Ich will mich ja nicht mehr empören.
Also wundere ich mich nur. Ist schwer, aber geht.

Wie man in dieser Woche Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung entnehmen konnte, haben Apotheken die FFP2 Masken, die im Dezember 2020 und im Januar und Februar 2021 „kostenlos“ an die Bevölkerung ausgegeben wurden, im Schnitt für 1,50 € pro Stück erworben. Der Bund, der die Aktion bezahlte, hat mit 6,- € kalkuliert. Die Apotheken haben also das Vierfache je Maske erhalten. Der Preis einer Maske lag also 300 % über dem Einkaufspreis.

Vier Schlüsse daraus und zwei Fragen:

  1. Da „der Bund“ von den Bürger:innen finanziert wird, haben die Bürger:innen letztlich für die Masken pro Stück 6 € bezahlt, sie also nicht kostenlos bekommen.
  2. Der „Bund“, also die Bürger:innen, haben den Apotheken damit zusätzlich erheblichen Gewinn bezahlt.
  3. Das Ministerium für Wirtschaft und Energie gibt eine Empfehlung heraus, nach der Einzelhändler Preise berechnen können. Folgte man dieser Empfehlung, käme man je Maske auf einen Verkaufspreis von 2,92 €.Und zwar so:
    Einkaufspreis:                 1,50 €
    Versand/Lieferung:       + 10 %
    = 1,65 €
    Handlungskosten          + 35 %
    = 2, 23 €
    Gewinnaufschlag           + 10 %
    = 2,45 €
    Umsatzsteuer                 + 19 %
    = 2,92 €
    Der tatsächliche Gewinnaufschlag betrug also: 105 %. Oder: Das Zehnfache des vom Ministerium empfohlenen Gewinnaufschlages.
  4. Die Provisionen und Vertragshonorare, die sicherlich auch für diese Geschäfte bezahlt wurden, haben auch die Bürger:innen bezahlt (s. 1.)

Frage: Die Öffentlichkeit erregt sich zu Recht über die persönliche Bereicherung von Politikern an Maskengeschäften. Die Bereicherung von Apotheker:innen hat der Bund, haben also die Bürger:innen, bezahlt. Die Apotheken haben mitgespielt. Warum empören sich die Politiker, die sich aktuell über ihre Kollegen empören, nicht mit vergleichbarer Wucht wegen der Bereicherung, die sich Apotheker:innen gönnen?

Frage: Wenn sie sich deshalb nicht empören, weil das in unserem Land eben ein normales Geschäft ist., – was heißt das dann für uns Bürger:innen?

Nicht empören

Nüßlein, Löbel, Amthor, Hauptmann, Sauter …

Nein! Nein! Nein!
Ich will mich nicht empören!
Aber es will mir nicht gelingen.
Zu viele unwillkürlich aufbebende Zornes-Herde im Gemüt.

Zorn über „Nebenverdienste“ von Bundestagsabgeordneten.
Herr Nüßlein hat möglicherweise 660 000 € für die Vermittlung von Masken- und Schutzkleidungsgeschäften erhalten. Ein ähnliches Geschäft bei Herrn Löbel. Für 250 000 €. Ist es nur eine zornesbedingte Vermutung? Oder ist es eine realistische Hochrechnung, davon auszugehen, dass diese Beiden nicht die einzigen sind, die ihre Kontakte nutzen, um gegen Provision Geschäfte anzuschieben?

Zorn über die Erklärungen, die diese Menschen  abgeben, wenn sie geächtet werden. Darüber, dass sie sich selbst dann als Opfer darstellen, die sich nichts vorzuwerfen haben und nur deshalb zurücktreten, weil die Angriffe auf sie und ihre Familien unerträglich geworden seien und weil sie weiteren Schaden von der Partei abwenden wollten.

Zorn über leitende Politiker, die solche Affären im liebsten im „Vorfeld“ „abräumen“ oder sie, wenn das nicht mehr geht, zumindest zügig „bereinigen“ möchten.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn auch das nicht mehr geht, eine „Ehrenerklärung“ aller Abgeordneten ihrer Fraktion anregen. Der Begriff „Ehrenerklärung“ aber ist schlicht falsch gewählt. Eine Ehrenerklärung kann nur jemand anders für mich abgeben. Nicht ich selbst für mich. Auch nicht als Abgeordneter. Ich kann bestenfalls schwören, unschuldig zu sein und dabei schlimmstenfalls lügen. Wenn ich nicht gelogen habe, müssten schon andere meine Ehre erklären, damit es glaubwürdig ist. Interessant wären die fälschlicherweise „Ehren…“ genannten …erklärungen erst dann, wenn man die Wortlaute kennen würde, auf dass man zwischen den Zeilen lesen könnte, denn da steht das ungedruckte Kleingedruckte. Wenn es zusätzlich eine öffentliche Überprüfung der Vollständigkeit gäbe und eine Information darüber, was denn passieren würde, wenn jemand diese Erklärung nicht abgäbe bzw. eine Information darüber, was passieren würde, wenn sich die Erklärung im Nachhinein als falsch erweisen würde. Das aber gibt es nicht. Heißt: Der (falsch gewählte) Begriff der Ehrenerklärung erweckt den Eindruck, als sei das fade Reinwaschungstheater ein Akt rechtssicherer Würde.

Zorn über leitende Politiker, die tatsächlich glauben, dass all die Menschen, die sich angesichts solcher Vorgänge mindestens erschrecken, eher Zorn spüren oder gar in querdenkenden oder rechtspopulistischen Generalverdacht gegen „das Establishment“ taumeln, sich von solchem Tun überzeugen lassen.

Zorn über leitende Politiker, die Menschen, die so agieren, erfolgreich werden lassen, sie gar fördern.

Zorn über leitende Politiker, die, wenn dann doch den protegierten Aufsteiger:innen Fehlverhalten nachgewiesen wird, sich entrüsten, die Schuldigen rügen, sie vielleicht sogar aus dem Sattel schubsen, um ihnen nach angemessener Karenzzeit wieder in denselben hineinzuhelfen. Wie anders ist zu erklären, dass der gescholtene Herr Amthor ein halbes Jahr nach seinem spektakulären Absturz Spitzenkandidat der CDU in Mecklenburg-Vorpommern für den Bundestagswahlkampf wird?

Zorn darüber, dass Menschen Politiker: innen von solcher Art immer wieder auf’s Neue in so großer Zahl wählen, dass diese Einfluss gewinnen.

Zorn über die mediale Choreographie, mit Hilfe derer wir „Menschen draußen im Lande“ uns letztlich von unserer eigenen Verantwortung entlasten. Eine Choreographie in 5 Akten: 1. Das Aufdecken 2. Das Benennen von Schuldigen 3. Das Empören 4. Das Fordern von Konsequenzen, 5. Das Vergessen. Wir „draußen im Lande“ wallen auf und schließlich einfach wieder ab. Folgenlos.

Zorn über mich selbst, der ich Lust verspüre, mit wortschöpferischer Sprachkunst all dem entgegenzutreten. Die Misere zu nutzen, um so zu tun, als könnte ich Durchblicker solchem Handeln mit spitzer Feder Paroli bieten. Dabei weiß ich doch, dass es nicht nur nicht geht. Weit schlimmer: Mit wissender Pose dagegen an zu schreiben oder zu moderieren oder zu kabarettisieren, ist nur Teil des Spiels. Es schiebt das Aufregen an. Das Aufregen finanziert Medien. Es bewirkt aber keine Veränderung. Denn am Ende der Aufregung beruhigen wir uns wieder und vergessen bei der Suche nach neuer Aufregung.

Ich will da nicht mitspielen. Ich will mich nicht mit Empörung entlasten. Ich will tatsächliche Veränderung. Eine, die mich selber einschließt.

An dem Punkt entsteht eigentümliche, dunkle Leere.
Ich versuche mich, an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich schaue mich um. Ganz langsam steigen furchtsame Schauder des Grusels auf. Die Leere ist nicht leer. Die Schatten finsterer Gestalten geistern durch die fahlen Reste von Licht. Ich schaue weg und wieder hin. Langsam schärfen sich Gesichtszüge.
Ich erschaudere.
Verängstigt ahnend schaue ich mir noch einmal ein Foto von Herrn Nüßlein an. Und eines von Herrn Amthor. Und plötzlich weiß ich, wer diese Gestalten sind: Wiedergänger von Bernhard Vogel. Sie sind Bernhard Vogel. Einst Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, dann – 1988 – nach einer Reihe  von Skandalen, Verwicklungen der CDU in Vetternwirtschaft und Günstlingskultur, gepaart mit auch für Parteifreunde kaum noch erträglicher Selbstherrlichkeit, geschasst. Wiederauferstanden als Ministerpräsident von Thüringen.
Wiedergänger von Bernhard Vogel, der sich in ihrer Gestalt jetzt für erlittenes Unheil rächen will.
Als langjähriger Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken dürfte er genügend Einfluss nach ganz, ganz oben gehabt haben, um das Wiedergängertum schon vor seinem Ableben einzufädeln. So bekommt er die ausgelöste Unruhe nicht nur aus der Ferne mit, aus dem Jenseits, sondern leibhaftig vor Ort.

Ursprünglich hatte er nur Nüßlein ausersehen.

Porträts Vogel Nüßlein

Doch bei der Verwandlung geriet irgendwie auch Philipp Amthor dazwischen.

Porträt Philipp Amthor

Und nun ist er beide.
Zwei mehr als gute Gründe, furchtsam zu sein.

 

 

 

Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.
Die CDU verliert sehr stark an Zuspruch.
„Meine Tageszeitung“ titelt:

Schlagzeile nach LandtagswahlenEhm, – wie jetzt? – sind schwarze Tage für die CDU nicht gute Tage?

22. November 2020

Ich weiß das Datum. Es steht auf einem Notizzettel auf meinem Schreibtisch. Weil es ein bemerkenswertes Datum ist.
Schon oft habe ich Musik geträumt. Sie war im Traum immer sehr gegenwärtig. Und manchmal war es wundervolle Musik, die so außergewöhnlich war, dass sie einfach jede*n betörte.
Wenn ich dann aufwachte, versuchte ich mich immer an diese betörende Musik zu erinnern und musste feststellen: Ich hatte wohl die Außerwöhnlichkeit selbst geträumt, das Betörende.
Nicht aber die Musik.

In anderen Nächten träumte ich tatsächlich wunderbare Musik, an die ich mich nach dem Aufwachen erinnern konnte. Wenn aber ich mir die Töne dann zusammensuchte, musste ich feststellen, die Melodie, die sie ergaben, war nichtssagend und leer.

Dieses Mal aber behielt die Melodie, die ich geträumt hatte, ihren Charakter auch, als ich die Töne am Morgen zusammensuchte und aufschrieb.

 

Sie wollte unbedingt weiterwachsen. Ich stellte dem Melodie-Fragment Akkorde zur Seite.

 

Aus dem frischen jungen Trieb wurde ein kleines Pflänzchen.

 

Und es gedieht weiter. Zum ersten Mal schrieb ich ein Instrumentalstück.
Erst am 15. Januar 2021 war es dann fertig.

Und erst jetzt kann ich es so spielen, dass ich mich nicht mehr krampfhaft konzentrieren muss, sondern es genießen kann.
Ich möchte es aufnehmen.
Da drängelt sich das braune Gefindel  vor. Es will mitmachen. Jetzt, wo es doch in den Status der Kunst aufgestiegen sei, argumentiert es.
Hm, … denke ich. Stimmt ja irgendwie. Also, was soll’s. Macht es eben mit.

 

[Wer möchte, findet hier eine Aufnahme ohne braunes Gefindel (heimlich gemacht, natürlich), und hier die Noten .]

Montag II

Schnee von heute

Schneehaufen Rest

Frage

Und könnte ich so
Wie auf diesen Rest
Vom wilden Schneeweh’n
Auch auf mich selber seh’n:
Selbst im Vergeh’n
Noch schön?

 

Montag I

Schnee von gestern

Auch Schnee von gestern

Schneematsch, Reifenspur

Artikel Halterner Zeitung Freie Pflegeplätze

Station betreutes Schreiben.
Der Pfleger kommt rein. Wedelt mit einem Zeitungsausschnitt.
Sagt: „Na?“ Langgezogen. Sprachklang erst leicht runter, dann aufwärts. Der klassische scheinfreundlich übergriffige „Ich-weiß-was-gut-für-dich-ist-Pflege-Ton.
„Nnnaaaa? Haben wir heute unser Antiidiotikum wieder nicht genommen?
Leute! Also bitte!
Nehmt einfach nochmal die Zahlen:
Freie Pflegeplätze in NRW im März 2020: 450.
Freie Pflegeplätze in NRW im Februar 2021: 2900
Woran könnte es liegen, dass kurz vor der Pandemie, die Zahl der freien Plätze in Pflegeheimen noch sehr gering war und heute – ein Jahr später, eben genau dieses Pandemie-Jahr später – die Zahl deutlich höher ist? Nnnaaaa?“

SonntagEiszapfen auf Regentonne

Das große Schmilzen hat begonnen.

Die „Nur-mal-eben-zum-Kompost-Gartenschlappen“ tauchen wieder auf.

Gartenschlappen im Schnee

Aufbruch. Die Liebste scharrt schon mit den Füßen. Einen Moment muss sie sich einfach noch gedulden. Ich will unbedingt ein Foto machen. Eines, das vielleicht – so denke ich – bald nicht mehr möglich ist.
Die wunderbar gleichmäßig geformte Lasche aus Schnee, die sich in sanfter Biegung über die Regenrinne wölbt, hat in größerem Abstand schon den einen oder anderen Schmelzwassertropfen aus ihrer tiefsten Stelle entlassen. Ich träume von einem Foto, dass genau so einen Tropfen einfängt, überdacht von dieser gleißend weißen Schnee-Wölbung.

Ich eile hinaus. Und tatsächlich! Es gelingt mir. Es ist gar nicht einfach, sich an den langsamen Tropfrhythmus zu gewöhnen, sich einzuschwingen in ihn und dann den Auslöser in genau dem Moment durchzudrücken, in dem der Tropfen noch am Schnee hängt, sich aber gleich auf den Weg machen wird, so dass er ins Bild kommt, wenn der Auslöser mit kleiner Verzögerung den Weg des Lichts zum Sensor freigibt. Mindestens drei oder vier Fotos gelingen mir. Das Glück wird perfekt abgerundet: Unmittelbar nach dem Moment, in dem ich denke: „Ok. Das war’s. Ich hab’s.“, bröckelt mit einem sehr leise knirschenden Zischen ein Teil der perfekten Laschen-Wölbung ab. Das Kunstwerk ist dahin. Aber das Foto im Kasten.

Als wir wieder zurück sind, kann ich es gar nicht abwarten, mir die Fotos auf dem großen Bildschirm anzusehen. Ich öffne die kleine Kappe vor dem Fotokartenfach an der Kamera. Und mir wird heiß. Sie enthält keine Karte. Im selben Moment fällt mir ein: Die Karte steckt noch im Laptop. Vom letzten Bilder-Überspielen. Es gibt kein Traum-Foto.

Mit traurigem Trotz gehe ich raus und schau mir die Stelle an. Mache ein Tropfen-Foto mit abgebröckeltem Kunstwerk.

Schneeschmelze Tropfen in der Luft
Nun gibt es ein weiteres Fotos, an das ich mich bis ins Detail erinnere. Gerade weil es nicht existiert.

 

 

Samstag II

Ist das Kunst oder kam das weg?

Farbkleckse auf Schnee

 

Samstag I

Wirklich versucht. Aber dann abgebrochen. Ball nicht wieder gefunden.

Schnee auf Tischtennisplatte

Freitag

Die Hunde-Runden sind gut markiert.
Wäre das nicht auch eine Option für Hänsel und Gretel gewesen?

Hundepisse im Schnee

Donnerstag

„Ok,“ stöhnte der Wind. Er war doch ziemlich aus der Puste. „Ich bin soweit. Jetzt bist du dran. Mach was draus.“

Das ließ die Sonne sich nicht zweimal sagen.

Welke Pflanze schaut aus dem Schnee

Schneelücke vor Rostwand

Zweigenden über Schneedecke

Schneedach über Regenrinne

Schneehaube auf welker Blüte

Mittwoch

Na, das wird mir ja ein lustiges Winterfreuden-Spektakel gewesen sein heute Morgen.
Da wurde offenbar in geselliger Runde beieinander gestanden, getrunken, geschlindert, gerodelt.
Wahrscheinlich ohne Masken und Abstand.
Wenn das mal bloß kein Vogelgrippen-Superspreading-Event war.

Vogelspuren am Teich
Karl, der Kauz, und Lothar, die Lerche, warnen schon.
Leugnen zwecklos. Es gibt einen Zeugen

Augen im Schnee

Aber es wird nichts nutzen. Die Vogel-Party-Scouts haben schon einen neuen Tatort entdeckt.

Planschbecken im Schnee

Dienstag

Es wurden immer mehr. Sie standen dicht gedrängt um ihn herum. Immer wieder zirpten und flatterten sie sich die Aufregung aus dem Leib. Er sprach mit solcher Inbrunst, solch ernster, wissender Hingabe. Er wirkte nicht wie einer von den denen, die sich auf wahnhafte Art erleuchtet gebärden. So viele hatten sie schon erlebt.
Nein, er wusste wirklich. Sie beruhigten sich. Sie wurden Zeugen tiefer, schauender Erkenntnis. Und glaubten ihm.

„Ich habe ihn gesehen. Mit eigenen Augen. Er ist der Messias. Er ist über’s Wasser gegangen.“

Eisfläche mit Vogelspuren

 

Sonntag

Am Morgen sieht der flauschig weiche Überzug über die Welt noch ganz lauschig aus.

Dann aber will der Winter mehr. Er stürmt herein. Wie wütend wummert wilder Wind auf- und abbrausend um die Ecken, das Dach, die Fenster.

Als Winter-entwöhntes westfälisches Weichei stehe ich hinter der Scheibe und weiß nicht, ob ich mich gruseln, glotzen oder einfach genießen soll.
Also mache ich alles gleichzeitig.

 

Wir brauchen eine Weile, bis wir begreifen, dass wir ja raus müssen. Schnee schaufeln. Maximale Antikälte-Ausrüstung und los. Dreimal fangen wir wieder von vorne an, bis wir auch das begreifen: Wir können nicht dagegen anschaufeln. Wenn wir hinten angekommen sind, ist vorne wieder alles voll. Wir sollten einfach nachgeben.

Am Nachmittag starte ich einen Versuch, ob ich das Auto aus der Einfahrt bekomme. Ziemlich idiotisch, das Unterfangen. Nur weil ich morgen einen Inspektionstermin habe. Der Laden muss ja laufen. Nachbarn helfen. Beim zweiten Mal Festfahren bäumt sich bei ihnen Ehrgeiz auf. Jetzt nicht aufgeben. Bei mir bäumt sich nichts auf. Ich freue mich über die Hilfe und finde zugleich absurd, was wir tun. Und mir ist kalt. Außerdem habe ich schon Nachgebe-Erfahrung. Ein schönes Gefühl. Deshalb: Rückzug.

Jetzt begnüge ich mich mit Rausschauen. Nach jeder neuen Stunde sieht die Welt anders aus. Und wirkt stiller und stiller. Und das, obwohl das Wüten des Windes zunimmt.

Schnee an der Haustür

Schneeblick auf Fenster

Schneefenster hinter Flügel

Melancholie als Glück am See

Eigentlich mag ich die scheinmeditative Erzählung vom Innehalten, vom Zusichkommen in „dieser Zeit“ nicht. Zu sehr erscheint sie mir als ein allzu bemühter Versuch, um es mit Herbert Knebel zu sagen: Vor Ort imma dat Beste auße Situation rauszuziehen. Nur eben ohne die clowneske Selbstveräppelung.
Andererseits: Das heute hätten wir ohne die dringende Aufforderung zu Abstand und Kontaktbeschränkung nicht erlebt. Und das wäre sehr, sehr schade.

Die Tochter und ich wollen uns unbedingt mal wiedersehen. Indoor gemütlich bei einem Kaffee und einem Stück Torte geht nicht. Also Outdoor. Baldeneysee. Ungefähr die Mitte zwischen ihr und mir. Der See empfängt uns mit einer geradezu ikonisch melancholischen Inszenierung.

Nebel und Niesel am See

Tieftrüber Nachmittag mit Nebel und Nieselregen. Ein Tag, der es kaum geschafft hat, überhaupt Tag zu werden.
Als wir auf dem Parkplatz voreinander stehen, verzichten wir darauf, uns zu umarmen. Und tun es irgendwie in Gedanken doch.
Wir haben sogar ein bisschen was für’s Picknick dabei.
Dann traben wir los. Am See entlang. Müssen erst einmal immer wieder von Neuem staunen über diese uferlose Tristesse. Wirklich staunen. Im schönen Sinn des Wortes.
Dann reden wir beim Traben. Die Natur gibt uns das Thema vor. Traurigkeit. Wir reden über schwere Zeiten in unseren Leben und in dem anderer, die uns nahestehen. Darüber, wie diese Zeiten angeglitten kamen oder über uns hereinbrachen. Wie wir uns darin fühlten. Wie wir dachten, es könnte niemals noch trauriger sein und zugleich genauso niemals besser. Und wir erzählen einander, wie sich diese Zeiten dann immer wieder umformten. Wir fragen uns, was uns dann eigentlich doch die nicht für möglich gehaltene Kraft gab, langsam den Blick wieder zu öffnen. Und ob diese Kraft eigentlich die ganze Zeit da war, wir sie nur nicht sahen. Ob sie eine Frage des Entschlusses ist oder einfach Glück. Und ob und wie, wenn ja, Hilfe möglich war.
Es ist wundervoll. Als wären unsere ernsten Gedanken nicht aufgerufen im zarten Luftzug unter klarem Himmel möglichst rasch sich zu zerstäuben. Als wären sie im Gegenteil eingeladen zu bleiben. Wie von den zierlichen Nieselnebel-Tropfen gebunden uns zu umwehen, auf dass wir sie in Ruhe anschauen können. Die Melancholie als Glück erleben.
Wieder einmal bleiben wir länger stehen. Über uns ist wie aus dem Nichts ein großer Schwarm Dohlen aufgetaucht. Und schnattert und flattert ein paar Runden. Und ist auf einmal wieder verschwunden.

abendlicher Dohlenschwarm
Unbemerkt von uns wird es spät.
Erst auf dem Rückweg, vielleicht angeschubst vom ersten offenen Blick auf die Laternen, die sich redlich bemühen, zu leuchten, ohne Nebel und Niesel zu sehr zu stören, fällt uns unser Picknick wieder ein.

Bänke im Nieselregen
Wir setzen uns auf eine nasse Bank. Kichernd angeln wir unsere Schätze aus dem Rucksack: eine Thermoskanne Rooibos-Tee, zwei liebevoll in Trockentücher gewickelte Tassen. Welche Farbe möchtest Du? Heute mal Sonnengelb. Das Töchterchen kredenzt – TaDaah!! – eine Tupperdose voller frisch gebackener Neujährchen. Der krönende Höhepunkt unserer Tafel. Der Tiefpunkt: Ein waschechter Flachmann. Mit Weinbrand. Von der Tanke. Für den Schuss. Und für einen kleinen Extrakick beim Aufwärmen. Mutprobe – kicher, kicher. Ein kleiner Schluck pur. Brrrr. Kicher,kicher. Ich weiß nicht, wie Diesel schmeckt, aber ich schätze so.

Flachmann Weinbrand
Eine verrückte Mischung: Urbanes Untergrundgesöff, feiner Berliner Bio-Café-Stuben-Frauen-Pläuschchen-Tee und Omas Knisper-Gebäck. Mit einem Dach aus Niesel und Nebel.

Erst als wir uns beide ein paar Mal schon die Kälte aus den Körpern geschüttelt haben, fällt uns auf, dass es Zeit ist zu gehen.

Auf dem Parkplatz verabschieden wir uns. So glücklich, dass wir uns umarmen – huch! In echt. Kicher, kicher …

 

Wie das alles so zusammenhängt, irgendwie

Versuche

Skulptur rote Ohren Phönix-See

Am Südost-Ende des Phönix-Sees in Dortmund gehen wir einfach los. Die nächste Etappe unserer Emscher-Tour, die bei der Mündung begann und irgendwann an der Quelle enden soll. Nach 2, 3 Kilometern schauen wir doch spaßeshalber mal nach, wie weit es eigentlich jetzt noch bis zur Quelle ist. Und erschrecken: Nur noch ungefähr 8 Kilometer. Unser Corona-Projekt „Emscher“ kann heute enden. Heute!?!
Ein bisschen Trauer schleicht sich an. Schon fürchten wie das Ende. Wie bei einem tief berührenden Film, an dessen Ende man schweigend den Abspann schaut. Bis das Licht angeht. Oder bei einem Buch, das weitergehen soll. Bei dem man auch den letzten Buchstaben aus dem Impressum saugt und aus den Hinweisen auf weitere Bücher dieses Autors, nur damit es nicht aufhört.
Wie malen uns Bilder einer Quelle aus. Vielleicht ein großer Steinhaufen, aus dessen Mitte plötzlich ein drängendes Rinnsal kullert? Oder ein altes dünnes Rohr, das irgendwo aus dem Nichts heraus das sprudelnde Nass in die Welt schickt, auf dass es groß und stark werde. Ein kleiner See, in dessen Mitte ein zartes Strudeln den Zufluss frischen Wassers markiert?
Ein Hinweisschild?: „Hier entspringt die Emscher“, … der so lange als Abwasserkanal geschundene Fluss, der jetzt wieder leben darf …
Wir stapfen weiter. Nehmen den Faden unseres Gespräches vorher wieder auf. Die Liebste erzählt von ihrem Philosophie-Seminar. An den denkwürdigen Satz, die Suche nach Erkenntnis sei der Versuch, „das Unberührbare unberührenderweise zu berühren“, knüpfen wir immer neue Fragen- und Gedankennetze. Je näher wir der Quelle kommen, desto feinsinniger und filigraner werden sie. Ist nicht die Fähigkeit, nach Erkenntnis zu suchen, schon der Beweis, dass es sie gibt? Auch die letzte? Auch wenn wir sie nicht finden? Wenn unsere Versuche genau das eben bleiben müssen? Reden und denken und schweigen und schreiten und reden und denken …
Plötzlich zieht sich die Quelle wieder zurück. Wir können dem Fluss nicht folgen und müssen einen Umweg gehen. Ob es überhaupt eine Quelle gibt?

Quellteich Emscherquellhof

Und dann tauchen sie doch auf: Die Umrisse des „Emscherquellhofes“. Wir sind so aufgeregt, dass wir die Info-Tafel auf dem Vorhof nicht lesen können. Keine Zeit. Ein Steg, der über den Anfang eines Teiches in das abgezäunte Gelände führt, und an dessen Ende wir den Ursprung der Emscher vermuten, ist gesperrt mit unromantischem rot-weißem Flatterband. Eines der Insignien der pandemischen Zeiten. Zutritt verboten. Nicht mal: Betreten auf eigene Gefahr. Jenseits eines kleinen Wassergrabens sehen wir einen zweiten Zugang zu dem Steg. Glitschen über den Hang des Grabens zu ihm hin. Betreten den Steg. Schieben den Hauch von schlechtem Gewissen beiseite. Das muss jetzt einfach sein.
Doch auch am Ende des Steges ist keine Quelle. Nur dieser Teich. Ohne Strudel.
Ein schmaler Graben mit stehendem Wasser führt zu ihm hin. Vielleicht an dessen Ende?
Wir gehen den Steg zurück und steigen über einen Zaun, der an einer Stelle schon so weit niedergedrückt ist, dass man von „Steigen“ kaum sprechen kann. Auf einer brachliegenden Wiese folgen wir dem Zaun, der ungebetene Gäste vom Emscherquellhof abhält. Immer tiefer hinein ins Unterholz. Doch auch hier: Keine Quelle.
Etwas enttäuscht kehren wir wieder um. Am niedergedrückten Zaun empfängt uns eine Frau. „So“, sagt sie, „da müssen wir wohl hier auch ein Schild aufstellen: Betreten verboten.“ Sie klagt, dass hier unangenehm oft Menschen die Wiese betreten. Dort seien sonst Schafe mit ihren Lämmern. Passanten scheuchten sie immer wieder auf.
Ich wehre mich. Klar sind wir über den Zaun gestiegen. Aber wir scheuchen keine Tiere auf. Hier sind nämlich gerade keine. Ja, jetzt gerade nicht, sagt sie. Wenn wir Tiere gesehen hätten, überspringe ich ihren Einwurf, wären wir gar nicht auf die Wiese gegangen. Auch wenn schon klar war, dass unser Betreten der Wiese eigentlich nicht zulässig war, so wehre ich mich doch gegen den Generalverdacht, dass die doofen Touristen immer alles zertrampeln und die Tiere aufscheuchen.
Nach ein bisschen Hin- und Hergeschiebe von Meckern und Verteidigen beruhigen wir uns und kommen ins Gespräch. Sie züchtet Schafe. Und, ja, zu anderen Zeiten sind sie genau hier mit ihren Lämmern.
Aus dem Gespräch wird interessiertes Plaudern. Wir haben einander den Ärger erlassen.
Schließlich kommt das Gespräch auf den Wolf, den es bei uns in der Gegend schon gebe. Hier auch? Nein noch nicht, aber es sei nur eine Frage der Zeit. Der Wolf, so klärt sie uns auf, wäre kein Problem, wenn er ein Lamm reißen und wieder verschwinden würde, um sich satt zu fressen. Wahrscheinlich würden die meisten Schäfer ihm sogar freiwillig einfach eins geben. Das Problem sei, dass der Wolf nach dem ersten Angriff in einen Blutrausch verfalle. Er töte dann viele Tiere, ohne sie fressen zu wollen. Man könne sich schon vorstellen, dass ein Schäfer ziemlich verzweifelt wäre, wenn er morgens auf der Wiese Unmengen blutig aufgerissener Kadaver fände. Das zerreiße einem das Herz. Ja, man könne die Tiere mit einem Elektrozaun schützen, aber erstens helfe das nur bedingt und zweitens seien das Kosten, die das Land nur zum Teil ersetze. Ob es denn Schutzhunde gäbe? Ja, aber dann müsste die Abzäunung doppelt sein. Ein innerer Zaun und ein äußerer Elektrozaun. Das sei noch teurer.
Man hört ihre Sorge. Die Diskussion um das Erschießen der sogenannten „Problemwölfe“ erscheint dennoch auch ihr albern. Immer werde alles gleich so grundsätzlich und allgemein diskutiert. Anstatt vor Ort gute Lösungen zu finden.
Inzwischen sind wir so vertraut im Gespräch, dass wir erzählen: Jetzt sind wir am Ende unserer Emscher-Wander- und Radelschaft. Und keine Quelle.
Sie fühlt mit uns und schaukelt einen Schlüsselbund. Ich kann sie reinlassen, sagt sie sogar, dann können sie sich im Keller einen kleinen Brunnen mit einem Info-Schild ansehen. Aber die Quelle ist das auch nicht. Die ist dahinten.
Undefiniert ausladend in Richtung eines kleinen Wäldchens rudernde Armbewegung.
Wo genau?, merken wir auf.
So gut sie kann, beschreibt sie uns die Stelle. Es seien dort Rinnsale zu erkennen, die aus einem Feld sickern. Wenn sie überhaupt Wasser führten, erkenne man drei. Dort beginne die Emscher.

In Frieden verabschieden wir uns. Um die eine oder andere Erkenntnis reicher. Nicht die große, deren Netz wir auf dem Weg hierher knüpften. Aber doch ein paar kleine.
Beim Weggehen sprechen wir noch ein bisschen über diese Begegnung. Eigentlich nur durch Zufall stolpern wir über einen Gegensatz, der sich – jetzt, im Nachhinein – jeder Erkenntnis entzieht. In einem Nebensatz sprach die Schafzüchterin über einen anderen Beruf. Stellvertretende Schulleiterin. Ich verstand: „In meinem ersten Leben war ich …“ und baue mir die dazugehörige Aussteigerin-Phantasie. Die Liebste verstand: „In meinem echten Leben bin ich …“ und phantasiert das Schafe Züchten als Ausgleich zu einem stressigen Berufsleben. Jetzt kann bestenfalls noch ein/e Jede/r von uns Erkenntnis über sich selbst gewinnen.

Emscher Quelle Rinnsal
Wir finden in dem Wald tatsächlich die drei Rinnen. Jedenfalls bilden wir uns das ein. Eine davon führt sogar Wasser.
Wir sind erleichtert und müssen zugleich schmunzeln. Die Quelle der Erkenntnis ist dieses Rinnsal nicht. Auch nicht das, was wir in poetischen Träumen Quelle nennen. Aber ein Teil davon. Irgendwie. Immerhin.

 

Gedenktag

Denken. An das, was ein verwirrter alter Mann vor gar nicht langer Zeit im deutschen Bundestag – nicht an irgendeinem muffigen Stammtisch – einen „Vogelschiss“ nannte.
Auch wenn Frauen und Männer seiner Gemeinschaft nicht müde werden, etwas anderes zu erzählen, – …
Wer sein Land liebt, ist kein Rechtspopulist und schon gar kein Nazi.
Und umgekehrt.

Mein ganz persönliches Gedenken?
Dieses Lied. Die Kinderhymne.

 

Ent-sinnen

Wenn ich in Dir verrinne
Wenn sich der Sinn der Sinne
Vom Außer mir ins Innen
Stülpt und umgekehrt
Zugleich er-innert und begehrt
Dann gibt es kein Entrinnen
Schon will beginnen
Das Entsinnen

Aufblitzt sie wieder:
Die Verletzlichkeit des Augenblicks.

Die Schulen bleiben weiter zu. Oder sie sind ein bisschen auf für Notfallbetreuung. Je nach Bundesland.

Es heißt, man habe gestritten. „Heftig gerungen“. Wenn ich das höre, habe ich unwillkürlich das Bild von Sumo-Ringer – Päuschen – innen vor Augen. Armin Laschet und Markus Söder im Mawashi, dem XXXXL-Tanga für Kraftprotze.
Einige Politiker – Päuschen – innen hätten die Sorge geäußert, gerade Kindern aus bildungsfernen Schichten würde durch das Schließen der Schulen die Teilhabe an Bildungsgerechtigkeit verwehrt.
Ob sie das ernst meinen? Ob sie wirklich glauben, die Bildungsgerechtgkeit würde schon steigen, wenn man überhaupt nur schon mal hingeht?
Einfach erst einmal hingeht, – in genau das System, dem Jahr für Jahr von Pisa- und zahllosen anderen nationalen und internationalen Bildungsstudien gerade das bescheinigt wird: Das Fehlen von Bildungsgerechtigkeit. Wenn alles nach Plan läuft.
Ob sie wirklich glauben, Bildungsungerechtigkeit, die es abzubauen gilt, würde nicht auch in der Schule produziert? In genau der Schule, in die die Kinder jetzt einfach erst mal hingehen sollen?

Wir brauchen neue FFP2-Masken. Ich kaufe direkt ein 10er-Pack.
Spaßeshalber schaue ich nach, wo sie produziert wurden.
China.
Die, die zuhause noch liegen, auch.
Nein – kein Hinweis auf eine Verschwörung.
Aber eine schöne Metapher ist es schon. Für den schnellen Verfall guter Vorsätze, wenn die Wirklichkeit weiter wirklichkeitet.
Im Frühjahr 2020 beklagte der Gesundheitsminister – gerne auch zusammen mit dem Ministerpräsidenten von Bayern – die zu große Abhängigkeit Deutschlands von China bei Medizin-Produkten und betonte die Notwendigkeit, das „mittel- bis langfristig“ zu ändern.
Ach so, – 1 Jahr zählt noch zu „kurzfristig“? Verstehe.

Doch noch einmal: Schnee

Schnee auf Winterpflanzen

Tonschildkröte im Schnee

Ich bin zu melancholisch, um es einfach nur zu genießen.
Dafür müsste ich FDP-Wähler sein.
Dann würde ich propagieren, für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Klimawandel auf die Innovationskraft „der Wirtschaft“ zu vertrauen.
Und darauf hoffen, dass es ihr recht bald gelinge, markttaugliche kleine Schneekanonen für den privaten Gebrauch zu entwickeln. Damit ich auch in Zukunft nicht auf winterliche Atmo im Garten verzichten muss.
Und einen Spaziergang im Schnee.

Spaziergang im Schnee

Transportable Variante für Schneemann-Kinderspaß.
Spendenfinanziert. Initiiert vom Lions Club.

Tatprotokoll:

Tatbestand:            Überschreitung der Bewegungsgrenze
Datum:                    16.01.2021
Uhrzeit:                   14:16
Extakter Tatort:    Kartenausschnitt

Kartenausschnitt 15km von Haltern
Beweismittel (s.u.):    Foto Überwachungskamera

Überwachungscam Überschreiten 15-km-Grenze

Angaben des Beschuldigten:

Was soll ich sagen? Die Beweislage ist eindeutig. Ja, ich habe die Demarkationslinie 15 km Luftlinie entfernt von der Außengrenze meines Wohnortes überschritten. Ohne triftigen Grund. Oder, … sagen wir: Ohne für andere triftigen Grund. Für mich war er triftig. Ich wollte einfach mal den Kitzel erleben, etwas Verbotenes zu tun.
Und ich habe wirklich gedacht, es würde keiner merken.
In Demut blicke ich meiner verdienten Strafe entgegen.

Dafür, etwas Verbotenes getan haben zu wollen, wenn es gerade keiner merkt.

Advents-Spaziergang in Anderland

Mir selber glauben

Heute schäme ich mich dafür. Gestern gab ich einer Freundin prunkvolle Ratschläge. Ungefragt. Als wüsste ich mehr vom Leben. Dabei dienten die Ratschläge nur dazu, mir genau das einbilden zu können.
Sie klagte über ihre Unsicherheit beim Besuchen ihres Vaters, der neuerdings in einem Altenheim in der Nähe lebt. Er ist dabei nach Anderland abzuwandern. Sie wisse oft nicht, was sie mit ihm reden oder mit ihm machen könne, denn, „was wir gemacht haben, was wir geredet haben“, das gehe ja alles nicht mehr.

Meine Mutter lebt schon länger in Anderland. Ich sah die Chance mich selbst schon erfahrener zu fühlen und griff zu. Wälzte mich ein bisschen im Hochgefühl der Einbildung, ich hätte gelernt, damit umzugehen. Kann dieses Hochgefühl in den Vordergrund schieben. Vor die Zweifel, – dieselben Zweifel wie ihre.
Es sind Ratschläge, wie: Sie solle mit ihrem Vater Dinge tun, die ihr selbst gefielen. Sich nicht so sehr mit der Frage zu quälen, was denn ihrem Vater guttäte. Oder gar, was er wolle. Denn das könne man ohnehin bei einem Menschen in Anderland gar nicht mehr so genau sagen. Und noch weniger könne man es von ihm erfahren. Am besten wäre, dafür so sorgen, dass es ihr beim Besuchen gut gehe und dann gehe es ihrem Vater auch gut.
Ich rate. Und komme mir wissend vor. Und merke nicht, dass ich auch nur rate, nicht weiß. Und es fällt mir schwer, mit dem Rat-Schlagen auch wieder aufzuhören.

Heute erinnere ich mich auf dem Weg zu meiner Mutter daran. Als würde ich mich selbst von gestern ernst nehmen, beschließe ich, heute danach zu handeln. Ohne großes inneres TamTam. Einfach so.

Wir machen einen langen Spaziergang. Der immer länger wird und immer länger dauert, einfach weil er Spaß macht. Mir Spaß macht. Ich schaue kein einziges Mal auf die Uhr. Wie ich es sonst meist mache. Gucken, ob die Zeit bald um ist. Eine Stunde muss ich schaffen. Ich entdecke alle möglichen Dinge und plapper so vor mich hin. Dabei entdecke ich wieder andere Dinge und plapper wieder so vor mich hin. Vielleicht in ihre Richtung und zugleich wie zu mir selber. Und machmal reagiert sie sogar. Irgendwie.

Stadtpark Maulwurfshügel

Ich sehe auf der Wiese im Stadtpark Maulwurfshügel, die wie frisch aufgeworfen aussehen. Ich mache sie darauf aufmerksam. Aber ich weiß nicht, ob sie sie sieht. Ich erzähle, dass ich zu gern mal einen Maulwurf sehen würde, wie er gerade den Kopf aus dem Hügel streckt. Aber heute, sage ich, wird das wohl keiner tun. So kalt, wie es ist. Gut, dass ich eine Mütze aufhabe. „Übrigens“, sage ich, weil es mir gerade so einfällt, „Ich hab mir gestern extra für dich die Glatze rasiert. (Das stimmt nicht, aber in Anderland ist egal, ob etwas stimmt.) Damit sie schön glatt ist. Willst Du mal fühlen?“ Ich nehme die Mütze ab und halte ihr meine Glatze hin. Sie reagiert. Sie fühlt tatsächlich. Sie ist mit einer Intensität zärtlich, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. Auch als Kind schon nicht.

Gartentor Fahrradklingel

Kurz danach entdecke ich am Eingangstor zu einem Schrebergarten einen Schmetterling – guck mal, wie schön diese Farben sind – und eine Klingel. Ich zeige ihr beides. Ich weiß nicht, ob sie es sieht. Ich probiere die Klingel aus. Sie merkt auf.

Was wir alles noch entdecken! Nein, was ich alles entdecke! Und ihr dann zeige. Egal, ob sie es mit Aufmerksamkeit ‚honoriert‘ oder nicht.

Vogelnest mit Plastikstreifen

Guck mal, da hat ein Vogel Plastikstreifen in sein Nest eingebaut. Sie guckt mich an, ich lache, sie lacht auch. Ich weiß nicht worüber. Vielleicht irgendwie auch über die Plastikstreifen. Es ist nicht wichtig.

Moos auf einer Hecke

Guck mal, da ist auf der Hecke Moos. „Das gibt es bestimmt oft, ist mir aber noch nie aufgefallen. Ist dir sowas schon mal aufgefallen?“, frage ich sie. Nicht, weil ich eine Antwort erwarte. (In Anderland erfüllt sich eine Frage nicht in einer Antwort.)
Ich zupfe ein Moos-Büschelchen ab und reiche es ihr. Vorsichtig befühlt sie es mit spitzen Fingern und gibt es nicht mehr her.

Moos fühlen

Wir kommen an einer kleinen alten Kirche vorbei. Komm, da gehn wir mal rein. Schau, da oben, an der Orgel, da habe ich Orgel-Spielen gelernt.

Beichtstuhl

Und da unten in den Beichstuhl bin ich auch regelmäßig gegangen. Dann hat man sich hier so hingekniet (ich mache es ihr vor) und dann hat man durch ein Gitter durch dem Pastor gesagt, was man für Sünden begangen hat. Zum Glück musste man das nicht so ganz genau sagen. Es reichte, wenn man sagte: Ich war unkeusch. Jedenfalls bei mir.
Ich beichte meiner Mutter, dass ich manchmal Sachen gebeichtet habe, die ich gar nicht gesündigt hatte. Einfach um was zu sagen. Ich hatte gar nicht das Gefühl, in den letzten Wochen gesündigt zu haben. Aber ich wusste, dass man immer irgendwie sündigt. Und das Gefühl, Sünden vergeben zu bekommen, war schön. Egal, ob man sie begangen hatte. Bei der Erinnerung lache ich sie an. Sie schaut skeptisch. Als würde sie überlegen, ob ich sie veräpple.

Draußen stehen mehrere große Tannenbäume auf einem kleinen Platz. Alle sind weihnachtlich geschmückt. An einem hängen große Kugeln, in denen man sich spiegeln kann.

Spiegelnde Kugel am Weihnachtsbaum
Ich bin davon total fasziniert. Sie schaut teilnahmslos zu, wie ich uns fotografiere. So teilnahmslos, dass ich mir nicht einmal einbilden kann, sie wäre kurz mal rübergekommen aus Anderland.
Also wandern wir weiter.
Ich überwinde meine Scheu – immerhin sind wir öffentlich – und fange an „Oh Tannenbaum“ zu singen. Natürlich mit gedämpfter Lautstärke.
Doch, – ich hab so meine Tricks. Ich bin gespannt, ob er auch heute wieder funktioniert.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün – ich werde auf sehr energische Art langsamer – sind deine – noch langsamer, Augenbrauen hoch, Blick in ihr Gesicht, aufforderndes Zeichen – Warten. Irgendwas geht in ihren Gesichtsmuskeln vor sich. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, kommt es doch: Tonlos  brabbelt sie „… Blätter“ vor sich hin.
Den Rest der ersten Strophe singen wir zusammen.
Ich so leise, dass ich sie hören kann.

 

Deko im Haus

Die Liebste dekoriert unser Zuhause regelmäßig um.
Ich möchte auch mal.

braunes Laub auf Mauerkopf

Laub-Blatt braun

Mit großer Sorgfalt sammle ich lauter braune Herbstblätter und drapiere sie hingebungsvoll auf dem Kopf einer Mauer im Treppenhaus. Mehrmals sortiere ich sie um, bis ich zufrieden bin.
Begeistert zeige ich mein Werk der Liebsten. „Und?“, mit beifallheischend hochgezogenen Augenbrauen schaue ich sie erwartungsvoll an. … – … „Ja“, sagt sie, „doch, – schön.“
Ich will das unbedingt als Kompliment verbuchen und ignoriere das Zögern vor dem Satz, das etwas künstliche, gewollte Hochfahren der Stimmklang-Kurve beim Ö und die sehr dezente Zunahme der Ironie-Fältchen in ihren Augenwinkeln.
Aber das funktioniert nur kurz.
Dann bin ich doch mal enttäuscht und dann wieder rebellisch. Ich fordere mehrere Gäste auf, sich mein Werk anzusehen. Einer findet es schön. 5 finden sie „ganz schön“ und es ist klar, dass sie das nur sagen, um keiner/m zu nahe zu treten. Eine kriegt unschuldig unverfroren einen kleinen Lachanfall.

braunes Laub-Blatt auf Flügel

Nächstes Jahr werde ich es anders machen. Ich werde Fotos von den schönsten Braunblattexemplaren überlebensgroß aufblasen und sie an mehreren Wänden drapieren. Ich werde es Installation nennen. Titel: Braunes Gefindel.

Dann ist es Kunst. Und dann woll’n wir doch mal sehen.

Herbstblatt, braun

braunes Herbstlaub auf Tastatur

Blüte im November

Der Himmel wie mit tristem, künstlichem konturlosem Grau beschichtet. Und viel zu tief. Beinah ist man geneigt, geduckt zu gehen. Kann dort oben je eine Sonne zu sehen gewesen sein?

„Mir egal“, denkt sie, „leuchte ich eben selber.“
Und wie um der Sonne, die eh nicht zu sehen ist, zu beweisen, dass sie sie nicht braucht, fängt sie an mehreren Tagen im November immer kurz nach dem Anbruch des Abends an einen ihrer Leuchtkörper zu entfalten.

Aufblühen der Nachtkerze 1

Aufblühen der Nachtkerze 2

Aufblühen der Nachtkerze 3

Ich bin so erleichtert. Der Gesundheitsminister bittet dringend darum, nicht notwendige Kontakte zu vermeiden.
Ein Glück! Ich habe nur notwendige. Sonst hätte ich sie ja nicht.

Berlin

Berlin geschlossene Apotheke

Ob er jede Nacht dort steht? Auf uns wirkt es so. Wenn wir am späteren Abend noch einmal auf eine Runde aufbrechen oder zurückkommen, fügt es sich immer so, dass wir eine der beiden Straßen nehmen, die schräg aufeinander zulaufend am Ende ein Dreieck formen. In dessen Spitze liegt die ehemalige Apotheke. Dort entdecken wir ihn am ersten Abend. Und am zweiten. Am dritten Abend warten wir schon darauf, dass uns der Klang seiner Stimme und seiner Gitarre entgegenweht.
Erst, wenn wir dann tatsächlich um die Ecke biegen, sehen wir ihn.
Dann hellt der Klang kurz auf.
Wird echt.
Um gleich danach, beim Weitergehen, langsam wieder aus dem Tönen der Stadt ausgelöst zu werden.
Er ist ein wirklicher Mensch. Vielleicht obdachlos. Vielleicht arm. Hilfsbedürftig. Vielleicht auch nicht.
Oder ist er mehr eine Figur aus einer Erzählung? Ein kurzes Auf- und Ableben einer Geschichte?
Er hat den Kopf über seine Gitarre geneigt. Liegt seine Geschichte ihm schwer im Nacken? Oder ist er einfach ins Musizieren hineingesunken?
Er ist ein Könner. Jedenfalls war er das. Man hört die Gewandtheit von Fingern und Handgelenken. Wie sie Momente von grooviger Stimmigkeit kreieren. Man hört eine Stimme, die mit ihrem schneidend kehligen Sound fast so kunstvoll nicht singen kann wie Bob Dylan. Das einschlägige Song-Vokabular: Station, Love, Waiting, Lost … . Für einen Moment fügt sich sein ganzes Tun in verlockenden Klang zusammen.
Und bröckelt dann wieder auseinander.
Man möchte sich seine Existenz erklären. Wie man sich Begebenheiten eben immer zusammenreimt beim Streifziehen durch die große Stadt.
Aber er verweigert das. Er ist kein Straßenmusiker. Es gibt kein Gefäß, in das man Geld werfen könnte. Es gibt vor ihm auch keinen Platz, auf dem sich Menschen sammeln könnten. Im Gegenteil. Vor ihm gibt es einen schmalen Weg, der geformt wird von weißen Baustellen-Begrenzungs-Aufstellern. Man kann hier nur schnell um die Ecke huschen. Fußgänger und Radfahrer müssen sich umeinander herumdrücken. Erst recht jetzt, – in Corona-Zeiten. Hören könnte man ihn ohnehin nur unmittelbar vor ihm, denn rechts und links von ihm sind Wände. Vor ihm eiliges Passieren.
Es ist, als wollte er gar nicht, dass jemand stehen bleibt.
Ich phantasiere, dass er sich all das gar nicht fragt. Der Apothekeneingang ist einfach sein Platz. Die erhöhte Position zwischen den Wänden seine Bühne. Er gehört hier hin. Nicht, weil es irgendeinen Zweck hätte. Sondern weil es zu der Geschichte dieser Figur gehört.
Punkt.
So wie es zu dieser Stadt gehört, dass Hauswände beschmiert sind. Manche eher, – im wahrsten Sinne des Wortes: beiläufig, – mal eben im Vorbeigehen mit dem Edding dran lang. Andere aufwändiger. Manche in solcher Höhe an so schwer zugänglichen Stellen, dass man sich fragt: ‚Wie sind die da hingekommen?‘
Mit absurder Zwanghaftigkeit sehe ich immer wieder hin und bewerte. Dies ist schön. Das ist nur Geschmiere. Das ist besonders schön. Das ist schön und hoch. Das ist nur hoch. Der Spießbürger aus der Provinz bewertet Street Art. Und maßt sich an zu bewerten, dass „mal eben mit dem Edding dran lang“ eben keine ist.
Irgendwann fällt mir auf, wie idiotisch das ist. Beides. Zum einen die Bewertungs-Endlosschleife selbst. Jeder Blick beim Herumstreifen fängt beschmierte Wände ein. An jeder Ecke ein neuer Endlosschleifen-Anschub. Wie ein nicht enden wollendes Kreisen der Windows-arbeitet-noch-Punkte. Man kommt kaum zu was anderem.
Zum anderen die Bewertung. Als ob es beim Bemalen von Wänden um museale Kunst ginge, die ich als Besucher dann schön oder nicht so schön finde, und mit deren Betrachten und Beplaudern ich mein Leben aufhübsche.
Und dann kann ich es endlich einfach als Botschaft an mich annehmen: Du, ja du da! Mit dem neugierigen Endlosschleifen-Blick. Du gehst irgendwann zurück in dein Einfamilienhaus. Wir aber, wir leben hier. Oft genug nicht viel mehr als über… . Wir streifen durch die Häuserschluchten! Greifen zu, wenn wir eine Wohnung finden, die wir überhaupt bezahlen können. Nachdem wir ein paar Monate bei Kumpels untergekommen sind.
Wir lassen uns nicht übertünchen. Wir sind da. Und wir bleiben da. Diese Stadt gehört auch uns. Vergesst das nicht. Egal wie hübsch oder hässlich ihr unsere Zeichen findet.

Graffiti auf Friedhof St Jacobi Berlin

Natürlich thronen auch am Rand des Friedhofs die Zeichen aufbegehrender Stadtgewächse. Die verwitternden Gräber und die verwitternden Bilder begegnen einander mit milder Nachsicht. Kommen, um zu vergehen.
Wir treten durch den Eingangsbogen des Friedhofs. Ein bisschen scheu. Wir sind ja Voyeure. Wir trauern nicht um einen Menschen, der hier begraben liegt.
Mitten hinein in die Scheu die Stimme der Frau, die uns entgegenkommt. Ihre pinkrötlich gefärbten Haare verbinden sich mit dem schicken dunkelblauen Steppmantel und den abgelatschten Man-weiß-nicht-so-genau-was-für-Schuhen mit einer Selbstverständlichkeit, wie es sie nur in Berlin gibt. (Denkt das Landei Trotzkopfdumm.)
Sie pfeift auf Gesprächs-Anfangs-Konvention und fängt einfach an zu reden. (Einen kleinen Moment brauchen wir, bis wir begreifen, dass sie uns meint.) Sie gehe auch gerne auf Friedhöfe (Ah, – sie denkt, dass wir gerne auf Friedhöfe gehen). Obwohl sie hier ja eigentlich nüscht verloren hätte (Oh, – hat sie unsere Scheu gesehen?). Ihr eigener Vater sei ja bei ihr auf’m Balkon. (??) Sie sieht die beiden Fragezeichen – und erzählt. (Dabei kommt sie uns immer ein bisschen näher und wir weichen zurück. Kleines friedhöfliches Corona-Ballett.) Sie habe ihren Vater jahrelang gesucht. Dann endlich gefunden. In Schleswig-Holstein. Sie hätte ihn ja gar nicht gekannt. Er sei ja da schon krank gewesen. Und dann habe sie ihn 14 Monate gepflegt. (Ihre Augen schimmern sich hinter einen feuchten Vorhang zurück.) Und dann sei er ja gestorben – im August. Und jetzt sei er eben auf dem Balkon. Da sei er bei ihr. Das sei viel schöner als hier auf dem Friedhof. Und Friedhof – das sei ja auch sündhaft teuer. Der Bestattungsunternehmer habe das möglich gemacht. Das gehe „irgendwie über Holland“. Der Leichnam sei da hin – dann wieder zurück. (Verlegenes Lächeln. Genauer will sie das nicht erklären. Wir wüssten es zu gern genauer, aber belassen es bei zwei scheuen, ein-Wort-Nachfragen, die ins Leere laufen.) Ja, – und jetzt habe sie auf dem Balkon eben ein, …, – ein, …-. Die Liebste kommt zu Hilfe: „Einen schönen, kleinen Traueraltar.“ Ja – genau!, sagt sie. Offenbar freut sie sich über diesen würdevollen Ausdruck. „Von Obi“, schiebt sie nach. Wir stutzen. (Bestimmt falsch verstanden. Fragen aber nicht nach. Irgendwie passt neugieriges Klären-Wollen gerade nicht. Also gut: Von Obi).
Das Gespräch endet genauso unvermittelt, wie es begonnen hat. Wir wünschen einen guten Tag. Und gehen wieder auseinander. Es kommt mir vor, als wären wir Stadttauben, die hier und da Geschichten aufpicken.
Kurz danach sehen wir einen größeren Grabstein. Darauf drei verschiedene männliche Namen. Kein verwandtschaftlicher Zusammenhang erkennbar. Wir schmunzeln. Vielleicht werden manche Berliner*innen beerdigt, wie sie gelebt haben. In Wohngemeinschaft. (Erst woanders gewohnt. Dann hierhin gezogen. Bot sich gerade an. Aber noch nicht umgemeldet. Muss ich unbedingt noch machen. Noch bei der anderen Wohnung gemeldet. 1. Wohnsitz aber noch zuhause. Nein, … also, ja … – mein Zuhause ist hier, aber wo ich herkomm. Wegen Kindergeld. Der Hauptmieter ist noch hier gemeldet, – irgendwie wegen Steuer, weiß ich nicht so genau, aber der wohnt hier gar nicht. Der hat irgendwo in Brandenburg `ne Datsche gekauft. Keine Ahnung, wo. Wenn der Vermieter kommt, rufen wir den immer an. …) So liegen sie nun hier nebeneinander. Haben sogar einen Grabstein. Aber kein Reim will kommen, wie sie zusammengehören. Immerhin sind sie hier gemeldet. Auf dem Grabstein.

Hamburger Bahnhof Katharina Große

[Bildnachweis: „Katharina Grosse. It Wasn’t Us“, Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, 2020 / Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, London, Tokyo / Gagosian / Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien © Katharina Grosse / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Foto: Nic Tenwiggenhorn]

Katharina Grosse Hamburger Bahnhof Außengelände

Alles, was ich in Berlin heute und gestern und je gesehen habe, rast wie in einer kinematographischen Zeitraffer-Schleife über meine Netzhaut. Hält mich staunend an genau dem Platz fest, an dem ich gerade stehe, als ich den Blick diesem farbstrotzenden Gebilde zuwende. Es ist wie ein endgültiges Wahrwerden von Comic, Buntheit, Graffiti, lustvollem Kleckern. Und das auch noch dreidimensional Ich frage mich, ob es viel Mut braucht, einem ehrwürdigen Museum diese Farborgie ins Erdgeschoss zu fluten und auf die Wege und die Plätze und die Wände draußen drumherum. Auch wenn es bestellt ist. Bezahlt sogar. Unter anderem von VW.
Eine Farborgie wie mit Schwung in die ehemalige Wartehalle hineingeschüttet, staut sich an der Außenwand mit der Glasfront und stößt wuchtig durch sie hindurch hinaus auf die Wege, die Plätze, die Wände draußen. Auch die dynamische Bewegung, die streng gerade schräg verlaufende Linien ebenso wie schwungvolle Farbbögen kreieren, lassen das Cortooneske in Graffitis und anderen Zeichen in Wänden und an Waggons in mir aufleben.
Es ist so eine rigorose Aneignung eines Raumes und seiner Umgebung, dass es mir vorkommt wie Street Art auf den Punkt gebracht. Als würde hier mit überbordendem Spaß an der Farbe lustvoll der Gegenpol zum architektonischen Gegängel auf’s Neue aufgeladen. Ich kann mir kaum noch vorstellen, je wieder zwischen tristen Bankgebäuden – und seien sie noch so einschüchternd scheinschön stahlbewehrt verglast – oder in einer tristen Einkaufsmeile – und sei sie noch so verlockend verziert von Insignien des Konsum-Genusses – herumzugehen ohne schmerzhafte Sehnsucht nach Farbe und nach Spiel, nach Wirklichkeit.
Und diese Farbpracht thematisiert sogar auch den Verfall. Als würde dieses liebevoll Gekleckste mir auch sagen: „Ich weiß, ich werde verblassen. Und das ist gut so.“ Die Reste der Wandbemalungen in der Stadt, die noch als blasse Schemen auf meiner Netzhaut sich mit den Bildern vom Vergehen und marode Werden mischen, lassen sich anstecken und blühen wieder auf.

Michael Schmidt Bild aus Serie Waffenruhe

[Bildnachweis: Michael Schmidt, o.T. aus Waffenruhe / Ceasefire, 1985-87, Bromsilbergelatineprint, Bildmaß: 49,8 x 59,5 cm, © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt]

Michael Schmidt Bezirksamt Wedding Beamter

[Bildnachweis: Michael Schmidt, Stadtoberinspektor beim Bezirksamt Wedding, aus Berlin- Wedding, 1976-78, Bromsilbergelatineprint, 43,4 x 46 cm© Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt]

Nur eine Treppe höher und der Bild-gewordene strenge Gegenpol zeigt in Schwarz-/Weißfotografien die Bauten, die Gegenstände und die Menschen, die in der von Graffiti kommentierten Welt ihren Alltag leben. Fotografien von Michael Schmidt. Die kühle Strenge dieser Bilder. Ihr scharfes Konstatieren von Tristesse.
In meinen Augen war es schon angesammelt durch die zahllosen Blicke in dieses Berlin hinein. Jetzt blendet es schmerzhaft auf den Punkt gebracht wieder auf. Der Staub des Alltags, den Kunst von der Seele wäscht, wird er hier aufgewirbelt und verursacht heftigen trockenen Hustenreiz im Gemüt. Diese Bilder zeigen das Berlin der 60er bis 90er Jahre. Sie zeigen eine Stadtlandschaft, deren Risse heimlich sich vermehrende Unkräuter aus Farbe genauso einladen, wie die Fugen zwischen den Pflastersteinen die echten Unkräuter.

Gedenkstätte Mord an Rosa Luxemburg

Die traurige Intensität der Fotografien von Michael Schmidt brodelt wieder auf, als wir schon von Weitem diesen Ort wiedererkennen. Das kalte Nass unter der Lichtensteinbrücke, das ein halbes Jahr lang Rosa Luxemburgs Grab war. Wieder schweigen wir betreten. Wieder wird uns bewusst, dass es diese Menschen wirklich gibt, die in einem schnöden Akt der brutalen Gewalt eine Person ermorden, der sie das Recht zu leben absprechen, die sie verhaften, in Hinterzimmern unter Folter (wahrscheinlich vergewaltigen. Bietet sich ja gerade an), sie dann beschließen zu töten, aber so, dass es wie die zufällige Tat eines aufgepeitschten Mobs auf der Straße aussehe. Also schleppt man sie aus dem Haus. Prügelt sie draußen mit Gewehrkolben bewusstlos, wirft sie in ein Auto. Einer springt beim Losfahren auf das Trittbrett und schießt ihr in den Kopf. An der Lichtenberg-Brücke wirft man sie wie Müll in den Landwehrkanal. Wieviele mögen beteiligt gewesen sein? 20? 30? Alle mit derselben finsteren Selbstverständlichkeit? Oder doch der eine oder andere mit kleinen Lichtern von Skrupeln?
Es ist kaum auszuhalten. Erst recht, wenn einem klar wird, dass genau das jetzt gerade irgendwo passiert.
Auch hier.
Kann man dagegen anmalen? Anfotografieren? Ansprayen? Auf Fassaden? Im Museum?

Oder antanzen?

Tanzperformance Raphael Hillebrand

Dass wir ihn überhaupt sehen können, ist eine dieser berührenden Geschichten, die manchmal entstehen, wenn man einfach erstmal wartet. Schon am Tag vorher wollten wir die Performance sehen, aber am Telefon hieß es, sie sei ausverkauft. (Corona beschleunigt das Ausverkauft-Sein exponentiell.)
Heute gehen wir einfach hin. Gucken, was passiert. Es ist wieder ausverkauft. Und 6 Personen, die auch auf einen glücklichen Zufall hoffen, sind noch vor uns. Nach und nach geben sie auf. Schließlich stehen nur noch wir vor dem Eingang. Wir sind eigentlich innerlich schon abgewandt und bleiben aus unbekanntem Grund doch noch stehen. Plötzlich kommt ein Rasta-Schlaks aus dem langen Eingangsflur. Er strahlt. Es gebe doch noch zwei Plätze. Wir sollten uns beeilen. Die Vorstellung müsse eigentlich schon laufen. Freudig irritiert huschen wir hinter ihm her.
Und werden beschenkt.
Ein junger Mann tanzt seine Geschichte. Break-Dance Ballett. HipHop. Die Musik aber stammt von einem Cellisten, der mit auf der Bühne sitzt.
Auf der Bühne im Vordergrund auch ein Tisch. Darauf ein Sammelsurium von Zeitungsausschnitten und vergilbenden Fotos. Ab und zu – beim Erzählen – greift er ein Dokument heraus und heftet es an eine Plexiglas-Scheibe, die von der Tischkante hochragt. Vor dem Tisch eine Filmkamera. Sie fährt an den Bildern entlang, greift das neu aufgehängte heraus, zoomt es groß und projiziert es auf eine schräg hängende Leinwand am hinteren Ende der Bühne. Er tanzt in diese Projektion hinein. Nimmt sich selber auf dabei. Verfremdet die Aufnahme. Tanz mit sich selbst auf der Leinwand vervielfältigt.
Die Geschichte, die er erzählt, ist die der sattsam bekannten Migranten-Risikogruppe. Die Mutter Deutsche. Der Vater Afrikaner. Lügen. Trennungen. Die Mutter und der Bastard.
Zorniges Aufbegehren in der Schule. Eine Klassenlehrerin, die sich um ihn sorgt. Und ihm immer wieder eine Moral entgegenhält, die helfen möchte und schlimmer macht. Straßengangs. Schulwechsel. Wieder hilflos bemühte bis ignorante Lehrer*innen. Kleinkriminalität. Drogen.
Die Begegnung mit einem Kriminal-Kommissar und mit Break Dance rettet ihn. Der eine schafft offenbar einen Moment tiefer Intensität mit dem Hinweis darauf, was ihm blühe, wenn die Zeit der vergleichsweise milden Jugendstrafen vorbei sei und er Jahre in einer Zelle verbringen werde. Das andere mit einer Idee von Möglichkeiten, wie Leben wütend und zugleich konstruktiv sein könnte.
Eine der eindrücklichsten Szenen diese. Im Tanz führt er Gehen vor. Ein Gehen, das wir kennen aus zahllosen Szenen. Cooles, kerzengerade aufgerichtetes, herausforderndes Stolzieren, das den Weg freiräumt. Er fragt: Wissen Sie, was dieser Gang bedeutet?
Pause. – – Wissen Sie nicht? — Pause –,
Angst! Er bedeutet Angst.

Fast zögernd schleichen wir aus der Vorstellung. Bedanken uns noch einmal bei dem Schlaks.
Und streifen durch die Nachtstraßen an den Schmierereien vorbei, den jungen Männern mit eben diesem Gang ausweichend, mitten durch das Sprachgemisch zuerst aus Türkisch, Arabisch, hier und da noch vielleicht eine asiatisch klingende Sprache, – und je mehr wir uns dem schon weiter gentrifizierten Areal des hipp gewordenen Neukölln nähern, zunehmend Spanisch, Englisch, Französisch.
In dem kleinen Restaurant, in das wir noch auf einen Absacker gehen, und in dem man uns schon kennt von den Tagen vorher: Italienisch.

Am nächsten Morgen gehen wir die Straße von der Apotheke aus aufwärts.
Sehen, Riechen und Hören die Reste der Nacht.
Erleben: Wunden lecken.
Erleben: Einen weiteren Alltag hinkriegen.
Erleben: Lebenswillen.
Inmitten von Graffiti, Schmierereien, wildwüchsig geparkten Autos, zu schnellen Messenger-Dienst-Fahrrad-Hetzer*innen, Sprachgemisch, das sich wieder von Europäisch zu Arabisch verändert, Hoffen auf ein heute besseres Geschäft, …

An der Straße steht in einem kleinen Quadrat tatsächlich noch nicht versiegelter Erde ein junger Straßenbaum wie ein Straßenköter. Ziemlich zerrupft und doch stark, lebenswillig.
Zwischen dem Stützpfeiler, der seinem Wachsen noch hilft, und dem Stamm baumelt, in eine Prospekthülle gesteckt, ein handgemaltes Blatt: „Gieß den Kiez! Auch Stadtbäume brauchen Wasser! Mach mit!“.
Vor dem Quadrat liegt ein Haufen schon groß gewachsenen und dann ausgerupften ‚Un’krauts.
Auf der Erdfläche frischer Müll.
Heute Abend werden wir am anderen Ende wieder den mysteriösen Musiker erleben.
Morgen werden wie immer die 5 Tage wieder viel zu kurz gewesen sein.

Blick auf Landwehrkanal Berlin

Schieflage

Desinfektionsstation

Schönes Geschmeide

Sie haben ihr schönstes Geschmeide angelegt.
Vielleicht ein Festtag.

Blatt mit Regentropfen

Geständnis

Merkwürdig. Schon im Januar 2020, als Gäste in Talkshows noch schön nah beieinander saßen und Moderator*innen den Gesprächspartnern ordentlich auf die Pelle rücken konnten, um den Erregungslevel noch zu erhöhen, gibt der Verkehrsminister Andreas Scheuer zu, einen Fehler gemacht zu haben.
Natürlich nicht sofort. Zunächst ist er noch im Kampfmodus und verwahrt sich gegen eine „Hetzkampagne“.

Aber dann … :

Ich hätte gewettet, er sagt „Ja“ auf die Zusammenfassung des Moderatoren: „Ok, also … , kein Fehler und sich auch nichts vorzuwerfen“.
Aber er sagt „Nein“. Also doch ein Fehler.
Gut, das kann ein Flüchtigkeitsversprecher sein. Zu wenig Hinhören vor dem Sprechen.
Aber dies ist dann nun wirklich ein Geständnis:

Er rechnet also mit den öffentlich diskutierten 560 Millionen Euro Entschädigungszahlungen, denn „das Geld fehlt uns ja allen“.

Da kann man es doch jetzt wirklich auch mal gut sein lassen. Der arme Mann!

Fiebern

Donald Trump ist Corona-Infiziert. Ich fiebere mit. Und schäme mich ein bisschen. Denn ich hoffe, dass er einen schweren Krankheitsverlauf hat. Als ich heute erfahre, dass es ihm wieder gut geht, bin ich enttäuscht. Und schäme mich wieder.
Warum ist mir Trumps Covid nicht einfach wenigstens egal? Wenn ich schon nicht mit einem kranken Menschen mitfühle?
Erster Blick: Ich fürchte das Danach. Ich lese in Gedanken schon O-Töne von Donald Trump: Dass doch sein Verlauf zeige, dass dank der phantastischen amerikanischen Ärzte das Virus beherrschbar sei, wie er immer gesagt habe. Dass er offenbar kerngesund sei und das Virus ihm letztlich nichts anhaben könne. Dass seine Corona-Politik auch in seinem eigenen Fall offenbar genau richtig gewesen sei. Und so weiter.
Zweiter Blick: Schon lange ärgere ich mich, wenn ich wieder und wieder in Nebensätzen lese, dass die USA zu den Ländern mit den meisten Covid-Toten zählen würden, woran man ja die falsche Politik Donald Trumps erkenne. Dann fällt die schockierende Zahl: Schon mehr als 200 000 Tausend Tote in den USA. Ich lese das auch heute in „meiner Zeitung“, („Ruhrnachrichten“, 05.10., Seite 3: „… erkrankt der Präsident, der die Corona-Pandemie heruntergeredet hat, an dem tückischen Virus, das bislang schon mehr als 200 000 Amerikaner das Leben kostete …“).  Schauder. Eine Seite weiter die tägliche Corona-Statistik. Dort lese ich: Todesfälle USA: 209 563. Ich möchte die Zahl verstehen und schaue auf die „Todesrate“ eine Spalte weiter: 2,83%. Ich weiß nicht genau, was Todesrate bedeutet und nehme einfach mal an, dass sie angibt, wieviel Prozent der erkrankten Menschen an Covid sterben. In der Zeile darüber lese ich, dass dieser Anteil in Deutschland höher ist: 3,17%.
Höher!? Ich versuche weiter, diese Zahlen zu verstehen und schaue bei „statistica.com“. Die Widersprüche werden nur schärfer. Einerseits wird dort das, was „meine Zeitung“ Todesrate nennt, in etwas bestätigt: „USA 2,86 – Deutschland 3,24“. Andererseits fällt der Vergleich bei den „Todeszahlen pro 1 Million Einwohner“ wieder umgekehrt aus: Deutschland 114, USA 639. Ich reime mir das irgendwie zusammen. Spüre aber, dass ich eigentlich auch jetzt wieder genauer hingucken müsste. Die nächste Recherche-Aufgabe stünde an. Sind in den USA relativ mehr Menschen infiziert als in anderen Ländern? Oder werden mehr getestet? Oder weniger? Oder relativ zur Bevölkerung gleich viele? Werden weniger oder mehr Menschen, die gestorben sind, nachträglich auf Corona getestet? Geht das überhaupt?
Wie üblich, wenn ich in diesen Zeiten genauer hinschaue, gerate ich in einen Sog, der mich lockt, mich in Informationsquellen recherchierend zu verlieren. Und das ohne finalen Erkenntnisgewinn. Odysseus und der Gesang der Sirenen.
Was bleibt, ist, dass mir die Zahl „mehr als 200 000“ nicht geheuer ist. Weil ich sie nicht verstehe und weil sie angesichts der überaus unterschiedlichen Bevölkerungszahlen in den verschiednen Ländern so nichtssagend ist, dass ihre „Die-Corona-Politik-von-Donald-Trump-ist-gescheitert“-Funktion den Schein von objektiver Information herunterdimmt.
Dritter Blick: Warum vergleiche ich eigentlich überhaupt? Macht es mein Sicherheitsgefühl größer, wenn ich lese, dass in den USA mehr Menschen an Covid 19 sterben als in Deutschland? Schauder. Das heißt doch, dass mich eine große Zahl von Toten in anderen Ländern erleichtert. Menschen sterben und es erleichtert mich. Was für eine beschämende Art von Nationalismus! Erst recht, wenn ich schlussfolgere: Bei „mir“ sterben weniger, weil „mein“ Gesundheitssystem besser ist.
Vierter Blick: Ich will mich selbst nicht belügen, schaue mich um in mir und muss mir eingestehen: Ich will einfach nicht, dass Donald Trump am Ende Recht hat, wenn er „die Pandemie“ verharmlost. So wie Bolsonaro. Oder Johnson. Ich will nicht, dass diese Leute Recht behalten. Genauso, wie ich nicht will, dass die prominenten Protagonisten von „Querdenken“ Recht behalten.
Fünfter Blick: Warum eigentlich will ich das nicht? Ich scheue weg von diesem „Recht haben“. Von diesem Behaupten der Deutungshoheit. Von diesem Ausmerzen von Zweifeln. Von diesem Ausmerzen von Suchen. Von diesem Ausmerzen von Respekt gegenüber dem Leiden von Menschen. Von diesem immer schon und sowieso gewusst Haben. Ich scheue weg von dieser Häme gegenüber Andersdenkenden. Und weg von diesem Jonglieren mit Zahlen. Ich scheue weg, von dieser immer eine Spur zu heftigen Formulierungs-Erregung, – besonders von der, die sich mit Mühe gerade so weit zurückhält, dass die Erregung nicht gleich aus dem Gebüsch springt. Ich scheue weg davon, dass die Protagonisten Menschen um sich scharen, die nicht hinschauen wollen, sondern geradezu dankbar Menschen folgen, die mit mächtiger kleiner Wahrheit die eigene Unsicherheit ausmerzen. Ja klar! Die Asylanten sind schuld! Selbst dann, wenn es in meiner Umgebung gar keine gibt. Ja klar! Bill Gates ist schuld. Ja klar! Die Demokraten sind schuld. Oder die EU. Oder die Konzerne. Oder wer auch immer.
Sechster Blick: Aber die Wahrheit ist: Ich möchte nicht erkennen müssen, dass meine Bereitschaft, mich der Politik der Virus-Beherrschung auszuliefern, vielleicht falsch ist … und
Siebter Blick: … mir sachliche Recherche aus meinem Dilemma nicht heraushilft.

Sieben von 1001 verstörenden Blicken. ‚Immerhin‘, so versuche ich mich selbst zu beruhigen, ‚probierst du  auch dort Erkenntnisse zu gewinnen, wo du nicht von vornherein damit rechnen kannst, dass deine eigene kleine Wahrheit bestätigt wird, – z.B., wenn du genau hinguckst, in dir selbst.

Rumkriegevirtuosin

Dieser Blick.
Dieser Laut.

Ich bin nicht sicher, ob es eher ein bedürftig klagendes Bitten ist oder eine fordernd leidende Anklage, dass ich schon wieder meiner Versorungsverpflichtung nicht nachgekommen bin. Dabei bin ich gar nicht verpflichtet. Ich bin ja nur Gast in dieser Ferienwohnung. Ich erkläre ihr das. Aber meine Worte schweben an ihr vorbei ins Nirvana der Sinnlosigkeit.
Schließlich bin ich weich. Und kredenze ihr eine ordentliche Portion feinsten Bio-Ziegenkäses.
Sie verspeist die – wie ich finde: großzügige – Gabe, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Die Katze ruht nach dem Fressen
Nun liegt sie da und macht ein Nach-Sättigungs-Schläfchen. Als ich mich einmal bewege, hebt sie kurz den Kopf und schaut mich an. Ich glaube, sie sagt: Na also. Geht doch.
Und legt den Kopf wieder ab.

Vor genau 4 Wochen, am 20.08.2020, bricht Alexei Anatoljewitsch Nawalny in einem Flugzeug über Sibirien zusammen. Schon bald wird ein Giftanschlag vermutet. Fast ebenso schnell steht im Raum, dass „Moskau“ für diesen Anschlag verantwortlich sei. „Moskau“, … wer oder was immer damit gemeint sein könnte. Es entsteht der Eindruck einer finsteren Macht um Putin herum, vielleicht er selber, die rigoros regierungsfeindliche Kräfte „ausschaltet“. Auch Donald Trump nutzt diesen Begriff gelegentlich. Als wären Menschen, die als Bedrohung definiert werden, Aggretate, die die reibungslose Funktion der Maschine stören, und die man deshalb abschalten muss, damit kein Schaden entstehe. Nawalny wäre nicht der erste „Kreml-Kritiker“ – auch dies ein gern geschriebener und gelesener Frame –, der per Mordanschlag „unschädlich“ gemacht wurde bzw. gemacht werden sollte. Ich merke, dass das auch bei mir wirkt. Sehr eindrücklich hat sich dieses Bild von Wladimir Wladimirowitsch Putin vom G-20-Gipfel eingebrannt, auf dem er im Gespräch mit dem saudi-arabischen Kronprinzen Salman ibn Abd al-Aziz zu sehen ist.

G 20 2018 Salman trifft Putin

Es entstand kurz nach dem Mord an dem „Regierungs-Kritiker“ Jamal Khashoggi. Die Beiden – Salman und Putin – feixen einander an wie Fußballspieler in der Kabine, die sich gerade abgeklatscht haben, weil der ausgekochte Stürmer mit einer Schwalbe einen Elfmeter provoziert hat, der dann zum Sieg führte.
Üble, gewaltbereite Machtmaschinenmenschen, so phantasiere ich.

Und natürlich bin auch ich empfänglich für die „Selbstverständlichkeit“, mit der Herr Putin den Anschlag auf Nawalny zu verantworten hat.
Zugleich kämpfe ich dagegen an. Was weiß denn ich, wer was tief unten in den Kanalisationsgewölben der internationalen Geld- und Machtpolitik mit welchen kruden Motiven ausgeheckt hat?!
Und so phantasieren die Liebste und ich als kleine Gegenwehr gegen die so gern empfangenen Deutungs-Selbstverständlichkeiten nach dem Gift-Anschlag auf Nawalny möglichst zynische Varianten, welche Kanalisationsgewölben-Clique ein Interesse hätte, Nawalny zu töten.
Eine der Varianten – und die finden wir dann besonders weit her geholt: Trump – auch so ein immer wieder gern gesehener Bösewicht – habe die CIA beauftragt, Nawalny zu töten mit einem in russischen Laboren entwickelten Nervengift. Der Verdacht würde auf die russische Administration fallen. Die Europäer würden erbost über diese perfide Entgleisung der Macht sich von Putin distanzieren und das Kooperations-Projekt „North-Stream 2“ stoppen. Und schon wäre den Amerikanern ein Weg frei, dem energiehungrigen Europa amerikanisches Fracking-Gas zu liefern.
Wir kichern. Und vergessen unser Spielchen wieder.

Heute lese ich in einem Artikel der „Zeit“, dass der Bundesfinanzminister angeboten hat, eine Milliarde Euro zur Verfügung zu stellen, damit in Brunsbüttel und Wilhelmshaven Spezialterminals gebaut werden können. An diesen könnten dann amerikanische Tanker Fracking-Gas anlanden.
Inneres Kopfschütteln bis kurz vor dem Schwindel.

Aber wie das eben immer so ist. Mein „Ha!!!!“ bekommt einen gehörigen Dämpfer, denn im selben Artikel steht am Ende, dieses Scholz-Angebot sei schon vor dem Anschlag auf Nawalny über den Teich gewandert.
Bin ich den Ränkeschmieden in den Kanalisationsgewölben der internationalen Geld- und Machtpolitik wohl doch nicht auf die Schliche gekommen, – damals am Tag nach dem Attentat auf Nawalny.

Was vom Leben übrigblieb

Vogelsskelett im Nest

Opa Helmuts alte Hacke

alte Hacke von Opa

Bei der Umgestaltung unseres Gartens mühe ich mich ab mit dem Entfernen bzw. Auflockern alter, vertrockneter, steinharter Grasnarben. Der Stiel unserer Harke, die ich immer wieder mit Wucht in den Boden rammen muss, bricht schon nach kurzer Zeit durch. Jetzt habe ich nur noch eine Wahl: Opa Helmuts uralte Hacke. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie länger hält.
Immer wieder bohren sich die drei Zacken in das stramme Graswurzelwerk. Zentimeter für Zentimeter arbeite ich mich weiter. Schnell ist anders. Ab und zu schaue ich mich um, wieviel ich noch muss. Meine Laune im Sinkflug. Innerlich knurre und schimpfe und fluche ich. Und beklage meine schwieligen Hände.
Einmal halte ich inne. Ich muss mich ausruhen. Endlich nehme ich mir die Zeit, dieses Ding genauer anzusehen. Die Phantasie kommt in Gang.
Etwas in mir sagt: „Die junge Bäuerin in, sagen wir: Äthiopien, die vornübergebeugt, das Baby auf den Rücken gebunden, in sengender Hitze, den kargen, steinigen Boden aufreißt, bangend, ob der Samen, den sie hier nach stundenlangem Kraftakt verteilen wird, irgendwann zu Nahrung wird, – diese Bäuerin würde tanzend und singend jubilieren, wenn sie Opa Helmuts Hacke mit diesem paradiesisch langen Stil hätte und nicht nur den rostigen Haken mit einem gerade mal handbreit kurzen Holzgriff. Also hör auf zu jammern! Und freu Dich! Und jetzt mach weiter!“
Es hilft enorm.
Ich phantasiere, wie peinlich es mir wäre, dieses alte Ding der Bäuerin zu schenken. Ein schönes Neues wäre doch besser.
Nur: Opa Helmuts Hacke hält bis zum Schluss.

Wackelkandidaten

Radweg. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Kurz zucke ich zusammen, als ich hinter mir eine gut gelaunt glockige Fahrradbimmel höre. Ich muss grinsen. Im Auto ist es selbstverständlich, dass ich hinter mir andere Verkehrsteilnehmer auf der Rechnung habe. Auf dem Fahrrad nicht. Jedes Mal erschrecke ich wieder neu, wenn sich dann doch einer meldet. Da will mich jemand überholen. Muss ziemlich schnell sein. Ich drömmel ja nicht gerade. Ich drücke mich ganz rechts an den weißen Streifen, der den Radweg vom Bürgersteig trennt und bin gespannt, was da gleich an mir vorbei eilt. Plötzlich wieder das glockige Drängeln. Ui, das muss was Breiteres sein. Vielleicht eins dieser flachen Dreiräder, von denen man hinter parkenden Autos nur das Fähnchen sieht? Gut, – dann über den weißen Streifen und auf die Gehfläche. Ist ja gerade keiner.
„Können wir mal eben vorbei?“, flötet eine Oma und schon rauschen sie und Opa auf E-Bikes an mir vorbei. Während ich ihnen hinterher schaue, denke ich, der Ausdruck „sie fahren Rad“ wäre hier unpassend. Richtiger wäre: „Das Rad fährt sie“.
Bald darauf eine Ampel. Hier will ich die Hauptstraße überqueren. Die Beiden offenbar auch. Als ich gerade ankomme, springt die Ampel auf Grün.
Oma beginnt aufzusteigen. Opa auch. Beide kämpfen mit dem Aufwärts-/Vorwärts-Balanceakt. Ihm gelingt es. Ihr nicht. Auf der Hälfte der Fahrbahn wackelt sie bedenklich. Er nimmt Fahrt auf. Sie will die Aktion abbrechen, kann aber auch nicht einfach vom Rad springen. Er hält auf sie zu. Kurz bevor er in sie hineinkracht, lügt er sich mit einem irgendwie zufällig gelingenden Seitschwung vorbei. Dabei schnauzt er : „Was störst du denn?!? Ja!!“
Und zieht von dannen.
Sie versucht sich selbst, bedenklich zur Seite geneigt, schrapphüpfig mit einem Fuß zum Stehen zu bringen. Ich bin sicher, dass sie stürzen wird und bleibe hinter ihr.
Zum Glück stürzt sie nicht.
Auf der Verkehrsinsel zwischen den Fahrbahnen versucht sie es erneut. Die Ampel ist inzwischen auf Rot gesprungen. Wieder kämpft sie mit dem Gleichgewicht. Wieder bleibe ich lieber hinter ihr. Aber sie schafft es, obwohl die Linkskurve nach der Ampel ihre Oberarme und ihren Balance suchenden Oberkörper noch einmal schwer herausfordert.
Ich meine, ihre Erleichterung von hinten sehen zu können, als sie davonrauscht.
Meine spüre ich.
Doch nur kurz. Dann neue Aufregung. Sie wird doch nicht!?!
Doch, – sie tut es. Ohne abzubremsen biegt sie scharf nach rechts auf einen abschüssigen Weg, dessen Fahrbahn aus Split auf gepresstem Sand besteht. In meiner Vorstellung rutscht jetzt jeden Moment das Fahrrad unter ihr zu Seite.
Aber auch das geht gut.
Als ich die Stelle erreiche und auch abbiege, kann ich beide schon nicht mehr sehen.
Hoffentlich passen sie gut auf.
Die Anderen. Die, die Oma und Opa begegnen.

Wirtschaftsweisheit

Professor Lars Feld. Er wird „Einer der Wirtschaftsweisen“ genannt. Und er beklagt einen drohenden Wachstumseinbruch durch ein Lieferkettengesetz, das zumindest in Ansätzen und bei Betrieben über 500 Mitarbeitern ein Mindestmaß an ökologischen und sozialen Standards bei Zulieferern aus anderen Ländern sicherstellen soll. (vgl. https://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/wirtschaftsweiser-lieferkettengesetz-schadet-der-wirtschaft-16922361.html)
Der Entwurf dieses Gesetzes ist eine Kooperation von zwei Ministern, einem von der CDU, einem von der SPD. Professor Feld argumentiert, dass mit einem solchen Gesetz das Wachstums-Potential der deutschen Wirtschaft bedroht wäre.
„Weise“ zu sein, so dachte ich immer, würde auch bedeuten, dass Mitgefühl und Mitmenschlichkeit zum Kern des eigenen Denkens gehören. Ebenso wie die Bereitschaft, Denk-Routinen und traditionelle Logik immer wieder in Frage zu stellen. Erst recht dann, wenn diese Denkroutinen zu weltweit bedrohlichen Gefahren sich verwirklichen. Und es bedeutet auch, so dachte ich immer, aufmerksam zu sein für substantielle Widersprüche im eigenen Denken. Und ist es nicht ein Widerspruch, politische Verhältnisse im eigenen Land und auf der Welt zum wirtschaftlichen Fortschritt zu nutzen, – ja – auch den Versuch zu machen, diese politischen Verhältnisse mittels Lobby-Arbeit in diesem Sinn zu beeinflussen, und sich dann bei einem solchen Gesetzentwurf auf den Standpunkt zurückzuziehen, Ökologie und Menschenrechte seien eine Sache des Staates und nicht der Wirtschaft?
Er mag weiter forsch an Denkroutinen des Wirtschaftswachstums festhalten. Aber man nenne ihn doch bitte nicht „weise“.

Hingucker

Jugendliche über Handy gebeugt

Wer soll von wem vor was geschützt werden?

Spielende Kinder in einem Käfig

Alles in Ordnung

Schwer liegt der Sommer mittagsschläfrig träge dösend auf dem Land.

Durch die offenen Scheiben quillt er ins Auto. Auf der Suche nach einer Adresse – irgendwo hier – im bäuerlich weiten Land zwischen den kleinen Städten – tasten wir uns hierhin und dahin zwischen Äckern, schmalen Sträßchen, kaum breit genug noch für den Trecker, Baumgruppen, Wiesen und Gehöften, die sich aus Schutz vor der Sonne möglichst flach zwischen die alten Bäume ducken. Ab und zu schauen uns neugierig desinteressiert Kühe nach. Waren wir hier nicht gerade schon mal?

Plötzlich taucht ein Auto auf. Ein dunkler, großer Audi. Plank polierte Alufelgen geben an. Er steht im Schatten einer mächtigen Kastanie. Kurz davor kriechen mitten auf einem Acker in praller Sonne zwei Frauen über die Erde. Zwei Plastiktüten in der Nähe ihrer Knie. Mit quietschbunten Labels. Sie tragen lange Röcke und dunkle Pullover. Ab und zu schieben sie sich eine Strähne ihrer beinah strahlend tiefschwarzen Haare, die es irgendwie geschafft haben, sich aus der sorgfältig gebundenen Bändigungsfrisur zu lösen, aus dem Gesicht. Dazu ein scheuer Blick um sich herum. Wonach schauen sie? Wollen sie nicht entdeckt werden? Fürchten sie ansgesprochen zu werden? Oder schauen sie einfach so? Ohne Absicht? Dann arbeiten sie weiter. Sie scharren Kartoffeln aus der abgeernteten Erde, die es geschafft haben, der Maschine zu entgehen.

In dem dunklen Hood-Schlitten unter der Kastanie sind die Scheiben heruntergelassen. Man phantasiert, dass der Baum zumindest einen zarten kühlenden Zug durch das Innere schickt. Auf dem Fahrersitz ein gerade noch junger Mann. Seine tiefschwarzen Haare wirken wie eben erst glanzfrisiert von dem Barbier, der auch den dichten Bart in feine Form gebracht hat. Seine Sonnenbrille stanzt zwei blaumetallic spiegelnde Löcher in den Sommer. Die Ärmel seines blütenweißen T-Shirts spannen sich um die Oberarmmuskeln. Sein Hals ist rund nach vorn gebogen. Als würde er den Kopf nur mit Mühe davon abhalten können, auf das Handy zu kippen.

Ab und zu hebt der Mann den Kopf. Schaut auf die beiden Frauen auf dem Feld.
Und senkt ihn wieder. Richtung Handy. Alles in Ordnung.

Wir machen Urlaub. In der Toscana. In der Nähe von Lucca.
Auf den allerletzten Drücker haben wir ein Ferienhaus in the middle of nowhere gebucht. Umgeben von waldiger Hügellandschaft. Wenn man ein, zwei Kilometer bergauf wandert und dann hinabschaut, hat man schon größte Schwierigkeiten, das Haus überhaupt zu sehen.
Genau das wollten wir. In dieser wundervollen Landschaft sein. In der Nähe all dieser verlockenden Städte und doch in totaler Abgeschiedenheit.
Auch sie verhilft zu Inspirationen für ein Urlaubstagebuch der etwas anderen Art.

Neues Geschäft

Vor genau 2 Jahren wurde ich pensioniert.
Lange Jahre hatte ich regelmäßig den Schreibwaren- und Kopierladen meiner Wahl aufgesucht.
In diesen Tagen fällt mir auf, dass es diesen Laden nicht mehr gibt. Wieder bekommt das Mosaik meines wehmütigen Erinnerns ein neues Teilchen: Wie viele nette Plaudereien habe ich erlebt mit einer dieser liebenswürdigen Bedienungen in diesem Laden, – während die gewaltige Kopiermaschine im immer gleichen Rhythmus mit der ihr eigenen Melodie von Surr- und Klapp- und Schab- und Brems- und Schaltgeräuschen die manchmal umfangreichen Vervielfältigungs-Programmierungen abarbeitete! Ich hätte sie mitsingen können.
Jetzt gibt es diesen Laden nicht mehr. Ein anderes Geschäft ist eingezogen.

Erfolglos verwehre ich dem Gedanken „irgendwie passend“ den Zutritt.

In der Auslage sehe ich, dass dieses Unternehmen auch ungewöhnliche Geschmäcker bei der Urnenwahl bedienen kann.

Ebenfalls erfolglos versuche ich zu vermeiden, micht zu fragen, welche Urne wohl zu „TROTZKOPFDUMM“ passen würde.

Leckerchen

Wie sie sich biegt und streckt
Das rechte Vorderbein nach vorne reckt
Den Kopf vornüber unter sich
Windet,
Bis er fast ganz im Ritz
Verschwindet.
Ich drück ihr beide Daumen
Dass sie da drinnen echte Gaumen-
Freuden findet.

Fliege sucht Leckerchen

 

Zartbittersüße Bande

Ich lese, dass die Grünen der CDU Geschenke zum 75. Geburtstag gemacht haben. Mit einem Gratulationsschreiben in der FAZ. Und einem Präsentkorb. Darin, wie man liest, unter anderem: Das neue Grundsatzprogramm der Grünen. Zusammen mit Holundersirup und einer Ingwerknolle.
Hm … – ist das augenzwinkernde Halloween-Matphorik: „Süßes! Sonst Saures!“?
Nun ja, ein zartes scheues Herantasten jedenfalls werden diese Geburtstagsglückwünsche und die dazugehörigen Dankbekundungen der Beglückwünschten schon sein. Sogar bei Friedrich Merz, meine ich, könnte man, wenn man ganz genau hinguckt, ein bisschen scheues Verlegenheitsrouge auf der Wange sehen.
Auf dass es bald gelinge, die GroKo dann doch mal loszuwerden.
Obwohl, – … wird es dann nicht gerade wieder eine?

 

Tag 85

Ende

Als ich mich einmal umschaue in mir, ist er plötzlich da, dieser Gedanke. Beiläufig. Unspektakulär. Als würde er sich wundern, dass ich mich wundere. „Kümmer Dich nicht weiter um mich“, sagt er.

Und dann, genau so plötzlich und genau so beiläufig und unspektakulär, ist er plötzlich Gewissheit:
Ich werde das Tagebuch des coronagenenen Lebens-Wandels jetzt beenden. So ganz genau weiß ich nicht, warum. Ich könnte, wie schick!, Zahlensymbolik bemühen. Am 1. Tag der 13. Woche und nach 12 vollen Wochen: Das Ende. Das wäre charmant. Aber träfe es nicht.

Es sind wohl am ehesten diese beiden Gründe:
In den letzten Tagen habe ich mich häufiger selber dabei erwischt, wie ich Erlebnisse und Ereignisse darauf hin gescannt habe, ob sie für einen Blog-Beitrag geeignet wären. Das behagt mir nicht. Schon gar nicht würde mir behagen, wenn ich gar anfinge, Erlebnisse herbeizuführen, um dann über sie schreiben zu können.
Und: Ich möchte wieder anders schreiben. Ich möchte wieder, dass ein Thema mich aussucht. Nicht umgekehrt. Dass es mich wählt und mich verführt. Mich Worte suchen lässt und wieder verwerfen. Dass es mich neckt, in dem es für eine Weile verschwindet, um urplötzlich wieder aufzutauchen mit drängender Energie. Oder ganz zu verschwinden. Solches Schreiben braucht mehr Zeit. Die möchte ich mir wieder nehmen.

Auch Corona hat solche Themen geschickt. Bestimmt wird das eine oder andere mich locken. Dann lass ich mich vielleicht verführen.

Ich durfte in den letzten Wochen erfahren, dass es gar nicht wenige Menschen gab, denen es ein Vergnügen war, meine täglichen Notizen zu lesen. Das wiederum war mir ein Vergnügen. Ich danke all denen sehr.
Und ich hoffe, dass mein Blog sie weiter interessiert, auch wenn die Abstände zwischen den Veröffentlichungen wieder länger werden.

Meine Abonnenten werden schon bald wieder häufiger die Nachricht bekommen, dass es etwas Neues gibt. Dann werden es ältere Beiträge sein, die ich nach und nach aus dem alten Blog in diesen neuen wieder einpflege. Vielleicht entstehen da schöne Gelegenheiten, ältere Sachen neu oder wieder zu entdecken. Auch darüber würde ich mich freuen.

Tag 84

Ringo Starr

Ein schöner Tagesanbruch-in-den-Sonntag-Traum.
Er zeigt den Auftritt einer Band. Es ist, als wäre ich live dabei. Und zugleich, als würde ich ein Video von diesem Auftritt sehen.
Da spielt eine Band. Ich höre verschiedene Instrumente. Ich sehe aber nur den Schlagzeuger. Es ist ein junger Mann mit mittellangen blonden Haaren.
Und ich sehe Ringo. Er sitzt ganz rechts an einem schwarzen Flügel. Weit vorgebeugt lässt er eine zarte kleine, sehr hohe Begleitfigur aus dem Instrument perlen. Man hört sie kaum. Wenn man den Song im Radio hörte, so denke ich im Traum, würde man sie vielleicht gar nicht wahrnehmen. Wenn man sich aber auf sie konzentriert, fügt sie sich als wunderschöne Farbe in das Gemälde dieses Liedes.
Ringo singt gleichzeitig. Ich weiß es. Aber zu sehen ist es nicht. Es gibt kein Mikro und Ringo bewegt nicht den Mund. Ein bisschen irritiert mich das, aber dann schwebt die Irritation davon.
Der Song ist wunderbar. Eine jazzige und zugleich soulige Ballade. Relaxed und schleppend und doch groovy. Ich bewege mich zart mit. Nicht zu stark. Meine Bewegungen sollen diese mitreißende Musik nicht übertönen. Und ich will nicht einen Ton verpassen.
Das Lied endet mit einer a-capella gesungenen Melodie von Ringo. Sie lockt das Herz direkt hinter das Ohr und nimmt es in den Arm. Eine Gänsehautmelodie, mit zärtlicher Inbrunst gesungen. Ich registriere schon im Traum, dass Ringo nicht der Ringo ist, den ich kenne. Er ist viel jünger. Ein bisschen pausbäckig. Ohne Bart. Ohne Allüren. Einfach der junge Mann von nebenan.
Das Lied endet. Und klingt lange nach.
Oder, nein, eigentlich endet es nicht. Es schwebt davon. Etwas von ihm bleibt.
Ich werde wach und kann mich ganz genau an den Song erinnern. Ohne, dass ich den Rhtythmus nachmachen oder die Melodie tatsächlich andeuten könnte. Er ist wie nah und da und doch auf andere Art, wie es ein Song sonst wäre. Noch jetzt ist das Erinnern an den Song so, als müsste ich ihn eigentlich spielen und singen können, als würde ich ihn hören, wenn ich gleich das Radio anmachte. Und zugleich genau so nicht. Er ist auf andere Art konkret. Wie ein sehr prägendes Gefühl, das sich als Erinnerung erhalten hat, obwohl man gar nicht mehr so genau weiß, zu welcher Situation es gehörte. Mit einem Hauch von süßer Melancholie. Wie ein nie geteiltes Geheimnis von Schönheit.

Tag 83

Wiederentdeckte Rose

Lange Zeit stand sie auf der Vermisstenliste. Je mehr die Gewächse um sie herum wucherten, umso mehr versteckte sie sich. Und dann war sie irgendwann ganz verschwunden. Eine Weile vermissten wir sie noch, dann vergaßen wir sie.

Seit ein paar Tagen arbeiten wir uns Stück für Stück durch den Garten. Er soll ein ganz verändertes Gesicht bekommen. Und als wir einen alten Nussstrauch, jede Menge Brombeer-Ranken und noch einige andere botanische Garten-Imperialisten radikal verjüngen, taucht sie plötzlich auf. Mit einer strahlenden Blüte. Als würde sie rufen: „Doch, ich war die ganze Zeit da. Ihr habt nur einfach nicht richtig hingeguckt!“

Tag 82

Markttag. Mittendrin bleibt mir ungewollt das Maul offenstehen vor Staunen. Ein kleiner Junge sitzt in einem Elektro-Kinder-Auto. Und das wird – kein Scherz -, wie ich wenig später erkenne, von der Mutter ferngesteuert durch die Menge bugsiert.
Ich kann das gar nicht glauben. Bestimmt habe ich mich verguckt. Zuhause schaue ich lieber nochmal nach, ob es sowas wirklich gibt. Gibt es. Wieder steht mir das Maul offen.

Kinderelektroauto

Kinderelektroauto Beschreibung

 

Tag 81

Gedeckter Tisch im Restaurant

Zum ersten Mal seit drei Monaten gehen wir wieder mal essen. Ein Fest, trotz der coronesken Kleinigkeiten, die die Misere auch hier wachhalten, u.a. die datentechnische Slapsticknummer: Ausfüllen des Bogens mit den Kontaktdaten.

Tag 80

Wie üblich endet einer meiner Radel-Streifzüge in meinem Stammcafé.
Auf dem Großbildschirm, vor dem sich an Samstagen Fußballfans tummeln, läuft Werbung. Sehr einladende Filmaufnahmen von einem 8-Sterne-Luxus-Resort in Vietnam. Edles Ambiente. Teuerste Einrichtung in vietnamesischen Stil. Tradition trifft Moderne. Dann der „Höhepunkt am Abend“. Ein feines Dinner im Luxus-Restaurant. Jeden Abend gehobene italienische Küche.

Tag 79

Ich bin ein trotzkopfdummer Trottel. Trostbedürftig.
Vor drei Wochen habe ich eine Mail aus „vertrauenswürdiger Quelle“ mit der Empfehlung eines Videos bekommen. Als ich es ansehe, stelle ich mit Entsetzen fest, dass es eine Anti-Corona-Maßnahmen-Predigt von einem fundamentalistischen freikirchlichen Pfarrer ist. Seine schwer erträgliche Rhetorik hat beinahe goebbels’sches Ausmaß.
In einem Anfall von Leidensbereitschaft, „Nein, das kann ich so nicht stehen lassen“ und wildem Vorsatz, dem etwas Gehaltvolles entgegenzusetzen, schreibe ich eine Analyse (Heil-Land) der Rede. Ich schicke sie den Absender*innen eben jener Fw-Fw-Weiterleitungsmail, die die Empfehlung der Predigt enthielt.
Zwei Wochen lang schaue ich danach jeden Tag gebannt ins E-Mail-Postfach in der Hoffnung, Antwort zu bekommen. Eigentlich sogar in der Gewissheit. Ich war sicher, dass die Absender*innen sich dazu verpflichtet fühlen.
Die Gewissheit war unangebracht. Außer wachsweichen Ausreden („versehentlich zu mir geschickt…“ und Ähnliches) nichts. Jedenfalls nichts Substanzielles. 20 Stunden intensive Arbeit zerbröseln im weißen Rauschen der Web-Aufregung.
Ich hake nach. Einer immerhin schreibt, es tue ihm leid, dass ich mir soviel Arbeit wegen seiner Empfehlung gemacht habe.
Keiner schreibt, womit ich fest gerechnet habe: Dass man entsetzt und beschämt sei, die Rede nicht sorgfältig genug gehört und gesehen zu haben, bevor man sie anderen empfehle. Dass man sich ärgere, solch einem üblen demagogischen Unsinn zur Weiterverbreitung verholfen zu haben. Oder Ähnliches.
Ich leide. Und spüre einen ungesunden Drang, diese Empfehlungs-Weiterleiter*innen mit spießiger Besser-Wisser-Penetranz weiter zu nerven, bis sie endlich zugeben, was für einen Unsinn sie da verzapft haben.
Damit wenigstens irgendwas passiert, suche ich, unter welchen youtube-Adressen diese unsägliche Predigt überall veröffentlicht ist. Es sind 11. Ganz im Stile eines bockigen Alten hinterlasse ich, dem Rat einer Freundin folgend, überall einen Kommentar mit einem Link zu meiner Analyse.
Herzklopfen dabei. Echtes Herzklopfen. Ob es jetzt einen Shitstorm gegen mich gibt? Ob ich das überhaupt dann aushalte? Zwischendurch zögere ich. Dann tue ich es doch.
Und dann passiert – … – nichts. Nicht einmal ein Shitstürmchen. Nur ein kleiner Kommentar zu meinem Kommentar an einer Stelle: „Wow, da haben sie sich ja richtig Arbeit gemacht.“ Ich möchte glauben, dass das hämisch ironisch gemeint ist. Ist es aber nicht. Ich werde als Gesinnungsgenosse auf zwei weitere „Wissenschaftler“ hingewiesen, die denselben Unsinn verbreiten wie dieser Pfarrer in der besagten Predigt.
Inhaltlich gibt es genau drei Reaktionen auf meine Analyse: Von der Liebsten, von meinem Sohn und von einer guten Freundin.
Das war’s.
Und ich wusste, dass es so kommen würde. Ich habe es bei der Arbeit immer wieder gespürt. „Martin, das ist trotzkopfdummer Unsinn, was Du hier machst!“ So flüsterte es aus irgendeiner stillen Ecke irgendwo in meinem Herzen. Aber zu leise, als dass ich es nicht hätte mit trotzkopfdummer Betriebsamkeit übertönen können.
Ich wusste, dass diese Analyse kaum jemand lesen wird. Erst recht wusste ich, dass diejenigen, denen ich den Link zu dieser Predigt verdanke, sich nicht die Blöße geben würden, ihren Irr-Sinn einzugestehen. Ich wusste, dass „im Netz“ meine Analyse keine Resonanz finden würde. Ich wusste das alles auch deshalb, weil auch ich nur sporadisch auf Web-Hinweise aktiv reagiere.
Und habe mir die Arbeit trotzdem gemacht. Trotzkopfdummer Trottel verstößt gegen alle Regeln des Netz-Betriebes:

  • Viel zu lang.
  • Viel zu sorgfältig.
  • Viel zu angewiesen auf ruhige Lektüre.
  • Ohne Bilder.
  • Keine schnelle Belieferung mit vorher schon vorhandenen Emotionen, die ohne weitere Denk-Belästigung vor allem schnell befeuert werden wollen.
  • Keine Beteiligung an irgendeiner schon existierenden „Community“.
  • Und vor allem: Viel zu langsam. Viel zu spät.

Der Rausch um diese Predigt herum ist schon 3 Wochen alt. Hallo?!? Drei Wochen!! Das ist ungefähr so lange wie die Zeit nach dem Aussterben der Dinosaurier.
Vielleicht bin ich auch einfach schon zu alt für das Klicke-di-klick-Geklimper. Vielleicht sind meine Vorstellungen von Lesen und Wahrnehmen und Denken und nochmal Lesen und mit anderen Reden und nochmal woanders Gucken einfach hoffnungslos antiquiert.
Aber umgekehrt. Positiv betrachtet. Ich sollte mir nicht einbilden, ich könnte Internet einfach so. Ich muss noch viel lernen. Oder: ich möchte noch viel lernen. Ob ich dann wirklich nach den Regeln spielen kann und will, kann ich dann ja sehen...

 

Tag 78

Kinderspielplatz im Regen

Heftiger Platzregen-Überraschungs-Schauer auf dem Spielplatz mitten bei der Arbeit an umfangreichen Sandkranungsvorhaben. Schnelle Flucht. Wir kauern uns auf Kinderbänkchen in einem Kinderhäuschen auf dem Kinderspielplatz. Wir beiden Erwachsenen sitzen da wie Trabifahrer. Gemütlich unbequem.
Ab und zu ein dann doch etwas neidischer Blick auf den Radfahrer, der sich ganz in der Nähe in einen überdachten Unterstand gerettet hat. Die Möglichkeit hatten wir gar nicht gesehen.
Der Sandkranvorarbeiter regt regelmäßig an, doch jetzt wieder weiterzumachen. Es hätte doch aufgehört zu regnen. Für die ihm unterstellten erwachsenen Sandhilfsarbeiter wird es zunehmend schwieriger, ihn um noch ein bisschen weitere Geduld zu bitten. Er würde jetzt ohne mit der Wimper zu zucken im strömenden Regen weiterarbeiten.

Tag 77

Wir tragen Grasnarben ab, weil wir den Garten umgestalten wollen. Dabei legen wir unfreiwillig eine Ameisenkolonie frei. Ziemliche Aufregung. Hektisch versuchen die Tiere, die Puppen in Sicherheit zu bringen. Ein verrücktes Bild. Von etwas weiter weg, sieht man nur, wie die gelblichen, eliptischen Körper sich über den Boden bewegen, ohne die Tiere zu sehen, die sie schleppen.
Als wir einmal mit der wieder leeren Schubkarre zurückkommen, sehen wir ein Rotkehlchen, das mit zwei dieser Ameisenpuppen im Schnabel gerade wegfliegt.
Das süße kleine Rotkehlchen, das in unserem Garten wohnt: Ein echter Räuber! Deutlich weniger lieblich, als wir immer glauben wollten. Es räumt nach und nach die ganze Puppensammlung leer. Einige frisst es vor Ort, einige transportiert es weg. Rauhe Sitten in der friedlichen Natur.

Tag 76

Der Igel und der Molch

Und so zog der Igel weiter.
Er sah im Vorbeigehen einen kleinen Teich und ihm fiel auf, dass er Durst hatte. Vorsichtig tastete er sich an die Wasserkante heran. Er wusste, dass er besser nicht abrutscht und ins Wasser fällt. Als er gerade die Schnauze ins Nass senken wollte, bemerkte er, dass unmittelbar vor ihm ein Wesen im Wasser schwebte.
Er erschrak.
„Was machst du denn hier?!“
„Hallo??!! Ich lebe hier!“
Der Igel schämte sich ein bisschen. Die Frage war wirklich albern gewesen. „Und du?“, hörte er, „was machst du hier?“
„Ich, … ehm“, der Igel zögerte. Sollte er sich wirklich einem Wildfremden offenbaren? Dann sprach er weiter. Nicht, weil er sich entschieden hatte. Eher, weil er keine Antwort auf die Frage fand.
„Also, … ich suche jemanden, der mir zeigen kann, wie ich ein dickes Fell bekomme.“
„Hast Du doch!“
„Das ist kein Fell. Das sind Stachel.“
„Was sind ‚Stachel‘?“
Der Igel versuchte zu erklären, aber er hatte von Anfang an das Gefühl, dass das sinnlos war. Das fand auch der Molch. Nach einiger Zeit schlug er vor: „Ich komm raus und schau mir das an.“
„Ja, ist klar!“, maulte der Igel ironisch. „Wie denn? Du lebst im Wasser!“
„Also bitte!! Dein Horizont geht auch nur bis zum Ende deiner Hecke, oder?! Ich bin ein Molch, ich kann das. Geh mal ein Stück zurück.“
„Warum?“
„Du glaubst doch nicht, dass ich dir jetzt direkt vor der Nase herumspaziere. Du bist ein Raubtier.“
„Nein, nein, ich tu dir nichts!“
„Das sagen sie alle. Geh schon!“
Der Igel tapste ein Paar Schritte rückwärts.
Der Molch kroch aus dem Wasser und bewegte sich in einem großen Bogen um den Igel herum zu dessen Hinterteil. Dort angekommen, kletterte er auf seinen Rücken.
„Ui!“, rief er, „das fühlt sich wirklich nicht wie Fell an. Bist du überall so?
„Nein, am Bauch nicht.“
„Dreh dich mal um.“
Dann kroch der Molch dem Igel auf den Bauch. Der streckte die Beine in die Luft und wand sich wohlig unter den zarten Berührungen durch die Füße des Molchs.
Der kletterte nach einer Weile  herunter und kroch im Bogen zurück zum Teich. Als er wieder vor dem Igel im Wasser schwebte, fragte er: „Warum willst du ein Fell?“
Der Igel legte seinen ganzen Jammer in die Stimme.
„Alle Raubtiere sind stark und unangreifbar. Und alle haben ein kuscheliges dickes Fell.“
„Quatsch!“, erwiderte der Molch, „Du bist auf der einen Seite wehrhaft und stark und auf der anderen empfindsam und weich. Das sind wir auf die eine oder andere Art alle. Jammer nicht rum.“
Für einen Moment wanderte der Blick des Igels nach innen und folgte den Worten des Molches in sein Herz. Als er wieder zurück aufs Wasser schwenkte, war der Molch verschwunden.
Der Igel wusste nicht recht, warum, aber er war sicher, dass er jetzt auch einfach nach Hause gehen konnte.

Tag 75

Während ich ein paar Sachen zusammenkrame, um die kleine Einkaufstour zu machen, vergesse ich dauernd irgendwas, weiß nicht mehr, warum ich zum fünften Mal die Treppe hochgegangen bin, gehe wieder runter, unten fällt’s mir ein, gehe wieder hoch …
Ich bin in Gedanken. Seitdem ich dem Igel begegnet bin, geht er mir nicht mehr aus dem Sinn.
Ich möchte gerne eine kleine Geschichte schreiben mit ihm als Hauptfigur. Aber dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Er kommt mir kitschig vor. Und dann kommt er wieder und dann verwerfe ich ihn wieder …
Heute Morgen beim Zusammenkramen habe ich plötzlich eine Idee, die die Geschichte vielleicht doch weiterwachsen lassen könnte. Beseelt hänge ich ihr nach.
Und tapse nachdenklich und vergesslich hin und her.
Die Liebste kommt nach der morgendlichen Meditation die Treppe runter. Ich schaue ihr entgegen. „Und?“, fragt sie, „hast du was gemerkt?“
Ich stutze.
Sie hilft: „Ich hab dir doch gerade mein ganzes Wohlwollen geschickt!“
„Oh ja“, rufe ich – und in diesem Moment verstehe ich viel mehr, als sie ahnt – „ich habe es tatsächlich gemerkt. Ich wusste nur nicht, dass es von dir kommt.“
Wie immer in solchen Momenten schleicht mir ein Lächeln ins Gesicht. Es will ironisch aussehen. Weil ich an so was ja eigentlich nicht glaube. Aber es gelingt ihm nicht.

Tag 74

Ach, gäbe es doch einen Literaturnobelpreis für Kinderbücher! Dieses hätte ihn definitiv verdient.
Oder, – … warum nicht den für die Großen?!
Gemütlich unter einer Decke nebeneinander gekuschelt, können Enkel und ich gar nicht von dem Buch lassen. Es hat keinerlei Text, aber wundervolle Bilder. Und nur damit erzählt es eine spannende und berührende Geschichte von einem Kind, das wahnsinnig gerne malt, mit der Klasse einen Ausflug zum Mond macht und dann vergessen wird …
Eine Seite hat es dem Enkel besonders angetan. Mondmenschen sind aufgetaucht. Sie haben dem Schulkind beim Malen zugeschaut. Jetzt bietet das Kind ihnen einen Stift an, um es selber mal zu probieren.

Hare Ausflug zum Mond Bilderbuch

Aus: John Hare, Ausflug zum Mond. Textloses Bilderbuch © 2019 Moritz Verlag, Frankfurt/M.

Ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ich dichte jedem von ihnen einen Spruch an. Der Enkel kann gar nicht genug davon bekommen. „Nochmal!!!“, ruft er begeistert und schaut mich mit gespannter Erwartung an.

Tag 73

Nagelkran und Wonder-Woman

Mit unglaublicher Inbrunst hilft er dem Opa, die alte Hütte in ihrem Garten abzureißen. Er hat zum Geburtstag eine neue geschenkt bekommen. Er steht neben mir, hält mit seinen beiden kleinen Händen die Kneifzange, versucht den Nagel am Kopf zu fassen zu kriegen. Ist stolz, wenn ich jubiliere: „Ja! Jetzt hast Du ihn! Und jetzt ganz doll die Hände zusammendrücken!“ Und dann ziehen wir den Nagel mit vereinten Kräften heraus. Anschließend ist er der Kneifzangenkran und transportiert mit dem Kneifzangenkran-Greifer den Nagel in eine Tüte. Darin sind schon an die 30 anderen, die er transportiert hat.
Ab und zu verfalle ich in alte Gefühle beim Heimwerken. Z.B. „So, los jetzt, feddich werden!“ Dann ruf ich mich zur Ordnung. Es geht hier nicht um feddich werden. Es geht hier um Spielen. Und das ist eine ernste Angelegenheit. Die braucht Zeit!
Plötzlich steht die große Schwester neben uns. In Gartenkleidung. Sie ist schon zu groß, um sie noch Mädchen nennen zu können. Ob wir Hilfe gebrauchen können, fragt sie mit sichtbar gut gelauntem Tatendrang. Klar! Wir laden sie herzlich ein. Aber Vorsicht, erklären wir, da sind eine Menge Splitter und Nägel im Spiel. Man kann sich leicht verletzten. Kein Problem, sagt sie und schiebt mit einer gehörigen Portion Selbstironie ihre Hüfte zu Seite. Ich hab doch meine Wonder-Woman-Arbeitshandschuhe. Na dann …

Tag 72

Welt verstehen

Sie wird bald 4. Unablässig rattert in ihrem kleinen Köpfchen das Verarbeitungs- und Sortier-Aggregat. In einem Wahnsinnstempo. Und sie teilt es mit.
Jetzt sitzt sie da. Schaut mich an. Ein bisschen versonnen. Ab und zu wandert ihr Blick nach schräg irgendwo da oben. Sie sagt:
„Man darf sich nicht umarmen. Wenn man sich umarmt, kann man krank werden. Von dem Corona. Aber in der Familie nicht. Da kann man sich umarmen.“ Ihr Gesicht sieht aus, als würde sie ihren eigenen Worten noch einmal nachhorchen.
Sie wirkt nicht ängstlich oder verunsichert. Sie ist dabei, zu verstehen.
Ich will dazu nichts sagen. Ich schaue sie sein Weilchen an. Dann streichele ich ihre Wange. Die schmiegt sich mir entgegen.

Tag 71

Traum

Heute Nacht ein Traum.
Ich biege auf den Flur. Vor der Tür zum Klassenraum wartet er schon. Ich freue mich. Er sieht wunderbar aus. Ein extrem kleinwüchsiger Mann. Er hat sich verkleidet. Grau in Grau. Der Anzug, die Schuhe, das Hemd, der Trenchcoat. Auch der Hut und das eng um den Kopf geschlungene Tuch darunter. Wie in den Stoff hineingefärbter Staub.
Tiefdunkle Ränder unter den Augen.
Nur die Lippen sind knallrot geschminkt.
Er wird einen der grauen Männer aus „Momo“ spielen.
Wir öffnen die Klassentür. Gehen nochmal durch einen schmalen Gang. Dann betreten wir die Klasse selbst.
Er spielt seine Rolle großartig. Er ist spröde, streng, unnahbar. Trotz seiner Kleinheit füllt er den Raum mit unnachgiebiger Kälte. In der Klasse keimt Unruhe auf. Widerstand. Mir ist unwohl. Ich freue mich über die Wirkung dieser Szene. Und ich schäme mich. Sie spielen nicht mit. So wenig habe ich die Klasse „im Griff“. Ich bekomme meine Gedanken nicht in den Griff. Ich habe diesen Mann doch eingeladen für genau das, was er jetzt tut. Und jetzt ist es mir unangenehm und auch wieder nicht.
Mitten im leblosen inneren Tosen wache ich auf.

Tag 70

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

 

Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Abschiedsbesuch. Ich schaue mich um und denke traurig: „All das hier wird schon bald sterben.“ Ziemliche Theatralik in meinem Herzen. Aber es ist gut so. Ich will sie. Beinahe trotzig.
Dieser Wald hier wird, wenn alles den üblichen Gang geht, bald gerodet werden. Denn er soll dem Abbau von Quarzsand weichen. Das Öffentlichkeits-Beteiligungs-Verfahren zur Planung dieses Eingriffs in die Landschaft ist vor kurzem geendet. Es gibt 23 Eingaben. Die werden jetzt bearbeitet. Es gibt vorsichtig vorgetragene Kritik. Aber nicht an der Grenze zum Protest. Hier und da immer mal ein bisschen Beschwichtigung via Lokalzeitung. „Arbeitsplätze auf 25 Jahre gesichert“, „Angrenzende Naturschutzgebiete nicht gefährdet“, „Als Ersatz für die gefällten Bäume wird woanders aufgeforstet“ (an anderer Stelle kann man dann lesen, dass die Firma kaum Stellen findet, wo sie überhaupt aufforsten kann.), „Der Wald ist eh wertlos“ (O-Ton eines Mitglieds der Grünen, eines Fachmannes. Er kommt in den sanften Beschwichtigungs-Wogen besonders oft zu Wort.)
Ich weiß nicht, was ich machen kann. Was ich machen soll. Was ich gar machen muss? Ich stolpere herum, irgendwo im Niemandsland zwischen „Das ist ja alles längst beschlossen. Was willst Du da ausrichten?“ und „Morgen fange ich an, ein Baumhaus zu bauen.“
Gibt es ‚wertlosen‘ Wald?

Tag 69

So anders nicht

So anders als Tiere, wie wir gerne glauben möchten, sind wir nicht. Möchte ich glauben.
Ich hocke am Teich. Wie immer, wenn ich am Wasser bin, schaue ich hinein. Und immer im ersten Moment unruhig suchend. Dann ohne Absicht und dann findend.
Mir huscht eine zuckende Bewegung durch den Augenwinkel. Ich schaue hin. Recht weit oben hockt auf der Teichfolie eine Libellenlarve. Ich warte auf das Zucken. Es kommt. Ah! Sie jagt etwas. Aber anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Es schießt nicht ihr ganzer Körper aus der Bewegungslosigkeit hervor und schnappt. Erst beim dritten oder vierten Mal wird mein Bild klarer:
Von oben sieht es aus, als würde eine Art Lasche, eine weißliche Zunge, von der Larve weg auf die Beute zu schießen und sie schnappen. Später lese ich, es ist eine Fangmaske. Sie sitzt auf und vor dem Kopf der Larve und schnellt tatsächlich vom Köper weg zur Beute.
Aber warum macht sie das an derselben Stelle ein paarmal relativ kurz hintereinander?
Da! Ganz kurz vor der Larve bewegt sich etwas. Tatsächlich. Die Maske schnell hervor. Zieht sich zurück. Und, – … das Etwas bewegt sich weiter. Vier-, fünfmal geht das so. Ich wundere mich. So oft verfehlt die Larve ihre Beute? Ich schaue genauer hin: Was die Libellenlarve jagt, ist ein Schatten, der eines kleinen Babywasserläufers auf der Wasseroberfläche. Die Larve macht noch ein paar Versuche. Dann gibt sie auf. Sie schaut sich um. (Ich bin sicher, dass sie das tut.) Sie will wissen, ob jemand ihre kleine Dummheit beobachtet hat.(Ich bin sicher, dass sie das tut.) Sie sieht niemanden. Und schleicht möglichst unauffällig unter ein Knäuel aus Blättern und kleinen Ästen in der Nähe. Sie kriecht darunter. Nur ihr Kopf ist noch zu sehen. Sie ist erleichtert (ich bin sicher, dass sie das ist.) Hat keiner gesehen.
Tja, liebe Libellelarve, Irrtum, – ich hab’s gesehen. Aber keine Sorge, ich erzähle es nicht weiter.

Tag 68

Landschaft Westmünsterland

„Ich liebe diese Landschaft“, das denke ich jedes Mal, wenn ich durch das westliche Münsterland fahre. Selbst wenn ich zu dem Städtchen fahre, das endlich zu verlassen als junger Mann, ich sehr froh war. Und noch bin.
Aber dieser Landschaft! In sanften fast nicht einmal Hügeln sich wölbende Böden, Felder, unterbrochen von Strauchgruppen, kleinen Wäldchen, Wiesen, Hecken. All das sich genießerisch der Sommersonne ebenso zu Füßen zu legend wie dem schweren friedlichen Landregen.

Landschaft im Westmünsterland
Schon als Junge liebte ich diese Landschaft. Ich merkte es zum ersten Mal auf schmerzhafte Art. Meine Mutter und ich fuhren die übliche Schmuggelfahrradroute. Kaffee und Butter waren jenseits der grünen Grenze deutlich billiger. Die Strecke führte durch die Bilderbuchvariante eben dieser Landschaft. Aber dieses Mal war plötzlich für ein ganzes Stück des Weges alles anders. Die Wege waren auf einmal gerade, frisch asphaltiert, einige Hecken verschwunden, ebenso manche Bauminsel auf mancher Wiese. Alles so offen, so verfügbar, so gar nicht geheimnisvoll. Die Landschaft lud nicht mehr stromernde Kinder ein. Nur noch mächtige Mähmaschinen. Ich war traurig, ohne recht zu wissen, warum. Ich glaube auch nicht, dass ich darüber gesprochen habe und es dann vielleicht verstanden hätte.
So regelmäßig wie an die Liebe zu dieser Landschaft, werde ich an einen Schimmer dieser Trauer erinnert. Wenn mittendrin plötzlich eine dieser „Wir-machen-den-Weg-frei“-Baustellen auftaucht.

Straßenbaustelle im WestmünsterlandWenn die Wassersprenger erzählen, dass auch hier die Böden immer weiter austrocknen, um dann hinter einer großen Landmaschine einfach weg zu wehen …

Westmünsterland, Wassersprenger auf Kornfeld

Westmünsterland Wassersprenger auf Feld

Westmünsterland, Wassersprenger auf Feld

Traktor auf ausdörrtem Feld

Und doch, liebe ich, noch immer, diese Landschaft.

 

Tag 67.1

Ich phantasiere einen Dialog am Gemüsestand.
„Ich hätte gern eine reife Avocado.“
„Tut mir leid. Unsere haben nur mittlere Reife.“

Tag 67.2

Er hatte von Anfang an seine Pfötchen im Spiel. Jede Wette. Schon als er dafür sorgte, dass die Online-Buchung von Öffi-Tickets nicht funktionierte. Und schließlich, als ich dank seines telepathischen Einflusses den Mund-/Nasenschutz vergaß und ich nicht in den Zug steigen konnte, was mir zum Glück einfiel, bevor ich ein Ticket am Automaten ziehen konnte.

So verzichte ich auf den Spontanbesuch bei Freunden, und drehe stattdessen, wie oft in letzter Zeit ein paar Runden durch Sträßchen, die ich noch nicht kenne. Auf einem davon, zum Glück einem für Autos gesperrten, hoppelt plötzlich er, mitten auf dem Weg vor mir her. Wie die Hinterbeine lustwibbelig hoppeln und dabei den Hintern hochwerfen. Erst will ich glauben, es sei ein Vogel. Aber als ich da bin, sehe ich, es ist er: „Swinegel“. Alias „Mecki“.

igel mitten auf dem Weg

Tag 65

Lockerung kommt an 1

Dienstag Morgen. A 3.

Corona Lockerung Stau

Tag 64

Rat Race

Ich erinnere mich an Familienurlaube. Vater, Mutter, Sohn 1, Sohn 2 (Sohn 3, weil noch zu jung in der Übergangspflege bei Tante Heti.)
Hinfahrt zuerst im Käfer, Sohn 1+2 eingeklemmt auf der Rückbank zwischen Gebäckstücken, die nicht mehr oder von vornherein nicht in einen der beiden „Kofferräume“ passten. Später im VW 1600, Stufenheck, auf „unserer“ Rückbank etwas mehr Platz. Mit schöner Regelmäßigkeit Übelkeit auf der Schwarzwaldhochstraße. Schon knapp 600 km vorher am Anfang der Reise befürchtet.
3 Wochen Standardprogramm. Ruhetag (Erholung von der Reise), Wanderung „Brandenkopf“, 2 Ruhetage, Wanderung „Mosenmättle“, 3 Ruhetage (Mosenmättle ist anstrengend), Ausflug Freiburg, Ruhetage. Einer der Pflicht-Events: Picknick auf einer lauschigen Wiese am Flüsschen „Kinzig“. 4 orange-braun gestreifte Stoffklappstühle auf (bei einem die Seitennaht schon leicht aufgerissen, bedenklich, hält nur noch Sohn 2 weil: der Leichteste), Klapptisch mit Kartoffelsalat, irgendeiner Schwarzwälder Dauerwurst-Spezialität, Streuselkuchen, Fanta („ausnahmsweise, weil Urlaub ist“) und noch ein paar anderen Köstlichkeiten beladen. Und dann konnte die Gemütlichkeit an der „Frischen-Luft“ (mit einer gewissen Zackigkeit ausgesprochen) Fahrt aufnehmen.
Konnte sie dann aber doch nicht.
Vor der Gemütlichkeit kamen die Wespen.
Denen mein Vater sich mit Heldenmut und Gründlichkeit entgegenstellt. Er nimmt den einsamen Kampf auf, nur bewaffnet mit einem seiner nicht beigen, aber auch nicht grauen, aber auch nicht braunen Sommerschlappen. (Lange vor Adiletten, jedoch auch unbedingt mit langen Socken zu tragen.)
Es sind viele Wespen. Deren Bekämpfung ein größeres Projekt. Zum Glück schiebt Vater sich mitten im Kampf schnell ein Dauerwürstchen rein. Damit ist ein Startsignal gesetzt. Ohne hätten wir nicht gewagt anzufangen. Man fängt nicht ohne den Vater zu essen an. Mutter und Sohn 1 und Sohn 2 sitzen irgendwie unschlüssig am Tisch. Verstohlen naschen sie ab und zu etwas, – immer auf der Hut, ob das schnell reingeschobene Dauerwürstchen des Vaters womöglich doch gar kein Startsignal war und wir einen Man-fängt-nicht-ohne-den-Vater-Anschiss bekommen, gesteigert vom Zorn gegen die Wespen. Nach und nach werden wir mutiger. Sohn 1 und Sohn 2 entfernen sich gar vom Tisch und bauen den ein oder anderen Deich an der „Kinzig“ nebenan. Deichbau immer mal wieder unterbrochen von kurzen Bienenstich-Ausflügen zurück an den Campingtisch. Schlechtes Gewissen, weil wir abhauen können, Mama aber nicht.
Bei einem dieser Ausflüge bemerken wir einen leeren Tisch. Fragender Blick zu Mama. Schulterzucken mit den Augenbrauen. Ah, – Aufbruch. Vater hat die Nase voll.
Die Wespen warten nicht, bis wir weg sind. Sie machen sich schon während des Aufbruchs über die Krümmel her.
So ähnlich kommt mir vor, was ich im Netz gerade beobachte. Meine Arbeit an der Tscharntke-Rede (s. Tag 63, Heil-Land) ist abgeschlossen. Ich will nur noch – sozusagen als letzten Akt, die gesammelten Materialien in einen Desktop-Ordner packen. Dabei auch eine Offline-Version des Videos und die Rede als Pdf. Sicherheitshalber will ich schnell noch nachschauen, ob die Rede online überhaupt noch verfügbar ist und wo. Und wieder wird eine längere kleine Recherche daraus. Viele der Links zu der Rede funktionieren nicht mehr. Offenbar wurde an verschiedenen Orten das Video von der Rede  aufgrund von Anzeigen gelöscht. Dafür ploppt sie an anderen Stellen wieder auf. Begleitet von den einschlägigen Kommentaren. Das Video mache die Herrschenden wohl nervös … wahrscheinlich wegen der Wahrheit … man lasse sich von Merkel und Co. nicht mundtot machen usw. Ich finde auf die Schnelle 8 neue Orte der Veröffentlichung. 6 davon allein auf Youtube.
Das Spiel wird weitergehen. Und auch dieses Rat Race verstehe ich nicht. Die einzelnen Motive verstehe ich schon. Jemand ist sauer über das Video, findet darin etwas, das bestimmten Regeln widerspricht und zeigt es an. Ein anderer ist sauer, dass die Herrschenden das Video wieder gelöscht haben und lädt es woanders wieder hoch.
Was ich nicht verstehe, ist, dass diese Menschen nicht verstehen, dass sie ein albernes Spiel spielen. Das Tilgen-Wollen ist zum Scheitern verurteilt. Man wird ja so diese Botschaften des Videos nicht los. Sie kommen immer wieder. Und umgekehrt: Da, wo man es hochlädt, wird es wieder gelöscht werden usw.
Das Ergebnis: Nichts. Die, die glauben wollen, werden noch mehr glauben, – die die sich aufregend darüber, werden sich noch mehr aufregen.
Mein Vater hat das Wespen-Jagen wenigstens irgendwann abgebrochen.

Tag 60 bis Tag 63

Donnerstag: 9 Stunden
Freitag: 4 Stunden
Samstag: 6 Stunden
Sonntag: 6 Stunden
1 Stunde, 14 Minuten, 57 Sekunden die Rede, die ich in den letzten Tagen analysiert habe.
Die Liebste und ich bekommen am Mittwoch eine Mail mit einem Youtube-Link zu einer Rede. Diese Rede sei sehr hörenswert. Es ist eine dieser Betreff: Fw-Fw-Fw-Mails. Die sich leicht und flockig, mit ein paar knackigen Sätzen geschmückt, verschicken lassen. Und die dann richtig Arbeit bedeuten würden, wenn man sie ernst nähme. Weshalb ich sie zunehmend ignoriere.
Diese aber kann ich nicht ignorieren. Sie stammt von guten Bekannten.  Sie kündigt eine Kritik an, die sie als Linke teilen würden, – und das obwohl sie von einem Pfarrer komme. Selbst sie als Ungläubige müssten einräumen, dass dieser Geistliche sehr gut ausspreche, was auch sie umtreibe. Das kommt einem Ritterschlag gleich. Ähnlich der Ton der Fw-Fw-Vorgänger-Mails.
Ich höre mal rein. Und habe schon ganz am Anfang das Gefühl, dass diese Rede nur mit äußerster Vorsicht zu hören ist. Die ersten genaueren Blicke zeigen: Diese Rede ist demagogischer Unsinn.
Empfohlen von Linken. Also Gesinnungsgenoss*innen für mich.
Also kann ich sie nicht ignorieren.
Ich kann aber auch nicht einfach dagegen koffern. Vor mir selbst.
Also steige ich tief hinab in die modrigen Gewölbe der in dieser Rede versprachlichten Gedanken. Minute um Minute. 26 handgeschriebene Seiten Exzerpt. Höre viele Stellen mehrmals , um sie wirklich genau zu rezipieren.
Das Ergebnis: Ein Analyse-Text von 11 Seiten.
Diese 11 Seiten kann man unmöglich hier als Blog-Beitrag veröffentlichen. Man würde endlos scrollen. Ich möchte sie dennoch veröffentlichen und empfehlen. Ich möchte sogar empfehlen, sie zu teilen und anderen zu empfehlen. Man kann sie verstehen, auch wenn man (was ich hoffe …) den Video-Clip nicht kennt. Und man lernt viel darüber, wie in Texten von Menschen, die man heutzutage gern „Verschwörungstheoretiker“ nennt, manipuliert wird.

Die Analyse findet sich hier:

Heil-Land

Neben dem „Funktionieren“ solcher Demagogie-Texte treibt mich – fast noch mehr – die Frage um, wie es sein kann, dass Linke und Rechte, Ärzte, Homöopathen, Spinner, Esoteriker, Wissenschaftler und so viele andere mit unterschiedlichen, teils einander diametral entgegenstehenden Grundhaltungen plötzlich diese seltsame Allianz der „Hygiene-Demonstranten“ bilden.
Deshalb hier wenigstens das Ende der Analyse:

[…] Zurück zum Anfang. Warum der Begriff „Heil“? Er steckt in „heilsam“, „Unheil“,  „Heiler“, „Heilslehre“, Heilung. Er ist konnotiert mit „tief in seiner Mitte Sein“, „gesund sein“, „körperlich-seelisch-geistig ausgewogen sein“, „Krankheit ausgleichend“, „innere Stärke“ u.ä.
Meine persönlichen Recherchen im Zusammenhang mit zur Zeit im Netz z.T. erstaunlich vielfach geteilten Inhalten im Zusammenhang mit einer Kritik an den durch die Bundesregierung in Deutschland verfügten ‚Schutzmaßnahmen‘ im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vielleicht auch nur angenommenen pandemischen Gefahr durch das Corona-Virus haben mich schier verzweifeln lassen, weil übliche Sortierungsmechanismen aus meinen persönlichen Werten heraus nicht mehr funktionierten. So verbreiten z.B. Internet-Portale, denen ich bisher praktisch a priori Seriosität zugesprochen habe, plötzlich Texte, deren Lektüre tatsächlich eine globale Anti-Menschenrechts-Verschwörung nahelegt und damit mein Grundvertrauen in Demokratie und Menschenrechte in den Grundfesten erschüttern. Linke teilen Inhalte, die besonders gerne von Rechten goutiert werden. Definitiv unwahre Behauptungen mutieren zu bedrohlichen Kernthemen, mit denen auch ich mich einfach beschäftigen muss. So kursierte eine Zeitlang die „Information“, im Kabinettsbeschluss vom 30.04.2020 sei schon eine Impfpflicht festgelegt, die zwei Wochen später im Bundestag einfach durchgewinkt würde, eine Information, die auch mich erheblich aufgeschreckt hat, die sich aber, als ich das Original des Kabinettsbeschlusses las, als schlicht falsch herausstellte. Die sich einstellende Beruhigung konkurriert aber mit der Tatsache, dass natürlich auch mir nicht entgangen ist, dass die vorherrschende Logik der Entscheider*innen in Deutschland und der Welt kaum anders auflösbar wäre als mit einer flächendeckenden Impfung der Bevölkerung, die sicher bei der/dem einen oder anderen Politiker*in zu der Forderung einer Impfplicht führen könnte.. Nur eben: In diesem Dokument steht das nicht. Warum geht es dann trotzdem viral? Und nicht nur bei der dumpfen Variante von Pegida-Grölern. Sondern auch bei Menschen, die ich als bedächtig, klug, aufmerksam und sprachbewusst bezeichnen würde? Was verbindet den Esoteriker mit der Straßenkämpferin aus dem schwarzen Block, die rechtsnationale Fahnenschwingerin mit dem menschenfreundlichen Homöopathen?
Mir ist kein anderer Denkweg eingefallen als der der Suche nach Heilung, nach Heil.
Die Texte, die ich gelesen, gehört und gesehen habe (ich bezeichne auch Video-Clips als Texte), bieten Heil an. Sie versprechen z.B. heilende Erkenntnis. Die Heilung besteht in einer schnell gewinnbaren Einsicht, die nicht stundenlanges, vielleicht schmerzhaft Widersprüchliches zu Tage förderndes Recherchieren voraussetzt, sondern nur ein paar Klicks. Die Blase, in der man dann herumklickt, ist inzwischen so groß, dass man beim Weiterverfolgen der angebotenen Links sogar das Gefühl haben kann, man würde recherchieren. (Ich höre in Straßeninterviews ganz oft von Hygiene-Demonstrant*Innen, man müsse einfach mal auch abseits der Mainstream-Medien recherchieren.) Dass ich persönlich z.B. lieber gleich auf sogenannten seriösen Portalen schaue, als offen zu recherchieren, hat ja keinen anderen Grund. Ich will Heilung von Unsicherheit durch passende Medikamente, sprich: passende Informationen. Am besten aber in homöopathischen Dosen, damit nicht die Gefahr erneut auftretender Widersprüche entsteht, nicht die Gefahr endlos aufploppender neuer Fragen und schon gar nicht die Gefahr von Widersprüchen, die eigene Selbstverständlichkeiten ernsthaft in Frage stellen könnten.
Wenn wir Welt wahrnehmen, stolpern wir zwangsläufig über Widersprüche. Das würden wir, wenn wir ernsthaft uns selbst wahrnehmen würden, auch tun. Letzteres können wir leicht vermeiden. Ersteres oft auch, solange nicht, wie jetzt, die Welt so viel Krach macht, dass ich es nicht mehr ignorieren kann. Und das tut sie ja, wenn ich einen Laden nicht betreten darf, weil ich meinen Mundschutz vergessen habe. Die Widersprüche, die mich anspringen, sind schwer auszuhalten. Da ist es heilend, wenn ich einfach davon ausgehen kann, sie beruhten auf Betrug. Ich wäre zwar Opfer, aber ich wüsste es und könnte mich ergeben oder kämpfen oder fliehen, je nachdem, was mir mehr Heil verspricht. Es ist heilend, wenn das ganz viele so sehen, ich also nicht allein in diesem Dschungel aus Widersprüchen leben muss.
Ein Beispiel: Ich fürchte, man muss davon ausgehen, dass in den Laboren dieser Welt nicht nur Konstruktives erforscht wird, sondern z.B. auch an biologischen Waffen. Ich befürchte weiter, dass der größere Teil der Menschheit ebenfalls davon ausgeht. Und selbst in einem Labor, in dem nicht an biologischen Waffen geforscht wird, sondern vielleicht mit experimentellen Viruskonstruktionen an einem Impfstoff gegen Aids, können Dinge passieren, die für die Gesundheit der Menschen auf der ganzen Welt bedrohlich sind. Es wäre ja komisch, wenn so etwas nicht passierte. Und dann ist so ein Virus plötzlich in der Welt und bedroht mich ganz persönlich und kegelt meine Lebens-Routinen brutal durcheinander. Dann ist es zwar nicht problemlösend, aber heilend, wenn ich sagen kann, dieses Virus ist eine perverse Labor-Konstruktion. Es soll zur Unterdrückung der Menschheit eingesetzt werden. Der Gedanke ist nicht angenehm, aber er heilt im Moment meine Unsicherheit. Weiterleben mit der Unsicherheit nicht zu wissen, wo das Virus herkommt und es vielleicht auch nie zu erfahren, vielleicht auch nie zu erfahren, ob die Maßnahmen, die jetzt mein Leben durcheinander würfeln, überhaupt sinnvoll waren, – all das wäre realistisch, aber dauerhaft schmerzend, also nicht „heil“. Die Annahme, es gäbe finstere Mächte, die mich und meine Mitmenschen weltweit terrorisieren wollen, ist faktisch alles andere als angenehm, aber sie heilt für den Moment und vielleicht für den längeren Moment meiner vielleicht kompletten Lebenszeit meine Widerspruchsschmerzen. Und dann glaube ich eben entschlossen den beiden Wissenschaftlern, die behaupten, das Virus sei menschgemacht und das sogar für einen Laien schlüssig ableiten können. Und versuche die auszublenden, die Widerspruch anmelden, – vielleicht genauso schlüssig. Notfalls deklariere ich sie als gleichgeschaltete Falschmeldungen-Verbreiter, wenn sie mir gar nicht von der Seite weichen wollen.
Dazu kommt: Es gibt in all diesen Wirren Menschen, die Bescheid wissen. Jedenfalls können sie offenbar überzeugend so tun. Auch das heilt. Ich muss nicht unter Schmerzen weiter davon ausgehen, dass Wahrheit immer nur ein Versuch ist. Und dass der Versuchsaufbau jederzeit einstürzen kann. Ich kann die Wahrheit erfahren. Ich muss nur den richtigen Klick machen.
Bei den Autorinnen und Autoren der „Heils“-Botschaften ist die Sache, denke ich, zum Teil ähnlich und z.T. anders. Vermutlich gibt es unter den Autor*innen Menschen, die wider besseres Wissen betrügen und mit Bedacht Falschinformationen betreiben. Deren Motive kenne ich nicht und kann sie mir auch nicht ausmalen. Die aber, die verfälschende oder, gemessen am Faktischen, unzulässig vereinfachende oder unangemessen pointierende Botschaften verbreiten, in der aufrichtigen Absicht, Gutes zu tun, – welchen Heilungs-Mechanismen dienen die?
Meine These ist: Sie sind die Avantgarde des Heilens. Sie sind verliebt in die Vorreiter-Rolle beim Heilen der anderen und heilen im Ausleben dieser Verliebtheit sich selbst.
Meine Gedanken mögen sich so lesen, als stünde ich über diesen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich kann diese Sehnsucht nach Heilung geradezu körperlich spüren.
Aber ich kann ihr auch misstrauen. Das unterscheidet mich dann vielleicht doch von vielen, die heillos folgen, – notfalls dem Unheil. Hoffe ich.

 

Tag 59

Distanz ohne Abstand

Der Bundesvorstand der AFD hat auf Initiative von Herrn Meuthen mit 7 zu 5 Stimmen bei einer Enthaltung beschlossen, dass Herr Kalbitz die Partei verlassen muss. Genauer gesagt: Dass sein Beitritt nicht rechtens war, weshalb seine Mitgliedschaft annulliert werde. Er wird also quasi rückwirkend nicht aufgenommen.
Süß, wie die Lehrlinge die Machenschaften der Großen nachspielen, das schwurbelige Verbalwinden der geschmähten „Altparteien“ imitieren. Herr Kalbitz sei mal ein tarnbehoster Wald-Wiesen-Nazi gewesen. Das habe er bei seinem Aufnahmeantrag verschwiegen. Leider sei das entsprechende Dokument verschollen. Es gebe aber zwei Zeugen. Brav ergänzen wir gedanklich: Wenn er es nicht verschwiegen hätte, wäre er ja gar nicht in die AFD hineingekommen. Denn in der AFD gibt es keine Nazis. Bekanntlich. Nun, – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Der Lehrling Kalbitz allerdings jetzt erstmal schon. – Irgendwie. – Na ja, – ein bisschen.
Am Tag danach verkündet die Fraktion der AFD im Landtag von Brandenburg, dass Herr Kalbitz, der Herrn Gauland folgende Landesvorsitzende der AFD in Brandenburg, Mitglied der Fraktion bleibe. Und dass sein Fraktionsvorsitz jetzt zunächst mal nur kommissarisch von jemand anderem übernommen werde.
Herr Kalbitz kündigt rechtliche Schritte an.
Die besonders Rechten in der Partei kritisieren den Rauswurf, nein: die rückwirkende Nichtaufnahme, also genau genommen: Die im Grunde Nicht-Existenz der Mitgliedschaft des Herrn Kalbitz.
Ich würde mich freuen, wenn die rechtliche Prüfung (wer macht sowas eigentlich?) der Personalie Kalbitz ergeben würde, dass er in der Partei bliebe und alle seine Ämter auch offiziell wieder aufnähme.
Aus niederen Motiven, muss ich gestehen.
Möge er noch lange den juckreizenden Fußpilz der AFD geben. Und ich darf mich dann erfreuen, wie sie genervt in die Höcke gehn und sich kratzen.

Tag 58

Abstand ohne Distanz

Ich lungere vor der Apotheke herum. Kann noch nicht rein. Zuviele Leute drin. Zwei. Dauert so lange, bis ich endgültig jede Werbetafel im Schaufenster gelesen habe. Und noch länger.
Dann entdecke ich noch ein Plakat auf der anderen Seite der Eingangstür.
Eine Frau im weißen Kittel. Apotheken-Interieur hinter ihr. Brille. Dunkle Haare. Mittleres Alter. Ein sehr einladendes Lächeln. Aber auch wieder nicht zu leutselig. Sie soll ja Zugewandtheit und zugleich Seriösität und Kompetenz ausstrahlen. Schätze ich.
Das tut sie. Schätze ich.
Darunter der Satz: „Abstand hat nichts mit Distanz zu tun. Wir sind weiterhin für sie da.“

Da gibt es einen Menschen, der den Auftrag hat, sich einen werbewirksamen Spruch auszudenken. Dann gibt es Menschen, die sich seine Vorschläge mal informell ansehen. Dann gibt es Menschen, die auf irgendeinem Meeting sich entscheiden. Für genau diesen Spruch. Dann gibt es Menschen, die layouten. Und Menschen, die drucken. Und Menschen, die das fertige probegedruckte Plakat zum Druck und zur Verwendung freigeben, nachdem sie es in einem Meeting begutachtet haben.

Da sind einige Menschen beteiligt. Und keiner, dem auffällt, wie idiotisch der Spruch eigentlich ist. Natürlich hat Abstand mit Distanz zu tun. Wer je versucht hat, über den Mundschutz weg auf 2 Meter Innigkeit und Nähe herzustellen, weiß das. Und leidet darunter.

Tag 57

Da erweist mir jemand die Ehre, einen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben. Ich freue mich sehr.
Gerne arbeite ich den Text als Beitrag ein. Fülle das Backsite-Formular aus. Datum, Kategorie, Schlagwörter usw.
Frage das endgültige O.k. ab.
Bekomme das endgültige O.k.
Und dann? – – Vergesse ich das Entscheidende: Auf „Veröffentlichen“ zu klicken.
Eine Freundin, die sich schon auf den Beitrag gefreut hatte, weist mich darauf hin, dass er nicht zu finden sei.
Das muss ich schleunigst ändern!
Es ist mir eine Ehre:


Tag 39.1

Perfekter Ansteckungsschutz

(Außenkorrespondent P)

In der Tankstelle in einem westfälischen Dorf: Ich will eigentlich nur kurz bezahlen, halte Abstand an der roten Klebebandlinie und trage artig einen Mund-Nasen-Schutz. Vor mir an der Reihe: Ein älterer Handwerker mit ziemlich matschigen Stahlkappenstiefeln, der nicht wegen Benzin, sondern wegen zwei Mettbrötchen in der Tanke steht. Er ist der Typ, den man ironiefrei mit „Scheffe“ ansprechen könnte und per Du mit dem Tankwart. Beide tragen elegantere Masken (weiß mit dezenten Stickereien, eine davon mit lokalen Kirchturm-Silhouetten). Sie tauschen sich darüber aus, dass man beim Metteinkauf nicht am falschen Ende sparen soll, während der Tankwart mit ziemlicher Hingabe das Mettbrötchen frisch schmiert. Dann wechselt das Gesprächsthema zu dem Zerstörungspotential von unausgelasteten großen Hunden. Normalität der ländlichen Tankstellenkonversation nahe bei 100%.

Der Tankwart trägt extra orangene Gummihandschuhe für die Mettbrötchenherstellung, pickt mit einer Gabel eine halbe rote Zwiebel aus einer speziellen Plastikdose auf, um diese mit einem dafür bereitstehenden Messer in Ringe zu schneiden. Alles sehr coronagerecht hinter dem transparenten Aufbau, der auch ein Ablageloch für mehrere Gebäckzangen hat. Dann kommen die beiden Brötchenhälften in eine Papiertüte, die der Tankwart durch eine Lücke zwischen dem Spuckschutz und der Plexiglas-Vitrine schiebt, mindestens 1,5 m Abstand haltend. Scheffe bereitet sich vor, dass Mettbrötchen bar zu zahlen (ist ja hygienisch mit dem Automaten, der das Kleingeld annimmt).
Als der Tankwart die Kasse mit den orangen mettverschmierten Handschuhen bedient, bin ich froh, dass ich unter meinem Mund-Nasen-Schutz unbemerkt grinsen kann.
Ich phantasiere, wie die Geschichte weiter geht:
Der Tankwart bekommt am nächsten Tag sehr heftig die einschlägigen Symptome. Er wird getestet und bleibt zwei Tage in Totalquarantäne.
Dann das Ergbnis:
Kein Covid. –
– Salmonellen.

Tag 56

Wuppertal

Skulptur im Skulpurenpark Wuppertal

Es scheint als könnte diese Stadt Spagat. Jedenfalls im kulturellen Leben.

Graffitis am Haus der Jugend, Wuppertal
Sie wird sich hier und da eine Zerrung holen.

Skulptur im Skulpturenpark Wuppertal

Tag 55

Ich habe es tatsächlich getan. Und es ging. Dabei hatte ich Zweifel, ob das überhaupt in den Bereich der von mir entscheidbaren Dinge fällt. So ähnlich wie bei der Konfession. Tut es. Offensichtlich.
Ich habe die Fußball-App auf meinem Handy gelöscht und das dazugehörige „Werbefrei-plus- ein-paar-kleine-Extras“-Abo gekündigt.
Mein Dasein als Fußball-Fan ist beendet.
Seit der öffentlichen Berichterstattung über freiwilligen Gehaltsverzicht von Fußball-Profis, dem scheibchenweisen Infizieren von Politik und Öffentlichkeit mit „Fortsetzung der Saison“ und endgültig seit dem Gejammer über eine mögliche Insolvenz der Firma mit den blauweißen Gazprom-Werbepuppen war ich nur noch angewidert und zornig. So heftig, dass ich mich gefragt habe, warum. Ich weiß ja nicht erst seit gestern, dass das Prinzip „Brot und Spiele“ zum Kapitalismus gehört. Dass Popstars aus Show und Sport damit geradezu obszön reich werden. Und dass sie dabei so tun, als läge Ihnen die/der Fan am Herzen.
Eine Antwort habe ich nicht gefunden. Aber einen Ausweg.
Der Samstag ohne Fußball war ein schöner Tag. Und zwar nicht trotzdem. Sondern zu einem guten Teil wegen.

Tag 54

Schlange

Zehn Uhr Acht. Perfekt. Zehn Uhr Zehn ist der Termin. Während ich das Fahrrad an der Arztpraxis abstelle, sehe ich draußen schon die Schlange. Sieht lang aus. Sind aber nur 5 Menschen. Es wird immer nur eine Person reingelassen, wenn eine andere die Praxis verlässt.
Ein Mann kommt kurz nach mir angeradelt, stellt auch sein Fahrrad ab. Er kriegt das Gefummel mit dem Schloss schneller hin und kann sich vor mir in die Schlange reihen. Als ich endlich auch soweit bin, schaut er mich an und winkt mich vor. „Sie waren doch vor mir da.“ Wahrscheinlich lächelt er, aber sehen kann ich es nicht. Mundschutz.
Hier und da ein paar launige Wortwechsel. Woll`n Sie auch `n Fisherman’s? Garantiert noch nicht infiziert. Nein Danke, ich bin zu schwach. Hä? Ja, kenn`se nich? Die Werbung? Sind sie zu stark, … Ach so ja, klar.
So in der Art.
Kurz darauf strebt eine flotte, schicke, junge Frau eilig auf die Eingangstür zu. Sie rüttelt daran. Aufklärung aus der Schlange: Sie müssen erst schellen. Die Person schellt. Sie reckt ungeduldig den Kopf hin und her. Versucht, drinnen jemand auf sich aufmerksam zu machen.
Wieder wird sie aufgeklärt. Sie müssen auf das Surren in der Tür achten. Dann können sie sie aufdrücken.
Ich bin innerlich schon auf dem Sprung, da tut es ein anderer: Aber, sagen Sie, Sie sind ja eigentlich noch nicht dran. Sie müssen sich hinten anstellen. Wir warten alle.
Ja, aber, … sie habe gerade angerufen, um nur ein Rezept abzuholen. Da sei ihr gesagt worden, sie solle um 10 da sein. Sie sei jetzt eh schon zu spät.
Ohne weitere Kommentare wie auf geheime Absprache spulen wir alle, die wir in der Schlange stehen, unsere Zeiten runter. 10:10, 10:15, 10:20 usw. Gefällt mir, die Szene.
Sie lässt sich nicht beirren. Sie habe ja keinen Arzttermin. Sie habe nur einen Termin zum Rezept Abholen.
Inzwischen hat es an der Tür gesurrt, sie aber verpasst, zu drücken.
Ja, nu drücken se, brummelt es aus der Reihe.
Die Frau drückt.
Ja, erst schellen, natürlich.
Das geht noch ein wenig hin und her. Mit der einen oder anderen kleinen Spitze aus der Schlange. Aber nicht besonders giftig. Eher ketzerisch.
Schließlich geht die junge Frau als erste von uns allen rein. Sie hat es geschafft.
Ich schwanke zwischen wohliger Freude, Ärgern und Beneiden. Mit freundlicher, aber unnachgiebig bestimmter, lässiger Dreistigkeit seine eigenen Interessen verfolgen und durchsetzen. So selbstverständlich, dass es nicht mal zum Kampf kommt. Das würde ich mich niemals trauen. Davon hätte ich gerne mehr.
Die Freude? Sie genießt, dass alle hier in der Reihe sehr entspannt sind. So entspannt, dass es nicht einmal lohnt, sich aufzuregen.
Die junge Frau kommt wirklich sehr schnell wieder raus.
Und spurtet an uns vorbei zu ihrem Auto. Es soll so aussehen, als ob sie es enorm eilig hätte. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass ihr der Weg vorbei an „unserer“ Schlange sehr, sehr unangenehm ist. Das find ich gut. Sie schämt sich wenigstens ein bisschen. Das ist doch mal ein Anfang.

Tag 53

Morgensonne 1 Kleine Lichtinseln
Morgensonne 2 Kleine Lichtinseln
Frisch gestimmt

Wie erste Morgensonnentupfen
Perlentöne aus den Vogelstimmen zupfen
Wie in frisch aufgezog’nes Bettzeug hinzusinken
Wie Vergleiche, die kess grinsend hinken
Wie die Hände an der warmen Tasse Tee
Nach einem Fröstel-Sturm-Spaziergang an der See
Wie beim Nachhausekommen Zwiebelbratgeruch im Flur
Wie winterweises Ruhen von Natur
Wie der Verzicht auf Garantie
Für Zuversicht und Empathie. Wie
Vanilleeis, grad im Beginnen
Auf warmem Apfelstrudel zu zerrinnen.
Wie sanftes Pusten, das den Kinderschmerz verringert
Wie ihr Blick, der unversehens so verlangverführig schimmert
Wie wenn von der sich öffnenden Mohnblütenknospe
Ich scheue Blicke lockende Verheißung koste
Wie ein Segelschiff durch wilde Wasser reitet
Ein Tambourin den Schrei der Welt begleitet
Wie Jetzt
Wie Hier
So klingt
Frisch gestimmt
Mein Klavier.

Tag 52

Wenigstens unsere Heimatzeitung sorgt für nicht digitales Amüsement.
Zum Beispiel der Aufmacher heute im Lokalteil.

Hallo?!? Ist da jemand?!? AFD-Sympathisanten, Pegidianer oder irgendwelche anderen um die ethnische Unversehrtheit unserer schönen Heimat besorgten Menschen?!?
Müsst Ihr da nicht was unternehmen?!?
Das ist ja furchtbar!! Und wie die schon aussehen, diese Grundel!!

Grundel Fisch
Da wird ja selbst die Lügenpresse schwach und eiert nicht politisch korrekt herum, sondern nennt die Dinge bei den Namen, wie sie der gesunde Menschenverstand auch benutzen würde.  „Invasion aus dem Schwarzmeerraum“, statt „Zuwanderung von Fischen mit Migrationsgeschichte“ (und wo die Brüder herkommen, wird dann feige verschwiegen), „Eindringlinge“ statt „Asylbewerber*innen“, „macht sich breit“, statt „siedelt sich an“.  Die „vermehren sich rasend schnell“, die „bedrohen“ mit ihrer „Aggressivität“ die „heimischen“ Fische. Man möchte den „Kampf gegen die glubschäugige Grundel“ vorantreiben.
Und das Ganze geschieht auch noch heimtückisch im Schatten der Corona-Krise. Wahrscheinlich weil sie glaubt, dass es da keiner mitkriegt, diese Grundel. Aber nicht mit uns!
Also was ist jetzt? Wenigstens eine Presseerklärung oder eine kleine Social-Media-Kampagne? Ein paar Aufklärungs-Youtube-Clips?
Das könnt Ihr doch nicht einfach so hinnehmen!
Heil Petri!

Tag 51 

Ich erfahre durchs Radio, dass heute der Tag der Limericks sei. Was es alles gibt.
Ohne, dass ich das groß beschließe, fängt mein lyrisches Ich an zu kreisen.
Und zu kreißen.
Und gebiert.

Bierflasche Corona

Corona

Es reicht ein nur winziger Tropfen
Schon hörst du den Sensenmann klopfen
Die Warnung im Ohr
Zieh‘ ich doch vor
Gleichnamige Tropfen aus Hopfen

Tag 50

Ein Triptychon aus Traum

Ereignisreiche Nacht an der Schwelle zum Tag. Glaube ich. Denn als ich aus dem letzten Traum erwache, beginnt es zu tagen.

Der erste Traum: Eine ältere Frau steht vor einem jungen Paar. Sie übernimmt für ein paar Tage deren Wohnung. In der Szene möchte sie den beiden das Geld dafür geben. Die Beiden finden das Quatsch. Sie solle das Geld doch dem Vermieter geben. Die Frau will das nicht. Ich vermute im Traum, dass ihr das zu kompliziert ist und sie das Bezahl-Thema lieber jetzt erledigt wüsste. Die beiden Jüngeren sind in einer Zwickmühle. Sie möchten einerseits der netten älteren Dame entgegenkommen, andererseits aber nicht die Arbeit haben, das Geld dann ihrerseits beim Vermieter abliefern zu müssen. Mein beobachtendes Traum-Ich überlegt begleitend, welche Lösung denn jetzt die richtige wäre, kommt aber nicht drauf. Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde.

Der zweite Traum: ich sitze auf dem Klo. Es steht in einem offenen Raum. Rechts von mir ein Treppenhaus. Lichtdurchflutet. Es ist ein schick gestyltes Glaskonstrukt mit schmalen Metallstreben. Mir direkt gegenüber, ziemlich nah, eine Wand. Von rechts kommt ein Mann durchs Treppenhaus hoch und geht auf mich zu. Ein gutes Stück hinter ihm eine Frau. Da die Wand mir gegenüber sehr nah ist, können die Beiden wohl nicht einfach so vor mir vorbeigehen. Wie selbstverständlich drehe ich mit der ganzen Kloschüssel einfach nach links. Wie auf einem Bürostuhl. Die Beiden gehen seitlich an mir vorbei. Mein Traum-Ich wundert sich, dass ihm das nicht peinlich ist. Mit runtergelassener Hose auf einem seitlich gedrehten Klositz unmittelbar neben zwei an mir vorbei gehenden Fremden. Als sie durch sind, drehe ich wieder zurück. Mein Blick fällt gegenüber nach draußen. Diesmal rührt sich mein Traum-Ich nicht, denn es wundert sich nicht, dass ich einfach so geradeaus nach draußen gucken kann. Schließlich war hier gerade noch eine Wand. Es registriert das emotionslos. Draußen, etwas weiter weg, jenseits einer Straße ist links eine kleine Siedlung mit mehreren winzigen Häuschen. Sie sind alle unterschiedlich. Die Häuschen selbst und das jeweilige Drumherum ist ein einziges verspieltes buntes Durcheinander von verschiedenen Gefährten, Kinderspielgeräten, Wäscheleinen, Rasenmähern. Ein wenig wie ein Landschaftsausschnitt einer Modell-Eisenbahn-Anlage. Rechts daneben ein modernes, mittelgroßes Hochhaus, architektonisch interessant. Glas und Stahl, aber nicht protzig, eher verspielt. Ähnlich dem Treppenhaus rechts neben mir. Ist es mein Traum-Ich, oder mein Ich-Ich, das sich einen kurzen Moment fragt, ob das Gebäude, in dem ich bin, vielleicht von außen genauso aussieht? An mehreren Stellen an dem gegenüber liegenden modernen Hochhaus hängen große braune Frottee-Betttücher, rechts und links jeweils an dünne Stahlleinen geklippt, vor der Fassade herab. Ich frage mich im Traum, was das wohl ist. Dann fällt es mir ein. Ach ja, da ist ja ein Studentenwohnheim. Kurz darauf schwingt sich ein junger Mann an einer Leine aus dem Fenster auf eines der Bettücher. Gesichert mit der Leine seilt er sich mitsamt Bettuch ab. Kurz vor dem Boden: Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde,

Der dritte Traum. Ich gehe durch einen Flur, nähere mich dem Badezimmer. Dessen Eingang ist wiederum ein Flur. Ein kürzerer mit zwei Türen. Die erste Tür zu dem Flur, in dem ich stehe, ist offen. Die zweite zum Badezimmer selbst verschlossen. Ich höre das klassische Geräuschszenario einer laufenden Dusche. Durch die offene erste Tür sehe ich in dem kleinen Flur zum eigentlichen Badraum bestimmt 40-50 cm hoch das Wasser stehen. Darin strudelige Fließbewegung. Als würde immer noch Wasser nachlaufen. Merkwürdigerweise steigt der Wasserstand, aber das Wasser fließt nicht aus dem kleinen Flur heraus in meine Richtung. Mein Traum-Ich fragt sich, wie das sein kann. Sucht eine unsichtbare Wand. Etwa eine Scheibe. Da ist aber keine Scheibe. Dann entscheidet mein Traum-Ich, dass das jetzt unwichtig ist. Denn die Liebste muss aus der Dusche raus. Wer weiß, wie hoch da das Wasser steht. Ich rufe: „Du musst sofort aus der Dusche raus!“ „Geht nicht“, höre ich gedämpft zurück durch die Tür, „sitze gerade auf dem Klo!“
„Das kann nicht“, hört mein Traum-Ich sich selber denken, „die sitzt niemals auf dem Klo und lässt gleichzeitig die Dusche laufen!“ Mit sich überschlagenden Traum-Ich-Erklärungsversuch-Gedanken reißt der Traum ab. Ende.

Als ich zurückgefunden habe ins Wach-Dasein, rattert sofort das Rational-Maschinchen im Kopf los. Ist doch klar, der Traum ist eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass du offenbar schon seit einiger Zeit pinkeln muss.

Ich stoppe das Maschinchen und während ich mich unwillig aus dem Bett schäle, freue ich mich daran, dass die Hirnströme in meinen angeblich grauen Zellen soviel Bilder-Spiel-Wirbel um eine eigentlich banale Sache machen..Sie fabulieren halt gerne. Ich vermute, sie tun es oft.
Auch bei anderen Menschen.
Wahrscheinlich nicht nur im Traum.
Das Leben ist die Erzählung davon.

Tag 49

Ich höre in diesen Zeiten häufiger, dass Bill Gates schon seit Jahren vor der Gefahr von Viren für die Gesundheit der Menschen warnt.
Irgendwie naheliegend. Beim Gründer von Microsoft.

Tag 48

Zum ersten Mal seit Wochen eine Umarmung mit innigen Freunden. Einen Moment fühlt es sich so an, als wollten wir nie wieder loslassen.
Und ein bisschen verboten auch.

Tag 47.2

Gießkanne auf einer Brachfläche mit Blumen

Die Liebste und ich stapfen wieder mal mit zwei randvollen Gießkannen zu einem Esskastanien-Baum am Rand unserer Siedlung. Sie ist die Patin dieses Baumes. Wir wollen ihn wässern. Er ist noch jung und kann bei Trockenheit gut etwas Wasser brauchen.
Als wir da sind, streift, wie üblich, mein Blick über die Brachfläche drumherum. Ich muss lächeln. Mir fällt die Szene wieder ein, als unsere Enkelin, auch mit einer kleinen Gießkanne „bewaffnet“, einmal mitging. Sie fand, dass die kleinen Blumen auf dieser Fläche auch Wasser bräuchten, drehte mit ihrer kleinen Gießkanne ab und fing an …

Tag 47.1

Wirtschaftswunder

Unser Käseblättken heute Morgen: Das ganze Titelblatt eine einzige augenbetäubend schreiende Entgleisungs-Metapher:

Ein Schwarz-Weiß-Bild vom Kriegsende 08.05.1945. Verzweifelte, ratlose, müde Menschen dichtgedrängt. Vor allem Frauen. Sie schauen fragend in die Kamera, – der Zukunft entgegen. Wie wir heute wissen: Dem entgegen, was man gerne Wirtschaftswunder nennt. Von 0 auf X.


Darunter dicke Lettern: „NRW startet den Motor“.
Eine irrsinnige Kombination. Die herbeigesehnten „Lockerungen“ als Beginn des Weges heraus aus dem Krieg gegen das Virus.
Ich sehe sofort einen etwas irritierten „Gastarbeiter“ auf einem Foto in ein paar Wochen. Er begleitet den hunderttausendsten VW-Tiguan beim Weg vom Band. Brandneue Euro-7-Technik. Geht wie geschnitten Brot dank der Kaufprämie. Auf dem Foto steckt der Mann gerade ein überdimensionales vierblättriges Kleeblatt hinter den Scheibenwischer. Es war so abgesprochen für’s Foto. Das Foto wird eine Ikone werden. Wie das mit dem Italiener und dem VW-Käfer
Ich bin also Teil eines Motors. Er war in Reparatur. Aber jetzt darf er wieder laufen. Es ist ein Verbrennungsmotor. Er führt uns aus der Stunde 0. Ins Wirtschaftswunder zweipunktnull. Unsere Verunsicherung und Ratlosigkeit haben ein Ende.
Damit wir wissen, was uns antreibt, weiter unten die Kernbotschaften 2 und 3:

2. Die Bundesliga macht weiter. Die Vereine sind gerettet. Die in obszöne Größen gewucherten Gehälter, von denen die Granden im Schnitt sich 30 % abgezwackt haben (von was eigentlich? Vom Jahresgehalt, von Monatsgehältern der Zeit der Untätigkeit?) um dem Verein zu helfen, sind auch gerettet. Die kitschige Scheinspendabilität der Rasenpopstars und der bei Bedarf beschlipsten, sonst gerne sportlich lässigen Bosse zürnt mich noch heute so sehr, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mein Fandasein zu beenden.

3. Auf der A 1 kann auf einer Brücke bei Hagen jetzt dreispurig gefahren werden. Freie Fahrt für freie Bürger, die auf der Strecke vor der Brücke mit ihrem nagelneuen Wirtschaftswunder 2.0-Tiguan mehrmals im Stau standen, aber auf diesem Stück jetzt Gas geben können. 2022 können sie das dann auf dem Rückweg in der anderen Richtung auch. Dann mit dem Euro-8-Tiguan, für dessen Kauf es dann allerdings leider keine Prämie mehr gibt. Nur noch für Elektroautos, die immer noch nicht so richtig „gehen“.

Tag 46

Inkluencer

In der „Brigitte“ fällt mein Blick auf ein Foto. (Ja, heimlich doch mal reingeguckt …) Darauf eine junge Frau und ein Mann. Beide tragen ein blütenweißes T-Shirt mit der Aufschrift „#Inkluencer“. Sie hocken im Schneidersitz auf dem Boden. Die Frau hat zärtlich den Kopf auf die Schulter des Mannes gelegt. Ganz das schöne Leben, passend zum ‚Style‘ der Beauty-Gazette.
Der Artikel erzählt von einem preisgekrönten Blog einer jungen Frau, deren Bruder Trisomie 21 hat. Sie kämpfe für einen liebevollen Umgang damit. Gegen den Behinderten-Status.
Ich schrecke auf, als in dem Artikel erklärt wird: „Die Aufschrift auf dem T-Shirt ist eine Mischung aus Inklusion und Influencer.“ Für wie doof hält diese Zeitschrift ihre Leser(innen)?

Tag 45

Tourette-Routine

Es nervt. Aber ich will es vor mir selber nicht zugeben. Das Bild zeigt abwechselnd eine Frau, die spricht und einen Mann, der unablässig zuckt und Geräusche von sich gibt. Schnalzen, Miauen, manchmal auch wortähnliche Laute.
So beginnt eine Aufführung von Rimini-Protokoll, die wir anschauen. Obwohl wir wissen, dass an dem Stück Menschen mit Tourette beteiligt sind, fragen wir uns beide angesichts des zuckenden und maunzenden Mannes: Ist das echt? Oder ist es „nur“ „Theater“?
Und wenn es echt ist, ist es dann kein Theater? Wir gestehen uns, dass es nervt. Das hilft durchzuhalten.
Und auch das Szenario stellt die Theater?-Frage. Klar, es ist Theater. Es gibt eine Bühne, es gibt provisorisch schräg aufwärts gebaute Zuschauerränge, es gibt Beleuchtung, es gibt Bühnenarbeiter.
Aber es gibt auch ein großes Tor, durch das schon am Anfang des „Stückes“ ein echtes Auto fährt. Der Raum ist also ebenerdig. Eine überdimensionale Garage. Nur eben nicht verschlossen privat, sondern öffentlich.
Also kein Theaterstück im üblichen Sinne. Obwohl auch das schon falsch ist. Theater ist schon lange nicht mehr nur im ehrwürdigen Plüsch-Theater üblich.
Wir erleben 4 Menschen. Eine Frau, drei Männer. Laut Programmankündigung haben alle drei Männer „Tourette“. Sie haben Ticks. Die Frau ist eine Musikerin, die auch mit-„spielt“, und deren Musik weit mehr ist als Hintergrund. Sie ist Teil der Handlung bis hin zum Lied. „Ein Tick“ Musical, ein „Tick-Musical“.
Irgendwie spielen die Vier nicht. Aber irgendwie doch. Sie erzählen, wie ihr „Stück“ entstanden ist, wie es sich entwickelt hat und was es für sie bedeutet, jetzt hier zu sein. Dabei folgen sie einer Art Choreographie, die verabredet ist, von der sie aber alle auch sagen, dass sie sie jederzeit verlassen können, wenn sie es nicht mehr aushalten. Das sei Teil der Verabredung. Und zum temporären Verlassen laden sie auch die Zuschauer*innen ein, – falls sie es mal nicht mehr aushalten. Warum dann nicht kurz einhalten und rausgehen? Draußen gebe es auch was zu trinken.
Der maunzende, schnalzende Mann am Anfang nervt. Es fällt schwer, der Frau, die redet, zuzuhören. Aber wir halten durch und stellen, als das Stück zu Ende ist und wir eine Weile schweigend dagesessen haben, fest, dass es uns schon nach kurzer Zeit nicht mehr genervt hat.
Die Musikerin ist im Leben jenseits dieser Bühne Musikerin. Auf der Bühne auch. Das gilt auch für die Männer. Auf der Bühne und im „richtigen“? Leben: Altenpfleger (!), Mediengestalter (!), Politiker (ja, Politiker im hessischen Landtag).
Ihr Theater? Echt. Sie zeigen uns ihr Tourette. Und zeigen es sich gegenseitig und sich je selbst. Der eine sagt: Ich hatte Angst, dass ich mir von Euch was abgucke. Einer schreit Arschloch, als ein anderer gerade redet. Und noch mal. Und noch mal. Der, der gerade redet, dreht sich um, maunzt und bellt: Jetzt halt doch mal … . Und die Blicke und die Haltungen der beiden erzählen: Es ist kein Konflikt! Sie sind eben einfach so. Das Problem haben wir. Bzw. in der Phase schon nicht mehr. Wir haben uns ja inzwischen eingehört, eingeguckt.
Natürlich spielen die Liebste und ich anschließend „Tourette“. Miauen, grunzen, furzen, Arschloch was was, Geile Maus. „Spielen“ meint: Wir probieren aus. Tasten uns in das Gefühl. Natürlich auch „Spielen“ im Sinne von „Blodsinn machen“, Laut-Verkleidung, Ungehorsam sein, Konvention brechen. Eigentlich der ganze lustige Ernst von Kinderspiel.
Immer mehr fange ich dabei an mich zu fragen, ob meine Kommunikationskonventionen überhaupt so weit weg sind von Tourette. Ganz im Ernst. Ob nicht viel von dem, was ich tue und sage, auch nur kleinen synaptischen Eruptionen geschuldet ist und mit einer gewissen Mechanik einfach rauspoltert.
Ich taste mich weiter. Wie oft fange ich Entgegnungen in Geprächen, selbst wenn sie gar nicht als Widerspruch „gedacht“ sind, mit „Aber“ an? Wie oft ende ich mit „verstehst du“? Wie oft beginne ich einen Satz, die oder der andere redet aber noch weiter, ich grätsche dazwischen mit demselben Satzanfang, die oder der andere redet aber noch weiter, wieder mein Satzanfang, – das Ganze dreiviermal. Bis ich dann den ursprünglich gesagt gewollten Satz beende. Als hätte es den Satz meines Gegenübers gar nicht gegeben. Wie oft bohre ich in der Nase, obwohl da gar kein Popel rauswill? Wieviele von meinen Kommunikations-Häppchen sind einfach nur synaptische oder körperliche Zuckungen. Wieviel ist einfach sinnlose Mechanik, die nur kultivierter daherkommt? Oder besser: Sinnvolle Mechanik, deren Sinn aber nicht den Ursprung hat, den er vorgibt zu haben, sondern einen anderen, vegetativen, emotionalen. Einen Ursprung, der einen tieferen Sinn hat.
Und das, was ich als Kommunikation sehe und höre. Wieviel davon einfach nur „Tourette“? Kleine Ausbrüche, deren Bedeutung ganz anders entsteht als durch das, was wir „Denken“ nennen?
Und auch das macht Spaß. Theaterspaß. Möglicherweise ist „fake“, das Lieblingswort eines bekannten Präsidenten, gar nicht der Ausdruck irgendeines kruden Versuches, Sinn zu kommunizieren, sondern einfach nur der Nähe zu „fuck“ geschuldet, die irgendeinen Impuls im Großhirn auslöst, der dann bellt: Raus damit. Spaß am Provozieren, einfach nur der Klang, Kreation von Absolutheit. Was weiß ich!
Wieviel Tourette ist in „Shutdown“, „Lockerung“, „Test“, „Abstand“, „Tröpfchen-Infektion“, „Rachen“, „Covid“, Zippeln an der Mundschutzmaske, Husten, Wegdrehen?
Was soll das ganze Theater, das vorgibt keins zu sein?
Wieviel Tourette ist in den aktuellen neuen Routinen, die vorgeben, Vernunft zu sein.
Neue Welten tun sich auf.
Der Idealfall von Theater. Theater der Tourette-Routinen.

Tag 44

Zettel mit Notizen zu einem Song

Aus unzähligen Zetteln mit Notizen und Ideen ist ein Lied geworden:

Tag 43

Unverfrorene Verachtung der Welt

Zwei Nachrichten ganz weit weg von einander und doch irgendwie zueinander passend:

Die Bosse der großen Autokonzerne fordern im Wohlgefühl des Schlüsselindustrie-Vorzugs-Status 3000 € staatlichen Zuschuss für Käufer*innen eines neuen Autos mit Verbrennungsmotor nach Euro-6-Norm. Die Bosse genau der Konzerne, die vor kurzer Zeit noch die ganze Welt betrogen haben bezogen auf eben diese Norm. Und die im Moment angesichts von Corona überlegen, ob nicht als „letztes Mittel“ irgendwann theoretisch eventuell notfalls doch auch über eine Kürzung von Dividenden und Boni nachgedacht werden könnte. Ich weiß nicht, ob „Unverfrorenheit“ dafür noch der richtige Begriff ist.

Die Regierung in Nepal hat eine Putzaktion wegen Corona vorläufig abgesagt. Der Mount Everest sollte gereinigt werden. Von tonnenweise Müll, den Mount-Everest-„Eroberer“ dort hinterlassen haben. Und auch von dem einen oder anderen „Eroberer“-Rest, der die Tour nicht überlebt hat und liegen blieb, weil er an einer schwer erreichbaren Stelle liegt.
Ich weiß nicht, ob „abgrundtiefe Verachtung der Welt“ für das Vermüllen eines Gebietes, in das man doch geht, um die Erhabenheit der Natur zu erleben, noch der richtige Begriff ist.

Tag 42

Zwei linke Gehirnhälften

Wenn ich in einen Baumarkt gehe mit einer Frage, von der ich vermute, dass richtige zertifizierte Heimwerker sie lächerlich finden, dann baue ich vor und kokettiere mit meiner Ungeschicklichkeit. Ich leite ein mit: Haben Sie schon mal von dem Mann mit den zwei linken Händen gehört?
Ja?
Das bin ich.
Meistens kriege ich ein honoriges ‚Gibt keine doofen Fragen, gibt nur doofe Antworten‘ geschenkt.
Dabei habe ich gar keine zwei linken Hände. Aber ich fürchte: Zwei linke Gehirnhälften.

Ich verbringe den halben Sonntag mit der Lösung eines Problems. Die ganze Abteilung ‚Elektronik‘ in meinem Zimmer hängt an einer Steckdose. Diese kann ich zentral an einem Schalter neben der Tür ein- und ausschalten. Er sieht aus wie die beiden Lichtschalter darüber.
Ich tippe drauf, wie üblich, weil ich Computer und Keyboard bespielen will. Nix. Ich tippe nochmal und nochmal. Nix. Ich weiß, dass ‚Nochmal-Drücken‘ totaler Quatsch ist. Aber ich schiebe damit etwas auf, von dem ich weiß: Es ist genauso unangenehm wie unvermeidlich: Ich muss in die unheimliche Unterwelt des Kabelgewirrs in den Kellergewölben des Schrankes neben meinem Schreibtisch hinter der Schiebetür unter der Schräge kriechen. Erreichbar ist es nur durch eine schräge Luke ganz rechts in der Ecke. Zugänglich ist sie nur, weil ich unheimlich lange Arme habe.
Ich habe sofort die entscheidende Diagnose: Es ist diese uralte Mehrfachsteckdose, der ich noch nie so richtig getraut habe. Kein Problem: Ich krieche eine Etage unter das unterste Regalbrett hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge, stöpsele die Mehrfachsteckdose aus und freue mich schon darauf, wenn ich gleich die ganzen Geräten mit einer schicken, deutlich jüngeren Steckdosenleiste beglücke.
Und dann dämmert mir: „Gleich“ ist ein schöner, aber unerfüllbarer Traum. Die Steckdosenleiste selbst liegt auf dem oberen Regalbrett hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge. Zwischen Wand und Regalbrettern passt kein Stecker durch. Weder der alte von der kaputten Leiste, noch der neue. Der Plan, sich die alte Leiste erstmal anzusehen, d.h. sie auseinanderzubauen und sie zu reparieren, ist schon mal schwieriger. Aber gut, dann baue ich sie eben unterm untersten Regalbrett im Kellergewölbe hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge auseinander. Denke ich.
Geht aber nicht. Da gibt es nichts, nicht einmal einen Hauch von irgendwas, was man auseinanderbauen könnte. Also die neue Leiste. Von der alten schneide ich dann den Stecker eben einfach ab.
Die neue Leiste hat tatsächlich Schrauben. An der Seite und am Boden.
Optimistisch suche ich Werkzeug zusammen und trage es auf die Baustelle.
Ich drehe die Seitenschrauben auf. Ich drehe die, … oh, nein, geht ja gar nicht. Das sind ja gar keine normalen Schrauben. Wie normale Schlitzschrauben, nur, dass der Schlitz in der Mitte mit einer kleinen Brücke verschlossen ist. Natürlich probiere ich erstmal mit einem klitzekleinen Schraubenzieherchen, ob ich es nicht doch irgendwie gefummelt kriege. Aber nach dem zweiten Abrutschen und haarscharfem Vermeiden einer lebensbedrohlichen Stichwunde sehe ich ein, dass ich ein passendes Werkzeug brauche. Zum Glück haben meine beiden Nachbarn nicht nur sowas von keine zwei linken Hände, sondern auch jede Menge Werkzeug. Und das ist, im Unterschied zu meinem, auch noch so geordnet, dass sie es auf Anhieb finden.
Wieder zurück, schraube ich mit diesem Wunderding die Steckdosenleiste tatsächlich auf. Dabei bete ich, dass die Kabel drinnen verschraubt sind. Bitte, lieber Gott, (in extremen Situation bin ich deutlich gläubiger als sonst), lass sie nicht gelötet sein.  Ich bleibe unerhört, was verständlich ist bei meiner Vorgeschichte. Die Kabel sind gelötet.
Glaub bloß nicht, dass ich jetzt aufgebe, Leiste! Ich hole den Lötkolben und schaffe tatsächlich, die beiden stromführenden Leitungen ohne größere Kollateralschäden abzulöten. Ich fummele das Kabel von unten hoch zum obersten Regalbrett. Dort löte ich, über den halben Schreibtisch hinweg ins Kabelgewölbe hineingebeugt, die Leitungen wieder an. Das geht besser, als ich dachte. Viel länger hätte mein Rücken diese Haltung aber auch nicht goutiert.
Als ich die Werkzeuge hole, um die Leiste wieder zusammen zu schrauben, fällt mir auf, dass ein Bauteil, das an der Seite festgeschraubt wird, sich noch liebevoll an den Stecker im Untergeschoss schmiegt. Es muss aber nach oben und passt auch nicht durch den Wand-Regalschlitz. Also löse ich die Lötstellen wieder, puhle das Kabel aus dem Kellergewölbe und will das Bauteil ans obere Ende des Kabels schieben. Dabei fällt es auseinander. Dass es nur zusammengesteckt war, hatte ich nicht gesehen. Ich hätte also die Lötstellen nicht lösen müssen.
Selbst die zweite Lötaktion funktioniert gut, obwohl schon unter starker nervlicher Belastung.
Das Zusammenschrauben auch. Das Besteckern der Leiste auch.
Guten Mutes gehe ich zum Schalter und freue mich schon auf das lustige Aufblinzeln der diversen Kontrollleuchten.
Nichts. Nochmal schalten. Nichts.
Ja wie?
Neue Leiste auch kaputt?
Schmerzhafte Einsicht: Schalter kaputt. Jetzt bin ich schon im Zustand tiefer Selbstzerfleischung.
Ich baue ihn auseinander und sehe, dass die Idee richtig ist. Ich finde einen Lichtschalter, den ich nie brauche, baue ihn aus und schließe ihn an dieser Stelle an.
Passt. Funktioniert.

Meine Freude ist, sagen wir: Gedämpft.
Ich muss dringend meine rechte Gehirnhälfte trainieren.

Tag 41

Garantien im Minidrck

… teilen wir Ihnen mit, dass wir Ihrem Wunsch leider nicht entsprechen können. wir verweisen in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Garantiebestimmungen, die dem Produkt beigefügt sind …

 

Tag 40

April am 1. Mai

1. Mai.
So gegen 12. 140. Regen. Wind.
Endlich April!

Tag 39.2

„Die weiße Hexe“, so werden die etwas ruppigeren Kinder in der Siedlung sie nennen. Die sanfteren vielleicht „Kräuter-Oma“. Kennen werden sie alle hier in der zutiefst unschmucken Kolonie in Essen-Frintrop.
Wir begegnen ihr, als wir wieder mal emschern. Eigentlich wollten wir ein ganzes Stück an der Emscher entlangwandern. Ab Höhe ‚Centro‘ in Oberhausen. Und dann so lange Richtung Bottrop, bis wir keine Lust mehr haben. Schon nach einem Kilometer springen wir auf einen anderen Zug. Eines der Schilder, die immer mal wieder an der Emscher stehen und über Besonderheiten informieren, weist auf ein kleines Biotop hier in der Nähe in zwei, drei km Entfernung von der Emscher hin. Es lockt uns, weil es verspricht, dass hier „Läppkes Mühlenbach“ – ehemals ebenfalls eine Abwasser-Kloake, die dann in die Emscher mündet, – komplett renaturiert zwischen dichten Sträuchern, hohen Bäumen und lauschigen Lichtungen silbrig kullernd durchs Dickicht fließt. Drumherum eine Naturlandschaft, die sich mutig zwischen die Industrieanlagen, die Siedlungen und die Gewerbegebiete hier drängelt. Wie ein Mahnmal mittendrin der Rest der alten Kloaken-Einfassung.
Kaum sind wir auf einem Pfad in das Gebiet hineingeschlüpft, taucht sie auf. Wallendes, langes, sanft gewelltes weißes Haar. Eine schwatte Bollerbuxe. Schon ziemlich verwelkte Turnschuhe. Und ein Mantel in einer Farbe, der man unangemessen schmeicheln würde, wenn man sie beige nennen würde. Oder hellgrau. In ihrer Hand pendelt ein Jutetasche. Faltig, wie sie ist, scheint sie leer zu sein.
Die Dame sieht meinen Fotoapparat und spricht mich an. „Wat wolln se denn hier fotografieren? Die Vögel, die nicht mehr kommen?“ Dabei funkelt sie mich an. Ich schweige einen Moment verduzt und kann ihren Blick nicht deuten. Wenn ich jetzt was sage, denke ich, löse ich womöglich eine kleine Verwirrtheits-Eruption aus.
Aber nein. Sie redet weiter. „Nein wirklich. Gibt ga keine Meisen mehr, dies Jahr. Ich weiß dat, ich geh jeden Tach dahinten hinter die Sträucher die Vögel füttern. Soll man ja nich, san’g se immer. Nur im Winter. Aber ich fütter ja nich. Ich gab ja nur Leckerchen. Dat ganze Jahr. Meisen komm‘ ga nich mehr. Und seit die von’n Baum gefallen sind, kommt dat Rotkehlchen auch nich mehr. Traurig is dat.“ Obwohl es traurig ist, lächelt sie. Meine Unsicherheit ist verflogen. Wir reden über diese seltsame Vogelkrankheit, der tatsächlich die Meisen zum Opfer fallen. Sie scheint die Theorie zu haben, dass das Rotkehlchen dann eher aus Solidarität wegbleibt. Scheint eine Bergmannswitwe zu sein. Da kennt man dat noch: Solidarität. Wir spekulieren zu dritt. Dass vielleicht auch das Insektensterben …
Ihr Blick wandert kurz ins Nichts. Dann fällt ihr ein: „Aber Schmetterlinge gibtet hier noch. Und ich sach Ihnen. Sooo schöne.“ Bei „Sooo“ schwingt sich ihre Stimme kurz in die Luft, als würde sie einem dieser flatternden Kunstwerke folgen.
Und sie erzählt weiter, dass sie auch den drei Pferden immer Leckerchen bringe, die da auf‘fe Weide stehen. Die Vögel und die Pferde, – die würden dat schon kennen. Wär ja auch immer so ungefähr die gleiche Zeit, wenn sie ihre Runde mache. Die kämen dann schon immer an.
„Und wissen `se wat?! Kürzlich kam dann auch so’n Rabe. Der hüppte dazu. Und wollte auch wat haben. Hab ich ihm auch Leckerchen gegeben. Und wissen `se, ich red dann ja auch mit denen. Und wenn die Zeit um ist, dann sach ich auch Tschüss. Und kürzlich hab ich dann die Pferde Tschüsse gesagt. ‚Tschüss, Flora‘, sachich, ‚tschüss Amanda, tschüss Tine. Und als ich dann so weggehe, kommt auf eima der Rabe angehüppt. Und steht da so vor mir, als wollter, dat ich ihm auch tschüss sage. ‚So‘ sachich, ‚du willz, dat ich dir auch tschüss sage. Ja, dann sach ma, wie heißt du denn`. Und da sachter ‚krakra‘. Und da sach ich: ‚Na, dann tschüss, KraKra.‘“ Dabei neigt sie sich leicht vor und schaut auf den Boden vor ihr. Als würde KraKra jetzt gerade da stehen. Unvermittelt richtet sie sich wieder auf und schaut uns beiden ganz begeistert ins Gesicht. „Ist dat nich schön, wat man inne Natur so erleben kann?!“
Sie wünscht uns noch einen schönen Tag und schlurft davon. Wir schauen ihr ein Weilchen versonnen hinterher. Und lassen uns ein wenig fluten von kitschiger Ruhrgebietsromantik.

Info-Tafel, beschmiert, Läppkes Mühlenbach

Viele von den Vögeln sind weg. Vielleicht jetzt auch die Schmierfinken.

Kloakenrest, Läppkes Mühlenbach

Hier floss Läppkes Mühlenbach, bevor er renaturiert wurde.

Tag 38

Man stelle sich einen Käfer vor,
Unruhig kreisend läuft er auf dem Asphalt hin und her.
Er hat Angst, seine Wiese nicht mehr zu finden.
Manchmal fragt er sich, ob es nicht besser wäre, konsequent in eine Richtung zu gehen.
Dann bekommt er Angst, dass das genau die falsche wäre, – die Richtung, in der der Asphalt immer weiter geht.

Tag 37

Die Kanzlerin hat Recht mit ihrer Sorge, die Deutschen könnten wieder sorgloser werden.
Selbst die Gänse werden nachlässiger.
Jeden Tag schaue ich einmal bei ihnen vorbei und gucke, ob sie meine Masken noch tragen. Heute waren sie ab.

Tag 36

Kaum traue ich mich noch zu schreiben. Oder etwas anderes zu tun, was Geist und Wachheit voraussetzt.
Nach gestern.

Tag 35

 

Ich erschrecke an mir.
Es gab einen Virus. Irgendwann ‚damals‘ irgendwo in China.
Dann war dieses Virus bei mir. Ich lernte seinen Namen, ich lernte die Namen von Virologen. Ich lernte „Shutdown“, „Cocooning“, „Infektionsketten“, #stayathome, und vieles mehr.
Heute scheint mir, dass von dem Moment an, als mir klar wurde, dass eine Erkrankung an Covid 19 genau mir geschehen kann, wenn ich nicht bestimmte Vorsichtsmaßnahmen ergreife, dass ich von dem Moment an auf dem Weg in einen Herz, Hirn und Seele aufweichenden Nebel war, aus dem ich nicht herausfinde.
Die immer irgendwie zusammengedachte Verbindung von Denken, Handeln und dem, was ich für Vernunft halte und für Aufrichtigkeit mir selbst und anderen gegenüber, ist brüchig. Ich musste lernen, dass sie offenbar bis ins Groteske brüchig ist.

Ich erlebe tatsächlich diese Szene, und weiß kaum, ob ich sie mir selber glauben kann:

Ich befinde mich auf einem meiner ‚lonesome-wulf-Spaziergänge‘: Plötzlich mitten auf dem Weg auf dem Asphalt eine Atemschutzmaske. Sie sieht unbenutzt und nicht verdreckt aus.
Super. Kann man doch noch gebrauchen. Und auch noch eine, die ziemlich professionell aussieht. Wo die Dinger so schwer zu kriegen sind …
Ein paar Schritte. Die Maske schlonkert am weißen Gummiband in meiner Hand. Vereinzelte Gedanken kratzen am Rand meiner Wachheit. Dringen aber noch nicht durch.
Dann plötzlich Alarm. Was ist, wenn die Maske mit Viren verseucht ist?
Fallen lassen!!
Ach, ist ja Quatsch. Du hast sie ja eh schon angefasst. Kannst Du sie jetzt auch festhalten. Außerdem: Wenn schon, dann doch wohl in einen Papierkorb. Jetzt komm‘ mal runter. Du achtest jetzt halt darauf, dir bis zum Händewaschen nicht ins Gesicht zu fassen.
Dann noch heißerer Alarm. Oh Gott! Du hast dir doch gerade so einen Pfefferminz-Drops aus der Tasche gefingert. Ein Rest .davon wird gerade von meiner Zunge hin- und hergeschubst Mit wird heiß im Gesicht. Sofort ausspucken! Ein anderes Ich versucht mich wieder einzufangen. Hey, hey, hey, bleib mal schön hier! Du hebst ab. Was ist los?!?
Aber ich bin nicht zu retten. Ich schwimme in einer grauen Blase und weiß nicht mehr, was ich denke oder empfinde.
Die Maske schlonkert mit mir nach Hause.
Ich zeige sie der Liebsten. Und erzähle ihr die Geschichte.
Es ist mir unendlich peinlich und ich weiß nicht einmal genau, was. Sie reagiert unverständlich gelassen. Sie müsste sich doch Sorgen machen wegen meiner Verrückt-heit.
Dann fasse ich langsam provisorisch wieder Fuß, werfe die Maske weg, wasche mir Gesicht und Hände geradezu pedantisch. Desinfiziere die Klinke, den Türknauf, den Griff von der Mülltonne. Versuche mich zu erinnern, was ich noch angefasst habe. Beobachte mich dabei und schüttele den Kopf.
Wie kann ich bloß so von allen Geistern verlassen sein? Nicht nur den guten?

Tag 34

Nichts

„Was ist?“, fragt man manchmal.
„Nichts“, sagt man manchmal.
Und meint: „Alles.“
Man kann aber nur „Nichts“ dazu sagen.
So geht es manchen Tagen.

Tag 33

Wir drehen keinen Film

Kann der Zufall, dieser Tausendsassa, so ungeheuer klug Regie führen?
Heute gehen wir ins Kino. Wir schauen einen Film. Es ist ein Film, der eigentlich im März in die Kinos hätte kommen sollen, was dann aber nicht ging, aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr so richtig präsent habe.

Diesen Film sehen wir auf einem Online-Portal namens „kinoflimmern.com“ (Ja, dies ist Werbung.) Wir haben dafür sogar so eine Art Eintritt bezahlt. Der kommt diversen Programmkinos zugute.

Nun, – dieser Film erzählt diese fiktive Handlung: Ein nicht mehr so ganz junger Mann, ein Schauspieler an einem kleinen Off-Theater, bucht eine Kamerafrau. Diese soll eine Zeitlang sein Leben filmen. Er ist ein Mond, der sich für eine Sonne hält und um sich selber kreist. Oft ist er traurig, weil alle anderen das nicht so sehen. Dass er eine Sonne ist. Er möchte verstehen, warum. Oder vielleicht auch nur effektvoll so tun, als ob.
Etwas weniger poetisch: Die Kamerafrau begleitet ihn überall hin. Zu seiner Probe, zu seinem besten Freund, zu einer (jetzt platonischen) alten Liebe usw. Der junge Mann schaut sich zwischendurch immer wieder mal Ausschnitte aus den Aufnahmen an.
Ich schaue zu, wie er lebt. Nein, ich schaue, was die Kamerafrau gefilmt hat, wie er sich gibt, wenn er weiß, dass sie filmt, was er möchte, das sie als Eindruck vermittelt, wie er lebt. Und das alles ausgedacht als Handlung. Das hat mächtig „Knoten-im-Kopf-Potential“. Und mächtig „Echte“-Gefühle-Potential.
Ich taumle von beschämtem Kichern, weil irgendetwas sehr Absurdes in einem Dialog z.B. sehr stark an eigene Absurditäten  erinnert. Oder stöhne gequält, wenn er sich besonders bescheuert verhält. Oder schweige betreten, wenn er mir leid tut. Oder atme schwer, wenn mir zum xten Mal wieder klar wird: Nein, es ist nicht das Leben dieses Mannes. Es ist eine Filmhandlung.

Wie ist das möglich, dass ein Film, der lange vor Corona entstanden ist, der schon auf Festivals lief und jetzt – gezwungenermaßen! – Kinopremiere im #stayathome-Kino hat, so genau und treffend über das erzählt, was wir in dieser Zeit geradezu inflationär oft auf Youtube und Vimeo und Instagram und Skype und sonstwo erleben: Dass Menschen Bilder aus ihrem Leben zeigen. Dass dieses „dies ist mein Privatleben“-Genre eine Gattung geworden ist mit eigenen Style-Konventionen. Dass wir glauben, wir sähen Menschen in ihrem Privatleben und in Wahrheit Filme von fiktivem Privatleben sehen. Und wir können denken, das sei echt. Und sie sagen immer: Wir haben keinen Film gedreht.
Wie das möglich ist? Der kluge, mitfühlende Zufall! Er wollte gerne diesem wunderbaren Film die perfekte Darbietungszeit schenken. Glaube ich.

Übrigens heißt der Film: „Wir drehen keinen Film“ (und ja, dies ist Werbung).

Tag 32

Kö-/\-elbecke

Wir sind auf dem Rückweg. Möglichst lange wollen wir mit dem Rad an der Emscher lang. An einer Baustelle ist Schluss. Wir müssen ausweichen. Von einer Parallelstrecke – etwas weiter weg – fällt unser Blick immer wieder auf das Gelände. Im Hintergrund eine riesige Industrie-Anlage, die wie eine Raffinerie anmutet. Ist vielleicht auch eine. Davor zwei parallele Baumreihen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man dahinten eine lauschige Allee vermuten. Sie säumen eine stinkende Kloake. Die Emscher. Genannt: Köttelbecke. Die beiden T’s darf man nicht sprechen. Sie werden nur durch einen kurzen Kehlkopfverschluss als Stopper angedeutet.
Dann erinnern wir uns. Genau hier haben wir mal mitten auf der Wiese vis à vis von der sagen wir: Raffinerie übernachtet. Auf einer Holzbrücke. Eine Kunstinstallation mit dem Namen „Warten auf den Fluss“. Eine chinesische Zick-Zack-Brücke, deren Zick-Zack böse Geister davon abhalten soll, den Fluss, den sie überspannt, über sie zu überqueren. Hier wäre sie eigentlich nicht nötig gewesen. Die bösen Geister können ja riechen. Damals erinnerte diese ungeheuer schöne Konstruktion daran, dass dereinst an dieser Stelle die renaturierte Emscher in ihrem alten Bette plätschern sollte. Die Brücke führte also über einen zukünftigen Fluss. Was für eine schöne Idee!
Genau hier ist jetzt Baustelle. Eine Riesenbaustelle. Sieht aus, als würde an einer Autobahn gebaut. Oder einer höhergelegten E-Bike-Rennstrecke. Ein sauber geformter Deich, geometrisch exakt geneigte Wangen, in leichtem Bogen über eine lange Strecke sich von der Emscher weg- und wieder in ihre Richtung zurück biegend. Oben drauf mehrere schwere Maschinen. Eine von ihnen walzt gerade was.
In meiner Phantasie sehe ich eine E-Bike-Reisegruppe auf dem Deich. Alle korrekte Einsfuffzig voneinander weg. Interessierte Blicke. Ein Reiseführer mit ziemlich spack sitzender Radlerhose redet in ein Headset-Mikro. Hier, so erklärt er und rührt mit Hand in der Luft zwischen Deich-Neubau und Raffinerie, – hier soll die Emscher später einmal fließen und sich bei Hochwasser ausbreiten dürfen. Da vorne ist ja noch die alte Emscher. Die Köttelbecke. Höhö. Eigentlich ist es ja die neue Emscher. Die alte Emscher floss ja hier. Also: Dahinten fließt quasi die alte neue Emscher und hier die neue alte. Höhö.
Zufrieden radelt die Gruppe wieder von dannen.
Ich auch.
Als wir ein Stück später wieder an der alten neuen Emscher entlang radeln können, spüren wir tatsächlich doch einen Hauch von Renaturierung: Sie stinkt nicht.