Rückkehr

Und doch ist sie tatsächlich nach Anderland zurückgekehrt. Drei Wochen Sterben zum Leben hin aufgeklart.
Mit friedlichem Gleichmut lässt sie sich vom Pfleger wie eh und je in die Kleidung helfen – dabei der rechte Arm als leicht wippende Dirigentengeste schräg nach oben gestreckt -, lässt sich aufrichten und in den Rollstuhl heben.
Als ich sie frage, ob ich ihr etwas vorlesen soll, schaut sie mich an, lächelt und deutet ein Nicken an.
Immer wieder unterbreche ich kurz, weil sich ihr Kopf  plötzlich von mir weggedreht hat. Dann folge ich eine Zeitlang ihrem Blick in unbekannte Weite.
Und male mir aus, dass sie ihn vielleicht zurückwendet zu dem Zug, in dem sie war. Einfach um nur mal zu schauen, ob er noch da ist.
Mich wird sie dort nicht mehr sehen. Ich bin nicht mehr auf dem Bahnsteig. Ich bin ja hier.

Abschied aus Anderland

Nun wird sie also bald auch Anderland verlassen. Ihr Bett ist schon im Zug. In einem menschenleeren Bahnhof mit nur einem Gleis. Auf dem Bahnsteig: Ich. Ratlos. Fragend. Traurig.
Ich sehe sie an, – dort hinter den von Dunst und Staub eines langen Lebens trüb gewordenen Scheiben. Bin unentschlossen. Nochmal rein zu ihr? Ihr die Hand reichen? Hab keine Angst, ich bin bei dir. Oder lieber am Rand bleiben? Den Zug abfahren lassen? Ihn nicht aufhalten? Manchmal fange ich ihren Blick. Freue mich, wenn ihre Augen in plötzlicher Heiterkeit aufklaren und sanfte Lächelfalten über ihr Gesicht verteilen. Ganz langsam. Auf dass ich ja jede einzelne mitbekäme. Stolpere aus dieser Wonne heraus und merke auf, wenn sie kurz danach plötzlich ihren Kopf abwendet, als fiele ihr etwas ein, dem sie nun ungestört ihre Aufmerksamkeit widmen müsse.
Unablässig brummen Gedankenkreisel mir durchs Gemüt. Ihre Hand nehmen? Ihren Blick wieder zurückholen? Etwas sagen? Ihr etwas erzählen? Gute Laune verbreiten? Meine Trauer zeigen? Im Hintergrund bleiben? Ganz rausgehen? Was wäre jetzt gut, richtig, sinnvoll? Und keine Idee, wonach ich das beurteilen könnte.

Irgendwann erinnere ich mich: Haben wir das nicht trainiert? In all der Zeit, die sie nun schon in der Demenz lebt? Habe ich nicht geübt, das Leben mit ihr zu lassen, wie es ist. Und wie es nicht ist. Nichts zu wollen. Nichts zu müssen. Einfach da zu sein und sie zu beobachten. Und dieses Leben. Und mich.

Und dann sehe ich sie an. Lasse fragende Gedanken, was jetzt richtig wäre zu tun, einfach weiterziehen. Wie beim Meditieren. Sehe kleinste Veränderungen in ihrem Blick. Registriere, wenn ich das Gefühl habe, sie schaute mich an. Oder sie schaute an mir vorbei, um mich herum ins Weite und zugleich nach innen. Nehme meinen ganzen Mut zusammen und höre ihrem Husten zu. An dem ich nichts ändern kann. Und so gerne würde. Von dem ich phantasiere, es müsse sie quälen. Was sie aber gar nicht zum Ausdruck bringt. Sie wirkt eher, als würde sie es hinnehmen, wie man das Leben eben so hinnimmt. Dieses Husten, das gerade allmählich kraftloser wird, abflaut zu einem müder werdenden sanft simmernden Schrundeln ihres Atems, das unablässig den Schleim in ihren Bronchen umwälzt. Dann plötzlich wieder ein Aufbäumen des Hustens, an dessen Ende manchmal ein hellstimmig singendes „Ho, ho, ho, ho“ die Rutschbahn der Erleichterung hinabhüpft. Dann sehe ich sie förmlich vor mir, wie sie die Hände an der vorne zusammengeknuddelten Schürze abtrocknet und anschließend mit einem Handrücken eine Strähne aus der Stirn wischt.

Dies Da-sein, ohne etwas zu wollen, stattdessen meiner Intuition zu vertrauen, schenkt mir manchmal Momente von tiefer Rührung. Einmal hat sie die Augen geschlossen, schläft aber nicht. Sie singt immer wieder einen Ton vor sich hin. Unterbricht ihn bei einem Hustenschub. Wartet nach seinem Ende. Setzt exakt denselben Ton wieder an. Er ist zu mild, um ihn klagend nennen zu können. Er klingt eher wie unbegleitet aus der Litanei des Lebens geschlüpft. Beim dritten Mal singe ich ihn mit. Einfach so. Ich spüre, wie ich die Stimmbänder anspannen und den Atem beisammenhalten muss. Ich habe die Phantasie, dass dieses Zusammenhalten ihren Husten vielleicht noch anschubst. Also singe ich den nächsten Ton tiefer. Mit deutlich mehr Hauchen und deutlich weniger Stimmbandspannung. Und sie macht tatsächlich genau diesen Ton nach! Wieder einen Ton tiefer. Mehr Hauchen. Sie folgt mir wirklich hinab. Am Ende bleibt bei uns beiden nur noch ein Hauchen. Ihr Atem ist flach. Zu flach um das lauernde Husten zu wecken. Tiefe Ruhe breitet sich aus. Auch ihr höre ich zu. Lasse den Gedanken, wie es sich wohl anfühlt, wenn der nächste Atemzug der letzte wäre, einfach weiterziehen. Ich meditiere ja.  Ich muss nichts.

Manchmal hebt sie plötzlich ganz langsam ihren rechten Arm, so weit, bis er leicht federnd schräg von ihr weg in den Raum ragt. Dann schließen sich Daumen und Zeigefinger zu einem Oval. Und das lässt sie langsam kreisen, als würde sie ein Orchester bei einem sehr langsamen, wiegenden Adagio dirigieren. Einmal reiche ich ihr mit einem Löffel Grießbrei. Ganz selten nimmt sie etwas, meistens nicht. In meiner linken Hand der Teller, in meiner rechten Hand der Löffel. Beide Unterarme auf der Bettumrandung. Sie sind zu schwer, um sie bei diesem langwierigen Unterfangen frei hochzuhalten. Wieder bewegt sich ihr rechter Arm aufwärts, beginnt sein Dirigat. Und während ich ein weiteres Mal den Löffel auf ihren Mund zu bewege, sehe ich im Augenwinkel, wie sich plötzlich der Arm auf meinen Kopf zu bewegt. Wie von selbst kommt mein Kopf ihr entgegen. Mit eigentlich kaum möglicher Entschlossenheit schnappen plötzlich Daumen und Zeigefinger meine Nase. Knabbern an ihr herum. Unwillkürlich muss ich lauthals lachen. Wieder verteilen ihre Augen dieses sonnige Lächeln über ihr Gesicht.

Ein weiteres Mal sind – schlaflos – ihre Lider geschlossen. Ihr Mund zermalt die Trockenheit. Ich bewege trotz der geschlossenen Lider den Trinkbecher auf ihren Mund zu. Und wirklich: Er öffnet sich wie auf ein geheimes Signal hin ganz kurz, bevor der Becher die Lippen berührt. Obwohl sie doch eigentlich gar nicht wissen kann, dass der Becher jetzt da ist. Lässt den Schnabel der Tasse hinein, umschließt ihn und signalisiert mit einer minimalen Bewegung im Mundwinkel, dass ich ihn wieder herausnehmen kann. Ein filigranes Zusammenspiel von Geben und Nehmen. Ohne Aufwand. Ohne Plan. Wie ein Regentropfen, der von einem Blatt gleitet, am Stamm entlang. Immer weiter. Bis zu der Stelle, wo eine Wurzel ihn vielleicht gerade braucht.

Zum Abschied verneige ich mich immer. Buchstäblich. Mag sie es – vielleicht mit einer kleinen Genugtuung – nehmen als den freundlichen Diener eines wohlerzogenen Jungen.

Dann sage ich „Tschüss. Hab einen guten Schlaf.“
„Bis morgen“, sage ich nicht.
Obwohl ich insgeheim hoffe, dass ihr Zug auch morgen noch auf dem Gleis steht.

Advents-Spaziergang in Anderland

Mir selber glauben

Heute schäme ich mich dafür. Gestern gab ich einer Freundin prunkvolle Ratschläge. Ungefragt. Als wüsste ich mehr vom Leben. Dabei dienten die Ratschläge nur dazu, mir genau das einbilden zu können.
Sie klagte über ihre Unsicherheit beim Besuchen ihres Vaters, der neuerdings in einem Altenheim in der Nähe lebt. Er ist dabei nach Anderland abzuwandern. Sie wisse oft nicht, was sie mit ihm reden oder mit ihm machen könne, denn, „was wir gemacht haben, was wir geredet haben“, das gehe ja alles nicht mehr.

Meine Mutter lebt schon länger in Anderland. Ich sah die Chance mich selbst schon erfahrener zu fühlen und griff zu. Wälzte mich ein bisschen im Hochgefühl der Einbildung, ich hätte gelernt, damit umzugehen. Kann dieses Hochgefühl in den Vordergrund schieben. Vor die Zweifel, – dieselben Zweifel wie ihre.
Es sind Ratschläge, wie: Sie solle mit ihrem Vater Dinge tun, die ihr selbst gefielen. Sich nicht so sehr mit der Frage zu quälen, was denn ihrem Vater guttäte. Oder gar, was er wolle. Denn das könne man ohnehin bei einem Menschen in Anderland gar nicht mehr so genau sagen. Und noch weniger könne man es von ihm erfahren. Am besten wäre, dafür so sorgen, dass es ihr beim Besuchen gut gehe und dann gehe es ihrem Vater auch gut.
Ich rate. Und komme mir wissend vor. Und merke nicht, dass ich auch nur rate, nicht weiß. Und es fällt mir schwer, mit dem Rat-Schlagen auch wieder aufzuhören.

Heute erinnere ich mich auf dem Weg zu meiner Mutter daran. Als würde ich mich selbst von gestern ernst nehmen, beschließe ich, heute danach zu handeln. Ohne großes inneres TamTam. Einfach so.

Wir machen einen langen Spaziergang. Der immer länger wird und immer länger dauert, einfach weil er Spaß macht. Mir Spaß macht. Ich schaue kein einziges Mal auf die Uhr. Wie ich es sonst meist mache. Gucken, ob die Zeit bald um ist. Eine Stunde muss ich schaffen. Ich entdecke alle möglichen Dinge und plapper so vor mich hin. Dabei entdecke ich wieder andere Dinge und plapper wieder so vor mich hin. Vielleicht in ihre Richtung und zugleich wie zu mir selber. Und machmal reagiert sie sogar. Irgendwie.

Stadtpark Maulwurfshügel

Ich sehe auf der Wiese im Stadtpark Maulwurfshügel, die wie frisch aufgeworfen aussehen. Ich mache sie darauf aufmerksam. Aber ich weiß nicht, ob sie sie sieht. Ich erzähle, dass ich zu gern mal einen Maulwurf sehen würde, wie er gerade den Kopf aus dem Hügel streckt. Aber heute, sage ich, wird das wohl keiner tun. So kalt, wie es ist. Gut, dass ich eine Mütze aufhabe. „Übrigens“, sage ich, weil es mir gerade so einfällt, „Ich hab mir gestern extra für dich die Glatze rasiert. (Das stimmt nicht, aber in Anderland ist egal, ob etwas stimmt.) Damit sie schön glatt ist. Willst Du mal fühlen?“ Ich nehme die Mütze ab und halte ihr meine Glatze hin. Sie reagiert. Sie fühlt tatsächlich. Sie ist mit einer Intensität zärtlich, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. Auch als Kind schon nicht.

Gartentor Fahrradklingel

Kurz danach entdecke ich am Eingangstor zu einem Schrebergarten einen Schmetterling – guck mal, wie schön diese Farben sind – und eine Klingel. Ich zeige ihr beides. Ich weiß nicht, ob sie es sieht. Ich probiere die Klingel aus. Sie merkt auf.

Was wir alles noch entdecken! Nein, was ich alles entdecke! Und ihr dann zeige. Egal, ob sie es mit Aufmerksamkeit ‚honoriert‘ oder nicht.

Vogelnest mit Plastikstreifen

Guck mal, da hat ein Vogel Plastikstreifen in sein Nest eingebaut. Sie guckt mich an, ich lache, sie lacht auch. Ich weiß nicht worüber. Vielleicht irgendwie auch über die Plastikstreifen. Es ist nicht wichtig.

Moos auf einer Hecke

Guck mal, da ist auf der Hecke Moos. „Das gibt es bestimmt oft, ist mir aber noch nie aufgefallen. Ist dir sowas schon mal aufgefallen?“, frage ich sie. Nicht, weil ich eine Antwort erwarte. (In Anderland erfüllt sich eine Frage nicht in einer Antwort.)
Ich zupfe ein Moos-Büschelchen ab und reiche es ihr. Vorsichtig befühlt sie es mit spitzen Fingern und gibt es nicht mehr her.

Moos fühlen

Wir kommen an einer kleinen alten Kirche vorbei. Komm, da gehn wir mal rein. Schau, da oben, an der Orgel, da habe ich Orgel-Spielen gelernt.

Beichtstuhl

Und da unten in den Beichstuhl bin ich auch regelmäßig gegangen. Dann hat man sich hier so hingekniet (ich mache es ihr vor) und dann hat man durch ein Gitter durch dem Pastor gesagt, was man für Sünden begangen hat. Zum Glück musste man das nicht so ganz genau sagen. Es reichte, wenn man sagte: Ich war unkeusch. Jedenfalls bei mir.
Ich beichte meiner Mutter, dass ich manchmal Sachen gebeichtet habe, die ich gar nicht gesündigt hatte. Einfach um was zu sagen. Ich hatte gar nicht das Gefühl, in den letzten Wochen gesündigt zu haben. Aber ich wusste, dass man immer irgendwie sündigt. Und das Gefühl, Sünden vergeben zu bekommen, war schön. Egal, ob man sie begangen hatte. Bei der Erinnerung lache ich sie an. Sie schaut skeptisch. Als würde sie überlegen, ob ich sie veräpple.

Draußen stehen mehrere große Tannenbäume auf einem kleinen Platz. Alle sind weihnachtlich geschmückt. An einem hängen große Kugeln, in denen man sich spiegeln kann.

Spiegelnde Kugel am Weihnachtsbaum
Ich bin davon total fasziniert. Sie schaut teilnahmslos zu, wie ich uns fotografiere. So teilnahmslos, dass ich mir nicht einmal einbilden kann, sie wäre kurz mal rübergekommen aus Anderland.
Also wandern wir weiter.
Ich überwinde meine Scheu – immerhin sind wir öffentlich – und fange an „Oh Tannenbaum“ zu singen. Natürlich mit gedämpfter Lautstärke.
Doch, – ich hab so meine Tricks. Ich bin gespannt, ob er auch heute wieder funktioniert.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün – ich werde auf sehr energische Art langsamer – sind deine – noch langsamer, Augenbrauen hoch, Blick in ihr Gesicht, aufforderndes Zeichen – Warten. Irgendwas geht in ihren Gesichtsmuskeln vor sich. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, kommt es doch: Tonlos  brabbelt sie „… Blätter“ vor sich hin.
Den Rest der ersten Strophe singen wir zusammen.
Ich so leise, dass ich sie hören kann.

 

Anderland

Lange Zeit nannte ich es das „Land des Vergessens“. Als sie dorthin schon unterwegs war, die Grenze aber noch nicht überschritten hatte, sagte sie manchmal ungewollt sehr poetische Dinge. Sie! Die ich so gar nicht poetisch kenne. Die immer skeptisch, oft genug auch verächtlich auf metaphorische Ausdrucksweise reagierte. Die alles für sie unverständlich Gebildete nicht nur ignorierte, sondern aktiv ablehnte. Die immer wieder betonte, sie sei auch zufrieden gewesen, wenn aus ihren Kindern Handwerker geworden wären. Die sogar die Scherenschnitte, die sie selber mit hoher Kunstfertigkeit schnitt, mit einer spröden Sachlichkeit behandelte, als würde sie nicht sehen wollen, dass ja eigentlich auch sie selbst eine Art Kunst machte. Ihr war wichtiger, dass sie manchmal auf einem Weihnachtsbasar für den einen oder anderen Scherenschnitt einen Euro bekam, und dass ab und zu jemand sagte: Ach, Sie machen so schöne Scherenschnitte. Das zitierte sie dann stolz, machte aber nicht den Eindruck, als würde sie das als Kompliment für ihre Gestaltung verstehen.
Und nun also hatte sie auch ihren Widerwillen gegen die Poesie vergessen und sagte z.B.: „Mensch, Martin, mein Kopf ist wie eine Handtasche. Ich tue irgendwas hinein und dann finde ich es nicht wieder.“
Wenn sie so etwas sagte, war ich gerührt und zugleich ein bisschen beschämt, weil ich mich an etwas freute, was ja ihrem beginnenden Verfall geschuldet war.
Dachte ich damals.
Heute, da sie in inmitten dieses Landes lebt, wo ich sie manchmal besuche, manchmal sogar antreffe, zweifle ich, ob all das die richtigen Worte waren: „Land des Vergessens“, „Verfall“. Ob sie nicht viel zu sehr meinen Blick auf ihre Veränderung ausdrücken. Meine Irritation. Mein „Noch nicht“. Als sie noch in ihrer Handtasche gesucht hat nach ihren Gedanken, da wäre Vergessen vielleicht noch das richtige Wort gewesen. Es gab ja noch Reste des Nicht-Vergessens. Heute aber ist die Transformation abgeschlossen. Die Puppenhülle abgestreift.
Heute lebt sie in Anderland.
Es gibt kein Vorher, kein Nachher, kein Weil, kein Oder, kein Wiespät, kein Deinmeinunser, kein Wenn und kein Aber und schon gar kein Wennaber. Nichts von dem, womit unsereins den lieben langen Tag das Denken und Reden ordnet. Es gibt nur ein Jetzt, – eines aber (da ist es schon wieder), von dem ich so gut wie gar nichts weiß. Dieses Jetzt drückt sie, seltener werdend zwar, aber doch immer noch ab und zu sprechend aus. Manchmal verstehe ich sie. Manchmal nicht. Dieses „Pö!“ zum Beispiel, das sie unverhofft sagt, das mit jungmädchenhafter Stimme am Ende nach oben kiekst, verstehe ich nicht. In meiner Wenndannwelt denke ich bisweilen, es sei ein Ausdruck des Trotzes. Stimmt aber nicht. Sie sagt es auch, wenn sie gerade gar nicht trotzt. Aber vielleicht trotzt sie dann woanders in ihrem Anderland. Also doch Trotz? Irgendein Rest von einem Dasein als Kind? Als junges Mädchen? Oder einfach nur Lust auf diesen Klang? Dieses Modellieren der Stimme? Ich weiß es eben nicht.
Es kann auch ein „P-h-o“ sein, das h deutlich getrennt vom P, das o wie bei oft. Die Stimme tief, wie bei einer, die sich auf den Spaten lehnt nach 3 Stunden Umgraben. Doch auch das ist meine Phantasie. Ich weiß nicht, ob sie damit noch Anstrengung ausdrückt oder Erinnerung an Anstrengung, Anstrengung beim Erinnern, das ins Leere läuft, weil es gar kein Erinnern kennt.
Immer dann bin ich zwar bei ihr, treffe sie aber nicht an.
Manchmal aber treffe ich sie an in Anderland.
Ab und zu fängt sie unverhofft an zu zählen. Auf der Suche nach Kontaktmöglichkeiten zu ihr spreche ich dann mit. Immer Zweiergruppen. Meistens fängt es irgendwo bei 12, 13, 14 an. Dreizehn, Vierzehn. Stimme leicht rauf. Es geht ja gleich weiter. Gibt es also doch ein Nachher? Fünfzehn, Sechzehn, Pause, Siebzehn, Achtzehn, – Verstohlen schaue ich mich um, ob jemand mitbekommt, was wir hier gerade machen. Neunzehn, Zwanzig. Plötzlich schießt sie aus Anderland auf mich. „Warum plapperst du mir eigentlich alles nach?“ Ich möchte sagen „ich plapper doch nicht nach, ich plapper mit“, aber das käme aus einer anderen Zeit. Also schweige ich. Und hör ihr zu. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Mit so einem Klang wie Wohlwollen. Als würde sie dem Jungen zusehen, wie er Erdbeeren ins Körbchen sammelt und ihm mit aufmunterndem Mitzählen helfen wollen.
Auch beim Singen treffe ich sie häufig an, wenn ich sie besuche. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Bei „Klipp Klapp“ steigt sie oft ein. Oder bei „und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Um Weihnachten herum habe ich sie mal gefragt, ob sie eigentlich auch Weihnachtslieder kenne. Natürlich, sagte sie, mit Entrüstung, wie ich so etwas Dummes fragen konnte. Und fing an. „De-her Mai ist gekommen … „. Das ist auch ein schönes Lied, sagte ich und dann: Ich meinte aber (sic!!) so ein richtiges Weihnachtslied. Kennst Du so eins auch? Ja klar. Jungmädchenhaftes nach oben Kieksen der Stimme. Und als Beweis legte sie los: „De-her Mai ist gekommen … “. Ob es der Gleichklang ist von Weih und Mai? Egal, – ich schmetter mit. Und treffe sie an.
Heute wollte ich den Pflegerinnen beim Füttern helfen. Sie öffnet aber den Mund nicht. Ich versuche es mit allen Tricks. Nichts hilft. Reden nutzt schon mal gar nichts. Mach mal den Mund auf. Hm, das ist lecker. Mit dem Stück Marmeladenbrot auf der Gabel leicht ihre Lippen berühren. Mit dem Stück Marmeladenbrot auf der Gabel in einem etwas größeren Bogen, so, dass sie es sieht, auf ihren Mund zubewegen. Mund aufmachen vormachen. Nichts. Plötzlich sagt sie: Du willst mich bloß reinlegen. Erst will ich protestieren. Nein, nein, ich will Dir doch nur beim Essen helfen. (Ich Gutmensch). Aber dann zögere ich, schweige kurz und sage. Ja! Stimmt! Und lache. Und sie lacht mit. Wir schauen uns an beim Lachen. Wieder hab ich sie kurz angetroffen.
Das Happy End könnte jetzt sein, dass ich ihr das Stück Marmeladenbrot schnell in den Mund schiebe, jetzt, wo sie beim Lachen den Mund auf hat.
Kurzes Zögern beim Verarbeiten dieser Idee. Schon ist der Mund wieder zu. Es war auch keine gute Idee.
Das Happy End: Isst sie eben nicht! Pö!

Zu doof?
Zu schlampig?
Zu faul?

Leere Flaschen neben Altglascontainer

Oder war alles ganz anders?

mietz … mietz … mietz

In der üblichen Teambesprechung zum Wochenabschluss hatten sie auch über Frau Helger gesprochen. Alle waren sich einig, dass ihre Demenz sich beschleunigte. Die Pflegekräfte, die sie regelmäßig besuchten, hatten beobachtet, dass ihr Zimmer zunehmend verwahrloste. Das war an sich noch kein Problem. Allerdings ließ der Geruch darauf schließen, dass hier und da auch verderbende Lebensmittel an versteckten Stellen lagen. Aber wie sollte man die beseitigen, ohne Fau Helger zu beschämen? Man konnte ja schlecht zu ihr gehen und sagen: „Frau Helger, in ihrem Zimmer stinkt’s. Hier muss mal Ordnung gemacht werden.“ Das wollte man ihr nun wirklich nicht antun, denn Frau Helger war Zeit ihres Lebens immer eine sehr ordentliche Frau gewesen, die ihren Haushalt geradezu vorbildlich in Schuss gehabt hatte. Sie wäre zurecht entsetzt über ein solches Ansinnen. Aber alles so lassen? Man einigte sich auf einen Trick. Timo, der FSJler, mit dem sie sich besonders gut verstand, sollte zu ihr gehen und ihr sagen: „Frau Helger, das Altglas wird heute umsonst abgeholt. Haben sie noch leere Flaschen? Dann würde ich sie rasch nach runterbringen. Oder wollen Sie das selbst erledigen?“ Natürlich würde sie das wollen. Sie war doch eine reinliche Frau.

Und tatsächlich. „Ach lassen Sie mal. Sie haben genug andere Dinge zu tun. Ich mach das rasch selber. Gegenüber ist doch ein Altglasbehälter.“ Sofort stand sie auf und griff sich zwei Plastiktüten mit leeren Flaschen. Die Rotweinflasche, die oben als erste aus dem Beutel lugte, schaute sie sich ganz versonnen noch einmal genauer an. Die war erst vor ein paar Tagen leer geworden. Ihr Sohn hatte immer ein Gläschen getrunken, wenn er bei ihr war. Letztes Mal auch. Wann war das noch gleich? Hatten sie an dem Tag nicht diesen Spaziergang gemacht, bei dem sie die Frau aus dem Zimmer nebenan getroffen hatten? Die hatte irgendwas erzählt und sie hatten alle drei so gelacht. Was war das nochmal? Als Timo anbot, die Flaschen doch rasch runterzubringen, tauchte sie wieder auf. „Nein, nein, ich geh schon.“ Sie stopfte die Flasche zurück in die Tüte. Das Senfglas, das sie weiter unten in der Tüte sah, war das überhaupt leer? Sie kramte, um es aus der Tüte zu angeln. Ihr Rücken meldete sich wieder. Sich bücken tat manchmal doch weh. Sie richtete sich wieder auf und streckte sich. Besser. „Soll ich mitkommen?“, fragte Timo. „Wohin?“ „Sie wollten doch das Altglas wegbringen.“ „Ach so, ja, nein, nein, geht schon.“ Sie griff sich die Tüten und schlurfte raus. Schon vom Eingang aus sah sie den Container und ging zielstrebig darauf zu. Ein schönes Gefühl Ordnung zu machen. Am Container angekommen, stellte sie die Tüten ab und lehnte sie seitlich an den weißen Klotz mit den drei Löchern. Sie wollte nicht, dass sie umkippten und dann die peinlichen leeren Flaschen auf den Weg rollten. Gerade wollte sie die erste Flasche herausholen, da hörte sie ein Auto auf den Parkplatz des Altenheims fahren. Sie schaute hin. Ob das ihr Sohn war? Aufgeschreckt von dem Geräusch huschte eine Katze weg, die sich gerade noch auf dem warmen Pflaster den Bauch gewärmt hatte. Frau Helger lächelte. Das war Mietzi. Die Katze von Frau Reiners. Die kam immer sofort zu ihr, wenn sie die Hand ausstreckte und strich ihr um die Beine. Auf der Bank vor dem Eingang sprang Mietzi ihr manchmal auf den Schoß und ließ sich streicheln. War die Bank noch frei? Ja. Und es stand sogar die Sonne darauf. Mal sehen, ob es ihr wieder gelingen würde, Mietzi zu locken. Sie stapfte in Richtung Bank. Mietzi lag ein paar Meter weiter auf einem anderen gepflasterten Sonnenfleck. Frau Helger setzte sich auf die Bank und streckte die Hand aus.
„Frau Helger, ist Ihnen nicht kalt?“ Susanne stand vor ihr und schaute besorgt. Ja, ihr war kalt. War nicht gerade noch die Sonne …? „Kommen Sie, wir gehen rein. Es wird langsam zu kühl hier draußen.“ Susanne bot ihr den Arm. Frau Helger hakte sich ein. „In ihr Zimmer?“, fragte Susanne. Als Frau Helger ihre Couch sah, atmete sie genüsslich aus. Jetzt erstmal ein bisschen ausruhen. Sie freute sich. Es roch angenehm frisch in ihrem Zimmer. Wie immer.