Assisi Von oben

Assisi Müllwagen auf Piazza del Commune
Assisi Frau auf Piazza del Commune


Vielleicht

Assisi. Es ist noch vor 7 am Morgen.

Noch zeichnet die milde Morgensonne mit feinem Strich und zarten Farben Konturen in die Mauern. Noch ist die Stadt schön wie ein geliebter Mensch, der nach dem ersten Pinkeln sich den Weg zur Kaffemaschine ertastet. Vorbei an der Zeitung von gestern und der achtlos über den Stuhl geworfenen Jacke. Sie sind genauso nachtfaltig wie er.
Noch hat die Sonne die Menschen, die hier unterwegs sind, nicht in Form und Funktion gegleißt. Noch dauert es bis zur Fütterung im Sankt-Franziskus-Freigehege. Noch glitzert Morgentau am frischen Grün. Weiß-Rot-Grün.
Noch sprechen die Kellner:innen Italienisch. Noch verstehen wir sie kaum. Fühlen uns auf angenehme Weise scheu und fremd. Schnappen hier und da etwas auf. Verstehen vielleicht.
Noch gehört die Stadt denen, die hier leben, vielleicht arbeiten, vielleicht nicht, vielleicht gerade glücklich sind, vielleicht nicht.

Bevor wir unseren Streifzug beginnen, wollen wir in der einzigen Bar, die hier im Stadtzentrum schon aufhat, Kaffee und Cornetto nehmen. Ich gehe hinein, um die Sachen zu ordern und nach draußen mitzunehmen. Hinter der Theke eine junge Frau im schwarzen T-Shirt mit dem Logo der Bar. Sie trägt dazu passend – wie könnte es anders sein in Italien – eine schwarze Maske, – mit dem Logo der Bar. Vor der Theke zwei Männer. Einer jung. Einer mittelalt. Beide in der Arbeitskleidung der Müllwerker:innen, die gerade durch die noch schläfrige Stadt wuseln. Der junge Mann trägt eine Maske. Der ältere nicht. Letzterer palavert und rudert dabei mit den Armen. Die Zahl der Wörter und Sätze, die ich verstehe, ist spärlich. Aber aus den wenigen, die ich im Zusammenspiel mit Gesten verstehe (spitzer Finger piekst Oberarm), schließe ich: Es geht ums Impfen. Vielleicht will er sich nicht impfen lassen. Vielleicht sieht er gerade auch gar nicht ein, dass er eine Maske tragen soll. Der Blick des Jüngeren geht ins Leere. Vielleicht hat er keine Lust, sich das kreisende Gerede des Älteren anzuhören, will aber auch nicht intervenieren, um es sich nicht mit seinem Arbeitskollegen zu verderben. Die Frau hinter der Theke hat beide Handflächen entspannt auf der Theke abgelegt und steht leicht vorgebeugt. Vielleicht wartet sie auf eine kleine Vortragspause, um dann ihrerseits etwas zu sagen. Und tatsächlich. Plötzlich streckt sie sich und grätscht in den Vortrag des Älteren, Maskenlosen. Vielleicht sagt sie zu ihm: Du kannst meinetwegen über Maske und Impfen denken, was Du willst, aber hier in der Bar haben wir uns an eindeutige Regeln zu halten. Also entweder setzt Du jetzt deine „maledetta mascherina“ auf oder du gehst. Schwungvoll zeigt Ihr linker Arm, in welcher Richtung sich der Ausgang befindet. Ihre Augenbrauen sind leicht hochgezogen. Sie ist gespannt. Der Mann stöhnt, sackt ein bisschen in sich zusammen und fängt an, in den unendlichen Tiefen der linken Tasche seiner Arbeitshose zu puhlen. Vielleicht sucht er seine Maske. Ihre Augenbrauen jedenfalls entspannen sich. Und tatsächlich – es hat deutlich länger gedauert, als es eigentlich müsste – fingert der Ältere mit umständlichen Bewegungen und begleitet von Genöhle die beiden Gummis hinter die Ohren. Vielleicht denken die Bedienung und der Jüngere: Na also – geht doch. Sie wendet sich mir zu. Bald darauf balanciere ich ein Tablett hinaus.

Eine Frau schlendert auf uns zu. Betritt die Bar. Kommt kurz danach wieder heraus. Beim Gehen knispert sie die Verpackung einer Zigarettenschachtel ab. Sie wirkt nicht, als würde sie einfach nur spazieren gehen wollen. Schon gar nicht als Touristin. Eher wie eine städtische Angestellte. Aber eilig ist sie auch nicht. Sie schlendert gegenüber zu einer Bank. Sitzt vor einem dieser Gebäude, die irgendwo im Niemandsland zwischen Sehenswürdigkeit und Alltag ihr würdevolles Dasein fristen. Vielleicht macht sie das jeden Morgen so. Vielleicht geht sie gerne früher los. Auf dieser Bank den Weg zu Arbeit nochmal unterbrechen. Eine rauchen. Vielleicht die eine oder andere SMS. Vielleicht genießen, dass diese schöne Stadt jetzt gerade ihr gehört. Und dann weiter.

Der Weg weg von der zentralen Piazza menschenleer. Umso mehr fällt uns dieser alte Mann auf, der entgegenkommt. Der energische Schritt, die kerzengerade Haltung, – ein merkwürdiger Gegensatz zu seiner Aufmachung. Er trägt eine schlafschlabberige groß karierte Nachthose und ein ebensolches blaues T-Shirt. Auf dem Kopf ein hellbeiger schlappkrempiger Freizeithut, wie er in Kleingarten-Anlagen, auf Boule-Bahnen, in Schatten-Plauder-Gruppen und anderen Altherren-Habitaten weltweit verbreitet ist. An der rechten Hand baumelt eine schwarze Laptop-Tasche, so schlapp und leicht, dass man sieht: Sie ist leer. Um die rechte Schulter eine braune Herrentasche, die zu Lebzeiten wahrscheinlich Kreditkarten, Führerschein, Portemonnaie, Pfeifentabak und ähnliches beherbergte. Wertvolle Dinge also. Weshalb der alte Herr den Ellenbogen der Hand, die den Schulterriemen festhält, zum Schutz vor Dieben sehr fest auf die Tasche selbst gedrückt hat. Die kuschelt sich derart knautschig zwischen Arm und Körper, dass man sieht: Auch sie ist leer. Wir sind so irritiert von dieser Erscheinung, dass uns nichts Besseres einfällt, als eine Spur zu leutselig und laut zu grüßen. Er erwidert den Gruß, –  aber mit einer Zögerlichkeit und einem granteligen Stimmklang, die deutlich machen: Eigentlich ist er kein Fußvolk-Grüßer. Er macht das jetzt nur, weil er Fremden gegenüber nicht schlecht erzogen wirken will, obwohl wir der Gruß-Erwiderung aber in Wahrheit nicht würdig sind. Als er an uns vorbei ist, drehen wir uns irritiert schweigend nach ihm um. Er läuft mitten auf dem Sträßchen. Noch immer zielstrebig und energisch. Auf eben diesem Sträßchen kommt ihm ein uraltes Golf-Cabrio entgegen. Er geht unwillig einen Schritt zur Seite und fordert mit unwirscher, heftiger Winkbewegung, der Wagen möge zügig weiter und an ihm vorbeifahren. Der aber bleibt stehen. Die Fahrerin strahlt erfreut. Vielleicht hat sie den alten Herrn gesucht. Sie beugt sich zur Beifahrerseite und schiebt mit einer gerade noch möglichen Körper-Streckung – dem alten Herrn entgegen – die Autotür auf. Sie sagt etwas. Ebenfalls strahlend. Vielleicht „Ah – Herr Buretti – so früh schon auf dem Weg ins Büro?! Soll ich sie mitnehmen? Ich komme sowieso da vorbei.“ Ihr gelingt, womit die Liebste und ich nicht gerechnet hätten. Der alte Mann steigt ein. Kurz darauf hockt er auf dem Beifahrersitz, hält seine Laptoptasche und die Schultertasche wie unbedingt zu behütende Schätze auf dem Schoß und blickt mit würdevoller Zuversicht der wichtigen Dinge entgegen, die er gleich zu arbeiten hat. Zur Fahrerin schaut er nicht. Vielleicht ist es selbstverständlich, dass er durch die Stadt gefahren wird. Vielleicht wundert er sich deshalb auch nicht, dass er ihren Namen nicht weiß. Man kennt so viele Leute…

Assisi Devotionalienladen
Menschen vor Basilika Santa Chiara
Assisi Wurstladen

 

 

 

Tag 15

Italia, solo per te

5 Tage in Quarantäne in der Quarantäne.
Aus einer Idee ist ein ausgewachsenes Lied geworden.
Und ein Videoclip:

 

Solo per te

(Aprile 2020, parole + musica: M.Gehrigk)

No parlo l’italiano molto bene
Le mie Parole non sono molto eleganti
Ma non e importante perché
Cio che voglio dire, dice il mio cuore invece di me

Ho cantato per gli amici di tempo in tempo
Ho cantato particularmente per I miei figli volentieri
Ho cantato qualche volta nella vasca da bagno
O nella doccia molto forte, sempre solo per me

Ma oggi, bella Italia, oggi canto solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

Ho pregato quando ero giovanno per una nuova bicicletta
Ho pregato, che l’amore mio me esaudi
Ho pianto, quando l’amore terminava
Ho pianto, quando mio fratello moriva

Ma oggi, bella Italia, oggi prego e piango solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

La tua gente, il tuo paesaggio, le tue città
Mi hanno regalato cotanti momenti di felicità
Molto volentiere voglio rimandare qualcosa a te

E oggi, bella Italia, oggi Rimando questa canzone a te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

Prolog

Ewigkeiten, millimeterweise beieinander


Die Personen:

Ich
Die Liebste
Der Bruder
Der Vater
Astrid, 50, leidet an einer heimtückischen Nervenkrankheit, die ihr Stück für
Stück das Bewegen raubt
Peter, 50, ihr Mann, beide aus Holland, beide so zupackend und positiv und
lebensfreudig, dass man sich manchmal als vollständig Gesunder seines Trübsinns schämt
5 halbjunge Römer*innen, wohlhabend, gelangweilt, tätowiert, knapp bikinisiert, groß, besonnenbrillt
3 nicht mehr ganz halbjunge Damen, sonnenbadend, aktiv desinteressiert
1 halbjunge Mutter
Ihre Tochter
1 Priester, 1 Hilfspriester
3 wichtige Menschen in maritimen Uniformen, davon 1 Frau
1 wichtiger Mensch ohne Uniform
1 Photograph
1 Lautsprecher-Boxen-Träger
Mehrere Schwestern in Tracht und Gummischuhen
Fischer
Die Familien der Fischer
Eine große Marienfigur, mit einem hellblauen Kunstblumenbogen geschmückt, auf ein Fischerboot montiert


Um halb Zehn stapfen sie über den Steg. Man merkt schon von weitem an der Art, wie sie gehen, wie sehr sie sich freuen. Mit eleganten, flüssigen, gekonnten Bewegungen und Gewichtsverlagerungen bugsiert Peter den Rollstuhl von Astrid über kleine Buckel, Schläuche, vorbei an Gangways, über Stromkabel und herumliegende Taue. Für sie wird ein Traum wahr. Besonders für Astrid. Sie wird segeln. Gestern Abend haben wir alles rauf- und runterbesprochen. Wo könnte Astrid sitzen? Wie? Wie kommt sie auf’s Schiff? Wie muss das Wetter sein? Und viele Fragen mehr. Schon dabei merkte man ihr freudiges Tatenfieber. Das Wetter ist optimal. Blauer Himmel. Eine Gewitterwarnung für den Nachmittag (da können wir längst wieder zurücksein). Ein leichter Wind. Peter erzählt, Astrid habe sich den ganzen Sommer auf diesen Moment gefreut. Sie haben einen Teil Ihres Urlaubs in diese Gegend bei Ladispoli verlegt, um ihn möglich zu machen.
Sie sind beide geübt. Er zieht sie an den Armen aus dem Rollstuhl, dreht sich, sie dabei haltend, um, legt ihre Arme um seinen Hals. Sie drückt ihre Hände übereinander, schmiegt sich an ihn. In allen Bewegungen spürt man, wie genau sie wissen, was noch geht, was nicht mehr, was genau an welcher Stelle für eine Unterstützung nötig ist. Fast ist es ein Tanz. Schließlich der entscheidende Moment. Er beugt sich vor. Sie hält sich, er hält sie, sie liegt auf seinem Nacken, Rücken, er richtet sich noch einmal aus, dann der Schritt auf die Badeplattform und ins Schiff! Die Liebste hat inzwischen das speziell geformte Kissen aus dem Rollstuhl gegriffen und auf den festgelegten Platz im Schiff gelegt. Die Rückenlehne war schon vorbereitet. Peter lässt Astrid vom Rücken und auf den Sitz gleiten. Er fragt sie, wie es ist. Sie gibt noch ein paar Tipps, was man noch verbessern könnte. Dann sitzt sie und strahlt. Wir starten den Motor. Badeplattform hoch. Navigationsinstrumente an. Heckleine backbord. Ein Zeichen. Mooring und Heckleine steuerbord fallen zusammen.
Langsam gleitet das Schiff aus dem Hafen. Astrids Augen saugen genussvoll alles auf. Dann der Moment, der beim Segeln immer fast der Schönste ist. Die Segel stehen, man steuert leicht vom Wind weg, das Schiff legt sich genüsslich auf die Seite. Der Motor wird gestoppt. Stille kehrt ein. Geblähte Segel nehmen das Schiff und uns mit.
Astrid und Peter klatschen mit beiden Händen einander ab. „Gimmie ten!“ Ein Kuss. Glück. Still, freudig, unendlich.
Später machen wir Peter den Vorschlag, sich vom Schiff ziehen zu lassen. Er bekommt eine Leine um den Oberkörper gebunden, die zusätzlich noch eine Halteschlaufe hat. Wir klappen die Badeplattform wieder runter. Er steht da. Er ist ein Junge. Am liebsten würde er jetzt mit einem Schrei und der fettesten Arschbombe aller Zeiten vom Schiff springen. Den Spaß versage ich ihm. Ich weiß, dass trotz der Langsamkeit der Moment, in dem das Sicherungsseil sich strafft und man tatsächlich vom Schiff gezogen wird, ziemlich ‚mächtig‘ ist. Er juchzt und quiekt und platscht und prustet. Glück, laut, freudig, unendlich.

Peter lässt sich von der Yacht ziehen

Der ganze strahlende Morgen liegt wie ein mehrdimensionales Tiefenfoto in ihren Augen. Und wird dort bleiben. Bei der Liebsten auch. Und bei ihr noch ein bisschen Stolz dazu. Schließlich hat sie das Ganze mit ihrem euphorischen Zupacken ordentlich angeschoben. Bei mir auch. Ich sehe es von innen.
Wieder zurück im Hafen, sitzt Astrid mit uns am Klapptisch im Cockpit und wir nehmen zusammen einen Imbiss, reden, philosophieren, albern herum. Mein Handy klingelt.
Es ist mein Bruder. Ein Anruf von ihm am frühen Nachmittag. Ich weiß, was jetzt kommt, nehme das Handy, steige vom Schiff, nehme den Anruf an. Mit brechender Stimme sagt mein Bruder, dass unser Vater vor einer Stunde gestorben ist. Mehr schafft er nicht.
Ich stehe noch einen Moment am Kopfende des Steges. Ein kleines Stück von einer Plastiktüte treibt vorbei. Großdunkles tieftaubes Schweigen.
Ich gehe zurück zum Schiff, stammle die Nachricht an die Liebste weiter. Ihre innige Umarmung, die Blicke von Astrid und Peter, die so gerne helfen würden und wissen, dass sie nicht können, Ihre Hände, die schweigend meine fassen, … für einen Moment kriecht ein Weinen in mir hoch. Ein wildes Tier. Als ich es bemerke, scheut es zurück. Als hätte etwas eine gefährlich hohe Dosis Schmerz in mich injiziert. Ich weiß es, aber ich spüre die Wirkung nicht.
Vielleicht kommen sie sich ein wenig schlecht vor in dem Moment, aber zugleich wissen Astrid und Peter und wir, dass es richtig ist: Sie gehen und lassen uns allein. Und ich bin auch dafür ihnen dankbar.
Beim Abschied sehe ich diesen Blick von Astrid. Noch immer das Glück des Erlebnisses darin und gleichzeitig ihr Bei-Leid. Ich nehme sie in den Arm und möchte sie gar nicht mehr loslassen. Dasselbe bei Peter.
Dann machen die Liebste und ich uns auf den Weg. Noch auf dem Steg sehe ich ein schönes altes Holz-Segelboot.

Altes Segelboot

Dies, denke ich, wäre doch schön für seine letzte Reise. Und sehe es schon im Dunst dahintreiben.
Wir wissen, dass wir jetzt laufen müssen. Schweigen. Reden. Wahrscheinlich zögerlich. Hilflos. Schweigen. Wieder reden. Und bewegen. Bewegen hilft dem Gemüt sich zu regen. Wir wollen am Meer entlang zu einer Reihe von Badehäuschen, die wir vom Schiff aus gesehen haben und die uns, um sie zu sehen, fast hätten übersehen lassen, dass hier untiefes Wasser ist. Am Meer entlang … das denkt sich leicht. Wird dann aber schwer. Nach einem kleinen öffentlichen schwarzsandigen Strand scheint es vorbei damit. Ehemals schicke, jetzt schon auch verwitterte Häuser drängen sich bis zum Wasser.

Häuser am Meer

Sie stammen wohl aus der Zeit, als dieser Ort ein Hotspot für die Schönen und Reichen war. Lange her. Fünfziger Jahre. 20. Jahrhundert. Sie stehen dicht an dicht aneinander. Schmeißen sich ans Gestade heran. Lassen keinen durch. Wollen auch den letzten Streifen Ufer für sich. An einigen Stellen müssen wir durchs Wasser waten. Dann wieder ein Stück Felsen. Dann ein Stück verlassene Terrasse. Auf einer dieser Terrassen am Wasser spielt ein Mädchen. Ihre Mutter kommt dazu. Wir fragen sie, ob man hier irgendwo auch wieder hoch kommt. Eigentlich hoffen wir, dass sie uns anbietet, die Treppe zu nutzen, die es in ihrem Haus ja geben muss. Das tut sie nicht. Aber sie erklärt uns, wo wir einen Aufgang finden. Es ist noch ein Stück. Da, wo wir ihn nach dieser Erklärung vermutet hatten, ist er aber nicht. Stattdessen wieder eine Felsenterasse. Darauf drei Frauen. Sie sitzen nah beieinander, reden kaum, streichen sich selbst über die Beine. Sie sehen uns und versuchen so intensiv uns zu ignorieren, dass deutlich wird, wie unerhört sie finden, dass wir überhaupt hier sind. Auch sie fragen wir, bekommen aber nur ein kaum hörbares an die eigenen Zehen gerichtetes „Wissen wir nicht“. Wir sind Eindringlinge in einer von ihnen besessenen Welt. Denken sie. Denke ich. Wieder müssen wir waten, wieder kommt eine schmale Felsenterasse. Wir hören eine Stimme. Schauen uns suchend um. Ach so, sie kommt von oben. Dort beugt ein gesichtsverspiegelter Jüngling seinen Kopf herunter, besitzergreifend die Hände auf das steinerne Geländer gestützt und fragt, was wir wollen. Vier weitere Köpfe und mehrere tätowierte Arme und Schultern erscheinen. Diesmal ist es nicht mühsam aufgebautes Desinteresse, sondern arrogant amüsiertes Verscheuchen der armen Irren, die nicht wissen, dass sie hier nicht sein dürfen. Geraunzte Bemerkungen zueinander, Kichern. Zu uns sagen sie auf unsere Frage „Doppo“. Sie würden wohl gerne auch noch das Wasser ihr eigen nennen dürfen. Verteidigen dieses lächerliche Stückchen Felsen, obwohl sie doch ein Stockwerk höher Cocktails schlürfen.
Irgendwann finden wir tatsächlich den Aufgang. Er führt zu einer hoch gelegenen kleinen Aussichtspiazza. Gestern sind wir hier von oben gekommen und haben drei sehr junge Jugendliche aufgescheucht. Zwei davon huschten schnell in die Unsichtbarkeit. Vielleicht hatten sie gekifft. Als wir uns nach einem langen Blick übers Meer wieder abwandten, pfiff der allein zurückgebliebene Junge. Ob es den anderen beiden galt? Sie sind weg! – ?
Nach langem Stapfen, merken wir, dass ein Gewitter aufzieht. Wir verabschieden uns von den Badehäuschen, die wir nun doch nicht zu sehen bekommen und treten den Rückweg an. Inzwischen stolpern nicht mehr nur ab und zu einzelne Wörtergebilde aus uns. Manchmal sind es schon mehrere Sätze hintereinander. Gedanken, Erinnerungen, Fragen, Antwortversuche.
Wieder am Hafen angekommen, sehen wir, wie gerade zwei auf einfache Art fein gemachte Männer einen Bogen aus hellblauen Kunstblumen über eine Madonnenfigur auf das kleine Steuerstandhäuschen eines Fischerbootes montieren. Menschen nähern sich zögernd. Einige klettern zwischen die Fischernetzhaufen, die am Pier liegen, um das Boot mit der Figur fotografieren zu können. Hinten, am gegenüber liegenden Pier sitzt ein Paar. Beide rauchen. Ob sie sich dafür interessieren, was jetzt hier offensichtlich gleich kommt? Oder sind sie einfach nur aneinander interessiert? Eine Plane wird bereitgelegt. Sie soll wohl die Madonna mit den Blumen schützen, wenn es anfängt zu regnen. Und es scheint bald soweit zu sein.

Madonna-Figur auf Fischerboot

Eine Passantin erzählt, dass hier jetzt gleich eine Prozession anlässlich von Mariä Himmelfahrt sei. Kurz danach hören wir Gesang. Es ist die mehrkehlige Brabbeligkeit vom Gesang einer Gemeinde. Wir drehen uns um und sehen eine kleine Prozession einen Hang hinunter sich biegen. An der Spitze der Pfarrer. Er hält ein Mikrophon in der Hand. Neben ihm ein Helfer. Er trägt ein Holzgerüst mit Riemen auf dem Rücken, an dem rechts und links zwei megaphonige Lautsprecher befestigt sind. Die Assoziation ist: Christus trägt sein Kreuz. Daneben ein weiterer Priester. Dann zwei Männer mit weißen Marine-Uniformen, eine Frau mit einer schwarzen Uniform. Ein Mann, vielleicht Mitte 50, tritt etwas abseits. Schaut wohlgefällig lächelnd in die Runde. Richtet seine Frisur. Richtet die Revers seines Sakkos. Es ist, sagen wir: der Bürgermeister. Zwischen den Menschen in der Prozession mehrere Schwestern in grauen Trachten und Gummischuhen. Sie sind eine Mischung aus den Gummischuhen, die sogar in der feinfühligen Modewelt Italiens hipp geworden sind, die ich aber immer noch mit Gartenarbeit assoziiere, aus diesen Gesundheitsschuhen mit dicken gewölbten Abrollsohlen, die eine Zeitlang jeder trug, die oder der Rückenprobleme hatte, und Flip-Flops. Die Pfarrer, die Uniformierten, der Bürgermeister, einige einfache Leute und der Mann von der Presse, den man an seiner fulminanten Kamera erkennt, die er gerade aus einer fulminanten Kameratasche genestelt hat und jetzt mit einer fulminanten Perspektiv-Bildungs-Verdrehung in Stellung bringt. Es wird noch hier genestelt und da gerichtet. Dann legt das Boot ab. An den Stegen dahinter sieht man eilige Bewegungen. Offensichtlich wird es jetzt auch eine Boots-Prozession. Der Pfarrer spricht durch das Mikrophon. Die Gemeinde antwortet. „Madre Maria, prega per noi pescatori“. Trotz der Kinder, die abseits spielen. Trotz der sexy gestylten Touristinnen, die etwas abseits am Handy nesteln oder lauthals telefonieren. Trotz des seidigen Pop-Jazz, der aus der Bar herübertröpfelt, trotz allem stellt sich hier um uns herum wehmütige, melancholische Feierlichkeit ein. Die Bootsprozession beginnt. Das Gewitter hat dahinter eine tiefschwarze Drohgebärde aufgebaut. Woanders scheint es schon zu regnen, denn es bildet sich ein Regenbogen. Wir sehen, – schweigen, – atmen schwer. Dann stimmt der Pfarrer von dem jetzt schon etwas weiter entfernten Boot ein Lied an. Die Gemeinde stimmt in den klagenden Gesang mit ein.
Die Schleusen in uns öffnen sich. Die Injektion beginnt zu wirken. Wir schluchzen, halten uns im Arm, weinen, weinen bitterlich. Der Gesang klagt weiter. Mit uns. Für uns. Prega per noi.
Kurz danach öffnet auch der Himmel die Schleusen. Es schüttet. Scharf platschendes Regenwasser mischt sich mit dem Salz unserer Tränen.