2055

Oder: Worauf es mir eigentlich ankam

Zusammen mit einer Gruppe von Menschen stehe ich etwa 5m entfernt vor einem mehrstöckigen Haus, das rot verklinkert ist. Eine Frau in einem altmodischen grauen Kostüm mit einem Haarknoten löst sich aus der Gruppe, geht auf das Haus zu, dreht sich kurz vor der Wand noch einmal zu uns zurück und dreht sich dann wieder zum Haus. Sie bückt sich tief und schiebt beide Hände unter den unteren Rand des Hauses. Dann hebt sie das Haus an. Obwohl sie die Hände auf der linken Seite des Hauses hat, bekommt es keine Schlagseite, sondern bewegt sich gerade nach oben, begleitet von unserem Staunen. Sie lächelt sehr zurückhaltend. Als würde unser Staunen sie erfreuen und gleichzeitig auch amüsieren. Schließlich ist das Hausheben doch ein Akt, der für sie selbstverständlich ist. Als das Haus 6 oder 7 Stockwerke höher hängt, bin ich plötzlich im Inneren des Hauses und trete aus dem Fahrstuhl. Ein großer Raum öffnet sich. Ringsherum sind zahllose Damen-Friseur-Sitzplätze mit Trockenhauben, unter denen Frauen sitzen, die in Zeitschriften blättern. Ich schaue mich um. Währenddessen begreife ich, dass wir eine Zeitreise gemacht haben und im Jahr 2055 sind. Ein kleines Stück nach rechts den Flur entlang steht ein edler, aber nicht protziger Schreibtisch. Es ist eine Art Empfang. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Mann. Er lächelt mir entgegen. Mein Traum-Ich wundert sich darüber, dass es den jungen Mann sympathisch findet. Hat er doch auffällige Ähnlichkeit mit Philipp Amthor. Und es wundert sich darüber, dass der junge Mann trotz der Ähnlichkeit mit Amthor gerade nicht die Ausstrahlung eines kaum der Schule entwachsenen kreuzbraven ostwestfälischen Abiturienten hat, sondern die eines ganz normalen, jungen, etwas scheuen Mannes mit leicht angezottelten fast schwarzen Haaren. Wir kommen ins Gespräch über dies und das (ohne dass ich jetzt noch wüsste, über was). Ich mache mehrere Versuche, im Gespräch unterzubringen, dass ich aus einer anderen Zeit stamme, die 30 Jahre her ist. Aber ich werde diese Aussage nicht los. Mein Traum-Ich ist enttäuscht, dass es gar nicht den erhofften Ansehens-Gewinn erzielen kann ob dieser überaus interessanten Information über seine Herkunft. Beim vielleicht 10. Versuch, dem jungen Mann diese Information zu übermitteln, sagt es: „Jetzt haben wir immer noch nicht darüber gesprochen, worauf es mir eigentlich ankam.“ Im selben Moment wache ich auf.

Nicht empören

Nüßlein, Löbel, Amthor, Hauptmann, Sauter …

Nein! Nein! Nein!
Ich will mich nicht empören!
Aber es will mir nicht gelingen.
Zu viele unwillkürlich aufbebende Zornes-Herde im Gemüt.

Zorn über „Nebenverdienste“ von Bundestagsabgeordneten.
Herr Nüßlein hat möglicherweise 660 000 € für die Vermittlung von Masken- und Schutzkleidungsgeschäften erhalten. Ein ähnliches Geschäft bei Herrn Löbel. Für 250 000 €. Ist es nur eine zornesbedingte Vermutung? Oder ist es eine realistische Hochrechnung, davon auszugehen, dass diese Beiden nicht die einzigen sind, die ihre Kontakte nutzen, um gegen Provision Geschäfte anzuschieben?

Zorn über die Erklärungen, die diese Menschen  abgeben, wenn sie geächtet werden. Darüber, dass sie sich selbst dann als Opfer darstellen, die sich nichts vorzuwerfen haben und nur deshalb zurücktreten, weil die Angriffe auf sie und ihre Familien unerträglich geworden seien und weil sie weiteren Schaden von der Partei abwenden wollten.

Zorn über leitende Politiker, die solche Affären im liebsten im „Vorfeld“ „abräumen“ oder sie, wenn das nicht mehr geht, zumindest zügig „bereinigen“ möchten.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn auch das nicht mehr geht, eine „Ehrenerklärung“ aller Abgeordneten ihrer Fraktion anregen. Der Begriff „Ehrenerklärung“ aber ist schlicht falsch gewählt. Eine Ehrenerklärung kann nur jemand anders für mich abgeben. Nicht ich selbst für mich. Auch nicht als Abgeordneter. Ich kann bestenfalls schwören, unschuldig zu sein und dabei schlimmstenfalls lügen. Wenn ich nicht gelogen habe, müssten schon andere meine Ehre erklären, damit es glaubwürdig ist. Interessant wären die fälschlicherweise „Ehren…“ genannten …erklärungen erst dann, wenn man die Wortlaute kennen würde, auf dass man zwischen den Zeilen lesen könnte, denn da steht das ungedruckte Kleingedruckte. Wenn es zusätzlich eine öffentliche Überprüfung der Vollständigkeit gäbe und eine Information darüber, was denn passieren würde, wenn jemand diese Erklärung nicht abgäbe bzw. eine Information darüber, was passieren würde, wenn sich die Erklärung im Nachhinein als falsch erweisen würde. Das aber gibt es nicht. Heißt: Der (falsch gewählte) Begriff der Ehrenerklärung erweckt den Eindruck, als sei das fade Reinwaschungstheater ein Akt rechtssicherer Würde.

Zorn über leitende Politiker, die tatsächlich glauben, dass all die Menschen, die sich angesichts solcher Vorgänge mindestens erschrecken, eher Zorn spüren oder gar in querdenkenden oder rechtspopulistischen Generalverdacht gegen „das Establishment“ taumeln, sich von solchem Tun überzeugen lassen.

Zorn über leitende Politiker, die Menschen, die so agieren, erfolgreich werden lassen, sie gar fördern.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn dann doch den protegierten Aufsteiger:innen Fehlverhalten nachgewiesen wird, sich entrüsten, die Schuldigen rügen, sie vielleicht sogar aus dem Sattel schubsen, um ihnen nach angemessener Karenzzeit wieder in denselben hineinzuhelfen. Wie anders ist zu erklären, dass der gescholtene Herr Amthor ein halbes Jahr nach seinem spektakulären Absturz Spitzenkandidat der CDU in Mecklenburg-Vorpommern für den Bundestagswahlkampf wird?

Zorn darüber, dass Menschen Politiker: innen von solcher Art immer wieder auf’s Neue in so großer Zahl wählen, dass diese Einfluss gewinnen.

Zorn über die mediale Choreographie, mit Hilfe derer wir „Menschen draußen im Lande“ uns letztlich von unserer eigenen Verantwortung entlasten. Eine Choreographie in 5 Akten: 1. Das Aufdecken 2. Das Benennen von Schuldigen 3. Das Empören 4. Das Fordern von Konsequenzen, 5. Das Vergessen. Wir „draußen im Lande“ wallen auf und schließlich einfach wieder ab. Folgenlos.

Zorn über mich selbst, der ich Lust verspüre, mit wortschöpferischer Sprachkunst all dem entgegenzutreten. Die Misere zu nutzen, um so zu tun, als könnte ich Durchblicker solchem Handeln mit spitzer Feder Paroli bieten. Dabei weiß ich doch, dass es nicht nur nicht geht. Weit schlimmer: Mit wissender Pose dagegen an zu schreiben oder zu moderieren oder zu kabarettisieren, ist nur Teil des Spiels. Es schiebt das Aufregen an. Das Aufregen finanziert Medien. Es bewirkt aber keine Veränderung. Denn am Ende der Aufregung beruhigen wir uns wieder und vergessen bei der Suche nach neuer Aufregung.

Ich will da nicht mitspielen. Ich will mich nicht mit Empörung entlasten. Ich will tatsächliche Veränderung. Eine, die mich selber einschließt.

An dem Punkt entsteht eigentümliche, dunkle Leere.
Ich versuche mich, an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich schaue mich um. Ganz langsam steigen furchtsame Schauder des Grusels auf. Die Leere ist nicht leer. Die Schatten finsterer Gestalten geistern durch die fahlen Reste von Licht. Ich schaue weg und wieder hin. Langsam schärfen sich Gesichtszüge.
Ich erschaudere.
Verängstigt ahnend schaue ich mir noch einmal ein Foto von Herrn Nüßlein an. Und eines von Herrn Amthor. Und plötzlich weiß ich, wer diese Gestalten sind: Wiedergänger von Bernhard Vogel. Sie sind Bernhard Vogel. Einst Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, dann – 1988 – nach einer Reihe  von Skandalen, Verwicklungen der CDU in Vetternwirtschaft und Günstlingskultur, gepaart mit auch für Parteifreunde kaum noch erträglicher Selbstherrlichkeit, geschasst. Wiederauferstanden als Ministerpräsident von Thüringen.
Wiedergänger von Bernhard Vogel, der sich in ihrer Gestalt jetzt für erlittenes Unheil rächen will.
Als langjähriger Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken dürfte er genügend Einfluss nach ganz, ganz oben gehabt haben, um das Wiedergängertum schon vor seinem Ableben einzufädeln. So bekommt er die ausgelöste Unruhe nicht nur aus der Ferne mit, aus dem Jenseits, sondern leibhaftig vor Ort.

Ursprünglich hatte er nur Nüßlein ausersehen.

Porträts Vogel Nüßlein

Doch bei der Verwandlung geriet irgendwie auch Philipp Amthor dazwischen.

Porträt Philipp Amthor

Und nun ist er beide.
Zwei mehr als gute Gründe, furchtsam zu sein.