2055

Oder: Worauf es mir eigentlich ankam

Zusammen mit einer Gruppe von Menschen stehe ich etwa 5m entfernt vor einem mehrstöckigen Haus, das rot verklinkert ist. Eine Frau in einem altmodischen grauen Kostüm mit einem Haarknoten löst sich aus der Gruppe, geht auf das Haus zu, dreht sich kurz vor der Wand noch einmal zu uns zurück und dreht sich dann wieder zum Haus. Sie bückt sich tief und schiebt beide Hände unter den unteren Rand des Hauses. Dann hebt sie das Haus an. Obwohl sie die Hände auf der linken Seite des Hauses hat, bekommt es keine Schlagseite, sondern bewegt sich gerade nach oben, begleitet von unserem Staunen. Sie lächelt sehr zurückhaltend. Als würde unser Staunen sie erfreuen und gleichzeitig auch amüsieren. Schließlich ist das Hausheben doch ein Akt, der für sie selbstverständlich ist. Als das Haus 6 oder 7 Stockwerke höher hängt, bin ich plötzlich im Inneren des Hauses und trete aus dem Fahrstuhl. Ein großer Raum öffnet sich. Ringsherum sind zahllose Damen-Friseur-Sitzplätze mit Trockenhauben, unter denen Frauen sitzen, die in Zeitschriften blättern. Ich schaue mich um. Währenddessen begreife ich, dass wir eine Zeitreise gemacht haben und im Jahr 2055 sind. Ein kleines Stück nach rechts den Flur entlang steht ein edler, aber nicht protziger Schreibtisch. Es ist eine Art Empfang. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Mann. Er lächelt mir entgegen. Mein Traum-Ich wundert sich darüber, dass es den jungen Mann sympathisch findet. Hat er doch auffällige Ähnlichkeit mit Philipp Amthor. Und es wundert sich darüber, dass der junge Mann trotz der Ähnlichkeit mit Amthor gerade nicht die Ausstrahlung eines kaum der Schule entwachsenen kreuzbraven ostwestfälischen Abiturienten hat, sondern die eines ganz normalen, jungen, etwas scheuen Mannes mit leicht angezottelten fast schwarzen Haaren. Wir kommen ins Gespräch über dies und das (ohne dass ich jetzt noch wüsste, über was). Ich mache mehrere Versuche, im Gespräch unterzubringen, dass ich aus einer anderen Zeit stamme, die 30 Jahre her ist. Aber ich werde diese Aussage nicht los. Mein Traum-Ich ist enttäuscht, dass es gar nicht den erhofften Ansehens-Gewinn erzielen kann ob dieser überaus interessanten Information über seine Herkunft. Beim vielleicht 10. Versuch, dem jungen Mann diese Information zu übermitteln, sagt es: „Jetzt haben wir immer noch nicht darüber gesprochen, worauf es mir eigentlich ankam.“ Im selben Moment wache ich auf.

Tag 84

Ringo Starr

Ein schöner Tagesanbruch-in-den-Sonntag-Traum.
Er zeigt den Auftritt einer Band. Es ist, als wäre ich live dabei. Und zugleich, als würde ich ein Video von diesem Auftritt sehen.
Da spielt eine Band. Ich höre verschiedene Instrumente. Ich sehe aber nur den Schlagzeuger. Es ist ein junger Mann mit mittellangen blonden Haaren.
Und ich sehe Ringo. Er sitzt ganz rechts an einem schwarzen Flügel. Weit vorgebeugt lässt er eine zarte kleine, sehr hohe Begleitfigur aus dem Instrument perlen. Man hört sie kaum. Wenn man den Song im Radio hörte, so denke ich im Traum, würde man sie vielleicht gar nicht wahrnehmen. Wenn man sich aber auf sie konzentriert, fügt sie sich als wunderschöne Farbe in das Gemälde dieses Liedes.
Ringo singt gleichzeitig. Ich weiß es. Aber zu sehen ist es nicht. Es gibt kein Mikro und Ringo bewegt nicht den Mund. Ein bisschen irritiert mich das, aber dann schwebt die Irritation davon.
Der Song ist wunderbar. Eine jazzige und zugleich soulige Ballade. Relaxed und schleppend und doch groovy. Ich bewege mich zart mit. Nicht zu stark. Meine Bewegungen sollen diese mitreißende Musik nicht übertönen. Und ich will nicht einen Ton verpassen.
Das Lied endet mit einer a-capella gesungenen Melodie von Ringo. Sie lockt das Herz direkt hinter das Ohr und nimmt es in den Arm. Eine Gänsehautmelodie, mit zärtlicher Inbrunst gesungen. Ich registriere schon im Traum, dass Ringo nicht der Ringo ist, den ich kenne. Er ist viel jünger. Ein bisschen pausbäckig. Ohne Bart. Ohne Allüren. Einfach der junge Mann von nebenan.
Das Lied endet. Und klingt lange nach.
Oder, nein, eigentlich endet es nicht. Es schwebt davon. Etwas von ihm bleibt.
Ich werde wach und kann mich ganz genau an den Song erinnern. Ohne, dass ich den Rhtythmus nachmachen oder die Melodie tatsächlich andeuten könnte. Er ist wie nah und da und doch auf andere Art, wie es ein Song sonst wäre. Noch jetzt ist das Erinnern an den Song so, als müsste ich ihn eigentlich spielen und singen können, als würde ich ihn hören, wenn ich gleich das Radio anmachte. Und zugleich genau so nicht. Er ist auf andere Art konkret. Wie ein sehr prägendes Gefühl, das sich als Erinnerung erhalten hat, obwohl man gar nicht mehr so genau weiß, zu welcher Situation es gehörte. Mit einem Hauch von süßer Melancholie. Wie ein nie geteiltes Geheimnis von Schönheit.

Tag 71

Traum

Heute Nacht ein Traum.
Ich biege auf den Flur. Vor der Tür zum Klassenraum wartet er schon. Ich freue mich. Er sieht wunderbar aus. Ein extrem kleinwüchsiger Mann. Er hat sich verkleidet. Grau in Grau. Der Anzug, die Schuhe, das Hemd, der Trenchcoat. Auch der Hut und das eng um den Kopf geschlungene Tuch darunter. Wie in den Stoff hineingefärbter Staub.
Tiefdunkle Ränder unter den Augen.
Nur die Lippen sind knallrot geschminkt.
Er wird einen der grauen Männer aus „Momo“ spielen.
Wir öffnen die Klassentür. Gehen nochmal durch einen schmalen Gang. Dann betreten wir die Klasse selbst.
Er spielt seine Rolle großartig. Er ist spröde, streng, unnahbar. Trotz seiner Kleinheit füllt er den Raum mit unnachgiebiger Kälte. In der Klasse keimt Unruhe auf. Widerstand. Mir ist unwohl. Ich freue mich über die Wirkung dieser Szene. Und ich schäme mich. Sie spielen nicht mit. So wenig habe ich die Klasse „im Griff“. Ich bekomme meine Gedanken nicht in den Griff. Ich habe diesen Mann doch eingeladen für genau das, was er jetzt tut. Und jetzt ist es mir unangenehm und auch wieder nicht.
Mitten im leblosen inneren Tosen wache ich auf.

Tag 50

Ein Triptychon aus Traum

Ereignisreiche Nacht an der Schwelle zum Tag. Glaube ich. Denn als ich aus dem letzten Traum erwache, beginnt es zu tagen.

Der erste Traum: Eine ältere Frau steht vor einem jungen Paar. Sie übernimmt für ein paar Tage deren Wohnung. In der Szene möchte sie den beiden das Geld dafür geben. Die Beiden finden das Quatsch. Sie solle das Geld doch dem Vermieter geben. Die Frau will das nicht. Ich vermute im Traum, dass ihr das zu kompliziert ist und sie das Bezahl-Thema lieber jetzt erledigt wüsste. Die beiden Jüngeren sind in einer Zwickmühle. Sie möchten einerseits der netten älteren Dame entgegenkommen, andererseits aber nicht die Arbeit haben, das Geld dann ihrerseits beim Vermieter abliefern zu müssen. Mein beobachtendes Traum-Ich überlegt begleitend, welche Lösung denn jetzt die richtige wäre, kommt aber nicht drauf. Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde.

Der zweite Traum: ich sitze auf dem Klo. Es steht in einem offenen Raum. Rechts von mir ein Treppenhaus. Lichtdurchflutet. Es ist ein schick gestyltes Glaskonstrukt mit schmalen Metallstreben. Mir direkt gegenüber, ziemlich nah, eine Wand. Von rechts kommt ein Mann durchs Treppenhaus hoch und geht auf mich zu. Ein gutes Stück hinter ihm eine Frau. Da die Wand mir gegenüber sehr nah ist, können die Beiden wohl nicht einfach so vor mir vorbeigehen. Wie selbstverständlich drehe ich mit der ganzen Kloschüssel einfach nach links. Wie auf einem Bürostuhl. Die Beiden gehen seitlich an mir vorbei. Mein Traum-Ich wundert sich, dass ihm das nicht peinlich ist. Mit runtergelassener Hose auf einem seitlich gedrehten Klositz unmittelbar neben zwei an mir vorbei gehenden Fremden. Als sie durch sind, drehe ich wieder zurück. Mein Blick fällt gegenüber nach draußen. Diesmal rührt sich mein Traum-Ich nicht, denn es wundert sich nicht, dass ich einfach so geradeaus nach draußen gucken kann. Schließlich war hier gerade noch eine Wand. Es registriert das emotionslos. Draußen, etwas weiter weg, jenseits einer Straße ist links eine kleine Siedlung mit mehreren winzigen Häuschen. Sie sind alle unterschiedlich. Die Häuschen selbst und das jeweilige Drumherum ist ein einziges verspieltes buntes Durcheinander von verschiedenen Gefährten, Kinderspielgeräten, Wäscheleinen, Rasenmähern. Ein wenig wie ein Landschaftsausschnitt einer Modell-Eisenbahn-Anlage. Rechts daneben ein modernes, mittelgroßes Hochhaus, architektonisch interessant. Glas und Stahl, aber nicht protzig, eher verspielt. Ähnlich dem Treppenhaus rechts neben mir. Ist es mein Traum-Ich, oder mein Ich-Ich, das sich einen kurzen Moment fragt, ob das Gebäude, in dem ich bin, vielleicht von außen genauso aussieht? An mehreren Stellen an dem gegenüber liegenden modernen Hochhaus hängen große braune Frottee-Betttücher, rechts und links jeweils an dünne Stahlleinen geklippt, vor der Fassade herab. Ich frage mich im Traum, was das wohl ist. Dann fällt es mir ein. Ach ja, da ist ja ein Studentenwohnheim. Kurz darauf schwingt sich ein junger Mann an einer Leine aus dem Fenster auf eines der Bettücher. Gesichert mit der Leine seilt er sich mitsamt Bettuch ab. Kurz vor dem Boden: Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde,

Der dritte Traum. Ich gehe durch einen Flur, nähere mich dem Badezimmer. Dessen Eingang ist wiederum ein Flur. Ein kürzerer mit zwei Türen. Die erste Tür zu dem Flur, in dem ich stehe, ist offen. Die zweite zum Badezimmer selbst verschlossen. Ich höre das klassische Geräuschszenario einer laufenden Dusche. Durch die offene erste Tür sehe ich in dem kleinen Flur zum eigentlichen Badraum bestimmt 40-50 cm hoch das Wasser stehen. Darin strudelige Fließbewegung. Als würde immer noch Wasser nachlaufen. Merkwürdigerweise steigt der Wasserstand, aber das Wasser fließt nicht aus dem kleinen Flur heraus in meine Richtung. Mein Traum-Ich fragt sich, wie das sein kann. Sucht eine unsichtbare Wand. Etwa eine Scheibe. Da ist aber keine Scheibe. Dann entscheidet mein Traum-Ich, dass das jetzt unwichtig ist. Denn die Liebste muss aus der Dusche raus. Wer weiß, wie hoch da das Wasser steht. Ich rufe: „Du musst sofort aus der Dusche raus!“ „Geht nicht“, höre ich gedämpft zurück durch die Tür, „sitze gerade auf dem Klo!“
„Das kann nicht“, hört mein Traum-Ich sich selber denken, „die sitzt niemals auf dem Klo und lässt gleichzeitig die Dusche laufen!“ Mit sich überschlagenden Traum-Ich-Erklärungsversuch-Gedanken reißt der Traum ab. Ende.

Als ich zurückgefunden habe ins Wach-Dasein, rattert sofort das Rational-Maschinchen im Kopf los. Ist doch klar, der Traum ist eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass du offenbar schon seit einiger Zeit pinkeln muss.

Ich stoppe das Maschinchen und während ich mich unwillig aus dem Bett schäle, freue ich mich daran, dass die Hirnströme in meinen angeblich grauen Zellen soviel Bilder-Spiel-Wirbel um eine eigentlich banale Sache machen..Sie fabulieren halt gerne. Ich vermute, sie tun es oft.
Auch bei anderen Menschen.
Wahrscheinlich nicht nur im Traum.
Das Leben ist die Erzählung davon.

Versuchter Diebstahl.

Ein Traum

Seit langem mal wieder ein Traum mit einer richtigen kleinen runden Handlung. Und: Mit Happy-End!
Ich spaziere einen breiten Boulevard entlang. Ein Lungo Mare. Keine Autos. Keine Häuser, Keine Bäume. Es ist ein offenes Gelände. Sommerhitze. Weiter Blick. Links ein durchgehendes Mäuerchen. Dahinter Strandsand. Dahinter – weit weg – Meer. Rechts eine Art langgezogene Grünfläche, – vom Boulevard abgetrennt mit niedrigen antik wirkenden Steinkuben.
Während ich schlendere, spüre ich plötzlich eine Bewegung an der Fototasche. Sie hängt am Schulterriemen. Mein Ellenbogen hält sie auf dem Rücken, damit sie nicht so schlackert.
Leicht erschrocken drehe ich mich um.
Ein junger blonder Mann hält einen lange runden Holzstab in der Hand. Vorne eine flache, länglich gebogene Metallspitze. Damit versucht er die obere Fototaschenlasche aufzuklappen. Er erschrickt, als ich mich umdrehe. Verlegen und schuldbewusst lächelnd hebt er entschuldigend die Hände. (…,was ja eigentlich gar nicht geht, weil er doch den Holzstab festhält.) Ich reiße ihm den Stab aus der Hand, gehe ein paar Schritte weiter. Er mit beschwichtigendem Flehen hinter mir her. An einem der Steinkuben lege ich den Stab auf den Boden. Er liegt leicht schräg mit dem vorderen Ende über eine niedrige dünne Randsteinkante. Ich stelle mich dahinter und beginne auf die Stange zu steigen. Begleitet vom Flehen des Blonden. Schon knackt der Stab. Aber er ist noch nicht angebrochen. Es knacken nur die Metallbügel, die die Metallspitze halten. Dann halte ich inne. Irgendwie tut der junge Mann mir leid. Wieder hebt er die Hände. Er sagt, wir könnten uns doch bei Kehrer in Dortmund treffen. Aus irgendeinem Grund weiß ich im Traum, dass das ein Schmuckgeschäft ist. Er könne mir doch als Wiedergutmachung einen Ring schenken.
Ich zögere. Dann stimme ich zu. „Ja, aber dann einen geklauten,“ sage ich.

Tag 1 [10.07.]

Ein Schläfchen am Nachmittag. Eines von 2 Stunden. Luxus. Am Ende ein Traum. Ich bin in einem großen Supermarkt an der Kasse und lade eine schier endlose Reihe von Dingen auf das Förderband. Als der Einkaufswagen endlich leer ist, beginnen auf dem Band auch schon die Sachen des Nächsten. Wieder eine schier endlose Reihe. Am Ende der Reihe hockt plötzlich eine Kollegin knielings auf dem Band. Sie lächelt dieses Lächeln. Eines, das irgendwie gar keins ist. Und doch da. Eines, das sich liebevoll über das Leben lustig macht, hart an der Grenze zur Ironie. Sie hockt da, fährt im gemächlichen Tempo der Päckchen und Flaschen auf mich zu und sagt: „Oh … nicht dass du mich jetzt für eine Ware hältst.“ Und lächelt. Oder auch nicht. Ich antworte: „Nee, geht ja nicht. Du bist ja nicht ausgezeichnet.“ Dann wache ich auf.

Tag 16 [25.07.]

Im Traum ein Hund. Er liegt neben dem Nachbartisch in einem Café. Ein blöder Hund. Braun. Eher klein. Glattes Fell. Spitze Schnauze. So eine Sorte, die gar nicht aussieht wie ein richtiger Hund. Eher wie ein kleines Reh. Ein Weichei-Hund. Kann wahrscheinlich nicht mal richtig kacken. Drückt wahrscheinlich nur mit viel Mühe und zitternden Hinterläufen einen mickrigen Karnickel-Köttel raus. Kann wahrscheinlich auch nicht richtig bellen. Reißt das Maul auf, als wollte er gähnen und produziert nur ein helles „A – A“ mit Kinderstimme. Und dann trägt er auch noch ein albernes Hundeleinen-Geschirr. Nicht nur ein Halsband. Ein kleines Halfter um Hals und Brust mit folkloristischen Applikationen. Irgendwie bayrisch. Lächerlich!
Und dieses doofe Vieh macht sich bei jedem italienischen Wort, das ich spreche, lustig über meine Aussprache und über den Satzbau und über die falschen Vokabeln und überhaupt über alles. Bei jedem Wort. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ich sehe es nicht. Ich weiß es nur. Es macht mich total sauer. Als wir zahlen und gehen, drehe ich mich nochmal um und ziehe ihm eine Grimmasse.

Er äfft meine Grimmasse nach und schickt sie mir hinterher.
Sofort danach wache ich auf. So ein Mist. Jetzt kann ich nicht zurückätzen und das blöde Vieh hat gewonnen.
Das wird ein Scheißtag.
Zur Strafe kriegt er jetzt diesen Text.
Wehe der läuft mir heute Nacht wieder übern Traum!

Im Traum ein Tanztheater. Ich sehe keine Bühne, kein Publikum, nur zwei Szenen. Trotzdem weiß ich es.
In der ersten Szene  eine Figur. Sie steckt in einem bleichen leinenen mildweißen Ganz-Körper-Anzug. Er lässt die Körperkonturen verschwinden. Man sieht nur eine rundliche Silhouette. Einzig der nach vorn gesenkte Kopf setzt sich mit seinem kleineren Rund etwas ab.
Auf den Schultern, um sie herum und um den Kopf herum trägt die Figur ein merkwürdiges Gerüst aus Holzstreben. Sie sind aus grobem Holz. Zu dünn für Balken, zu dick für Leisten. Tiefschwarz gestrichen. Die gesamte Form ist andeutungsweise die eines Würfels, aber die Streben sind nicht parallel, rechtwinklig. Sie sind schräg, durcheinander, aus der Form herausragend.
In der zweiten Szene sieht man eine Hand. Sie trägt das Gerüst. Sie kriecht hinter einer Strebe hervor, nach oben. Man sieht auf die Handinnenfläche gemalt die obere Hälfte eines Gesichtes. Meerblaue, ovale Fläche. Zwei Augen. Sie schiebt sich höher. Man sieht ein weiteres Gesicht. Das gleiche Bild. Nur die Fläche ist smaragdgrün.
Im Traum frage ich mich, ob man dieses Detail in einem Tanztheater überhaupt sehen könnte.
Und wache auf.
Mit hingekritztelten Skizzen versuche ich mir beim Merken der Bilder zu helfen.
Wie gern würde ich zeichnen können.

Tanztheater im Traum Skizze

Einer dieser immer wiederkehrenden Scheißträume. Ich bin unterwegs. Ich bin zu spät. Ich stoße dauernd auf irgendwelche Hindernisse. Nur diesmal weiß ich nicht, warum ich wann wohin muss. Ich bin einfach granatenzuspät. Eine Straße, an der ich rechts abbiegen muss, ist gesperrt. So eine Scheiße. Die rot-weiß gestreiften Absperrbaken stehen so, dass ich vielleicht daran vorbeifahren und den Abzweig einfach doch nehmen kann. Er sieht ja befahrbar aus. Ich fahre auf eine Bake zu. Schon stoße ich daran. Zum Glück ist es eines dieser Schilder, das am Fuß sofort nachgibt und nach hinten wegkippt. Sie verschwindet unter der Motorhaube. In dem Moment sehe ich, dass der Weg, den ich nehmen will, eine frisch gehakte Sandfläche in dunklem Ocker ist. Vorsichtig setze ich zurück. Wieder jede Menge Zeit verloren. Beim Zurücksetzen hoffe ich, dass die Bake so nachgiebig ist, dass sie das Auto nicht irgendwie von unten beschädigt. Also ein anderer Weg. Über den Markplatz. Ich weiß nicht, ob da Autos überhaupt fahren dürfen, aber es muss jetzt sein. Beim Einschwenken auf den Platz steht vorne rechts ein roter Kleinwagen im Weg. Ein junge Frau versucht einzuparken, setzt aber immer wieder zurück, weil sie den angestrebten Platz nicht mittig genug trifft. Links davon steht ein kleiner Kran-ähnlicher Transporter mit einem kurzen, nicht sehr hohen Ausleger. Daran hängt ein silbriger Stahl-Glas-Zylinder. Darin hockt ein behinderter  Junge (Ich sehe es nicht, ich weiß es nur. Tatsächlich träume ich den Begriff ‚behindert‘) . Ich suche das Führerhaus, um den Blick des Fahrers einfangen. Vielleicht kann ich ihn bewegen etwas zurückzusetzen, damit ich zwischen ihm und dem roten Kleinwagen hindurch auf den Marktplatz fahren kann. Der Platz ist – das fällt mir jetzt auf – mit kleinem rötlichem Stein gepflastert. ‚Eigentlich ganz schön‘, denke ich im Traum. Der Fahrer schaut mich mit unbeweglichem Gesicht an und doch an mir vorbei. Ich registriere, dass die ganze Zeit in meinem Auto das Radio läuft. Ich frage mich, ob das, was da läuft, ein Song ist.  Klaviermusik, die einen gesprochenen Text begleitet. Ist sie nur Hintergrund? Eigentlich nicht, denn das Sprechen kommt mir irgendwie rhythmisch und lyrisch vor. Die Stimme ähnelt sehr stark der von Manfred Maurenbrecher (den ich einmal gut fand, und von dem ich bestimmt seit mehr als 20 Jahren nichts mehr gehört habe … es gibt ihn tatsächlich noch …) Er kann es aber eigentlich nicht sein, denn das charakteristische Lispeln fehlt. Die Lücke, die der rote Kleinwagen und der Kleinkran lassen, ist verdammt schmal. Trotzdem versuche ich mich da hindurchzufummeln. Noch einmal nehme ich irgendwie teilnahmslos irritiert direkt vor mir die ausdruckslosen Gesichtsausdrücke vom Fahrer und von dem Jungen wahr. Dann bin ich tatsächlich durch. Im Radio höre ich im selben Moment eine Melodie. Anschließend einen Satz. Dann Stille. Ich warte auf einen Jingle oder eine Moderation oder irgendetwas anderes, mit dem das Programm fortgesetzt wird. Nichts. Stille, die bleibt.
Dann wache ich auf und kann mich zum ersten Mal in meinem Leben an eine Melodie aus einem Traum erinnern. An den Satz auch.

Ein Schläfchen am Vormittag. Mehrere kurze verrückte Träume.
Einer davon:
Ich bin auf dem Weg in das Gebäude, in dem ich arbeite. Mitten auf dem Weg vor dem Seiteneingang steht ein Baum, der dort nie stand. Ein junger Baum mit noch lichtem Geäst. Frühlingsfrisches Blattgrün. Macht mich jemand aufmerksam oder drehe ich mich einfach so um? Ich sehe einen Dackel, der etwa in Kopfhöhe auf mich zugeflogen kommt. Er wirkt auf zielstrebige Art angestrengt. Seine Ohren schlagen, ersetzen die Flügel. Seine kurzen Beinchen sind stromlinienförmig leicht nach hinten abgewinkelt. Ich drehe mich, während er vorbeifliegt, hinter ihm her. Zorniges Vogelgeschrei kommt aus dem jungen Baum. Ist er dort gelandet? Ist er vorbeigeflogen? Zwei große Vögel – sie sehen aus wie die, die ich kürzlich neu bei uns im Garten entdeckt habe – hocken im Baum. Ich frage mich im Traum, ob sie den Dackel im Flug angegriffen haben. Warum das Geschrei?
In der nächsten „Szene“ verlasse ich das Gebäude wieder, zusammen mit einem jungen, auf freundliche Art jovialen Kollegen. Ich traue mich und erzähle ihm davon, was ich gesehen habe, wohl wissend, dass das unglaublich ist. Trotzdem tue ich es. Er tätschelt meinen Kopf und macht Späße. Unter anderem spielt er auf einen von Sylvester möglicherweise noch recht hohen Alkoholspiegel an. Ich versuche gar nicht erst, ihm zu widersprechen. Noch im Traum sehe ich ein, dass er die Geschichte gar nicht glauben kann. Seitlich strebt er weg von mir zum Auto.
Der fliegende Dackel ist nun wirklich nicht zu glauben.
Ich aber weiß, dass er da war. Noch jetzt sehe ich diese wie selbstverständlich flügelschlagenden Ohren ganz genau vor mir, ebenso wie seinen Gesichtsausdruck. Im Nachhinein meine ich darin auch etwas wie den Ausdruck des Erstaunens zu sehen. Vielleicht war es auch für den Dackel so selbstverständlich nicht zu fliegen.

Whiskey Sorte, Traum

Heute Nacht – ein Traum.
Ich träume
– kein Scheiß! – einen Werbespot für Whisky.
Ein Bauernhof. Ein alter Bauer tritt aus einer Scheune. Er trägt eine bollerige, von Arbeit zerschlissene Jeans und eine hellblaue Arbeitsjacke. Trotz seines hohen Alters hat er dichtes helles Haar. Er ist ziemlich moppelig. Er hat ein rundes, freundliches, rosiges Gesicht.
Beim Aus-der-Scheune-gehen sagt er mit altersmüder, gebrochener Stimme in irgendwie norddeutschem Dialekt: „Hab kein‘ Durst mehr.“ Er scheint unendlich müde.
Schnitt.
Derselbe alte Mann. Er geht jetzt auf einer Kuhwiese und gelangt zu einem markanten Ort. Ist es eine Lagerfeuerstelle? Oder eine verrostete Kuhtränke? Weiß nicht. Bis auf eine glatte, hautfarbene Unterhose ist er nackt. In seiner breiten, müden Hand baumelt eine Whisky-Flasche. Er stellt sie auf den Boden. Ächzend und stöhnend beginnt er, sich niederzulassen. Liegt schließlich als dicker Fleischberg mit gemütlichen Fettwülsten auf der Seite. Lässt sich auf den Rücken rollen. Sagt dabei: „Nor Hunger.“ Es ist die Fortsetzung von „Hab kein‘ Durst mehr“ und bedeutet: „Auch keinen Hunger mehr.“ Er legt sich nieder zum Sterben. Ich weiß das.
Sein Sohn tritt ins Bild. Er ist um die 50. Nackt. Drahtig. Weiße Haut. Ihr Kontrast mit der dunklen Körperbehaarung betont  die Nacktheit. Freundliches Gesicht. Große, klare Augen. Fast schwarze strubbelige Haare auf dem Kopf und im hageren Gesicht. Ich registriere, wie aus dem  Dickicht der Schamhaare sein Schwanz herausbaumelt. Er ist nicht beschnitten.
Etwas abseits links von dem Alten lässt auch er sich nieder. Lächelt ein freud-faltiges Lächeln. Er sitzt und lehnt sich an den Zaun. Es ist ein ganz normaler Draht-Zaun, wie er eben um Kuhwiesen steht. Ich denke im Traum: Das muss doch in die Haut schneiden.
Das Bild konzentriert sich wieder auf den sterbenden Alten, zoomt dann auf die Flasche. Ich kann das Label inclusive Namen deutlich erkennen. Behalte es sogar.
Noch im Traum denke ich, dass es ganz schön gewagt ist, mit dem Sterben zu werben.
Und ich frage mich, ob es wohl gut ist sich zu betrinken, wenn es soweit ist.
Dann wache ich auf.