Ein Mensch, den ich sehr schätze, hat mir eines seiner Gedichte zu lesen gegeben. Es kam mir sehr nahe. So nahe, dass ich den Wunsch hatte, es für meinen Blog zu „adoptieren“. Zu meiner Freude willigte er ein…:

 

Kleiner denken II

Kleiner, nicht gar nicht
denken,
bescheidener,
menschennäher.
Uns Menschen nähren
mit Zuspruch
uns ernst nehmen, annehmen
in unserem Groß sein im
Klein sein
in unserem Klein sein
im Groß sein

Gebunden, verwoben,
behaust durch Millionen Jahre
durch Familie, Familiengeschichten,
erst recht durch Biologie und Chemie,
und ja:
Begnadet mit Traumvermögen und
Tanz
Hoffnung und Liebe
mit Vermögen zu Abgründen aller Art
und auch
dem Gegenteil.

Lernen zu buchstabieren:

Wer kommt mir entgegen?
Wem komme ich entgegen?
Wer flieht vor mir?
Vor wem flieh ich?
Auch: vor was?

Wem kann ich geben
zu essen, zu kleiden
von wem kann ich empfangen
ohne zu tauschen
zu zahlen

B.Damm 24

Das Naheliegende

Irgendwo in
Überall tut Jemand
An seinem Arbeitsplatz
Das Naheliegende. Jenseits
Des Tellerrandes geht unbemerkt
Glühend die Sonne unter.

Und wieder auf. Beleuchtet
Das Naheliegende.

Schlau

Und wenn ich heute sicher wüsste
Dass ich morgen gehen müsste
Dann wär mein Leben heut‘ schon grau.

Und deshalb ist dies wirklich schlau:
Am Tag, an dem ich gehen muss
Hab’s gestern ich noch nicht gewusst.

Montag II

Schnee von heute

Schneehaufen Rest

Frage

Und könnte ich so
Wie auf diesen Rest
Vom wilden Schneeweh’n
Auch auf mich selber seh’n:
Selbst im Vergeh’n
Noch schön?

 

Ent-sinnen

Wenn ich in Dir verrinne
Wenn sich der Sinn der Sinne
Vom Außer mir ins Innen
Stülpt und umgekehrt
Zugleich er-innert und begehrt
Dann gibt es kein Entrinnen
Schon will beginnen
Das Entsinnen

Aufblitzt sie wieder:
Die Verletzlichkeit des Augenblicks.

Tag 53

Morgensonne 1 Kleine Lichtinseln
Morgensonne 2 Kleine Lichtinseln
Frisch gestimmt

Wie erste Morgensonnentupfen
Perlentöne aus den Vogelstimmen zupfen
Wie in frisch aufgezog’nes Bettzeug hinzusinken
Wie Vergleiche, die kess grinsend hinken
Wie die Hände an der warmen Tasse Tee
Nach einem Fröstel-Sturm-Spaziergang an der See
Wie beim Nachhausekommen Zwiebelbratgeruch im Flur
Wie winterweises Ruhen von Natur
Wie der Verzicht auf Garantie
Für Zuversicht und Empathie. Wie
Vanilleeis, grad im Beginnen
Auf warmem Apfelstrudel zu zerrinnen.
Wie sanftes Pusten, das den Kinderschmerz verringert
Wie ihr Blick, der unversehens so verlangverführig schimmert
Wie wenn von der sich öffnenden Mohnblütenknospe
Ich scheue Blicke lockende Verheißung koste
Wie ein Segelschiff durch wilde Wasser reitet
Ein Tambourin den Schrei der Welt begleitet
Wie Jetzt
Wie Hier
So klingt
Frisch gestimmt
Mein Klavier.

17. September 2018

Abschied nehmen

Abschied nehmen
Kann man auch Abschied geben?
Und wenn man Abschied genommen hat
Hat man dann den Abschied?
Kann man also Abschied haben?

Seh’n wir uns morgen?
Du, sorry, ich kann nicht, ich hab Abschied.

Vielleicht kann man Abschied
Nicht nehmen
Vielleicht kommt Abschied
Und geht.
Und wenn du ihn merkst
Ist er schon viel früher gekommen
Und wenn du denkst, er sei gegangen
Bleibt er länger, als Du glaubst.

Wenn du ihn spürst, ist es
Als würdest du eine Sonnenbrille abnehmen
Erst dann weißt du
Dass schon lange dein Tag
Abgedunkelt war.

Vielleicht kann man Abschied
Zu sich nehmen wie eine Speise
Annehmen wie eine Gabe
Einnehmen wie eine Medizin.
Abschied, der schon da ist
Nehmen.

 

Trübsal

Trübsal
Nicht mal geblasen
Zuviel Aktivität
Heimlich herbeigenebelt
Dräut sie vor sich hin
Quillt in die Zwischenräume
Zwischen den Synapsen
Dringt in die Hohlräume
Wie Dichtungsschaum
Hält gleißend entfärbte
Gedanken gefangen
In grauen Zellen.

AFD

Meine Fresse
Mein Land
Meine Frau
Meine Stadt
Mein Vaterland
Mein Volk
Mein Gott
Mein Eid
Mein Kampf
Mein Atomkraftwerk
Meine Prügelstrafe
Mein Gott
Vermeintes Gelände.

Tag 14 [23.07.]

Vielleicht doch

Vielleicht doch
Frieden schließen mit meiner Misere
Meinen monströsen Miserchen.

Komm, Leid, setz dich zu uns
Die andern sind schon da.
Ich stell sie dir vor.
Als erstes Krotos, der arge Selbstzweifel
Alle denken, er trage den Namen eines griechischen Gottes und schämen sich, weil sie ihn nicht kennen.
Dann Hielgar, die Angst vor dem Tod
Genauer gesagt: Vor dem Totsein.
Und schließlich: Ssam͠sul, die Not, sich nicht genug geliebt zu fühlen.
Sie grämt sich, weil keiner sich die Mühe gibt, ihren Namen richtig auszusprechen.
Sag uns deinen Namen.
Bro¢, sagst Du? Ich müsste ihn kennen?
Du kennst uns?
Aber natürlich! Klar! Du warst schon öfter bei mir. Jetzt erkenne ich dich.
Du bist die Schlafnot.
Nach Deinem Namen habe ich aber nie gefragt.
Das wüsste ich.
Nun, – setz dich zu uns.
Wir erzählen gerade unsere Geschichten.
Zeigen uns gegenseitig Bilder.
Wunder dich nicht, wenn sie sich wiederholen, die Geschichten
und die Bilder. Sie sind schon ein bisschen abgegriffen.
Wir benutzen sie halt oft, weißt du.

Ihr Lieben, fühlt euch wie zu Hause.
Vielleicht ziehe ich mich zwischendurch mal zurück.
Ich bin sehr müde.
Ihr könnt natürlich bleiben.
In meinen Träumen ist noch Platz.
Offen gestanden wäre ich allerdings auch nicht böse, wenn ihr gingt.

Aber womöglich vermiss ich euch dann
Vielleicht doch.

Danach

Du warst ein Samen
Davor Molekül
Davor warst du etwas
Das starb und zerfiel
Davor warst du Leben.

Neuerdings verzichte ich immer öfter auf das Aktivieren irgendeines Wisch-, Daddel- oder Dudel-Apparates. Selbst das Autoradio bleibt aus. Einfach nur denken ist aufregender, als man denkt.

Zeit

Spüren, wie die Zeit sich regt
Mild pulsierend deine Sinne hegt
Die feinen Härchen an den Zellkernen behaucht.

Sie stell’n sich auf
Merksam bebend
Strecken sich
Dem Leben entgegen.

Sie wispern leis‘
Als wär das eine schöne List:
Du bist.

Auf andere Art anders

Heute ist meine Strecke
Auf andere Art anders als
In den Tagen, die vergangen sind
Die milchige Wärme
Einer milden Morgensonne mischt
Sich mit der harschen Kälte
Der Nacht
In anderen Welten
Zu anderen Zeiten:
Ob da der Tag heute
Der richtige gewesen sein würde?
Der für das Frühlingsopfer lang ersehnte?
Und ob das junge Mädchen
Gebannt gewesen sein würde
In freudige Erwartung der Ehre
Die ihr zuteilwerden würde?
Vorsicht – eine aufgetaute Riesenpfütze
Schau
Trotzkopfdumm
Auf deine Füße!

Kleiner Trost II

Vorschlag für meinen Grabstein

Ich hatte mein Solo.
Es war sehr schön.
Nun werde ich wieder Ton
Im Klang der Ewigkeit.
Vielleicht kannst du mich
Ab und zu hören.

Kleiner Trost I

Seelenruhig
Fließen meine Tage ab.
Sandkorn für Sandkorn
Spülen sie
Von den Hinter-Gründen.
Übrig bleibt
Die Hauptsache.

– ohne Titel –

Die Nacht ist
Dunkelgiftigblau
Über mich gewölbt.
Gallige Gedankengase
Gären im Schlamm am Grund
Meines Lebens.
Alte Nöte
Steigen auf in modrig platzenden
Bedrohlichkeits-Blasen.

Licht an. Augen auf.
Komisch, dass das gar nicht stinkt
Aus demselben Geist, der denken kann:
Ein Glück.

Am Morgen nach dem abendlichen Anruf

Nun also wieder Abschied
Einer, der die Nacht zerfetzt
Die Seelenhaut verätzt
Gedanklichkeit zersetzt
Die feine Schicht einritzt
Die den Augapfel schützt
Mit wirrem wildem Fragenwahn
Aufpumpt das Hirn
Zum Bersten leer
Die Stirn
erhitzt.

Wer ist seit wann wie warum schuld?
Drängend waidwunde Ungeduld
Ver-rückt
Aus der Zeit gedrückt
Alles wie immer nicht
Verstanden gesagt
Gemeint
Nein verjat
Ja verneint
Los, Zeit, mach hin!
Das Schlachtgetöse ist doch jetzt verklungen
Schenk mir nun auch ein inneres Verstummen
Dass eine weitere Narbe werde
Was Wunde ist.