Tag 13

Die Recherche hat nichts ergeben.
Wir machen das Skype-Familien-Musik-Treffen trotzdem. Chaos ist schon fast ein euphemistischer Begriff für das, was dann passiert. Wir schlingern zwischen Verzweiflung und Schlapplachen. Eine ganze Weile. Als wir uns voneinander trennen, sind alle irgendwie zufrieden. Merkwürdig, wie wenig schon reicht, wenn man sich nicht nah sein darf.
Immerhin lernen wir: Die schönen Filmchen, die angeblich Menschen zeigen, die via Internet zusammen musizieren, sind wahrscheinlich Fake. Oder wir möchten einfach glauben, sie würden live zusammen musizieren, so sehr, dass wir ihnen unterstellen, sie produzierten Fake.
Nach unserer Erfahrung geht es „live“ definitiv nicht.
Was ich noch lerne: Ich bin beim Skypen immer wieder auf’s Neue irritiert, wenn meine Gesprächspartner*innen entweder so merkwürdig ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas aussehen oder mir immer auf’s Kinn gucken. Dann verstehe ich: Sie müssen in die Kamera gucken, damit ich das Gefühl habe, sie sähen mich an. War das nicht Lektion 1 beim Selfie-Lernen? Ich muss auch in die Kamera gucken. Dann haben meine Partner*innen das Gefühl, dass ich sie angucke.
Aber dann kann ich sie nicht sehen. Und gucke ihnen doch wieder auf’s Kinn. Oder ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas …

Tag 12

Skype-Musizieren

Alle Kinder und Enkel sind mit der Liebsten und mir morgen zum gemeinsamen Musizieren via Skype verabredet. Diverse Video-Clips, die in diesen Corona-Zeiten im Internet kursieren, lassen uns phantasievoll höhenfliegen. Mit der Tochter und ihrem Mann möchte ich heute mal probieren, wie das geht, – uns alle per Skype zusammenzuschalten.
Wir sind ganz begeistert, als unser aller Konterfeis sich den Bildschirm teilen.
Voller Tatendrang wollen wir gemeinsame Live-Musik probieren. Ich spiele die Akkorde von „Let it be“. Die beiden singen dazu das, was so an rudimentären Textbrocken aufgescheucht durch die bekannte Musik aus dem Gedächtnis kullert.
Und sind irritiert. Meine Musik erreicht die beiden jeweils später als ich sie spiele und jeweils unterschiedlich später. Beim Rückweg brauchen ihre Töne zu mir auch ein Weilchen. Und unterschiedliche Weilchen. Es ist schlicht unmöglich, so zusammen Musik zu machen. Natürlich gehen wir erstmal davon aus, dass wir
– irgendwas in Skype falschmachen, digital-doof wie wir sind, oder
– unsere alten Computer-Möhren damit einfach überfordert sind, oder
– wir für unser Vorhaben das falsche Programm gewählt haben.
Einige ad-hoc-Lösungsversuche scheitern auch.
Die Begeisterung über unser tolles Vorhaben verpufft in ungläubiger Enttäuschung. Genauso wie die Zeit, die ruckzuck mit der Lösungssucherei verdampft ist.
Wir verabreden, noch einmal getrennt von einander weiter zu recherchieren, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit gibt. Die anderen – die aus dem Internet – müssen es doch auch geschafft haben.