III Eindrücke erwecken

Die hungrige Meute aus dem Mediendschungel kauert unten auf den Sitzen. Die Objektiv-Scharfschützen sind in Stellung gebracht. Die da gleich oben die Bühne besteigen werden, – sind sie die Beute, von der sich die Meute ernährt? Oder die Raubtiere, die die Meute jagen? Oder beides?

Der Vorhang geht auf. Das absurde Theater beginnt. Anmoderiert von einer Stimme, die man sich auch aus den Lautsprechern an der Raupe auf der Kirmes vorstellen kann.

(Screen-Video, Ausschnitt Youtube: Live-Stream der Pressekonferenz am 11.12.2023, Download 15.12.2023, 18:01)

Der Generalsekretär der CDU – Carsten Linnemann – tritt ans Mikrophon. Er ist erkennbar angespannt. Er zippelt mehrfach an den Mikrophonen vor ihm herum. Die das aber nicht schert. Sie ändern ihre Haltung nicht. Er steigt von einem auf das andere Bein. Er schaut streng geradeaus und spricht. „Die CDU Deutschlands ist wieder regierungsfähig.“ (Als hätte jemals ein/e CDU-Politiker:in etwas anderes behauten können.) Und fährt fort: „Wir sind wieder (…Stutzen…)… regierungs- (…Stutzen…er scheut vielleicht die ihm aus dem Mund drängende Wiederholung, weiß aber auch nichts anderes …) -fähig, sollte es zu einer vorgeza- (…Stutzen ob des Versprechers, Mikrophon-Zippeln…)… vorgezogenen Bundestagswahl kommen, wären wir bereit.“

Er möchte Tatkraft und Entschlossenheit vermitteln. Aber es will ihm einfach nicht in die Worte fließen, in die Haltung. Man sieht einen Menschen, der beides nicht hat, aber den Eindruck erwecken möchte, er hätte.

Schwarz-Weiß-Fernsehen, das einfach nicht grellbunt schimmern will.

22 Monate habe die von ihm geleitete Kommission in 215 Sitzungen gearbeitet, in 11 Kommissionen 63 Papiere verfasst. Und dann präsentiert er zusammen mit Serap Güler und Mario Voigt den Entwurf eines neuen Grundsatzprogramms, den jede/r, die/der über einen längeren Zeitraum die CDU verfolgt hat, in 10 Minuten hätte herunterschreiben können: Zurück zur Atomkraft, Leistung muss sich wieder lohnen und Migration begrenzt werden, Leidkultur, Gendern verordnen verbieten, Erhöhen der Lebensarbeitszeit, mehr innere und äußere Sicherheit, Steuererleichterungen für Unternehmen, Verschieben der Gehaltsgrenze für den Spitzensteuersatz nach oben, Bürokratieabbau, solider Haushalt, usw.

Und schon am Anfang eine erste Pointe. Herr Linnemann führt aus: „Wir denken vom einzelnen Menschen aus, nie vom Kollektiv, nie von oben nach unten (…passende Handbewegung…)“, und einen Moment vorher: „Die Menschen sind verunsichert. Sie brauchen Orientierung und Halt und wir werden mit diesem Programm diese Orientierung geben.“ Wie das wohl geht … von unten nach oben nach unten … vom einzelnen Menschen aus … Orientierung und Halt geben?

Eine weitere Pointe dieser Veranstaltung: Die Medien, die auf der Pressekonferenz versammelt sind, haben den Wortlaut des Entwurfes bekommen. (O-Ton Herr Linnemann: „…es ist der erste Entwurf, […] der Ihnen vorliegt…“) Sie werden den News-Konsumenten in den folgenden Stunden Extrakte präsentieren. Eben jene Floskeln, die sie wie ich in 10 Minuten hätten zusammenschreiben können. Aber niemand wird das Original-Entwurfs-Dokument „durchstecken“. Ein frappierendes Verschweigen. In Zeiten, in denen Kabinengeflüster, Gesetzes-Entwürfe, Koalitions-Verhandlungs-Streitpunkte, – einfach eben alles durchgesteckt wird. Es gelingt mir nicht, in den Tagen danach, den gesamten Entwurf im Wortlaut im Netz zu finden. Meine Bitte an die Parteizentrale, mir den Entwurf zu schicken, wird abschlägig beschieden. Ich müsse verstehen, dass zu diesem Zeitpunkt … .

Da wird also ein Entwurf vorgelegt, der aber nicht vorgelegt wird. Beziehungsweise Journalisten vorgelegt, die ihn dann aber nicht vorlegen, – ja was? Dürfen? Können? Wie funktioniert das praktisch? Haben die alle was unterschrieben und fürchten jetzt Unterlassungs-Klagen der CDU? Sie wiederum knabbern an der Beute herum und geben ein bisschen was an die hinteren Reihen weiter. Wir dürfen diskutieren, aber nicht seriös im Wortlaut informiert sein.

Ganz ehrlich: Ich wäre auch angespannt gewesen, wenn ich so ein dürftiges Ergebnis der Meute hätte präsentieren müssen. Wenn ich – zusammengefasst – hätte sagen müssen  „Wir wollen zurück zu Helmut Kohl“. Und dabei den Eindruck von Aufbruch und Erneuerung hätte erwecken müssen.

 

II Gendern

Das Gendern ist eine Banalität. Sie ist nur von den Apologeten des „gesunden Menschenverstandes“ und den hysterischen Kämpfer:innen gegen die „Bevormundung“ durch „links-grünen Zeitgeist“  zur Bedeutsamkeit aufgebläht. Dass sie es ebenso wie die Leidkultur in den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der CDU geschafft hat, verwundert mich. Und es verwundert mich auch das Wie: Die CDU setzt gegen denzur Zeit ja noch nur vermuteten – „Gender-Zwang“ den „Nicht-Gender-Zwang“. Ein wahrer Kunstgriff, – diese mehrfache Verneinung. Der Zwang zum Verbot eines Zwangs, der gar keiner ist.

Dabei ist der Versuch Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln, die Menschen tatsächlich aller Geschlechter adressieren, gar keine Frage von Verbot und Erlaubnis. Er ist eine Frage der Schönheit.

Er ist einfach Teil dieses lebendigen Wunderwesens Sprache. Das eh macht, was es will. Es will ja nur spielen. Warum nicht mitspielen? Und Möglichkeiten entdecken. Und die Hürden. Eine Sprache, die, wenn verschiedene Menschen angesprochen sind,  in Wort und Ton tatsächlich alle Geschlechtlichkeiten anspricht, ist schön. So wie es schön war, eine erwachsene Grundschullehrerin nicht mehr „Frollein“ zu nennen. So wie es schön war, nicht mehr nur zu sagen „liebe Kollegen“ und die Frauen auch zu meinen. So wie es immer schön ist, Möglichkeiten zu finden, zu sagen, was und wen man meint. Und wie es schön ist, auch Lücken in diesen Möglichkeiten zu entdecken.

In der Serie Polizeiruf 110 gibt es eine neue Figur. Einen queeren polnischen (!) Kommissar. Gespielt von André Kaczmarczyk, einem deutschen Schauspieler. In der Folge „Cottbus kopflos“ kann man die Schönheit des Genderns sehen. Wenn man hinschaut. Und hinhört. Wie der Kommissar in einer Szene mit einer lässigen und auf unaufgeregte Art stolzen  Selbstverständlichkeit den kleinen Stopper ins Wort hineinkullern lässt, – das ist einfach schön:

[Video-Screen-Mitschnitt. 19.12.2023 13:48
https://www.ardmediathek.de/video/polizeiruf-110/cottbus-kopflos/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3BvbGl6ZWlydWYgMTEwLzIwMjMtMTEtMTJfMjAtMTUtTUVa]

Für diesen Text versuche ich herauszufinden, ob der Schauspieler André Kaczmarczyk queer ist. Es dauert eine Weile, bis ich bemerke, dass es eine Hürde war. Jetzt ist es schön, es nicht zu wissen, und es auch nicht wichtig zu finden. Es ist egal, welche geschlechtliche Identität André hat oder sich gibt. Er ist eben einfach eine Person, die sehr gut schauspielern kann, sogar die Schönheit des Genderns.

Postskriptum:

Der Entwurf des neuen CDU-Grundsatzprogramms warnt davor, dass mit der Nutzung z.B. des Gendersternchens grammatikalisch falsche Sprache benutzt werde. Nun benutzen das silberbesteckliche Wort „grammatikalisch“ gerne Menschen, die den Eindruck erwecken wollen, sie seien im Besitz tieferer Einsicht in das Regelwerk des Schreibens. Sonst würden sie einfach das etwas schmucklosere Wort „grammatisch“ benutzen. Es bedeutet dasselbe. Gerne erwecken sie auch den Eindruck, Grammatik sei ein System von ehernen Verfügungen, in uralte Schrifttafeln eingemeißelt, für alle Zeiten aufbewahrt an kultischen Orten. Stimmt aber nicht. Grammatik ist einfach ein Extrakt aus dem in einer Zeit gebräuchlichen Sprachverhalten, damit Lehrer*innen wissen, was sie anzustreichen haben und Behörden-Deutsch für alle gleich ist. Und der Sprachgebrauch ändert sich jeden Tag. Man kann, wenn man nun unbedingt will, eine Zeitlang sich gegen solche Änderungen wehren und deren Gerinnung zum grammatischen Extrakt. Aber verhindern kann man es nicht. Also kann man sich getrost Wichtigerem zuwenden.

Die CDU hat „neue Grundsätze“, wenn auch erstmal nur als Entwurf.

I Leidkultur

Sie haben sie tatsächlich wieder aus der Mottenkiste geholt: Die Leidkultur.

Bundesleidkulturbehörde Logo

Ich sehe sie schon vor mir, die Bundesleidkulturbehörde. Ihr Chef: Friedrich Merz. (Er hatte den internen Machtkampf um Partei-Vorsitz und Kanzlerkandidatur gegen Hendrik Wüst verloren und musste mit einem hochkarätigen Posten entschädigt werden.) Seine Stellvertreterin: Die als ehemalige Weinkönigin absolut Leidkultur-kompatible Julia Klöckner.

Sie hat die Idee eingebracht, die jetzt umgesetzt wird: Den Kulti Score. Er soll in Zukunft bei Lebensmitteln und in Veranstaltungskalendern angewendet werden, damit die Konsumenten eine Orientierung haben.

Beispiele Kulti Score

Zwei Herren sitzen in der Kantine. „Habt ihr jetzt entschieden, wie Navid Kermani eingestuft wird?“ „Ja, … wird ausgemerzt“. (Lachen Schenkelkopfen)

 

 

 

Die Kaka-Frage

Eigentlich hat Herr Söder schon am Sonntag, den 11.04. alles gesagt. Ich habe es nur nicht hören wollen. Er hat gesagt:
„Ich will Kanzlerkandidat der CDU und der CSU werden. Ich will Kanzler werden. Ich halte mich für den besseren Kandidaten, als es Herr Laschet wäre. Die Mehrheit der CDU-CSU-Fraktion will das auch. Ich habe die besseren Wahlchancen als Herr Laschet. Ich weiß, dass eine entsprechende Personalentscheidung für die CDU nicht ganz einfach ist. Ich weiß, dass die Position von Herrn Laschet als Parteivorsitzender geschwächt wird, wenn ich mich durchsetze. Und das kann die CDU natürlich nicht wollen. Deshalb muss ich es so hinbekommen, dass aus der CDU selbst sehr viele Stimmen mich als Kandidaten fordern. Helfen könnte dabei die Tatsache, dass die Umfragen eine eindeutige Sprache sprechen, eine, die mich als Kandidaten nahelegt.
Ich halte mich für besser befähigt als Armin Laschet, die AFD in ihre Grenzen zu verweisen.
Ich halte mich auch für besser befähigt, die Grünen in ihre Grenzen zu verweisen. Das ist besonders wichtig, weil absehbar ist, dass wir nach der Bundestagswahl mit ihnen werden zusammenarbeiten müssen.“

Das alles hat er aber gesagt, ohne es zu sagen.
Jedenfalls tut er das, bzw. tut er das eben nicht in den O-Tönen „Söder“, die ich am Abend im „Heute-Journal“ höre: Kurze Ausschnitte aus einer Pressekonferenz nach einer Fraktionsklausur und ein etwa 6-minütiges Interview. Warum er nicht sagt, was er sagt, weiß ich nicht. Ich kann es auch nicht wissen, denn er erklärt es ja nicht. Ich mutmaße: Da redet einer, der nicht den laufenden Prozess in seinen Einzelheiten und in seinem Konflikt-Gemenge erklären will, sondern einer, der glaubt, er könne mit seinem Reden so tun, als würde er erklären, ohne dass er das dann auch tut. Stattdessen wirft er Gedankenwolken in den Heute-Journal- Himmel, die das Konflikt-Gemenge irgendwie aufnehmen, aber nicht nach Sturm aussehen. Diese Geheimsprache bringt nicht Worte und Sätze so gut es geht in Deckung mit Gedanken, auf dass man sie mit den eigenen gedanklichen Konstruktionen in Resonanz bringen könnte. Vielmehr züngelt – erstens – ihre Botschaft als emotionale Regung ohne Worte und Begriffe ins Gemüt und setzt sich dort ab. Wenn man sie – zweitens – übersetzt, sagt sie das Gegenteil. Und ihr Sprecher, Herr Söder, bemüht sich – drittens – nicht einmal besonders, die Geheimsprachlichkeit seines Redens hinter scheinbar gekonnter Wort- und Satz-Akrobatik zu verstecken.

Einige Beispiele:

In den 6 Minuten und ca. 30 Sekunden, die Herr Söder im O-Ton in dem Beitrag des Heute-Journals und in dem Interview zu hören ist, sagt er der Reihe nach alle diese Formulierungen:
 „Gutes Miteinander“, „zusammen schultern“, „es ist für beide wichtig“, „gemeinsam mit Armin Laschet“, „freundschaftliches Gespräch [mit Armin Laschet]“, „gemeinsam beraten“, „was das gemeinschaftliche Ergebnis ist“, „Geschlossenheit herzustellen, ist letztlich die Aufgabe von uns beiden“, „aber beides zusammen [er redet andeutungsweise von unterschiedlichen Akzenten von sich selbst und Herrn Laschet] wäre dann doch ohnehin das Programm, das wir haben“, „ein Angebot für eine gemeinsame Basis“, „Entscheidung gemeinschaftlich zu treffen“, „dass wir beide freundschaftlich verbunden sind“, „die große Gemeinschaft von CDU/CSU“, „das werden wir auch zusammen tun“, „jeder in seiner Verantwortung […]gemeinschaftlich eng zusammen arbeiten“, „und wir werden am Ende auch gemeinsam zusammenarbeiten“.
16 mal betont Herr Söder eine Selbstverständlichkeit: Die Gemeinschaft von CDU und CSU. Das heißt: Etwa alle 13 Sekunden. Und zwar gegenüber einer Öffentlichkeit, die nun, wenn überhaupt irgendetwas, dann das verstanden hat: Es gibt in der Frage der Kanzlerkandidatur keine Gemeinschaft. Es gibt keine Gemeinschaft in der Frage, wie der Leerraum, den Frau Merkel bald hinterlassen wird, wieder mit Macht aufgefüllt werden kann. Die Geheimsprache aber soll die Gemeinschaft in die gedanklichen Welten der Zuhörer:innen hineinträufeln. Aus der Geheimsprache übersetzt, muss man lesen: Herr Söder ist die Gemeinschaft egal. Denn er hebelt sie ja gerade aus. Allerdings will er den Teil der Gemeinschaft innerhalb der CDU, der für ihn ist, für sich selbst nutzen.

Ein anderer Sinnzusammenhang in den O-Tönen sind die Umfragewerte.

Herr Kleber fragt in dem Interview, warum nicht einfach nach den Umfrage-Werten entschieden würde. Beide Kandidaten wären, wie sie selbst immer betonten, inhaltlich deckungsgleich. Dann käme doch eigentlich nur noch das Kriterium „Umfragewerte“ in Frage.

Daraufhin sagt Herr Söder:

„Ja, es gibt schon unterschiedliche Akzente auch, – eh – die wir beide haben, aber das sind keine unüberbrückbaren, die am Ende doch zu einem gemeinsamen Programm kommen werden, – eh – ich setz deutlich mehr auf den Bereich „Versöhnung Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz“- ehm – Armin Laschet hat andere Akzente, aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben.“ [Es folgen Aussagen zur AFD und zu den Grünen, die äußerlich keinen Bezug zu dem Thema haben.]

Genau genommen antwortet Herr Söder auf diese Frage: „Ja, sie haben Recht. Wir sind inhaltlich, weil unserer CDSU verpflichtet, so gleich, dass wir tatsächlich nach den Umfragewerten entscheiden sollten.“ Doch er sagt es nicht. Er sagt etwas anderes. Z.B.: Es gebe „unterschiedliche Akzente“. Der einzige Akzent, den er dann nennt, ist: „Versöhnung von Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz.“ Nun haben aber die wichtigen und unwichtigen Akteure in der CDU und der CSU längst verstanden, dass sie politisch nicht mehr ohne Klima- und Umweltschutz argumentieren können. Er nennt also einen Allgemeinplatz aus der Ausrichtung von CDU und CSU insgesamt, aber keinen Akzent. Und schon gar nicht nennt er, wie denn in diesem Punkt Herr Laschet einen anderen Akzent hätte. Die Unterschiedlichkeit, die Herr Söder behauptet, erklärt er nicht. Er nennt sie nicht einmal. Und zugleich erklärt er, dass diese (nicht erklärten) unterschiedlichen Akzente dann doch Teile des gleichen Programms wären. Aus der Geheimsprache übersetzt, heißt das – s.o. – „Ja. Die Umfragewerte sollten ausschlaggebend sein.“

Im Zusammenhang mit der (Nicht-) Erklärung der unterschiedlichen Akzente in der politischen Arbeit von Herrn Laschet und ihm, wechselt Herr Söder plötzlich merkwürdig unmotiviert zu den Stichworten „AFD“ und „Grüne“:

„[…] aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben. Wir haben heute die Pöbeltruppe von der AFD erlebt, wir haben Grüne ohne Regierungserfahrung, jedenfalls von den beiden Kandidaten, jedenfalls keine größere Regierungserfahrung, die da anstehen, das ist schon, finde ich, ein ganz großer Unterschied, […]

Die äußerlich gesagten Sätze: Die anderen Parteien haben programmatisch wenig zu bieten. Die AFD ist eine „Pöbeltruppe“. Die Grünen haben nur Kandidaten ohne bzw. mit nur wenig Regierungserfahrung. Sie als Geheimsprache zu betrachten und zu übersetzen, führt zu der Aussage:
Die CSU, aber auch die CDU werden erheblich geschwächt, wenn sehr konservative Wähler:innen zur AFD abwandern, weil die sich erlaubt, laut zu sagen, was man in der CSU und in der CDU nicht viel mehr als denken darf aus Gründen der politischen Korrektheit. Diese Abwanderung kann ich besser verhindern als Herr Laschet, weil ich eher als er den Eindruck vermittle, auch einmal „Klartext“ zu reden und die politische Korrektheit aufzumischen. Herr Laschet hat eher das Image des Vermittelnden, des Ausgleichenden. Das stellt die abwanderungswilligen ‚Vielleicht-demnächst-AFD-Wähler:innen‘ nicht zu zufrieden. Im Gegenteil. Es schreckt sie eher ab.
Die Übersetzung bezogen auf die Grünen: Ja, sie sind extrem im Aufwind. Es ist „Wechselstimmung“ (aktuell von Herrn Söder gerne gebrauchter Begriff) spürbar. Wenn sie sich ausweitet, besteht die Gefahr, dass die Grünen nach der Bundestagswahl stärkste Kraft sind. Es braucht einen Macher, einen Klartext-Redner, einen Auf-den-Tisch-Hauer, einen, der die Sprache der ‚Menschen draußen‘ beherrscht und nicht herumschwurbelt (in der Diktion der AFD sind diese Menschen draußen die ‚Normalen‘), einen der mit genau dieser Art schon Regierungsarbeit leistet und das nur auf das ganze Land zu übertragen braucht, – so einen braucht es, um die Grünen in Schach zu halten. Das kann ein Herr Laschet nicht. Und dass die Grünen in Schach gehalten werden müssen, versteht sich von selbst. Wir wollen ja, dass unser ‚schönes Land‘ so bleibt, wie es ist.

All das und mehr vermittelt Herr Söder mit einer merkwürdig brüchigen Sprache.
Der ohrenfälligste Hinweis darauf ist die Tatsache, dass Herr Söder so gut wie nie die Stimme senkt, damit einen akustischen Punkt senkt und einen kurzen Moment von gedanklichem Sammeln kreiert. Am Ende von Sinnzusammenhängen hebt er stattdessen die Stimme und redet fast ohne Pause weiter.
Er verschluckt sehr oft Silben, als hätte er keine Zeit, dem Klang der Worte Raum zu geben. Ja, als müsste er sogar den Eindruck vermeiden, er würde auf seine Sprache achten. Er sagt „son:n‘, statt ‚sondern‘ ‚ingwo‘ statt ‚irgendwo‘, er sagt ‚letzn‘, und man weiß nicht, ob er ‚letzthin‘ sagt, oder ‚letztens‘, ‚unse‘ statt ‚unsere‘, ‚Parteivorsitzn‘ statt ‚Parteivorsitzenden‘.
Seine Sprache rührt Worte und Bedeutungszusammenhänge ineinander, so eilig, dass im klassischen Sinne ‚Fehler‘ sich häufen. Oft ist die Wortstellung im Satz merkwürdig, oft sind Worte falsch miteinander kombiniert, oder sie sind an dieser Stelle bezogen auf die Aussageabsicht einfach unpassend, oft ist die grammatische Struktur des Satzes falsch.
„nach dem Stand der Chancen über die Umfragen“,
„es kommt nicht drauf an auf Biegen und Brechen“,
„es geht Verantwortung“,
„er [der Prozess] ist einladend gesehen“,
„und jetzt ha’m wir ja `ne Woche oder zehn Tage spätestens“,
„deswegen geht es da nicht um die Frage, jetzt mal zwischen zwei Leuten es einfach im Hinterzimmer auszukungeln“,
„[wir] müssen gemeinschaftlich eng zusammenarbeiten“,
„bestmöglichste“

Das zu bemerken ist nicht etwa wichtig, weil Korrektheit der Sprache das entscheidende Kriterium für die Wertschätzung einer Position wäre. Es ist aber wichtig, wenn man den Eindruck hat, dass eine solche brüchige Sprache bewusst nicht ins Hochdeutsche hinein kultiviert wird, um landläufige Skepsis gegenüber Hochsprache zu bedienen, um den ‚Mann von der Straße‘ nicht mit Sprache, die Hindenken erfordert, zu verschrecken.
Zugleich vermittelt die Sprache von Herrn Söder den Eindruck, dass es gar nicht darum geht, in sprachlich sinnvoll konstruierten Sätzen, ebenso sinnvoll konstruierte Bedeutungen zu transportieren. Sie vermittelt den Eindruck, es ginge vielmehr darum, in einem bestimmten Rhythmus Schlagworte, an denen Bedeutungswolken hängen, in den Ring zu werfen, ohne dass es besonders wichtig wäre, dass diese Schlagworte untereinander sprachlich korrekt verknüpft sind.

Es ist dies ein Sprechverfahren, dass wir von Donald Trump besonders intensiv erlebt haben, aber auch von vielen anderen Politiker:innen kennen. Es signalisiert: Ich bin einer von Euch. Ich spreche nicht die verschwurbelte Sprache des Establishments (was immer das wäre). Ich rede Klartext. Ich bin ein Macher.

Immerhin scheint Herr Söder noch bestimmten Gepflogenheiten, Regeln, Kulturen des demokratischen Miteinanders sich verpflichtet zu fühlen. Deshalb – immerhin – benutzt er Geheimsprache für seinen „Klartext“.
Darauf schließlich auch noch zu verzichten, das wäre dann der logische nächste Schritt.
Hin zu Trumpism.

 

 

Nicht empören

Nüßlein, Löbel, Amthor, Hauptmann, Sauter …

Nein! Nein! Nein!
Ich will mich nicht empören!
Aber es will mir nicht gelingen.
Zu viele unwillkürlich aufbebende Zornes-Herde im Gemüt.

Zorn über „Nebenverdienste“ von Bundestagsabgeordneten.
Herr Nüßlein hat möglicherweise 660 000 € für die Vermittlung von Masken- und Schutzkleidungsgeschäften erhalten. Ein ähnliches Geschäft bei Herrn Löbel. Für 250 000 €. Ist es nur eine zornesbedingte Vermutung? Oder ist es eine realistische Hochrechnung, davon auszugehen, dass diese Beiden nicht die einzigen sind, die ihre Kontakte nutzen, um gegen Provision Geschäfte anzuschieben?

Zorn über die Erklärungen, die diese Menschen  abgeben, wenn sie geächtet werden. Darüber, dass sie sich selbst dann als Opfer darstellen, die sich nichts vorzuwerfen haben und nur deshalb zurücktreten, weil die Angriffe auf sie und ihre Familien unerträglich geworden seien und weil sie weiteren Schaden von der Partei abwenden wollten.

Zorn über leitende Politiker, die solche Affären im liebsten im „Vorfeld“ „abräumen“ oder sie, wenn das nicht mehr geht, zumindest zügig „bereinigen“ möchten.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn auch das nicht mehr geht, eine „Ehrenerklärung“ aller Abgeordneten ihrer Fraktion anregen. Der Begriff „Ehrenerklärung“ aber ist schlicht falsch gewählt. Eine Ehrenerklärung kann nur jemand anders für mich abgeben. Nicht ich selbst für mich. Auch nicht als Abgeordneter. Ich kann bestenfalls schwören, unschuldig zu sein und dabei schlimmstenfalls lügen. Wenn ich nicht gelogen habe, müssten schon andere meine Ehre erklären, damit es glaubwürdig ist. Interessant wären die fälschlicherweise „Ehren…“ genannten …erklärungen erst dann, wenn man die Wortlaute kennen würde, auf dass man zwischen den Zeilen lesen könnte, denn da steht das ungedruckte Kleingedruckte. Wenn es zusätzlich eine öffentliche Überprüfung der Vollständigkeit gäbe und eine Information darüber, was denn passieren würde, wenn jemand diese Erklärung nicht abgäbe bzw. eine Information darüber, was passieren würde, wenn sich die Erklärung im Nachhinein als falsch erweisen würde. Das aber gibt es nicht. Heißt: Der (falsch gewählte) Begriff der Ehrenerklärung erweckt den Eindruck, als sei das fade Reinwaschungstheater ein Akt rechtssicherer Würde.

Zorn über leitende Politiker, die tatsächlich glauben, dass all die Menschen, die sich angesichts solcher Vorgänge mindestens erschrecken, eher Zorn spüren oder gar in querdenkenden oder rechtspopulistischen Generalverdacht gegen „das Establishment“ taumeln, sich von solchem Tun überzeugen lassen.

Zorn über leitende Politiker, die Menschen, die so agieren, erfolgreich werden lassen, sie gar fördern.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn dann doch den protegierten Aufsteiger:innen Fehlverhalten nachgewiesen wird, sich entrüsten, die Schuldigen rügen, sie vielleicht sogar aus dem Sattel schubsen, um ihnen nach angemessener Karenzzeit wieder in denselben hineinzuhelfen. Wie anders ist zu erklären, dass der gescholtene Herr Amthor ein halbes Jahr nach seinem spektakulären Absturz Spitzenkandidat der CDU in Mecklenburg-Vorpommern für den Bundestagswahlkampf wird?

Zorn darüber, dass Menschen Politiker: innen von solcher Art immer wieder auf’s Neue in so großer Zahl wählen, dass diese Einfluss gewinnen.

Zorn über die mediale Choreographie, mit Hilfe derer wir „Menschen draußen im Lande“ uns letztlich von unserer eigenen Verantwortung entlasten. Eine Choreographie in 5 Akten: 1. Das Aufdecken 2. Das Benennen von Schuldigen 3. Das Empören 4. Das Fordern von Konsequenzen, 5. Das Vergessen. Wir „draußen im Lande“ wallen auf und schließlich einfach wieder ab. Folgenlos.

Zorn über mich selbst, der ich Lust verspüre, mit wortschöpferischer Sprachkunst all dem entgegenzutreten. Die Misere zu nutzen, um so zu tun, als könnte ich Durchblicker solchem Handeln mit spitzer Feder Paroli bieten. Dabei weiß ich doch, dass es nicht nur nicht geht. Weit schlimmer: Mit wissender Pose dagegen an zu schreiben oder zu moderieren oder zu kabarettisieren, ist nur Teil des Spiels. Es schiebt das Aufregen an. Das Aufregen finanziert Medien. Es bewirkt aber keine Veränderung. Denn am Ende der Aufregung beruhigen wir uns wieder und vergessen bei der Suche nach neuer Aufregung.

Ich will da nicht mitspielen. Ich will mich nicht mit Empörung entlasten. Ich will tatsächliche Veränderung. Eine, die mich selber einschließt.

An dem Punkt entsteht eigentümliche, dunkle Leere.
Ich versuche mich, an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich schaue mich um. Ganz langsam steigen furchtsame Schauder des Grusels auf. Die Leere ist nicht leer. Die Schatten finsterer Gestalten geistern durch die fahlen Reste von Licht. Ich schaue weg und wieder hin. Langsam schärfen sich Gesichtszüge.
Ich erschaudere.
Verängstigt ahnend schaue ich mir noch einmal ein Foto von Herrn Nüßlein an. Und eines von Herrn Amthor. Und plötzlich weiß ich, wer diese Gestalten sind: Wiedergänger von Bernhard Vogel. Sie sind Bernhard Vogel. Einst Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, dann – 1988 – nach einer Reihe  von Skandalen, Verwicklungen der CDU in Vetternwirtschaft und Günstlingskultur, gepaart mit auch für Parteifreunde kaum noch erträglicher Selbstherrlichkeit, geschasst. Wiederauferstanden als Ministerpräsident von Thüringen.
Wiedergänger von Bernhard Vogel, der sich in ihrer Gestalt jetzt für erlittenes Unheil rächen will.
Als langjähriger Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken dürfte er genügend Einfluss nach ganz, ganz oben gehabt haben, um das Wiedergängertum schon vor seinem Ableben einzufädeln. So bekommt er die ausgelöste Unruhe nicht nur aus der Ferne mit, aus dem Jenseits, sondern leibhaftig vor Ort.

Ursprünglich hatte er nur Nüßlein ausersehen.

Porträts Vogel Nüßlein

Doch bei der Verwandlung geriet irgendwie auch Philipp Amthor dazwischen.

Porträt Philipp Amthor

Und nun ist er beide.
Zwei mehr als gute Gründe, furchtsam zu sein.