So einfach ist das

Ich hole die Enkelin von der Grundschule ab. Als ich das Gebäude betrete, sehe ich sie schon im Flur mit ihren drei Freundinnen. Man bereitet die Rückfahrt mit Fahrrad oder Roller vor. Schal suchen, Tonni checken, Helm von der etwas hohen Ablage angeln etc. Eine bemerkt den Hut in meiner Hand, den ich beim Betreten des Gebäudes abgesetzt hatte. „Warum hast Du einen Hut?“, fragt sie. Ich erkläre, ich hätte ihn wieder rausgekramt, weil ich eine Behandlung bei einer Hautärztin hatte und jetzt meine Glatze schützen müsste. „Und warum hast Du ihn dann nicht auf?“, fragt sie. Ich zögere kurz. Dann erkläre ich meine kleine Misere. „ Na, ja“, sage ich, „einerseits möchte ich ihn gerne aufbehalten, um meine Glatze zu schützen, und weil mir die roten Flecken auf dem Kopf schon ein bisschen peinlich sind.“ Dabei beuge ich den Kopf runter, damit die Vier den Rotfleckenteppich sehen können. „Andererseits wäre es mir aber auch peinlich, mit Hut auf hier reinzukommen.“ Kurze Stille. Sie überlegt. Dann sagt sie „Setz ihn auf. Dann siehst Du aus wie `n Detektiv“.
„Stimmt“, sage ich und setze ihn auf. Kurze vierfache schweigende Begutachtung. Dann wendet man sich wieder Jungmädchen-Alltags-Geschäften zu. Beim Verlassen der Schule male ich mir aus, dass die, die mich jetzt sehen, denken, ich sähe aus wie ein Detektiv. Und bin ein bisschen stolz.

Chrupallalla und Weidelein

Ich kann sie hören. Aus den Hinterzimmern. Die immer mehr zur offenen Bühne werden. Schneidig schnarrende Männerstimmen besprechen die Lage. Einer sprenkelt Häme über die blaue Doppelspitze. Er nennt sie grinsend „Chrupallalla und Weidelein“ und schickt ein knatterndes Lachen hinterher. Ein anderer mahnt ihn mit gut dosierter autoritärer Geste zur Mäßigung. Es wird still. Er betont, die Beiden machten eine hervorragende Arbeit für „unsere Sache“. Jetzt, – in der vorrevolutionären Zeit, wie es Herr Höcke einmal treffend genannt habe. Wenn es so weit sei, würde es natürlich Menschen von anderem Format brauchen. Männer, die die Stärke haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen und Männer, die diese dann auch notfalls unschön durchsetzten. Aber bis dahin gelte den Beiden „unsere volle Unterstützung“. Er gehe davon aus, dass sich gefälligst alle daran halten. Dann geht man zur Tagesordnung über.

2055

Oder: Worauf es mir eigentlich ankam

Zusammen mit einer Gruppe von Menschen stehe ich etwa 5m entfernt vor einem mehrstöckigen Haus, das rot verklinkert ist. Eine Frau in einem altmodischen grauen Kostüm mit einem Haarknoten löst sich aus der Gruppe, geht auf das Haus zu, dreht sich kurz vor der Wand noch einmal zu uns zurück und dreht sich dann wieder zum Haus. Sie bückt sich tief und schiebt beide Hände unter den unteren Rand des Hauses. Dann hebt sie das Haus an. Obwohl sie die Hände auf der linken Seite des Hauses hat, bekommt es keine Schlagseite, sondern bewegt sich gerade nach oben, begleitet von unserem Staunen. Sie lächelt sehr zurückhaltend. Als würde unser Staunen sie erfreuen und gleichzeitig auch amüsieren. Schließlich ist das Hausheben doch ein Akt, der für sie selbstverständlich ist. Als das Haus 6 oder 7 Stockwerke höher hängt, bin ich plötzlich im Inneren des Hauses und trete aus dem Fahrstuhl. Ein großer Raum öffnet sich. Ringsherum sind zahllose Damen-Friseur-Sitzplätze mit Trockenhauben, unter denen Frauen sitzen, die in Zeitschriften blättern. Ich schaue mich um. Währenddessen begreife ich, dass wir eine Zeitreise gemacht haben und im Jahr 2055 sind. Ein kleines Stück nach rechts den Flur entlang steht ein edler, aber nicht protziger Schreibtisch. Es ist eine Art Empfang. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Mann. Er lächelt mir entgegen. Mein Traum-Ich wundert sich darüber, dass es den jungen Mann sympathisch findet. Hat er doch auffällige Ähnlichkeit mit Philipp Amthor. Und es wundert sich darüber, dass der junge Mann trotz der Ähnlichkeit mit Amthor gerade nicht die Ausstrahlung eines kaum der Schule entwachsenen kreuzbraven ostwestfälischen Abiturienten hat, sondern die eines ganz normalen, jungen, etwas scheuen Mannes mit leicht angezottelten fast schwarzen Haaren. Wir kommen ins Gespräch über dies und das (ohne dass ich jetzt noch wüsste, über was). Ich mache mehrere Versuche, im Gespräch unterzubringen, dass ich aus einer anderen Zeit stamme, die 30 Jahre her ist. Aber ich werde diese Aussage nicht los. Mein Traum-Ich ist enttäuscht, dass es gar nicht den erhofften Ansehens-Gewinn erzielen kann ob dieser überaus interessanten Information über seine Herkunft. Beim vielleicht 10. Versuch, dem jungen Mann diese Information zu übermitteln, sagt es: „Jetzt haben wir immer noch nicht darüber gesprochen, worauf es mir eigentlich ankam.“ Im selben Moment wache ich auf.

Drecksarbeit

Wenn ein Mafiaboss den Tod einer Person will, – zum Beispiel den Tod eines aufrechten Staatsanwalts, eines Verräters oder eines Konkurrenten, dann vergibt er diesen Auftrag an eine Person, die unverfroren, brutal und unmoralisch genug ist, diese illegale Drecksarbeit zu erledigen.

Dürfen wir davon ausgehen, dass der Bundeskanzler, Herr Merz, eine andere Metaphorik im Kopf hat, wenn er das Bombardement der israelischen Armee im Iran als „Drecksarbeit“ bezeichnet?

Und welche wäre das dann?

Laubblatt im Wollfaden-Netz

Die Wirrnis, die Ordnung, die Zeit

Oder:

Sind wir nicht alle ein bisschen AFD?

I

Ich verstehe das alles nicht. „Wir reißen alle Windkraftwerke nieder! Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“, ruft mit einer emphatischen Geste, die ihr nicht so recht gelingen will, die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel auf einem AfD-Bundesparteitag in den Saal. „Was für ein Quatsch!“, denke ich und halte innerlich mit Gedanken dagegen, die ich für rational halte. Sehe vor mir Kräne, Facharbeiter:innen, die in schwindelnder Höhe demontieren, Bagger, die Fundamente aus der Erde brechen, LKW’s, die abtransportieren. Frage mich, wie die dann entstehende Lücke in der Energieproduktion gefüllt werden solle. Und spätestens dann weise ich dieser Aussage final zu: Absurd.

Und das gut geölte Gedankenaggregat schnurrt munter weiter. So dumm könne sie ja nicht sein. Sie müsse andere Gründe haben, so etwas zu sagen. Und sie müsse vor allem – für sie gute – Gründe haben, Worte in die Welt zu fauchen, die gar nicht die Bedeutung haben können, die sie vorgeben zu haben, sondern eine andere haben müssen. Jenseitig vom Thema. Ich versuche, zu verstehen, welche das sein könnten. Windräder sind in ihrer Welt und der Welt derer, die sie – anders als ich – „verstehen“, eine „Schande“. Ein niederträchtiges Vergehen an irgendetwas. Vielleicht an der Unversehrtheit der Natur? Etwas in mir protestiert. Das wäre doch „links-grün versifft“. Und wäre nach dieser Logik ein neues Kohlekraftwerk nicht eine noch größere Schande? Vielleicht aber geht es bei solchem Reden auch gar nicht darum, in die Zukunft zu denken. Sondern in die Vergangenheit. Der Konjunktiv 2 kommt ins Spiel. Hätten wir die Kernkraft nicht verteufelt, hätten wir die Energie-Probleme gar nicht. Wenn sie nun aber abgeschaltet sind? …

Und spätestens, wenn ich mir vorstelle, ich würde meine Einwände im Gespräch mit einer/m Anhänger:in der AFD vorbringen, merke ich:

So komme ich nicht weiter. Und dann muss mein Gedankenaggregat eine zweite Rationalitäts-Mechanik bewegen. Eine, die sich an dem abarbeitet, was jenseits des scheinbaren Sachthemas liegt. Was sind die dem Bild der Schande, dem Bild der „Windmühle“ zugrunde liegenden inneren Welten? „Don Quijote“ fällt mir ein. Aber das passt ja nicht. Don Quijote ist ein der Wirklichkeit entrückter, in der Welt der Ritterromane verlorener, verwirrter Harmloser auf einem klapprigen Gaul in einer verrosteten Rüstung, der am Ende verliert. Ein trauriger Antiheld. Immerhin ein Held. Schimmert da eine Erklärungsmöglichkeit? Die Anrufung einer Opferrolle als Behauptung – einmal um die Ecke – eines Siegertums? Und mir fällt ein, dass Björn Höcke die Betonquader, die in Berlin an die ermordeten Jüdinnen und Juden erinnern, als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet hat. Verbunden mit der Forderung, die Erinnerung an die Taten, mit denen sich eine Nation schuldig gemacht habe, zu tilgen und zu ersetzen durch Erinnerung an all die Errungenschaften eben dieser Nation. Die berühmt gewordene „erinnerungspolitische Wende um 1800“. Das Gedankenmaschinchen stottert. Das Volk der Dichter und Denker beruft sich doch dauernd auf seine Leistungen. Wo führt denn dann diese Wende hin? Immerhin auch hier: Eine durch „Schande“ bedrohte verloren gegangene Identität. Ihre Rettung: Die Änderung der Vergangenheit. Wir wollen nicht weiter Opfer sein. Wollen aber weiterhin Opfer sein einer als falsch verstandenen jüngeren Vergangenheit?!

Vorläufig schalte ich die inzwischen zwei Gedankenmaschinchen ab. Sie drohen heiß zu laufen.

II

Ich begegne der Wirrnis mit Gedanken, die ich für rational halte. Aber wenn ich ehrlich bin: Nicht um der Rationalität selbst willen, – einer jenseits von mir bestehenden, übergeordneten Systematik, die die vermeintlich logische Voraussetzung für sinnvolles Handeln wäre. Ich tue es vielmehr zuallererst, weil Frau Weidel mit ihrer Äußerung Stützpfeiler meiner inneren Ordnung angreift. Diese Ordnung meldet sich meist erst, wenn sie bedroht ist. Und es ist gar nicht leicht, sie zu fassen zu bekommen. Es geht nur versuchsweise, weil ich geneigt bin, mich zu schnell hinter dem Schutzzaun „Rationalität“ zu verstecken. Da ist zum einen diese abfällige Häme, mit der Frau Weidel etwas charakterisiert, was andere geschaffen haben, weil sie es für sinnvoll hielten. Eine solche Häme empfinde ich als nur destruktiv. Mir selbst würde meine innere Ordnung das verbieten. Oder mich mit Schuldgefühl strafen, wenn ich mich doch zur Häme hinreißen lassen würde. Dann ist es die nassforsche Frechheit etwas anzukündigen, was durchzuführen sie selbst und die „Ihren“ selbst bei aufrichtigem Bemühen objektiv nicht in der Lage wären. Auch das empfinde ich auf schmerzhafte Art als destruktiv. Und weiter ist es die mit der Forderung zum Einreißen der Windräder verbundene Unterstellung, alle diejenigen, die einen gefährlichen Klimawandel konstatieren, also eine weit überwiegende Zahl von Wissenschaftler:innen, Naturbeobachter:innen, Politiker:innen und Journalist:innen wären dumm. Zu dumm zu erkennen, dass die Menschen nicht an den sie selbst bedrohenden Veränderungen schuld seien. Zu dumm zu erkennen, dass es sich bei den Phänomenen, die sie erforschen und zu erklären versuchen, um ganz normale Klimaschwankungen handele. Auch eine solche Hybris würde ich mir verbieten. An all dem merke ich: Dass ich Frau Weidel und Herrn Höcke nicht verstehe, liegt nicht in erster Linie daran, dass ihr Reden sachlich falsch ist, sondern daran, dass ich es nicht will. Denn sie bedrohen meine innere Ordnung. Meine Abwehr ist im Ursprung ein emotionaler Impuls, nicht ein rationaler.  Und ich verteidige diese meine Ordnung gegen sie. Ich bringe meine Rationalität in Stellung und versuche damit den Angriff auf meine Integrität abzuwehren.

Diese mentale Mechanik – (schein-)rationales Argumentieren um des Schutzes der inneren Ordnung willen – ist das nicht gar etwas, was uns verbindet? Uns, – die unversöhnlichen Gegner rechts gegenüber links?

III

Dieses Gegenüber wird ins Unbeherrschbare hinein forciert durch das zunehmende Schwinden der Zeit. Wir haben für nichts Zeit. Wir werden dauerbespielt mit Nachrichten, „Wahrheiten“ – offenen und insgeheimen – , mit Bildern, mit Kommentaren. Unsere innere Ordnung wird unablässig und immer schneller bedroht. Zugleich aber gibt es auch in steigender Kurzzeitigkeit Angebote zu ihrem Schutz. Schnellst verfügbar und schnellst konsumierbar. Ich kann mein Innenleben im Sekundentakt einhegen und mich hinter Wahrheiten verschanzen, die so knackig sind wie flüchtig. Zugleich hat auch die Kommunikation keine Zeit. Sie wird in WhattsApp-gerechte schlagwort-listige Halbsätze, spontan abgespulte Sprachnachrichten, hipp gepostete Flash-News auf allen Kanälen in Synapsen-betäubender Frequenz mehr eilig hingeworfen als gepflegt. Aufmerksamkeitsspannen schwellen ab, kaum dass etwas nach dem Wahrnehmen weitergedacht ist. Die Informationsflut vertieft die schützenden Schützengräben in Sturmeseile. Diese Charakterisierung mag meinem hohen Alter geschuldet sein und dem damit einhergehenden Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Aber wäre sie schon deshalb falsch? Und zugleich nutze auch ich das Tempo zum hochfrequenten Aufbau von Schutzwänden. Eine Gemeinsamkeit von „Ich“ und „Die Anderen“. Wir alle werden damit zu schieren Gegnern. Ohne Chance auf Zusammenkunft. Und tun vielleicht zugleich dasselbe.

Kommunikation als flirrende scheininformierte Selbstbestätigungs-Routine.

Wir brauchen dringend Begegnung. Wir brauchen Austausch. Wir brauchen Beschäftigung mit dem Innenleben unserer Schützengräben. Wir brauchen Zeit, Luft und Raum dafür mit einer erheblichen Portion Analogität. Und wenn wir begreifen, dass wir in mancherlei Hinsicht dasselbe Spiel im wahrsten Sinne des Wortes: treiben, hätten wir dann nicht einen Ansatz, einander wieder verständnissuchend begegnen zu können?

Oder wenigstens versuchen zu können, den Gründen auf die Spur zu kommen,  warum wir einander nicht verstehen?

Berlin ist arm. Aber sexy?

 

Berlin Schlafplatz eines Obdachlosen

Berlin Quartier Hauptbahnhof

Berlin-Mitte. Der Hauptbahnhof könnte ein richtig schönes Gebäude sein. Zumindest eines, das mit seinem Betonglas-Stahl-Protz nicht nur einschüchtert. Sondern das Betrachten mit innerem Glanz belohnt.

Könnte … Denn die Umgebung macht diese Chance zunichte. Sie macht das Gebäude zu einem missglückten Versuch. Der wahrscheinlich als Modell beim Bewerbungsverfahren, begleitet von einer schicken Präsentation, noch inspirierend war, die Phantasie anregte. Ein Phantasie, die jetzt, Wirklichkeit geworden, verloren in einem trotz der Menschenfülle unbelebten Nicht-Quartier steht. In Tristesse verendet. Überkritzelt von großen um sie herum in die Welt geflanschten streng rechtwinkligen Quadern. In einem von ihnen mein Hotelzimmer. Das Hotel ist Teil einer Hochhauszeile, die auf ebener Erde mit ihren schicken Eingangsvordächern, ein paar Kübelpflanzen, ein paar Sonnenschirmen und ein paar Leuchtlettern auch nur wie ein trauriger Rest verblichener Lebendigkeitsphantasie ist.

Am Morgen begebe ich mich vom Hotel zur Tram. Passiere einen Bauzaun. Er ist nach außen aufgeschickt mit einer roten Plane. Werbeschriftzüge einer Immobiliengesellschaft. „WHERE PEOPLE LOVE TO WORK“. Nebenan eine Outdoor-Pop-Up-Cocktail Bar.

Ein Mann hockt vor der Plane. Er hat einige Botschaften an sie geheftet. Heftzweckenpieksen belebt schreiende Immo-Werbung.

Ich spreche ihn an. Er antwortet auf Englisch. Also wechsle ich auch die Sprache. Ob er mir von seinem künstlerischen Projekt erzählen mag. Das möchte er. Es sei eigentlich kein Kunst-Projekt. Er lebe auf der Straße und habe diesen Platz ein wenig gestaltet. Auf dass er einlade zu lesen. Zu betrachten und dann vielleicht etwas in seinen Becher zu werfen. Er wolle nicht einfach nur betteln. Er wolle auch zum Nachdenken anregen.

Nach dem kleinen Gespräch verabschieden wir uns. Schon kurz vor der Tramstation kehre ich wieder um. Spreche ihn nochmal an. „Sorry, I forgot to ask you for your name.” “Ahhh, yes! My name is Morten and what’s your name?” “Martin.”

Wir wechseln ein Strahlen. Nur zwei Buchstaben Unterschied. Zwischen zwei Welten. Mit gleichem Namen.

Ein Mensch, den ich sehr schätze, hat mir eines seiner Gedichte zu lesen gegeben. Es kam mir sehr nahe. So nahe, dass ich den Wunsch hatte, es für meinen Blog zu „adoptieren“. Zu meiner Freude willigte er ein…:

 

Kleiner denken II

Kleiner, nicht gar nicht
denken,
bescheidener,
menschennäher.
Uns Menschen nähren
mit Zuspruch
uns ernst nehmen, annehmen
in unserem Groß sein im
Klein sein
in unserem Klein sein
im Groß sein

Gebunden, verwoben,
behaust durch Millionen Jahre
durch Familie, Familiengeschichten,
erst recht durch Biologie und Chemie,
und ja:
Begnadet mit Traumvermögen und
Tanz
Hoffnung und Liebe
mit Vermögen zu Abgründen aller Art
und auch
dem Gegenteil.

Lernen zu buchstabieren:

Wer kommt mir entgegen?
Wem komme ich entgegen?
Wer flieht vor mir?
Vor wem flieh ich?
Auch: vor was?

Wem kann ich geben
zu essen, zu kleiden
von wem kann ich empfangen
ohne zu tauschen
zu zahlen

B.Damm 24

Venezia

I

Gondeln im Morgenlicht

Kanal Venedig

Venedig und ich

Ein langes Dasein hat mir verwinkelte Kanäle und Gassen ins Gemüt und ins Gesicht geschrieben. Du kommst nicht einfach so ans Ziel. Es ist schwierig, die richtigen Wege zu finden. Bevor Du ankommst, musst Du Irrwege gehen. Verlierst die Orientierung. Findest Dinge, die Du gar nicht suchtest. Findest, was Du suchtest, vielleicht doch, aber dann eher zufällig. Hast die Richtung verloren. Glaubst, jetzt wärst Du nahe dran und stehst plötzlich vor einem Kanal. Musst wieder umkehren, einen nächsten Weg gehen. Entdeckst einladende Gefilde, Plätze, Gassen, Häuser, hinter denen sich verwilderte Gärten verstecken. Prachtvolle Palazzi, ebenso wie verwahrloste Hinterhöfe. Übrig geblieben aus einem bewegten Leben. Voller armseligen Reichtums und reicher Armut. Und das im Herbst. Immerhin bin ich fast 70. Vom wuchtigen Sommer gebleichte Blätter halten sich mit schwindender Kraft am Ast des Lebens fest. Glücklich, vorerst weiter aus schorfiger Rinde mit Lebenssaft versorgt zu werden. Dort! Eine Brücke. Bestimmt ist sie der Schlüssel zum Ziel. Und dann lenkt Dich der Weg dahinter wieder in die entgegengesetzte Richtung.

Hier hat das Leben gewildert. Dort hat es Orte hinterlassen, an denen Du bleiben möchtest. Oft beides zugleich. Du versuchst zu verstehen und erkennst dabei, dass Verstehen immer das ist: Ein Versuch.

Viele suchen, was sie schon vorher wussten. Wollen es bestätigt finden. Ein Foto machen. Und verstellen sich dabei gegenseitig den Blick. Und dann doch: Momente von einem Glanz, mit dem all die vergangene Zeit sich selber feiert.

Magisch ist es am sehr frühen Morgen oder bei Nacht. Gerne begleitet von Nieselregen. Dann ist es leichter zu sehen. Zu spüren all diese Geschichten vom Glück und vom Schmerz. Vielleicht liegt es daran, dass dann alles noch verletzlicher ist, noch nicht umhüllt von dem, was wir sein wollen. Oder sollen. Oder müssen. Noch bereit, all das loszulassen, angesichts der Wahrheit, dass das Ende schon in Sicht ist. Zu erkennen, an den Pfützen, die das steigende Wasser in den Kanälen auf den Gehwegen hinterlassen hat. Oder an den Podesten, die den Weg eine Etage höher legen, weil das Wasser das Erdgeschoss schon geschluckt hat. Dann ist Improvisation gefragt. Und die Notwendigkeit, sich von der Fassade zu verabschieden.

Merkwürdig. Erst auf dem Weg zurück in mein Alltagsleben wird mir klar, welch ungeheuer mildernde Umstände mir diese Stadt geschenkt hat. Ich habe zwei Wochen lang kein einziges Auto, kein Motorrad, – ja: nicht einmal ein Fahrrad gesehen. Einen LKW nur manchmal. Stehend auf einem Schiff, das für einen kurzen Moment mitten auf dem Canale di Giudecca die Vaporetti aus dem Weg scheuchte. Alle hier gehen oder schwimmen. Niemand fährt. Selbst das aufgeregte Geschnatter und Gerenne der Abertausenden von Touristen stört nicht so sehr, wie es Autos täten. Wer hier lebt, weiß, wo er seine Einkaufs-Tasche auf Rädern hinter sich herziehen kann, ohne im dickflüssigen Touristen-Menschenbrei steckenzubleiben. Wenn es doch passiert: Ein böser Blick. Vielleicht gar ein Fluchen. Aber beides von kurzer Dauer. Es geht ja doch irgendwie immer alles weiter. Jede Flasche Wasser, die hier am Tag getrunken wird, kommt mit dem Schiff. Und leer geworden verschwindet sie am Abend wieder. Auch per Schiff. Die am Morgen blau. Die am Abend grün. Der Notarzt und die Sanitäter kommen in gelb-roten.

Am Abend sitze ich mit der Liebsten auf einem beinahe zu kleinen und doch gemütlichen Stuhl, nahe am Wasser, das schon manchmal über den Rand schwappend die Zunge ausstreckt nach unseren Füßen. Wir rücken ein Stückchen weiter. Und bleiben. Wir können dem Klang unserer zärtlich aneinander geschubsten Gläser lange nachhorchen.

Wie schön das Leben ist. Für Venedig und mich.

 

Venedig neue Ware kommt

Venedig Wasser schwappt in die Gasse

II

Venezianisches Menuett

Schon gewebt
Haben wir das Leichentuch.

Breiten es aus
Über das Pflaster
Um es zu schützen
Vor uns’ren Schritten.

Venedig Wassertaxi

Venedig Piazza

[Unsere Streifzüge waren wundervoll. Das haben wir zu einem guten Teil auch Paola Longobardi zu verdanken, deren Webseite wir zufällig entdeckt haben. Dort sind u.a. mehrere Spaziergänge durch Venedig beschrieben, die wir alle nachspaziert sind. Oft genug mit langen Abstechern, wenn uns danach war. Man findet diese und  Spaziergänge in anderen Regionen hier: https://paola-longobardi.de/?page_id=8147]

 

 

Der verdoppelte Mord

Ein Mensch, der aus Afghanistan geflüchtet ist, tötet in Aschaffenburg ein kleines Kind und einen Mann.

Die einzig angemessene Reaktion auf dieses schier unfassbar leidvolle Geschehen ist:  – – Stille. Nur sie kann die Größe haben, die Arme zu öffnen, wo kein Trost sein will, – die Größe, sich selbst und seine Interessen bedingungslos hintanzustellen.

Und wenn man unbedingt dennoch etwas dazu sagen muss, wäre die einzig angemessene Form, um Worte ringend, den Tränen nah, den Versuch zu machen, tiefes Mitgefühl zu fassen zu bekommen und zu halten.

Was aber geschieht, ist die Einlassung von Herrn Merz, das Maß sei voll, es dürfe niemand mehr ohne Papier ins Land gelassen werden, ein Kompromiss sei für ihn in einer zukünftigen Regierung in dieser Frage nicht möglich.

Was ebenfalls geschieht, ist, dass Politiker:innen verschiedener Parteien sich genötigt sehen, sich ebenfalls zu äußern. Die meisten auf mehr oder weniger scharfe Art in der von Herrn Merz eingeschlagenen Richtung. Und Politiker:innen der AFD sehen sich eingeladen zur Kooperation, – eine Einladung, die sie gerne annehmen, indem sie sie aussprechen. Die Brandmauer steht lichterloh in Flammen.

Die Opfer aber verdorren dabei zu einem bloßen – hinterrücks willkommenen – Anlass zu selbstherrlicher Rede mit uneinlösbaren politischen Wahlkampf-Heilsversprechen.

Als Menschen müssen sie dabei ein zweites Mal sterben.

 

 

Stockeloquentes Gestammel

Am Anfang hört man in diesem Fernseh-Interview noch konventionelle Politiker-Sprache. Es geht um das Attentat in Solingen.

„Zunächst mal ne schlimme tragödie desweng trauern wir mit den Opfern und beten mit denen die ehm noch auf dem hoffentlichen Weg der Genesung sind und hoffen dass es für die gut ausgeht für die menschen die jetzt so betroffen sind […]“

Man kann diese Eröffnung als vielleicht nicht gerade Trauerfeier-taugliches, aber doch noch irgendwie geordnetes Sprechen verstehen. Dann aber beginnt diese sprachliche Ordnung zu entgleisen.

„[…] ehm es braucht jetzt schon konsequenzen nach dieser tat also eh betroffenheit ist das eine aber `s braucht konsequenzen is ja nicht die erste tat die passiert ist eine reihe von solchen taten desweng glaub ich muss […]“

Und es folgen eine halbe Stunde lang immer wieder weitere solche, – „Sätze“ mag man gar nicht sagen:

„[…] wemma ehrlich seit zwei jahren diskutieren wir mit der bundesregierung auch die länder die auch schon logistisch überfordert sind eh eh mit der mit der aufnahme […]“

„[…] klares bekenntnis nicht nur sagen wir wollen sondern wir machen desweng so schnell wie möglich gesetze zu ändern eh wie g`sagt nach syrien afghanistan abschieben […]“

„[…] zumal frau dröge war das glaub ich die fraktionsfrau dröge die grünen ham beim wahlrecht mit aller gewalt daran gearbeitet grad die grünen warn das besonders die CSU zu killen rauszubringen ist vom verfassungsgericht übrigens genauso wie bei der klimasache beim haushalt vom verfassungsgericht ne ziemlich deutliche klatsche bekommen […]“

„[…] wenn ich des sage diese dieser grüne eh dieses grüne Bayern-Bashing so nenn ichs emal bayern praktisch keine zuschüsse zu gem alles in den norden und westen no way […“]

„[…] und des is sozang die letzte patrone der eh der grünen und also es hilft auch wisnse schaun sie ich glaube schon dass dass er seine kompetenzen und fähigkeiten hat en guter erzähler und und […]“

„[…] so nett die ticket-idee war sie führt dazu dass wir in millionen und abermillionen ich glaub sogar milliarden am ende die ticket-idee bringen […]“

„[…] ja, ich ich wisnse ich hab ich hab zum beispiel ´s thema maut immer gsagt dass da viele fehler passiert sind da hab ich kein problem hab kein problem zu sang wenn fehler ist ohm dass man ihn ansprichst ich hab nur drauf hingewiesen ghabt dass es jeweils steigerungen gab[…]“

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man es für Reality-TieWie halten. Jenes Format, bei dem die Zuschauer:innen sich des eigenen Niveaus versichern können, indem sie sich schenkelklopfend über die Niveaulosigkeit der anderen amüsieren, derer, die dort wie Zirkus-Exoten vorgeführt werden. Die Dame mit Unterleib.

Doch hier wird in einem seriösen TV-Sender, im ARD, ausführlich ein hochrangiger Politiker interviewt. Markus Söder.

Sein Reden ist in großen Teilen offensichtlich nicht ein Sprechen, das komplexe Zusammenhänge versucht, in einer sprachlichen Ordnung abzubilden, die dieser Komplexität irgendwie gerecht zu werden vermöchte. Es ist eher ein hektisches Rühren in einem dicksuppigen Wortbrei, damit sich Bedeutungsblasen bilden, die beim Rühren platzen und leicht aufnehmbare Bedeutungs-Gerüche freisetzen, die auf direktem quasi olfaktorischem Weg die passenden Areale im Gehirn ansteuern und dort ein Gefühl von Heilung verbreiten. Heilung vom Schmerz über die Kompliziertheit der Welt und ihrer Krisen.

Nun haben wir es hier nicht mit einem bildungsfernen Jugendlichen zu tun, der mit reduzierter Sprache klarkommen muss. Wir haben es zu tun mit einem hochrangigen, erfolgreichen und erfahrenen Politiker, der so viel Einfluss hat und so viel Ansehen genießt, dass er sogar als möglicher Kanzler gehandelt wurde. Bei der Beurteilung von Politiker:innen nach Sympathie und Leistung im Politbarometer im ZDF lag er Ende Dezember 2024 hinter Boris Pistorius und Hendrik Wüst auf Platz 3.

Man kann somit nicht davon ausgehen, dass Markus Söder für eine seriöse öffentliche Sprache nicht die Fähigkeiten hat. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass er dieses sein Sprechen für geeignet hält, seine politische Agenda einem großen Publikum zu vermitteln,

Wenn das so wäre, hieße das: Hier hat sich ein Politiker verabschiedet von der Idee, dass politisches Handeln und die Kommunikation darüber gegenüber und mit den Wähler:innen mit einer konventionellen Vorstellung von Vernunft und von einer diese Vernunft abbildenden Sprache einhergehen sollte. Und damit auch von der Idee, man bräuchte eine dazu geeignete komplexe Sprache.

Wie lange mag es noch dauern, bis ein solcher Politiker tatsächlich der mächtigste Mann in unserem Land werden kann, wie es in den USA geschehen ist? Ist es schon so weit, dass sich jemand, der mit Worten ringt, der Bedeutungen abwägt, der auf der Basis von Recherchen geklärt hat, ob das, was sie oder er sagt und schreibt, auch bei genauerer Überprüfung noch gegenüber der Vernunft standhält, dass also so jemand sich schon allein durch die sprachliche Erkennbarkeit dieses Bemühens verdächtig macht, zu einem abgehobenen und deshalb abzulehnenden Establishment zu gehören, das die Menschen nur täuschen will? Donald Trump gehört unbezweifelbar zum Establishment. Aber er kann es offenbar vertuschen. Mit seiner Sprache. Ist das die Agenda von Herrn Söder in diesem Interview? Seine Sprache ist kein Erklären, kein Entwickeln, kein strukturiertes Darlegen, es ist in großen Teilen eben „nur“ ein stockeloquentes Gestammel.

Aber gut. Vielleicht ist es auch ganz einfach. Nicht des erstaunten Nachdenkens wert. Vielleicht war er einfach nur bekifft. Geht ja jetzt. Auch in der Öffentlichkeit.

VideoZusammenschnitt der zitierten Interview-Stellen

Das komplette Interview findet sich noch bis zum 25.08.2026, 17:59, hier:

https://www.ardmediathek.de/video/bericht-aus-berlin/ard-sommerinterview-markus-soeder/ard/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2JlcmljaHQgYXVzIGJlcmxpbi8yMDI0LTA4LTI1XzE4LTAwLU1FU1o

[Die/der geneigte Zuschauer:in möge sich nicht davon irritieren lassen, dass Herr Söder auf dem Einstiegsbild keinen Bart hat und mutmaßen, dass das Interview älter ist. Im Interview selbst hat er ihn.]

The Right One

Now, before you let your mind hide behind cheap short analyses and pseudo-knowledgeable classification statements, can you please just be deeply sad for a few days – even in public – because you realize: around 70 million individual people have come to the realization on their individual paths in life that a vulgar, lying, vulgarly misogynistic, stupid, uneducated, uninhibitedly egocentric, unimaginably rich old man without even a spark of compassion, someone who doesn’t even have the guts to stand up for himself with casual dignity, that his hair is also getting thinner and greyer over time, that such a man is the right person for the office of President of the United States of America?

Der Richtige

Kann man jetzt bitte, bevor man sein Gemüt sich hinter wohlfeilen Kurzanalysen und scheinwissenden Einordnungsstatements verstecken lässt, mal ein paar Tage – gerne auch öffentlich – einfach nur tieftraurig sein, weil man sich klarmacht: etwa 70 Millionen einzelne Menschen sind auf ihrem je individuellen Lebensweg zu der Erkenntnis gekommen, dass ein pöbelnder, lügender, auf vulgäre Art Frauen verachtender, dummer, ungebildeter, hemmungslos egozentrischer, unvorstellbar reicher, alter Mann ohne auch nur einen Funken Mitgefühl, einer, der nicht einmal den Mumm hat, mit lässiger Würde dazu zu stehen, dass auch sein Haar mit der Zeit lichter und grauer wird, dass ein solcher Mann die für das Präsidentenamt der vereinigten Staaten von Amerika richtige Person ist?

Was mir zu denken gibt

Ich habe nichts mehr zu sagen.
Also auch nichts mehr zu schreiben, zu komponieren, zu singen, zu fotografieren.

Wäre ich ein berühmter Künstler, vielleicht gar ein verstorbener, so hieße es: Er hat (… wahlweise: er hatte, denn ich wäre ja schon tot…) eine Blockade.
Aber das wäre falsch. „Blockade“, – das hieße ja, da wär noch was, es könnte nur nicht hinaus. Für mich aber fühlt es sich an, als wär da gar nichts.
Außer vielleicht ein paar zerbröckelten Altideen. Und ein paar kurz aufscheinenden Leuchtstreifen, die sogleich wieder im Nebel verschwinden. Verglüht, bevor sie heiß wurden.

Also putze ich wie ein Besessener mein Studio. Zutiefst sinnlos, denn ich werde es ja gar nicht mehr brauchen. Mehr gibt mein ehemals kreativer Geist nicht mehr her. Wahrscheinlich nie mehr.

Falls das der Idealzustand eines buddhistischen Daseins ist, – es ist Mist.

Es ist faszinierend und in jedem Fall einen Besuch wert: Das ganze Dorf Darup wird mit verschiedenen Ausstellungs- und Veranstaltungsorten zu einer großen dörflichen Pop-up-Galerie mit dem Namen „Daruper Landpartie“.

Laubblatt auf orangenem Untergrund

 

Neben vielen, vielen anderen Kunstwerken unterschiedlichster Genres und Techniken sind auch meine Laubfotos „Braunes Gefindel“ zu sehen. Ebenfalls präsentiere ich ein kleines Live-Programm mit Liedern und Texten.

Wann? Samstag, 17. August 13 – 18 Uhr und Sonntag 18. August, 11 – 18 Uhr
Wo? Daruper Landpartie, im gesamten Dorf Darup, Ortsteil von Nottuln. (meine Bilder befinden sich im „Alten Hof Schoppmann“ im Mehrzweckraum.)
Live-Darbietungen: Samstag, 15 und 17 Uhr, Sonntag 17 Uhr im Dorfgemeinschaftsraum gegenüber dem Mehrzweckraum.

Einen Flyer mit dem gesamten Angebot findet man online hier: Daruper Landpartie

 

 

Sprachgefühl

Headline Frauen in der Bundeswehr

Ich bin – offensichtlich zu Unrecht – ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Jounalist:innen – zumal in einer so angesehen Redaktion wie der des Redaktionsnetzwerks Deutschland – über ein überdurchschnittlich sensibles Sprachgefühl verfügen…

Eins

S-Bahn-Aufgang Berlin

Zwei

Volksbühne Berlin

Drei

Konzertplakat Nachtigall

[Die Nachtigallen auf dem Plakat sind eigentlich Amseln. Sie stammen aus der Feder von Bina Placzek-Theisen und gehören zu ihrer Amsel-Serie. Schon wegen dieser Amsel-Skizzen lohnt sich der Besuch auf ihrer Homepage. Erst recht lohnt er sich, wenn man in all ihren anderen Arbeiten stöbert. Ja: Dies ist eine herzliche Empfehlung.]

Vier

Dies gelte Ihnen,

verehrte namenlose Pflasterstreuner,

auch wenn Ich weiß, dass die Ehre, die Ihnen durch diesen Text zuteilwerden möge, Sie gar nicht erreichen wird. Wohl aber wird sie erreichen das Ebenbild, das Sie in meinem Gemüt hinterlassen haben, jetzt, da ich mich nachträglich traue, Sie genauer anzusehen. Ihnen abwesend zur Ehre, mir selbst zur Lehre.

Da sind zum Beispiel Sie: Fleisch gewordene Klage. Ich begegnete Ihnen, als ich in der U-Bahn saß. Der Zug wurde auf diesem Bahnhof eingesetzt und stand eine Weile mit offenen Türen da. Zuerst hörte ich Sie nur. Ein durchgehendes, kaum Atem holendes, kraftloses, klagendes Wimmern. Mal leiser, mal lauter, näherte es sich mir. Dann sah ich Sie. Mit tief gesenktem Kopf schlurften Sie ungeordnete Kreise, Achten, Ellipsen auf das graue Bahnsteigpflaster. Auch unmittelbar vor den offenen Türen des Wagons, in dem ich saß. Und wimmerten und klagten ihre Litanei. Sie tauchten an der Tür auf. „Hoffentlich kommt er nicht rein“, dachte ich. Sie drehten wieder ab. An der nächsten Tür kamen Sie wieder näher, schlichen wieder zur anderen Tür. Ich sah Sie immer nur kurz mit verstohlenem Schnell-Wieder-Weg-Blick. Registrierte zerschlissene, löchrige Kleidung. Sehr viel zu wenig für einen winterlichen April-Tag. Ein Gesicht, von dem ich eigentlich nur das tiefe graue Blass wahrnahm. Und die Ausgezehrtheit. Dann stiegen Sie doch ein. Ich hielt meinen Blick von Ihnen weg. Gutsinnig könnte ich behaupten, ich hätte Ihnen nicht zu nahetreten, Sie nicht beschämen wollen, indem ich Ihr trauriges Dasein betrachte. Es wäre aber falsch. In Wahrheit hatte ich Angst, dass Sie mein Sie-Ansehen als Kontakt-Angebot verstehen und sich noch direkter mit Ihrer flehenden Klage an mich persönlich wenden würden. Und Angst vor der Unmissverständlichkeit Ihres Leides, das mich wie ein wundgeschossenes Tier in einem verzweifelten Angriff beim Hinsehen mit ausgefahrenen Krallen angesprungen hätte. Sie blieben stehen. Selbst die bittende Ausgestrecktheit Ihres Arms, Ihrer Hand nur kraftlose Andeutung. Dann stiegen Sie wieder aus. Ich schaute Ihnen mit heimlicher Erleichterung und zugleich mit schlechtem Gewissen hinterher. Ihre Hose hing tief. Kurz vor dem endgültigen Herunterrutschen. Die beiden Pobacken zeichneten sich in der blassgrünen Unterhose ab. Als hätte ich erst in dem Moment spüren können: Tatsächlich ein Mensch. Langsam leiser werdend zogen Ihre kraftlos geschlurften Kreise und Ihr Klagelied von dannen.

Und auch Sie: Barfüßige Fast-Schweigerin.  Auch Sie in der U-Bahn. Wie gerne würde ich heute Ihr Gesicht wenigstens kurz angesehen haben. So bleibt Ihr Ebenbild gesichtslos. Und ich muss beim Erinnern diesen Mangel ertragen. Und trotzdem hinsehen. Statt an Ihr Gesicht erinnere ich mich an Ihre Füße. Sie waren nackt. Wer weiß: Vielleicht hat Ihr Gesicht sein Antlitz in Ihre Füße geschickt, um mein Wegsehen-wollen zu überlisten. Touché! Ihre Füße waren Ihr Gesicht. Fleckig waren sie. Von Schmutz und Reizung. Noch nicht wund, aber vielleicht bald. Und das bei dieser Kälte! Darüber aber wenigstens mehrere – sicher wärmende – Schichten aus Stoff, so tief und dicht hinuntereichend, dass Ihr Beine sehr kurz wirkten. Die äußerste Schicht ein schwerer dunkler Mantel. Ein Körper als ein Berg von Stoffschichten, getragen von zwei geschundenen Füßen. Schwiegen Sie? Habe ich nicht doch ein leises Geräusch gehört? Zu wenig konturiert, um Sprache zu sein, und doch zu melodiös geformt, um keine zu sein. Ihre Schweigsamkeit ein sprechendes Tasten im Zwischenraum zwischen Atmen, Räuspern, Raunen, Sprechen? Sie streckten – durchaus fordernd – einen dreckigen Coffee-t0-go-Becher den Menschen entgegen. Zweimal sogar klonkerte etwas hinein. Sie hatten nur einen Halt Zeit, um aufzutauchen und an den Sitzreihen entlangzutapsen. Kurz vor dem Türeschließen gingen Sie wieder hinaus. Ihr leises Sprech?-Geräusch wurde zu einem mürrischen Raunen dabei.

Und Sie: Eloquenter Almosen-Locker. Auch Sie in der U-Bahn. Sie schwangen sich herein zu uns. Drahtig, beweglich, munter. Sie waren ärmlich, aber nicht straßendreck-geplagt gekleidet. Sie erinnerten an einen dieser Marktstand-Händler, die einen zwar billigen, aber doch – zumindest auf den ersten Blick – ungemein praktischen Haushaltsgegenstand vorführen. Sie blieben an der ersten Haltestange stehen, schauten in die Runde und hielten eine kleine Rede. Sie baten um Entschuldigung für die Störung, gerade jetzt, wo wir vielleicht unterwegs wären zu einem Sonntagsausflug zu unseren Lieben oder mit ihnen, und nur ungern bei unserer Erholung und Vorfreude gestört werden würden. Sie würden verstehen, wenn wir gerade jetzt keine Lust hätten, uns mit Ihren Problemen zu befassen. Sie würden es auch kurz machen. Sie seien durch familiäre Probleme obdachlos geworden und müsste sich jetzt auf diese – zugegeben: Nicht sehr angenehme – Weise über Wasser halten. Übergangsweise hoffentlich. Und wir könnten ja vielleicht ein bisschen dabei helfen. Sie würden sich sehr freuen. Dann an den Sitzreihen entlang. Auch In Ihren Coffee-to-go-Becher klonkerte etwas. Beim nächsten Halt gingen Sie hinaus, als müssten Sie gerade hier aussteigen und zur Arbeit.

Ihnen, verehrter Mister Homeless, begegnete ich vor einem Straßenecken-Dönerladen. Ich hatte das Grün der Fußgängerampel nicht mehr geschafft und mich – schutzsuchend vor dem Regen – unter seine Markise zurückgezogen. Neben eines dieser schrill orange bemalten Miet-Bikes, das hier abgestellt war. Jenseits des Bikes standen Sie, als gehörte das Bike zu Ihnen. Ich wunderte mich, weil Sie nicht aussahen, als wären Sie gerade auf touristischer Entdeckungstour. Ich wandte mich ab. Und doch blieb ein Teil meiner Aufmerksamkeit bei Ihnen. Nach einer Weile verstand ich, warum. Im Augenwinkel nahm ich wahr, dass Sie mich unverwandt anschauten. Bewegungslos. Tonlos. Zuerst. Dann begannen Sie zu sprechen. Ich bezog das nicht auf mich. Vielleicht einer dieser Knopf-im-Ohr-Sprecher, bei denen ich im ersten Moment immer denke, er führe Selbstgespräche. Ich verstand nichts. Sie sprachen eine Art Englisch. Jedenfalls vom Klang der Worte her. Dann schaffte es ein Wort doch hin zu meinem Verstehen: „Homeless“. Ich schaute Sie an. Sie redeten immer weiter. Ihr dunkles, bärtiges Gesicht schwebte zwischen gebrochener Starre und tiefem Vortrags-Ernst. Immer wieder das Wort „Homeless“. Zunehmend drängend. Erst nach einer Weile verstand ich das Betteln. Ich fingerte Münzen aus meiner Hosentasche und reichte Sie über das Fahrrad zu Ihnen. Eine Hand mit abgewetztem fingerlosem Handschuh kam mir entgegen. Ich legte die Münzen hinein. Die Hand blieb geöffnet, schien unsicher, wackelig. Ich sorgte mich, dass die Münzen herunterfallen würden. Währenddessen setzten Sie Ihren „Homeless-Vortrag“ fort. Ich dachte, Sie würden mich um weitere Hilfe bitten, vielleicht um eine Unterkunft. „I can`t help you“, sagte ich. Sie redeten weiter, genau wie vorher. Sie hatten Kontakt zu mir geschafft und jetzt ließen Sie ihn nicht mehr los. Die Hand immer noch geöffnet. Mein Blick fiel auf die Ampel. Sie war grün geworden. Ich wandte mich zu Ihnen, sagte, ich müsse jetzt los, und floh. Eine grün gewordene Ampel als Notausgang aus dem Schreien der Not.

Ihnen allen und Ihren Gefährt:innen zur Ehre helfe ich meinem Erinnern auf die Sprünge. Ich zeichne Ihre Ebenbilder in meinem Gedächtnis nach. Lasse Ihnen Wahrnehmung, Kontur, Aufmerksamkeit zukommen, die ich Ihnen bei der Begegnung verweigert habe. Und ich gelobe mit unsicherer Feierlichkeit: Bei der nächsten Begegnung werde ich das Wahrnehmen nicht auf das Erinnern verschieben. Jedenfalls werde ich es aufrichtig versuchen. Ich will Sie sehen.

Sag einfach

Muss man nicht das Denken vollständig eingestellt haben, um auf eine Bühne steigen zu können, vor 2000 Zuhörern die Schaffung eines islamischen Kalifats zu fordern und damit die Abschaffung der Demokratie, die genau das – zum Glück! – ermöglicht: Auf eine Bühne zu steigen und vor 2000 Zuhörern die Schaffung … ?

Das Ganze garniert mit zynischen Schrifttafeln „Censored“-„Zensiert“-„Verboten“-„Banned“. Die ja, genau betrachtet, heißen müssten, dass die Veranstaltung gar nicht stattgefunden hat, weil der Zensur zum Opfer gefallen.

Wenn du nichts zu sagen hast, sag einfach, es sei verboten, das zu sagen, was Du nicht zu sagen hast. Eine merkwürdige Verquirlung des interaktiven Islam mit rechten Demokratiefeind:innen.

Vergiftetes Denken

Es ist bemerkenswert, wie schnell ein Krieg das Denken vergiftet. Oder schon vergiftetes Denken an die Oberfläche spült. Roderich Kiesewetter ist CDU-Bundestagsabgeordneter und Wehrexperte. Er „regt an“, die Ukraine bei ihrem Bemühen zu unterstützen, dass die etwa 200 000 „wehrfähigen“ ukrainischen Männer, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben, in die Ukraine zurückkehren und der ukrainischen Armee im Kriegsgeschehen helfen. Er sagt auch, wie Deutschland der Ukraine dabei helfen könnte. Vorschlag 1: Das Bürgergeld für diese 200 000 Männer zu streichen. Vorschlag 2: Deutschland „unterstützt“ die Ukraine bei der „Erfassung und Zustellung von Bescheiden“. Offenbar ahnt er, wie brisant diese Vorschläge sind. Er versucht die Brisanz zu mildern, indem er seine Vorschläge „faire Angebote“ und „Anreize“ nennt. Zusätzlich spielt er die Mitgefühlskarte: Die ukrainischen Soldaten seien seit 2 Jahren ununterbrochen im Einsatz und bräuchten „dringend Entlastung“. Und schließlich sei es ja auch eine Frage des „Patriotismus“ und des – soll man ergänzen: völkischen? – „Zusammenhalts“, dass die in Deutschland lebenden ukrainischen Männer zurückkehren und ihre Landsleute unterstützen. Übersetzt man diese scheinmilde Sprache, wird ein Gift mit mehreren gleichzeitig wirksamen Wirkstoffen sichtbar:

  1. „Natürlich!“, denkt man, „was auch sonst?!“ Das Bürgergeld streichen. Dieses Gift wirkt bei den aktuellen Debatten besonders gut. Jedenfalls bei der CDU und in großen Teilen der Bevölkerung. Der Wirkstoff ist die mit dem Bürgergeld verbundene Erzählung, besser gesagt: die Unterstellung, die, die es erhalten, seien Drückeberger. In diesem Fall drücken sie sich nicht – wie sonst unterstellt – vor der Arbeit, sondern vor der Verantwortung, die ihnen bezogen auf die Verteidigung ihres Landes angeheftet wird.
  2. Man kann über Patriotismus und Zusammenhalt einer Gesellschaft diskutieren. Beides aber nicht zu wünschen, sondern einzuklagen und die Nicht-Erfüllung zu sanktionieren, ätzt schmerzhaft ein Loch in die Brandmauer nach rechts, die im Moment so gerne beschworen wird.
  3. Dieser giftige Wirkstoff wird noch verstärkt, wenn man Patriotismus um den Preis von Sanktionierung auch noch einklagt von Menschen, die gar nicht Staatsbürger unseres Landes sind. Es wäre interessant, das einmal völkerrechtlich und menschenrechtlich zu diskutieren.
  4. Und schließlich: Was heißt eigentlich „Demokratie“, deren Schutz in diesen Zeiten so gerne beschworen wird, wenn sie die kämpfende Teilnahme an einem Krieg nahezu erzwingt?
  5. Der letzte Wirkstoff: Die verharmlosende Sprache. Herr Kiesewetter bezeichnet sein Konzept als „faires Angebot“ und als „Anreize“, wo es doch nichts anderes bedeutet, als Männer in einen Krieg zu hetzen. Dasselbe gilt für den   verharmlosenden Vorschlag, der Ukraine bei der „Erfassung und Zustellung von Bescheiden“ zu helfen. Man bedenke: Es geht um die Zustellung von zum Beispiel Einberufungs-Bescheiden, die vielleicht einem Todesurteil gleichkommen. Auch das ahnt Herr Kiesewetter und fügt beschwichtigend an, die Männer müssten ja nicht unbedingt an der Front eingesetzt werden. Sie könnten auch anders helfen. Ob er ernsthaft glaubt, die Entscheider in der Ukraine würden das beherzigen?

Für einen Ex-Bundeswehroberst mögen die „Vorschläge“ logisch sein, – obwohl, – selbst das müsste jede/n Demokraten:in entsetzen.

ADHS?
Ach ja: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
Mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern für Ihre Kinder, – meistens Jungs. Gepaart mit viel zuviel Aktivität für Konsum und Unterhaltung.
Soweit klar. Bleibt nur noch die Frage:
Warum wird das Ritalin dann den Kindern verschrieben?

Werbung Kaufland

Na prima, – dann sind sie ja hier genau richtig Herr Schubert bzw. Herr Haubold, – im Land des Kaufens.

Ich wiederum eher nicht, dem erhobenen Zeigefinger zum Trotz. Ich brauche höchstens 0,0001 Promille von „alles“.

Einen Termin hab ich vergessen …

TROTZKOPFDUMM – Termine 2024

Konzert-Lesungen

Konzert-Lesungen

Ausstellungen

Trotzkopfdumm Ausstellungen 2024

 

III Eindrücke erwecken

Die hungrige Meute aus dem Mediendschungel kauert unten auf den Sitzen. Die Objektiv-Scharfschützen sind in Stellung gebracht. Die da gleich oben die Bühne besteigen werden, – sind sie die Beute, von der sich die Meute ernährt? Oder die Raubtiere, die die Meute jagen? Oder beides?

Der Vorhang geht auf. Das absurde Theater beginnt. Anmoderiert von einer Stimme, die man sich auch aus den Lautsprechern an der Raupe auf der Kirmes vorstellen kann.

(Screen-Video, Ausschnitt Youtube: Live-Stream der Pressekonferenz am 11.12.2023, Download 15.12.2023, 18:01)

Der Generalsekretär der CDU – Carsten Linnemann – tritt ans Mikrophon. Er ist erkennbar angespannt. Er zippelt mehrfach an den Mikrophonen vor ihm herum. Die das aber nicht schert. Sie ändern ihre Haltung nicht. Er steigt von einem auf das andere Bein. Er schaut streng geradeaus und spricht. „Die CDU Deutschlands ist wieder regierungsfähig.“ (Als hätte jemals ein/e CDU-Politiker:in etwas anderes behauten können.) Und fährt fort: „Wir sind wieder (…Stutzen…)… regierungs- (…Stutzen…er scheut vielleicht die ihm aus dem Mund drängende Wiederholung, weiß aber auch nichts anderes …) -fähig, sollte es zu einer vorgeza- (…Stutzen ob des Versprechers, Mikrophon-Zippeln…)… vorgezogenen Bundestagswahl kommen, wären wir bereit.“

Er möchte Tatkraft und Entschlossenheit vermitteln. Aber es will ihm einfach nicht in die Worte fließen, in die Haltung. Man sieht einen Menschen, der beides nicht hat, aber den Eindruck erwecken möchte, er hätte.

Schwarz-Weiß-Fernsehen, das einfach nicht grellbunt schimmern will.

22 Monate habe die von ihm geleitete Kommission in 215 Sitzungen gearbeitet, in 11 Kommissionen 63 Papiere verfasst. Und dann präsentiert er zusammen mit Serap Güler und Mario Voigt den Entwurf eines neuen Grundsatzprogramms, den jede/r, die/der über einen längeren Zeitraum die CDU verfolgt hat, in 10 Minuten hätte herunterschreiben können: Zurück zur Atomkraft, Leistung muss sich wieder lohnen und Migration begrenzt werden, Leidkultur, Gendern verordnen verbieten, Erhöhen der Lebensarbeitszeit, mehr innere und äußere Sicherheit, Steuererleichterungen für Unternehmen, Verschieben der Gehaltsgrenze für den Spitzensteuersatz nach oben, Bürokratieabbau, solider Haushalt, usw.

Und schon am Anfang eine erste Pointe. Herr Linnemann führt aus: „Wir denken vom einzelnen Menschen aus, nie vom Kollektiv, nie von oben nach unten (…passende Handbewegung…)“, und einen Moment vorher: „Die Menschen sind verunsichert. Sie brauchen Orientierung und Halt und wir werden mit diesem Programm diese Orientierung geben.“ Wie das wohl geht … von unten nach oben nach unten … vom einzelnen Menschen aus … Orientierung und Halt geben?

Eine weitere Pointe dieser Veranstaltung: Die Medien, die auf der Pressekonferenz versammelt sind, haben den Wortlaut des Entwurfes bekommen. (O-Ton Herr Linnemann: „…es ist der erste Entwurf, […] der Ihnen vorliegt…“) Sie werden den News-Konsumenten in den folgenden Stunden Extrakte präsentieren. Eben jene Floskeln, die sie wie ich in 10 Minuten hätten zusammenschreiben können. Aber niemand wird das Original-Entwurfs-Dokument „durchstecken“. Ein frappierendes Verschweigen. In Zeiten, in denen Kabinengeflüster, Gesetzes-Entwürfe, Koalitions-Verhandlungs-Streitpunkte, – einfach eben alles durchgesteckt wird. Es gelingt mir nicht, in den Tagen danach, den gesamten Entwurf im Wortlaut im Netz zu finden. Meine Bitte an die Parteizentrale, mir den Entwurf zu schicken, wird abschlägig beschieden. Ich müsse verstehen, dass zu diesem Zeitpunkt … .

Da wird also ein Entwurf vorgelegt, der aber nicht vorgelegt wird. Beziehungsweise Journalisten vorgelegt, die ihn dann aber nicht vorlegen, – ja was? Dürfen? Können? Wie funktioniert das praktisch? Haben die alle was unterschrieben und fürchten jetzt Unterlassungs-Klagen der CDU? Sie wiederum knabbern an der Beute herum und geben ein bisschen was an die hinteren Reihen weiter. Wir dürfen diskutieren, aber nicht seriös im Wortlaut informiert sein.

Ganz ehrlich: Ich wäre auch angespannt gewesen, wenn ich so ein dürftiges Ergebnis der Meute hätte präsentieren müssen. Wenn ich – zusammengefasst – hätte sagen müssen  „Wir wollen zurück zu Helmut Kohl“. Und dabei den Eindruck von Aufbruch und Erneuerung hätte erwecken müssen.

 

II Gendern

Das Gendern ist eine Banalität. Sie ist nur von den Apologeten des „gesunden Menschenverstandes“ und den hysterischen Kämpfer:innen gegen die „Bevormundung“ durch „links-grünen Zeitgeist“  zur Bedeutsamkeit aufgebläht. Dass sie es ebenso wie die Leidkultur in den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der CDU geschafft hat, verwundert mich. Und es verwundert mich auch das Wie: Die CDU setzt gegen denzur Zeit ja noch nur vermuteten – „Gender-Zwang“ den „Nicht-Gender-Zwang“. Ein wahrer Kunstgriff, – diese mehrfache Verneinung. Der Zwang zum Verbot eines Zwangs, der gar keiner ist.

Dabei ist der Versuch Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln, die Menschen tatsächlich aller Geschlechter adressieren, gar keine Frage von Verbot und Erlaubnis. Er ist eine Frage der Schönheit.

Er ist einfach Teil dieses lebendigen Wunderwesens Sprache. Das eh macht, was es will. Es will ja nur spielen. Warum nicht mitspielen? Und Möglichkeiten entdecken. Und die Hürden. Eine Sprache, die, wenn verschiedene Menschen angesprochen sind,  in Wort und Ton tatsächlich alle Geschlechtlichkeiten anspricht, ist schön. So wie es schön war, eine erwachsene Grundschullehrerin nicht mehr „Frollein“ zu nennen. So wie es schön war, nicht mehr nur zu sagen „liebe Kollegen“ und die Frauen auch zu meinen. So wie es immer schön ist, Möglichkeiten zu finden, zu sagen, was und wen man meint. Und wie es schön ist, auch Lücken in diesen Möglichkeiten zu entdecken.

In der Serie Polizeiruf 110 gibt es eine neue Figur. Einen queeren polnischen (!) Kommissar. Gespielt von André Kaczmarczyk, einem deutschen Schauspieler. In der Folge „Cottbus kopflos“ kann man die Schönheit des Genderns sehen. Wenn man hinschaut. Und hinhört. Wie der Kommissar in einer Szene mit einer lässigen und auf unaufgeregte Art stolzen  Selbstverständlichkeit den kleinen Stopper ins Wort hineinkullern lässt, – das ist einfach schön:

[Video-Screen-Mitschnitt. 19.12.2023 13:48
https://www.ardmediathek.de/video/polizeiruf-110/cottbus-kopflos/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3BvbGl6ZWlydWYgMTEwLzIwMjMtMTEtMTJfMjAtMTUtTUVa]

Für diesen Text versuche ich herauszufinden, ob der Schauspieler André Kaczmarczyk queer ist. Es dauert eine Weile, bis ich bemerke, dass es eine Hürde war. Jetzt ist es schön, es nicht zu wissen, und es auch nicht wichtig zu finden. Es ist egal, welche geschlechtliche Identität André hat oder sich gibt. Er ist eben einfach eine Person, die sehr gut schauspielern kann, sogar die Schönheit des Genderns.

Postskriptum:

Der Entwurf des neuen CDU-Grundsatzprogramms warnt davor, dass mit der Nutzung z.B. des Gendersternchens grammatikalisch falsche Sprache benutzt werde. Nun benutzen das silberbesteckliche Wort „grammatikalisch“ gerne Menschen, die den Eindruck erwecken wollen, sie seien im Besitz tieferer Einsicht in das Regelwerk des Schreibens. Sonst würden sie einfach das etwas schmucklosere Wort „grammatisch“ benutzen. Es bedeutet dasselbe. Gerne erwecken sie auch den Eindruck, Grammatik sei ein System von ehernen Verfügungen, in uralte Schrifttafeln eingemeißelt, für alle Zeiten aufbewahrt an kultischen Orten. Stimmt aber nicht. Grammatik ist einfach ein Extrakt aus dem in einer Zeit gebräuchlichen Sprachverhalten, damit Lehrer*innen wissen, was sie anzustreichen haben und Behörden-Deutsch für alle gleich ist. Und der Sprachgebrauch ändert sich jeden Tag. Man kann, wenn man nun unbedingt will, eine Zeitlang sich gegen solche Änderungen wehren und deren Gerinnung zum grammatischen Extrakt. Aber verhindern kann man es nicht. Also kann man sich getrost Wichtigerem zuwenden.

Die CDU hat „neue Grundsätze“, wenn auch erstmal nur als Entwurf.

I Leidkultur

Sie haben sie tatsächlich wieder aus der Mottenkiste geholt: Die Leidkultur.

Bundesleidkulturbehörde Logo

Ich sehe sie schon vor mir, die Bundesleidkulturbehörde. Ihr Chef: Friedrich Merz. (Er hatte den internen Machtkampf um Partei-Vorsitz und Kanzlerkandidatur gegen Hendrik Wüst verloren und musste mit einem hochkarätigen Posten entschädigt werden.) Seine Stellvertreterin: Die als ehemalige Weinkönigin absolut Leidkultur-kompatible Julia Klöckner.

Sie hat die Idee eingebracht, die jetzt umgesetzt wird: Den Kulti Score. Er soll in Zukunft bei Lebensmitteln und in Veranstaltungskalendern angewendet werden, damit die Konsumenten eine Orientierung haben.

Beispiele Kulti Score

Zwei Herren sitzen in der Kantine. „Habt ihr jetzt entschieden, wie Navid Kermani eingestuft wird?“ „Ja, … wird ausgemerzt“. (Lachen Schenkelkopfen)

 

 

 

… bis dass der Wind uns scheidet …

Lindenblüte geht fremd

Laubblatt klebt auf frischem Blatt

Brandmauer

Im Juli 2023 schließt Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview eine Zusammenarbeit mit der AFD auf kommunaler Ebene nicht aus.
Im September 2023 bringt die CDU mit Hilfe der Stimmen der AFD unter dem Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke und mit Hilfe der Stimmen der FDP ein Gesetz durch, das die Grunderwerbssteuer in Thüringen senkt. Der Antrag ist eine Woche vorher durch Abstimmung der CDU, FDP und AFD im Landtag überhaupt erst möglich.
Das Wort „Brandmauer“ grassiert. Auch unter CDU-Politiker*innen.

Es gibt keine Brandmauer.
Vielleicht hat es nie eine gegeben.
Es gibt nur eine Attrappe.
Aus Pappmaché.
Als verschiebbare Theaterkulisse.
Ab und zu gibt es kleine Veränderungen im Volkstheater-Stück. Dann muss jemand nach vorne und einen feigenblättrigen Distanzierungstext aufsagen. Je nach aktueller Situation gegen Antisemitismus, gegen Nazismus, gegen Fremdenfeindlichkeit. Um eine Distanzierung von faschistoidem Denken zu betonen.
Wo es vielleicht gar keine gibt.
Wo sie nur haltlos beharrend beschworen werden muss.

Machen wir uns nichts vor: Früher oder später wird die CDU auch offiziell eine Koalition mit der AFD bilden. Den Testlauf gibt es schon. In Bayern. Dort regiert eine Art CDU mit einer Art AFD. Und dort kann man gut studieren am Humpen-gesteuerten Bierzelt-Getöse, dass hier ein Beschwören von Distanzierung nicht nötig ist. So ein bisschen faschistoides Geschwätz, so ein bisschen antisemitisches Flugblatt in der Jugend, – ist ärgerlich – Kurzauftritt vor der Pappmaché-Kulisse –, kann man aber verschmerzen, wenn die Richtung stimmt. Und hinter vorgehaltenem Stirnlappen denkt man vielleicht grinsend: Hä, hä, ganz schön frech der Aiwanger-Hubert!

Ich fürchte, die Wahrheit ist leider: Die AFD hat sich längst als politischer Mitspieler etabliert. Sie hat sich in Manchem sogar schon durchgesetzt.

Sie hat die Dummheit, mindestens als Rede-Gestus, hoffähig gemacht. Inklusive des aus ihr erwachsenden schein-eloquenten Volksstimmen-Gestammels. Zum Beispiel, wenn der Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag behauptet, der Ausbau der Autobahnen sei „am Ende des Tages“ gut für den Klimaschutz, weil dann die Autos nicht mehr im Stau stünden und dabei sinnlos CO2 in die Luft bliesen. Oder wenn Politiker*innen immer häufiger vulgäre Formulierungen benutzen wie „die Schnauze voll“ oder „bekloppt“.
Sie hat hoffähig gemacht, biestigen, schlecht gelaunten Ärger ohne auch nur einen Hauch von Sprach-Besonnenheit, gerne garniert mit dem Konjunktiv II, vorzutragen, als wäre das schon ein tragfähiges Programm zur politischen Gestaltung dieser unendlich komplexen gesellschaftlichen Prozesse, die gerade im Gange sind bzw. bald im Gange sein werden.
Sie hat hoffähig gemacht, in bitterer Verallgemeinerung die gerade am schlechtesten angesehenen gesellschaftlichen Gruppen mit dem Begriff „die“ zu verunglimpfen und den Bild-Zeitungs-Mob auf sie zu hetzen. „Die“ da in Berlin, die nichts auf die Kette kriegen, die sich nur streiten, und dringend mehr Führung bräuchten, – um nicht zu sagen: einen echten Führer. „Die“ da, die „uns“ links-grün-versifft bevormunden wollen. „Die“ da, die sich in der Zahnarzt-Praxis die Zähne machen lassen, während „wir“ – das Gegenteil von „die“, also die Guten – keinen Termin kriegen.
Sie hat hoffähig gemacht, die Existenz von Verboten zu behaupten, wo gar keine sind. Um dann – die letzten Verteidiger der Freiheit! – gegen sie zu kämpfen. Es wird niemandem vorgeschrieben, das Gender-Sternchen zu benutzen. Es wird nur hin und wieder darauf hingewiesen, dass zwischen männlich und weiblich eben doch von vielen Menschen andere Schattierungen erfahren werden. Das ist einfach kein Verbot. Sondern eine Anregung. Eine Frage, ob wir unsere Sprache angesichts dieser Tatsache nicht toleranter gestalten könnten.
Sie hat hoffähig gemacht, jemandem, der nach Worten sucht, der differenziert versucht, komplexe Zusammenhänge zu erklären, vorzuwerfen, er schwafele herum. Es könne doch alles viel einfacher sein, wenn man dem „gesunden Menschenverstand“ folge. Dabei könnte man doch wissen, dass der „gesunde Menschenverstand“ – auch der eigene, trotzkopfdumm – manchmal nur sehr kurz springt, weil der Horizont direkt hinter dem Brett vor dem Kopf endet.
Sie hat hoffähig gemacht zu lügen. Um dann, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, so lange einfach immer wieder dasselbe zu behaupten, bis der Geruch der Lüge verflogen ist, weil die Medienmaschinerie zu anderen Aufregern weitergezogen ist. Oder aber – erwischt beim Lügen – sich selbst zum Opfer einer Kampagne zu stilisieren. Herr Merz behauptet, abgelehnte Asylbewerber bekämen „voll Heilfürsorge“ und ließen sich die Zähne machen und die Deutschen „nebendran“ bekämen gleichzeitig keine Termine. Das ist schlicht falsch. Abgelehnte Asylbewerber*innen bekommen keine „volle Heilfürsorge“, sondern nur eine Notversorgung. Als das aufgedeckt wird, tönt er, man müsse nicht gleich „Schnappatmung“ bekommen, wenn mal jemand Fakten zugespitzt zur Sprache bringe.

Man muss ihnen zuhören, – den Aiwangers und den anderen Ton-Nachahmern der AFD. Dann hat man sogar manchmal – ganz versteckt – kleine Momente von Heiterkeit, wenn sie sich verhaspeln. Wenn die Wörter sich wehren. Wenn sie der Wahrheit verpflichtete Eigenregie übernehmen. In der Rede unmittelbar nach seiner Nicht-Entlassung wegen eines von ihm als Jugendlicher verfassten, oder doch nicht oder nur vielleicht verfassten antisemitischen Hetz-Flugblattes, wettert Herr Aiwanger gegen alles Mögliche „Zeitgeistige“. Und dann sagt er:  „… dass wir für Meinungsvielfalt stehen, dass wir nicht zulassen, dass hier die Schlinge immer enger gezogen wird, dass in dieser – (kurzes Zögern) ja, vielleicht: vorgegebenen Meinung  –  immer mehr gesagt wird, was man nicht mehr tun, denken und sagen darf.“ Da spielt ihm die Sprache einen Streich. Das von ihm bekämpfte Verbot ist doch nur, – na ja, also … – „vielleicht“ eine „vorgegebene Meinung“.
Also keine vorgegebene.

[Screenvideo, Ansicht Youtube-Video, 26.10.2023]

Ihn hat der Rhein genommen

Er schaut aus dem Fenster des fahrerlosen Shuttles. Ungefähr hier muss es gewesen sein. Vielleicht auch etwas weiter nördlich. Aber dort kommt er nicht hin. Ein Stück weiter sieht er schon die hohen Deiche. Kurz dahinter ahnt er das Meer. Er glaubt, es schon zu riechen. Rings um ihn herum sandiges Ödland. Wie hineingesprenkelt verfallene Reste einer Siedlung. Jeffkan bebt. Er ist ein einer Weise aufgeregt, wie er es nur ein einziges Mal erlebt hat. Ängstlich und zugleich sehnend. Er ist inzwischen allein in dem Shuttle. Als er schon fast entschlossen ist auszusteigen, fällt sein Blick auf den Screen an der Stirnseite. Inmitten eines Gewirrs von sich gegenseitig in schneller Folge aus dem Bild schiebenden Spots, Info-Blöcken und Grafiken bleibt sein Blick an einem News-Band hängen. Er schreckt auf. Es handelt von einer der beiden Apps, die er mit seiner Clique entwickelt hat. Sie täuscht den elektronischen Health-Spot, den jeder jugendliche Mensch in der Stadt – meist unter einer Augenbraue – implantiert hat und der in Echtzeit den Eltern die empfohlene Dosis Emo-Balancer meldet. Die App, die sie dafür entwickelt haben, nennen sie „ND:ND“. „New Drug: No Drugs“. Sie hat sich in Windeseile verbreitet. Eine regelrechte Bewegung unter Jugendlichen ist daraus entstanden, die täglich dynamisch wächst. Dem Newsticker kann er entnehmen, dass es ihre App jetzt offenbar schon bis in die Landesregierung gebracht hat. Der Gesundheitsminister will ihre App als „Drogenmissbrauch“ einstufen, damit ihre Entwicklung und ihre Nutzung höher bestraft werden können. Er schüttelt den Kopf. „Pf. Drogenmissbrauch“, faucht er leise verächtlich. Und faucht in seinen Gedanken weiter. Als ob das Missbrauch wär! Wir wollen doch diese „Health-Care“-Drogen gerade nicht mehr nehmen. Für die Emo-Balance. Lächerlich. Im nächsten Moment spürt er zugleich die Bedrohung: Die volle Strafmündigkeit ist erst vor kurzem auf 12 Jahre herabgesetzt worden. Er ist jetzt 14. Mit jedem neuen User wächst auch für ihn die Gefahr aufzufliegen. Umweht von einem Gemisch aus Sorge und Stolz steht er auf. Der Shuttle ist jetzt ganz dicht vor dem Deich. Er wird gleich umkehren. Jeffkan hält ihn an und steigt aus. Sicherheitshalber checkt er noch einmal den ebenfalls implantierten Tracker, der seinen Standort an seine Eltern sendet. Auch ihn hat seine Clique gehackt. Für seine Eltern ist er jetzt in Dinslaken, dem nördlichsten Bezirk des urbanen Bioreservats „Metropole Rhein“. Bei Freunden. Er muss also nicht damit rechnen, dass sie ihn da aufspüren, wo er wirklich ist: 50 km weiter nördlich. Hier lag einmal eine Stadt namens Rees. Der Ort, in dem vor Jahren seine Urgroßeltern lebten. Die Ruinen, die er vom Shuttle aus gesehen hat, sind stumme Zeugen der Siedlung.
Er aktiviert die VR-Funktion in seinen E-Contact-Lenses. Nichts soll jetzt von außen stören. Er geht los. Mit einer kurzen gedanklichen Fokussierung ruft er das Programm auf, mit dem er sich in den Zustand der Landschaft zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit versetzen kann, seit es Google Earth gibt. Mit dem nächsten Gedankenbefehl scrollt er auf „-65“, auf das Jahr, in dem sein Urgroßvater starb. Das Bild springt um. Im selben Moment steht er bis zum Brustkorb im Wasser. Da ist sie wieder, diese verlockend beunruhigende Erregung. Er ist froh, dass sie jetzt nicht mehr gebremst wird von den Emo-Balancern. Auch wenn er sie zugleich fürchtet.

Nur einmal hatte er solch eine Wallung erlebt. Trotz der Emo-Balancer. Da war er mit seiner Gr0ßmutter zusammen. Sie zeigte ihm ein Blatt Papier. Mit vorsichtigen Bewegungen holte sie es aus einer zerschlissenen alten Mappe. Es schien zerbrechlich. Als würde es bei einer zu heftigen Berührung zerbröseln. Sie selbst hatte es im Nachlass ihrer Mutter gefunden. Seine Oma hatte seine zweifelnde Verwunderung beim Blick auf das Blatt bemerkt. „Das ist ein Brief“, erklärte sie. „Man hat früher manchmal mit einem Schreibgerät mit der Hand auf Papier geschrieben und damit sehr persönliche Nachrichten übermittelt. Weiß Du das nicht?“ „Doch“, hatte er schnell gesagt. Damit sie nicht weitererklärte. Er wusste, dass es schwer war, Oma zu bremsen, wenn sie erst einmal in den Rausch nostalgischer Erzählungen mit den dazugehörigen Erklärungen geriet. „Liest Du mir den Text vor?“, bat er. Und sie begann: „Rees, 1 Temmuz 2035, Sevgili Aylin, seni tüm kalbimle sevdiğimi biliyorsun. Ama şunu da bilmelisin ki ben seni bir erkeğin bir kadını sevmesi gerektiği gibi sevmiyorum. Sana tapıyorum. Ama seni arzulamıyorum…“
Er unterbrach sie. Er wusste, dass sie ihn mit der Sprache ärgern wollte. „Babane“, maulte er schmunzelnd mit gespielter Genervtheit.  „Du weißt doch, dass ich kein Wort Türkisch spreche!“ Wie üblich schüttelte sie mit   einem schnaufenden Ausatmen die gutmütige großmütterliche Missbilligung ab. Ihre beinah feierliche Vorlese-Stimme begann noch einmal: „Rees, am 01. Juli 2035. Geliebte Aylin, Du weißt, dass ich Dich von ganzem Herzen liebe. Du bist der größte Schatz in meinem Herzen. Aber, feinfühlig wie Du bist, ahnst Du sicher auch, dass ich Dich nicht so liebe, wie ein Mann eine Frau lieben sollte. Ich verehre Dich. Aber ich begehre Dich nicht. Begehren kann ich nur einen Mann. Ich habe Dir das nie gestanden. Diese Schande konnte ich einfach mir selbst und Dir und unserer Tochter nicht zumuten. Es quälte mich von Jahr zu Jahr mehr. Ich kann zu meiner Art von Liebe nicht stehen. Nicht für sie kämpfen. Aber ich kann sie auch nicht übergehen. Die Not wird größer und größer. Sie saugt allen Lebensmut aus meinem Gemüt, meinem Herzen, meinem Körper. Wenn ich dich anfasse, spüre ich Lüge. Wenn ich es vermeide, spüre ich Deine Einsamkeit. Und die Not wird schlimmer, wenn ich mir klarmache, dass Du das schon längst weißt, mich aber mit einer Frage danach nicht beschämen willst. All das muss nun ein Ende haben. Für mich und für Euch. Es schmerzt mich, Euch so weh tun zu müssen. Aber es gibt keinen anderen Ausweg. Irgendwann werdet Ihr den Schmerz überwinden. Ich weiß, das wird schwer sein. Aber es wird leichter sein, als wenn ihr mit einer verschwiegenen Lüge endlos durch die Tage gehen müsstet, immer und immer weiter einem heimlichen Leid ausgesetzt, das sich versteckt und doch die Seelen quält. Deine und die unserer Tochter. Lebt wohl! Meine Liebe wird über meinen Tod hinaus immer Euch gehören!“
Jeffkan schaute auf. Die Augen seiner Oma schimmerten vertränt.
Sie schwiegen. Sie schauten einander an und versuchten zugleich, sich nicht zu sehen. Sie fürchteten beide, die Fassung zu verlieren. Er hatte als Kind so oft weinend auf ihrem Schoß gekauert. Aber jetzt trauerte auch sie. Wer hätte jetzt wen trösten können? Erst eine ganze Weile später fand sie den Mut zu sprechen. „So ist es“, sagte sie mit brechender Stimme. „Und die Tochter“, sagte Jeffkan und schluckte, „… das bist du.“ Das Aussprechen von Selbstverständlichkeiten half ihnen, überhaupt wieder zu sprechen. Sie hob den Kopf und schaute an ihm vorbei suchend in die wuchernde Erinnerungswelt eines langen Lebens. Dann fuhr sie fort: „Die Geschichte, dass Dein Urgroßvater beim Baden ertrunken ist, ist eine Familien-Legende. Die ganze Großfamilie hat beharrlich daran festgehalten. Auch ich. Immer wieder wurde sie wiederholt, gebündelt in diesem einen Satz: ‚Ihn hat der Rhein genommen.‘ Wahrscheinlich haben alle geahnt, dass er eine blumige Notlüge war. Er hat allen geholfen, etwas auszusprechen, ohne es zu sagen. Wenn man ihn aussprach, wurde zwar die Sonne etwas dunkler, aber sie verschwand nicht. Du bist jetzt alt genug, Jeffkan.“ Sie zögerte. Niemand konnte so gut wie sie bedeutungsschwere Pausen machen. „Ich liebe Dich und ich meine, Du hast die Wahrheit verdient. Du hast verdient, dass Du nicht unter diesem Schatten gehen musst. Du hast verdient, im Licht zu gehen. Im Licht der Wahrheit. Auch wenn du dieses Licht nicht sofort siehst.“
Dieses melancholische Versprechen. Das Bild des verwitterten Briefes. Die fürsorgliche Traurigkeit seiner Großmutter. Die fein geschwungenen Linien der Handschrift seines Urgroßvaters. Die Blicke der Verwandten, wenn sie wieder und wieder diesen Satz aussprachen. Seine vage Lust, die Legende auffliegen zu lassen. Sein Gefühl von Versagen, wenn er sich wieder nicht getraut hatte, wenn er wieder die Energie, die Kraft, den Mut dazu nicht aufgebracht hatte, getröstet nur vom Blickkontakt mit seiner Oma. Verbündet im gemeinsamen geheimen Wissen. Er wusste nicht wohin mit all dem. Genauso wenig wie mit dem schleichenden und doch immer heftiger wühlenden Verlangen, dem Gefühl seines Urgroßvaters an jenem letzten Tag, in jenem letzten Moment, nachzuspüren. Natürlich war er immer schon neugierig gewesen. Immerzu hatte er als Kind Fragen gestellt. Aber eine so wild drängende Neugier, dass er kaum noch an etwas anderes denken konnte?

Er ist jetzt in der Mitte des Rheins. Umgeben von gurgelnden Wassermassen. Vorbeiziehenden Schiffsrümpfen. Algen. Einzelnen Fischen. Er weiß, dass er jetzt eigentlich auch keine Luft mehr bekommen würde. Das also waren die letzten Blicke seines Urgroßvaters.
Plötzlich erschrickt er. Etwas aus der realen Welt springt ihn an. An seinen Füßen. Sie sind nass. Offenbar ist er jetzt tatsächlich im Wasser. Plötzlich reißt der Rausch der Virtual Reality ab und verpufft in der Wirklichkeit. Er weiß, dass heute der Rhein hier an der tiefsten Stelle nur 50 cm tief ist. Zornig schaltet er die VR-Funktion aus, schließt die Augen und überlässt sich seinen Füßen. Sie tasten weiter, bis er das Wasser an seinen Beinen spürt. Er lässt sich auf die Knie sinken. Einem wilden Impuls folgend bückt er sich tief hinab und taucht den Kopf unter Wasser. Hält ihn dort. Und hält ihn weiter. Er will die Grenze spüren, die auch sein Urgroßvater spürte. Auf die andere Seite schauen. Die Luft wird knapp. In der Enge seines Kopfes wühlt wild knisternd ein Erstarren. Er hält das aus. Immer weiter. Er genießt es sogar.
Plötzlich rüttelt etwas an seinem Arm, an seinen Schultern. Sanft und zugleich entschlossen wird sein Oberkörper hochgehoben.  In sein Prusten hinein, mit dem jede Körperzelle so viel Sauerstoff wie möglich einsaugt, hört er eine Stimme: „Alles in Ordnung bei ihnen? Brauchen Sie Hilfe?“ Zwei ziemlich verwahrlost anmutende Männer sind über ihm. Seine Erleichterung über wiederentdecktes Leben mischt sich mit Angst vor den beiden. All die beunruhigenden Geschichten über die extra-urbanen Nomaden, die in der Stadt kursieren, wabern durch sein Gemüt. Er will antworten. Seine Stimme versagt. Er versucht ein Kopfschütteln. Dabei streicht er sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Seine Augen finden den Blick eines der beiden Männer. Nichts Beängstigendes geht davon aus. Nur Besorgnis. ‚Sie haben mich gesiezt,‘ huscht ihm durch den Sinn. Noch nie hatte ihn jemand gesiezt! „Nein, – nein. Danke. Nein“, stammelt er, „danke, ich komme klar.“ Er sieht die zweifelnden Blicke. „Doch! Wirklich!“ schiebt er eilig hinterher.
Noch eine Weile verharren die Männer. Dann richten sie sich wortlos auf und wenden sich ab.
Jeffkan schließt die Augen. Ein winziges orangenes Leuchten in seiner E-Contact-Lense signalisiert ihm, dass die App, die seinen Tracker täuscht, nicht mehr funktioniert. Vielleicht die Dauernässe? Oder der Druck in seinem Kopf? Egal. Die Frage ist unwichtig. Er hätte die App ohnehin gleich abgeschaltet.

Sichtwaise

DFB-Chef Neuendorf Brille

Screenshot Google-Suche 14.09.2023, 08:05

Vielleicht findet sich ja doch noch ein mutiger DFB-Funktionär aus der 2. Reihe, der seinen Chef mal zur Seite nimmt und unter 4 Augen sagt: „Du – Bernd – (man duzt sich natürlich, man ist ja irgendwie Sportler) – wenn man schlecht sieht, ist es sicher eine sehr gute Idee eine Brille aufzusetzen. Nur, – auf dem Kopf nutzt sie nicht. Du musst sie vor die Augen platzieren.“

Der gordische Knoten.

Buddhistische Weisheit:

Do you have a problem in life?
1. No? Then, – why worry?
2. Yes?
Can you do something about it?
1. Yes? Then, – why worry?
2. No? Then, – why worry?

Trotzkopfdumme Wirklichkeit: 

Ich habe für ein Wochenende eine Ausstellungshütte auf der Kunstmesse „FineArts“ gebucht. Zweimal verbringe ich 8 Stunden dort und präsentiere meine Laub-Bilder. Am Ende habe ich nur kleinere Sachen verkauft. Andererseits erfahre ich unglaublich viel geradezu enthusiastischen Zuspruch für die berührende künstlerische und technische Qualität meiner Kunst.
Manchmal stehen Menschen direkt am Eingang und schauen lange und versonnen von außen auf die Werke. Regelmäßig warte ich eine Weile, trete dann hinzu und zeige auf den etwa 10cm hohen Holzbalken im Eingang. „Wissen sie, was das ist?“ Man schaut mich verdutzt an und schüttelt den Kopf. Ich kläre auf: „Das ist die Hemmschwelle.“ Man lacht und tritt ein…
Am zweiten Tag fahre ich am frühen Morgen hin. Die Straße führt durch ein Waldgebiet. Plötzlich huscht unmittelbar vor mir von rechts ein Eichhörnchen aus dem Unterholz auf die Straße. Zum Bremsen ist es zu spät. Mit einer heftigen und auch ein bisschen riskanten Lenkbewegung versuche ich auszuweichen. Es scheint zu klappen. Dann dreht das Eichhörnchen wieder um. Ich habe das schaukelnde Auto gerade wieder eingefangen und halte die Luft an. Zweimal ein kleines dumpfes Rucken. Ich habe das Eichhörnchen getötet. Am liebsten würde ich umkehren. Den Rest des Tages liegt dieses Erlebnis dunkel dräuend auf meinem Gemüt.
Am Ende des Wochenendes muss ich mich fragen, ob es sich lohnt, die Standgebühr zu bezahlen und sie nicht wieder durch Verkäufe hereinzubekommen. Finde keine Antwort.
Vor dem Schlafengehen bemerke ich, dass ich den Ring, der mit seiner besonderen Geschichte so wichtig für mich ist, offenbar auf der Messe verloren habe. Die Trauer verdunkelt mein Gemüt noch weiter.

Trotzkopfdumme Weisheit:

Das Leben ist ein gordischer Knoten. Das Schwert ist keine Option. Am besten nutze ich ihn als zwar nicht übermäßig bequeme, aber doch sehr willkommene Sitzgelegenheit, von der aus ich in die Welt schauen kann. Zu beobachten das Verlieren.
Und das Finden.
Wenn ich nicht suche.

Nachricht

Und dann steigt sie
Auf. Wie Schwefelgeruch.
Aus feinen Rissen im
Wortvulkangestein:
Die Hybris des Homo
Der sich selbst sapiens nennt
Als die Nachrichtensprecherin berichtet
Nordkorea habe zwei Raketen gezündet.

Sie hätten aber keinen Schaden angerichtet.
Sie seien beide „über dem Meer niedergegangen“.

 

Geschlossene Seerosenblüte

Sie bleiben lieber drin.
Kein Wunder bei dem Wetter.

Braunes Gefindel - Selfie

Das Braune Gefindel wächst.
Teil 2 ist fertig. Hier finden sich einige Beispiele.

ChatGPT

Wer jetzt gerade dieses liest, existiert wahrscheinlich nicht. Denn diese Person liest eine Seite, die laut Chat GPT nicht real ist.

 

ChatGPT über Trotzkopfdumm.de

Wenn du gar anderen von dieser Seite erzählt, basiert das auf einem Missverständnis bzw. einer Verwechslung oder es ist ein Scherz.

ChatGPT über Trotzkopfdumm.de

Oder es ist ein Ergebnis halluzinogenen Drogen. Hast Du gerade was eingeworfen?

Fakt ist: Chat GPT kennt mich nicht. Das ist gut. So kann es mich nicht plagiieren.
Andererseits: Es hätte schon auch einiges lernen können.

Oder … ?
Halt!
Oh Gott!
Womöglich stehe ich selbst unter halluzinogenen Drogen, ohne es zu wissen!
Und bilde mir nur ein, dass ich seit 2013 unter dem Künstlernamen „Trotzkopfdumm“ Texte, Lieder und Fotos veröffentliche und live auftrete.

Ich muss dringend die Lebensmittel überprüfen, die ich regelmäßig zu mir nehme! Wer weiß, ob da nicht finstere Hintergrund-Mächte in ganz großem Stil Menschen mit versteckten Drogen in Lebensmitteln gefügig machen wollen. Ich muss mich unbedingt mal auf Telegram informieren. Bestimmt gibt es noch andere Betroffene.

Tagliamento

Begegnung mit einem Fluss

Ein Gedächtnisprotokoll

Beteiligte:
Tagliamento [im Folgenden „T“ genannt]
Trotzkopfdumm [im Folgenden „M“ genannt]

 

M ist sehr früh aufgewacht. Er steht am Fenster, wie oft in diesen Tagen, und schaut hinab.

Tagliamento von San Rocco aus

Unten im Tal sieht er T. Ein breites helles Band aus Kies und mäandernden Wasserläufen, das sich durch das Tal windet.  Er erinnert sich: Schon oft hat er solche Art von Fluss gesehen. Von irgendwelchen Brücken aus. Und immer ein wenig sehnsüchtig hinuntergeschaut in das Spiel von gurgelnden Stromschnellen und stillen kleinen Tümpeln und zarten Rinnsalen zwischen Kieseln in allen Größen. Und immer davon geträumt dort unten herumzustromern, eine Zeitlang Teil des Spiels zu sein. Und es dann doch nie gemacht.
Er phantasiert, er könnte ja jetzt … vielleicht auch fotografieren … es ist noch früher Morgen … das Licht ist milde … andererseits: er ist auch noch schlafträge … vielleicht doch noch einmal hinlegen …

Tagliamento Mäandern

„Und warum?“
M weiß, dass T diese Frage stellt. Er wundert sich nicht, dass er T`s Stimme hören kann. Er wundert sich auch nicht, dass er sich nicht wundert. Er antwortet einfach.
„Warum was?“
„Warum hast du es nie gemacht?“
M denkt nach. Eine ganze Weile.
„Ich weiß es nicht. Ich war immer gerade unterwegs irgendwohin. Und allein mit meinem Wunsch. Ich habe ihn immer verschwiegen. Sogar vor mir selbst. Vielleicht habe ich mir auch einfach nur nicht zugestanden, wieder Kind zu sein. Warum sollte man in einem Flussbett herumstromern, wenn nicht, um zu spielen?“
Er schaut wieder zu T hinunter. Atmet einen Moment etwas schwerer.
„Du siehst wunderbar aus.“
„Ich weiß,“ sagt T.
„Woher willst Du das denn wissen? Du siehst Dich doch nicht selber von da unten.“
Es entsteht eine sehr lange Pause. M fürchtet, das Gespräch sei schon wieder zu Ende.
Doch dann hört er T`s Stimme wieder. Auf freundliche Art bestimmt: „Ich möchte etwas klarstellen. In unserer Welt gibt es so etwas nicht. ‚Ich weiß‘ sagen und nicht wissen. Es nur sagen, um etwas vorzutäuschen, jemanden zu beeindrucken. Oder aus noch anderen Gründen. Das gibt es nur in deiner Menschenwesenwimmelwelt. Wenn ich sage ‚ich weiß‘, dann heißt das nur ‚ich weiß‘, weil ich eben weiß.“
M ist beschämt.
Er schiebt das beiseite, denn er freut sich auch, dass das Gespräch weitergeht.
„Bitte erkläre mir, wie das möglich ist, dass du weißt, wie du aussiehst.“
„Der Schnee, die kleinen und gr0ßen Bäche von den Bergen und Hügeln, die sein Schmelzwasser zu mir tragen. Die Regentropfen, die aus den Wolken hoch oben Bilder von mir mitbringen. Die Bilder in den Augen der Vögel, die durch mein Tal schweben, … es gibt viele Möglichkeiten, mich zu sehen.“
In diesem Moment verfliegt M`s schläfrige Unentschlossenheit. Er beschließt, aufzubrechen.

Nach kurzer Fahrt stellt er das Auto ab, greift die Kamera, steigt aus. Es ist noch kühl. Er zieht den Reißverschluss der Jacke zu und geht los. Die Vorfreude und die Kühle lassen ihn ziemlich schnell gehen. Noch schneller, als er von der Straße abbiegt in einen Waldweg und Kühle und Vorfreude tiefer werden.

Waldweg am Tagliamento

Er schaut sich um. Sucht Lücken zwischen Unterholz und Bäumen. T ist nirgendwo zu sehen.
Immerhin ist er nach einer Weile zu hören. Aber er spricht nicht. M hört nur ein vielstimmiges leises Rauschen. Es kling für ihn wie ein Orgelpunkt unter den Vogelstimmen. Er hält inne und horcht.
‚Merkwürdig‘, denkt er, ‚die Vielstimmigkeit des Flusses höre ich als Einheit, die Vielstimmigkeit der Vögel als buntes Sammelsurium von Einzelstimmen.‘
T`s Stimme taucht wieder auf: „Du hast gut beschrieben, was du da hörst. Meine Vielheit ist meine Einheit. Und umgekehrt. Das ist das Wesen eines Flusses, wenn er in Ruhe gelassen wird. Wie ich. Dann gibt es nicht nur ein Fließen, sondern ein Vielfließen. Und zwischendurch sogar ein Ruhen. Nur manchmal, wenn ich eine Zeitlang viel Wasser habe, werde ich ein breiter einheitlicher Strom. Wie eine aufbrausende Orgel. Und jetzt frag mich bitte nicht, woher ich Orgelklang kenne. Das wäre wirklich zu kompliziert zu erklären.“
„Wo bist du denn?“, fragt M, schon etwas genervt vom Herumsuchen.
T antwortet nicht. Er rauscht nur.
M folgt einer Wegabzweigung, die den Eindruck macht, als würde sie direkt auf T zuführen. Tatsächlich wird das Rauschen lauter und konkreter. Nach einer weiteren Biegung sieht er T.

Flussbett hinter Sträuchern

M geht weiter bis zum Ende des Weges. Es ist zugleich das Ufer. Enttäuscht muss er feststellen, dass hier ein stark strömender, breiter und tiefer Wasserlauf unmöglich macht, in das Kiesbett des Flusses hineinzukommen. „Ich komme hier ja gar nicht in dein Bett“, mault er enttäuscht. Nach einer Pause schiebt er nach: „Warum sagst du nichts?“
„Ich sag doch was.“
„Du sagst nichts. Du rauscht nur.“
„Mein Reden.“

M sieht ein, dass er so nicht weiterkommt. Er dreht sich um und geht den Weg zurück. An einer Stelle sind Gestrüpp und Gras jenseits des Wegrandes lichter. Dort schlüpft M ins Unterholz und versucht, sich querfeldein einen Weg zum Flussbett zu bahnen. Das gelingt nicht. Er unternimmt viele Anläufe. Alle scheitern. Immer wieder läuft er sich in dichter werdendem Gestrüpp fest und muss umkehren. Er wird dabei ungeduldiger, wilder und ärgerlicher. Stolpert. Reißt den Kopf zur Seite, als ein Dornenzweig durch sein Gesicht wischt, stößt an einen dicken Ast auf der anderen Seite, bleibt an Zweigen hängen, spürt, dass seine Füße und Unterschenkel nass werden vom Tau im hohen Gras und von den sumpfigen Stellen, in die er tappt. Wieder sieht er eine lichtere Stelle. Er strebt darauf zu.

Spinnennetz zwischen Ästen

Mitten in dem scheinbaren Durchgang hängt ein Spinnennetz und glimmt zart im Morgenlicht.
„Stopp!“ T`s Stimme ist energisch, wenn auch weiterhin freundlich. M bleibt abrupt stehen. „Du wirst jetzt hier nicht durch dieses Spinnennetz stürmen. Du bist schon genug durchs Unterholz gepflügt wie ein Berserker. Wer weiß, was du alles schon zerstört hast in deiner Ungeduld. Du wirst jetzt zum Weg zurückgehen und ihm so lange folgen, bis ich dir eine Stelle anbiete, an der du bequem in mein Flussbett eintreten kannst. Finde dich damit ab, dass ich bestimme, wann das geschieht, nicht du.“
T`s Stimme verstummt so energisch, wie sie wiederaufgetaucht war.
M gehorcht. Auf missmutige Art einsichtig.
T verlangt ihm viel Geduld ab. Immer wieder zeigt er sich kurz, bleibt aber unerreichbar.
Schließlich hat er ein Einsehen und lässt M eintreten. Eine faszinierende Welt öffnet sich ihm.

Flussbett vor Bergen

Spiegelung Berg

Ruhiges Fließgewässer in Flussbett

Wie in einem großen Ausatmen beruhigt er sich und beginnt, zusammen mit den Wasserläufen zu mäandern. Er strömt mit. Schneller. Langsamer. Ruhiger. Unruhiger. Bleibt stehen. Ruht. Beugt sich nieder, um etwas genauer anzusehen. Strömt weiter. Hockt sich hin. Spürt die Sonne auf dem Rücken. Dreht sich um. Stellt fest, dass die Flusswelt in der Gegenrichtung ganz anders aussieht. An einer Stelle sucht er wieder das Gespräch: „Tagliamento, sag, wie kann das sein: Ich sehe eine stille Wasserfläche wie einen kleinen Tümpel. So still, dass sogar Fadenalgen darin wachsen, und zugleich sehe ich an manchen Stellen dann doch ein wie aus dem Nichts auftauchendes kleines Strömen.“

Fadenalgen plus kleines Strömen

„Ich bin eben nicht nur da, wo du mich siehst. Ich bin auch unter deinen Füßen, manchmal ganz knapp, manchmal tiefer. Manchmal ist an irgendeiner Stelle der Druck plötzlich größer. Dann drückt es mich da ins Freie. Dann kannst du mich sehen. Dann staut es mich ein Stück weiter und es drückt mich nach unten. Dann verschwinde ich für dich wieder.“

Müll als Treibgut im Flussbett

„Ja“, meldet sich T zurück, „das kommt auch hier an. Es ist schwer, das Zeug wieder loszuwerden.“

Flussbett Rest Plastik

Sand im Flussbett mit kleinen Pflanzen

„Sag mal, Tagliamento, es ist verrückt, wie viele kleine Pflanzen hier im feuchten Sand zwischen den Kieseln stehen. Sie haben doch eine ganz ungewisse Zukunft. Drei Tage heftiger Regen und sie sind verloren. Genauso wie bei einer Woche heißen, sonnigen Sommerwetters. Trotzdem wachsen sie hier jetzt gerade munter drauf los.“
Schweigen. Stille.
„Tagliamento?!“
„Ja, was soll ich sagen. Ist es nicht bei dir genauso, Trotzkopfdumm?“

Nach einer weiteren Weile meldet sich T wieder: „Na los, kleiner Junge! Mach es einfach. Du hast bestimmt von Anfang phantasiert, dass Du irgendwann an einer seichten Stelle mal ins Wasser treten möchtest. Schuhe aus und rein mit dir! Aber erschrick nicht. Es ist kalt!“

Mit den Füßen im flachen Wasser

M schlüpft mit den nassen Füßen wieder in die Schuhe. Es ist jetzt Zeit zu gehen. Er sucht genau die Stelle, die T vor zwei Stunden angeboten hat, um das Flussbett zu betreten. Dort verlässt er es auch wieder.

Fluss im Gegenlicht

Er spürt ein wenig Abschiedsschmerz.
Er dreht sich noch einmal um.
Er findet es absurd, aber er tut es trotzdem: Er winkt T noch einmal zu.
Er hofft auf eine Reaktion.
Er bekommt sie. „Weißt Du, Trotzkopfdumm, für mich ist das Abschiednehmen nicht so ein sentimentales Thema wie für Dich. Bei mir ist das Bleibende der Abschied. Und umgekehrt. Etwas von mir bleibt übrigens bei dir. So wie etwas von dir bei mir. Ciao.“
M wendet sich nun ab. Am Ende des Weges, auf dem letzten Abschnitt, auf einigen Stufen, die zurück führen auf die Straße, schießt er noch ein Foto.

Treppe Ende Waldweg

Um sicher zu gehen, will er mit leicht anderer Perspektive noch ein weiteres Foto machen. Die Kamera meldet, dass der Akku leer ist.
M hat noch einen Ersatzakku in der Tasche. Aber er verwendet ihn nicht. Er entscheidet sich dagegen. Abschied und Bleiben.

 

 

Hallo Neuankömmling!

Frosch am Rand des Gartenteichs

Herzlich willkommen. Schön, dass Du da bist. Hier lässt es sich wirklich fein leben. Wirst sehen.
Lass es Dir gut gehen. Kannst bleiben, solange du willst. Brauchst keinen Asylantrag. Keine qualifizierte Ausbildung. Nicht einmal überhaupt eine. Wenn Du Lust hast zu quaken, – nur zu! Egal wie oft. Egal wie laut. Die Straße hinter Dir nervt. Du nicht.
Gib acht auf die Molche. Ich glaube, sie fressen manchmal auch Froschlaich. Und ich fürchte: Bisweilen sogar Kaulquappen.
Vielleicht kannst Du Deine Nachkommen irgendwie schützen.

 

 

Gänseblümchen nach der Blüte

„Ok“, sagten sie, „wir sind soweit. Kann losgehen. Übrigens: Kollege Löwenzahn ist auch fertig mit Blühen.

Und säeen.“

Ich meine, ich hätte hinter den Worten ein schelmisches Kichern hören können.

Ich mache erste Experimente für eine neue Fotoserie: Das „Tanzen der Pflanzen“. Die sich öffnenden Seerosen-Blätter noch unterhalb der Wasseroberfläche interessieren mich. Bäuchlings liegend auf dem Steg probiere ich verschiedene Perspektiven und Bildausschnitte.

Plötzlich entdecke ich im Sucher ein Lebewesen, das mich beobachtet. Einmal löse ich aus. Dann reiße ich den Kopf vom Sucher. Ich möchte mir den Molch genauer ansehen.

Sofort verschwindet er eilig.

Später, als ich das Foto hochlade, sehe ich an dem Stängel im Hintergrund eine Libellenlarve. Ob sie auch zuschauen wollte?

Margeriten auf dem Rasen

Das kann ich doch jetzt nicht ernsthaft mähen.

Manchmal laufe ich herum. Es hilft beim Einfangen von Gedanken. Und beim Loslassen. Am Fenster fällt mein Blick nach draußen. Ich sehe, dass sich 5/6 Pferde an einem Gatter versammelt haben. Ich möchte den Grund wissen und gehe hinaus auf den Balkon. Ein paar Meter vor dem Gatter steht ein Hänger-Gespann. Eine Frau führt gerade ein Pferd hinein. Nach einigen Verrichtungen schließt sie die Klappe, geht zum Auto und steigt ein.

Langsam setzt sich das Gespann in Bewegung und fährt in einem bedächtigen Bogen unter meinem Balkon entlang davon.

Eine merkwürdige Stille breitet sich aus. Die Pferde stehen ruhig da. Zwei von ihnen heben manchmal den Kopf und senken ihn anschließend tief hinab. Dabei scharren sie bedächtig mit einem Vorderhuf.

Erst eine sehr lange Weile später verteilen sie sich wieder.

Wahrscheinlich gibt es dafür eine spröde verhaltensbiologische Erklärung. Ich könnte das googlen. Aber ich lass es. Ich bleibe lieber bei meiner: Abschiedsschmerz.

Morgen fahre auch ich ab.

Im Auge der Stille

Wieder einmal bin ich ein paar Tage im Auge der Stille, umgeben von Wiesen, kleinen Hainen, Moor-Entwässerungskanälen und weitläufig von einander entfernt kauernden Gehöften. In meiner Ferienwohnung ist ein sehr gut klingendes Klavier. Ein paar Schritte entfernt in einer Halle eine Sammlung von frisch aufgearbeiteten Flügeln. Wann immer ich will, kann ich auf ihnen spielen. Ein Paradies für Einsiedelei.

Mir ist schon lange dauerkalt. Aber ich will es nicht wahrhaben. Dabei weiß ich schon früh: Ins Bett gehen, mich unter zwei Decken schmiegen, zusätzlich eine Wolldecke um meine Eisfüße wickeln. Danach begehrt mein Körper. Doch mein Geist will weitermachen mit dem Tag. Erst um 21:30 finden Geist und Körper zusammen. Und tun genau das.

Schon bald breitet sich wohlige Wärme aus. Gedanken schweben und verschwinden wie Schaumkrönchen über ein sanft wogendes Sommer-Meer. Ich schlafe ein. Am frühen Morgen höre ich von weit her einen Hahn krähen. Und lächle. Er weiß noch, wie man ein Klischee erfüllt. Und schlafe wieder ein. Als ich wieder wach werde, sehe ich erstes Morgenlicht an den Rändern des Vorhangs vorbeischimmern. Und schlafe wieder ein.

Und werde wieder wach und ignoriere den Impuls auf die Uhr zu schauen. Schließlich öffne ich probeweise die Augen und bemerke, dass der Tag beginnen will. Bleibe liegen und tue, was ich mir schon lange vorgenommen habe: Meine morgendliche Meditation wieder aufzunehmen. Sie war verloren gegangen.

Ich bleibe auch danach noch ein bisschen liegen und tapse dann aus dem Bett. Den Impuls, jetzt auf die Uhr zu schauen, muss ich nicht ignorieren. Es gibt ihn gar nicht.

Ich drehe die Heizung auf und koche Kaffee, wohlwollend beobachtet von der Fühmorgensonne, die ins Zimmer flutet, als ich die Vorhänge öffne. Ich suche die Pantoffeln. Ach ja, sie sind noch am Bett. Beim Hineinschlüpfen fällt mein Blick auf die Uhr. Ich stutze. So spät schon?  Das kann nicht. Dafür ist das Sonnenlicht noch viel zu weich und mild orange. Ich schaue genauer hin. Der Sekundenzeiger bewegt sich nicht. Sie ist stehen geblieben. Gestern Abend um halb Elf.

24. Februar 2022

II

Erschreckende Erkenntnis: Ich weiß nicht, wie Frieden geht. Wie in Frieden Sein geht. Im Kleinen nicht und schon gar nicht im Gr0ßen. Was ich – immerhin – ahne, jedenfalls im Kleinen: Er beginnt immer mit Nachgeben. Auch und gerade dann, wenn es wehtut. Mir oder meinem Gegenüber. Das Nachgeben. Weil für mich oder mein Gegenüber Recht, Erkenntnis, Werte, Gefühl – einfach alles –zornig dagegenspricht. Und weil Stärke zu zeigen einen hohen Wert hat.

Am 24. Februar 2022 war mein erster Gedanke: Die Ukraine muss sofort kapitulieren. Sie muss das tun im Zusammenspiel mit einem Konsortium international anerkannter Politiker: innen und sonstiger wichtiger Akteure aus UN, OSZE, Nato, Internationalem Währungsfont, aus allen Kirchen, aus NGO’s und Hilfsorganisationen. Und im Zusammenspiel mit den Menschen in der Ostukraine und auf der Krim. Oberstes Ziel kann nur sein, dass möglichst kein einziger Mensch stirbt. Mit jedem Eskalationsschritt würden es mehr werden. Würde der Krieg länger dauern. Würde der Tod wüten für Kriegsziele, von denen man sich dennoch ganz zwangsläufig irgendwann wird verabschieden müssen. Eine klug vorbereitete und inszenierte Kapitulation schien mir der einzig rationale Umgang mit dem Überfall durch die russische Armee. Vor meinem inneren Auge ergänzte ich diese Vorstellung mit einer weltweiten Bewegung, in der Menschen kommentarlos weiße Tücher aus den Fenstern hängen. Auch in Russland.

Erzählt habe ich das nur drei sehr vertrauten Menschen. Sonst niemandem. Ich habe mich nicht getraut. Ich hatte Sorge, meine Gedanken würden als pazifistische Weichei-Spinnerei abgetan. Und ich möchte kein pazifistischer Weichei-Spinner sein. Mich lässt das noch heute stutzen, dass ich offenbar mit einer bitteren Automatik genau solch eine Bewertung mit meinen Kapitulationsgedanken verband. Als würden mir immer noch alle diese – meist männlichen – „Vorbilder“ im Nacken sitzen, die Zeit meines politischen Denkens eine unüberwindliche Mauer bildeten. Man hatte die Realitäten zu sehen. Und das bedeutete immer, den Status Quo der furchtbaren Spielregeln der jeweils gültigen Welt- Wirtschafts- und Sozialordnung zu akzeptieren. Als ich jung war, konnte ich noch mit scheinbar verstehender, in Wahrheit hochnäsiger „Na-ja-er-ist-ja-noch-jung-Nachsicht“ rechnen. Je älter ich wurde, umso weniger. Und umso mehr befleißigte ich mich in Konfliktsituationen selbst auch der Logik der Eskalation. Des Stärke-Zeigens. Beim Autofahren, im Beruf, in privaten Auseinandersetzungen.

Nicht einmal in Ruhe mich zu informieren und nachzudenken, vielleicht zusammen mit anderen, hilft. Ich gerate immer in dieselben Sackgassen.

„Natürlich“, so kann ich denken, „muss jetzt der sogenannte Westen dem ‚Regime Putin‘ unmissverständlich zeigen, dass ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen ein Nachbarland nicht hinnehmbar ist. Natürlich muss deshalb der Westen die Ukraine ermächtigen, sich so zu verteidigen, dass die Angriffsnation nicht mit einem Erfolg rechnen kann.“ In der „Die-Welt-ist-nun-mal-wie-sie-ist-Logik“ ist das zwingend. Es bestünde ja, wenn man es nicht täte, – so folgere auch ich – die Gefahr, dass das russische Regime immer weitermacht. Also muss man es jetzt stoppen.

Ende der Sackgasse erreicht. So zwingend logisch, wie es scheint, ist es ebenfalls zugleich zwingend zynisch. Der Westen ermächtigt die Ukraine, Krieg zu führen. Das bedeutet: Umfassendes, nicht enden wollendes Menschen-Töten. Um das russische Regime zu stoppen? Um die Werte des sogenannten freien Westens – gerne genannt: „unsere Werte“ – zu verteidigen? Je stärker dieser „freie Westen“ die Ukraine ermächtigt, umso größer wird die Zahl der Getöteten, die dieser „freie Westen“ als Kalkulationsmasse behandelt. Denn in dieser Logik wird der Krieg erst enden, wenn beide Seiten durch ihn kein Fortkommen mehr sehen. Wie groß muss der Leichenberg, gefördert durch die Waffen des Westens, bis dahin werden?

Notausgang aus der Sackgasse: Stimmt das überhaupt, dass Russland dann immer weitermachen würde? Ist das wahrscheinlich? Kein Notausgang. Ich kann die Frage nicht beantworten. Wahrscheinlich können das nicht einmal Geheimdienste, also auch nicht die real entscheidenden Akteure im Westen. Wenn man mit irgendeiner Art von Kapitulation jetzt ein Ende dieses Krieges erreicht, müsste man zugleich diplomatisch Schutzmauern gegen die vermutete Weiterführung des Imperialismus durch Russland einziehen. Wie sollte das gehen? Also eine neue Sackgasse.

Ich versuche einen anderen Gedankenweg und ende wieder in einer Sackgasse. Menschen, die in offenen Briefen oder in Talkshows ein stärkeres Bemühen um diplomatische Lösungen wünschen oder gar fordern, vielleicht gar ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen, wird gerne vorgeworfen, vom gemütlichen Sofa aus könne man diese pazifistische Haltung leicht haben, als Bürgerin und Bürger der Ukraine, umgeben von der Leibhaftigkeit des Schreckens, wohl nicht. Auch das hat eine unmittelbar einleuchtende Logik. Diese Haltung wird von einem (jetzt ehemaligen) ukrainischen Botschafter geradezu unflätig verbreitet. Man lässt es ihm durchgehen. Er stehe halt unter Druck und müsse für die Unterstützung seines Landes kämpfen. Diese Großzügigkeit bringt man gegenüber denen, die mehr Diplomatie fordern, eher nicht auf. Sehr schnell erscheint der Topos der pazifistischen Spinner auf der Leinwand des öffentlichen Diskurses. Oder noch schlimmer: Der Topos „Putinversteher“. Zwei Gedanken weiter zeigt sich dann auch hier das Ende der Sackgasse. Denn die „Sofa-Logik“ gilt ja für die „Realisten“, also die „Nicht-Pazifisten“ genauso. Eigentlich sogar stärker. Vom Sofa aus lässt sich trefflich Eskalation betreiben. Man kann – je nachdem, wie forsch man formuliert – für sich selbst sogar ein bisschen Heroismus abschöpfen. Preiswerten allerdings. Denn er muss nicht mit dem eigenen Blut bezahlt werden. Man kann den schneidigen Ton eines Herrn Hofreiter, einer Frau Strack-Zimmermann, eines Herrn Merz, eines Herrn Röttgen und vieler anderer auch so lesen. Der Ton eines Gustav Gressel vom European „Council on Foreign Relations“ wäre mit „schneidig“ schon unangemessen freundlich bezeichnet. Er nennt in einem groß aufgemachten Interview im „Stern“ die Entscheider im „Westen“ „Hosenscheißer“.

Was sich als zwingende Logik geriert, ist genau das oft gerade nicht. Es wird nur erst beim zweiten Blick deutlich.

Gegen Ende Januar 2023 debattiert die Medienwelt über die Lieferung von Leopard-Panzern an die Ukraine, – gerne kumpelig „Leo“ genannt. Begleitet wird diese Debatte von umfassenden Informationen über die Leistungsfähigkeit dieses Panzers. Dies wiederum gerne begleitet von beeindruckenden Bildern, wie diese Geräte durch schlammiges Gelände pflügen. Als ginge es um die Markteinführung eines neuen SUV. Anfangs argumentieren Menschen wie Frau Strack-Zimmermann in vielen Interviews damit, dass Deutschland mit seiner zögerlichen Haltung in Europa isoliert sei. Es entsteht der Eindruck, diese Zögerlichkeit führe dazu, dass der Ukraine Hilfe verweigert werde. Im Laufe der Debatte wird langsam klar, dass die Isolations-These nicht stimmt. Diejenigen Länder, die sich schon früh klar für eine Lieferung der Panzer positionieren, sind die baltischen Länder und Polen. Es gibt die behauptete Isolation nicht. Es gibt – abgesehen von den genannten Ländern – eine Gemeinschaft des Zögerns. In dem Moment schwenkt Frau Strack-Zimmermann um und beklagt mangelnde Führung durch Deutschland. Was dann das Gegenteil bedeutet. Deutschland soll sich durch ein „Ja“ zur Leopard-Lieferung in die Isolation begeben. Als Grund wird genannt: Deutschland sei die stärkste Wirtschaftskraft in Europa und müsse vorangehen. Wieder tut sich eine Sackgasse auf. Ich erlebe Frau Strack-Zimmermann und alle die anderen Protagonisten des Stärke-Zeigens als Menschen, die sich nicht fragen, welche Lösungen jetzt sinnvoll wären, sondern nach Argumentationen suchen, die im Sinne der gewünschten Eskalation den Beifall einer angenommenen Öffentlichkeit versprechen. Und ich habe immer wieder den Verdacht, dass Mechanismen der parteipolitischen Auseinandersetzungen wichtiger sind als das Problem selbst. Wenn Herr Merz dem Kanzler wortgewaltig Zögerlichkeit vorwirft, so unterstelle ich, geht es ihm gar nicht um die Ukraine, sondern darum, den politischen Konkurrenten zu beschädigen und zugleich als Nebeneffekt darum, mit der Anklage der Führungsschwäche eigene Führungsstärke zu suggerieren. Also der bessere Kanzler zu sein. Mit dem kleinen Makel: In der Konjunktiv-2-Version der Kritik an der angeblichen Führungsschwäche des Gegners ist der Eindruck eigener Stärke leicht herzustellen, nur halt als Schein.

Ich nehme all dieses Getöse wahr. Und beobachte mich selbst. Ich spüre, wie ich ein wenig aufatme, wenn ich lese, die Ukraine habe hier oder dort Gelände zurückerobert. Die russische Führung habe sich verkalkuliert. Ich bin Zaungast und werde zum „Mitfiebern“ verleitet. Die Unabhängigkeit von russischem Gas sei geschafft. Das Raketenabwehrsystem „Patriot“ werde zu neuer Stärke der Ukraine führen. Die ukrainische Armee habe höhere Kampfmoral als die russische. Als würde ich einer sportlichen Auseinandersetzung beiwohnen und mich freuen, wenn die von mir favorisierte Partei Oberwasser gewinnt. Begleitet werde ich dabei von Militär-Spezialisten, die Strategien erklären und bewerten. Von Kampfkraft sprechen, von Durchschlagskraft, von Truppenstärke und Ähnlichem. Ich nehme wahr, wie mir Herr Selenskyj sympathischer ist als Herr Putin. Hier der um sein Volk besorgte aufrechte Streiter im fronttauglichem grünen Pullover. Dort das unbewegte Gesicht des Despoten im schwarzen Anzug, der immer zu klein an zu großen Tischen sitzt mit gespreizten Beinen. Hier das tapfere ukrainische Volk. Dort ein Volk von durch professionelle Demagogie irregeleiteten Idioten. Hier die weinende alte ukrainische Frau, die aus einem zerschossenen Haus klettert. Dort die pelzbehängte Schönheit vor einer Boutique in Moskau, die es richtig findet, dass die Nazis in der Ukraine jetzt entmachtet werden. Und muss mich zwingen, mir immer wieder klarzumachen: All das sind Bilder. Ausgewählt und arrangiert. Nicht die Wirklichkeit. All dies ist Inszenierung. Und relativiere meine Gefühle.

Und erneut muss mich wieder zwingen, mir zu vergegenwärtigen: Es geht hier darum, Menschen zu töten. In möglichst großer Zahl. Um in eine günstige Verhandlungsposition zu kommen. Und dann wünschte ich sehnlichst, die Akteure der öffentlichen Debatten würden in ihrem Gestus, in ihrer Wortwahl, in ihrer Haltung endlich die demütige Zurückhaltung zeigen, die das Töten erfordert.

Umgeben von den Mauern am Ende der Sackgassen hebe ich ab. Und phantasiere ein Schul-Geschichtsbuch in 50 Jahren. Es wird der Versuch gemacht, möglichst griffig zu erklären, wie es zum 3. Weltkrieg kam. Textbruchstücke scheinen auf. Von der Besetzung der Krim, von russischen Separatisten, von der Russland-China-Allianz, von einem chinesischen Ballon über Montana, von Taiwan, von dem Krieg in Syrien, den russische Truppen im Sinne des syrischen Machthabers entscheiden. Von den Drohnen-Lieferungen des Iran an Russland. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, wie das Durcheinander all der bedrohlichen Einzelheiten im jetzt geschehenden Heute zu einem erklärenden und verkürzt gewichtenden Geschichtstext aus der Rückschau gerinnt.

Und dann höre ich lieber auf zu denken. Zu bewerten.

Und frage mich, wie das gehen soll. Wahrnehmen, hören, sehen, mitfühlen ohne zu denken, ohne all das in meinem kleinen Kopf sortieren zu wollen. Ohne zu verdrängen.

An dem Tag, an dem ich diesen Text beende, muss ich morgens zur Ärztin. Ich kratze sorgfältig die zugefrorene Frontscheibe frei und fahre los. Als sich die Straße aus unserer Siedlung gegen die tief stehende Morgensonne wendet, hat sich die gefrierende Tauschicht auf der Scheibe wieder verdichtet. Ich sehe buchstäblich nichts mehr. Ich suche nach einer Möglichkeit, doch noch weiterzufahren. Aber es wäre die pure Unvernunft. Also bleibe ich stehen. Hinter mir steht inzwischen ein anderes Auto. Ein ziemlich großes. Ich schalte die Warnblinkanlage an und gehe hin. Entschuldige mich, dass ich stehenbleibe. Aber ich müsse jetzt erst noch einmal kratzen. Der Fahrer faucht mich wütend an: Und dann bleiben sie hier mitten auf der Straße stehen!?! Es folgt eines dieser sinnlosen zornigen Wortgefechte. So laut, dass mich eine Nachbarin besorgt fragt, ob alles in Ordnung sei.

Und als ich an diesem Tag wenig später von der Ärztin zurückfahre, höre ich im Radio eine Reportage über „Agent Orange“, das Gas, das als Kriegswaffe von der Armee der USA großflächig eingesetzt wurde. Und erfahre, dass noch heute die dramatischen Auswirkungen dieses Giftes das Leben von Zehntausenden von Menschen zerstören. Noch in der vierten Generation, so höre ich, sind bis zu viertausend Menschen unter 12 Jahren an den Folgen gestorben.

Und komme zuhause an.
Und atme auf.
Und stehe vor den Fotos der Kinder und Enkelkinder in unserer Küche. Wie schön sie sind!
Und spüre ihr Glück. Und meins.
Und schäme mich fast. Weil genau in diesem Moment wieder jemand durch eine Kriegswaffe stirbt.

Und denke: Das muss doch ein Ende haben! Dieser Irr-Sinn, so unrealistisch es auch scheint in dieser „Die-Welt-ist-wie-sie-nun-mal-ist“-Welt.

Und am selben Tag erlebe ich, wie die Zahlen der Opfer des Erdbebens in der Türkei und in Syrien mit quälender Unerbittlichkeit steigen.

Und denke: „Bitte, bitte, bitte!! Die Welt schreit doch nicht nach Krieg! Sie schreit um Hilfe!“

Ich freu mich auch

Ich öffne den Klodeckel. Auf der Wasseroberfläche des Ablaufs schwebt bewegungslos eine Spinne. Ob sie schon ertrunken ist? Ich schiebe vorsichtig ein Stück Toiletten-Papier unter ihr Körperchen, damit sie nicht weiter ins Wasser sinkt. Während ich es ganz langsam seitwärts ziehe, meine ich doch ein winziges Zucken in einem Beinchen gesehen zu haben. Dann hebe ich das Papierstück heraus und lege es vor mir auf den Kachelboden. Ich setze mich auf’s Klo und fange schon an, mich damit abzufinden, dass sie doch tot ist.

Plötzlich hüpft sie vom Papier, hält kurz inne und flitzt dann in ziemlichem Tempo drei größere Kreise direkt vor mir.

„Ja“, denke ich lächelnd, „ich freu mich auch!“

Einsicht

Passanten beobachten mitten im Hamburg – in St.Pauli – zwei rasende Autos, die sich offensichtlich ein Rennen liefern. Eines der Autos kommt ins Schlingern und verursacht einen Unfall. Die beiden Insassen springen heraus, steigen in das Fahrzeug des Renn-Partners und brausen davon.
Die Autos und ihre Besitzer lassen sich wegen der Zeugen leicht ermitteln. Beteiligt sind zwei Profifußballer des HSV. Zweite Liga.

Am Tag danach veröffentlichen die Beiden ein Statement. Es habe Gespräche gegeben mit ihren Vorgesetzten im Verein. Sie müssten mit einer empfindlichen Geldstrafe rechnen. Sie sähen nun ein, sie hätten einen „schlimmen Fehler“ begangen.
Sie hätten die Unfallstelle nicht verlassen dürfen.

Reuige Einsicht Marke Fußball-Star. O.k., zweite Liga. Vielleicht steigen sie ja noch auf.

Neu auf meinem Youtube-Kanal „TROTZKOPFDUMM“: Ein brandneuer Song. „Kleine Meditation“. Er ist, wie er heißt. Und ein kleiner Buddha kommt auch drin vor. Der heimliche Star ist ein Lichtobjekt von Fabian Thiele („NONEON“, Frankfurt a.M.)

Kleine Meditation

Was ein Moment ohne „Und dann“ wohl wär.
Und was ein Augenblick ohne das Hinterher.
Was wär ein Jetzt ohne das Gleich?
Ein Wiegen, ohne geeicht
Zu sein? Vielleicht

Ein Ziel, erfolgreich unerreicht
Ein Weg, der mit leichtem Sinn vom richtigen Kurs abweicht, vielleicht
Ein Schilf, die Krone eines Baums
Ein Baby, das Öffnen eines unbekannten Raums.

Der Kopf des Ackergauls beim Schreiten.
Ein einfach Da-sein als sanft wogendes Gleiten.

Du schaust nach innen und außen zugleich.
Mag sein: Ein Finden, ein Finden vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Die Welt wird licht.
Ein Augenblick, in dem du nichts im Schilde führst
Sondern einfach nur zärtlich
Die Zeit am Arm berührst.

Friedrich Merz bei Markus Lanz 10. Januar 2023

Sreenshot Markus Lanz 10.01.2023 ZDF Mediathek Download 19.01.2023

Friedrich Merz nennt die Söhne von Menschen mit Migrationsgeschichte  in der Talkshow von Markus Lanz „kleine Paschas“.

Kein Grund, sich aufzuregen. Sein Ärger ist doch in gewisser Weise auch verständlich. Da muss ein älterer Herr, der jahrzehntelang mit unantastbarer, geradezu unschuldiger Selbstverständlichkeit eine nicht gerade wenig verbreitete Vorstellung von männlicher Identität ausgelebt hat, plötzlich feststellen: Sogar schon Kinder können es besser. Das tut doch auch weh!

Café Handicap

Der Name ist Programm. Das „Café Handicap“ gehört zu einem Hotel und einem Restaurant. In allen Betrieben arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich der Kellnerin signalisiert habe, dass ich zahlen möchte. Dann steuert sie meinen Tisch an. Sie wirkt hoch konzentriert, als sie bei mir ankommt. Ihr ernster Blick, der meinen meidet und stattdessen die Geldbörse und den Quittungszettel fixiert, ihre leicht vorgebeugte Haltung, – ich bilde mir ein, darin beides zugleich zu sehen: Die Anstrengung – jetzt bloß nichts falsch machen! – und den Stolz, diese wichtige Aufgabe erfüllen zu dürfen.

Ein Kaffee Creme. Sie studiert den Bon in ihrer Hand und sagt „zwei Euro siebzig“. Ich gebe ihr einen 5-Euro-Schein und bitte sie, mir 1,50 zurückzugeben. Sie kramt in ihrer Geldbörse.

Dann reicht sie mir 1,20.

Ich sage nichts.
Das ist nett.
Und diskriminierend.

Gut untergebracht

Ein Hotel. Gehobene Mittelklasse. Es ist noch relativ neu. Behaglicher Schick. Der riesige, lichte, voll besetzte Frühstücksraum ist sehr stilvoll und abwechslungsreich eingerichtet. Das Frühstücksbuffet ist genauso einladend wie der Raum. Leckere Speisen, liebevoll zubereitet und angerichtet, laden ein zum Schlemmen, zum Wohlfühlen. Die Kleidung der Menschen entspricht dem Ambiente des Wohlergehens. Sie lassen es sich gut gehen.

Nur: Sehen kann man es nicht. Fast nirgendwo ein Lächeln, oder gar ein Lachen. Oder sonst etwas, das den Ausdruck freudvollen Genusses in ein Gesicht schmiegt.

Irgendetwas scheint ihnen doch zu fehlen.

Werbefrei-Abo

Werbefrei

Ist das schon immer so?
Und es fällt mir erst jetzt auf?

Ich will irgendeinen Online-Artikel lesen. Bevor ich das kann, werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich die Werbung auch vermeiden kann. Gegen einen geringen monatlichen Betrag.

Skurril. Erst bezahle ich die Werbung. Mit dem Kaufpreis. Dann bezahle ich nochmal, um sie nicht sehen zu müssen.

Muss man das ein geniales Geschäftsmodel nennen?

Die Füße sehen

Seit 4 Monaten ist sie nun Grundschülerin. Einmal, als ich sie abhole, ist sie sehr, sehr traurig. Sie möchte aber nicht sagen, warum. Also bleibe ich einfach in ihrer Nähe, schweige und spanne innerlich einen Schutzschirm über ihr Gemüt. Langsam trotten wir den Heimweg entlang.
Plötzlich bleibt sie stehen. Ich auch. Dann sagt sie: „Weißt Du, Opa, wenn ich traurig bin, dann muss ich so langsam gehen, dass ich immer abwechselnd meine Füße einzeln nach vorne kommen sehe.“
Wir trotten weiter und beobachten schweigend unsere Füße.
Erst eine ganze Weile später erzählt sie dann doch, warum sie traurig war.
Ich soll es aber nicht weitererzählen.

Es ist ein trotzkopfdummes Liebeslied. Und es ist schön.
Vielleicht gerade deshalb.
Jedenfalls für mich.
Jetzt kann man es hören und sehen auf Youtube:

Ich liebe dich

Sie hat wahrscheinlich übersinnliche Kräfte
Überaus sinnlich und zugleich weit darüber hinaus
Mit nur einem Blick aktiviert sie geheimnisvolle Mächte
Die verwandeln sie in eine Katze und mich in eine Maus
Sie lässt mich am ausgestreckten Arm verhungern
Lässt mich vor dem Haus allein in der Kälte `rumlungern
Aber Freunde, – ganz ehrlich:
Das ist mir egal
Ich hab ja die Wahl
Und ich wähle sie
Mit nie versiegender Euphorie
Sie macht mich fertig, doch das kratzt mich leztlich nicht.
Solang sie einmal öfter, – einmal öfter sagt: Ich liebe Dich!

Wenn ich mich wehre, hat sie den Schlamassel
Magische Kräfte hab ich schließlich auch
Sie ist noch die Katze, aber ich ein Jack Russel
Einmal gekläfft, und schon bin ich runter vom Schlauch
Ich mach sie ohne mit der Wimper zu zucken zum Deppen
Hier spielt der FC Barcelona gegen den SV Meppen
Aber Freunde, – ganz ehrlich:
Das ist ihr egal
Sie hat ja die Wahl
Und sie wählt mich
Mit unerschöpflicher Zuversicht
Ich mach sie fertig, doch das kratzt sie letztlich nicht.
Solang ich einmal öfter, – einmal öfter sag: Ich liebe Dich!

Freunde, ihr seht: Wir machen einander gerne mal das Leben schwer
Aber das ist egal, denn wir zeigen einander mehr als einmal mehr
Du bist das Ass, das ich noch im Ärmel hab
Das Glücksgewand, das mir am besten passt
Der Himmel, zu dem ich mich aufschwinge
Wenn ich mit dir uns’re Melodie singe
Wir machen uns fertig, doch das kratzt uns letztlich nicht

Weil wir mehr als einmal öfter sagen: Du, ich liebe Dich

Brief an Infantino

Wer wollte nicht verstehen

10 Jahre lang von 2005 bis 2015 musste in Nordrhein-Westfalen eine Lehrerin, die ein Kopftuch tragen wollte, sich fragen, ob sie den Mut hat, das Risiko einzugehen, vielleicht ihren Job zu verlieren, wenn sie ihren Wunsch in die Tat umsetzt. Die CDU-geführte neue Regierung hatte als erstes Gesetz in ihrer Regierungszeit ein Verbot des Kopftuches beschlossen. Wer wollte nicht verstehen, wenn sie dieses Risiko lieber nicht eingegangen ist.

Ein junger Vater in der Probezeit an einem neuen Arbeitsplatz, dessen Chef von ihm verlangt, keine Kinderkrankentage zu nehmen, um seine Präsenz am Arbeitsplatz nicht zu unterbrechen, muss sich fragen, ob er das Risiko eingeht, dass er nach seiner Probezeit nicht übernommen wird, wenn er sich auf sein gesetzlich verbrieftes Recht beruft und für die Kinderkrankentage kämpft. Wer wollte nicht verstehen, wenn er dieses Risiko lieber nicht eingeht?

Ein junger Gastronom hat ein Schild an seine Eingangstür gehängt. Es weist darauf hin, dass sich hier „alle duzen“.  Der Kreis kleinstädtischer Honoritäten, der sich regelmäßig hier zum Frühstück trifft, ignoriert das. Siezt das Personal, und lässt es – möglich durch die aufgebaute Distanz – tanzen, wie man Personal eben tanzen lässt. Der junge Gastronom muss sich fragen, ob er das Risiko eingehen will, diese Kundschaft und auch die Werbung für seinen Laden, die von diesem honorigen Kreis ausgeht, zu verlieren, wenn er diesen Menschen gegenüber auf die an der Eingangstür erbetene „Kultur“ im Laden erinnert und bittet, dies zu respektieren. Wer wollte nicht verstehen, wenn er dieses Risiko lieber nicht eingeht?

Dänische Fußballer haben den Wunsch, beim Training (ja: beim Training!) während der WM in Katar eine Armbinde zu tragen mit der Aufschrift „Human rights for all“. Sie möchten damit auf die traurige Menschenrechtssituation in dem Land hinweisen, in das sie reisen, um an der Fußballweltmeisterschaft teilzunehmen. Der Fußballverband, der diese WM veranstaltet, und bei dem sie die Erlaubnis dafür beantragt haben, verbietet das. Die jungen Fußballer müssen sich nun fragen, … ehm, … müssen sich fragen, … ja also …, müssen sich fragen, … na ja, also mindestens müssen sie sich fragen, ob sie nicht in Zukunft lieber auf die sprachlichen Insignien kämpferischer Männlichkeit verzichten. Als da wären: „wir müssen gallig in die Zweikämpfe gehen“, „wir müssen über den Kampf zum Spiel kommen“, „wir müssen auch mal härter einsteigen“, „wir haben dem Druck standgehalten“, „wir brauchen Eier“.

Ich finde die Korrektheit der Fußballer, das Tragen einer solchen Binde überhaupt zu beantragen und ihre Scheu, sich über das Verbot einfach hinwegzusetzen, zwar nicht unbedingt euphorisierend oder Vorbild-tauglich, aber beruhigend. Sie sind eben doch ängstliche kleine Fifa-Beamte. Sie sind Pussis. Wie schön. Wer wollte nicht verstehn …

 

Drachentöterchen

Wolf Biermann, ich habe das Interview mit Dir gelesen. In der „Zeit“. Also – ich habe angefangen. Und war genervt (milde gesagt). Und dachte: Ich muss Dir antworten. Und da ich das seriös machen wollte, musste ich es auch noch zuende lesen. Und auch noch mehrmals. Diesen Oberlehrer-Blödsinn.

Mein Gott, Wölfi, bist Du eitel. Und wie Du unbeirrt den Besserwisser gibst, der die Weisheit mit Schöpfkellen gefressen hat. Und nicht merkst, dass es die sind aus der Puppenstube. Genauso wie der Drachen der Firma Schleich, den Du gar nicht töten musst. Er war ja nie lebendig. Du Drachentöterchen.
Wie Du selbstgefällig auf Dein Werk schaust, jede Gelegenheit nutzt, Dich selbst zu zitieren, sogar larmoyant ein bisschen billige scheinbare Selbstkritik einwebst, die beim zweiten Hinhören auch nur Selbstbeweihräucherung ist.  Du fändest Dein Lied „Mein Junge, du fragst mich …“ heute, sagst Du, zum Kotzen. Wolf! „Kotzen“- das war mal irgendwie aufmüpfiger Berliner Hinterhof-Gestus als Gegenpart zum Elfenbein-Jargon. Heute ist das RTL 2. Schon mitgekriegt? Du fändest, sagst Du, das Lied zum Kotzen, hättest es aber trotzdem in deine Sammlung „Alle Lieder“ aufgenommen. Ja, wie denn auch nicht, hallo??!!, sie heißt ja „alle Lieder“. Und dann verkauft Du uns selbst diese Selbstverständlichkeit noch als wohlmeinenden pädagogischen Akt. Der geneigte Leser solle sehen, dass der Drachentöter Wölfilein auch nicht immer ein Drachentöter gewesen sei. Und brav soll man ergänzen: Und heute aber einer ist. Und ein Rebell. Mensch Biermännchen, das ist autoritärer Katheder-Blödsinn. Sonst nix.

Und wie Du altväterlich ironisch Greta Thunberg „Menschheitsretterin“ nennt, um gleich danach auf pubertäre Schwärmerei zurückzuschneiden, indem Du einen Pubertätsschwank aus Deinem Leben erzählst, den, wo Du als Junge einen Ladenbesitzer frech darauf aufmerksam gemacht habest, dass man doch so kurz nach dem Krieg kein Kriegsspielzeug verkaufen dürfe. Wenn die Geschichte mann überhaupt so stimmt. Aber sie soll eben zeigen, dass Du schon als Kind der mutige Rebell warst, und Greta nur die von Dir ironisierte Selbstüberschätzerin ist. Ach, Wolle!!

Und wie Du auch die Gelegenheit nutzt nochmal kundzutun, was eh alle wissen, dass Dein Vater in Ausschwitz ermordet wurde. Ein doppelter Märtyrer. Jude und Kommunist. Kann man als linker Elfenbein-Moralist bessere Gene haben? So träufelt das auf mich herab, wenn Du es so grundlos nochmal erwähnt. Und verätzt mir mein linkes Gemüt, das sich so oft an Dir gewärmt hat. Doof genug, ja, und irrational, ja, aber Du hast das Gesöff doch auch gesoffen.

Am Ende aber, Wölfchen, wird es richtig unangenehm.

Dass Du so tust, als müssest Du jetzt, wie damals als Kind, wieder Krieg erleiden, – das riecht nun doch ein bisschen streng altherrisch. Und stinkt nach Legende. Die Du jetzt schon lieber selber schreibst, bevor es die Nachwelt dann womöglich falsch macht. Es schließe sich jetzt ein Lebenskreis. So steht das in billigen Beweihräucherungs-Biografien. Du seist aus dem Krieg gekommen, und fändest Dich jetzt dort wieder. Was für ein Quatsch! Immerhin bist du doch gerade noch ohne Angst draußen gewesen. Apfel pflücken. Hätte Eva ihn doch bloß schnell weggezogen! Das schnallst Du natürlich. So doof bist Du nun wieder nicht. Und schickst – ganz der schnellgeistige Streber – noch schnell hinterher, dass der Krieg natürlich 1000 Kilometer weit weg sei, aber dank des allgegenwärtigen Sirenengeheuls der Medien dann doch ganz nah. Nee, Wolf!, diese Logik funktioniert nicht. Das Blut, das aus der Glotze trieft, ist Kunstblut. Auch wenn es echt ist. Versteße?!

Und wie Du Dich dauernd selber mit Ruhm bekleckerst.

„Ich muss so viel wie möglich sehen, hören und tiefer begreifen.“ Tiefer als wer? Nein, Red dich jetzt nicht raus.  So in der Art „…poetisch gemeint…tiefer als auf den ersten Blick“. Würde immer noch bedeuten. Du kannst. Andere nicht. Wer weiß, vielleicht bildest Du dir nur tiefer ein, Du könntest. Poetisch gemeint.

Und: „Ich musste gelegentlich etwas mutiger sein als andere …“ Oder „…Melancholie. Sie ist der Überlebenskampf, den ein kluges Herz wagen muss…“.
Und (auf die – ziemlich dämliche – Frage, ob Du kriegerisch seiest): „ … streitbar, aber ich bin zugleich sanfter als andere Leute.“

Und dann zitierst Du Dich wieder mal selbst und dann auch noch den Text, der dir Gelegenheit gibt, nonchalant so ganz nebenbei zu erwähnen, dass Du diesen Text mal Angela Merkel vorgelesen hättest. Wow! Wowwi! Du hast in dasselbe Kissen gepupst wie die Bundeskanzlerin und erlaubst Dir – ganz der wohlmeinend auf die Schülerin herabblickende Oberlehrer – sie „Christenkind“ zu nennen.

Und Deine Bonmots: „Zu kurz gedacht und zu lang gefühlt“, Petrarca, ick hör dir trapsen. (Ja, Wolf, ich kann das auch, dieses Belesenheits-Getue.)

Und: Du nennst Precht und Welzer „Second-Hand-Kriegsverbrecher“. Statt dauernd den Poeten zu spielen, könntest du mal erklären. Es reicht nicht, wortgewaltig abzukanzeln, Wolfgang. Kleine Erinnerung: Kriegsverbrecher sind brutale Folterer. Diese Metapher findest Du also angemessen gegenüber Precht und Wälzer?!? Übrigens: Auch Du musst schon lesen, und nochmal lesen, und zuhören, Dich auseinandersetzen, meinetwegen „tiefer“ denken und dann den Versuch machen, Deine Gedanken aufzufächern, nachvollziehbar zu machen, und zwar so, dass man versteht: Es ist ein Versuch.

Als Du im Bundestag aufgetreten bist und Dich im Glanz der Macht gesonnt hast, da hast Du mich noch richtig geärgert. Ich hab Dir damals sogar ein Gedicht geschrieben. (Ich zitier das jetzt nicht.) Heißt: Ich hab Dich doch irgendwie noch ernst genommen. Jetzt entwickle ich langsam Gefühle, die denen ähnlich sind, die ich meinen alten Eltern entgegenbrachte. Nur: Die hatte ich dann doch irgendwie gern, auch wenn sie den größten Scheiß erzählten. Man hatte ja nur die.
Aber Dich? Du Schaf im Wolfspelz?

Machtwort

Ich kann froh sein. Ich lebe in einer Demokratie. In ihr wird eine sachliche und kritische Informationskultur gepflegt.
Und so erlebe ich, wie in einem seriösen Sender in einer der wichtigsten Sendungen für Informationen und ihre Hintergründe eine hochgeschätzte, vielfach ausgezeichnete Moderatorin am Montag, den 17.10.2022 in der Sendung „Tagesthemen“ einen Politiker interviewt und bin im Wortsinn: Ent-geistert.

Tagesthemen kurz vor der Sendung

Schon der Anfang irritiert mich. Ausufernde Heiterkeit. Zur Schau gestelltes „Off“. Kein Ton. Aber Bild. Der Co-Moderator lacht herzhaft. Und bekommt auch beim Beginn des Jingles, als die Moderatorin sich schon dem Publikum zuwendet, sein Lachen kaum gebändigt.
Ich brauche das nicht, diesen Schein von Privatheit, womöglich, damit es mir inmitten der Dramen der Welt kuschelig bleibt. Aber ich habe mich daran gewöhnt.

Der Aufmacher der Sendung ist eine Entscheidung des Kanzlers in der Causa „Weiterlaufen von Atomkraftwerken“. Schon lange stehen sich unversöhnliche Positionen von FDP und Grünen gegenüber. Die Zeit drängt. Die gesetzlich festgelegte Abschaltung droht. Der Kanzler macht Gebrauch von seiner Richtlinien-Kompetenz.

Frau Miosga moderiert das Thema an. Natürlich fällt das Wort, das schon den ganzen Tag nervt: „Machtwort“. Es winkt die Sehnsucht nach der oder dem Starken, die oder der die Dinge regelt. Im Weiteren dann ihre Sätze: „[…] Doch wo war eigentlich die SPD? Abgetaucht. Der Kanzler hat es […]  bislang gemieden, seinen Koalitionspartnern zu sagen, wo es lang gehen sollte. Doch, – stille Wasser sind offenbar tief. In diesem festgefahrenen Konflikt musste er die aufgehitzten Minister-Gemüter abkühlen und ein Machtwort sprechen […].“

Mehrere Frames werden aktiviert. Einige in den letzten Wochen so oft wiederholt, dass sie selbst informations-scheuen Menschen bekannt sein dürften:
1. Die SPD verweigert Verantwortung („abgetaucht“).
2. Der Kanzler (der Chef eben dieser SPD) greift nicht durch. er lässt den Laden laufen. Er ist ein fader Regierungschef.
3. Die beteiligten Minister waren grenzwertig eskaliert („aufgehitzte“ Gemüter“).
4. Der Kanzler wird erst dann aktiv, wenn es gar nicht mehr anders geht („musste ein Machtwort sprechen“).
Dazu noch:
5. Die Moderatorin informiert nicht nur, sondern inszeniert auf sprachgewandte Art die Nachricht, indem sie z.B. eine Metapher ausdehnt und sprachlich bespielt: abgetaucht – stille Wasser – aufgehitzt – abkühlen.
6. Die Moderatorin ist so gut „im Stoff“, dass sie weiß, dass Ministergemüter „erhitzt“ sind und ein Kanzler gar nicht mehr anders kann.

Nach der Anmoderation folgt ein Zusammenschnitt von O-Tönen von Politiker: innen verschiedener (gegensätzlicher) Couleur. Daran schließt an: Ein Interview mit einem der Hauptakteure: Wirtschaftsminister Robert Habeck.  (Die nun folgenden Aussagen von Frau Miosga sind ungekürzte Original-Zitate.

1. Frage: „Noch am Wochenende ist Ihnen Ihr Parteitag – zähneknirschend muss man sagen – gefolgt und hat den Reservebetrieb von 2 AKW beschlossen, und heute nun weist der Kanzler den Leistungsbetrieb von allen 3 AKW an. Was ist das aus Ihrer Sicht? Eine bodenlose Frechheit?“
Die Moderation versucht die vermutete Erhitzung aufrecht zu halten und zu verschärfen. Sie legt die Vorstellung nahe: Ein Alpha-Tier führt endlich. Aber es führt ein anderes Alpha-Tier, das wiederumg sein eigenes Alpha- Dasein vorher bewiesen hat, indem ihm ein Parteitag gefolgt ist. Letzteres müsste empört sein, weil der Schatten eines größeren Alphas auf sein eigenes kleineres fällt.
Herr Habeck erklärt, dass der Kanzler eine verfahrene Situation aufgelöst habe. Er selbst könne mit der Entscheidung leben und werde dafür werben, damit jetzt konstruktiv zu arbeiten.

2. Frage: „Wie stehen Sie jetzt da vor Ihrer Partei? Ist Ihre Autorität nicht beschädigt?“
Der Interviewte ist nach der 1. Frage nicht auf die Verschärfung eingegangen, sondern hat versachlicht. Also steigert die Moderatorin in der zweiten Frage. Sie wiederholt die vorher indirekt geäußerte Vorstellung nun wörtlich, nämlich dass das zweite Alpha-Tier in seiner Führungsrolle beschädigt sei.
Herr Habeck wiederholt seine erste Replik und ergänzt, dass die Zustimmung des Parteitages nicht so zähneknirschend gewesen sei, wie von der Moderatorin behauptet, dass eine frühere Lösung zwar besser gewesen wäre, dass aber die jetzige Lösung immer noch besser sei, als die sehr viel weiter gehenden Vorschläge der politischen Kontrahenten.

3. Frage: „Aber … (Tonfall hörbar unzufrieden, Stimme hoch) …wie stehen Sie jetzt da? Vielleicht sagen Sie ja auch: Pfff, Gott sei Dank, ich bin erleichtert, Olaf Scholz hat mir `n Gefallen getan, weil er hat das jetzt befohlen, was ich nicht wollte. Freunde bei den Grünen, ich kann gar nichts dafür.“
Wieder versucht die Moderatorin die dem Konflikt ihrer Meinung nach innewohnende Erregung zu steigern und aus dem Interview-Partner ‚herauszukitzeln‘, in dem sie erstens dieselbe Frage („Wie stehen sie jetzt da?“) noch einmal stellt. Zweitens macht sie zugleich den gegenteiligen Gedanken auf. Herr Habeck könne froh sein, die Kompromiss-Lösung nicht gegenüber seiner Partei vertreten zu müssen, sondern er könne sich mit der Autorität des Kanzlers „herausreden“. Die Eskalation durch die Moderatorin besteht darin, dass sie den vorher nur imaginierten Autoritäts-Verlust des Interviewpartners nun selbst formuliert. Drittens wechselt sie in die Umgangssprache, als sie in die Ich-Perspektive von Herrn Habeck wechselt. Sie imaginiert damit Vertrautheit mit seiner Gedankenwelt.
Herr Habeck wiederholt erneut seine vorherigen Antworten, und ergänzt, dass angesichts eines bevorstehenden, möglicherweise in energetischer Hinsicht problematischen Winters eine Entscheidung dringend notwendig gewesen sei.

4. Frage: (Die Frage knüpft an bei der Aussage von Herrn Habeck, er könne mit der Entscheidung „arbeiten“.) „Aber (…zum zweiten Mal beginnt eine Folgefrage mit „Aber“…) wie arbeitet Ihre Partei? Denn wir haben den erbosten Jürgen Trittin gerade gehört. Das Ganze ist ja mit einem Kabinettsbeschluss nicht getan, sondern es bedarf der Zustimmung des Bundestages, und andere Kanzler sind mit ihrer Richtlinien-Kompetenz schon mal gescheitert, weil Fraktionen gesagt haben: Nö, da machen wir nicht mit. Ist das im Bereich des Möglichen? Auch diesmal?
Die Moderatorin erkennt, dass Herr Habeck auf die gewünschte Eskalation nicht eingeht. Sie eskaliert, indem sie vermutet, die Partei, die Herr Habeck vertritt, könnte eine Regierungskrise heraufbeschwören. Wieder verwendet die Moderatorin Umgangssprache bei einer Innenperspektive, diesmal derjenigen der Partei: „“, als ob es eine solche gäbe, – überhaupt geben könnte.
Herr Habeck erklärt, dass angesichts der gerade zu bewältigenden Krisen und angesichts der bisher sehr erfolgreichen Arbeit eigentlich keine Regierungskrise entstehen könne.

5. Frage: „Aber (… zum dritten Mal beginnt eine Folgefrage mit „Aber“ …) es ist doch ein bemerkenswerter Vorgang. Gestern haben Sie drei: Sie und Herr Lindner und der Kanzler abends zusammengesessen, sind ohne eine Einigung auseinander gegangen und heute ordnet der Kanzler per Richtlinien-Kompetenz an, wie es zu laufen hat. Ist das ein Zeichen von Macht oder von Ohnmacht? Und zwar in allerletzter Minute.“
Frau Miosga verfolgt die Spur der Konflikt-Verschärfung weiter, indem sie den Begriff „Ohnmacht“ ins Spiel bringt.
Herr Habeck führt aus, dass die AKW-Frage eine sehr aufgeladene Debatte mit langer Geschichte und viel Identitätsstiftung sei. Es sei deshalb zwar nicht hilfreich, aber verständlich, dass eine Einigung nicht möglich war. Die Entscheidung des Kanzlers sei richtig und gut und nun könne man sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden und die erfolgreiche Seite der Regierungsarbeit weiterverfolgen. Das schließe konstruktive Auseinandersetzungen („ich will Schwierigkeiten gar nicht leugnen“) vor dem Hintergrund unterschiedlicher politischer Profile der Parteien ein.

6. Frage: „Ja… (unterbricht, grinst ironisch) …und weil sie so große Dinge (die Moderatorin knüpft bei Herrn Habecks Aussage an, man habe in der Regierung schon große Dinge erreicht…), versteht ja kein Mensch, dass Sie sich so’n überflüssigen Streit leisten. Wieviel Schaden hat das Ganze jetzt angerichtet? Wir stehen vor einer der vielleicht größten Krisen dieses Landes, und die Ampel liefert sich diesen – ja, ich finde: total überflüssigen – Streit, nur um die eigene Partei zufrieden zu stellen, bei der FDP ist es die eigene Klientel. Was, glauben sie, hat das für einen Eindruck gemacht auf die Deutschen?“
Die Moderatorin eskaliert wiederum, indem sie langfristige Schäden imaginiert und die Dramatik einer angesichts von Krisen historischen Ausmaßes handlungsunfähigen Regierung aufruft. Dabei verwendet sie erneut Umgangssprache und bringt ihre persönliche Wertung ins Spiel („[…] ja, ich finde: total überflüssigen Streit […]).
Herr Habeck verkehrt durch Kürze und durch Bestätigen der Moderatorin seine Sachlichkeit in Sarkasmus: „Wahrscheinlich keinen guten. Und genützt hat es auch nichts.“ Mehr sagt er nicht. Ich verstehe das als Versuch, die aus seiner Sicht sinnlose Eskalation auszuhebeln.

7. Frage: „Und was lernen wir jetzt daraus? Wir erinnern uns noch an diesen Beginn der Koalition, da war die Rede von Möglichkeitsräumen (…Anflug von Ironie…), solche Vokabeln gab es da, und einem neuen Politikstil, als die Ampel begann. Was ist davon noch übrig, Herr Habeck?
Nun initiiert die Moderatorin die Vorstellung, dass von der anfänglichen Aufbruchstimmung der Regierung nichts mehr übrig sei. Sie konfrontiert damit ihren Interview-Partner mit der Steigerung von einer einzelnen nicht geglückten Episode zu einer als Ganzes handlungsunfähigen Regierung.
Herr Habeck erklärt, dass von der Aufbruchstimmung noch viel übrig sei, gerade wegen der schon gelungenen Projekte. Diese zählt er in Beispielen auf.

Es folgen noch zwei eher belanglose Fragen und von Herrn Habeck noch einmal eine Aufzählung von gelungenen Projekten.

Ich bin froh, als es endlich vorbei ist. In keiner der Fragen ging es um etwas anderes als um Eskalation., um Konflikt-Zuspitzung und um damit evtl. verbundene Befindlichkeiten. Ich bin genervt. Eigentlich idiotisch. Ich bin doch der mit der Fernbedienung. Ich bestimmte, wie lange ich etwas schaue.
Schon seit Wochen registriere ich immer wieder, dass Moderator: Innen in seriösen Formaten zunehmend genau das pflegen und forcieren, die Eskalation, nicht aber eine Informations-Kultur, der daran gelegen ist, die Sachzusammenhänge, deren Lösung bzw. Gestaltung die Aufgabe von Politik ist, inhaltlich zu klären. Es wird unablässig zugespitzt, forciert, dramatisiert, personalisiert und emotionalisiert. Mich persönlich interessiert – jedenfalls im Zusammenhang mit politischen Fragen – nicht, wie Herrn Habeck zumute ist oder sein könnte. Mich interessiert, welche Vorschläge er und all die anderen haben für die Gestaltung der Zukunft.
Und es werden unablässig Standart-Frames reaktiviert. „Der Kanzler, der sich wegduckt“, „Die aufmüpfigen Grünen“ – wahlweise auch, verknüpft mit heimlicher Häme -: „Die angepassten Grünen“, „Stärke“, „Schwäche“, „Führung“, „mangelnde Entscheidungs-Kraft“, usw.
Die mit der Konflikt-Verschärfung und dem Aufrufen der immergleichen Frames verbundene Arroganz der Moderator: Innen bringt mich auf. In früheren Zeiten nervte mich oft, wenn Reporter: Innen Politiker: Innen mit Unterwerfungs-Haltung  begegneten. Heute nervt mich oft das Gegenteil.

Und ich registriere, dass ich immer weniger weiß, wie ich damit umgehen könnte. Jenseits von unproduktivem Ärger. Außer vielleicht darüber in Ruhe nachzudenken und darüber zu schreiben. Und dabei gleichzeitig zu spüren, wie sinnlos das ist. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Medienkonsumenten lieber ein solches Interview wie das hier besprochene sehen, als diesen Text hier zu lesen, ist groß.
Katzenjammer droht. Vielleicht sollte ich mit mir selbst ein Machtwort sprechen.

Lindenblüte in Strauch

„Oh“, denke ich, „zwei sind schon weiter.“
Dann sehe ich:
Es ist nur eins.
Zugeflogen.

… Heute wiedergefunden … vergessen zu veröffentlichen … wäre doch zu schade …

Shorts Calvin Klein

Bild beweist:

Calvin Klein ist für’n Arsch.

Mezzogiorno

Heimat der Katzen. Auch derer, die sich selbst in den Schwanz beißen.
Die Vermieterin unserer Wohnung zeigt auf den großen brauenen Tank im Garten. Und auf einen Schalter. Sie erklärt, was wir machen müssen. Manchmal stelle die Stadt am Abend das Wasser ab. Bei Wasserknappheit. Dabei eine aus dem Handgelenk wedelnde Bewegung und ein passender Gesichtsausdruck. Beides ist eigentlich immer dabei, wenn man über die Verwaltung oder das Finanzamt oder andere offizielle Stellen spricht. Wie auch immer, …, wenn das Wasser abgestellt sei, sollen wir hier den Schalter drücken, dann bekommen wir das Wasser aus dem Tank. Am nächsten Morgen dann bitte wieder umstellen.
Im Dorf finden sich überall solche Tanks.

Wasssertanks Kalabrien
Diese Tanks füllen sich, wenn das Wasser gerade nicht abgestellt ist.
Mein Synapsen funken: Je mehr Leute tagsüber Wassertanks mit dem nicht abgestellten Wasser füllen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass am Abend … Na ja, wollen wir mal nicht pingelig werden. Sonst reden sie über mich auch mit der entsprechenden Handbewegung und dem passenden Gesichtsausdruck.

Auf der urwaldähnlichen Fläche am Rand eines an den Felsen gebauten Bergdorfes in Kalabrien:
Indische Prunkwinde, Ipomoea Indica.
Eine echte Schönheit.
Die auch ein echtes Luder sein kann: Ihre Samen sind giftig, und wenn sie sich ausbreitet, macht sie anderen Pflanzen vielleicht den Garaus. Richtiges Leben eben.

indische Prunkwinde

Indische Prunkwinde

Indische Prunkwinde Blüte

Ganz einfach kompliziert

„Wie schön das hier ist“, denke ich, als ich am frühen Morgen, noch schlafnebelig, aus dem Fenster schaue, „ganz einfach schön.“ Gerade ist die Sonne über die waldigen Hügel gegenüber gekrochen. Ihr Licht reicht schon, um dem Ocker der rau verputzten alten Hauswände rechts und links neben mir einen orange-gelben Schimmer zu geben. Dem Blau darüber eine zufriedene Tiefe.

Alte Fassaden Morgenlicht

Hinter mir röchelt das kleine, schwere Stahlkännchen auf dem Gasherd.

Espressokocher

Es duftet. Die schwarze Kammerflimmer-Brühe ist fertig. Einen Moment warte ich noch. Genau einen Moment zu lang. Als ich mich umdrehe, hat das Kännchen schon einen Teil des ohnehin spärlichen Espressos neben die Flamme gespuckt. „Ich werde den Umgang mit diesen Geräten nie lernen“, denke ich ein wenig ärgerlich. Und konzentriere mich. Denn ich weiß, dass jetzt auch noch droht, sich an dem Kännchen die Finger zu verbrennen.
„Ja“, denke ich, als ich mit dem ersten Kaffee in der Hand am Geländer der hoch gelegenen kleinen Terrasse den Schwalben zuschaue. Mich daran freue, wie sie irrwitzige Flugfiguren in die Luft federn. Manchmal, wenn sie sich plötzlich seitlich drehen, lässt die Morgensonne ihre weißen Bäuche aufblitzen. Das Haus, in dem unsere Wohnung ist, hängt am Fels. Eng geschmiegt an weitere kleine und größere Häuser neben über und unter ihm. Die Adern dazwischen: stufige Gassen. Der Luftraum zum Tal hin: Das Eldorado der Schwalben. Ebenso die kleinen Hohlräume in den Außenwänden.  Die großen waren einmal Fenster. Von Zimmern, von Häusern, die dann verlassen wurden. Einmal schießt nah vor mir plötzlich eine Schwalbe von unten hoch. Etwa auf meiner Höhe legt sie die Flügel an und schaut unbewegt in eine Richtung. In meine? Kurz bevor ihr Steigen sich wieder in ein Fallen umkehrt, geht ein Ruck durch ihren Körper und sie flattert aufwärts und davon. „Ja“, denke ich, „fangt nur fleißig Mücken! Auf dass ich weniger zerstochen werde. Aber lasst mir bloß die hübschen Schmetterlinge leben!“

Schmetterling fliegt ab

Und die Bienen! Die Wespen? Die Motten?
Ich hole die zweite Portion Espresso aus dem Kännchen. Es steht auf einem kleinen zweiflammigen Gasherd neben der Spüle, eingelassen in eine kleine, gekachelte Arbeitsfläche unter einem spärlich beladenen kleinen Regal neben einer Holzkonstruktion, an der einzelne Utensilien hängen.

Hängebrett Küchenutensilien

Eine Schere, ein Korkenzieher, ein Schneid-Brett, eine Pfanne, ein Topflappen, ein … – was macht der denn hier? … Nussknacker. Meine Weihnachtsirritation verstellt mir ein Weilchen den Blick darauf, dass dies hier nicht immer eine sommerliche Urlaubsbleibe war. Hier haben Menschen ihr Alltagsleben gelebt. Mit genau dieser Holzkonstruktion und genau diesem Regalbrett. Und Weihnachten gefeiert. Und Nüsse auch zu anderen Jahreszeiten geknackt. Romantisches Seufzen innerlich. „Wie wenig man braucht!“
Unsere Urlaubswohnung gehört zu einem „Albergo diffuso“. In ganz Italien gibt es an verschiedenen Orten den Versuch, sterbende Dörfer wiederzubeleben, indem aus den verlassenen Häusern und Wohnungen Hotel-Unterkünfte werden, die sich – nur kleine Gassenwege voneinander entfernt – um ihr Zentrum schmiegen: Das Häuschen vielleicht, das als erstes restauriert wurde. Mit ein paar Souvenirs, einer „Empfangs“-Theke, vielleicht ein paar regionalen Lebensmitteln, vielleicht ein paar Karten und Info-Materialien. Davor in unserem Fall auch eine Piazzetta mit zwei, drei Tischen, an denen man ein kleines Frühstück einnehmen kann. Man ist ja im Hotel. Mit selbst gemachten, gesunden Lebensmitteln. Hier führt über die Piazzetta auch noch eine ausgefallene Brücke, die die Form eines Bootes nachahmt. Sie führt zu einer Dachterrasse mit atemberaubendem Ausblick, auf der man am Abend ein köstliches mehrgängiges Abendessen einnehmen kann.

Eigenwillige Brückenkonstruktion

Multipler Genuss: Die Häuser, die Gassen, die Speisen, der Wein, die Blicke, die Ruhe, die herzliche Innigkeit der „Macher: innen“ von all dem hier.

Dorfgasse Kalabrien

Die Idylle hier ist auch beim zweiten Blick noch perfekt. Die Menschen, die das hier restauriert haben, haben, wann immer möglich, mit den Materialien gearbeitet, die hier waren. Haben alte Böden freigelegt. Haben Kacheln aus dem Schutt geklaubt. Zusammengepuzzelt. Alte Regalbretter auch. Oder aus altem Holz neue gebaut. Gefundenes reanimiert und/oder neu arrangiert. Mit alten, wiederbelebten und jetzt neu wieder gelernten Handwerkstechniken z.B. einen ziemlich ramponierten alten Pizza-Holzfeuer-Ofen restauriert. Oder die Treppe in ‚unserer‘ Wohnung.

Alte Treppe restauriert

Und so sorgsam und nachhaltig, wie sie mit den alten Materialien umgehen, gehen sie auch mit den Lebensmitteln um. Da werden alte Getreidesorten wiederbelebt. Da wird mit den Händen aus eben diesem Getreide Pasta gemacht. Da wird die kalabrische Tomate selbst angebaut, das Olivenöl selbst hergestellt, der Wein, die marmellata. Die Menschen, die das hier erarbeiten haben, erzählen von all dem. Und man spürt die unendlichen Mühen, die es gekostet hat, ebenso, wie die Freude über jedes Gelingen.
„Wie nett die Menschen hier sind“, denke ich auch, als ich auf der Treppen-Gasse vor unserer Wohnung mit zwei älteren Frauen und einer jüngeren ins Gespräch komme, staunend beäugt von den drei Jungs, die sie im Schlepptau haben. Sie bitten mich, ein Gruppen-Foto von ihnen allen zu machen. „Cheaeaease!“ rufen sie und lachen. Anschließend plaudern wir. Es stellt sich heraus: Die zwei Älteren sind Schwestern und lebende Zeuginnen des Dramas, das sich in diesem Dorf abgespielt hat.  Sie erzählen, wie furchtbar es für sie als 9- bzw. 14-jährige war, hier wegzuziehen und in die USA auszuwandern. Dass ihre Eltern ihnen immer wieder erklärt hätten, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hätte. Dass sie es aber nicht hätten glauben wollen und können. Es sei eine tränenreiche Zeit gewesen. Bei ihren Erzählungen streicht ihr Blick liebevoll die Gassen und sich windenden Stufenwege entlang, rechts und links hinauf und hinunter. An den restaurierten Häuserfassaden entlang und genauso an den verfallenden. Alte Zeiten lassen ihre Wangen sich röten. Und lassen sie lachen, als ihnen klar wird, dass sie heute die Stufen und Gassen eher meiden – die Gelenke, you know?! Kicher, kicher! Wir winden uns zwischen zwei Sprachen, wie die Gassen durch die Häuser. Wörter wie brüchige Decken oder Wände. Oder gleich ganz fehlende. Verschlossene Türen, die sich in der anderen Sprache dann doch öffnen. Oder auch nicht.
Eines Morgens, als die Chefin frische Handtücher bringt, spricht sie mich an. Sie habe gehört, ich wollte über das Dorf schreiben. So schnell verbreitet sich also der Gassen-Funk! Die Damen, die ich fotografiert hätte, hätten es ihr erzählt. Sie wolle mir im Auftrag ihres Mannes und ihres Schwagers sagen, dass diese nicht wünschten, dass sie im selben Atemzug genannt würden mit anderen Menschen in dem Dorf, z.B. dem Verwandten, bei dem die Besucher aus den USA jetzt wohnten. Und schon gar nicht mit den wenigen hier noch dauerhaft lebenden Menschen. Man habe bei seinem Projekt keinerlei Unterstützung von den „Ureinwohner: innen“ erhalten. Im Gegenteil. Man sei auch noch belächelt oder gar angefeindet worden. Als sie wieder geht, bleiben wir fragend zurück.
Nach ihrem Auftritt streifen wir anders hier herum. Unser Blick hat sich verändert. Wir sehen noch immer die hübsche, auch derbe, Lauschigkeit der wiederbelebten Teile eines Dörfchens, das einmal als Ganzes belebt war. Aber wir sehen deutlich aufmerksamer ebenso die Wunden, die das Verlassen in die Wohnstätten und in ganze Viertel gebrochen hat. Sehen Verfall. Bruch. Dreck. Verwahrlosung.

Haus im Verfall

Holzstühle im Verfall

Ich fotografiere auch das. Eine Spur zu aufgeregt. Was ich aber erst merke, als ich das Seufzen einer kitschigen „Lost-Place“-Schmonzette im Objektiv höre. Wir sehen auch Häuser, die noch bewohnt sind, aber eben nicht idyllisch restauriert. Sondern mühsam irgendwie bewohnbar gehalten. Die Alu-Haustür z.B., die die schöne alte Haustür abgelöst hat, als die wurmzerfressen war. Und deutlich weniger Pflege braucht. Und leichter reparierbar ist. Wir sehen notdürftig Abgedichtetes, Überdachtes, Geflicktes. Provisorisch Repariertes. Wir schauen an einer alten, nicht aufgehübschten Fassade hoch und sehen gerade noch einen Kopf aus einem Plastik-Fensterrahmen ins Dunkel dahinter verschwinden. Wir registrieren, dass, wenn wir überhaupt jemandem begegnen – meist sehr gebeugt gehenden älteren Menschen – unser vielleicht etwas zu leutselig geflöteter Gruß oft nicht erwidert wird. Wir lernen, dass das in Ordnung ist. Lernen, respektvoller zu grüßen. Und auch respektvoll nicht zu grüßen. Wir werden leiser. Ich fotografiere sogar leiser. Zunehmend gar nicht.
Wie immer, wenn wir irgendwo im Urlaub länger sind, haben wir eine Stammbar. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ‚unsere‘ Stammbar hier genau in der Schnittstelle liegt zwischen dem alten Teil des Dorfes und dem neueren. Die Männer, die vor der Bar auf alten Plastik-Stühlen mit kleinen Schlucken Bier und möglichst wenig Bewegung versuchen, dem Gefühl zu entgehen, in der Hitze selbst auch geschmolzen zu werden: Auch sie erwidern unser Grüßen eher nicht. Selbst der Hund, der hier zum Stamm gehört, interessiert sich nicht für uns. Er gehört allen, werden wir aufgeklärt. Und alle haben ihn „Presidente“ genannt. Also nennen auch wir ihn so. Ein einziges Mal lässt er sich von mir streicheln. Kurz zuvor musste er erleben, wie ein Pinscher-Baby auf dem tätowierten Arm seines Besitzers der männlichen Besatzung der Bar ein zärtliches, beschützendes Betätscheln und Beschwärmen entlockt hat, wie er es wahrscheinlich nie erlebt hat, und wie man es von den Kerlen nun wirklich nicht erwartet hätte.  Er guckt zwischen den Männern immer wieder hoch und bellt. Und wird ignoriert. Irgendwann gibt er auf und legt sich auf einen Stuhl. Meine Chance.

Hund Martin

‚Unsere‘ Bar. Hier sitzen wir regelmäßig. Und immer wieder fangen wir von vorne an, über all das hier zu reden. Über die merkwürdige Schönheit von all dem hier. Die einen anlockt und zugleich wegschubst. Die einen verführt und verstört. Unsere Gespräche verirren sich immer wieder in den Gedankengassen sich garstig widersprechender Überlegungen. Wohnen wir hier gerade inmitten der Gentrifizierung zwei Punkt Null? Restaurierte Armut als Geschäftsmodell? Für wohlhabende Urlauber: innen wie uns? Die ihr schlechtes Gewissen, dass sie hierher geflogen sind, jetzt mit einer ordentlichen Portion Nachhaltigkeit mildern? Oder ist es einfach nur gut, dass für dieses „Hotel“ eben nicht alles neu angeschafft wurde? Was denken wohl die Menschen in unserer Stammbar in der Schnittstelle über ‚unsere‘ Idylle? Finden sie sie albern? ‚Wieso ziehen die im Urlaub in diese Bruchbuden?‘ Finden sie, dass die Hoteliers sich das Zentrum des Dorfes günstig untern Nagel gerissen haben? Dass sie es jetzt nutzen, um sich zu bereichern mit dem Geld spinnerter Öko-Touristen? Der Chef, der uns bei einer gemütlichen „Wir-machen-Pasta-von-Hand-Abendveranstaltung“ mit Hingabe die besondere ursprüngliche Getreidesorte „Senatore Capelli“ erklärt, fährt einen ziemlich wuchtigen, aus 6 Zylindern arrogant fauchenden SUV. Beneiden sie ihn? Und die Menschen, die in ‚unserem‘ Albergo arbeiten: Leben sie in einem der restaurierten Häuser? Nehmen sie die Unbequemlichkeit des wiederbelebten Alten in Kauf? Oder leben sie eher in einem der zwar alten, aber doch irgendwie notdürftig auf dem Stand der Technik gehaltenen anderen Häuser? Oder gleich in einem der neueren, die hier bei der Bar beginnen, und die zu bewohnen, zu heizen, zu putzen deutlich weniger Aufwand bedeutet? Und wenn sich all das hier weiterentwickelt haben wird zu einem Erfolgsmodell, werden sie dann überhaupt hier noch wohnen können? Wenn sich durch die Wiederbelebtheit und die sich ausbreitende „Armuts-Idylle“ die Immobilienpreise so in die Höhe geschraubt haben, dass sie für Menschen, die kellnern, nicht mehr bezahlbar sind?

Die ganze widersprüchliche Vielschichtigkeit verdichtet sich in dem stilisierten Emblem, mit dem der Albergo Diffuso hier wirbt. Darauf die zwei kleinen Felsen-Inseln unten im Meer, das Meer selbst und eine auf halbem Weg zwischen dem Dorf oben im Berg und dem neueren Häuserhaufen unten am Meer stolz sich in den Azurhimmel reckende Säule mit einem großen Kreuz obendrauf.

Säule mit Kreuz über Meer

Sie wird von einer breiten Zufahrt und von liebevoll gepflegtem Park-Gelände geehrt. Tagelang ist es für uns einfach eben ein Kreuz. Zu Ehren irgendeines Heiligen. Oder Marias, der Schutzpatronin der Fischer. Erst nach Tagen schauen wir genauer hin und stellen fest: Es ist ein Monument zu Ehren eines berühmten Mannes, der in ‚unserem‘ Dorf geboren wurde. Er erlangte zweifelhaften Ruhm als einer der Hauptarchitekten des Machtapparates von Mussolini. Die Erkenntnis erschreckt uns. Und zugleich rührt uns beinah die für uns unvorstellbare irgendwie unschuldig anmutende Ungebrochenheit, mit der das Monument ein inniges Bemühen um Nachhaltigkeit und ökologisch verantwortliche Dorf-Entwicklung begleitet.

Balcone Blick aufs Meer

Ein Spielzeug als Skulptur

Die Liebste und ich erkunden den Lungomare. Hier führt er recht weit oberhalb an der Felsenküste entlang. Wir entdecken ein Schild. Es weist auf einen Brunnen hin. Wir schauen uns um. Zu sehen ist nur eine Mischung aus Treppe und Weg abwärts. Ein Brunnen nicht. Er wird wohl irgendwo da unten um die Ecke sein.

Schild Sehenswürdigkeit Briatico Brunnen

Wir stapfen hinab, kommen um die Ecke, sehen den Brunnen und lachen. So spektakulär, wie man es nach dem Schild erwarten würde, ist er nun gerade nicht.

Briatico Marienaltar Brunnen

Im Hintergrund ein kleiner Marienaltar im Felsen. Teil davon ist ein Gebet. Es bittet Maria, die Fischer zu beschützen.
Mein Blick fällt auf die Gischt-umspülten Felsen links daneben. Da ist etwas, das da nicht hingehört. Irgendwie. Ich gehe näher heran, kann es aber immer noch nicht identifizieren. Merkwürdig. Wie aus einer anderen Welt. Ich gehe noch näher und erkenne, was es ist: Ein Spielzeug. In meiner späteren Erinnerung ist es ein kleiner grüner Trecker. Drei, vier Zentimeter groß. Er hat gelbe Räder. Eines ist seitlich abgeknickt. Trotzdem scheint er mir noch fahrtüchtig. Aber er liegt da nicht einfach rum. Angespült. Er thront wie mit großer Sorgfalt aufgestellt mitten auf einem Großkiesel-Sockel. Ich stelle mir einen kleinen Jungen vor. (Natürlich einen Jungen!) Er balanciert zwischen den Felsen, immer in der Gefahr, nass zu werden. In seiner Hand der Trecker. Auf der Suche nach einem geeigneten Stein. Er findet ihn. Und drapiert das Gefährt auf der Mitte der Kuppe. Wie schön es aussieht. Fast ein bisschen stolz. Ein Kunstwerk.
Die Mutter ruft. Sie hat Aufregung in der Stimme. Der Junge muss sofort reagieren. Er will nicht, dass sie Angst hat. Er will aber auch nicht, dass sie sieht, in welch gefährlichen Gefilden er hier herumklettert. Also kraxelt er hoch. Sieht sie. Sie ihn. Sie nehmen sich in den Arm. Sie greift seine Hand. „Komm“, sagt sie, „Papa wartet.“
Die Liebste und ich steigen den „Brunnenweg“ wieder hinauf. Ich nehme mir vor, das Trecker-Kunstwerk morgen zu fotografieren.
Leider zieht sich der Himmel bedrohlich zu. Hoffentlich ist das nur ein harmloser Schauer.
Ist es nicht. Es ist ein ausgewachsenes stürmisches Unwetter. Mehrmals müssen wir im Restaurant den Tisch tiefer unter die Markise ziehen, weil der peitschende Regen unter das Dach geweht wird. Schließlich geben wir auf und ziehen um. „Dall‘ inferno all‘ interno“. Fast zu spät.

Am nächsten Morgen mache ich mich, ausgerüstet mit meinem Fotoapparat, auf den Weg zum Treckerkunstwerk. Nicht besonders zuversichtlich, dass es noch da ist. Im Gegenteil: Ich bin ziemlich sicher, dass der Trecker mindestens vom Sturm weggefegt wurde. Oder von schäumenden Wellen weggespült. Oder beides. Und hoffe trotzdem.

Ich komme um die Ecke, missachte Brunnen und Marienaltar, und sehe schon von Weitem: Der Trecker ist weg. Alles, wie man es erwarten würde. Nichts, was da nicht hingehört. Nichts aus einer anderen Welt. Nur Felsen, die vom inzwischen wieder beruhigten Meer umspült werden.
Fast erstaunt es mich, wie traurig es mich macht.
Ich stehe da und fange an, mich abzufinden.

Felsen am Ufer

Dann eine Idee. Der Wind kam seewärts. Die Wellen stoben zum Ufer. Kann dann nicht eigentlich der Trecker nur irgendwo hier zwischen den Steinen liegen? Er wird doch wohl kaum hinaus auf’s Meer getragen worden sein! Hoffnung keimt auf. Von hier oben sehe ich nichts. Ich muss runter und fange fast gleichzeitig mit dem Gedanken wackelig zu klettern an. Dann besinne ich mich zum Glück. Erst mal den Mann sichern. Dann die Kamera. Konzentriert und langsam balanciere ich. Bleibe stehen. Suche die Zwischenräume ab zwischen den Riesenkieseln um mich herum. Balanciere weiter. Schiebe den Blick wieder nach unten.
Und dann sehe ich ihn. Tatsächlich. Er ist zwischen zwei Felsen gerutscht. Hier hat er den Sturm gut überstanden. Ich schüttele den Kopf und schnaufe ein Lächeln durch die Nase. ‚Mein‘ Trecker ist kein Trecker. Es ist ein Rennwagen. Und er ist nicht grün, sondern lila. Aber es ist ‚mein Trecker‘. Die Räder sind gelb und eines ist seitlich weggeknickt.
Zwei, drei tief gebeugte Extra-Schritte, dann habe ich ihn. Mit der Hingabe des kleinen Jungen drappiere ich ihn wieder auf ‚seinem‘ Felsen. Klettere sogar zweimal wieder hoch, um zu schauen, ob er auch genau da steht, wo er gestern stand. In meiner Erinnerung.

Als ich wieder gehe, strahle ich innerlich. Glücklich darüber, die kleine Trecker-Rennwagen-Skulptur wiederhergestellt haben zu können. Glücklich darüber, mich sinnlosem Tun von größter Bedeutung hingegeben zu haben. Ich mache mich auf den Rückweg. Schnell möchte ich mein Abenteuerchen der Liebsten erzählen.

Spielzeug Rennwagen großer Stein

Heute wird unser Freund Bruno beerdigt.
Wir können nicht dabei sein.
Also wollen wir unsere eigene kleine Trauerfeier für ihn begehen. Zeitgleich mit der zuhause.
In flirrender Hitze gehen wir zu einem Friedhof. Wir möchten diese Atmosphäre. Und hoffen auf eine Bank im Schatten oder eine kühle Kapelle. Wir betreten den Friedhof. Umhüllt von trauriger Schwere. Unser Blick fällt auf eine Familien-Grabstätte.

Grabstätte Familie Bruno
Unmittelbar hören wir beide Brunos liebenswert keckerndes Lachen. In die Runde geworfen mit einem Spruch. Vielleicht wäre es dieser: Da hat’s der Zufall, dieser Halunke, ja wieder mal besonders kitschig inszeniert. Und nur für mich!
Wir finden keine Bank und keine Kapelle. Also setzen wir uns auf eine Stufe vor einer Privat-Kapelle, die hoch genug ist, um Schatten zu spenden. Wir hören die Musik, die seine Frau und sein Sohn für die Trauerfeier ausgesucht haben. Wir schauen auf ein Foto von ihm. Wir halten uns bei den Händen.
Unsere Tränen stauen sich heiß hinter den Augen. Sie wollen nicht hinaus. Als hätten sie Angst, in der Hitze des kalabrischen Sommers ungeweint zu verdampfen. Auch sie ist gestaut. Vor dem ausbleibenden Regen.
Noch lange nach der verklungenen Musik sitzen wir schweigend da. Dann – wie auf eine insgeheime Verabredung hin – stehen wir wortlos auf und schreiten vorsichtig über die Anlage. Erst jetzt finden wir eine öffentliche Kapelle und fantasieren, Bruno hätte uns absichtlich anfangs daran vorbeigelotst. Sie wäre ihm vielleicht zu katholisch gewesen. Vielleicht wollte er uns auch augenzwinkernd die kleine Unbequemlichkeit auf der Stufe zumuten.
Und auch beim Verlassen der Anlage hören wir einen flapsigen Spruch von ihm:

Urnengrab noch leer

„Fertigstellung bei Einzug.“

An seinen Humor zu denken, ist kein Trost. Es ist die Begleitmusik zu unserer Trauer. Und umgekehrt. Einfach so. Nebeneinander. Auch auf dem langen Rückweg. Als wir uns Situationen mit ihm erzählen, an die wir uns erinnern. Heitere und ernste.

Endlich Regen

Die Tropfen haben einen weiten Weg geschafft.
Jetzt erst mal ausruhen.
Jeder auf seine Art.
Und die Sonne lässt sie. Sie hat sich diskret hinter dichte Wolken zurückgezogen.

In the English way

Tropfen in der Reihe auf Grashalm

An der Steilwand

Tropfen auf Sonnenhut-Blatt

Just hangin‘ around

Tropfen hängt an Blütenblatt

Und ein schaulustiges Insekt sieht sich das Schauspiel an.

 

 

 

 

 

 

Pianova Flügel

Ja, es stimmt. 5 Tage lang durfte ich auf vielen wunderbaren Flügeln spielen. Wann immer ich wollte. Auch nachts. Niemand da, den ich hätte stören können.
Einer hat sogar leidenschaftlich versucht, mich zu verführen.

Pianova Bechstein-Flügel

Aber keine Sorge, mein Guter.

Mein Flügel

Ich bleibe Dir treu.
Bis dass mein Tod uns scheidet.
Und irgendwann in fernen Zeiten …

Rest eines Flügels

… sehen wir uns dann wieder.
Ich kümmer mich.
Versprochen.

Am letzten Tag …

1

Hühner Biohof

komme ich an einem Bio-Hühnerhof vorbei. Ein riesige, richtig schöne natürliche Auslauffläche. Sogar mit kleinen Unterständen. Leben wie Huhn in Ostfriesland!
Und alle drängen sich zur Hauswand!?
Wahrscheinlich haben sie den Wetterbericht gesehen.
Wie ich.
Und fürchten Regen.

2

Bushaltestelle, Fahrradständer

entdecke ich die Bushaltestelle und staune. Welche vorausschauende Dorfentwicklungs-Maßnahme! Für die Zeit nach der Verkehrswende. Dann wird der Busfahrplan viel länger sein und dann wird man die neuen Fahrradständer brauchen. Bestimmt.

3

lerne ich doch tatsächlich sogar auch das noch:

Vorsicht!

Letzte Stufe höher

Die letzte Stufe ist einen Tick höher als die anderen davor. Nicht schon wieder stolpern!

Und: Vorsicht!

Handlauf Stütze

Wenn Du runtergehst ins Erdgeschoss, denk dran: An der ersten senkrechten Strebe hast Du Dir schon xmal den Zeigefinger gequetscht, wenn Deine Hand den Handlauf runterrutschen wollte.

1

Eine der Katzen, die hier leben. Sie steht wieder vor der Tür und maunzt. Es ist die, die nicht gestreichelt werden will. Sie fordert Futter.
Beim Rausgehen schiebe ich sie sanft zur Seite. „Du willst ja nur Fressen“, denke ich und ertappe mich bei einer verräterischen Logik: Wer nicht gestreichelt werden will, kriegt auch nix zu fressen.

Wenn ich heute Abend einkaufen gehe, bringe ich ihr eine Dose mit.

2

Gelb blühender Strauch am Ufer eines Moorentwässerungskanals

Es ist noch früh. Drei gelbe Sträucher. Der in der Mitte wird noch warten müssen, bis er leuchten darf.

Spazierweg - Moorentwässerungskanal

Der dritte Tag in Ostfriesland.
Mein täglicher Wanderweg an einem alten Moorentwässerungskanal entlang.
Hier. Jetzt.
Auf der gesamten Strecke kein einziges Teilchen Müll. Keine Kippen, keine Kaugummi-Verpackung, keine bleich gewordene Red-Bull-Dose. Nichts.
Keine Nachrichten, kein Handy, kein Plan.
Nur gehen und gucken.
Sorgen haben und sie ziehen lassen. Glück haben und es halten.
Dann stehen bleiben und gucken.
Dann umkehren. Denselben Weg zurück.
Die Dinge aus der anderen Perspektive sehen.

Wanderweg Moorentwässerungskanal

Auf eine Bank setzen, die mir auf dem Hinweg gar nicht aufgefallen war. Hier liegt doch etwas: Zwei Kronkorken und zwei Kippen. Ich hebe sie auf und werfe sie in den Mülleimer nebenan.
Dann plötzlich ein Brummgeräusch am Himmel. Wahrscheinlich ein Kleinflugzeug. Irgendwie unschuldig. Wie in einem romantischen Kinderfilm. Ich hebe den Blick. Aber ich kann die Maschine nicht entdecken gegen die Sonne. Ich versuche es, bis das Brummen verklingt. Ungesehen lasse ich sie ziehen.
Dann wieder der Kuckuck. Jetzt kann er die kleine Terz. Hat er aber schnell gelernt. Und immer noch H-Moll.
Wer hat gerade gedacht: „War bestimmt ein anderer“ ?

Ginster Ufer Moorentwässerungskanal

Einige Zeit später. Am Ende des Rückwegs: Jetzt darf auch der in der Mitte leuchten.

Altes Boot auf Moorentwässerungskanal

Kleine Brücke über Entwässerungslauf

Blick von einem Schwimmbagger

 

 

Kleine kauzige Morgenmeditation

Schlafzimmer Pianova Großefehn

Ostfriesland. Ein einsamer Hof inmitten idyllischen Niemandslands. Mein Schlafzimmer, dessen Fenster zum Inneren einer Reithalle weisen. Der erste Morgen. Gegen sechs.

Ich werde wach. Von dem Geräusch? Jedenfalls ist es da, als auch die Ohren auf „Tag“ schalten. Eine rhythmische sich immergleich wiederholende melancholische kurze Tonfolge. Aus der Reithalle nebenan.
Ich schließe nochmal die Augen.
Öffne sie wieder.
Höre das Geräusch. Ein Kauz? Ich stutze. Sind das nicht zwei? Ich konzentriere mich darauf. Es stoppt. Wieder schließe ich die Augen. Es fährt fort. Ich höre zu. Ja, es sind zwei. Das eine etwas höher als das andere. Im absolut exakt gleichen Rhythmus. Es klingt harmonisch. Und stoppt wieder. Ich phantasiere: Ein Männchen und ein Weibchen. Heißt es nicht immer, dass das Flöten und Gurren und Singen der Vögel Lockrufe seien, um eine/n Partner:in zu finden? Aber die beiden haben sich doch schon gefunden!?
Ich stehe auf, gehe leise zum Klavier nebenan. Ich will sie nicht aufschrecken. Käuze haben doch gute Ohren? Ich will herausfinden, welche Töne sie singen. Der eine ist ein H, der zweite und dritte – die höhere Stimme – sind das D und das Dis darüber. Natürlich höre ich in dem tieferen Ton das Männchen und in den beiden höheren das Weibchen. Aber wer weiß …
In dem Moment, als ich, wieder zurück, das Schlafzimmer betrete, gehen die Rufe weiter.  Ich bilde mir ein, ich hätte die Beiden mit meinen Klaviertönen dazu animiert.
Das Schweben zwischen großer und kleiner Terz …: Der Blues … Sie müssen einander nicht mehr locken. Sie feiern das Leben, den Morgen, die Wiederkehr des Lichts, den Frühling, die Liebe. Ich halte das für Quatsch und bin zugleich fest davon überzeugt.
Und das sollen nun Rufe sein, die Unheil verkünden, wie es dem Kauz nachgesagt wird?? Wer’s glaubt, wird nölig.
Eine Dreiviertelstunde später sitze ich auf dem Balkon. Schaue auf eine Wiese, auf üppiges Gesträuch, auf Bäume. Hinter der ersten Reihe weiß ich einen kleinen See, sehe ihn aber nicht. Darüber dahinter ein verdunstender Frühmorgen. Hinter den sich langsam lichtenden Morgenwolkenschleiern das sanfte mildorangene erste vorsichtige Gleißen eines zum Außenrand hin ausklingenden Sonnenkreises. Noch unscharf.
Ich höre tiefe Stille, obwohl ich eingehüllt bin von einem Gewimmel von Fiepen, Zirpen, Flöten, Gurren. Auch Rufen und Keckern.
Von rechts hinter über mir nähert sich ein vielstimmiges quakendes Plappern. Ich schaue auf. Ein großer Schwarm von – ich weiß es nicht – Wildgänsen? Wildenten? – zieht diagonal durch mein Blickfeld. Er bildet eine Eins. Die Formation löst sich immer wieder vielflatternd auf und zugleich nicht. Allmählich schiebt die längere Linie über die rundliche Spitze zu einem sanften Bogen, schließlich zu einer Linie und wieder zu einer Eins. Ich folge ihr, bis sie mit den Schlieren der Morgenwolken verschmilzt.
Eine Weile danach ein einzelner größerer Vogel. Er zeichnet die kreuzende Diagonale durch mein Blickfeld. Zielstrebig. Als müsste er wo hin. Der Schwarm nach NO. Der Einzelne nach SO.
Himmlisches Leben.
Einige hundert Kilometer östlich tobt in diesem Moment in der Ukraine weiter unlösbar verzweifeltes Töten.
Sein wildes Schreien. Die zwitschernde Stille.
Das kann nicht zusammen sein. Aber es ist. Und ich mittendrin. Kaum zu haltende Wahrheit.
Ein Flapp-Geräusch. Eine leise Erschütterung. Eine zärtliche Berührung. Eine der Katzen, die hier leben, ist auf die Bank gesprungen und streift an meinem Oberschenkel entlang. Mit sanftem Druck streiche ich fingerspitzig durch ihr Flauschfell.
Ich gehe wieder hinein. Öffne die Tür. Schließe sie hinter mir. Gehe zur Kaffeemaschine. Ziehe die Kaffeekanne unter dem Filterhalter an der Kaffeemaschine weg. Fülle die Tasse. Stelle die Kanne zurück. Gehe zur Tür. Öffne und schließe sie. Gehe zur Bank und setze mich wieder. Und muss grinsen: Ich habe mich die ganze Zeit darauf konzentriert, möglichst wenig Geräusch zu machen. Selbst beim Gehen in Pantoffeln. Dabei könnte ich hier ja niemanden stören.
Doch – mich selbst – und die Stille.
Direkt anschließend beginne ich, dies hier zu schreiben. Wieder im Bett. Jetzt sitzend.  Hier ist es so schön warm. Erst nach dem vorerst letzten Satz höre ich zum ersten Mal heute wieder einen Motor.

Einige Stunden später erzähle ich dem Hofbesitzer ganz begeistert mein frühes Erlebnis mit den Käuzen. Er holt mich grinsend aus meiner morgendlichen halbschlafig spirituell verführten Gutgläubigkeit: „Keine Kauze. Nur ganz ordinäre Tauben.“
Ich höre die Aufnahme von heute Morgen nochmal. Stimmt wohl: Keine Käuze. Und auch keine Blue-Note. Kein Dis. Ein E. Kein Blues. Doppeltes Erwachen.
Schade.
Andererseits aber auch nicht: Keine Unheilsverkündung.

Wieder einige Stunden später höre ich bei einer Wanderung an einem lauschigen Moorentwässerungskanal entlang einen Kuckuck. Wieder stutze ich. Singt der nicht…? – – Nochmal höre ich die Aufnahme. Ja. Er singt dieselben Töne wie die höher singende Taube heute Morgen. Aha. Ich befinde mich also in der H-Moll-Gegend. Und er ist ein noch junger Kuckuck. Er singt einen ordinären Ganztonschritt. E-D. Er muss die Kuckucks-Terz wohl noch lernen.

Heute werde ich keine Nachrichten schauen. Einmal keine Nachrichten schauen.

(Wer die Welt hier erleben möchte, schaue hier: www.pianova-reitakademie.de)

Termine zum Vormerken

Trotzkopfdumm Piano

30.04.2022  ♦  20:00

TROTZKOPFDUMM, Konzert, Lesung, Fotoshow,
Lea-Drüppel-Theater, 45721 Haltern am See, Zanustraße 2

28.05.2022  ♦  20:00,

TROTZKOPFDUMM, Konzert, Lesung, Fotoshow,
KuZ   Erlöserkirche, 45768 Marl, Schachtstraße 104

Laubblatt mit Schatten

02.07. bis 10.08., „Braunes Gefindel“- die Laubfotos, Ausstellung
Atelier Spitthöver, Königstraße 10, 48231 Warendorf

10.07.  ♦  17.07.  ♦  24.07.  ♦  31.07.  ♦  07.08.  ♦  immer Sonntags, jeweils 16:00
Zwei plus Zwei um Vier = Extraportion Kunst
Zwei Songs und zwei Texte live im Rahmen der Ausstellung „Braunes Gefindel“
Dauer: 15-20 Minuten

Das Naheliegende

Irgendwo in
Überall tut Jemand
An seinem Arbeitsplatz
Das Naheliegende. Jenseits
Des Tellerrandes geht unbemerkt
Glühend die Sonne unter.

Und wieder auf. Beleuchtet
Das Naheliegende.

Mit einiger Freude kann ich berichten: Ein Teil dieses Blogs, das Zwischenspiel „Coronagener Lebens-Wandel“ ist soeben als Buch erschienen. Man kann es analog kaufen – mit vorher blättern und anlesen – in Haltern am See im Buchladen „Kortenkamp“ und im Unverpackt-Laden. Aber natürlich ist es auch erhältlich bei allen Online-Buch-Anbietern und beim Verlag selbst: Tredition.

Buchcover Coronagener Lebens-Wandel

„Klappentext: Am 23. März 2020 begann der erste Corona-Lockdown. Einen Tag vorher beginnt das Corona-Tagebuch von Martin Gehrigk. Nachdenklich und humorvoll, bisweilen analytisch reflektierend und poetisch, wagt Martin Gehrigk einen besonderen Blick auf eine besondere Zeit … „

Assist

Ich gebe das Auto ab. Inspektion. Nehme die Schlüssel des Leihwagens in Empfang. Suche das Gefährt auf dem Parkplatz. Komisch, hier steht nirgendwo so ein Kleinwagen, wie er angekündigt war. Also betätige ich den Autoschlüssel mit der Fernsteuerung des Schlosses. Das Auto, das mich mit freundlichem Blinken willkommen heißt, steht schon an der Einfahrt bereit. Es ist alles andere als ein Kleinwagen. Schon beim Einsteigen merke ich: Es ist nagelneu und hat jede Menge Schnickschnack, den ich nicht kenne. Beim Einlegen des Rückwärtsganges öffnet sich auf dem Bildschirm in der Mitte der Armaturenkonsole ein Bild vom Gelände hinter mir. Zwei Linien zeigen mir den Weg an. Sie verändern ihre Biegung je nach Lenkradeinschlag. Ich drehe mich trotzdem lieber um. Altes Misstrauen gegenüber Kamera-Bildern.
Auf der Fahrt möchte ich wie gewohnt den Tempomat einschalten. Finde ihn nicht. Kann auch nicht suchen. Muss ja fahren. Sehe beiläufig einen Schalter mit der Bezeichnung „Assist“. Drücke ihn. Merke keine Veränderung. Der Tempomat jedenfalls funktioniert nicht. Suche weiter. Einen Schalter mit einem stilisierten Tacho oder so. In einem kurzen Moment, in dem ich erneut zwecks Suche den Blick von der Straße nehme, zuckt plötzlich das Lenkrad. Ich erschrecke. Erinnere mich aber wieder. Das hatte ich doch schon mal in einem anderen Leihwagen: Spurhalteassistent.
Irgendwann finde ich doch den Tempomat und gleite vor mich hin ohne dauernd mit dem Fuß die Geschwindigkeit kontrollieren zu müssen. Hänge meinen Gedanken nach. Plötzlich nimmt der Wagen selbstständig Tempo weg. Im Display am unteren Rand der Frontscheibe, das ich jetzt erst bemerke, erscheint ein stilisierter Fahrweg. Sofort begreife ich. Das Auto hält von alleine den gebotenen Abstand zu dem LKW in einiger Entfernung vor mir ein. Ich bin begeistert. Tolles Feature! Sofort tanzen die Gedanken. Wieso ist das eigentlich nicht Pflicht-Bauteil in Autos? Ohne die Möglichkeit, es per „Assist“-Schalter auch wieder zu entriegeln? Oder wenigstens mit einem nervigen Warnton, wenn es nicht eingeschaltet ist. Wie beim Sicherheitsgurt. Stelle mir vor, wie eine Runde hochkarätiger Entwicklungs-Ingenieure, Vorstände, Abteilungsleiter – alle männlich natürlich – besprechen, mit welcher Begründung sie empfehlen, dieses absolut geniale Sicherheits-Tool nicht zur selbstverständlich dauerhaft arbeitenden Schutzfunktion zu machen. Ohne Abschaltmöglichkeit.
Finde keine.
Als ich ansetze, den LKW zu überholen, gibt das Auto selbstständig wieder Gas. Ein längeres Stück gerade Straße liegt vor. Kein Verkehr. Eine gute Gelegenheit mit diesem Spurhalteassistenten zu spielen. Hochgradig unvernünftig, aber jetzt gerade mal einfach zu verlockend. Ich lasse das Lenkrad los. Plötzlich erscheint im Display eine Warnleuchte.

Warnleuchte

Ich stutze. Was soll denn jetzt dieses Bernhardiner-Icon mit Schweinsnase? Gibt es da eine mir unbekannte „Achtung-Hund-im-Kofferraum-ungesichert“-Funktion? Quatsch. Plötzlich durchzuckt mich: Das ist gar kein Hund. Ach du Schreck! Maske vergessen! Während ich noch über mich selber lache, dass es so lange gedauert hat, bis mir klar wurde, dass ich im Auto keine Maske brauche, probiere ich wieder, das Lenkrad loszulassen. Erneut erscheint das Bernhardiner-Icon. Diesmal schaue ich genauer hin. Neben der Warnleuchte steht ein Schriftzug:

Warnhleuchte Lenkrad festhalten

Ich kann es nicht lassen und probiere, die Warnschrift wieder aufleuchten zu lassen. Sie erscheint auch. Aber in einer anderen Farbe und mit leicht anderem Text.

Warum, weiß ich nicht.
Werde ich beobachtet?
Egal – ich spiele weiter. Ob das Lenkrad wohl merkt, wenn ich nur mit einer Hand anfasse? Kurz danach muss ich die Testreihe abbrechen. Ich muss etwas anderes machen. Der Hintern wird bedrohlich heiß. Ich muss die Sitzheizung herunterregeln. Ist wohl noch von meinem Vorgänger. Wer lässt sich denn bitte so den Hintern grillen!? Als ich den Schalter endlich gefunden habe, bin ich da.
Beim Aussteigen male ich mir aus, das Auto würde mich verabschieden. „Tschüss Martin, bis gleich.“ Darüber vergesse ich abzuschließen. Plötzlich höre ich ein Flappen, drehe mich um, sehe wieder das freundliche Blinken. Dabei legen leise surrend die Außenspiegel die Ohren an. Das Auto schließt sich selber ab.
Als ich es am nächsten Tag wieder abgebe, bin ich ein bisschen trist. Diesen ganzen Schnickschnack hätte ich auch gerne. So schnell geht das …

Rückkehr

Und doch ist sie tatsächlich nach Anderland zurückgekehrt. Drei Wochen Sterben zum Leben hin aufgeklart.
Mit friedlichem Gleichmut lässt sie sich vom Pfleger wie eh und je in die Kleidung helfen – dabei der rechte Arm als leicht wippende Dirigentengeste schräg nach oben gestreckt -, lässt sich aufrichten und in den Rollstuhl heben.
Als ich sie frage, ob ich ihr etwas vorlesen soll, schaut sie mich an, lächelt und deutet ein Nicken an.
Immer wieder unterbreche ich kurz, weil sich ihr Kopf  plötzlich von mir weggedreht hat. Dann folge ich eine Zeitlang ihrem Blick in unbekannte Weite.
Und male mir aus, dass sie ihn vielleicht zurückwendet zu dem Zug, in dem sie war. Einfach um nur mal zu schauen, ob er noch da ist.
Mich wird sie dort nicht mehr sehen. Ich bin nicht mehr auf dem Bahnsteig. Ich bin ja hier.

Abschied aus Anderland

Nun wird sie also bald auch Anderland verlassen. Ihr Bett ist schon im Zug. In einem menschenleeren Bahnhof mit nur einem Gleis. Auf dem Bahnsteig: Ich. Ratlos. Fragend. Traurig.
Ich sehe sie an, – dort hinter den von Dunst und Staub eines langen Lebens trüb gewordenen Scheiben. Bin unentschlossen. Nochmal rein zu ihr? Ihr die Hand reichen? Hab keine Angst, ich bin bei dir. Oder lieber am Rand bleiben? Den Zug abfahren lassen? Ihn nicht aufhalten? Manchmal fange ich ihren Blick. Freue mich, wenn ihre Augen in plötzlicher Heiterkeit aufklaren und sanfte Lächelfalten über ihr Gesicht verteilen. Ganz langsam. Auf dass ich ja jede einzelne mitbekäme. Stolpere aus dieser Wonne heraus und merke auf, wenn sie kurz danach plötzlich ihren Kopf abwendet, als fiele ihr etwas ein, dem sie nun ungestört ihre Aufmerksamkeit widmen müsse.
Unablässig brummen Gedankenkreisel mir durchs Gemüt. Ihre Hand nehmen? Ihren Blick wieder zurückholen? Etwas sagen? Ihr etwas erzählen? Gute Laune verbreiten? Meine Trauer zeigen? Im Hintergrund bleiben? Ganz rausgehen? Was wäre jetzt gut, richtig, sinnvoll? Und keine Idee, wonach ich das beurteilen könnte.

Irgendwann erinnere ich mich: Haben wir das nicht trainiert? In all der Zeit, die sie nun schon in der Demenz lebt? Habe ich nicht geübt, das Leben mit ihr zu lassen, wie es ist. Und wie es nicht ist. Nichts zu wollen. Nichts zu müssen. Einfach da zu sein und sie zu beobachten. Und dieses Leben. Und mich.

Und dann sehe ich sie an. Lasse fragende Gedanken, was jetzt richtig wäre zu tun, einfach weiterziehen. Wie beim Meditieren. Sehe kleinste Veränderungen in ihrem Blick. Registriere, wenn ich das Gefühl habe, sie schaute mich an. Oder sie schaute an mir vorbei, um mich herum ins Weite und zugleich nach innen. Nehme meinen ganzen Mut zusammen und höre ihrem Husten zu. An dem ich nichts ändern kann. Und so gerne würde. Von dem ich phantasiere, es müsse sie quälen. Was sie aber gar nicht zum Ausdruck bringt. Sie wirkt eher, als würde sie es hinnehmen, wie man das Leben eben so hinnimmt. Dieses Husten, das gerade allmählich kraftloser wird, abflaut zu einem müder werdenden sanft simmernden Schrundeln ihres Atems, das unablässig den Schleim in ihren Bronchen umwälzt. Dann plötzlich wieder ein Aufbäumen des Hustens, an dessen Ende manchmal ein hellstimmig singendes „Ho, ho, ho, ho“ die Rutschbahn der Erleichterung hinabhüpft. Dann sehe ich sie förmlich vor mir, wie sie die Hände an der vorne zusammengeknuddelten Schürze abtrocknet und anschließend mit einem Handrücken eine Strähne aus der Stirn wischt.

Dies Da-sein, ohne etwas zu wollen, stattdessen meiner Intuition zu vertrauen, schenkt mir manchmal Momente von tiefer Rührung. Einmal hat sie die Augen geschlossen, schläft aber nicht. Sie singt immer wieder einen Ton vor sich hin. Unterbricht ihn bei einem Hustenschub. Wartet nach seinem Ende. Setzt exakt denselben Ton wieder an. Er ist zu mild, um ihn klagend nennen zu können. Er klingt eher wie unbegleitet aus der Litanei des Lebens geschlüpft. Beim dritten Mal singe ich ihn mit. Einfach so. Ich spüre, wie ich die Stimmbänder anspannen und den Atem beisammenhalten muss. Ich habe die Phantasie, dass dieses Zusammenhalten ihren Husten vielleicht noch anschubst. Also singe ich den nächsten Ton tiefer. Mit deutlich mehr Hauchen und deutlich weniger Stimmbandspannung. Und sie macht tatsächlich genau diesen Ton nach! Wieder einen Ton tiefer. Mehr Hauchen. Sie folgt mir wirklich hinab. Am Ende bleibt bei uns beiden nur noch ein Hauchen. Ihr Atem ist flach. Zu flach um das lauernde Husten zu wecken. Tiefe Ruhe breitet sich aus. Auch ihr höre ich zu. Lasse den Gedanken, wie es sich wohl anfühlt, wenn der nächste Atemzug der letzte wäre, einfach weiterziehen. Ich meditiere ja.  Ich muss nichts.

Manchmal hebt sie plötzlich ganz langsam ihren rechten Arm, so weit, bis er leicht federnd schräg von ihr weg in den Raum ragt. Dann schließen sich Daumen und Zeigefinger zu einem Oval. Und das lässt sie langsam kreisen, als würde sie ein Orchester bei einem sehr langsamen, wiegenden Adagio dirigieren. Einmal reiche ich ihr mit einem Löffel Grießbrei. Ganz selten nimmt sie etwas, meistens nicht. In meiner linken Hand der Teller, in meiner rechten Hand der Löffel. Beide Unterarme auf der Bettumrandung. Sie sind zu schwer, um sie bei diesem langwierigen Unterfangen frei hochzuhalten. Wieder bewegt sich ihr rechter Arm aufwärts, beginnt sein Dirigat. Und während ich ein weiteres Mal den Löffel auf ihren Mund zu bewege, sehe ich im Augenwinkel, wie sich plötzlich der Arm auf meinen Kopf zu bewegt. Wie von selbst kommt mein Kopf ihr entgegen. Mit eigentlich kaum möglicher Entschlossenheit schnappen plötzlich Daumen und Zeigefinger meine Nase. Knabbern an ihr herum. Unwillkürlich muss ich lauthals lachen. Wieder verteilen ihre Augen dieses sonnige Lächeln über ihr Gesicht.

Ein weiteres Mal sind – schlaflos – ihre Lider geschlossen. Ihr Mund zermalt die Trockenheit. Ich bewege trotz der geschlossenen Lider den Trinkbecher auf ihren Mund zu. Und wirklich: Er öffnet sich wie auf ein geheimes Signal hin ganz kurz, bevor der Becher die Lippen berührt. Obwohl sie doch eigentlich gar nicht wissen kann, dass der Becher jetzt da ist. Lässt den Schnabel der Tasse hinein, umschließt ihn und signalisiert mit einer minimalen Bewegung im Mundwinkel, dass ich ihn wieder herausnehmen kann. Ein filigranes Zusammenspiel von Geben und Nehmen. Ohne Aufwand. Ohne Plan. Wie ein Regentropfen, der von einem Blatt gleitet, am Stamm entlang. Immer weiter. Bis zu der Stelle, wo eine Wurzel ihn vielleicht gerade braucht.

Zum Abschied verneige ich mich immer. Buchstäblich. Mag sie es – vielleicht mit einer kleinen Genugtuung – nehmen als den freundlichen Diener eines wohlerzogenen Jungen.

Dann sage ich „Tschüss. Hab einen guten Schlaf.“
„Bis morgen“, sage ich nicht.
Obwohl ich insgeheim hoffe, dass ihr Zug auch morgen noch auf dem Gleis steht.

Wir müssen reden

Kann man jetzt – BITTE!! – mal aufhören zu schreiben oder zu sagen: „Die Ungeimpften“. Das hört sich an wie der matschmuskelige Titel eines Comedy-Musicals. Nur dass es nicht um ein Unterhaltungsevent mit Fun-Garantie geht, sondern um wirkliche Menschen in unserer wirklichen Welt, der wirklichen Umgebung einer/s Jeden von uns.
Bitte noch dringender aufhören mit: „Die Impf-Verweigerer“. Oder: „Die Impf-Gegner.“
Alle diese Bezeichnungen tragen in sich die Selbstverständlichkeit einer Pflicht, deren „Verletzung“ allein schon Verwerflichkeit atmet. So wird etwas unter der Hand zu einklagbarem staatskonformem Verhalten erklärt, was noch gar kein Gesetz ist, als würden diese Begriffe im Vorgriff auf eine gewünschte Zukunft ein Gesetz vorab kreieren.
Wenn ich mich frage, warum das für mich so schwer zu ertragen ist, finde ich keine einfache Antwort. Ich registriere die diesen Begriffen innewohnende Spaltung. Hier die Vernünftigen, die Verantwortungsvollen. Dort die, die sich dagegen wehren. Beides falsch. Weder sind die, die sich impfen lassen, per se vernünftig, noch sind die, die sich nicht impfen lassen, per se rebellisch. Nicht einmal gibt es in der wirklichen Wirklichkeit diese „Gegner“-Gruppen überhaupt in scharfer Abgrenzung voneinander. Ich unterstelle, dass die meisten Menschen, die sich gerade mit der Frage beschäftigen, ob sie sich impfen lassen oder nicht, von ähnlichen Fragen, Sorgen, Wünschen, Unsicherheiten angeschoben werden. Dabei lasse ich die Lautsprecher*innen außen vor. Sie sind für eine konstruktive Debatte unwichtig.
Ich kenne die Gründe, weshalb ich mich habe impfen lassen. Und ich weiß, welche Zweifel mich dabei begleitet haben. Auch kenne ich von einzelnen Menschen – und sie sind alle keine Spinner*innen – die Gründe, weshalb sie sich im Moment nicht impfen lassen.
Wenn sie schon in die Spaltung hineineskaliert sind, bemühen beide Gruppen gerne den Begriff der Freiheit. Großes Geschütz!
Da wird eine gewöhnliche Kuh schnell mal heiliggesprochen, dann auf zu dünnes Eis gezerrt, und die anderen sind dann schuld, wenn die Misere auffällt.

Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, wird mit zunehmender Schärfe entgegengehalten, die Freiheit, die sie sich nähmen, sei zwar im Prinzip grundgesetzlich gesichert, würde aber in Frage gestellt dadurch, dass sie mit ihrer persönlichen Freiheit die Freiheit einer großen Mehrheit anderer – der Geimpften – beschränken würden.  Dieses Gedankengebäude, das so zwingend rational erscheint, wird rissig, wenn man es auf andere Bereiche freiheitlichen Verhaltens überträgt. Unser aller tägliches ‚freiheitliches‘ Konsumverhalten schränkt ganz automatisch und selbstverständlich die Freiheiten von Millionen anderer Menschen ein. Jedes Smartphone, das ich kaufe, schränkt ein die Freiheit von Tausenden von Menschen – oft genug Kindern – , die das für den Akku notwendige Kobalt z.B. in der „demokratischen“ Republik Kongo z.B in dubiosen Minen, die im Besitz von dubiosen Geschäftsleuten sind, mit einfachsten Handpickeln  von den Wänden kratzen und mit bloßen Händen aus den abgebrochenen Geröllmassen herausklauben, schlecht bis gar nicht gesichert, gekrümmt und in dauerndem Körperkontakt mit einem potentiell gesundheitsgefährdenden Stoff und mit einer Bezahlung von weniger als dem Mindestlohn, der im Kongo ohnehin lächerlich klein ist. Nutznießer dieses „Deals“ ist ein korruptes Regime, das sich mit Gewalt an der Macht hält.
Wenn wir in Bangladesch produzierte Kleidung kaufen, – wessen Freiheit schränken wir ein?
Wessen Freiheit, wenn wir tanken?
Wessen Freiheit, wenn wir Fleisch aus Massentierhaltung essen?
Wessen Freiheit, wenn wir zulassen, dass unsere Kinder in maroden Schulen unterrichtet werden und dass in diesen Zeiten womöglich für genau diese Schulen kleinliche Diskussionen geführt werden müssen, ob sie ein Luftfilter-Gerät anschaffen dürfen oder nicht? Während wir gleichzeitig zulassen, dass ein Autokonzern für das Corona-Jahr 2020, in dem er 5 Milliarden Euro (=5 000 000 000 €) Gewinn erwirtschaftet hat, Hunderte Millionen staatliches Kurzarbeitsgeld erhält und gleichzeitig seinen beiden Hauptaktionären (1 Mann, 1 Frau) rund 770 Millionen € Dividende bezahlt?
Wessen Freiheit, wenn wir darauf bestehen, wie gewöhnlich weiter zu konsumieren, zu bauen und Flächen zu verbrauchen, um sie zu versiegeln?
Die Freiheit zum Beispiel der 62 Millionen Menschen, die in den 52 Insel-Staaten leben, die durch den Klimawandel nur noch begrenzt bewohnbar sein werden, wenn sie nicht gar ganz verschwinden?
Und wir wollen uns dann beschweren, dass Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, unsere Freiheit einschränken? Nicht sehr glaubwürdig. Im Einschränken der Freiheit anderer haben wir alle eine Menge „Erfahrung“.

Und umgekehrt. In der eskalierten Debatte finden sich Menschen, die sich nicht impfen lassen, plötzlich wieder in Gedankenketten, mit Hilfe derer sie die Gefahren und Bedrohungen, die mit der Pandemie eingehergehen, vor sich selbst und anderen kleinargumentieren können, weil sie in der aufgeheizten Debatte glauben, es zu müssen. Es habe keine besonders große Übersterblichkeit gegeben. Die tatsächlich besonders bedrohte Bevölkerungsgruppe (Menschen über 75) könne man doch auch anders schützen. Der Impfstoff sei ja nun mal neu und noch nicht Langzeit-getestet. Das Impfrisiko sei also nicht seriös abschätzbar. Unser Immunsystem habe gar keine ausreichende Gelegenheit bekommen, die Bekämpfung dieses neuen Virus zu lernen. Und viele weitere ähnliche Denk-Muster mehr. Die Widersprüchlichkeiten, die politische Entscheider*innen beinahe zwangsläufig tagtäglich produzieren, kann man dann noch also weiteres Argument gegen das Impfen hinten anfügen. Und schließlich kann man die oft klug begründeten skeptischen Einlassungen hochdekorierter Fachleute bemühen, um den Promi-Status-Fachleuten der sogenannten Mainstream-Medien ebenso gewichtige Persönlichkeiten entgegenzusetzen.
Wenn bei meinen bisweilen ausufernden Recherchen in den letzten 21 Monaten eines herausgekommen ist, dann dies: Keine der beiden Denkrichtungen kann widerspruchslos schlüssig zu Ende argumentieren, weshalb welche Entscheidung richtig sei.

Was man aber versuchen kann ist, sich menschenfreundliche Rationalität zu bewahren. (Was in der Umhüllung durch ausuferndes mediales Getöse allerdings nicht einfach, bisweilen gar unmöglich ist.) Eine solche Art von Rationalität hat mich persönlich dazu geführt, dass ich mich habe impfen und jetzt auch boostern lassen. Sie hat dazu geführt, dass ich mit einiger Überzeugung die empfohlenen Verhaltensregeln einhalte. Sie hat dazu geführt, dass ich lange Zeit Veröffentlichungen über die Bewertung der sogenannten „Corona-Maßnahmen“ hinterherrecherchiert habe, solange, bis sie dazu geführt hat, genau das grundsätzlich nicht mehr zu machen. Sie hat aber eben auch dazu geführt, dass ich nach 4 Wochen Lockdown im Frühjahr 2020 zu der Erkenntnis gelangt bin, so nicht leben zu wollen. Im Einverständnis mit meinen Kindern, meinen Enkeln und meinen engsten Freunden ein erhöhtes Risiko mit ihnen zusammen wieder eingegangen bin, um sie sehen, sie anfassen, sie umarmen, mit ihnen spielen, plaudern, reden, diskutieren zu können. Ergebnis rationaler Abwägung für mich, für uns. Ja, ich nenne das „Rationalität“, obwohl da eine Menge Gefühl im Spiel war. Denn zur menschlichen Rationalität gehört mehr als „nur“ die Logik des Infektionsgeschehens bzw. der Notwendigkeit, es einschränken zu müssen. Mehr als die Zahlen, mit denen wir das Infektionsgeschehen und seine Auswirkungen beschreiben und prognostizieren. Mehr als die Zahlen, die uns – diese kleine Polemik sei erlaubt – womöglich in gar nicht so ferner Zeit nahelegen, uns einmal im Monat boostern zu lassen.

Und zu dieser Rationalität gehört – finde ich – auch, sich nicht gegenseitig auf zu dünnem Eis stehende heilige Kühe vorzuführen, sondern sich darüber zu verständigen, wie zutiefst verunsichert wir alle sind, mit welchen Absurditäten wir alle kämpfen, zu welchen Entscheidungen wir auf Grund welcher Abwägungen kommen und von welchen Zweifeln sie begleitet sind.

Wenn ich diese Art von Rationalität zu Rate ziehe, kann ich einer Impflicht, obwohl ich selbst geimpft bin, nicht zustimmen.
4 Gründe.

  1. Inzwischen sagen eigentlich alle Fachleute – auch die, die für eine Impfpflicht sind -, dass die Herdenimmunität, von der am Anfang der Pandemie noch die Rede war, und von der man damals überzeugt war, sie mittels Impfung zu erreichen, nicht erreichbar ist. Einfach deshalb, weil auch Menschen, die geimpft sind, weiterhin in durchaus großer Zahl ansteckend zur Verbreitung des Virus beitragen können. Ein wesentlicher der Impfung zugesprochener Effekt wird sich nicht einstellen, – auch nicht mit einer Pflicht. Kann man dann trotzdem noch eine so einschneidende Maßnahme rechtfertigen?
  2. Der Anteil derer, die sich nicht haben impfen lassen (wollen oder müssen), ist größer, als vor und zu Beginn der Impfungen gedacht. Die Gründe dafür sind meiner Meinung nach nicht genug erfasst und in gezielte Adressaten-genau konfigurierte Impfkampagnen umgesetzt worden. Das mindestens müsste vor der „Keule“ einer Pflicht geschehen. Die Gründe, weshalb Menschen sich nicht impfen lassen, sind so vielfältig wie die Gesellschaft eben ist. Sie reichen von tief verankerten professionell und rational entwickelten Überlegungen und Überzeugungen über unzählige Erscheinungsformen bis hin zu ebenso tief verankerter Unentschlossenheit als durchgehendes Lebensmotiv. Ich kann nicht erkennen, dass es in großem Stil Anstrengungen gegeben hat, die Menschen, die nicht geimpft werden möchten, persönlich in ihrem Lebens- und Gedanken-Umfeld zu erreichen.
  3. Seit die Argumente der Herdenimmunität und die Phantasie, die Pandemie mithilfe des Impfens „zu besiegen“ auch in der öffentlichen Debatte mangels Schlüssigkeit nicht mehr oft zu hören sind, hört man umso öfter das Argument, dass den Intensivstationen und den Menschen, die dort arbeiten, Überlastung drohe. Manchmal wird gar von einer Überlastung gleich des gesamten Gesundheitssystems gewarnt. Letzteres können wir wohl getrost ignorieren. Die drohende Überlastung der Intensivstationen aber ist in der Tat beunruhigend. Eine angemessene rationale Reaktion darauf wäre – und das mag jetzt viel zu simpel klingen – die Kapazitäten zu erhöhen. Indem man neue schafft bzw. die Auslastung der Intensivstationen überregional managt. Und zwar nicht erst dann, wenn man gezwungen ist, begleitet von dem üblichen medialen Tam-Tam, schwerkranke Menschen mit einem respekteinflößend und bildgewaltig voluminösen Bundeswehrflugzeug durchs Land zu fliegen. Den Einwand, dass so viele Pflegekräfte abgewandert wären, lasse ich nicht gelten. Auch dafür gibt es Gründe, die man bearbeiten kann. Auch hier gilt, meine ich: Solange das nicht sichtbar und mit – auch finanziellem – Engagement geschehen ist, wäre eine Impfpflicht unangemessen.
  4. Eine Impfpflicht wird aus ihrer Perspektive denen Recht geben, die jetzt laut und mit bisweilen nur noch schwer hinnehmbarer Sprache und kaum oder gar nicht akzeptablem Handeln gegen Corona-Maßnahmen protestieren. Sie werden in ihrer Haltung gefestigt. Diejenigen, die ihnen nahestehen, werden ein weiteres Argument bekommen, noch näher an sie heran zu rücken.

Die Menschen, die bezweifeln, dass es diese Pandemie überhaupt gibt, werden schwer von etwas anderem zu überzeugen sein. Ebenso wenig die Menschen, die dieses Thema benutzen, um nationalsozialistische Ideologie nach vorne zu bringen.      Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil dieser Menschen an der Gesamtbevölkerung ist. Vielleicht 10%? Ich denke, eher weniger.

Alle anderen halte ich für erreichbar. Allen anderen unterstelle ich, dass auch sie, wie ich selbst, in ihrem Leben versuchen, sich eine Rationalität zu bewahren in dem Maß, wie es ihnen eben möglich ist. Was nichts anderes heißt, als Dinge, die für ein Begrenzen der Infektionsdynamik notwendig sind oder scheinen, in Einklang zu bringen mit persönlichen Haltungen, Grundausrichtungen, Überzeugungen, Ängsten, Unsicherheiten.   Da gilt es anzusetzen. Wir müssen eben reden. In privaten wie in politischen Räumen. Und erst, wenn die dabei gepflegte Kultur erkennbar nicht reicht, können und sollten wir alle zusammen über Impfpflicht diskutieren.

Alles das wird durch solche Begriffe wie „die Ungeimpften“ oder „die Impfverweigerer“ verdampft. Wenn wir feststellen, dass das, was wir tun, nicht reicht, ist dann nicht die rationalste Schlussfolgerung, mehr zu tun und vielleicht anderes? Anstatt sich von der scheinbar einfacheren Lösung einer verpflichtenden Verfügung verführen lassen?

November

Weiter unten stellt man fest: So trist ist er gar nicht, wie er am Himmel behauptet.

Novemberhimmel mit Vögeln
Herbstblatt vor grauem Himmel
Grüne Hecke gelbbraunes Laub
Grüne Hecke Herbstlaub
Terasse im Herbst

Die Wahl ist vorbei.
(Soll man sagen: Endlich?)

Na dann: … machen, machen, machen

Grafik FDP-Style

Umsiedlung

Lebend gefangene Ratte

Wir werden einen kleinen Ausflug machen. Ich weiß nur noch nicht, wohin. Zu Mc Donalds? Oder zu einem schönen neuen Schottergarten? Oder zur Autobahnraststätte?

Im Auto hören wir einen Bericht aus Zwickau. Dort hing ein grünes Plakat der rechsradikalen Vereinigung  „der dritte Weg“ mit einer großen Headline: „Hängt die Grünen“. (Darunter, so lese ich später bei der Recherche zu diesem Text, sehr viel kleiner eine Erklärung, aus der hervorgehen könnte, dass mit dem Spruch die – eben grünen – Plakate gemeint sein könnten. Wenn diese Nazis nicht so dumpf wären, könnte man es clever nennen.)
Der kleine Nager und ich erfahren, dass die Bürgermeisterin von Zwickau dafür gesorgt habe, dass die Plakate abgehängt wurden. Die Staatsanwaltschaft Zwickau aber sehe im Gegenteil keinen Anlass, dass die Plakate entfernt werden müssten. Das Verwaltungsgericht Chemnitz habe das in einer Eilentscheidung bestätigt, zusätzlich aber verfügt, dass diese Plakate mindestens 100 Meter entfernt von der sonstigen Wahlwerbung hängen müssten.
‚Schade, dass ich kein Kabarettist bin‘, denke ich.

Hm, – Verwaltungsgericht Chemnitz,  – wäre das nicht auch eine gute Adresse für meine/n kleine/n Beifahrer:in.
Aber Chemnitz wäre nun wirklich zu weit. Außerdem möchte ich  dem süßen Kleinen das nun wirklich nicht antun.

In einem Waldstück hinter der Raststätte lasse ich ihn frei. Neben den Käfig habe ich vor dem Öffnen noch ein bisschen Käse gelegt. Vielleicht hat er ja Lust, seine Freilassung mit einem kleinen Freudenmahl zu feiern. (Und ich kann ihn zum Abschied nochmal fotografieren.)
Während ich an der Klappe herumnestel, fiept er wieder. In seiner Welt sind es wahrscheinlich Schreie, denke ich. Als Klage? Aus Angst? Aus Zorn?

Als er entdeckt, dass die Klappe wieder auf ist, ist er, schneller als ich gucken kann, ins Gestrüpp gejagt. Keine Freudenmahlzeit. Kein Abschiedsfoto. Kein neuer Laut. Den ich Romantiker zu einem Freudenschrei interpretieren könnte. Nur noch ein wenig Geraschel.

Download

Christian Lindner Wahlplakat 2021

Eine geradezu werthereske Szene von berührender Intimität.

Ein Mann. Des Nachts. An einem Schreibtisch.
Sein Blick ist ernst, fast schwermütig.
Das müde Licht – wie von einer Kerze – erhellt kaum das gefaltete Blatt Papier, das er von Hand beschreibt und dem sich sein welker Blick zuwendet.
Sein Körper biegt sich unter der Last, die seine Seele trägt.

Liebe Claudia
Christian Lindners Brief
Christian Lindners Brief
Christian Lindners Brief
Christian Lindners Brief

 

Kanzler-Schimäre

Jetzt also Armin Laschet, der da im Häme-Schauer steht. Ohne Schirm.
Ein mächtiges Bild: Der Kanzlerkandidat, der im eigens beschafften schicken Regelmantel inmitten der Reste einer zutiefst bedrückenden Katastrophe zwei, drei um ihn herumstehenden Männern beim rotwangigen Kichern die Zungenspitze keck aus dem Lachgesicht entgegenstreckt, während vor ihm der Bundespräsident mit ernster Miene sein tiefes Mitgefühl ausspricht.
In meiner Geschichte gibt es auch solche Momente, die sich als fauliger Erinnerungssud ins Gemüt senken und ein Leben lang, wenn die Verdrängungsdecke wieder mal durch irgendeinen Anlass aufgebrochen wird und ihren ekeligen Dunst ins Bewusstsein aufsteigen lässt, kaum erträglich wundes Schämen aufquellen lassen.
Ich fühle Scham. Weil ich es kenne. Solche Momente. Sogar das hilflose Entschuldigen, das keines ist, sondern nur die Qual des Erinnerns kleiner machen soll, kenne ich.
Wie so vieles andere, das ich bei Armin Laschet beobachte. Den merkwürdigen Gegensatz zwischen Handeln und öffentlichem Reden zum Beispiel. Hier die zölibatäre Zögerlichkeit, die sich nicht in die Wildnis des Entscheidens stürzen möchte. Dort der verbal versuchte und dann doch irgendwie nicht gelingen wollende, gerne mit geballten Fäusten unterstützte, Eindruck der Tatkraft. Er sagt „Ich werde entschlossen kämpfen“. Und im selben Moment sehe ich den etwas zu klein geratenen, fleißigen und braven Schüler, der ganz überrascht ist, dass er zum Klassensprecher gewählt wurde und sich fortan immer freut, wenn er bei den Großen mitspielen darf.
All das kenne ich. Er könnte mir nah sein.

Vor ihm war es Anna Lena Baerbock, die ‚gejagt‘ wurde. Auch ihre ‚Vergehen‘ kenne ich. Auch sie könnte mir nah sein. Auch ich habe hier und da mal meinen Lebenslauf geschönt. Unfeine Details weggelassen. Punkte ein klein wenig größer gemacht, auf dass sie Pluspunkte würden. Einnahmen verschwiegen, wo ich sie hätte aufdecken sollen. Anleihen bei den Gedanken anderer als eigene leben lassen. Selbst das kenne ich: Eine Spur zu schnell reden, eilig Kerngedanken hintereinander reihend, wenn ich das Gefühl habe, nicht die Zeit zu haben, in Ruhe Dinge zu erklären. Inklusive der Details, die ich noch nicht so ganz verstehe. Aus dem selbst auferlegten Druck, wissend erscheinen zu müssen. Und auch aus Sorge, ich könnte mir selber Stolpersteine des Denkens vor die Füße legen, auf die mich meine Gesprächspartner dann aufmerksam machen, damit genau das passiert: Stolpern. Das Ganze mit einem ganz leicht nach hinten oben verrutschten Stimmsitz, der verrät: Hier spricht eine, die sich nicht die Zeit nehmen kann, ihre Gedanken in ein stimmiges Verhältnis zu ihren Worten zu bringen.
‚Die Kleine kann es nicht‘ versuchen die Platzhirsche – alles Männer – hinauszuposaunen, ohne dass man die Posaune sieht. Die Lindners, die Klebers. Ihnen folgend die Platzhirsche des Alltags an Stehtischen, in Grillrunden, beim Bier nach dem Sport, – manchmal gar ein kleiner grüner Platzhirsch.

„Die  Kleine kann es nicht“ vermittelt auch der dritte Kandidat: Herr Scholz. Ihn aber kenne ich nicht. Beim Versuch ihn wahrzunehmen, entgleitet er. Verschwindet und steht gleichzeitig doch da. Unumstößlich. Fest. Autoritär mit lässiger Geste. Das kenne ich nicht. Höchstens den leidenden, weil unerfüllbaren, Wunsch, auch so zu sein. Wenn ich wieder mal nicht einfach ich sein kann. Dabei hat er auch einiges zu bieten, was dazu taugen würde, ihn – im Regen stehend – medial zu Schau zu stellen. Immerhin gibt es weiterhin gute Gründe zumindest einmal anzunehmen, dass er als Hamburger Bürgermeister eine Rolle spielte dabei, dass das Finanzamt Hamburg der „Warburg Bank“ 47 Millionen Euro Steuerschuld erließ. Und weitere 43 Millionen Euro verjähren lassen wollte. Steuerschuld aus Cum-Ex-Geschäften. Zudem ist er als Bundesfinanzminister zumindest systemisch mitverantwortlich für das, was sich im Stichwort „Wirecard“ an inzwischen bewiesenem milliardenschwerem Betrug verbirgt. Ich finde nur eine Erklärung. Seinem Image schadet es nicht, eben weil er als Mensch nicht erkennbar ist. Und dadurch möglich macht, dass Wähler:innen in ihn hineinprojizieren können, wonach sie sich sehnen: Lösung von Problemen, ohne dass sie selbst mit Veränderung belästigt werden.
Wenn er im Interview auf die Cum-Ex-Geschäfte der Hamburger „Warburg-Bank“, angesprochen wird, sagt er nicht einmal nichts. Und das mit nonchalanter Ironie. Selbst bei hartnäckigen Nachfragen.
Er offenbart sich. Als Kanzler-Schimäre.

Scholz Gesichtsausdruck Ironie

Für mich ist das zum Glück unerheblich. Meine Wahl ist einfach. Ich wähle die Kandidatin der Grünen. Ich habe einfach keine Lust mehr auf die alten Säcke.
Ich weiß nicht, ob weil, oder obwohl ich selber einer bin.

P.S.: Kanzler:in kann man nicht können. Auch Herr Scholz nicht. Man kann es nur lernen. Wie, das konnten wir 16 Jahre lang an einer Frau studieren, die zu Anfang „ihrer Ära“ vom damaligen Kanzler mit scheinbar wohlwollender großväterlicher Herrschaftsattitüde noch „mein Mädchen“ genannt wurde.

Assisi Von oben

Assisi Müllwagen auf Piazza del Commune
Assisi Frau auf Piazza del Commune


Vielleicht

Assisi. Es ist noch vor 7 am Morgen.

Noch zeichnet die milde Morgensonne mit feinem Strich und zarten Farben Konturen in die Mauern. Noch ist die Stadt schön wie ein geliebter Mensch, der nach dem ersten Pinkeln sich den Weg zur Kaffemaschine ertastet. Vorbei an der Zeitung von gestern und der achtlos über den Stuhl geworfenen Jacke. Sie sind genauso nachtfaltig wie er.
Noch hat die Sonne die Menschen, die hier unterwegs sind, nicht in Form und Funktion gegleißt. Noch dauert es bis zur Fütterung im Sankt-Franziskus-Freigehege. Noch glitzert Morgentau am frischen Grün. Weiß-Rot-Grün.
Noch sprechen die Kellner:innen Italienisch. Noch verstehen wir sie kaum. Fühlen uns auf angenehme Weise scheu und fremd. Schnappen hier und da etwas auf. Verstehen vielleicht.
Noch gehört die Stadt denen, die hier leben, vielleicht arbeiten, vielleicht nicht, vielleicht gerade glücklich sind, vielleicht nicht.

Bevor wir unseren Streifzug beginnen, wollen wir in der einzigen Bar, die hier im Stadtzentrum schon aufhat, Kaffee und Cornetto nehmen. Ich gehe hinein, um die Sachen zu ordern und nach draußen mitzunehmen. Hinter der Theke eine junge Frau im schwarzen T-Shirt mit dem Logo der Bar. Sie trägt dazu passend – wie könnte es anders sein in Italien – eine schwarze Maske, – mit dem Logo der Bar. Vor der Theke zwei Männer. Einer jung. Einer mittelalt. Beide in der Arbeitskleidung der Müllwerker:innen, die gerade durch die noch schläfrige Stadt wuseln. Der junge Mann trägt eine Maske. Der ältere nicht. Letzterer palavert und rudert dabei mit den Armen. Die Zahl der Wörter und Sätze, die ich verstehe, ist spärlich. Aber aus den wenigen, die ich im Zusammenspiel mit Gesten verstehe (spitzer Finger piekst Oberarm), schließe ich: Es geht ums Impfen. Vielleicht will er sich nicht impfen lassen. Vielleicht sieht er gerade auch gar nicht ein, dass er eine Maske tragen soll. Der Blick des Jüngeren geht ins Leere. Vielleicht hat er keine Lust, sich das kreisende Gerede des Älteren anzuhören, will aber auch nicht intervenieren, um es sich nicht mit seinem Arbeitskollegen zu verderben. Die Frau hinter der Theke hat beide Handflächen entspannt auf der Theke abgelegt und steht leicht vorgebeugt. Vielleicht wartet sie auf eine kleine Vortragspause, um dann ihrerseits etwas zu sagen. Und tatsächlich. Plötzlich streckt sie sich und grätscht in den Vortrag des Älteren, Maskenlosen. Vielleicht sagt sie zu ihm: Du kannst meinetwegen über Maske und Impfen denken, was Du willst, aber hier in der Bar haben wir uns an eindeutige Regeln zu halten. Also entweder setzt Du jetzt deine „maledetta mascherina“ auf oder du gehst. Schwungvoll zeigt Ihr linker Arm, in welcher Richtung sich der Ausgang befindet. Ihre Augenbrauen sind leicht hochgezogen. Sie ist gespannt. Der Mann stöhnt, sackt ein bisschen in sich zusammen und fängt an, in den unendlichen Tiefen der linken Tasche seiner Arbeitshose zu puhlen. Vielleicht sucht er seine Maske. Ihre Augenbrauen jedenfalls entspannen sich. Und tatsächlich – es hat deutlich länger gedauert, als es eigentlich müsste – fingert der Ältere mit umständlichen Bewegungen und begleitet von Genöhle die beiden Gummis hinter die Ohren. Vielleicht denken die Bedienung und der Jüngere: Na also – geht doch. Sie wendet sich mir zu. Bald darauf balanciere ich ein Tablett hinaus.

Eine Frau schlendert auf uns zu. Betritt die Bar. Kommt kurz danach wieder heraus. Beim Gehen knispert sie die Verpackung einer Zigarettenschachtel ab. Sie wirkt nicht, als würde sie einfach nur spazieren gehen wollen. Schon gar nicht als Touristin. Eher wie eine städtische Angestellte. Aber eilig ist sie auch nicht. Sie schlendert gegenüber zu einer Bank. Sitzt vor einem dieser Gebäude, die irgendwo im Niemandsland zwischen Sehenswürdigkeit und Alltag ihr würdevolles Dasein fristen. Vielleicht macht sie das jeden Morgen so. Vielleicht geht sie gerne früher los. Auf dieser Bank den Weg zu Arbeit nochmal unterbrechen. Eine rauchen. Vielleicht die eine oder andere SMS. Vielleicht genießen, dass diese schöne Stadt jetzt gerade ihr gehört. Und dann weiter.

Der Weg weg von der zentralen Piazza menschenleer. Umso mehr fällt uns dieser alte Mann auf, der entgegenkommt. Der energische Schritt, die kerzengerade Haltung, – ein merkwürdiger Gegensatz zu seiner Aufmachung. Er trägt eine schlafschlabberige groß karierte Nachthose und ein ebensolches blaues T-Shirt. Auf dem Kopf ein hellbeiger schlappkrempiger Freizeithut, wie er in Kleingarten-Anlagen, auf Boule-Bahnen, in Schatten-Plauder-Gruppen und anderen Altherren-Habitaten weltweit verbreitet ist. An der rechten Hand baumelt eine schwarze Laptop-Tasche, so schlapp und leicht, dass man sieht: Sie ist leer. Um die rechte Schulter eine braune Herrentasche, die zu Lebzeiten wahrscheinlich Kreditkarten, Führerschein, Portemonnaie, Pfeifentabak und ähnliches beherbergte. Wertvolle Dinge also. Weshalb der alte Herr den Ellenbogen der Hand, die den Schulterriemen festhält, zum Schutz vor Dieben sehr fest auf die Tasche selbst gedrückt hat. Die kuschelt sich derart knautschig zwischen Arm und Körper, dass man sieht: Auch sie ist leer. Wir sind so irritiert von dieser Erscheinung, dass uns nichts Besseres einfällt, als eine Spur zu leutselig und laut zu grüßen. Er erwidert den Gruß, –  aber mit einer Zögerlichkeit und einem granteligen Stimmklang, die deutlich machen: Eigentlich ist er kein Fußvolk-Grüßer. Er macht das jetzt nur, weil er Fremden gegenüber nicht schlecht erzogen wirken will, obwohl wir der Gruß-Erwiderung aber in Wahrheit nicht würdig sind. Als er an uns vorbei ist, drehen wir uns irritiert schweigend nach ihm um. Er läuft mitten auf dem Sträßchen. Noch immer zielstrebig und energisch. Auf eben diesem Sträßchen kommt ihm ein uraltes Golf-Cabrio entgegen. Er geht unwillig einen Schritt zur Seite und fordert mit unwirscher, heftiger Winkbewegung, der Wagen möge zügig weiter und an ihm vorbeifahren. Der aber bleibt stehen. Die Fahrerin strahlt erfreut. Vielleicht hat sie den alten Herrn gesucht. Sie beugt sich zur Beifahrerseite und schiebt mit einer gerade noch möglichen Körper-Streckung – dem alten Herrn entgegen – die Autotür auf. Sie sagt etwas. Ebenfalls strahlend. Vielleicht „Ah – Herr Buretti – so früh schon auf dem Weg ins Büro?! Soll ich sie mitnehmen? Ich komme sowieso da vorbei.“ Ihr gelingt, womit die Liebste und ich nicht gerechnet hätten. Der alte Mann steigt ein. Kurz darauf hockt er auf dem Beifahrersitz, hält seine Laptoptasche und die Schultertasche wie unbedingt zu behütende Schätze auf dem Schoß und blickt mit würdevoller Zuversicht der wichtigen Dinge entgegen, die er gleich zu arbeiten hat. Zur Fahrerin schaut er nicht. Vielleicht ist es selbstverständlich, dass er durch die Stadt gefahren wird. Vielleicht wundert er sich deshalb auch nicht, dass er ihren Namen nicht weiß. Man kennt so viele Leute…

Assisi Devotionalienladen
Menschen vor Basilika Santa Chiara
Assisi Wurstladen

 

 

 

Wofür steht das Ja in Dir?

Oder: Freudlos empörtes Mäandern zwischen Verbot und Erlaubnis

Ich höre mich mit Inbrunst sagen: „Das habe ich doch gar nicht so gemeint. Ich wollte dich nicht verletzen.“ Der leuchtlose Blick meines Gegenübers verglimmt zwischen einsehen Müssen und nicht gehört Fühlen. Das Ja in mir sagt: Es zählt, was ich meine (nicht was ich sage und nicht, was ankommt).

Es regnet in Strömen. Ich stehe an einer viel befahrenen Straße und will sie überqueren. Die Stelle ist dafür vorgesehen. Der Bordstein ist an dieser Stelle abgesenkt. In der Mitte der Straße eine Verkehrsinsel. Auf der Verkehrsinsel ein asphaltiertes Wegstück. Der Bordstein gegenüber ebenfalls vertieft. Neben mir eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern. Mit einer Hand steuert sie einen Kinderwagen. Mit der anderen Hand versucht sie trotz des regelmäßig aufwallenden Windes einen Regenschirm in der Position zu halten, dass er sie selbst schützt und zugleich das etwas ältere Kind, das eine Hand am Kinderwagen hat. Mama hat ja keine mehr frei. Vor uns strömt fauchend der Verkehr vorbei. Kein Auto hält. Ich wundere mich. Eigentlich ist es doch üblich, dass Autos an Fußgängerüberwegen halten. Erst nach einer ganzen Weile wird mir klar, warum. Hier ist zwar ein Fußgängerüberweg, aber kein Zebrastreifen. Also müssen Autofahrer:innen nicht halten. Es gibt kein Verbot, weiterzufahren. Also eine Erlaubnis. Wenn wir uns dem Regen nicht weiter ausliefern wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als „the Italian way“ zu gehen: Ganz langsam immer weiter vor, bis sich ein:e Autofahrer:in erbarmt und hält. Immer eine kleine Mutprobe. Aber sie funktioniert auch hier irgendwann. Die Autofahrer:innen haben die Erlaubnis weiterzufahren. Sollen wir uns wünschen, es gäbe ein Gesetz, dass das Weiterfahren auch an Fußgängerüberwegen ohne Zebrastreifen verbietet?

Manchmal gibt es öffentliche Ächtungen von diskriminierenden Aussagen. Zuletzt z.B. bei den beiden Fußballern Jens Lehmann und Dennis Aogo. Der Empörung folgt die öffentliche Entschuldigung in dieser Art: Ich wollte mich nicht diskriminierend äußern. Wenn sich doch jemand verletzt fühlt, tut mir das leid. Freudloses Ich-entschuldige-mich-mal-besser. Kühles Abwimmeln ohne Selbstkritik. Ohne Anerkennung möglicher Verletztheit. Der öffentlichen Empörung wiederum folgt die wütende Gegenbewegung, die ein Verbot von diskriminierendem Sprechen und Cancel Culture wittert. Der Empörung über die Empörung folgen von Anfang an Informations-Medien mit offener Schnüffelnase auf der Suche nach Erregungs-Pilz-Kulturen, die sich vermarkten lassen. All dem folgen wir. Das Ja in uns sagt Ja zur Freude an der Freudlosigkeit.

In diesen viralen Zeiten war viel von Solidarität die Rede. Aufrufe von Politiker:innen beschwörten „Wir schaffen das nur gemeinsam“. Medien verstärkten den Aufruf. Pflegten ein romantisches Gefühl von Zusammengehörigkeit. Feierten Menschen, die an Fenstern standen und für Helfer:innen in der Not Beifall klatschten und manchmal gar sangen. Das Bild war so wirksam, dass ich oft ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich wieder einmal dachte: Ja – wir wissen von Solidarität, aber gespürt habe ich sie in diesen pandemischen Zeiten eigentlich nicht. Ich habe nur gespürt, dass sich erfreulich viele Menschen an die ausgerufenen Regeln hielten. Nicht aber, dass sie dies aus Solidarität taten. Zu oft habe ich anderes erlebt: Doch schnell mal dicht an der Schlange vorbeidrücken. „Ich wollte nur eben was fragen“. Am Joghurtregal dicht neben mir stehen, um unter den 200 Sorten den Lieblingsjoghurt ungeduldig drängend zu suchen und dann schnell zu greifen. Im Eingang stehen, um auf keinen Fall den Moment zu verpassen, an dem man dran ist und damit Abstand für die Herausgehenden unmöglich zu machen. Mundschutz lässig locker unter der Nase tragen. Tausende kleiner Alltags-Gesten, die die Regeln zeigten und den Umgang damit, nicht aber ein „Ja“ zur Solidarität. Gerade jetzt aktuell: Nicht wenige Menschen gehen nicht zu einem Impftermin, ohne sich abzumelden. Vielleicht haben sie mehrere Termin gebucht und nun den frühesten gewählt oder den mit dem ihrer Meinung nach besseren Impfstoff, oder den, der am nächsten war. Das Ja steht für meine Möglichkeiten, meine Auswahl, meinen Konsum.  Immer das Beste für mich. Nicht für Solidarität, denn die würde verlangen, dass ich im Sinne der Entlastung von Hausärzten und Impfzentren und im Sinne der Hilfe dabei, keinen Impfstoff vernichten zu müssen, einen Termin buche und ihn dann auch wahrnehme. Ich muss das aber nicht. Es gibt also eine Erlaubnis, mich eben nicht solidarisch zu verhalten. Da sich kaum bestreiten lässt, dass ein solches Verhalten unsolidarisch ist, denken viele – auch Politiker – über eine Strafe für „Impfschwänzer“ nach. Wieder würden dann die Menschen sich korrekt verhalten, aber nicht solidarisch. Andere würden sich unkorrekt verhalten und hoffen, dass sie nicht erwischt werden. Andere würden sich offen lauthals schimpfend unkorrekt verhalten, das Gegenteil der Regel zu ihrem Recht erklären. Allesamt freudlos mäandernd zwischen Erlaubnis und Verbot.

Anton Hofreiters Hinweis, dass in unserem Land das Ideal des Eigenheims in mancherlei Hinsicht Geboten des Klimaschutzes und des bezahlbaren Wohnraums widerspricht und man langfristig möglicherweise andere Wohnformen entwickeln muss, wurde großflächig als Vorhaben eines Verbotes umgedeutet. Es wurde ein Verbot kreiert, wo gar keins war. Nur ein nachdenklicher Hinweis. Als wollten die Menschen ein Verbot. In diesem Fall, um sich dagegen wehren zu können. Nicht wenige Politiker schürten dies. Nicht die Grünen wählen. Sie sind die Verbots-Partei. Schimpfen gegen ein Verbot, das es gar nicht gibt, um dagegen sein zu können. Eine absurde Konstellation: Der Wunsch, ein Verbot zu haben, um es verneinen zu können, ist ein Ja zum Verbot, das man verneint. Mäandern.

Wir diskutieren die Frage, wie man beim Sprechen und Schreiben abbildet, dass es mehr gibt als „männlich“ und „weiblich“, als Frage, welche Sprechweise angemessen wäre. Wir phantasieren bei der Diskussion das Verbot einer unangemessenen Sprechweise. Und regen uns auf.
Wir verlangen bundeseinheitliche Bestimmungen beim Versuch, die Ausbreitung von Covid 19 zu begrenzen. Dann bekommen wir sie und regen uns auf.
Oder bekommen sie nicht und regen uns auf. Und kommentieren höhnisch.
Wir verlangen mehr Schnelltests. Dann bekommen wir sie. Sogar bei ALDI. Dann kriegen wir keine, weil sie schon ausverkauft sind. Und regen uns auf. Viel zu wenige!!
Wir dürfen in den Baumarkt, aber nicht ins Sportgeschäft und regen uns auf.
Wir schlagen die Zeitung auf oder klicken das Nachrichten-Portal. Ab morgen dürfen wir. Ab morgen dürfen wir nicht. Und regen uns auf.
Wir wollen keine Widersprüche und verlangen gleichzeitig Regeln, die ohne Widersprüche gar nicht möglich sind.

Unser Ja steht fast immer für „Ich“. Fast nie für „Lösung“. Im Kleinen wie im Großen. Es freut sich über Erlaubnis und regt sich auf, wenn es begrenzt wird. Obwohl es durchaus Ideale hat. Zum Beispiel Gerechtigkeit oder Frieden oder Mitmenschlichkeit oder Klimaschutz oder Tierschutz oder kulturelle Vielfalt. Aber diesen Idealen gönnt unser Inneres nur ein „Ja schon, aber“, oder ein „Nur wenn“, oder ein „was soll das bringen, wenn “, oder ein „Ja, demnächst wirklich mal“. Immerhin: Bei diesen „Jains“ bleibt wenigstens manchmal ein schlechtes Gewissen. Dagegen wehren wir uns wieder freudlos und fordern ein Verbot, oder eine andere „gesetzliche Regelung“. Am liebsten für andere. Die sich dann über das Verbot empören.

Ich wünschte, wir könnten freudvoll gehen, inspiriert von einem „Ja“. Gelenkt von der Erkenntnis: Ich selbst schreibe meine Geschichte, die unserer Gesellschaft und – ja! – die Geschichte unserer Welt. Wir könnten „Ja’s“ suchen. „Ja’s“, die am schönsten sind, wenn sie alles zugleich bedenken: Das Ich und das Du und die Gesellschaft und die Welt. „Ja’s“, die anschieben, die Lösungen suchen, die die Vielheit und die Komplexität und die Widersprüchlichkeit von Problemen anerkennen, nicht leugnen.
Wir könnten suchen eine Vielheit und Komplexität von Lösungen, jenseits von der freudlosen, eben nicht schönen Einfachheit der Fixierung auf Verbot und Erlaubnis.

Waschlappen auf Küchenpapierrolle

Das kleine Gespenst

„Oh nein!!“ Das kleine Gespenst erschrak. Im selben Moment, als es den Blick aus vertieftem Spiel hob, bemerkte es, dass es den Tagesanbruch verpasst hatte. Augenblicklich quoll ihm ein zäher Klumpen Angst die Kehle hoch. Wie der Anfang von Ersticken.
Jetzt konnte es nicht mehr zurück in sein schützendes Nachtgemach. Es war nun im Tag gefangen.
Auf keinen Fall durfte es im Hellen entdeckt werden. Man hörte so viele schreckliche Geschichten …
Wie oft hatten seine Eltern es genau davor gewarnt!
Da kam ihm die rettende Idee. Es würde sich als weißer Waschlappen über die Küchenpapier-Rolle hängen. Vielleicht könnte es so unentdeckt bleiben bis zum Abend. Mit ein bisschen Glück.

Erlaubnis

Nicht mehr Nacht und noch nicht Tag.
Plötzlich nimmst du das erste Licht wahr. Du wunderst dich über dieses „Plötzlich“. Du warst ja da. Du hattest die Augen geöffnet. Und doch hast du den allerersten Beginn des Lichtes nicht gesehen. Und auch sein erstes Wachsen nicht.  Es ist offenbar mit unüberbietbarer Allmählichkeit in die Welt gesickert.
Eine noch gar nicht sichtbare Sonne tupft allererste kleine orangene Schimmerfelder an die Bäume.
Morgendunst erhebt sich schläfrig von der Erde.
Unter den Nebelschwaden, die er zurücklässt, entdeckst du plötzlich ein Reh. Vollkommen mit sich allein feiert es das Leben und steht äsend mitten auf der Lichtung.
Du sammelst Spannung in den Gliedern.
Du weißt, dass du jetzt nicht das kleinste Geräusch machen darfst. Das erste Klopfen eines Spechtes irgendwo dahinten schlüpft durch die Wahrnehmung des Rehs ohne Aufmerksamkeit zu erregen.
Aber wenn du jetzt versehentlich mit den derben Waldschuhen an die Holzwand deines Hochstandes stoßen würdest, würde es – fast gleichzeitig mit dem Geräusch – den Kopf heben.
Und vielleicht flüchten.
Mit der Behutsamkeit des Nebels legst Du den Lauf Deines Gewehres auf dem Rand des Sichtfensters ab. Eine schöne Waffe. Sie liegt ausgewogen schwer in der Hand. Die Präzisionsmechanik lässt den Metallbogen des Abzuges vollkommen geräuschlos bis zum Anschlag schieben.
Du versammelst weitere Spannung in deinem Blick.
Ein winziges „Jetzt“.
Auf dem Höhepunkt bleibst du auch dann ruhig, als du den Druckpunkt des Abzugs überwindest.
Ein dunkler Knall zerfurcht die Stille.
Einen Moment bleibt die Welt stehen.
Dann bricht das Reh über die Vorderfüße zusammen.

Wie bringst du das fertig? Wie gibst du dir selbst die Erlaubnis?
Welche Schaltung im Herzhirn braucht es, um mit dieser Ruhe einen Todesschuss anzusetzen? Zu vollziehen. Seine Wirkung zu beobachten und nicht in Trauer zu zerfließen.
Dich eben nicht zu schämen, weil du gerade den Frieden selbst zerfetzt hast.
Sondern ruhig, fast ein bisschen triumphierend den Hochstand hinunterzuklettern. Das dem Adrenalin geschuldete heftige Verlangen nach aufgeregtem Bewegen zurückzudrängen.
Auf das Opfer zuzugehen. Zu testen, ob es wirklich tot ist und dann mit würdevollem Stolz zu dir selbst zu sagen: Gute Arbeit.

Achtsamkeit

Pfuh!
Das wird noch ein weiter Weg.
Ich bin ja noch nicht mal mit der Zweisamkeit durch.

Nur in weich

Duisburg. Mittendrin.
Ein Mann in Arbeitskleidung steigt an der Beifahrerseite aus einem schon recht betagten Kleinwagen. „Wick“, sagt er. Und wendet sich zum Gehen. Die Frau, die kurz nach ihm an der Fahrerseite ausgestiegen ist, fragt mit spitzem „i“ hinter ihm her: „Wie heißt der?“ Er dreht sich um und den Ton auf. Man könnte meinen, leicht angenervt. „WICK, – Weh-I-Ceh-kah“.
„Ah“, sagt sie „wie ‚fick dich‘, nur in weich.“

Ob die kleinen Fältchen in den Augenwinkeln der beiden von einem Grinsen stammen, kann ich nicht sehen. Sie tragen ordnungsgemäß Masken.

Cancel Culture

oder: Kleiner SM*-Ratgeber

Wenn Du nichts
Zu sagen hast,
Dann sag einfach
Es sei verboten
Zu sagen, was du zu sagen hast.
So hast du nicht nur etwas gesagt
Sondern sogar noch etwas
Unsagbares: Die bittere Wahrheit
Und damit Märtyrerpunkte verdient
Im Kampf
Gegen die sagenumwobenen Dämonen
Der Cancel Culture
Mehr kann man gar nicht sagen
Selbst wenn man nichts zu sagen hat.

* Um etwaigen Missverständnissen und daraus folgenden Obszönitäts-Vorwürfen zuvorzukommen, sei hier klargestellt: „SM“ = Social Media

Schlau

Und wenn ich heute sicher wüsste
Dass ich morgen gehen müsste
Dann wär mein Leben heut‘ schon grau.

Und deshalb ist dies wirklich schlau:
Am Tag, an dem ich gehen muss
Hab’s gestern ich noch nicht gewusst.

Lieber Jan Josef Liefers,

mir fiel kürzlich – ich weiß gar nicht so genau, warum – eine Geschichte aus meiner frühen Jugend ein. Sie ist schon sehr lange her. Bestimmt mindestens 55 Jahre. Ich denke, ich war so zehn.
Ich saß, in meinen blauen Festtags-Anzug gezwängt, frisch gebadet und Seitenscheitel-gekämmt an einer großen Tafel inmitten einer Hochzeitsgesellschaft. Das Festmahl war vorbei. Die Erwachsenen rauchten, plauderten, tranken einen Verdauungsschnaps, – ich vermute die Damen: Ein Likörchen. Mitten dazwischen hockte ich, festgetackert auf meinem Stuhl, und hatte schreckliche Langeweile. Also fing ich an, mit den Streichhölzern zu spielen, die neben dem Aschenbecher lagen. Plötzlich – ich weiß überhaupt nicht mehr, wie das passieren konnte – fing eine leere Schachtel, die im Aschenbecher lag, Feuer. Erst fand ich das noch lustig. Aber dann wurde die Flamme doch so groß, dass ich erschrak. Ein kurzer heimlicher Seitenblick nach rechts und links. Mir schien, als wären die Damen in meiner Nähe so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie noch nichts gemerkt hatten. Also ergriff ich die Chance und versuchte, das Feuer schnell auszupusten. So eine brennende Zigarettenschachtel braucht eine Menge Puste. Dennoch: Ich besiegte das Feuer. Pfuh! Glück gehabt.
Dachte ich.
Leider war die Folge ein schwerer Kollateralschaden. Die Asche der Schachtel und der Zigaretten lag nun unvertuschbar großflächig um den Aschenbecher herum. Dem frisch gestärkten weißen Tischtuch und damit der ganzen Feier war fundamentale Verschmutzung angetan. Soviel wusste ich. Und dass das ebenso fundamentalen Ärger geben würde.
Also versuchte ich, die Asche mit dem Handrücken schnell wegzuwischen. Von dem frisch gestärkten weißen Tischtuch.
Dann bemerkte Tante Else mein Tun.

Ich dachte, ich schreib Ihnen das mal. Als kleinen Trost.
Herzlichst Ihr
Trotzkopfdumm

Ach so, … es sollte Satire sein …

#allesdichtmachen
#niewiederaufmachen
#lockdownfürimmer

… eine kleine Ergänzung, Teil 2 …

Der Kobold

Ein Kobold saß auf einem Ast
Und hatte ungeheu’re Lust zu sägen
Seht her, wie unerschrocken unangepasst
Ich bin, und klug und kritisch und verwegen.

Die einen schauten ehrfurchtsvoll hinauf
Der Tollkühnheit des Helden applaudierend
Die andern packten Schimpf und Schande aus
Den Helden zum Bösewicht degradierend

Der Kobold feixte. Egal, ob Fiesling oder Held
Er wusste ja: In seiner Welt
Macht – anders als im Leben vieler –
Beherztes Sägen einen Ast nur noch stabiler.

 

Die Kaka-Frage

Eigentlich hat Herr Söder schon am Sonntag, den 11.04. alles gesagt. Ich habe es nur nicht hören wollen. Er hat gesagt:
„Ich will Kanzlerkandidat der CDU und der CSU werden. Ich will Kanzler werden. Ich halte mich für den besseren Kandidaten, als es Herr Laschet wäre. Die Mehrheit der CDU-CSU-Fraktion will das auch. Ich habe die besseren Wahlchancen als Herr Laschet. Ich weiß, dass eine entsprechende Personalentscheidung für die CDU nicht ganz einfach ist. Ich weiß, dass die Position von Herrn Laschet als Parteivorsitzender geschwächt wird, wenn ich mich durchsetze. Und das kann die CDU natürlich nicht wollen. Deshalb muss ich es so hinbekommen, dass aus der CDU selbst sehr viele Stimmen mich als Kandidaten fordern. Helfen könnte dabei die Tatsache, dass die Umfragen eine eindeutige Sprache sprechen, eine, die mich als Kandidaten nahelegt.
Ich halte mich für besser befähigt als Armin Laschet, die AFD in ihre Grenzen zu verweisen.
Ich halte mich auch für besser befähigt, die Grünen in ihre Grenzen zu verweisen. Das ist besonders wichtig, weil absehbar ist, dass wir nach der Bundestagswahl mit ihnen werden zusammenarbeiten müssen.“

Das alles hat er aber gesagt, ohne es zu sagen.
Jedenfalls tut er das, bzw. tut er das eben nicht in den O-Tönen „Söder“, die ich am Abend im „Heute-Journal“ höre: Kurze Ausschnitte aus einer Pressekonferenz nach einer Fraktionsklausur und ein etwa 6-minütiges Interview. Warum er nicht sagt, was er sagt, weiß ich nicht. Ich kann es auch nicht wissen, denn er erklärt es ja nicht. Ich mutmaße: Da redet einer, der nicht den laufenden Prozess in seinen Einzelheiten und in seinem Konflikt-Gemenge erklären will, sondern einer, der glaubt, er könne mit seinem Reden so tun, als würde er erklären, ohne dass er das dann auch tut. Stattdessen wirft er Gedankenwolken in den Heute-Journal- Himmel, die das Konflikt-Gemenge irgendwie aufnehmen, aber nicht nach Sturm aussehen. Diese Geheimsprache bringt nicht Worte und Sätze so gut es geht in Deckung mit Gedanken, auf dass man sie mit den eigenen gedanklichen Konstruktionen in Resonanz bringen könnte. Vielmehr züngelt – erstens – ihre Botschaft als emotionale Regung ohne Worte und Begriffe ins Gemüt und setzt sich dort ab. Wenn man sie – zweitens – übersetzt, sagt sie das Gegenteil. Und ihr Sprecher, Herr Söder, bemüht sich – drittens – nicht einmal besonders, die Geheimsprachlichkeit seines Redens hinter scheinbar gekonnter Wort- und Satz-Akrobatik zu verstecken.

Einige Beispiele:

In den 6 Minuten und ca. 30 Sekunden, die Herr Söder im O-Ton in dem Beitrag des Heute-Journals und in dem Interview zu hören ist, sagt er der Reihe nach alle diese Formulierungen:
 „Gutes Miteinander“, „zusammen schultern“, „es ist für beide wichtig“, „gemeinsam mit Armin Laschet“, „freundschaftliches Gespräch [mit Armin Laschet]“, „gemeinsam beraten“, „was das gemeinschaftliche Ergebnis ist“, „Geschlossenheit herzustellen, ist letztlich die Aufgabe von uns beiden“, „aber beides zusammen [er redet andeutungsweise von unterschiedlichen Akzenten von sich selbst und Herrn Laschet] wäre dann doch ohnehin das Programm, das wir haben“, „ein Angebot für eine gemeinsame Basis“, „Entscheidung gemeinschaftlich zu treffen“, „dass wir beide freundschaftlich verbunden sind“, „die große Gemeinschaft von CDU/CSU“, „das werden wir auch zusammen tun“, „jeder in seiner Verantwortung […]gemeinschaftlich eng zusammen arbeiten“, „und wir werden am Ende auch gemeinsam zusammenarbeiten“.
16 mal betont Herr Söder eine Selbstverständlichkeit: Die Gemeinschaft von CDU und CSU. Das heißt: Etwa alle 13 Sekunden. Und zwar gegenüber einer Öffentlichkeit, die nun, wenn überhaupt irgendetwas, dann das verstanden hat: Es gibt in der Frage der Kanzlerkandidatur keine Gemeinschaft. Es gibt keine Gemeinschaft in der Frage, wie der Leerraum, den Frau Merkel bald hinterlassen wird, wieder mit Macht aufgefüllt werden kann. Die Geheimsprache aber soll die Gemeinschaft in die gedanklichen Welten der Zuhörer:innen hineinträufeln. Aus der Geheimsprache übersetzt, muss man lesen: Herr Söder ist die Gemeinschaft egal. Denn er hebelt sie ja gerade aus. Allerdings will er den Teil der Gemeinschaft innerhalb der CDU, der für ihn ist, für sich selbst nutzen.

Ein anderer Sinnzusammenhang in den O-Tönen sind die Umfragewerte.

Herr Kleber fragt in dem Interview, warum nicht einfach nach den Umfrage-Werten entschieden würde. Beide Kandidaten wären, wie sie selbst immer betonten, inhaltlich deckungsgleich. Dann käme doch eigentlich nur noch das Kriterium „Umfragewerte“ in Frage.

Daraufhin sagt Herr Söder:

„Ja, es gibt schon unterschiedliche Akzente auch, – eh – die wir beide haben, aber das sind keine unüberbrückbaren, die am Ende doch zu einem gemeinsamen Programm kommen werden, – eh – ich setz deutlich mehr auf den Bereich „Versöhnung Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz“- ehm – Armin Laschet hat andere Akzente, aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben.“ [Es folgen Aussagen zur AFD und zu den Grünen, die äußerlich keinen Bezug zu dem Thema haben.]

Genau genommen antwortet Herr Söder auf diese Frage: „Ja, sie haben Recht. Wir sind inhaltlich, weil unserer CDSU verpflichtet, so gleich, dass wir tatsächlich nach den Umfragewerten entscheiden sollten.“ Doch er sagt es nicht. Er sagt etwas anderes. Z.B.: Es gebe „unterschiedliche Akzente“. Der einzige Akzent, den er dann nennt, ist: „Versöhnung von Wirtschaft und Umwelt mit Klimaschutz.“ Nun haben aber die wichtigen und unwichtigen Akteure in der CDU und der CSU längst verstanden, dass sie politisch nicht mehr ohne Klima- und Umweltschutz argumentieren können. Er nennt also einen Allgemeinplatz aus der Ausrichtung von CDU und CSU insgesamt, aber keinen Akzent. Und schon gar nicht nennt er, wie denn in diesem Punkt Herr Laschet einen anderen Akzent hätte. Die Unterschiedlichkeit, die Herr Söder behauptet, erklärt er nicht. Er nennt sie nicht einmal. Und zugleich erklärt er, dass diese (nicht erklärten) unterschiedlichen Akzente dann doch Teile des gleichen Programms wären. Aus der Geheimsprache übersetzt, heißt das – s.o. – „Ja. Die Umfragewerte sollten ausschlaggebend sein.“

Im Zusammenhang mit der (Nicht-) Erklärung der unterschiedlichen Akzente in der politischen Arbeit von Herrn Laschet und ihm, wechselt Herr Söder plötzlich merkwürdig unmotiviert zu den Stichworten „AFD“ und „Grüne“:

„[…] aber beides zusammen wär dann doch ohnehin das Programm, das wir haben, übrigens gegenüber anderen Parteien, die sehr wenig anzubieten haben. Wir haben heute die Pöbeltruppe von der AFD erlebt, wir haben Grüne ohne Regierungserfahrung, jedenfalls von den beiden Kandidaten, jedenfalls keine größere Regierungserfahrung, die da anstehen, das ist schon, finde ich, ein ganz großer Unterschied, […]

Die äußerlich gesagten Sätze: Die anderen Parteien haben programmatisch wenig zu bieten. Die AFD ist eine „Pöbeltruppe“. Die Grünen haben nur Kandidaten ohne bzw. mit nur wenig Regierungserfahrung. Sie als Geheimsprache zu betrachten und zu übersetzen, führt zu der Aussage:
Die CSU, aber auch die CDU werden erheblich geschwächt, wenn sehr konservative Wähler:innen zur AFD abwandern, weil die sich erlaubt, laut zu sagen, was man in der CSU und in der CDU nicht viel mehr als denken darf aus Gründen der politischen Korrektheit. Diese Abwanderung kann ich besser verhindern als Herr Laschet, weil ich eher als er den Eindruck vermittle, auch einmal „Klartext“ zu reden und die politische Korrektheit aufzumischen. Herr Laschet hat eher das Image des Vermittelnden, des Ausgleichenden. Das stellt die abwanderungswilligen ‚Vielleicht-demnächst-AFD-Wähler:innen‘ nicht zu zufrieden. Im Gegenteil. Es schreckt sie eher ab.
Die Übersetzung bezogen auf die Grünen: Ja, sie sind extrem im Aufwind. Es ist „Wechselstimmung“ (aktuell von Herrn Söder gerne gebrauchter Begriff) spürbar. Wenn sie sich ausweitet, besteht die Gefahr, dass die Grünen nach der Bundestagswahl stärkste Kraft sind. Es braucht einen Macher, einen Klartext-Redner, einen Auf-den-Tisch-Hauer, einen, der die Sprache der ‚Menschen draußen‘ beherrscht und nicht herumschwurbelt (in der Diktion der AFD sind diese Menschen draußen die ‚Normalen‘), einen der mit genau dieser Art schon Regierungsarbeit leistet und das nur auf das ganze Land zu übertragen braucht, – so einen braucht es, um die Grünen in Schach zu halten. Das kann ein Herr Laschet nicht. Und dass die Grünen in Schach gehalten werden müssen, versteht sich von selbst. Wir wollen ja, dass unser ‚schönes Land‘ so bleibt, wie es ist.

All das und mehr vermittelt Herr Söder mit einer merkwürdig brüchigen Sprache.
Der ohrenfälligste Hinweis darauf ist die Tatsache, dass Herr Söder so gut wie nie die Stimme senkt, damit einen akustischen Punkt senkt und einen kurzen Moment von gedanklichem Sammeln kreiert. Am Ende von Sinnzusammenhängen hebt er stattdessen die Stimme und redet fast ohne Pause weiter.
Er verschluckt sehr oft Silben, als hätte er keine Zeit, dem Klang der Worte Raum zu geben. Ja, als müsste er sogar den Eindruck vermeiden, er würde auf seine Sprache achten. Er sagt „son:n‘, statt ‚sondern‘ ‚ingwo‘ statt ‚irgendwo‘, er sagt ‚letzn‘, und man weiß nicht, ob er ‚letzthin‘ sagt, oder ‚letztens‘, ‚unse‘ statt ‚unsere‘, ‚Parteivorsitzn‘ statt ‚Parteivorsitzenden‘.
Seine Sprache rührt Worte und Bedeutungszusammenhänge ineinander, so eilig, dass im klassischen Sinne ‚Fehler‘ sich häufen. Oft ist die Wortstellung im Satz merkwürdig, oft sind Worte falsch miteinander kombiniert, oder sie sind an dieser Stelle bezogen auf die Aussageabsicht einfach unpassend, oft ist die grammatische Struktur des Satzes falsch.
„nach dem Stand der Chancen über die Umfragen“,
„es kommt nicht drauf an auf Biegen und Brechen“,
„es geht Verantwortung“,
„er [der Prozess] ist einladend gesehen“,
„und jetzt ha’m wir ja `ne Woche oder zehn Tage spätestens“,
„deswegen geht es da nicht um die Frage, jetzt mal zwischen zwei Leuten es einfach im Hinterzimmer auszukungeln“,
„[wir] müssen gemeinschaftlich eng zusammenarbeiten“,
„bestmöglichste“

Das zu bemerken ist nicht etwa wichtig, weil Korrektheit der Sprache das entscheidende Kriterium für die Wertschätzung einer Position wäre. Es ist aber wichtig, wenn man den Eindruck hat, dass eine solche brüchige Sprache bewusst nicht ins Hochdeutsche hinein kultiviert wird, um landläufige Skepsis gegenüber Hochsprache zu bedienen, um den ‚Mann von der Straße‘ nicht mit Sprache, die Hindenken erfordert, zu verschrecken.
Zugleich vermittelt die Sprache von Herrn Söder den Eindruck, dass es gar nicht darum geht, in sprachlich sinnvoll konstruierten Sätzen, ebenso sinnvoll konstruierte Bedeutungen zu transportieren. Sie vermittelt den Eindruck, es ginge vielmehr darum, in einem bestimmten Rhythmus Schlagworte, an denen Bedeutungswolken hängen, in den Ring zu werfen, ohne dass es besonders wichtig wäre, dass diese Schlagworte untereinander sprachlich korrekt verknüpft sind.

Es ist dies ein Sprechverfahren, dass wir von Donald Trump besonders intensiv erlebt haben, aber auch von vielen anderen Politiker:innen kennen. Es signalisiert: Ich bin einer von Euch. Ich spreche nicht die verschwurbelte Sprache des Establishments (was immer das wäre). Ich rede Klartext. Ich bin ein Macher.

Immerhin scheint Herr Söder noch bestimmten Gepflogenheiten, Regeln, Kulturen des demokratischen Miteinanders sich verpflichtet zu fühlen. Deshalb – immerhin – benutzt er Geheimsprache für seinen „Klartext“.
Darauf schließlich auch noch zu verzichten, das wäre dann der logische nächste Schritt.
Hin zu Trumpism.

 

 

Raten Sie mal

Ich stehe vor der Tür des Baumarktes. Rein darf ich nicht. Ich habe keinen tagesaktuellen Corona-Test. Aber die freundlichen Mitarbeiter:innen kümmern sich. Ich sage, was ich will, schon wird die/der entsprechende Spezialist:in aus der entsprechenden Abteilung gerufen. „Kleinen Moment, ist schon jemand auf dem Weg.“
Zum Glück habe ich mich von die/der Sonn:in heute Morgen nicht täuschen lassen und mich winterlich angezogen. Heute Nacht hat es nochmal gefroren. Ich aber friere jetzt nicht.

Während ich auf die/den Spezialist:in warte, schlendert ein junger Mann auf den Eingang zu. Er ist gekleidet, wie heute Moderatoren von Sportsendungen gekleidet sind. Nur ohne das zu kleine Sakko. Weiße Sneaker, aus denen gerade noch der Rand der Sneaker-Socke lukt. Darüber nackte Füße. Eine hellgraue zu kurze Chino, ein geblümtes, sehr enges Oberhemd. Eines, das ich mir nicht mehr leisten könnte. Da würde aus Slim-Fit automatisch Schlimm-Fit. Bei ihm nicht. Er sieht nach TV-Kriterien saugut aus inclusive der dazugehörigen sportlichen Figur. Und er weiß es auch.

So, wie er auf den Eingang zufedert, wie er über die Maske hinweglächelt, wie er mit der Art seiner Annäherung versucht, Sommer-Sonne-Gute-Laune-Stimmung zu verbreiten, ahne ich schon: Er möchte rein, hat aber auch keinen Test. Und grinse. Heimlich. Unter meiner Maske.

„Womit können wir helfen?“, fragt die Mitarbeiterin. „Ja, …“ – er versucht, jovial zu wirken. Mit einem Hauch Flirt. „… raten Sie mal.“ Das geht schief. Sein Versuch, mit Humor ihr Herz zu gewinnen, entgleist in leicht überhebliche Arroganz.

Sie bleibt erstaunlich cool und schenkt mir einen Moment bewundernswerter Schlagfertigkeit: Sie weist mit einer Armbewegung in die sich weit nach hinten öffnende verlockende Welt unendlicher Heimwerk-Möglichkeiten und sagt: „Das kann aber dauern.“

Jetzt muss er doch einfach sagen, was er will. Ob er nicht mal kurz auch ohne Test … ?
Das „Nein“ wird garniert von einer sehr sachlichen Aufklärung darüber, was im Moment erlaubt ist, und was nicht.

Er dreht sich grußlos auf dem Absatz um und will davonschlurfen. „Können wir nicht irgendwie anders helfen?“, weht ihm eine Frage hinterher. Er dreht sich um. „Nee. Fahr ich halt nach Dülmen.“. „Warum nach Dülmen?“. „Da sind die Baumärkte offen. Anderer Kreis.“ Er versucht, wie ein Sieger zu wirken. Gelingt semi.

Ich bin immer ein bisschen skeptisch, wenn mal wieder jemand nach Einheitlichkeit ruft. Ich weiß manchmal nicht, ob sie nur dem Impuls dient: „Ich mache nur, wenn alle müssen. Sonst bin ich sauer.“ Und dieser Impuls ist vergiftet. Da geht es dann schnell nicht mehr um Lösungen, sondern um Regeln, Autorität, Nicht-selber-denken, Nicht-selber-verantwortlich sein.

Heute aber – jetzt gerade – finde ich sie doch irgendwie auch gar nicht so schlecht.

Entsorung der alten Pantoffeln

Irgendwann erlischt auch der legendäre Langmut der Liebsten: Sie beschwert sich, dass meine Pantoffeln stinken.
Also nehme ich noch `ne Nase und dann schmeiße ich sie weg.
Jetzt bin ich wieder Pantoffelheld.