Tag 72

Welt verstehen

Sie wird bald 4. Unablässig rattert in ihrem kleinen Köpfchen das Verarbeitungs- und Sortier-Aggregat. In einem Wahnsinnstempo. Und sie teilt es mit.
Jetzt sitzt sie da. Schaut mich an. Ein bisschen versonnen. Ab und zu wandert ihr Blick nach schräg irgendwo da oben. Sie sagt:
„Man darf sich nicht umarmen. Wenn man sich umarmt, kann man krank werden. Von dem Corona. Aber in der Familie nicht. Da kann man sich umarmen.“ Ihr Gesicht sieht aus, als würde sie ihren eigenen Worten noch einmal nachhorchen.
Sie wirkt nicht ängstlich oder verunsichert. Sie ist dabei, zu verstehen.
Ich will dazu nichts sagen. Ich schaue sie sein Weilchen an. Dann streichele ich ihre Wange. Die schmiegt sich mir entgegen.

Tag 13

Die Recherche hat nichts ergeben.
Wir machen das Skype-Familien-Musik-Treffen trotzdem. Chaos ist schon fast ein euphemistischer Begriff für das, was dann passiert. Wir schlingern zwischen Verzweiflung und Schlapplachen. Eine ganze Weile. Als wir uns voneinander trennen, sind alle irgendwie zufrieden. Merkwürdig, wie wenig schon reicht, wenn man sich nicht nah sein darf.
Immerhin lernen wir: Die schönen Filmchen, die angeblich Menschen zeigen, die via Internet zusammen musizieren, sind wahrscheinlich Fake. Oder wir möchten einfach glauben, sie würden live zusammen musizieren, so sehr, dass wir ihnen unterstellen, sie produzierten Fake.
Nach unserer Erfahrung geht es „live“ definitiv nicht.
Was ich noch lerne: Ich bin beim Skypen immer wieder auf’s Neue irritiert, wenn meine Gesprächspartner*innen entweder so merkwürdig ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas aussehen oder mir immer auf’s Kinn gucken. Dann verstehe ich: Sie müssen in die Kamera gucken, damit ich das Gefühl habe, sie sähen mich an. War das nicht Lektion 1 beim Selfie-Lernen? Ich muss auch in die Kamera gucken. Dann haben meine Partner*innen das Gefühl, dass ich sie angucke.
Aber dann kann ich sie nicht sehen. Und gucke ihnen doch wieder auf’s Kinn. Oder ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas …

Tag 12 [21.07.]

Florenz. Aufgeregt eilen wir zum Dom. Wir sind verabredet mit der anderen Tochter, der Schwester, der Schwägerin, je nachdem wer von uns an sie denkt. Sie ist heute hier gelandet mit ihrem Freund.
Im Gewühl am Dom verlieren wir uns sogar kurz. Vor lauter aufgeregter Eile.
Schließlich entdecken wir sie in einem Café hinterm Dom. Sie strahlt uns entgegen.
Wir streifen zu sechst durch Florenz. Wie klitzekleine Sandkiesel in einem eifrig strömenden Bach purzeln wir durcheinander. Mal geht die mit dem. Dann mit der. Dann wieder mit der und der. Die dritte tänzelt immer mal auf mal neben dem Bordstein. Der Bürgersteig ist einfach zu eng für drei. Aber man möchte ja nebeneinander. Immer wieder sehe ich mich um und bin glücklich.
Meine Leute, mein Lächeln, meine Liebe.
So viele andere Leute kieseln wie wir durch die Stadt. Wir werden hierhin gestupst, dahin geströmt. Da sind kleine, glatt geschliffene graue, da sind grobere, sie treiben eher holprig, da sind bunte, schwere, leichte, derbe, feine.
Mal bleibt ein Grüppchen Kiesel an einer Statue hängen, kieselt ein wenig hin und her. Strömt dann weiter. Nur eins bleibt noch hängen. Die anderen sind schon weiter getrieben. Es purzelt hinterher. Andere Sandkiesel strömen achtlos vorbei. Als wären sie auf dem Weg irgendwohin. Wir alle kieseln durch die Stadt der wuchtigen stein gewordenen Bedeutungsschwere.

Löwenkopf mit Taube

Und der bunten Nur-so-Sachen, des grellen Nippes, den man kauft, damit man später sich erinnert. Weißt Du noch? Das haben wir damals in Florenz. Ein Häufchen Kiesel vor dem großen kleinen David. Was wohl von unseren Zeiten bleiben wird? Woran dann die Kieselschwärme entlangströmen? Wovon sie dann erzählen?
Schließlich möchten wir verweilen. Strömen in eine kleine Bar, die in einem länglichen Schlauch mit schmalen Tischen auf den Arno zeigt. Drängen uns um den Tisch. Und plappern. Wie Bachkiesel, die kichernd an einander stoßen. Kleine Bedeutungsschwere inmitten der großen steinernen, würdevoll und ernst deklamierenden.
Ich freue mich.
Meine Leute, mein Lächeln, meine Liebe.