24. Februar 2022

II

Erschreckende Erkenntnis: Ich weiß nicht, wie Frieden geht. Wie in Frieden Sein geht. Im Kleinen nicht und schon gar nicht im Gr0ßen. Was ich – immerhin – ahne, jedenfalls im Kleinen: Er beginnt immer mit Nachgeben. Auch und gerade dann, wenn es wehtut. Mir oder meinem Gegenüber. Das Nachgeben. Weil für mich oder mein Gegenüber Recht, Erkenntnis, Werte, Gefühl – einfach alles –zornig dagegenspricht. Und weil Stärke zu zeigen einen hohen Wert hat.

Am 24. Februar 2022 war mein erster Gedanke: Die Ukraine muss sofort kapitulieren. Sie muss das tun im Zusammenspiel mit einem Konsortium international anerkannter Politiker: innen und sonstiger wichtiger Akteure aus UN, OSZE, Nato, Internationalem Währungsfont, aus allen Kirchen, aus NGO’s und Hilfsorganisationen. Und im Zusammenspiel mit den Menschen in der Ostukraine und auf der Krim. Oberstes Ziel kann nur sein, dass möglichst kein einziger Mensch stirbt. Mit jedem Eskalationsschritt würden es mehr werden. Würde der Krieg länger dauern. Würde der Tod wüten für Kriegsziele, von denen man sich dennoch ganz zwangsläufig irgendwann wird verabschieden müssen. Eine klug vorbereitete und inszenierte Kapitulation schien mir der einzig rationale Umgang mit dem Überfall durch die russische Armee. Vor meinem inneren Auge ergänzte ich diese Vorstellung mit einer weltweiten Bewegung, in der Menschen kommentarlos weiße Tücher aus den Fenstern hängen. Auch in Russland.

Erzählt habe ich das nur drei sehr vertrauten Menschen. Sonst niemandem. Ich habe mich nicht getraut. Ich hatte Sorge, meine Gedanken würden als pazifistische Weichei-Spinnerei abgetan. Und ich möchte kein pazifistischer Weichei-Spinner sein. Mich lässt das noch heute stutzen, dass ich offenbar mit einer bitteren Automatik genau solch eine Bewertung mit meinen Kapitulationsgedanken verband. Als würden mir immer noch alle diese – meist männlichen – „Vorbilder“ im Nacken sitzen, die Zeit meines politischen Denkens eine unüberwindliche Mauer bildeten. Man hatte die Realitäten zu sehen. Und das bedeutete immer, den Status Quo der furchtbaren Spielregeln der jeweils gültigen Welt- Wirtschafts- und Sozialordnung zu akzeptieren. Als ich jung war, konnte ich noch mit scheinbar verstehender, in Wahrheit hochnäsiger „Na-ja-er-ist-ja-noch-jung-Nachsicht“ rechnen. Je älter ich wurde, umso weniger. Und umso mehr befleißigte ich mich in Konfliktsituationen selbst auch der Logik der Eskalation. Des Stärke-Zeigens. Beim Autofahren, im Beruf, in privaten Auseinandersetzungen.

Nicht einmal in Ruhe mich zu informieren und nachzudenken, vielleicht zusammen mit anderen, hilft. Ich gerate immer in dieselben Sackgassen.

„Natürlich“, so kann ich denken, „muss jetzt der sogenannte Westen dem ‚Regime Putin‘ unmissverständlich zeigen, dass ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen ein Nachbarland nicht hinnehmbar ist. Natürlich muss deshalb der Westen die Ukraine ermächtigen, sich so zu verteidigen, dass die Angriffsnation nicht mit einem Erfolg rechnen kann.“ In der „Die-Welt-ist-nun-mal-wie-sie-ist-Logik“ ist das zwingend. Es bestünde ja, wenn man es nicht täte, – so folgere auch ich – die Gefahr, dass das russische Regime immer weitermacht. Also muss man es jetzt stoppen.

Ende der Sackgasse erreicht. So zwingend logisch, wie es scheint, ist es ebenfalls zugleich zwingend zynisch. Der Westen ermächtigt die Ukraine, Krieg zu führen. Das bedeutet: Umfassendes, nicht enden wollendes Menschen-Töten. Um das russische Regime zu stoppen? Um die Werte des sogenannten freien Westens – gerne genannt: „unsere Werte“ – zu verteidigen? Je stärker dieser „freie Westen“ die Ukraine ermächtigt, umso größer wird die Zahl der Getöteten, die dieser „freie Westen“ als Kalkulationsmasse behandelt. Denn in dieser Logik wird der Krieg erst enden, wenn beide Seiten durch ihn kein Fortkommen mehr sehen. Wie groß muss der Leichenberg, gefördert durch die Waffen des Westens, bis dahin werden?

Notausgang aus der Sackgasse: Stimmt das überhaupt, dass Russland dann immer weitermachen würde? Ist das wahrscheinlich? Kein Notausgang. Ich kann die Frage nicht beantworten. Wahrscheinlich können das nicht einmal Geheimdienste, also auch nicht die real entscheidenden Akteure im Westen. Wenn man mit irgendeiner Art von Kapitulation jetzt ein Ende dieses Krieges erreicht, müsste man zugleich diplomatisch Schutzmauern gegen die vermutete Weiterführung des Imperialismus durch Russland einziehen. Wie sollte das gehen? Also eine neue Sackgasse.

Ich versuche einen anderen Gedankenweg und ende wieder in einer Sackgasse. Menschen, die in offenen Briefen oder in Talkshows ein stärkeres Bemühen um diplomatische Lösungen wünschen oder gar fordern, vielleicht gar ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen, wird gerne vorgeworfen, vom gemütlichen Sofa aus könne man diese pazifistische Haltung leicht haben, als Bürgerin und Bürger der Ukraine, umgeben von der Leibhaftigkeit des Schreckens, wohl nicht. Auch das hat eine unmittelbar einleuchtende Logik. Diese Haltung wird von einem (jetzt ehemaligen) ukrainischen Botschafter geradezu unflätig verbreitet. Man lässt es ihm durchgehen. Er stehe halt unter Druck und müsse für die Unterstützung seines Landes kämpfen. Diese Großzügigkeit bringt man gegenüber denen, die mehr Diplomatie fordern, eher nicht auf. Sehr schnell erscheint der Topos der pazifistischen Spinner auf der Leinwand des öffentlichen Diskurses. Oder noch schlimmer: Der Topos „Putinversteher“. Zwei Gedanken weiter zeigt sich dann auch hier das Ende der Sackgasse. Denn die „Sofa-Logik“ gilt ja für die „Realisten“, also die „Nicht-Pazifisten“ genauso. Eigentlich sogar stärker. Vom Sofa aus lässt sich trefflich Eskalation betreiben. Man kann – je nachdem, wie forsch man formuliert – für sich selbst sogar ein bisschen Heroismus abschöpfen. Preiswerten allerdings. Denn er muss nicht mit dem eigenen Blut bezahlt werden. Man kann den schneidigen Ton eines Herrn Hofreiter, einer Frau Strack-Zimmermann, eines Herrn Merz, eines Herrn Röttgen und vieler anderer auch so lesen. Der Ton eines Gustav Gressel vom European „Council on Foreign Relations“ wäre mit „schneidig“ schon unangemessen freundlich bezeichnet. Er nennt in einem groß aufgemachten Interview im „Stern“ die Entscheider im „Westen“ „Hosenscheißer“.

Was sich als zwingende Logik geriert, ist genau das oft gerade nicht. Es wird nur erst beim zweiten Blick deutlich.

Gegen Ende Januar 2023 debattiert die Medienwelt über die Lieferung von Leopard-Panzern an die Ukraine, – gerne kumpelig „Leo“ genannt. Begleitet wird diese Debatte von umfassenden Informationen über die Leistungsfähigkeit dieses Panzers. Dies wiederum gerne begleitet von beeindruckenden Bildern, wie diese Geräte durch schlammiges Gelände pflügen. Als ginge es um die Markteinführung eines neuen SUV. Anfangs argumentieren Menschen wie Frau Strack-Zimmermann in vielen Interviews damit, dass Deutschland mit seiner zögerlichen Haltung in Europa isoliert sei. Es entsteht der Eindruck, diese Zögerlichkeit führe dazu, dass der Ukraine Hilfe verweigert werde. Im Laufe der Debatte wird langsam klar, dass die Isolations-These nicht stimmt. Diejenigen Länder, die sich schon früh klar für eine Lieferung der Panzer positionieren, sind die baltischen Länder und Polen. Es gibt die behauptete Isolation nicht. Es gibt – abgesehen von den genannten Ländern – eine Gemeinschaft des Zögerns. In dem Moment schwenkt Frau Strack-Zimmermann um und beklagt mangelnde Führung durch Deutschland. Was dann das Gegenteil bedeutet. Deutschland soll sich durch ein „Ja“ zur Leopard-Lieferung in die Isolation begeben. Als Grund wird genannt: Deutschland sei die stärkste Wirtschaftskraft in Europa und müsse vorangehen. Wieder tut sich eine Sackgasse auf. Ich erlebe Frau Strack-Zimmermann und alle die anderen Protagonisten des Stärke-Zeigens als Menschen, die sich nicht fragen, welche Lösungen jetzt sinnvoll wären, sondern nach Argumentationen suchen, die im Sinne der gewünschten Eskalation den Beifall einer angenommenen Öffentlichkeit versprechen. Und ich habe immer wieder den Verdacht, dass Mechanismen der parteipolitischen Auseinandersetzungen wichtiger sind als das Problem selbst. Wenn Herr Merz dem Kanzler wortgewaltig Zögerlichkeit vorwirft, so unterstelle ich, geht es ihm gar nicht um die Ukraine, sondern darum, den politischen Konkurrenten zu beschädigen und zugleich als Nebeneffekt darum, mit der Anklage der Führungsschwäche eigene Führungsstärke zu suggerieren. Also der bessere Kanzler zu sein. Mit dem kleinen Makel: In der Konjunktiv-2-Version der Kritik an der angeblichen Führungsschwäche des Gegners ist der Eindruck eigener Stärke leicht herzustellen, nur halt als Schein.

Ich nehme all dieses Getöse wahr. Und beobachte mich selbst. Ich spüre, wie ich ein wenig aufatme, wenn ich lese, die Ukraine habe hier oder dort Gelände zurückerobert. Die russische Führung habe sich verkalkuliert. Ich bin Zaungast und werde zum „Mitfiebern“ verleitet. Die Unabhängigkeit von russischem Gas sei geschafft. Das Raketenabwehrsystem „Patriot“ werde zu neuer Stärke der Ukraine führen. Die ukrainische Armee habe höhere Kampfmoral als die russische. Als würde ich einer sportlichen Auseinandersetzung beiwohnen und mich freuen, wenn die von mir favorisierte Partei Oberwasser gewinnt. Begleitet werde ich dabei von Militär-Spezialisten, die Strategien erklären und bewerten. Von Kampfkraft sprechen, von Durchschlagskraft, von Truppenstärke und Ähnlichem. Ich nehme wahr, wie mir Herr Selenskyj sympathischer ist als Herr Putin. Hier der um sein Volk besorgte aufrechte Streiter im fronttauglichem grünen Pullover. Dort das unbewegte Gesicht des Despoten im schwarzen Anzug, der immer zu klein an zu großen Tischen sitzt mit gespreizten Beinen. Hier das tapfere ukrainische Volk. Dort ein Volk von durch professionelle Demagogie irregeleiteten Idioten. Hier die weinende alte ukrainische Frau, die aus einem zerschossenen Haus klettert. Dort die pelzbehängte Schönheit vor einer Boutique in Moskau, die es richtig findet, dass die Nazis in der Ukraine jetzt entmachtet werden. Und muss mich zwingen, mir immer wieder klarzumachen: All das sind Bilder. Ausgewählt und arrangiert. Nicht die Wirklichkeit. All dies ist Inszenierung. Und relativiere meine Gefühle.

Und erneut muss mich wieder zwingen, mir zu vergegenwärtigen: Es geht hier darum, Menschen zu töten. In möglichst großer Zahl. Um in eine günstige Verhandlungsposition zu kommen. Und dann wünschte ich sehnlichst, die Akteure der öffentlichen Debatten würden in ihrem Gestus, in ihrer Wortwahl, in ihrer Haltung endlich die demütige Zurückhaltung zeigen, die das Töten erfordert.

Umgeben von den Mauern am Ende der Sackgassen hebe ich ab. Und phantasiere ein Schul-Geschichtsbuch in 50 Jahren. Es wird der Versuch gemacht, möglichst griffig zu erklären, wie es zum 3. Weltkrieg kam. Textbruchstücke scheinen auf. Von der Besetzung der Krim, von russischen Separatisten, von der Russland-China-Allianz, von einem chinesischen Ballon über Montana, von Taiwan, von dem Krieg in Syrien, den russische Truppen im Sinne des syrischen Machthabers entscheiden. Von den Drohnen-Lieferungen des Iran an Russland. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, wie das Durcheinander all der bedrohlichen Einzelheiten im jetzt geschehenden Heute zu einem erklärenden und verkürzt gewichtenden Geschichtstext aus der Rückschau gerinnt.

Und dann höre ich lieber auf zu denken. Zu bewerten.

Und frage mich, wie das gehen soll. Wahrnehmen, hören, sehen, mitfühlen ohne zu denken, ohne all das in meinem kleinen Kopf sortieren zu wollen. Ohne zu verdrängen.

An dem Tag, an dem ich diesen Text beende, muss ich morgens zur Ärztin. Ich kratze sorgfältig die zugefrorene Frontscheibe frei und fahre los. Als sich die Straße aus unserer Siedlung gegen die tief stehende Morgensonne wendet, hat sich die gefrierende Tauschicht auf der Scheibe wieder verdichtet. Ich sehe buchstäblich nichts mehr. Ich suche nach einer Möglichkeit, doch noch weiterzufahren. Aber es wäre die pure Unvernunft. Also bleibe ich stehen. Hinter mir steht inzwischen ein anderes Auto. Ein ziemlich großes. Ich schalte die Warnblinkanlage an und gehe hin. Entschuldige mich, dass ich stehenbleibe. Aber ich müsse jetzt erst noch einmal kratzen. Der Fahrer faucht mich wütend an: Und dann bleiben sie hier mitten auf der Straße stehen!?! Es folgt eines dieser sinnlosen zornigen Wortgefechte. So laut, dass mich eine Nachbarin besorgt fragt, ob alles in Ordnung sei.

Und als ich an diesem Tag wenig später von der Ärztin zurückfahre, höre ich im Radio eine Reportage über „Agent Orange“, das Gas, das als Kriegswaffe von der Armee der USA großflächig eingesetzt wurde. Und erfahre, dass noch heute die dramatischen Auswirkungen dieses Giftes das Leben von Zehntausenden von Menschen zerstören. Noch in der vierten Generation, so höre ich, sind bis zu viertausend Menschen unter 12 Jahren an den Folgen gestorben.

Und komme zuhause an.
Und atme auf.
Und stehe vor den Fotos der Kinder und Enkelkinder in unserer Küche. Wie schön sie sind!
Und spüre ihr Glück. Und meins.
Und schäme mich fast. Weil genau in diesem Moment wieder jemand durch eine Kriegswaffe stirbt.

Und denke: Das muss doch ein Ende haben! Dieser Irr-Sinn, so unrealistisch es auch scheint in dieser „Die-Welt-ist-wie-sie-nun-mal-ist“-Welt.

Und am selben Tag erlebe ich, wie die Zahlen der Opfer des Erdbebens in der Türkei und in Syrien mit quälender Unerbittlichkeit steigen.

Und denke: „Bitte, bitte, bitte!! Die Welt schreit doch nicht nach Krieg! Sie schreit um Hilfe!“

Wofür steht das Ja in Dir?

Oder: Freudlos empörtes Mäandern zwischen Verbot und Erlaubnis

Ich höre mich mit Inbrunst sagen: „Das habe ich doch gar nicht so gemeint. Ich wollte dich nicht verletzen.“ Der leuchtlose Blick meines Gegenübers verglimmt zwischen einsehen Müssen und nicht gehört Fühlen. Das Ja in mir sagt: Es zählt, was ich meine (nicht was ich sage und nicht, was ankommt).

Es regnet in Strömen. Ich stehe an einer viel befahrenen Straße und will sie überqueren. Die Stelle ist dafür vorgesehen. Der Bordstein ist an dieser Stelle abgesenkt. In der Mitte der Straße eine Verkehrsinsel. Auf der Verkehrsinsel ein asphaltiertes Wegstück. Der Bordstein gegenüber ebenfalls vertieft. Neben mir eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern. Mit einer Hand steuert sie einen Kinderwagen. Mit der anderen Hand versucht sie trotz des regelmäßig aufwallenden Windes einen Regenschirm in der Position zu halten, dass er sie selbst schützt und zugleich das etwas ältere Kind, das eine Hand am Kinderwagen hat. Mama hat ja keine mehr frei. Vor uns strömt fauchend der Verkehr vorbei. Kein Auto hält. Ich wundere mich. Eigentlich ist es doch üblich, dass Autos an Fußgängerüberwegen halten. Erst nach einer ganzen Weile wird mir klar, warum. Hier ist zwar ein Fußgängerüberweg, aber kein Zebrastreifen. Also müssen Autofahrer:innen nicht halten. Es gibt kein Verbot, weiterzufahren. Also eine Erlaubnis. Wenn wir uns dem Regen nicht weiter ausliefern wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als „the Italian way“ zu gehen: Ganz langsam immer weiter vor, bis sich ein:e Autofahrer:in erbarmt und hält. Immer eine kleine Mutprobe. Aber sie funktioniert auch hier irgendwann. Die Autofahrer:innen haben die Erlaubnis weiterzufahren. Sollen wir uns wünschen, es gäbe ein Gesetz, dass das Weiterfahren auch an Fußgängerüberwegen ohne Zebrastreifen verbietet?

Manchmal gibt es öffentliche Ächtungen von diskriminierenden Aussagen. Zuletzt z.B. bei den beiden Fußballern Jens Lehmann und Dennis Aogo. Der Empörung folgt die öffentliche Entschuldigung in dieser Art: Ich wollte mich nicht diskriminierend äußern. Wenn sich doch jemand verletzt fühlt, tut mir das leid. Freudloses Ich-entschuldige-mich-mal-besser. Kühles Abwimmeln ohne Selbstkritik. Ohne Anerkennung möglicher Verletztheit. Der öffentlichen Empörung wiederum folgt die wütende Gegenbewegung, die ein Verbot von diskriminierendem Sprechen und Cancel Culture wittert. Der Empörung über die Empörung folgen von Anfang an Informations-Medien mit offener Schnüffelnase auf der Suche nach Erregungs-Pilz-Kulturen, die sich vermarkten lassen. All dem folgen wir. Das Ja in uns sagt Ja zur Freude an der Freudlosigkeit.

In diesen viralen Zeiten war viel von Solidarität die Rede. Aufrufe von Politiker:innen beschwörten „Wir schaffen das nur gemeinsam“. Medien verstärkten den Aufruf. Pflegten ein romantisches Gefühl von Zusammengehörigkeit. Feierten Menschen, die an Fenstern standen und für Helfer:innen in der Not Beifall klatschten und manchmal gar sangen. Das Bild war so wirksam, dass ich oft ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich wieder einmal dachte: Ja – wir wissen von Solidarität, aber gespürt habe ich sie in diesen pandemischen Zeiten eigentlich nicht. Ich habe nur gespürt, dass sich erfreulich viele Menschen an die ausgerufenen Regeln hielten. Nicht aber, dass sie dies aus Solidarität taten. Zu oft habe ich anderes erlebt: Doch schnell mal dicht an der Schlange vorbeidrücken. „Ich wollte nur eben was fragen“. Am Joghurtregal dicht neben mir stehen, um unter den 200 Sorten den Lieblingsjoghurt ungeduldig drängend zu suchen und dann schnell zu greifen. Im Eingang stehen, um auf keinen Fall den Moment zu verpassen, an dem man dran ist und damit Abstand für die Herausgehenden unmöglich zu machen. Mundschutz lässig locker unter der Nase tragen. Tausende kleiner Alltags-Gesten, die die Regeln zeigten und den Umgang damit, nicht aber ein „Ja“ zur Solidarität. Gerade jetzt aktuell: Nicht wenige Menschen gehen nicht zu einem Impftermin, ohne sich abzumelden. Vielleicht haben sie mehrere Termin gebucht und nun den frühesten gewählt oder den mit dem ihrer Meinung nach besseren Impfstoff, oder den, der am nächsten war. Das Ja steht für meine Möglichkeiten, meine Auswahl, meinen Konsum.  Immer das Beste für mich. Nicht für Solidarität, denn die würde verlangen, dass ich im Sinne der Entlastung von Hausärzten und Impfzentren und im Sinne der Hilfe dabei, keinen Impfstoff vernichten zu müssen, einen Termin buche und ihn dann auch wahrnehme. Ich muss das aber nicht. Es gibt also eine Erlaubnis, mich eben nicht solidarisch zu verhalten. Da sich kaum bestreiten lässt, dass ein solches Verhalten unsolidarisch ist, denken viele – auch Politiker – über eine Strafe für „Impfschwänzer“ nach. Wieder würden dann die Menschen sich korrekt verhalten, aber nicht solidarisch. Andere würden sich unkorrekt verhalten und hoffen, dass sie nicht erwischt werden. Andere würden sich offen lauthals schimpfend unkorrekt verhalten, das Gegenteil der Regel zu ihrem Recht erklären. Allesamt freudlos mäandernd zwischen Erlaubnis und Verbot.

Anton Hofreiters Hinweis, dass in unserem Land das Ideal des Eigenheims in mancherlei Hinsicht Geboten des Klimaschutzes und des bezahlbaren Wohnraums widerspricht und man langfristig möglicherweise andere Wohnformen entwickeln muss, wurde großflächig als Vorhaben eines Verbotes umgedeutet. Es wurde ein Verbot kreiert, wo gar keins war. Nur ein nachdenklicher Hinweis. Als wollten die Menschen ein Verbot. In diesem Fall, um sich dagegen wehren zu können. Nicht wenige Politiker schürten dies. Nicht die Grünen wählen. Sie sind die Verbots-Partei. Schimpfen gegen ein Verbot, das es gar nicht gibt, um dagegen sein zu können. Eine absurde Konstellation: Der Wunsch, ein Verbot zu haben, um es verneinen zu können, ist ein Ja zum Verbot, das man verneint. Mäandern.

Wir diskutieren die Frage, wie man beim Sprechen und Schreiben abbildet, dass es mehr gibt als „männlich“ und „weiblich“, als Frage, welche Sprechweise angemessen wäre. Wir phantasieren bei der Diskussion das Verbot einer unangemessenen Sprechweise. Und regen uns auf.
Wir verlangen bundeseinheitliche Bestimmungen beim Versuch, die Ausbreitung von Covid 19 zu begrenzen. Dann bekommen wir sie und regen uns auf.
Oder bekommen sie nicht und regen uns auf. Und kommentieren höhnisch.
Wir verlangen mehr Schnelltests. Dann bekommen wir sie. Sogar bei ALDI. Dann kriegen wir keine, weil sie schon ausverkauft sind. Und regen uns auf. Viel zu wenige!!
Wir dürfen in den Baumarkt, aber nicht ins Sportgeschäft und regen uns auf.
Wir schlagen die Zeitung auf oder klicken das Nachrichten-Portal. Ab morgen dürfen wir. Ab morgen dürfen wir nicht. Und regen uns auf.
Wir wollen keine Widersprüche und verlangen gleichzeitig Regeln, die ohne Widersprüche gar nicht möglich sind.

Unser Ja steht fast immer für „Ich“. Fast nie für „Lösung“. Im Kleinen wie im Großen. Es freut sich über Erlaubnis und regt sich auf, wenn es begrenzt wird. Obwohl es durchaus Ideale hat. Zum Beispiel Gerechtigkeit oder Frieden oder Mitmenschlichkeit oder Klimaschutz oder Tierschutz oder kulturelle Vielfalt. Aber diesen Idealen gönnt unser Inneres nur ein „Ja schon, aber“, oder ein „Nur wenn“, oder ein „was soll das bringen, wenn “, oder ein „Ja, demnächst wirklich mal“. Immerhin: Bei diesen „Jains“ bleibt wenigstens manchmal ein schlechtes Gewissen. Dagegen wehren wir uns wieder freudlos und fordern ein Verbot, oder eine andere „gesetzliche Regelung“. Am liebsten für andere. Die sich dann über das Verbot empören.

Ich wünschte, wir könnten freudvoll gehen, inspiriert von einem „Ja“. Gelenkt von der Erkenntnis: Ich selbst schreibe meine Geschichte, die unserer Gesellschaft und – ja! – die Geschichte unserer Welt. Wir könnten „Ja’s“ suchen. „Ja’s“, die am schönsten sind, wenn sie alles zugleich bedenken: Das Ich und das Du und die Gesellschaft und die Welt. „Ja’s“, die anschieben, die Lösungen suchen, die die Vielheit und die Komplexität und die Widersprüchlichkeit von Problemen anerkennen, nicht leugnen.
Wir könnten suchen eine Vielheit und Komplexität von Lösungen, jenseits von der freudlosen, eben nicht schönen Einfachheit der Fixierung auf Verbot und Erlaubnis.