser mal hier, mal da hin schwappen. Vor die Reste eines Festmachers an einem verrosteten Ring und von da wieder zurückgeschubst. Diese Stadt hat es nicht verdient, besichtigt zu werden. Sie hat Besseres verdient. Respektvolle Begegnungsversuche. Vorsichtiges Betrachten der Narben. Noch vorsichtigeres Betrachten der Stellen, die noch davor sind Narben zu sein. Große, rissige Löcher im Putz der Basilika.

Castellammare die stabia Basilika

Castellammare di Stabia Basiklika Heiligenfigur

Castellammare di Stabia Basilika Leuchter

Außen und innen.

 

Castellammare di Stabia alte Landungsbrücke

Hohläugige Reste alter Landungsbrücken. Boote, die die Seele schon verkauft haben und mutlos in alten Seilen hängen. Straßenbahnschienen, die im Asphalt enden und zu nichts dienen, als von Zeiten zu erzählen, in denen man hierhin wollte. Zierlose Kübel, in denen selbst das Unkraut vertrocknet ist. Große Wohnhäuser mit Balkongittern aus Rost, in denen sich das leise Wimmern der noch verbliebenen Putzreste mischt mit Kinderkichern, Radioschrebbeln, Prontorufen, Platzlachern, Lustschimpfen. In der verfallenden Basilika zünden wir zwei Kerzen an. Das heißt hier: Wir legen einen kleinen Kippschalter um und zwei schräg dahinter liegende Birnen auf Stümpfen im Kerzenlook glimmen auf.
Mir fällt eine Szene aus Nettuno wieder ein. Noch recht früh am Morgen saßen wir im Cockpit. Dann ein Motorengeräusch. Wir drehten uns um. Eine xhundert-PS-Schwanzverlängerung mit aggressiv vorgestrecktem Bug bubberte gerade frisch geputzt aus dem Hafen. Am Steuerrad ein Rolex-Glatzkopf, leicht vorgebeugt. Nestelte am Handy. Wahrscheinlich wollte er vor der Arbeit noch mal schnell raus, – `ne Runde Meer ficken. Kurz nach ihm in umgekehrter Richtung: Ein Fischer kehrte heim von der Arbeit. Er stand auf seinem kleinen Kutter, trug noch die alte verdreckte Ölhose, die ihm bis zur Brust reicht und die ihn wie immer davor geschützt hatte, beim Einholen der Netze klatschnass zu werden. Genau auf unserer Höhe drehte er sich zur Kirche, bekreuzigte sich und drehte sich wieder zurück. Wir winkten ihm mit kleiner Bewegung. Er winkte zurück.

Castellammare di Stabia herumliegende Gegenstände

Wir wollen beim Herumstreifen auch nach einem Supermarkt gucken. Wir sehen keinen. Also wollen wir fragen. Aber selbst das ist schwierig. Kaum jemand ist zu sehen. Dann doch eine Dame, die ihren Hund ausführt. Ja, sie kenne einen Supermarkt, nicht sehr weit weg, bezweifle aber, dass er jetzt schon auf sei. Es ist 5 Uhr nachmittags. Aha, die Grenze zwischen Mediterranien und Mezzogiorno verläuft also irgendwo zwischen Ischia und Castellammare di Stabia. Immerhin erfahren wir den Namen des Hundes: Maccenuto. Die Dame spricht ihn häufiger an. Als wäre er Teil unserer Konversationsrunde.
Wir trudeln in eine Bar. Sie ist schmucklos, kühl, sachlich. Längs durch den schmalen Raum hindurch eine Theke. Am Anfang ein Zigarettenregal, dann die Kaffeemaschine. Dahinter rechts der sinnlos vor sich hin dudelnde Fernseher. Eine Vitrine mit drei heimatlosen Cornetti. Ein Stückchen weiter ein offenes Hinterzimmer mit Spielautomaten, Daddelkisten, die regelmäßig kleine Lockmelodien in die Bar kullern lassen. Suchtbude. Der Espresso-Mann ein smarter, schick frisierter, bodygebildeter, muss noch erwähnt werden: tätowierter? Mann. Seine Bewegungen haben lustvollen Schwung. Jede Geste Teil eines Tanzes. Wie der Ellenbogen ausschwingt, wenn der Arm den Kaffeepulver-Träger am Griff über einen Widerstand hinweg zum Einrasten bringt. Wie die Finger zielsicher zum Stapel der schweren Tässchen schwirren und eine von ihnen unter den doppelläufigen Ausfluss fliegen lassen. Der Espressotango des Kaffeemachers scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein zu der maladen Stadt. Am Abend aber, als die Menschen ins bunt beleuchtete Dunkel mit buntem Glimmer-Zuckerguss schwirren, essen, plappern, lachen, verstehen wir: Der Espressotango war ein kleines Vorspiel zum abends erwachenden Leben hier. Eine sterbenslebendige Stadt verschluckt zwei lächelnd ratlose Touristen von der traurigen Gestalt.
Die sich die Frage nicht mehr stellen, ob sie sich diesen Reise-Gewaltakt Flug-Leihwagen-Hotel-Beerdigung-Auto-Rückflug wirklich antun wollen. Denn die Antwort war ja schon tausendmal und überzeugt: Ja. Dass wir die Frage trotzdem immer wieder von neuem stellen, ist Angst. Und dass wir sie immer mit Ja beantworten, ist richtig. Wahrscheinlich gerade wegen der Angst.

30. August 2018

(Castellamare di Stabia – Napoli – Frankfurt – Künzelsau)

Wir brechen auf zu unserer riesenkleinen Trauerprozession.

Bordkarte Neapel

Ich glaube, ich habe das Starten eines Flugzeuges, bei dem ich immer schon überbordende Angst habe, noch nie so sehr als brachialen Gewaltakt empfunden.
Der Versuch, das, was in diesen zwei Tagen geschieht, zu beschreiben, kommt mir vor wie Blasphemie gegenüber der heiligen Wirklichkeit von Leben und Sterben. Es gibt das. Das muss reichen. Worte machen kleiner. Denke ich.

Todesanzeige

 

01. September 2018

(Künzelsau – Düsseldorf – Napoli – Castellammare di Stabia)

Als wir wieder zurück sind von der Beerdigung meines Vaters, schreibe ich nur ein paar Stichworte in mein Logbuch. Die Momente, in denen mein Weinen Anker geworfen hat, auf dass es zurückkehren könne. Und nicht in Vergessenheit gerate.
Da ist ein Pfarrer chinesischer Herkunft. Klein. Mit heller Stimme. Es ist am Anfang schwer ihn zu verstehen. Mein Vater wird zu Grabe getragen. Dies ist seine Messfeier. Und ich verstehe den Pfarrer nicht. Irritation. Dann gewöhne ich mich und verstehe. Und mag sehr, was der Pfarrer sagt. Seine kleine Rede zu Ehren meines Vaters hangelt sich entlang am Text eines Liedes von Martin Gotthard Schneider: Kommt der Tod ins Nachbarhaus. Der Pfarrer spricht überzeugt, leise, hell, wach. Ich fühle den Tod und das Leben meines Vaters wirklich gewürdigt. Das hilft meiner Trauer.
Da ist die Bitte des Pfarrers, jemand möge ihn mitnehmen zum Friedhof. Er würde den Weg nicht kennen. Diese lächelnde Offenheit. So ist das im Leben: Dass man manchmal den Weg nicht kennt. Sogar dann, wenn alle Welt glaubt, man müsste ihn kennen.
Da ist des Pfarrers Wunsch für meinen Vater: Gott möge alle Schuld von ihm nehmen und ihm den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. „Schuld“, „Frieden“. Diese Worte treffen mich so sehr, dass ich intuitiv weiß: Sie werden mich noch lange weiter begleiten.
Da ist das Klappern der sehr alt gewordenen Tasten der Orgel. Auch eine Art Arthrose. Das Klappern, das dem traurig schönen Choralvorspiel „Jesus bleibet meine Freude“ die Schönheit des Alterns beifügt.

Da ist die Vase unter seinem Zuhause im Columbarium. Da hinein schiebt eine jede und ein jeder eine weiße Rose in ein schönes ovales Gefäß aus silbrigem Metall.
Da ist das Gefühl von Einsamkeit inmitten eines Gebildes, das wir Familie nennen. Das mehr Wunsch ist als gelebte Wirklichkeit. Das jetzt in den vier Wochen, in denen es galt, Gerd und seine Frau auf diesem letzten Weg zu begleiten, in einem Maß gelebte Wirklichkeit war, wie man es sich kaum hätte vorstellen können. Mit einer Innigkeit und einer Wärme, die die Sehnsucht, es möge öfter so sein, noch vergrößert hat. Wie schön, dass es bei uns allen zumindest diese Sehnsucht gibt. Aus ihr kann etwas wachsen.
Auf dem Rückweg in unsere Reise sind wir zum Glück nicht allein. Tochter Katharina und ihr Bald-auch-offiziell-Mann begleiten uns. Wir alle sind ernst, geschäftig, vorfreudig.
Ich bin auch skeptisch. Wo wir die beiden jetzt hinbringen- die città von der traurigen Gestalt, – das ist nicht gerade das klassische Yacht-Urlaubs-Paradies. Im Gegenteil.
Und hat doch Charme. Wir haben ein Restaurant ausgesucht in der Nähe, wo wir am Abend essen wollen. Es hat Tische malerisch zwischen dem alten Gebäude und der Basilika. Als wir Platz nehmen, müssen Ulrike und ich lachen. Wir bekommen eine Speisekarte gereicht, die wir kennen. 3 Tage zuvor hatten wir dieselbe. Nur nicht hier, sondern in einem sehr einfachen Laden. Papiertischdecken, Plastikbecher. Klamotten auf’n Tisch. Mampfen. Fertig. Die Karte ist ein schon angegilbtes Din-A4-Blatt, doppelseitig bedruckt, in eine Prospekthülle geschoben, die Hitze und Dauergebrauch schon so labbrig gemacht haben, dass man ihr den Schutz, den sie bieten soll, nicht mehr abnimmt.
Hier ist alles edler, langsamer, gediegener. Aber das Essen offenbar dasselbe. Wir sind gespannt. Der Kellner hat eine ähnliche Ausstrahlung wie Salvatore, der uns auf dem Steg empfangen hat. Und er hat Ähnlichkeit mit Harry Dean Stanton, dem männlichen Hauptdarsteller in Paris, Texas. Beides Figuren von der traurigen Gestalt.
Wir haben gerade bestellt, da kündigt sich Unheil an. Blitze. Donner. Windstöße. Als es anfängt zu regnen, ziehen wir hastig um ins Innere. Kurz danach tobt draußen schon ein Wolkenbruch. Der Kellner beruhigt uns. Das ist schnell vorbei. Das dauert höchstens cinque minuti.
Der Liebsten fällt ein, dass die Deckenklappe in der Bugkabine ja undicht ist und sie darunter noch ihr I-Pad liegen hat. Manchmal bin ich edler Ritter und biete an zu gehen. Ich frage die Restaurant-Chefin, ob sie vielleicht einen Schirm habe. Ja, ja, sogar einen schönen großen. Im Auto. Da unten. Schon zwirpt sie das Gefährt mit der Fernbedienung auf, sicher im Trockenen stehend. Als ich das Auto durch den knöchelhohen Sturzbach, der inzwischen den Durchgang zwischen Haus und Basilika hinabschießt, und durch 10 Meter schirmloses offenes Gelände erreicht habe, bin ich schon klatschnass. Erst recht, als ich mit dem Riesending von Schirm an dem Durchgang zu unserem Steg hängenbleibe. Die undichte Bugklappe schickt tatsächlich Nässe aufs Bett und auf das i-Pad. Ich kann ein bisschen sichern. So hat es sich wenigstens gelohnt. Wieder zurück, kommt der zweite Gang. Es schüttet immer noch. Erst nach dem Dessert hört es auf. Ich sage zum Kellner, das seien aber lange 5 Minuten gewesen. Wir lachen alle mit Lust. Inzwischen sind wir mit diesem Ort tatsächlich irgendwie befreundet.
Noch bleiben wir, denn wir wollen morgen von hier aus Pompeji besuchen. Das war eine unserer ganz wenigen absoluten Festlegungen vor unserer Reise. Hier wollten wir unbedingt hin. Und von hier, von Castellammare aus sind es nur 2 Stationen mit dem Zug. Sagt Gianlucca. Es sind aber italienische 2 Stationen. Das heißt: in Wahrheit 5.