Stockeloquentes Gestammel

Am Anfang hört man in diesem Fernseh-Interview noch konventionelle Politiker-Sprache. Es geht um das Attentat in Solingen.

„Zunächst mal ne schlimme tragödie desweng trauern wir mit den Opfern und beten mit denen die ehm noch auf dem hoffentlichen Weg der Genesung sind und hoffen dass es für die gut ausgeht für die menschen die jetzt so betroffen sind […]“

Man kann diese Eröffnung als vielleicht nicht gerade Trauerfeier-taugliches, aber doch noch irgendwie geordnetes Sprechen verstehen. Dann aber beginnt diese sprachliche Ordnung zu entgleisen.

„[…] ehm es braucht jetzt schon konsequenzen nach dieser tat also eh betroffenheit ist das eine aber `s braucht konsequenzen is ja nicht die erste tat die passiert ist eine reihe von solchen taten desweng glaub ich muss […]“

Und es folgen eine halbe Stunde lang immer wieder weitere solche, – „Sätze“ mag man gar nicht sagen:

„[…] wemma ehrlich seit zwei jahren diskutieren wir mit der bundesregierung auch die länder die auch schon logistisch überfordert sind eh eh mit der mit der aufnahme […]“

„[…] klares bekenntnis nicht nur sagen wir wollen sondern wir machen desweng so schnell wie möglich gesetze zu ändern eh wie g`sagt nach syrien afghanistan abschieben […]“

„[…] zumal frau dröge war das glaub ich die fraktionsfrau dröge die grünen ham beim wahlrecht mit aller gewalt daran gearbeitet grad die grünen warn das besonders die CSU zu killen rauszubringen ist vom verfassungsgericht übrigens genauso wie bei der klimasache beim haushalt vom verfassungsgericht ne ziemlich deutliche klatsche bekommen […]“

„[…] wenn ich des sage diese dieser grüne eh dieses grüne Bayern-Bashing so nenn ichs emal bayern praktisch keine zuschüsse zu gem alles in den norden und westen no way […“]

„[…] und des is sozang die letzte patrone der eh der grünen und also es hilft auch wisnse schaun sie ich glaube schon dass dass er seine kompetenzen und fähigkeiten hat en guter erzähler und und […]“

„[…] so nett die ticket-idee war sie führt dazu dass wir in millionen und abermillionen ich glaub sogar milliarden am ende die ticket-idee bringen […]“

„[…] ja, ich ich wisnse ich hab ich hab zum beispiel ´s thema maut immer gsagt dass da viele fehler passiert sind da hab ich kein problem hab kein problem zu sang wenn fehler ist ohm dass man ihn ansprichst ich hab nur drauf hingewiesen ghabt dass es jeweils steigerungen gab[…]“

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man es für Reality-TieWie halten. Jenes Format, bei dem die Zuschauer:innen sich des eigenen Niveaus versichern können, indem sie sich schenkelklopfend über die Niveaulosigkeit der anderen amüsieren, derer, die dort wie Zirkus-Exoten vorgeführt werden. Die Dame mit Unterleib.

Doch hier wird in einem seriösen TV-Sender, im ARD, ausführlich ein hochrangiger Politiker interviewt. Markus Söder.

Sein Reden ist in großen Teilen offensichtlich nicht ein Sprechen, das komplexe Zusammenhänge versucht, in einer sprachlichen Ordnung abzubilden, die dieser Komplexität irgendwie gerecht zu werden vermöchte. Es ist eher ein hektisches Rühren in einem dicksuppigen Wortbrei, damit sich Bedeutungsblasen bilden, die beim Rühren platzen und leicht aufnehmbare Bedeutungs-Gerüche freisetzen, die auf direktem quasi olfaktorischem Weg die passenden Areale im Gehirn ansteuern und dort ein Gefühl von Heilung verbreiten. Heilung vom Schmerz über die Kompliziertheit der Welt und ihrer Krisen.

Nun haben wir es hier nicht mit einem bildungsfernen Jugendlichen zu tun, der mit reduzierter Sprache klarkommen muss. Wir haben es zu tun mit einem hochrangigen, erfolgreichen und erfahrenen Politiker, der so viel Einfluss hat und so viel Ansehen genießt, dass er sogar als möglicher Kanzler gehandelt wurde. Bei der Beurteilung von Politiker:innen nach Sympathie und Leistung im Politbarometer im ZDF lag er Ende Dezember 2024 hinter Boris Pistorius und Hendrik Wüst auf Platz 3.

Man kann somit nicht davon ausgehen, dass Markus Söder für eine seriöse öffentliche Sprache nicht die Fähigkeiten hat. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass er dieses sein Sprechen für geeignet hält, seine politische Agenda einem großen Publikum zu vermitteln,

Wenn das so wäre, hieße das: Hier hat sich ein Politiker verabschiedet von der Idee, dass politisches Handeln und die Kommunikation darüber gegenüber und mit den Wähler:innen mit einer konventionellen Vorstellung von Vernunft und von einer diese Vernunft abbildenden Sprache einhergehen sollte. Und damit auch von der Idee, man bräuchte eine dazu geeignete komplexe Sprache.

Wie lange mag es noch dauern, bis ein solcher Politiker tatsächlich der mächtigste Mann in unserem Land werden kann, wie es in den USA geschehen ist? Ist es schon so weit, dass sich jemand, der mit Worten ringt, der Bedeutungen abwägt, der auf der Basis von Recherchen geklärt hat, ob das, was sie oder er sagt und schreibt, auch bei genauerer Überprüfung noch gegenüber der Vernunft standhält, dass also so jemand sich schon allein durch die sprachliche Erkennbarkeit dieses Bemühens verdächtig macht, zu einem abgehobenen und deshalb abzulehnenden Establishment zu gehören, das die Menschen nur täuschen will? Donald Trump gehört unbezweifelbar zum Establishment. Aber er kann es offenbar vertuschen. Mit seiner Sprache. Ist das die Agenda von Herrn Söder in diesem Interview? Seine Sprache ist kein Erklären, kein Entwickeln, kein strukturiertes Darlegen, es ist in großen Teilen eben „nur“ ein stockeloquentes Gestammel.

Aber gut. Vielleicht ist es auch ganz einfach. Nicht des erstaunten Nachdenkens wert. Vielleicht war er einfach nur bekifft. Geht ja jetzt. Auch in der Öffentlichkeit.

VideoZusammenschnitt der zitierten Interview-Stellen

Das komplette Interview findet sich noch bis zum 25.08.2026, 17:59, hier:

https://www.ardmediathek.de/video/bericht-aus-berlin/ard-sommerinterview-markus-soeder/ard/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2JlcmljaHQgYXVzIGJlcmxpbi8yMDI0LTA4LTI1XzE4LTAwLU1FU1o

[Die/der geneigte Zuschauer:in möge sich nicht davon irritieren lassen, dass Herr Söder auf dem Einstiegsbild keinen Bart hat und mutmaßen, dass das Interview älter ist. Im Interview selbst hat er ihn.]

Die Kaka-Frage

Eigentlich hat Herr Söder schon am Sonntag, den 11.04. alles gesagt. Ich habe es nur nicht hören wollen. Er hat gesagt:
„Ich will Kanzlerkandidat der CDU und der CSU werden. Ich will Kanzler werden. Ich halte mich für den besseren Kandidaten, als es Herr Laschet wäre. Die Mehrheit der CDU-CSU-Fraktion will das auch. Ich habe die besseren Wahlchancen als Herr Laschet. Ich weiß, dass eine entsprechende Personalentscheidung für die CDU nicht ganz einfach ist. Ich weiß, dass die Position von Herrn Laschet als Parteivorsitzender geschwächt wird, wenn ich mich durchsetze. Und das kann die CDU natürlich nicht wollen. Deshalb muss ich es so hinbekommen, dass aus der CDU selbst sehr viele Stimmen mich als Kandidaten fordern. Helfen könnte dabei die Tatsache, dass die Umfragen eine eindeutige Sprache sprechen, eine, die mich als Kandidaten nahelegt.
Ich halte mich für besser befähigt als Armin Laschet, die AFD in ihre Grenzen zu verweisen.
Ich halte mich auch für besser befähigt, die Grünen in ihre Grenzen zu verweisen. Das ist besonders wichtig, weil absehbar ist, dass wir nach der Bundestagswahl mit ihnen werden zusammenarbeiten müssen.“

Das alles hat er aber gesagt, ohne es zu sagen.
Jedenfalls tut er das, bzw. tut er das eben nicht in den O-Tönen „Söder“, die ich am Abend im „Heute-Journal“ höre: Kurze Ausschnitte aus einer Pressekonferenz nach einer Fraktionsklausur und ein etwa 6-minütiges Interview. Warum er nicht sagt, was er sagt, weiß ich nicht. Ich kann es auch nicht wissen, denn er erklärt es ja nicht. Ich mutmaße: Da redet einer, der nicht den laufenden Prozess in seinen Einzelheiten und in seinem Konflikt-Gemenge erklären will, sondern einer, der glaubt, er könne mit seinem Reden so tun, als würde er erklären, ohne dass er das dann auch tut. Stattdessen wirft er Gedankenwolken in den Heute-Journal- Himmel, die das Konflikt-Gemenge irgendwie aufnehmen, aber nicht nach Sturm aussehen. Diese Geheimsprache bringt nicht Worte und Sätze so gut es geht in Deckung mit Gedanken, auf dass man sie mit den eigenen gedanklichen Konstruktionen in Resonanz bringen könnte. Vielmehr züngelt – erstens – ihre Botschaft als emotionale Regung ohne Worte und Begriffe ins Gemüt und setzt sich dort ab. Wenn man sie – zweitens – übersetzt, sagt sie das Gegenteil. Und ihr Sprecher, Herr Söder, bemüht sich – drittens – nicht einmal besonders, die Geheimsprachlichkeit seines Redens hinter scheinbar gekonnter Wort- und Satz-Akrobatik zu verstecken.

Einige Beispiele:

In den 6 Minuten und ca. 30 Sekunden, die Herr Söder im O-Ton in dem Beitrag des Heute-Journals und in dem Interview zu hören ist, sagt er der Reihe nach alle diese Formulierungen:
 „Gutes Miteinander“, „zusammen schultern“, „es ist für beide wichtig“, „gemeinsam mit Armin Laschet“, „freundschaftliches Gespräch [mit Armin Laschet]“, „gemeinsam beraten“, „was das gemeinschaftliche Ergebnis ist“, „Geschlossenheit herzustellen, ist letztlich die Aufgabe von uns beiden“, „aber beides zusammen [er redet andeutungsweise von unterschiedlichen Akzenten von sich selbst und Herrn Laschet] wäre dann doch ohnehin das Programm, das wir haben“, „ein Angebot für eine gemeinsame Basis“, „Entscheidung gemeinschaftlich zu treffen“, „dass wir beide freundschaftlich verbunden sind“, „die große Gemeinschaft von CDU/CSU“, „das werden wir auch zusammen tun“, „jeder in seiner Verantwortung […]gemeinschaftlich eng zusammen arbeiten“, „und wir werden am Ende auch gemeinsam zusammenarbeiten“.
16 mal betont Herr Söder eine Selbstverständlichkeit: Die Gemeinschaft von CDU und CSU. Das heißt: Etwa alle 13 Sekunden. Und zwar gegenüber einer Öffentlichkeit, die nun, wenn überhaupt irgendetwas, dann das verstanden hat: Es gibt in der Frage der Kanzlerkandidatur keine Gemeinschaft. Es gibt keine Gemeinschaft in der Frage, wie der Leerraum, den Frau Merkel bald hinterlassen wird, wieder mit Macht aufgefüllt werden kann. Die Geheimsprache aber soll die Gemeinschaft in die gedanklichen Welten der Zuhörer:innen hineinträufeln. Aus der Geheimsprache übersetzt, muss man lesen: Herr Söder ist die Gemeinschaft egal. Denn er hebelt sie ja gerade aus. Allerdings will er den Teil der Gemeinschaft innerhalb der CDU, der für ihn ist, für sich selbst nutzen.

Ein anderer Sinnzusammenhang in den O-Tönen sind die Umfragewerte.

Herr Kleber fragt in dem Interview, warum nicht einfach nach den Umfrage-Werten entschieden würde. Beide Kandidaten wären, wie sie selbst immer betonten, inhaltlich deckungsgleich. Dann käme doch eigentlich nur noch das Kriterium „Umfragewerte“ in Frage.

Daraufhin sagt Herr Söder:

„Ja, es gibt schon unterschiedliche Akzente auch, – eh – die wir beide haben, aber das sind keine unüberbrückbaren, die am Ende doch zu einem gemeinsamen Programm kommen werden, – eh – ich setz deutlich mehr auf den Bereich „Versöhnung Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz“- ehm – Armin Laschet hat andere Akzente, aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben.“ [Es folgen Aussagen zur AFD und zu den Grünen, die äußerlich keinen Bezug zu dem Thema haben.]

Genau genommen antwortet Herr Söder auf diese Frage: „Ja, sie haben Recht. Wir sind inhaltlich, weil unserer CDSU verpflichtet, so gleich, dass wir tatsächlich nach den Umfragewerten entscheiden sollten.“ Doch er sagt es nicht. Er sagt etwas anderes. Z.B.: Es gebe „unterschiedliche Akzente“. Der einzige Akzent, den er dann nennt, ist: „Versöhnung von Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz.“ Nun haben aber die wichtigen und unwichtigen Akteure in der CDU und der CSU längst verstanden, dass sie politisch nicht mehr ohne Klima- und Umweltschutz argumentieren können. Er nennt also einen Allgemeinplatz aus der Ausrichtung von CDU und CSU insgesamt, aber keinen Akzent. Und schon gar nicht nennt er, wie denn in diesem Punkt Herr Laschet einen anderen Akzent hätte. Die Unterschiedlichkeit, die Herr Söder behauptet, erklärt er nicht. Er nennt sie nicht einmal. Und zugleich erklärt er, dass diese (nicht erklärten) unterschiedlichen Akzente dann doch Teile des gleichen Programms wären. Aus der Geheimsprache übersetzt, heißt das – s.o. – „Ja. Die Umfragewerte sollten ausschlaggebend sein.“

Im Zusammenhang mit der (Nicht-) Erklärung der unterschiedlichen Akzente in der politischen Arbeit von Herrn Laschet und ihm, wechselt Herr Söder plötzlich merkwürdig unmotiviert zu den Stichworten „AFD“ und „Grüne“:

„[…] aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben. Wir haben heute die Pöbeltruppe von der AFD erlebt, wir haben Grüne ohne Regierungserfahrung, jedenfalls von den beiden Kandidaten, jedenfalls keine größere Regierungserfahrung, die da anstehen, das ist schon, finde ich, ein ganz großer Unterschied, […]

Die äußerlich gesagten Sätze: Die anderen Parteien haben programmatisch wenig zu bieten. Die AFD ist eine „Pöbeltruppe“. Die Grünen haben nur Kandidaten ohne bzw. mit nur wenig Regierungserfahrung. Sie als Geheimsprache zu betrachten und zu übersetzen, führt zu der Aussage:
Die CSU, aber auch die CDU werden erheblich geschwächt, wenn sehr konservative Wähler:innen zur AFD abwandern, weil die sich erlaubt, laut zu sagen, was man in der CSU und in der CDU nicht viel mehr als denken darf aus Gründen der politischen Korrektheit. Diese Abwanderung kann ich besser verhindern als Herr Laschet, weil ich eher als er den Eindruck vermittle, auch einmal „Klartext“ zu reden und die politische Korrektheit aufzumischen. Herr Laschet hat eher das Image des Vermittelnden, des Ausgleichenden. Das stellt die abwanderungswilligen ‚Vielleicht-demnächst-AFD-Wähler:innen‘ nicht zu zufrieden. Im Gegenteil. Es schreckt sie eher ab.
Die Übersetzung bezogen auf die Grünen: Ja, sie sind extrem im Aufwind. Es ist „Wechselstimmung“ (aktuell von Herrn Söder gerne gebrauchter Begriff) spürbar. Wenn sie sich ausweitet, besteht die Gefahr, dass die Grünen nach der Bundestagswahl stärkste Kraft sind. Es braucht einen Macher, einen Klartext-Redner, einen Auf-den-Tisch-Hauer, einen, der die Sprache der ‚Menschen draußen‘ beherrscht und nicht herumschwurbelt (in der Diktion der AFD sind diese Menschen draußen die ‚Normalen‘), einen der mit genau dieser Art schon Regierungsarbeit leistet und das nur auf das ganze Land zu übertragen braucht, – so einen braucht es, um die Grünen in Schach zu halten. Das kann ein Herr Laschet nicht. Und dass die Grünen in Schach gehalten werden müssen, versteht sich von selbst. Wir wollen ja, dass unser ‚schönes Land‘ so bleibt, wie es ist.

All das und mehr vermittelt Herr Söder mit einer merkwürdig brüchigen Sprache.
Der ohrenfälligste Hinweis darauf ist die Tatsache, dass Herr Söder so gut wie nie die Stimme senkt, damit einen akustischen Punkt senkt und einen kurzen Moment von gedanklichem Sammeln kreiert. Am Ende von Sinnzusammenhängen hebt er stattdessen die Stimme und redet fast ohne Pause weiter.
Er verschluckt sehr oft Silben, als hätte er keine Zeit, dem Klang der Worte Raum zu geben. Ja, als müsste er sogar den Eindruck vermeiden, er würde auf seine Sprache achten. Er sagt „son:n‘, statt ‚sondern‘ ‚ingwo‘ statt ‚irgendwo‘, er sagt ‚letzn‘, und man weiß nicht, ob er ‚letzthin‘ sagt, oder ‚letztens‘, ‚unse‘ statt ‚unsere‘, ‚Parteivorsitzn‘ statt ‚Parteivorsitzenden‘.
Seine Sprache rührt Worte und Bedeutungszusammenhänge ineinander, so eilig, dass im klassischen Sinne ‚Fehler‘ sich häufen. Oft ist die Wortstellung im Satz merkwürdig, oft sind Worte falsch miteinander kombiniert, oder sie sind an dieser Stelle bezogen auf die Aussageabsicht einfach unpassend, oft ist die grammatische Struktur des Satzes falsch.
„nach dem Stand der Chancen über die Umfragen“,
„es kommt nicht drauf an auf Biegen und Brechen“,
„es geht Verantwortung“,
„er [der Prozess] ist einladend gesehen“,
„und jetzt ha’m wir ja `ne Woche oder zehn Tage spätestens“,
„deswegen geht es da nicht um die Frage, jetzt mal zwischen zwei Leuten es einfach im Hinterzimmer auszukungeln“,
„[wir] müssen gemeinschaftlich eng zusammenarbeiten“,
„bestmöglichste“

Das zu bemerken ist nicht etwa wichtig, weil Korrektheit der Sprache das entscheidende Kriterium für die Wertschätzung einer Position wäre. Es ist aber wichtig, wenn man den Eindruck hat, dass eine solche brüchige Sprache bewusst nicht ins Hochdeutsche hinein kultiviert wird, um landläufige Skepsis gegenüber Hochsprache zu bedienen, um den ‚Mann von der Straße‘ nicht mit Sprache, die Hindenken erfordert, zu verschrecken.
Zugleich vermittelt die Sprache von Herrn Söder den Eindruck, dass es gar nicht darum geht, in sprachlich sinnvoll konstruierten Sätzen, ebenso sinnvoll konstruierte Bedeutungen zu transportieren. Sie vermittelt den Eindruck, es ginge vielmehr darum, in einem bestimmten Rhythmus Schlagworte, an denen Bedeutungswolken hängen, in den Ring zu werfen, ohne dass es besonders wichtig wäre, dass diese Schlagworte untereinander sprachlich korrekt verknüpft sind.

Es ist dies ein Sprechverfahren, dass wir von Donald Trump besonders intensiv erlebt haben, aber auch von vielen anderen Politiker:innen kennen. Es signalisiert: Ich bin einer von Euch. Ich spreche nicht die verschwurbelte Sprache des Establishments (was immer das wäre). Ich rede Klartext. Ich bin ein Macher.

Immerhin scheint Herr Söder noch bestimmten Gepflogenheiten, Regeln, Kulturen des demokratischen Miteinanders sich verpflichtet zu fühlen. Deshalb – immerhin – benutzt er Geheimsprache für seinen „Klartext“.
Darauf schließlich auch noch zu verzichten, das wäre dann der logische nächste Schritt.
Hin zu Trumpism.

 

 

Trumpism

Die CSU verabschiedet im Zusammenhang mit einer Klausurtagung ein Grundsatzpapier. Darin Aussagen zur „Flüchtlingsproblematik“. „Obergrenze, Obergrenze, Obergrenze“. „Vorrang für Zuwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis“, „Konsequente Rückführung“, „Burkaverbot“, „Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft“.

Ist das jetzt noch ein, wenn auch auf krude Art, an der realen Gestaltung von wirklichem gesellschaftlichem Leben, orientiertes Denken? Oder ist das schon Trumpism? Auch als CSU-Politiker/-in kann man doch nicht so dumm sein, zu denken, all das wäre realisierbar, wenn man schon so verrückt ist, es als wünschenswert anzusehen.
Denn:
Wie genau hätte man sich die Obergrenze vorzustellen? Dass ein bayrischer Grenzbeamter einer Familie mit zerschlissenen Taschen, in denen nur noch das Allernötigste ist, in schlechtem Englisch, das die Verzweifelten vielleicht auch nicht verstehen, und das er dann mit hektischem Armrudern untermalt, mitteilt: „Du, Wannhandretneintieneinßausendwannhandredneintiäit, du 199199, und du 200000. Er sieht die ratlosen Gesichter. Malt die Zahlen auf die Rückseite seines Notizbuches. Mehr geht nicht. Die restlichen zwei zurück. Wer wären die dann? Zwei der Kinder? Die Eltern? Oder Vater und ältester Sohn?
Vorrang für Zuwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis. Wer wäre das? Flüchtlinge aus Italien? Vor was würden die flüchten? Oder aus der Ukraine? Dürften sie bleiben, auch wenn sich herausstellt, dass sie Moslems sind? Weil sie ja geografisch aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis kommen?
„Konsequente Rückführung“? Die gibt es schon. Wenn der Asylantrag abgelehnt ist oder eine Person kriminell geworden ist. Nur ist selbst das eben nicht so einfach, weil es internationales Recht gibt. Und es ist gut so. Denn wohin sollte man Menschen ausfliegen, die vielleicht keine Papiere haben, warum auch immer, und deren Herkunftsländer dann die Einreise ablehnen? Riesige Lager auf nicht-territorialem Niemandsland entlang der Grenzen des christlich-abendländischen Kulturkreises? Bewacht von Frontex? Mit Waffen am Ende?
„Burka-Verbot“? Gibt es Frauen, die im Alltag in Deutschland Burka tragen? Sind es so viele, dass das überhaupt als Problem erkennbar ist, wenn es denn eins wäre? Was sagen die Geschäftsführer der Münchener Edel-Boutiquen dazu, die ihre Geschäfte auch für genau diese zahlungskräftige Klientel eingerichtet haben? Was sagt der Bademeister dazu, der dann, wenn er die Frau im Burkini sieht, die Polizei rufen soll. Und was sagt die Polizistin dann? Oder was sagen die Passanten, wenn der Bademeister die Polizei nicht ruft?
Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft. Da erhält der Malergeselle, der irgendwann die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt hatte, weil er sich eben mit beidem identifiziert: Seiner Heimat, dem Land in dem er lebt, und dem Land, aus dem seine Eltern kommen, ein Schreiben: „Sehr geehrter Herr Yilmaz. Nach § X sind sie verpflichtet, eine Ihrer Staatsbürgerschaften wieder abzugeben. Bitte entscheiden Sie binnen einer Frist von 4 Wochen ab Zustellung, welche Sie weiterhin behalten, …“, – oder wird gleich die deutsche aberkannt? Sollten Sie ein ausgewiesener IT-Experte sein, bitten wir um kurzfristige Kontaktaufnahme.“
Was würden das Bundes-Verfassungsgericht und der europäische Gerichtshof zu Beidem sagen?
Erinnert sich noch jemand an die Maut?
Ist sie noch auf dem Weg? Kommt sie? Oder hat man sich auch in der CSU schon davon verabschiedet, eine dumpf dräuende Wahlkampfwaffe mit Namen „Ausländermaut“ auch in die Realität zu übersetzen, weil – was man von Anfang an vermuten durfte – sie eben nicht geht? Oder bauen alle darauf, dass sie nach der nächsten Bundestagswahl eh vom Tisch ist. Ging es bei der Maut um das Realisieren wirklicher Projekte?
Dieses CSU-Papier dokumentiert ein an der realen Gestaltung des wirklichen Lebens interessiertes Denken jedenfalls  nicht. Es ist Trumpism.
Passend dazu Trumpism light: Die „Debatte“, die man kaum so nennen mag, um das „Leitbild“. Warum drängt sich bloß bei mir immer das „d“ dazwischen? Leidbild. „Unsere Werte“, die da leiten sollen, welche sind das? Sind es Demokratie, Menschenwürde, Toleranz, Freiheit? Oder sind es „den Staat bei Steuern bescheißen, wo es irgend geht und gleichzeitig verlangen, dass die öffentliche Verwaltung wie am Schnürchen, am besten noch zu meinen Gunsten funktionert“, „die Freiheit am Hindukusch verteidigen und sie zugleich in den Schulen verkommen lassen“, „langsam fahrende Autos per Lichthupe von der linken Spur zu pesten“, „Tod dem S04-BVB an irgendeine Autobahnbrücke“ zu sprühen, halt eben das, was uns an offenbar das Handeln leitender Kultur tagtäglich so begegnet? Vielleicht auch der alkoholschwangere Männerdunst im bayerischen Bierzelt? Vielleicht auch der erbitterte Kampf gegen die Forensik in der eigenen Stadt, wo doch jeder wissen könnte, dass der weitaus größte Teil der Sexualdelikte im Schutz der Familie geschieht? Die ja sicher auch unter den Leitbild-Schutz fällt.
Es kann bei diesem Leitbild-Geschwätz nicht um das reale Gestalten einer demokratischen Gesellschaft gehen. Es kann nur darum gehen, all den warum auch immer Enttäuschten in ihrem haltlosen Schlingern bei der Suche nach Schuldigen Wort-Nahrung zu geben, die ihren Geist aufpeitscht, aber nicht ernährt. Ich weiß nicht, was ich will, schon gar nicht, was mein Nachbar will, aber ich weiß wenigstens, wer schuld ist daran, dass ich es nicht habe: Die Burka. Der Moslem. Der Afrikaner. Der „Gutmensch“. „Die Lügenpresse“. Wenn so ein Wort erstmal in der Welt ist mit dem Beigeschmack der Schuld, dann wird es diskutiert, zitiert, bestätigt, millionenfach mit scheinbarem Sinn aufgepumpt und darf gemampft werden wie ein wabbeliger Burger. Und wenn es ausgelutscht ist, muss ein neues her, ein schärferes. Z.B. das Wort „Bürgerkrieg“, dass Frauke Petry in den verregneten Himmel raunzt.
Es ist verrückt. Am Ende scheitert womöglich eine Kanzlerin, die nach konkreten Lösungen für unsere gesellschaftliches Leben sucht, daran, dass sie das überhaupt tut. Dass sie pragmatisch und realistisch agiert. Die uns zutraut, dass wir es schaffen. Nicht weil sie zur CDU gehört, sondern weil sie sich dem stinkenden auf-den-Acker-Sabbern von sinnlosem Parolen-Dünger verweigert. Es gibt für mich kaum etwas Abwegigeres als CDU zu wählen, aber heute hatte ich mal (kurz!) das Gefühl, ich könnte bei der nächsten Wahl genau deshalb genau das tun.
Wenn es nun aber um das wirkliche Gestalten der wirklichen Wirklichkeit gar nicht geht. Worum dann? Die Protagonisten der Lauthalsigkeit, … wollen sie tatsächlich einfach nur die Macht erhalten, ohne damit die Vorstellung von Gestaltung zu verbinden? Und warum Macht? Geht es am Ende womöglich darum, sich bedeutsam zu fühlen? Dem großen informationellen Alles, ein kleines Stück Land, ein kleines Stück Wichtigkeit abzugewinnen? Um nicht als informationelles Nichts zu verdunsten? Verkneten sie deshalb vermutete Befindlichkeiten „des Volkes“ zu griffigen Schlagworten, die eine Zeitlang Bedeutsamkeit vorspiegeln? Schieben sie sich deshalb vors Mikrofon oder gegelt und hornbebrillt hinter dem großen Vorsitzenden ins Bild, wenn es heißt, dieses ihr CSU-Grundsatzprogramm zu „erklären“?