Tag 31
Mundschutz
Eine Stadt macht Ernst.
Die Liebste bleibt an einem Schaukasten hängen. Sie steht perplex da. Ich gehe zu ihr zurück. Ab und zu schüttelt sie leicht den Kopf. „Jetzt guck dir das an!“, raunt sie.
Ich gucke mir das an. Verstehe aber ihre Verstörtheit nicht. O.k., das Plakat hängt schief und ein bisschen unentschieden an der Magnet-Pin-Fläche herum. Aber das kann es nicht sein. So pingelig ist sie nicht.
Ich sag erstmal nichts, damit ich nicht doof dastehe.
Und dann fällt es auch mir auf. Wie hab ich das bloß übersehen können! Es ist ja klar zu erkennen!
Mich durchfährt jähe Erkenntnis. Dass gallische Dorf, diese allseits bekannte Ikone des wackeren Widerstandes gegen die autoritäre Obrigkeit, … es liegt im Süden des Münsterlandes. „Meine“ Stadt ist eine Keimzelle des Aufbegehrens. Das Epizentrum nichts weniger als das alte Rathaus selber. Womöglich ist „mein“ Bürgermeister der strahlende Held der Rebellion.
Die Botschaft ist ja eindeutig: Wollt Ihr Euch wirklich wie die blöden Hammel auf Befehl auseinander treiben lassen, um dann, wenn es den Mächtigen gefällt, bei „Haltern bittet zu Tisch“ wieder gemeinsam an den Trog beordert zu werden?
Wollt ihr das?!?!
Wollt Ihr dumme Schafe sein?!?!
Das Plakat wirkt. Ich bin zutiefst verunsichert. Ja, ich muss mir eingestehen, dass auch ich nur ein unkritisches Vieh in der Herde war. Ich beschließe noch hier vor Ort an diesem Schaukasten mich zu ändern. Ich werde wieder renitent in der Nase bohren, sogar öffentlich, auch wenn ich mich nicht erinnere, was ich heute nach dem Händewaschen schon alles angefasst habe.
Ich folge dem Ruf der Freiheit!
Meine Mutter ist dement. Sie lebt in Anderland. Ihr Aufenthaltsort ist ein Altenheim.
Ich rufe dort an, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Frau, die gerade am Telefon sitzt, schildert mir ausführlich, wie es meiner Mutter geht. Wie sie isst oder nicht isst, trinkt oder nicht trinkt, reagiert oder nicht reagiert, ab und zu etwas sagt oder nicht, … es gibt keinen Grund zur Besorgnis.
Doch, gibt es, gestehe ich, – mir und ihr. Besorgnis um mich: Wenn ich sie nach Wochen zum ersten Mal wieder sehe, wird sie dann, wie üblich, meinen Namen zwar nicht mehr wissen, aber strahlen?
Oder wird dieser Rest Kontakt, den ich noch leicht verstehe, auch weg sein?
Die Pflegerin berichtet mir, dass sie alle, die dort arbeiten, den Menschen, die noch regelmäßig Besuch bekommen, regelmäßig Fotos von diesen Personen zeigen und mit diesem alten Menschen dann über diese Person sprechen würden. Zum Glück hänge ja auch von mir griffbereit ein Foto im Raum. Wenn sie es meiner Mutter zeige, lache sie immer. Wenn sie sie dann frage, ob sie wüsste, wer das sei, sage sie mit dem Wunsch, möglichst überzeugend zu wirken, damit bloß keine weitere Frage komme: „Natürlich!“ Ich kann mir diesen etwas künstlich erwachsenen tiefen Stimmsitz, den meine Mutter dann hat, sofort lebhaft vorstellen.
Und dann würden sie immer ein wenig über mich sprechen.
Wie meine Mutter reagiere, wenn ich dann irgendwann nach Wochen sie wieder besuche dürfe, wisse sie aber trotzdem nicht.
Aber ich solle mir keine Sorgen machen. „Sie wissen doch: Das Gehirn mag dement werden. Das Herz wird es nicht.“
Ich freue mich.
Heute Morgen sehe ich schon zum dritten Mal in diesem Jahr einen Molch. Er taucht kurz auf, schnappt ein Bläschen Luft pur und taucht wieder ab.
Schon seit Tagen lockt Sommersonne auch uns nach draußen. Geduldig erinnert sie uns täglich immer wieder auf’s Neue daran, dass jetzt nun aber wirklich Zeit sei – und doch gerade auch Gelegenheit! –, die schon so lange überfällige Reparatur am Sonnenschirm vorzunehmen.
Wir hören auf sie und fangen an. Zwei, drei Hummeln schweben mir dabei blumig brummend immer wieder mal um die Glatze.
Der Schatten eines anderen Ich steht etwas abseits unschlüssig dabei. Sein Blick verliert sich im lichten Nichts. „Schon schön“, sagt er, „aber – … – Mitte April?“
Ich muss dringende Bankgeschäfte erledigen. Beim Aufrufen der Seite für’s online-banking wird mir klar, dass ich das auf dem neuen Laptop noch gar nicht machen kann, weil ich auf ihn die dafür notwendige Secure-App noch nicht aufgespielt habe. Ein wenig zu hektisch versuche ich, das nachzuholen. Das Herunterladen geht schnell. Das Einloggen mit den Daten, die noch auf meinem alten Laptop gespeichert sind, geht nicht. Ich hexe ungeduldig eine ganze Weile herum. Dann wird mir klar, dass ich eine App des österreichischen Bank-Namens-Vetters heruntergeladen habe. Also von vorne. Im Microsoft-App-Store gibt es eine solche App nicht. Ich finde sie woanders, lade sie herunter, versuche es wieder mit den alten Daten. Kein Glück. Ich suche die alte Postbenachrichtigung mit dem Aktivierungscode. Probiere den. Nicht besonders optimistisch. Schließlich steht schon in dem Schreiben, dass er nur 30 Tage gültig ist. Natürlich funktioniert er nicht. Währenddessen läuft bis an das Zerreißen von Nerven lange das auf laut gestellte Telefon mit einer schmierig poppig-peppigen Musik, ab und zu unterbrochen von einer sehr zugewandt klingen sollenden Männerstimme, die mir versichert, sie sei gleich für mich da. Ihr Timbre feuert die Phantasie an. Welchen Service der mir wohl anbietet, wenn ich dann dran bin …
Sämtliche Anrufversuche schlagen fehl. Aus Minuten wird mehr als eine Stunde. Dann ein Geistesblitz. Mehr aus Scheiß, ohne zu glauben, das würde es bringen, wähle ich bei den diversen Abfragen, was denn mein Ansinnen sei und den dazugehörigen Aufforderungen diese oder jene Taste dafür zu drücken oder dieses oder jenes Stichwort zu sagen, das Ansinnen: NEUKUNDE. Nicht, wie bisher, mein wirkliches Problem. Keine 15 Sekunden später spreche ich mit einem echten Menschen, der mich fragt, was er für mich tun könne.
Und der wimmelt mich tatsächlich nicht ab, sondern erledigt mein Anliegen.
Kurz danach ruft die Bankangestellte an, die in der Filiale in meiner Stadt arbeitet. Sie habe gesehen, dass ich versucht hätte anzurufen.
Als ich ihr die Geschichte erzähle, berichtet sie mir, dass an der Tür zur Filiale, die ja jetzt geschlossen sei, mehrere Informationblätter hingen, auf denen die Durchwahlen zu den verschiedenen Sachbearbeiter*innen der Bank stünden. Diese Durchwahlen würden immer funktionieren. Wenn eine*r von ihnen nicht da sei, würde das Gespräch automatisch weitergeleitet.
Ich hätte halt nur mal eben zur Filiale gehen müssen.
Die Liebste erzählt von einer Radioreportage. Dort sei erzählt worden, dass ein Kammerchor eine Probe via Skype gemacht habe. Ein süffiger Beitrag untermalt von wundervollen Chorklängen. Wir schauen uns an und grinsen und wissen mehr …
Ich schnappe irgendwo einen O-Ton auf, in dem die Kanzlerin ankündigt, dass wir alle und vor allem ältere Menschen bei unserem aktuellen distanzierten Kontaktverhalten bleiben müssen, bis es eine Impfung gebe.
Zum ersten Mal regt sich Widerstand in mir. Der Logik, dass die Menschen in Deutschland mithelfen sollen, dass sich das unausweichliche Infektionsgeschehen so verlangsamt, dass die Kliniken in Sachen Intensivpflege nicht überlastet werden, konnte ich folgen.
Der Sinn für Eigennutz eines weißen alten Mannes hilft mir. Wenn es bei mir soweit ist, möchte ich auch ein Beatmungsgerät bekommen.
Aber dieses Leben weiter, bis es einen Impfstoff gibt?
Dieser Art von eindimensional linear denkender „Natur“wissenschaftlichkeit sträube ich mich zu folgen. Wir sollen mit domestiziertem Abstands-Verhalten weitermachen, bis Mediziner das Virus „besiegen“? Was vielleicht in einem Jahr der Fall sein wird? Uns selbst beschränken auf der Basis von verengtem Ursache-Wirkung-Lösung-Denken? Nach dem Verfahren: Wenn ich schwitze, nehme ich Deo. Wenn es kein Deo mehr gibt, sorge ich dafür, dass ich nicht mehr schwitze. Oder mich keine/r mehr riecht.
Ich frage mich, wie lange ich das wohl mitmache. Und frage mich, ob es richtig war, das bisher so brav mitgemacht zu haben. Und frage mich, ob wohl dann ältere Menschen zur Impfung verpflichtet werden? Und fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich vielleicht irgendwann das Risiko eingehen will, schwer krank zu werden. Und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich ja immer in dem Risiko gelebt habe. Ich konnte es nur leichter verdrängen. Ja, es gibt die Möglichkeit, an der durch diesen Virus ausgelösten Krankheit zu sterben. Andererseits: Es gab schon viele Möglichkeiten zu sterben in meinem bisherigen Leben. An manche kann ich mich erinnern. Von anderen weiß ich gar nichts. Das ich jetzt zusammen mit Millionen anderer auf der Welt täglich Tote zähle, macht das allein schon wahrscheinlicher, dass auch ich demnächst dran bin? Und bin ich das nicht sowieso?
Und wenn ja, – wie will ich bis dahin leben?
Auf unserer täglichen Waldstrecke liegen auch drei Stationen eines alter Kreuzwegs. Die Liebste neckt mich. Sie wisse nicht, ob sie es zulassen könne, dass ich als Katholik den Kreuzweg in diesen denkwürdigen Tagen der Passion noch immer nicht gegangen bin.
Mein Clip bringt es innerhalb von nun 3 Tagen auf sagenhafte 270 Clicks. Die alte und die neue Version zusammengerechnet. Ziemlich dürftig, angesichts meiner Hoffnung, dass ich einen Internet-Hit lande. In Deutschland und in Italien. Warum kann mir nicht mal so eine amerikanische Tellerwäscher-Story gelingen? Wenigstens ein bisschen.
Mir droht ein ziemlicher Kater.
Böse Falle. Zwei Menschen haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Hall hinter meiner Stimme in dem Italien-Clip ziemlich merkwürdig klingt. Das beunruhigt mich. Schließlich entscheide ich mich, den Clip nochmal zu ändern. Die Änderungen in den Ursprungsdateien geht schnell.
Ich rufe, als ich fertig bin, Youtube wieder auf. Diesmal vielleicht ein wenig zu eilig, weil ich eigentlich keine Lust zu dieser Art von Beschäftigung habe. Ich werde kurz und relativ unscheinbar darauf aufmerksam gemacht, dass ich das alte Video nicht austauschen, sondern nur einen neuen Link kreieren kann, und dass man diesen Vorgang auch nicht rückgängig machen kann. Ich klicke auf „weiter“. Und erst danach wird mir klar, was ich mir besser davor bewusst gemacht hätte. Und dann möchte ich es rückgängig machen. Und glotze ungläubig auf den Bildschirm. Und weiß: Die ohnehin schon nicht übertrieben vielen Menschen, die den Link zu meinem Video geteilt haben, oder das Video einfach noch einmal sehen wollen, laufen selbst ins Leere und schicken andere dahin. Ich muss also die Social-Media-Rosskur nochmal machen und die Welt darauf hinweisen, dass ich ein Youtube-Analphabet bin.
5 Tage in Quarantäne in der Quarantäne.
Aus einer Idee ist ein ausgewachsenes Lied geworden.
Und ein Videoclip:
(Aprile 2020, parole + musica: M.Gehrigk)
No parlo l’italiano molto bene
Le mie Parole non sono molto eleganti
Ma non e importante perché
Cio che voglio dire, dice il mio cuore invece di me
Ho cantato per gli amici di tempo in tempo
Ho cantato particularmente per I miei figli volentieri
Ho cantato qualche volta nella vasca da bagno
O nella doccia molto forte, sempre solo per me
Ma oggi, bella Italia, oggi canto solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te
Ho pregato quando ero giovanno per una nuova bicicletta
Ho pregato, che l’amore mio me esaudi
Ho pianto, quando l’amore terminava
Ho pianto, quando mio fratello moriva
Ma oggi, bella Italia, oggi prego e piango solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te
La tua gente, il tuo paesaggio, le tue città
Mi hanno regalato cotanti momenti di felicità
Molto volentiere voglio rimandare qualcosa a te
E oggi, bella Italia, oggi Rimando questa canzone a te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te
Die Enkelin lernt Tablet. Sie weiß schon, was sie machen muss, um für uns besonders groß zu erscheinen. Ist wichtig, wenn man z.B. Fratzen zieht, um die anderen zum Lachen zu bringen. Manchmal aber verschwindet sie noch aus dem Bild. Dann macht sie z.B. Gymnastik und man sieht nur ab und zu einen Zopf durchs Bild fliegen oder hört Geräusche. Und zwischendurch ruft sie immer – zunehmend aus der Puste – : Seht ihr?
N-e-i-n!!
Unsere Antwort hört sie dann nicht. Sie ist einfach zu sehr mit Rumhüpfen beschäftigt.
Die Recherche hat nichts ergeben.
Wir machen das Skype-Familien-Musik-Treffen trotzdem. Chaos ist schon fast ein euphemistischer Begriff für das, was dann passiert. Wir schlingern zwischen Verzweiflung und Schlapplachen. Eine ganze Weile. Als wir uns voneinander trennen, sind alle irgendwie zufrieden. Merkwürdig, wie wenig schon reicht, wenn man sich nicht nah sein darf.
Immerhin lernen wir: Die schönen Filmchen, die angeblich Menschen zeigen, die via Internet zusammen musizieren, sind wahrscheinlich Fake. Oder wir möchten einfach glauben, sie würden live zusammen musizieren, so sehr, dass wir ihnen unterstellen, sie produzierten Fake.
Nach unserer Erfahrung geht es „live“ definitiv nicht.
Was ich noch lerne: Ich bin beim Skypen immer wieder auf’s Neue irritiert, wenn meine Gesprächspartner*innen entweder so merkwürdig ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas aussehen oder mir immer auf’s Kinn gucken. Dann verstehe ich: Sie müssen in die Kamera gucken, damit ich das Gefühl habe, sie sähen mich an. War das nicht Lektion 1 beim Selfie-Lernen? Ich muss auch in die Kamera gucken. Dann haben meine Partner*innen das Gefühl, dass ich sie angucke.
Aber dann kann ich sie nicht sehen. Und gucke ihnen doch wieder auf’s Kinn. Oder ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas …
Alle Kinder und Enkel sind mit der Liebsten und mir morgen zum gemeinsamen Musizieren via Skype verabredet. Diverse Video-Clips, die in diesen Corona-Zeiten im Internet kursieren, lassen uns phantasievoll höhenfliegen. Mit der Tochter und ihrem Mann möchte ich heute mal probieren, wie das geht, – uns alle per Skype zusammenzuschalten.
Wir sind ganz begeistert, als unser aller Konterfeis sich den Bildschirm teilen.
Voller Tatendrang wollen wir gemeinsame Live-Musik probieren. Ich spiele die Akkorde von „Let it be“. Die beiden singen dazu das, was so an rudimentären Textbrocken aufgescheucht durch die bekannte Musik aus dem Gedächtnis kullert.
Und sind irritiert. Meine Musik erreicht die beiden jeweils später als ich sie spiele und jeweils unterschiedlich später. Beim Rückweg brauchen ihre Töne zu mir auch ein Weilchen. Und unterschiedliche Weilchen. Es ist schlicht unmöglich, so zusammen Musik zu machen. Natürlich gehen wir erstmal davon aus, dass wir
– irgendwas in Skype falschmachen, digital-doof wie wir sind, oder
– unsere alten Computer-Möhren damit einfach überfordert sind, oder
– wir für unser Vorhaben das falsche Programm gewählt haben.
Einige ad-hoc-Lösungsversuche scheitern auch.
Die Begeisterung über unser tolles Vorhaben verpufft in ungläubiger Enttäuschung. Genauso wie die Zeit, die ruckzuck mit der Lösungssucherei verdampft ist.
Wir verabreden, noch einmal getrennt von einander weiter zu recherchieren, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit gibt. Die anderen – die aus dem Internet – müssen es doch auch geschafft haben.
Es sind einige Dinge auszutauschen mit den Kindern. Konspirativ. Im Treppenhaus oder auf dem Bürgersteig.
Also fahre ich zuerst nach Duisburg. Von da nach Düsseldorf. Das alles zu einer Zeit, die früher mal hieß: Hauptverkehrszeit. „Rush hour“ auf 1Live. Ich fahre flüssig durch. Auch innerhalb der Städte. Entspannt und zügig. Nirgendwo Stau oder zähfließender Verkehr. Nirgendwo blankliegende Nerven.
Ich bekomme eine Ahnung, wie das mit den Autobahnen ursprünglich mal gedacht war.
Seit gestern geistert ein zartes Ideen-Pflänzchen in meinem Kopf und in meinen Händen herum. Ein Song für Italien. Ein erstes Bruchstückchen Melodie. Eine erste Textzeile.
Ich möchte weiter über den Text nachdenken. Also schlendere ich 2 Stunden am Kanal entlang.

Als sollten die Worte in mir durch die Bewegung durcheinandergekegelt werden. Damit sie sich anders wieder sortieren können.
Die Liebste und ich haben eine kleine Challenge. Wer kreiiert den Spruch des Jahres? Manchmal ist er witzig. Manchmal treffend. Manchmal beides. Meistens gewinnt sie.
Einmal, es war zu der Zeit, als eine damals bekannte Baumarktkette mit dem Spruch warb: „Geht nicht gibt’s nicht!“.
Da ging die Liebste mit einer ungefähren Vorstellung von einem Gegenstand in eben diesen Baumarkt und brachte einem der Berater diese Vorstellung nahe. Sein Kommentar: Mundkräuse. „Gibt’s nicht“. Darauf die Liebste: „Wie?! Geht nicht gibt’s nicht, aber gibt’s nicht geht?“
Heute hat sie den Spruch des Jahres 2020 kreiert. Da sind wir jetzt schon sicher. Er gehört in die Kategorie ‚treffend‘. Man benutze ihn beim Abschied in diesen Tagen:
„Bleib negativ und denk positiv!“
Endlich Zeit, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen. Z.B. das Problem, dass ich, wenn um den 28. Dezember herum die allerletzte Marzipan-Kartoffel gegessen ist und es unter meiner Würde ist, dann von den runtergesetzten Restbeständen zu kaufen, weil eben einfach nicht mehr Weihnachten ist, – dass ich dann ein ganzes Jahr warten muss.
Wir kreieren die
„Marzipan-Kartoffel,
Premium Easter Edition.“
Lagerkoller? Die Liebste und ich reden irgendwas über Kurzarbeit. Sie fragt sich, was Beitragsbemessungsgrenze bedeutet. Ich habe das schon mal gehört und fange an, mein Halbwissen wissend auszubreiten. Mittendrin sagt die Liebste, sie müsse das unbedingt mal googeln. Ich bin starkstrombeleidigt. Äußere das. Sie dann auch. Wir pratten eine ganze Weile. Bis ganz kurz vor die „Jetzt-wird’s-ernst-Grenze“.
Am frühen Morgen hole ich Brot und Brötchen. Beim Lieblingsbäcker. Die Schlange draußen reicht von der Eingangstür über die Fußgänger-Laden-Straße davor, macht einen Knick und zieht sich dann noch an zwei Häusern entlang. Es sind nur ein paar Menschen. Sie halten tatsächlich die 2m ein. Wir alle scannen immer wieder mal unsere jeweilige Umgebung. O.k. stimmt noch.
Wieder draußen steige ich auf’s Fahrrad und bleibe ziemlich genau 2m vor der Ampel stehen. Es dauert eine Weile, bis ich es bemerke.
Von einem warmen Blimmer-Ton begleitet, öffnet sich der Bildschirm und die Enkelin ist zu sehen. Sie liegt auf dem Sofa unter einer Kuscheldecke und windet sich unglücklich. Sie hat sehr schlecht geschlafen, klärt uns die Mama auf. Eigentlich will die Mama mit dem kleinen Bruder im Arm jetzt aus dem Raum gehen wie üblich, damit die Enkelin wie üblich mit uns alleine spielen kann. Aber die möchte das heute nicht. Dass sie bleibt aber auch nicht. Sie will irgendwie nichts und irgendwie alles und irgendwie gleichzeitig und irgendwie geht das nicht. Und beugt sich auf und fällt wieder zurück.
Die Mama macht noch einen Versuch zu gehen. Wir wollen die Enkelin trösten: „Guck mal, wir bleiben doch hier.“ Die Enkelin ist nur noch Klage, die ihre Augen an die Zimmerdecke senden:
„Aber nicht in echt.“
Ich bin schon dazu übergegangen, die Experten, die mir täglich via Bildschirm begegnen, zu duzen. Den Christian, den Lothar. Ich würde einen von ihnen gerne mal in Ruhe sprechen. Mit Zeit für eine Antwort.
Wenn ein/e Journlist*in fragt, – was im übrigen auch ich mich frage –, warum gemessen an der Zahl der Erkrankungen die Zahl derer, die sterben müssen, in Deutschland vergleichsweise deutlich kleiner ist als in anderen Ländern, ist die Standardantwort: Weil in Deutschland sehr viel mehr getestet wird als anderswo. Frage: Wo kann ich mich testen lassen? Das scheint ja zu schützen.
Ich lese in den letzten Tagen vermehrt, dass Profifußballer, Trainer und Vorstände auf „Teile ihres Gehaltes“ verzichten. Man wolle in diesen schwierigen Zeiten dafür sorgen, dass der Verein seine Mitarbeiter*innen auch bei ausbleibenden Einnahmen weiter bezahlen kann. Daraus schließe ich, dass er bei finanzieller Schieflage Kurzarbeit für sie anmelden oder ihnen im schlimmsten Fall kündigen müsste.
Frage: Wieso eigentlich den Platzwart entlassen? Würde es nicht viel mehr Einsparung bedeuten, z.B. den Starstürmer zu entlassen?
Frage: Warum nicht Kurzarbeit beantragen? Der durchschnittliche Spieler bei Schalke 04 verdient 2,4 Millionen Euro im Jahr. Angenommen, die durch Corona hervorgerufene Krise dauert 2 Monate. In diesen zwei Monaten verdient er 400 000 €. Nehmen wir an, der Verein beantragt Kurzarbeit für sie, weil sie im Moment nur für eine Arbeitsleistung von 50% gebraucht werden. Der Verein müsste dann nur noch 200 000 € für ihn bezahlen, macht bei einem Kader von 25 Spielern 4,5 Millionen € Ersparnis. Mit diesem Geld müssten die kleinen Angestellten im Verein doch 2 Monate bezahlbar sein. Ein bisschen was für die Portokasse bekämen die Spieler dann noch per Kurzarbeitsgeld. 60% (ohne Familie) bzw. 67% (mit Familie) der Beitragsbemessungsgrenze von 6900 €.
Wahrscheinlich scheitert dieses Modell daran, dass der Betriebsrat der Spieler zustimmen müsste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen gibt.
So sehr
Verinfiziert
Bin ich von dir
Dass tief in mir
Aufwallend fiebrige Verzückungsmoleküle tollen.
Ich würde keinesfalls
– und sei es nur partiäre –
Heilung wollen.
Strenge Ausgangsregeln sind beschlossen. Gut, dass es diese Sing-Aktion gibt. Fast wie ein Trost. Ich versuche die Tonart rauszufinden, in der wir alle dann in ganz Deutschland singen und spielen werden. Und ich suche, in welchem Radiosender eine Begleitmusik gespielt wird. Ich meine, ich hätte sowas gelesen. Finde es aber nicht. Schließlich beende ich die Suche. Es ist 18:00. Die festgelegt Zeit. Wir öffnen das Fenster. Die Liebste singt. Ich spiele Klavier. Die Tonart wählen wir selber. „Freude, schöner Götterfunken“.
Das Ganze ist weder flash, noch mob. Wir sind die einzigen weit und breit. Jedenfalls bei uns in der Siedlung. Falls es irgendwo anders anders war: Leute!! Wir waren dabei!!
Mit diesem Artikel möchten wir die interessierte Fachwelt über die Ergebnisse unserer jüngsten Forschung informieren.
Wir können von allen offenen Fragen, die es in diesem Zusammenhang gibt, heute zwei mit einiger Sicherheit beantworten.
Die erste Frage ist natürlich: Gibt es Gespenster?
Die Beantwortung dieser Frage hängt zwingend mit der zweiten Frage zusammen. Die Zweifel an der Existenz von Gespenstern begründen sich ja vor allem mit der Ungewissheit über ihre – wenn es sie denn gäbe – materielle Beschaffenheit. Und genau diese Ungewissheit können wir nunmehr beenden. Da ihre materielle Beschaffenheit, wie wir gleich darlegen werden, relativ eindeutig bestimmbar ist, ist somit auch ihre Existenz nachgewiesen.
Gespenster bestehen, wie wir eindeutig erkennen konnten, aus Staub. Dieser Staub wird unter bestimmten Bedingungen in koordinierte Strudel-Bewegungen versetzt – ähnlich den Schwärmen von Fischen, Vögeln, Insekten und anderen Lebewesen. Diese Schwarmbewegungen sind so koordiniert, dass dabei die von den Gespenstern gewollten Gestalten entstehen. Wohlgemerkt: „Von ihnen gewollt“. Denn wir müssen davon ausgehen, dass die Gespenster auch jenseits der jeweils aktuellen Figur-Werdung existieren, weil sie sich in den immer gleichen Figuren materialisieren. Das ist weiter unten noch genauer ausgeführt.
Diese Strudel bzw. Schwarm-Dynamiken entstehen allerdings nur bei bestimmten Sorten von Staub. Wir konnten folgende Sorten identifizieren:
Wie es genau zu der Strudel-Bewegung kommt, ist noch unklar. Ebenso ist unklar, wie es möglich ist, dass diese Strudel-Bewegungen zu den immer gleichen eindeutig individuell konturierten Gespenster-Figuren werden. Vor allem ist unklar, wie diese eindeutig definierbaren Identitäten jenseits der „Verkörperung“ in den jeweiligen Strudel-Bewegungen existieren. Denn: Da immer wieder dieselben Gespenster-Figuren entstehen, müssen ihre Identitäten ja auch existieren, wenn sie sich gerade nicht vergegenständlichen.
Diese Bedingungen haben zu allererst mit Licht zu tun. Wir konnten aber auch feststellen, dass die Nähe von historisch, mystisch oder religiös aufgeladenen Orten das Sichtbarwerden von Gespenstern auch unter Bedingungen ermöglichte, unter denen Gespenster normalerweise nicht sichtbar werden. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen den Luftströmungen an eben diesen Orten, die mit bestimmten mentalen Gedankenschwarm-Bewegungen räsonieren.
Das aber wäre ein lohnender Gegenstand weiterer Forschung, wie auch noch viele andere weiterhin offene Fragen. Diesen Forschungen sehen wir mit Spannung entgegen, fußen sie doch jetzt auf gesicherten Grundannahmen zur Existenz von Gespenstern.
Ghani Gremtirk
Mintar Khirgge
Die Häuser sind mit immer größeren Abständen von einander in die Landschaft gesprenkelt. Der Standrand nähert sich. Wir zweifeln, ob wir diesen Weg wirklich weitergehen möchten. Das hieße, so wie es jetzt aussieht: Wir müssten noch 4 Kilometer an einer zwar nicht viel, aber doch befahrenen kleinen Landstraße entlang gehen. Andererseits: Die Eremitage, die uns die charmante ältere Hotelbesitzerin empfohlen hat als Wanderziel, von dem aus wir als zusätzliche Belohnung auch noch einen wunderbaren Blick von weitem auf Ronda hätten, lockt uns schon sehr.

Und dann eines dieser unvermittelt ins Leben purzelnden kleinen Geschenke: Ein leise vor sich hin witterndes Holzschild, das sich zwischen den Zweigen eines hohen Strauchs am Wegesrand versteckt hält, weist uns nach rechts, weg von der Straße, auf einen schmalen kleinsteinigen Schotterweg. Mitten hinein in eine idyllische Welt, in der sich Olivenhaine, luftig bewaldete Pferdewiesen, und verwilderte Brachflächen aus Geröll, Gestrüpp und knorrigen Einzelbäumen aneinanderschmiegen. Ab und zu – schau mal, da unten – ein grau gesprenkelter Schimmel, der wie ein Fabelwesen auf eine rostige Badewanne zu trottet und den Kopf hineinneigt. Es ist schon ganz schön warm. Trotz Februar. Trotz Vormittag.
Aufatmen. Gleichmäßig fließende Schritte. Sachtes Plätschern von Reden und Schweigen.
An einer Wegbiegung schimmert der Rest eines sehr alten Turmes durch die Äste. Unscharf ist im wilden Gelände ein Weg durchs Unterholz erkennbar, der so aussieht, als würde er dorthin führen. Wir drücken uns durch ein paar Sträucher. Dann können wir ihm folgen.
Er führt tatsächlich zu dem Turm. An ihm vorbei ein erster freier Blick auf die kleine Stadt, in der wir vorhin aufgebrochen sind. Und neben dem Turm auf einen alten Sessel seventies style mit einem zerschlissenen Alcantarabezug, der die Ehrwürdigkeit der Szene – hier atmen wir Geschichte! – ein wenig hämisch durchkreuzt.

Ich schlüpfe durch den Bogen, in dem vor langer Zeit einmal eine Tür war. Eine schmale alte Treppe führt an der Mauer entlang nach oben. Ein Hauch von Abenteuer, als ich aufsteige, an die Mauer gedrückt. Als wäre der Abgrund neben der Treppe ohne das obligatorische Geländer höher.
Ich erreiche den ersten Stock. Rechts vor mir führt die nächste Treppe weiter aufwärts. Ich rufe nach unten der Liebsten zu: „Man kann hier weiter hoch“. Und drehe mich gleichzeitig zurück, um das kleine Zwischengeschoss zu mustern.
Und erschrecke. Da kauert ein Mann. Er liegt. Hat den Oberkörper halb aufgerichtet, den Unterleib seitlich gedreht. Er trägt eine schnittige Sonnenbrille und ein blütenweißes T-Shirt. Seltsam unpassend. Sein rechtes Bein lugt nackt unter einem leichten geblümten Tuch hervor, das er vielleicht als Decke benutzt hat und das jetzt durch die seitliche Drehung Blicke freigibt.
Seine ganze Haltung drückt Scham in den Raum. Sein Kopf quält sich von mir weg. Er presst die seitlich gedrehten Beine aneinander. Er hält mit der rechten Hand beinah krampfhaft das Tuch, als wollte ich es ihm wegnehmen. Sein Blick geht zur Mauer. Seine Anspannung hält mich aus. Sehnt mein Verschwinden herbei. Hält das Nicht-Weg-Können aus.
Ich brauche eine ganze Weile, bis ich die Szene nicht nur sehe, sondern wahrnehme. Für ihn muss es eine Ewigkeit gewesen sein. Doch endlich schaffe ich, mich zu regen und stammle „oh sorry“. Und noch einmal „oh sorry“. Vielleicht sogar noch einmal. Ich weiß es nicht mehr. Als müsste die Entschuldigung meinen Gliedern die Kraft einflößen, jetzt mich wieder abwenden zu können. Schließlich deutet er ein Abwinken an, mit einer kleinen Bewegung der Hand, die das Tuch hält und mit einer kleinen Kopfbewegung, ohne ihn aber mir zuzuwenden. Dann sagt er „ok, … ok“. Sein Lippen geben dabei einen kurzen Blick auf einzelne gelbe Zahnstümpfe frei, die sich auf seinen Unterkiefer verirrt haben.
Dann gehe ich.
Als wir uns von dem Turm entfernen, weiß ich nicht, was ich denken will. Ich möchte der Liebsten erzählen und schäme mich zugleich, aus dem Erlebten eine jener kleinen Abenteuer-Geschichten zu machen. Ein bisschen Ärger schwingt irgendwo im Hinterkopf. Warum bin ich eigentlich abgehauen? Ich hab doch dasselbe Recht, auf diesem übrig gebliebenen Relikt aus alter Zeit zu sein wie er. Warum bin ich nicht einfach weiter hochgeklettert?
Und dann muss ich über mich selbst innerlich verächtlich lachen. Recht und Besitz! Was für idiotische Denkgrößen angesichts dieser Szene.
Es ist gut, dass ich gegangen bin. Es hat nur zu lange gedauert. Ein, zwei Momente Scham hätte ich ihm ersparen können.
Und wieder eine ganze Weile später denke ich: Es ist gut, dass er mich erinnert hat. Daran, dass wir die Verlorenen, die Vergessenen, die Unwichtigen so gerne übergehen, wenn wir seufzend den Duft der Geschichte aufsaugen, an welchem übrig gebliebenen und zur Schau gestellten Gemäuer auch immer. Selten wurde ich so schmerzhaft erinnert, dass wir die Geschichte der Herrscher besichtigen.
Ich möchte dem Mann einen Namen geben. Ich phantasiere, dass mir das hilft, nicht zu vergessen.
Ich nenne ihn David.
Offener Brief an die Ultras unserer Fußballwelt.
Auf Eurer Internet-Seite habt Ihr Euer Hopp-Transparent verteidigt.
Ihr wollt also rebellisch sein. Dreckig.
Schade, schief gegangen.
Wer dreckig ist und rebellisch, ehrt die Straße, ja, selbst die Gosse. Da ist ein Hurensohn der Sohn einer Frau, die bereit ist, sogar den eigenen Körper zu verkaufen, um ihre Kinder zu ernähren. Der Sohn einer solchen Mutter: Aller Ehren wert.
„Hurensohn“ als Schimpfwort zu benutzen, ist genau die billige Spießbürger-Doppelmoral, die es erlaubt, abends, wenn Mutti beim Yoga ist, zur Prostituierten zu gehen und sich am nächsten Morgen über diesen Berufsstand moralisch zu entrüsten. Es ist genau die verlogene Gangsta-Rap-„Logik“, nach der man selbst Goldkettchen-Bonze sein kein und zugleich so tut, als wäre man von unten, weil man böse Wörter benutzt. Das ist sooo Kita, Kollegah.
Ich gebe zu, es macht Spaß „fick dich“ zu sagen. Es macht auch Spaß „fick dich, DFB“ zu sagen. Das wäre dann Rudel-(Selber-)Bumsen. Und es würde jetzt auch Spaß machen „Fick dich, Südkurve“ zu sagen.
Aber ein Gedanke weiter wäre es blöd. Denn es würde die armselige Empörungslogik nur ein Ründchen weiterdrehen. Dabei gilt es doch gerade jetzt, gerade eben damit aufzuhören.
MfG
Martin Gehrigk

Egal, wie hoch ein Mast die Fahne hält
Am Rande des Geschehens, – da passiert die Welt
Vielleicht sollte ich einen schon lange eingemotteten Begriff wieder reaktivieren: „Käseblättken“. Als ich Kind und Jugendlicher war, benutzten ihn die Erwachsenen zur Charakterisierung der Tageszeitung meines Wohnortes. Das kleine „Käseblättken“ in Abgrenzung von den großen Leitmedien: „Spiegel“ für die einen, „Bild“ für die anderen.
Ein Mensch wie der brasilianische Präsident Bolsonaro hat für mich schon deshalb Unrecht, weil er ein scheinsmarter Polit-Gewalttäter ist, der ein ganzes Land zum Selbstbedienungsladen für Natur- und Mensch-Ausbeuter degradiert hat.
Am 31.01. erscheint in unserem „Käseblättken“ eine 63 Seiten starke Sonderbeilage. Der Jahresrückblick. Darin ein prominentes Thema: Der Klimawandel. Er dient immerhin als Titelbild, als Thema des Leitkommentars und als Background für einen zwei-Seiten-Artikel über Greta Thunberg. Direkt nach Putin, Trump und Xi Jinping. Der Tenor ist eindeutig: Die Welt muss sich der Herausforderung „Klimawandel“ stellen und viel mutiger umsteuern, als das im vergangenen Jahrzehnt geschehen sei.
Am selben Tag erscheint in eben diesem Käseblättken auf Seite 1 des Lokalteils ein Artikel über die geplante Abholzung eines 87 Hektar großen Waldgebietes, um Abbau von Quarzsand durch die „Quarzwerke GmbH“ zu ermöglichen. In den Überschriften „Großes Waldgebiet […] soll weichen“ und „[…] weitreichende Folgen für die Natur“ hat man noch das Gefühl, der im Jahresrückblick stolz präsentierte Impetus der Klimaverantwortlichkeit fände hier seine Entsprechung in den Niederungen des Berichtens über Lokalpolitik. Der Eindruck verflüchtigt sich wie der Geruch eines leichten Furzes bei der weiteren Lektüre des Artikels. Ganz „sachlich“, ganz „nüchtern“, beinahe rührend „unschuldig“ desinteressiert an Naturschutz wird hauptsächlich ein Sprecher des Regionalverbands Ruhr zitiert und berichtet: Ein 121 Fußballfelder großes Gelände sei nun vom Regionalverband Ruhr zur Rodung freigegeben worden. Eine Ausweitung des schon bestehenden Abbaugebietes stelle die Geschäfte der Quarzwerke-GmbH für die nächsten 25 Jahre sicher, worüber diese sich sehr freuten. Der Abbau finde dann in unmittelbarer Nähe zu zwei Naturschutzgebieten statt, … usw.
Höhepunkt ist dann der Hinweis, dass „die am Standort Haltern gewonnenen Sande (…) als einzigartiger Bodenschatz“ gelten würden, der besonders für „Gießereien“ und im „Automobil- und Anlagenbau“ wichtig sei.
Ich schließe: Als braver Halterner kann ich sogar stolz sein, dass meine Heimatstadt der Wirtschaft solche Schätze zur Verfügung stellt.
Irritiert vom Lesen denke ich daran, dass Bolsonaro unübertrefflich zynisch verlangte, die Deutschen und die Europäer sollten gefälligst erstmal ihre eigenen Wälder schützen, bevor sie sich um den Regenwald kümmerten.
Und jetzt?
Pflege ich weiter wohlfeil im Gespräch mit Freunden bei einem guten Glas Bio-Rotwein meine Antipathie gegen die Vernichter des großen, großen (600 Millionen ha) Regenwalds weit, weit weg?
Und meine Sympathie für die, die im großen, großen (600 ha) Hambacher Forst aus Halterner Sicht weit, weit weg für dessen Erhalt kämpfen?
Und freue mich, dass ‚mein‘ Halterner Sand so ein wertvoller Rohstoff ist?

Die Sylvester-Nacht schleicht heran. Gleich brechen wir auf. Wir wollen dieses Jahr dem neuen Jahr mal wieder zu zweit allein entgegenblicken. Am See. Von einem Steg aus. Schulter an Schulter. Herz an Herz. Schweigend. Oder nur leise sprechend. Als könnten wir hier draußen irgendjemand stören.
Irgendwo von dahinten aus dem Dunkel wird das neue Jahr kommen.
Noch zu Hause schauen wir häufig aus dem Fenster: In alle Richtungen sind die Sichten von dichten Schichten feinstperligem Dunst verhängt.
Während des langen Spaziergangs zum See quillt der Himmel nebelgrau immer zäher herab in die Zwischenräume. Löst die Gegenstände aus dem Da-Sein. Fügt sie wieder ein. Seltsam einsam. Fremd. War das nicht eigentlich größer? Oder kleiner?
Als wollte die Welt ein Statement in Sachen Feuerwerk und Feinstaub abgeben: Lasst es! Ihr könnt heut sowieso nix sehen.
Change is possible. Selbst bei den Gegenständen.
Die letzte Viertelstunde vor der ersten Sekunde des neuen Jahrzehntes ist schon angebrochen, da lösen sich zwei Personen aus dem Dunst und nähern sich. Kurz trauern wir dem Verlust unserer romantischen Zweisamkeit hinterher. Dann teilen wir Sekt und Wunderkerzen.
Der Vorschlag der Welt, das mit dem Feuerwerk zu lassen, ist nicht angekommen. Es knallt mit derselben Intensität wie immer von der Stadt her. Wir hören es. Wenn auch gedämpft. Selbst das schafft der Nebel. Aber wir sehen: Absolut nichts. Tatsächlich.
Wir plaudern noch ein wenig mit unseren Sylvester-Bekanntschaften. Zwei-Glas-Vertraulichkeit. Er erzählt, er wolle sich demnächst ein Elektro-Auto kaufen. Ah! Ein Bruder im Geiste. Erst die Feinstaub-unverdächtigen Wunderkerzen. Jetzt das E-Auto.
Doch er holt mich schnell aus dem Konsenz-Träumchen.
Weißt Du, – er kommt mir verschwörerisch nahe – der ganze CO2 –Kram gehe ihm am … vorbei. Eine angedeutete Geste zeigt woran vorbei. Dann rechnet er mir die Zuschüsse vor, die er kassiert und zählt auf, was er sich in Zukunft sparen kann. Inspektion, Ölwechsel, Zahnriemen etc.
Er habe sich das genau ausgerechnet. Er fahre fast nie mehr als 100 km. Wenn er am Ankunftsort womöglich noch umsonst laden könne, rechne sich das ganz schnell.
Als wir anfangen zu frieren, verabschieden wir uns.
Auf dem Rückweg ist der Nebel so dicht, dass die wenig Taxen, die sich durch die Suppe schieben, um die ersten feiermüden Partygäste einzusammeln, langsamer fahren, als wir laufen. Kurz vor dem Überqueren einer Straße kann man die gegenüberliegende Seite nicht sehen.
Wir wählen den Weg sorgfältig. Ich habe Angst vor von „ausgelassenen“ Jugendlichen vor die Füße geworfenen Böllern. Ist das altersbedingte Unsicherheit? Oder medial gepuschte Hysterie? Oder hat sich wirklich was verändert?
In der Stadt sieht überall der Boden aus, als wären mehrere Kehrmaschinen gleichzeitig unter Druck geborsten.
Selbst diesen Eindruck mildert der Nebel etwas ab.
Am nächsten Morgen aber sehen die Straßen, Wege und Plätze genauso schlimm aus wie jedes Jahr.


Die Zufahrtstraße zu dem neuen Baugebiet wirkt noch provisorisch. Und eng. Ich laufe meine Strecke. Links von mir Vorgärten einiger älterer Häuser. Rechts von mir ein Zaun, dahinter ein sandiger Brachlandstreifen. Dahinter einige neue Häuser. Wie hingewürfelt. Zusammen mit einigen wenigen Kränen. Paletten mit Klinkern. Mischmaschinen.
Ich höre hinter mir ein Auto. Hört sich ziemlich schnell an. Der wird mich ja wohl sehen?! Ich kann nicht weg vom Asphalt. Hoffentlich hat der noch Geduld genug zu warten, bis ich nach dem Zaun auf den Sandstreifen ausweichen kann. Hat er.
Ein rundbauchiger Opi kommt mir auf dem Sandstreifen entgegen. Seinen Bewegungen sieht man an, dass seine knirschenden Hüftknochen sich eigentlich verweigern. Aber er muss ja mit dem Hund. Eine lustige kleine weiße Promenadenmischung, die zwischen langen Zotteln ab und an zu mir rüber blinzelt.
Links kommt mir eine ältere Frau auf dem Fahrrad entgegen. Sie fährt ein bisschen zittrig und hält sich vorsichtshalber eher mittig auf der Zufahrtstraße.
Aus dem Baugebiet schießt ein Auto auf „unseren Weg“. Opi ist inzwischen stehengeblieben. Hat diesen liebevoll versonnenen Meditations-Blick von Hundebesitzern, die Ihren Schützlingen beim Kacken zuschauen und irgendwie auch nicht.
Das Auto drängelt sich schon dicht an die Radfahrerin.
Etwas ist komisch. Ich brauche einen Moment, bis ich den Grund weiß. Es ist ein Elektroauto, das da zwischen den Neubauten herausgeeilt kam. Man hört fast nichts. Nur ein leises, tiefes Surren und ein wenig Knirschen auf dem Rollsplit. Es wirkt, als wollte das Auto die Frau auf dem Fahrrad anschieben.
Ich sehe ein bisschen beunruhigt auf die Fahrerin. Sie ist piepjung. Und stocksauer auf „die Alte“, die ihr da die Durchfahrt verwehrt. Sie wirft beide Arme vom Lenkrad aus hoch und wedelt damit herum. Ihre zornig leuchtenden Augen und die Mundbewegungen stürmen: Sie schimpft wie ein Rohrspatz. Meine Augen zoomen sie heran. Ich reime mir ihre Mundbewegungen und kleine Tonreste, die durch die Scheiben dringen, zusammen: „Mein Gott …!!“
Die Frau auf Zitterkurs bekommt von all dem nichts mit. Die Strecke, die es zu bewältigen gilt, liegt vor ihr. Still und unbelebt. Ein unhörbares wütendes Drama hinter ihr.
Wo ist eigentlich Opi? Ich schaue mich um. Er steht noch immer da und beobachtet auch die Szene. Und schüttelt den Kopf. Und lacht.
„Keine Zeit mehr heute, die jungen Leute!“
Hurra!
Sie ist vorbei!
Ich freue mich!
Zwar habe ich nicht
Gefastet, aber jetzt
Kann ich es mit weniger
Schlechtem Gewissen tun.
Wie das Leben, – soll man sagen: „spielt“?
7:30. Das Handy klingelt. Eine Freundin. Gestern Abend gegen 8 ist er gestorben. Unser Ex-Kollege. Mein Tenniskumpel. Der schon so lange litt.
Wie das Leben, soll man sagen: „höhnt“?!
Ich mache, was ich im Urlaub morgens manchmal gerne mache. Ich koche Kaffee. Setze mich gemütlich irgendwo hin und widme mich einem Sudoku. Halbherzig. Mit schlechtem Gewissen. Und trotzdem. Geradezu zwanghaft.
Lege das Sudoku-Handy weg, als die Liebste aufsteht. Damit sie nicht denkt, wie ignorant und herzlos ich bin. Angesichts dieses Todes so etwas Profanes wie ein Sudoku. Ein Spiel! Hallo??!!
Dabei weiß ich, dass sie so gar nicht denkt. Meine Gedanken. Innenleben des trotzkopfdummen Menschenwimmelwesens „Ich“.
Dann liegen wir zusammen auf dem Sofa. Beide noch in Nachtkleidung. Beide eingehüllt in eine Wolldecke. Beide mit von unseren ratlosen Händen umschlossenen Kaffeebechern.
Beide tasten wir uns an diesen Tod heran.
Was wir mit diesem Mann erlebt haben. Nicht erlebt haben. Erschrecken, dass dieser Mann jetzt tot ist. Tot.
Was wir gemacht haben mit ihm. Nicht gemacht. Hätten machen sollen. Glauben, gemacht hätten haben zu sollen. Versuchen zu verstehen. Merken, dass wir nicht verstehen. Oder doch ein bisschen. Probieren für diese ganze lächerlich wichtige Dramatik eines Lebens, mehrerer Leben, Wortkleider aus. Nehmen sie wieder weg. Hängen sie zurück. Suchen andere. Nehmen dann doch das erste. Wir haben einfach kein besseres gefunden. Schweigen. Malen uns aus, was das Leben angesichts unseres eigenen Todes anstellen wird. Oder nicht. Lieben dieses ganze kleine lebensgroße stolze Dasein. Schämen uns ein bisschen. Wollen in Zukunft alles nicht mehr so wichtig nehmen. Und tun es dann doch. Wie immer angesichts all dieser Tode, die wir schon durchleben mussten.
Sind eben Menschenwimmelwesen. Ein jedes, wie es ist. Und nicht ist.
Leben weiter. Jedenfalls jetzt.
Draußen lebt man auch weiter. Porto baut überall. Ab heute jetzt auch hier. Am Tag, da unser Abschied beginnt. Der von ihm und der von Porto.
Diese Großstadt ist leiser als andere. Gedämpft. Kann aber doch eigentlich gar nicht sein. Autos in Häuserschluchten sind überall gleich laut. Ebenso wie fauchende Luftwirbelschübe von einfahrenden U-Bahnen. Busbremsen. Boutiquen-Gedudel.
Und doch: Schalten die Autofahrer nicht früher hoch? Habe ich eigentlich schon einmal eine Hupe gehört? Das Motorrad, das schon weit vor dem Zebrastreifen, an dem ich gerade angekommen bin, verzögert und ausrollt, während ich rübergehe. Die junge Frau auf der Parkbank, die ein Telefongespräch annimmt. Ich merke es daran, dass sie plötzlich anfängt zu sprechen, ohne dass ich das iphonische Tönegeklecker im Xylophon-Sound gehört habe. Auch dieses überaus lustige 5-tönige „Du-hast-eine-Nachricht-bekommen-Flöten“, – noch keinmal gehört. Kein Bassgewummer aus Autos. Kann das sein? Dass zu einer selbstverständlichen Alltagskultur gehört: „Hey! Lass uns mal den anderen nicht auf die Nerven gehen.“? Die Frage bleibt ungeklärt. Ich muss für mich nur beschließen, ob ich es weiter so hören will, bzw. nicht hören.
Ich will.
Und finde natürlich weitere Beweise:
Der Weg zum Museu de Arte Contemporânea im Jardim de Serralves ist weit. Ein ganzes Stück mit der U-Bahn. Dann noch einmal ein viel längeres Stück mit dem Bus. Unsere Gedanken streifen zurück zu denen von gestern Abend. Sie rankten sich um die Frage, was für eine ernsthafte Veränderung von Schule nötig wäre. Wir diskutieren darüber immer noch genauso lebhaft wie früher. Einmal auf unserem Balkon so intensiv, dass die Liebste schon Angst hatte, die Menschen auf der Terrasse unter uns könnten uns für Streitende halten. Ist es gut, dass uns das Thema noch immer so aufheizt? Oder ist es ein bisschen absurd? Wo es doch Schnee von gestern ist. Wo aus unserem Denken keine Taten mehr folgen müssen.
Es ist ein Zufall, der keiner sein will: Im Museumscafè am Nachbartisch sitzt ein Lehrer. Er korrigiert eine Arbeit. Mit einem Rotstift streicht er in zwei Doppelseiten, die aneinandergeheftet sind, herum. Blättert. Ist fertig. Legt auf den Stapel. Die Blätter sind mehrfarbig bedruckt. Teurer Spaß. Ob das hier normal ist? Ob wohl auf der ganzen Welt Lehrer am Rotstift erkennbar sind? Oder an diesem gepflegten unscheinbaren Nicht-Schick? Oder daran, dass sie, selbst wenn sie nett wirken, ein Schimmer von Freudlosigkeit umgibt? Oder ist Letzteres nur ein Produkt meiner Misanthropie?
Er hat es eilig. Ob seine Schüler*innen hier irgendwo gerade anders beschäftigt sind und er die Zeit nutzen muss, damit er dann frei hat? Unsere Schuldebatte aus dem Bus ist Fleisch geworden und sitzt neben uns.
Am Eingang zum Park steht ein monumentales Kunstwerk von Joana Vasconcelos. In die Lauschigkeit der Parklandschaft hineingeprotzt.
Es überspült uns mit Assoziationen und Gedanken. Ein Ring. Ein Schmuckstück. Goldfelgen teurer Autos. Schönheit des Konsums. Ribery und das vergoldete Steak. Ist das jetzt eine schöne Ergänzung des Parks? Oder stört es die Idylle? Macht es sie vielleicht sogar kaputt? Vielleicht sogar gewollt? Oder gerade nicht? Will es irgendwo zwischen all dem entlang schliddern? Man wünschte sich dieses Kunstwerk dorthin, wo es viel mehr Menschen sehen können. Und nicht nur die, die diesen musealen Kontext suchen. Dafür Eintritt bezahlen. Mit nachdenklichen Mienen zwischen den Exponaten lustwandeln im Hochgefühl informierter Gebildetheit, garniert mit einem Schuss eleganter Gesellschaftskritik.
Und danach noch ein Tee in einem der schönsten Parkcafes, die wir je erlebt haben.
Dagegen an einer ganz anderen Stelle in der Stadt, hinterm Bahnhof, in der buchstäblichen Schmuddelzone: Auch ein monumentales Kunstwerk. Auf einer Hauswand. Ein Künstler aus Lissabon hat Portuenser und Auswärtige eingeladen zu fantasieren, was Porto ist. Weltbilder von der Größe einer Kachel. Schwarzweiß. Vielfalt, die von Ideen gebunden wird. Auch von gegensätzlichen. Wie all die Blicke, die sich auf einer Hauswand sammeln. Auf dieser. Wie auf jeder anderen. Wir sind berührt. Wir werden still. Man wünschte diesem Kunstwerk mehr Aufmerksamkeit. Sollte es sich nicht stolz in einem Museum präsentieren? Oder einem Museumspark? Wo man nicht den Hals verrenken muss, um es in Ruhe zu betrachten? Wo keine Hunde dranpinkeln. Keine müden Gestalten, an ein Geländer gelehnt, es ignorieren?
Überhaupt. Kacheln in Porto.
Kacheln. Zum Glück nicht im übertragenen Sinn. Sonst wäre es gefährlich geworden.
Der folgende Anschiss von der Liebsten hat es in sich. Wenn da die Passanten denken würden „Oh, ein Streit.“, hätten sie Recht. Wobei, – … ein Streit ist es ja nicht. Ich wehre mich nicht. Die Liebste hat ja Recht. Wie fast immer.
Diese Bilder rühren uns. Was für eine schöne Idee!
Die alte Markhalle, die wir besuchen wollten, wird restauriert. Zwei Straßen weiter soll es eine kleinere Ersatzhalle geben. Im Keller einer Kaufhausanlage.
Auf der Rolltreppe abwärts empfangen uns diese Bilder. Sie machen uns aufmerksam auf etwas, was uns in einer romantischen alten Markhallen-Idylle mit malerischen Fassaden, Eiffel-Turm-Stahlstreben-Charme und mildem Licht durch Bleiglas vielleicht gar nicht aufgefallen wäre, weil alles sich in Sehenswürdigkeit auflöst: Dass hier Menschen arbeiten.
Als wir runterfahren, wissen wir noch nicht, dass Frau Ferreira uns gleich zwei äußerst leckere Doraden verkaufen und mit ruhiger Sorgfalt schuppen und ausnehmen wird. Dass ihr Lächeln, als sie uns die Fische übergibt, uns wortlos „Guten Appetit“ wünschen wird.
Lächeln muss nun ich, als ich dies schreibe. Die Liebste und ich sind echte Künstler, alles in schöne Erfahrungen umzudichten. Statt enttäuscht zu sein, dass wir diese alte wunderschöne (wahrscheinlich: Jugendstil, die Hotspot Sehenswürdigkeiten sind immer „Jugendstil …“ oder „Etrusker …“. Manchmal auch „Zisterzienser …“) -Markthalle nicht sehen können, freuen wir uns an der Ersatzhalle und an Albina, die jetzt wahrscheinlich einen Schluckauf hat, weil ich sie in romantischer Wallung einfach so duze.
Die Liebste liebt schöne Bäder. Gerne auch mit einem Hauch von Luxus. Und wenn es dann noch ihr ganz eigenes Reich ist, ist die Grenze zur Glückseligkeit schnell überschritten.
Also nehme ich das zweite Bad. Hat aber natürlich auch den Nachteil, dass wir seltener Spiegelfratzenfaxen machen oder uns in der Enge zur Zärtlichkeit verleiten lassen.
Ob sich diese Erkenntnis über Luxus verallgemeinern ließe?
Strahlend saubere Kissen in mildem Mint auf einem grauen Sofa mit makelloser Überfläche. Davor ein Teppich, changierend in Blautönen, als wollte er uns erinnern an die Farben des Meeres vor Salina.
Beinah sehne ich einen Rotwein-Klecks herbei, damit ich den Schrecken vor dem ersten Flecken hinter mir habe.
Eine ältere irgendwie verlebte Wohnung, die ein bisschen runter ist, wäre bei Weitem nicht so schön, wie diese. Einfacher wäre sie schon.
Ich bin fast froh, dass im Schlafzimmer das Stoffrollo über das Fenster schrappt, wenn es auf Kipp steht. Wir sind also doch im Süden!
Ein Traum
Seit langem mal wieder ein Traum mit einer richtigen kleinen runden Handlung. Und: Mit Happy-End!
Ich spaziere einen breiten Boulevard entlang. Ein Lungo Mare. Keine Autos. Keine Häuser, Keine Bäume. Es ist ein offenes Gelände. Sommerhitze. Weiter Blick. Links ein durchgehendes Mäuerchen. Dahinter Strandsand. Dahinter – weit weg – Meer. Rechts eine Art langgezogene Grünfläche, – vom Boulevard abgetrennt mit niedrigen antik wirkenden Steinkuben.
Während ich schlendere, spüre ich plötzlich eine Bewegung an der Fototasche. Sie hängt am Schulterriemen. Mein Ellenbogen hält sie auf dem Rücken, damit sie nicht so schlackert.
Leicht erschrocken drehe ich mich um.
Ein junger blonder Mann hält einen lange runden Holzstab in der Hand. Vorne eine flache, länglich gebogene Metallspitze. Damit versucht er die obere Fototaschenlasche aufzuklappen. Er erschrickt, als ich mich umdrehe. Verlegen und schuldbewusst lächelnd hebt er entschuldigend die Hände. (…,was ja eigentlich gar nicht geht, weil er doch den Holzstab festhält.) Ich reiße ihm den Stab aus der Hand, gehe ein paar Schritte weiter. Er mit beschwichtigendem Flehen hinter mir her. An einem der Steinkuben lege ich den Stab auf den Boden. Er liegt leicht schräg mit dem vorderen Ende über eine niedrige dünne Randsteinkante. Ich stelle mich dahinter und beginne auf die Stange zu steigen. Begleitet vom Flehen des Blonden. Schon knackt der Stab. Aber er ist noch nicht angebrochen. Es knacken nur die Metallbügel, die die Metallspitze halten. Dann halte ich inne. Irgendwie tut der junge Mann mir leid. Wieder hebt er die Hände. Er sagt, wir könnten uns doch bei Kehrer in Dortmund treffen. Aus irgendeinem Grund weiß ich im Traum, dass das ein Schmuckgeschäft ist. Er könne mir doch als Wiedergutmachung einen Ring schenken.
Ich zögere. Dann stimme ich zu. „Ja, aber dann einen geklauten,“ sage ich.
Türkischer Schlüsselspieler mit Goldkettchen. Labertaschenvokuhila mit schwarzem Blauzahn-Raumschiffchen am Ohr. Drogensuchschlurferin. Kamelbehaarte blonde Businesslady mit schwarzer Leder-Aktenmappe. Laptop-Schreiter. Beide den Abschluss im Blick. Marokkanische Wildlocke, die ihren aufgesexten Po hinter einem Kinderwagen herschaukelt. Eilig. Schwarz beumhangter Mittelalter-Freak mit Geigenkasten auf dem Rücken. Inderin mit Handy. Ihre Zunge sucht das r. Ihre Augen den Gesprächspartner. Irgendwo da oben. Drei etwas zu dicke jugendliche Flintenweiber, die noch nicht so richtig wissen, wer sie sein wollen. Handy-Hantieren. Etwas zu lautes Lachen. So geil, Alter. Sie stehen an einer Ecke herum. Müssen die nicht eigentlich jetzt in der Schule sein?
So viele Herkünfte, so viele Stammplätze im sozialen Status-Regal, so viele Geschichten schimmern aus den Gesichtern, den Kleidungen, den Haltungen, dass sich die ordnende Frage nach der Nationalität – du von hier, du nicht – selber hinfällig macht.
Über allem eine lässige Nervosität.
Eine ältere Dame schlurft vor uns durch die Leckereien-Auslagen im Verkaufsraum des Cafés. Trotz der gebeugten Haltung führt sie noch die Würde eines Wohlstandslebens spazieren.
Dass unsere Enkelin sich so gar nicht für Süßigkeiten interessiert, – hier in diesem Las Vegas zuckriger Begehrlichkeiten, … passt auch in diese Stadt.
Wir nehmen Platz.
Die Kellnerin gleitet heran. Noch eher verschlossen. Abwartend. Die Liebste fragt, ob die Kleine die mit gebrachte Bretzel hier essen dürfe. Sie möge nämlich nichts Süßes. Und Bretzel gebe es hier nicht. Das generös angedeutete lächelnde Nicken der Kellnerin erlaubt.
Diese Servicekraft passt so überhaupt nicht in dieses Geschäft, dass es schon wieder egal ist. Ihre weiß leuchtenden kurzen, ein ganz klein wenig zickig herumstehenden Kurzhaare. Ihre Unzahl an Piercings. Ihre Unzahl an Tattoos. Ein Gesicht, das von einigen Unebenheiten auf dem Lebensweg erzählt. Und dann dieses kleine weiße Schürzchen, in dem die klassische längliche Druck-Klipp-Kassierbörse verschwindet.
Sie gleitet durch den Raum. Sie ist der stille Mittelpunkt dieses plüschigen Alte-Schule-Cafés. Mit größter Selbstverständlichkeit schaut sie zu, wie alte Damen mit zittrigen Fingern Kleingeld aus Portmonaies aus Handtäschchen fingern. Wechselt hier ein paar Worte. Hilft da ins Jäckchen. Ein Traditionshaus. Die Wände sind beinah lückenlos dekoriert mit alten Kaffeemühlen. In der Mitte des Raums die größte Kaffeemühle der Welt. Eingeweiht, so erklärt das stolze Schildchen, von Helmut Kohl. Genau hier gehört genau diese Frau hin. Und wird mit jedem Vorbeigehen an unserem Tisch offener und freundlicher.
Wieder gleitet sie heran. Obwohl das mit der Last eigentlich gar nicht geht. Sie schiebt einen Kinderstuhl an unseren Tisch. Wenn sie möchten? Für die Kleine?
Die Kleine möchte nicht. Auch o.k. Lächeln. Ist ja schon groß, ne?!
Ich spiele mit den Großneffen. 5 und 10. Lasse mich in die Lego-Technik-Comic-Welten einführen. Bekomme abgefahrene Gefährte erklärt. Waffensysteme. Figuren. Klar, – auch diese Welt ist eindeutig eingeteilt in Gut und Böse.
Ich entdecke eine weitere Figur, zeige darauf und frage: „Ist das auch ein Bösewicht?“ „Nein“, sagt der Kleinere – und sein Gesichtsausdruck wird milde – , „das ist ein Liebewicht.“
Ich betrete den Laden und bin natürlich skeptisch. Ich bin alt. Und pensionierter Lehrer. Da kommen automatisch noch ein paar Jahre drauf. Hier ist alles jung. Die Menschen. Die Geräte. Der Style. Ich weiß, dass die Skepsis trotzkopfdummer Selbstschutz ist. Ich will nicht denken müssen, dass ich von frühestens gestern bin. Die Skepsis schmeckt schal. Sie ist kein Espresso, der mich richtig schön aufputscht. Sie ist kalter Kaffee. Ich trink ihn trotzdem.
„Coworking“ heißt der Laden. Ich bin verabredet mit einem Spezialisten für Digitalien. Für WordPress, für Google-Ranking, für Seo, für Hosting, für einfach alles. Sogar für Sachen, von denen ich gar nicht weiß, dass es sie gibt und dass man dafür Spezialist sein kann. Er ist auch jung.
„Coworking“, … bestimmt ist das der x-te Versuch, sich irgendwie in Digitalien über Wasser zu halten, mit ein paar Einnahmen und ein paar Fördergeldern gerade so am Laufen gehalten, dass es nicht sofort eingeht. Was soll das sonst sein? Man kann hier digitale Arbeitsplätze mieten. O.k., verstehe ich. Aber das wirft doch mit Sicherheit nicht soviel ab, dass …
Ganz der miesepetrige pensionierte Besserwisser mäkel ich innerlich meine Verunsicherung weg. Sie geht aber nicht.
Mein Gesprächspartner ist noch nicht da. Ich lege meine Sachen ab in dem Raum, den mir ein überaus freundlicher, asiatisch aussehender Mensch zugewiesen hat. Verbunden mit der Frage, ob ich vielleicht etwas trinken möchte. Einen Kaffee? Einen Espresso? Ein Wasser? Ich nehme den Kaffee. Passt gerade besser.
Dann gehe ich erstmal aufs Klo. Mit Hose auf Halbmast schaue ich mich um. Seit ein paar Jahren habe ich ja beim Pinkeln Zeit. Der kleine Raum ist genau so wie alle anderen Räume hier. Gerade so gemütlich, dass man sich eingeladen und angenommen fühlt. Gerade so unpersönlich, dass man ihn sich aneignen kann.
Auf einem Sims liegen zwei Reclam-Bändchen. Reclam-Bändchen!
Einerseits die Papier gewordene Verachtung unserer Gesellschaft für Schule. Man will den jungen Menschen klassische Bildung verpassen. Aber es soll nicht zu viel kosten. Sie sind billig, das Gegenteil von wertig und zu klein zum Lesen. Lust auf Buch geht irgendwie anders.
Aber die beiden Bändchen wecken andererseits auch ein wenig nostalgische Verzückung bei mir. Man kann sie schön in die Arschtasche stecken und im Bus noch schnell ein paar Zeilen … . Zwei, drei hab ich noch. Vollgekritzelt während langweiliger Stunden. Abwesenheitsnotizen. Diese Bändchen hier sind noch ganz frisch. Eins gelb. Eins orange. Beide sind Sammlungen von Texten lateinischer Autoren. Ich nehme das orangene.
Martial, Epigramme.
Links Latein, rechts Deutsch. 40 n.Chr. Ich lasse ein paar Seiten hinterm Daumen entlangfluddern. Mein Daumen weiß genau, wo er bremsen muss: „Epigramme, neuntes Buch – „Der Pauker“
Mir fallen zwei Zeilen aus Shakespeares „Romeo und Julia“ ein:
Love goes t’ards love like schoolboys from their books
But love from love t’ards school with heavy looks.
Die Reclam-Nostalgie verrührt sich mit einem schwermütigen Seufzer: Ach, – die Schule. So alte Texte. So aktuell die Botschaften darin. Wahrscheinlich wird Schule immer so bleiben, wie sie immer war.
Zum Glück erinnere ich mich, warum ich hier bin und gehe zurück in „meinen Raum“.
Mein Gesprächspartner heißt Ralph. Ich spreche ihn auf die interessante Lektüre auf dem Klo an. Er lacht. Und erzählt, es gebe eine schräge Politkneipe im Südbahnhof. Einer von denen, die dort regelmäßig verkehren, habe ihm die beiden Bücher empfohlen. Er schildert die Kneipe, die Menschen dort, das Haus, in dem die Kneipe ist. Er strahlt. Meine Skepsis zieht sich beschämt zurück. Wie Nebel aus der Morgensonne.
Von Ralphs Know-How bin ich – wie würde man hier sagen?: – geflasht. Und davon, dass er dieses Know-How für mich anwendet. Für mich konfiguriert. Er hört sich an, was ich möchte und gleicht sein Können damit ab. Er schüttet mich nicht mit „müsstest“ zu. Wir reden. Wir lachen. Wir arbeiten. Ich verstehe. (na, ja, jedenfalls das Meiste.)
Wir sind in einem der zahllosen Räume von „Coworking“. Sie tun sich plötzlich auf, wenn man um eine Ecke geht. Sich in einer der Teeküchen umdreht. Einem Menschen, der gerade über einen der vielen Flure geht, hinterherschaut.
Irgendwann beginne ich zu verstehen. Hier haben Menschen Arbeitsplätze gebucht. Sie gehen hier ihren Projekten nach. Und sie können hier Menschen begegnen, mit denen sie vielleicht zusammenarbeiten möchten.
Man bildet Teams. Man löst sie wieder auf. Oder auch nicht. Man schaut, ob X zufällig auch da ist. Ist sie. Oder er. Man diskutiert. Bespricht. Überall lassen sich blitzschnell Geräte aktivieren, Stühle zurechtrücken, Inseln der Konzentration bauen.
Ich frage mich, wo diese Menschen diese Art von Team-Arbeit und Vernetzung gelernt haben. In der Schule bestimmt nicht. Als Schüler braucht man kein Team. Man zeigt auf. (Gilt auch für die Schülerin.) Und wird drangenommen. Oder auch nicht. Als Lehrer braucht man kein Team. Man schlürft das süße Gift des Unterweisens, des Bestimmens. Und nachher korrigiert man. (Gilt auch für die Lehrerin.)
Was diese Menschen hier können, können sie trotz Schule, nicht wegen ihr. Ach, wär das schön …
Ralph kommt zurück vom Klo. Zum Glück. Aus dem kleinen melancholischen Schub wird kein Anfall. Wir arbeiten weiter. Und ich verstehe (na, ja, jedenfalls das Meiste.)
Ich verlasse das Haus. Meine Laufstrecke wartet. Der übliche Ort, an dem ich den Hausschlüssel versteckt deponiere, damit ihn der Einbrecher nicht findet, geht heute nicht. Ich schaue mich um. Dann finde ich ein Plätzchen. Unter der abmontierten Schaukel auf dem Holzstapel.
Als ich zurückkomme und den Schlüssel holen will, sehe ich meine Spuren im Schnee und muss lächeln. Schöner Hinweis für den Einbrecher.
An Herrn
Uwe Mies
Filmkritiker
WDR 5
50600 Köln
Sehr geehrter Herr Mies,
ich schreibe Ihnen, weil …, weil …
Sie schulden mir einen Tag.
Kein Scherz. Mein voller Ernst.
Sie haben mich dazu gebracht, ins Kino zu gehen. Schließlich sind Sie mein „Film-Guck-Idol“. Da gibt es so vieles, was ich (auch) durch Sie entdeckt habe: Z.B., darauf zu schauen, ob in einem Film das, was die Geschichte vorgibt zu erzählen, die Bilder auch tatsächlich erzählen, darauf zu schauen, ob ein Film die große Leinwand überhaupt aushält, darauf zu schauen, ob die Schauspieler, so gut sie ihr Handwerk auch beherrschen mögen, mit der Geschichte, mit den Personen, die sie spielen, überhaupt etwas anfangen können, ob sie sich selbst glauben sozusagen.
Und so vieles mehr.
Und weil Sie im Radio gesagt haben, „Der Junge muss an die frische Luft“ lohne sich anzuschauen, nur deshalb, habe ich diesen Film angeschaut.
Bevor ich Sie über diesen Film habe ich reden hören, war klar, dass ich diesen Film nicht anschaue. Ich mag Hape Kerkeling nicht. Nein, falsch. Ich mag Hape Kerkeling. Nur den Komiker mag ich nicht. Diese Art von Humor mag ich nicht. Mein Gott, wie oft musste ich mir anhören von Meinesgleichen, wie ungeheuer witzig sie „Hurz“ fanden. Wie oft habe ich mich dabei unbehaglich gefühlt. Wie oft habe ich mich nicht getraut, genau das zu sagen. Zu sagen, wie billig ich diese Art von Humor finde. Menschen auf’s Glatteis führen und sich dann an ihren albernen Reaktionen gütlich tun. Für mich ist das – Entschuldigung! – RTL 2 für Bildungsbürger. Auf die Spitze getrieben dann von einem gewissen Stefan Raab für die Kinder dieser Bildungsbürger.
Und auch kunstfeindlich fand ich es. Ich konnte vor meinem inneren Auge sehen, wie genau diese Bildungsbürger von nun an ein Bomben-Alibi hatten, sich lustig zu machen über Kunst, die sich ihnen nicht auf Anhieb erschließt.
Oder noch schlimmer: Sich genauso zu verhalten, wie die Hörer von Hurz, wenn es sozial opportun ist und sich bei nächster Gelegenheit genau darüber kaputtzulachen und es nicht zu merken.
Ich mag sowas nicht. Ich mag lieber die taurigen Clowns. Die, die auch Menschen auf’s Glatteis führen, aber auf eines, auf dem sie selbst schon stehen. Die vielleicht sogar helfen, drauf zu stehen oder helfen drüber zu lachen, wenn man ausrutscht und hinfällt. Die vorleben, wie lächerlich ehrenhaft es ist, immer wieder aufzustehen auf diesem Untergrund.
Ich mag nicht das denunzierende Lachen über Menschen auf Glatteis, auf das der Komiker sie geführt hat ohne mitzugehen.
Und weil ich den Komiker Kerkeling nicht mag, und weil ich dem, was ich über die Privatperson Hape Kerkeling zu wissen glauben soll, nicht traue, weil ich weiß, dass mediale Identitäten vor allem Legenden sind, und weil dieselben Meinesgleichen, die sich immer noch schlapplachen über Hurz und die mit Hingabe über den Jakobsweg gelesen haben und mit derselben Hingabe – Hach! – über die Jugend von Kerkeling, mir nun überaus begeistert diesen Film empfohlen haben, – deshalb wollte ich nicht in den Film.
Und dann sprachen Sie. Mein Idol Uwe Mies. Und sagten Sätze wie: „Die Erfahrungswelt des Jungen sind unsere Augen auf die Leinwand.“ Ein Satz für meine kleine Ewigkeit.
Und ich ging in den Film. Und wurde stumm. Und wunderte mich über das Lachen um mich herum. Und verstand es nicht. Und lachte selber. Und verstand es nicht. Und hoffte immer, der Film sei einfach die Geschichte eines Jungen, der irgendwie mit der Depression der Mutter und der Abwesenheit des Vaters versucht zu leben. Und dann kam der Selbstmord der Mutter. Unter den Augen des Kindes. Und dann kam Horst Schlemmer. Und dann kam Hape Kerkeling selber.
Und ich stürzte ab. Buchstäblich. Mein voller Ernst.
Das alles geschah an einem Samstag Abend. Den ganzen folgenden Sonntag verbrachte ich wie die Tage damals, als etwas mich in eine graue Zelle eingeschlossen hatte und ich nicht mehr rausfand. Auch nicht im Schlaf. Denn ich konnte nicht mehr schlafen.
Und ich war besorgt, weil die Tür zu dieser grauen Zelle wieder einen Spalt offen war. Und ich wollte aber nicht hindurch. Aber ich konnte mich auch nicht einfach umdrehen.
Ich habe das erst gar nicht mit dem Film in Verbindung gebracht. Erst zwei Tage später konnte ich mich trauen zu denken, dass mein Zustand vom Tag vorher womöglich von diesem Film herrührte. Was nicht leicht ist, sich einzugestehen. Ein Gemüt am Rande der Depression durch einen Kinofilm??!! Hallo??!! – um es neudeutsch zu sagen.
Auch ich habe eine Mutter am Leben erhalten müssen. Wie der kleine Hans-Peter. Aus Gladbeck übrigens. Mir ist es zum Glück bis heute gelungen, bis zu der Zeit, als diese Mutter umgesiedelt ist nach Anderland. Sie erinnert noch meinen Namen aber nicht mehr ihr Leid. Jetzt muss ich sie nicht mehr am Leben erhalten. Jetzt kann ich mit ihr lachen. Sie sagt manchmal Sätze wie „Was guckst du denn so blödig!“ Und guckt genau wie früher. Und ich lache und sage: Na, weil ich doch blödig bin! Und sie lacht auch. Wir lachen beide. Nicht aus dem gleichen Grund. Vermute ich. Aber zusammen.
Das Kind im Film erlebt mit, dass die Mutter stirbt. Ohne zu wissen, dass es genau das jetzt gerade erlebt. Wohl aber es zu ahnen. Da spürt man kurz ein Leid, das echt ist. Da ist ein Bild, das zeigt, dass so ein Kind viel mehr mitbekommt als das, was die Erwachsenen ihm weismachen wollen, ohne zu wissen, was es ist. Da ist er spürbar, – der schlafende Hund, der früher oder später die Zähne fletschen wird. Vielleicht sogar in Form der Möglichkeit eines Selbstmordes. Da spürt man kurz, dass jetzt gerade einem Kind das Schlimmste passiert, was überhaupt passieren kann. Auch wenn es, – weiß ich! – immer noch schlimmer geht. Und das ist so traurig, dass es schon einer/s genialen Künsters*in bedarf, das mit verklärendem Lachen über Eierlikör zu kombinieren. Den Schmerz nicht wegzukitschen und wegzunostalgieren.
Sie sagen, Herr Mies, der Film halte konsequent die Augenhöhe des Jungen ein. Was ist mit den Szenen, in denen der Junge gar nicht dabei ist? Oder den Szenen, in denen ich als erwachsener Zuschauer ein Kind in einem Supermarkt sehe, das hinter einem Regal hervorlugt und die Erwachsenen beobachtet? Oder der Szene, in der die Lehrerin den Kindern hinterherschaut? Das „Gespräch“ des Vaters mit der Mutter, die traurig ist. Und ihren alten Garten vermisst. Sein hilfloser Versuch, sie zu trösten. Augenhöhe des Kindes? Oder die Rügenwalder-Romantik an der Geburtstags-Kaffeetafel im Freien aus der Vogelperspektive? Nein, nein, ich bringe jetzt nicht den billigen Scherz, dass das nur dann die Augenhöhe des Jungen sein kann, wenn er fliegt. Aber wenn das alles die Augenhöhe des Jungen ist, – warum erzählen es die Bilder dann nicht? Jedenfalls mir nicht. Ihre Logik! Und meine dank Ihnen.
Nein, der Film erzählt nicht aus der Augenhöhe des Kindes. Er erzählt aus der Augenhöhe eines Erwachsenen, der ein Kind missbraucht, um hier und da und überall und auch in der Vergangenheit zu verklären. Hach! Guck mal da, der alte Taunus. So einen hatten wir auch! Die Augenhöhe des Kindes wäre: Dies ist Technik letzter Stand. Denkbar modern. Danach kommt direkt Raumschiff Orion.
Hach!, – Ommas Käsekuchen. „Hach!“ – Karnevalsparty-Polonaise malerisch auf dem Damm mit Industriekulisse im Hintergrund.
Was ist mit der Tatsache, dass der Junge sich über genau die lustig macht, die ich als Standard-Erwachsener auch schräg finde, die in dem Film genau daraufhin inszeniert sind, nicht aber über die „Guten“? Das Kind macht sich lustig über die „Nicht-Guten“. Tante Gertrud. Oder die Rowdys, die es verprügelt haben, und die dann vom großen Bruder selber Haue kriegen. „Ich hab mich geirrt. Gewalt ist doch eine Lösung!“ Ich lache auch, und gehöre zu den Guten.
Ich sehe das alles, warte verzweifelt, wann mir die angebliche Augenhöhe des Hans-Peter zeigt, wie sich das alles als Träume in seine wunde Seele senkt, so tief, dass es dann als Narbe auf der Seele ein Leben lang sichtbar bleibt. Bestenfalls. Wie da eben schlafende Hunde geboren werden. Aber es kommt nicht.
Es kommt auch nicht, dass es ein Trauma ist, ein Drama, ein Eingewoben-Sein in ein tragisches Schicksal, dass den Jungen beinahe zwanghaft zum Komiker macht. Nein. Er wird zum Komiker, ja, aber es ist nett. Ein Ausweg eben. Eine Lösung. Und ich breche ein.
Mir hat mein Drama nahegelegt Lehrer zu werden. Auch ein Ausweg. Einer, der sich bis an die Grenze der Gesundheits-Gefährdung und darüber hinaus aufmerk- und einfühlsam, verantwortungsvoll, weit überdurchschnittlich für seine Arbeit engagiert hat. Einer, der gerade deshalb unter diesem maroden Schulsystem in diesem Land sehr gelitten hat.
Einer, der, jetzt gerade frisch pensioniert, mal so gar nicht weiß, wohin.
Dieses Kind, dieser ehemalige Lehrer hat diesen Filmkritiker gehört, diesen Film gesehen, diesen Tag danach erlebt, geredet, gewälzt, gehadert, nach-gedacht.
Und denkt jetzt: Es war gut so.
Sie können den Tag doch behalten, Herr Mies. Sie schulden ihn mir nicht.
Danke dafür
Ihr weiterhin sehr verbundener
Martin Gehrigk
Ich
Die Liebste
Der Bruder
Der Vater
Astrid, 50, leidet an einer heimtückischen Nervenkrankheit, die ihr Stück für
Stück das Bewegen raubt
Peter, 50, ihr Mann, beide aus Holland, beide so zupackend und positiv und
lebensfreudig, dass man sich manchmal als vollständig Gesunder seines Trübsinns schämt
5 halbjunge Römer*innen, wohlhabend, gelangweilt, tätowiert, knapp bikinisiert, groß, besonnenbrillt
3 nicht mehr ganz halbjunge Damen, sonnenbadend, aktiv desinteressiert
1 halbjunge Mutter
Ihre Tochter
1 Priester, 1 Hilfspriester
3 wichtige Menschen in maritimen Uniformen, davon 1 Frau
1 wichtiger Mensch ohne Uniform
1 Photograph
1 Lautsprecher-Boxen-Träger
Mehrere Schwestern in Tracht und Gummischuhen
Fischer
Die Familien der Fischer
Eine große Marienfigur, mit einem hellblauen Kunstblumenbogen geschmückt, auf ein Fischerboot montiert
Um halb Zehn stapfen sie über den Steg. Man merkt schon von weitem an der Art, wie sie gehen, wie sehr sie sich freuen. Mit eleganten, flüssigen, gekonnten Bewegungen und Gewichtsverlagerungen bugsiert Peter den Rollstuhl von Astrid über kleine Buckel, Schläuche, vorbei an Gangways, über Stromkabel und herumliegende Taue. Für sie wird ein Traum wahr. Besonders für Astrid. Sie wird segeln. Gestern Abend haben wir alles rauf- und runterbesprochen. Wo könnte Astrid sitzen? Wie? Wie kommt sie auf’s Schiff? Wie muss das Wetter sein? Und viele Fragen mehr. Schon dabei merkte man ihr freudiges Tatenfieber. Das Wetter ist optimal. Blauer Himmel. Eine Gewitterwarnung für den Nachmittag (da können wir längst wieder zurücksein). Ein leichter Wind. Peter erzählt, Astrid habe sich den ganzen Sommer auf diesen Moment gefreut. Sie haben einen Teil Ihres Urlaubs in diese Gegend bei Ladispoli verlegt, um ihn möglich zu machen.
Sie sind beide geübt. Er zieht sie an den Armen aus dem Rollstuhl, dreht sich, sie dabei haltend, um, legt ihre Arme um seinen Hals. Sie drückt ihre Hände übereinander, schmiegt sich an ihn. In allen Bewegungen spürt man, wie genau sie wissen, was noch geht, was nicht mehr, was genau an welcher Stelle für eine Unterstützung nötig ist. Fast ist es ein Tanz. Schließlich der entscheidende Moment. Er beugt sich vor. Sie hält sich, er hält sie, sie liegt auf seinem Nacken, Rücken, er richtet sich noch einmal aus, dann der Schritt auf die Badeplattform und ins Schiff! Die Liebste hat inzwischen das speziell geformte Kissen aus dem Rollstuhl gegriffen und auf den festgelegten Platz im Schiff gelegt. Die Rückenlehne war schon vorbereitet. Peter lässt Astrid vom Rücken und auf den Sitz gleiten. Er fragt sie, wie es ist. Sie gibt noch ein paar Tipps, was man noch verbessern könnte. Dann sitzt sie und strahlt. Wir starten den Motor. Badeplattform hoch. Navigationsinstrumente an. Heckleine backbord. Ein Zeichen. Mooring und Heckleine steuerbord fallen zusammen.
Langsam gleitet das Schiff aus dem Hafen. Astrids Augen saugen genussvoll alles auf. Dann der Moment, der beim Segeln immer fast der Schönste ist. Die Segel stehen, man steuert leicht vom Wind weg, das Schiff legt sich genüsslich auf die Seite. Der Motor wird gestoppt. Stille kehrt ein. Geblähte Segel nehmen das Schiff und uns mit.
Astrid und Peter klatschen mit beiden Händen einander ab. „Gimmie ten!“ Ein Kuss. Glück. Still, freudig, unendlich.
Später machen wir Peter den Vorschlag, sich vom Schiff ziehen zu lassen. Er bekommt eine Leine um den Oberkörper gebunden, die zusätzlich noch eine Halteschlaufe hat. Wir klappen die Badeplattform wieder runter. Er steht da. Er ist ein Junge. Am liebsten würde er jetzt mit einem Schrei und der fettesten Arschbombe aller Zeiten vom Schiff springen. Den Spaß versage ich ihm. Ich weiß, dass trotz der Langsamkeit der Moment, in dem das Sicherungsseil sich strafft und man tatsächlich vom Schiff gezogen wird, ziemlich ‚mächtig‘ ist. Er juchzt und quiekt und platscht und prustet. Glück, laut, freudig, unendlich.

Der ganze strahlende Morgen liegt wie ein mehrdimensionales Tiefenfoto in ihren Augen. Und wird dort bleiben. Bei der Liebsten auch. Und bei ihr noch ein bisschen Stolz dazu. Schließlich hat sie das Ganze mit ihrem euphorischen Zupacken ordentlich angeschoben. Bei mir auch. Ich sehe es von innen.
Wieder zurück im Hafen, sitzt Astrid mit uns am Klapptisch im Cockpit und wir nehmen zusammen einen Imbiss, reden, philosophieren, albern herum. Mein Handy klingelt.
Es ist mein Bruder. Ein Anruf von ihm am frühen Nachmittag. Ich weiß, was jetzt kommt, nehme das Handy, steige vom Schiff, nehme den Anruf an. Mit brechender Stimme sagt mein Bruder, dass unser Vater vor einer Stunde gestorben ist. Mehr schafft er nicht.
Ich stehe noch einen Moment am Kopfende des Steges. Ein kleines Stück von einer Plastiktüte treibt vorbei. Großdunkles tieftaubes Schweigen.
Ich gehe zurück zum Schiff, stammle die Nachricht an die Liebste weiter. Ihre innige Umarmung, die Blicke von Astrid und Peter, die so gerne helfen würden und wissen, dass sie nicht können, Ihre Hände, die schweigend meine fassen, … für einen Moment kriecht ein Weinen in mir hoch. Ein wildes Tier. Als ich es bemerke, scheut es zurück. Als hätte etwas eine gefährlich hohe Dosis Schmerz in mich injiziert. Ich weiß es, aber ich spüre die Wirkung nicht.
Vielleicht kommen sie sich ein wenig schlecht vor in dem Moment, aber zugleich wissen Astrid und Peter und wir, dass es richtig ist: Sie gehen und lassen uns allein. Und ich bin auch dafür ihnen dankbar.
Beim Abschied sehe ich diesen Blick von Astrid. Noch immer das Glück des Erlebnisses darin und gleichzeitig ihr Bei-Leid. Ich nehme sie in den Arm und möchte sie gar nicht mehr loslassen. Dasselbe bei Peter.
Dann machen die Liebste und ich uns auf den Weg. Noch auf dem Steg sehe ich ein schönes altes Holz-Segelboot.

Dies, denke ich, wäre doch schön für seine letzte Reise. Und sehe es schon im Dunst dahintreiben.
Wir wissen, dass wir jetzt laufen müssen. Schweigen. Reden. Wahrscheinlich zögerlich. Hilflos. Schweigen. Wieder reden. Und bewegen. Bewegen hilft dem Gemüt sich zu regen. Wir wollen am Meer entlang zu einer Reihe von Badehäuschen, die wir vom Schiff aus gesehen haben und die uns, um sie zu sehen, fast hätten übersehen lassen, dass hier untiefes Wasser ist. Am Meer entlang … das denkt sich leicht. Wird dann aber schwer. Nach einem kleinen öffentlichen schwarzsandigen Strand scheint es vorbei damit. Ehemals schicke, jetzt schon auch verwitterte Häuser drängen sich bis zum Wasser.

Sie stammen wohl aus der Zeit, als dieser Ort ein Hotspot für die Schönen und Reichen war. Lange her. Fünfziger Jahre. 20. Jahrhundert. Sie stehen dicht an dicht aneinander. Schmeißen sich ans Gestade heran. Lassen keinen durch. Wollen auch den letzten Streifen Ufer für sich. An einigen Stellen müssen wir durchs Wasser waten. Dann wieder ein Stück Felsen. Dann ein Stück verlassene Terrasse. Auf einer dieser Terrassen am Wasser spielt ein Mädchen. Ihre Mutter kommt dazu. Wir fragen sie, ob man hier irgendwo auch wieder hoch kommt. Eigentlich hoffen wir, dass sie uns anbietet, die Treppe zu nutzen, die es in ihrem Haus ja geben muss. Das tut sie nicht. Aber sie erklärt uns, wo wir einen Aufgang finden. Es ist noch ein Stück. Da, wo wir ihn nach dieser Erklärung vermutet hatten, ist er aber nicht. Stattdessen wieder eine Felsenterasse. Darauf drei Frauen. Sie sitzen nah beieinander, reden kaum, streichen sich selbst über die Beine. Sie sehen uns und versuchen so intensiv uns zu ignorieren, dass deutlich wird, wie unerhört sie finden, dass wir überhaupt hier sind. Auch sie fragen wir, bekommen aber nur ein kaum hörbares an die eigenen Zehen gerichtetes „Wissen wir nicht“. Wir sind Eindringlinge in einer von ihnen besessenen Welt. Denken sie. Denke ich. Wieder müssen wir waten, wieder kommt eine schmale Felsenterasse. Wir hören eine Stimme. Schauen uns suchend um. Ach so, sie kommt von oben. Dort beugt ein gesichtsverspiegelter Jüngling seinen Kopf herunter, besitzergreifend die Hände auf das steinerne Geländer gestützt und fragt, was wir wollen. Vier weitere Köpfe und mehrere tätowierte Arme und Schultern erscheinen. Diesmal ist es nicht mühsam aufgebautes Desinteresse, sondern arrogant amüsiertes Verscheuchen der armen Irren, die nicht wissen, dass sie hier nicht sein dürfen. Geraunzte Bemerkungen zueinander, Kichern. Zu uns sagen sie auf unsere Frage „Doppo“. Sie würden wohl gerne auch noch das Wasser ihr eigen nennen dürfen. Verteidigen dieses lächerliche Stückchen Felsen, obwohl sie doch ein Stockwerk höher Cocktails schlürfen.
Irgendwann finden wir tatsächlich den Aufgang. Er führt zu einer hoch gelegenen kleinen Aussichtspiazza. Gestern sind wir hier von oben gekommen und haben drei sehr junge Jugendliche aufgescheucht. Zwei davon huschten schnell in die Unsichtbarkeit. Vielleicht hatten sie gekifft. Als wir uns nach einem langen Blick übers Meer wieder abwandten, pfiff der allein zurückgebliebene Junge. Ob es den anderen beiden galt? Sie sind weg! – ?
Nach langem Stapfen, merken wir, dass ein Gewitter aufzieht. Wir verabschieden uns von den Badehäuschen, die wir nun doch nicht zu sehen bekommen und treten den Rückweg an. Inzwischen stolpern nicht mehr nur ab und zu einzelne Wörtergebilde aus uns. Manchmal sind es schon mehrere Sätze hintereinander. Gedanken, Erinnerungen, Fragen, Antwortversuche.
Wieder am Hafen angekommen, sehen wir, wie gerade zwei auf einfache Art fein gemachte Männer einen Bogen aus hellblauen Kunstblumen über eine Madonnenfigur auf das kleine Steuerstandhäuschen eines Fischerbootes montieren. Menschen nähern sich zögernd. Einige klettern zwischen die Fischernetzhaufen, die am Pier liegen, um das Boot mit der Figur fotografieren zu können. Hinten, am gegenüber liegenden Pier sitzt ein Paar. Beide rauchen. Ob sie sich dafür interessieren, was jetzt hier offensichtlich gleich kommt? Oder sind sie einfach nur aneinander interessiert? Eine Plane wird bereitgelegt. Sie soll wohl die Madonna mit den Blumen schützen, wenn es anfängt zu regnen. Und es scheint bald soweit zu sein.

Eine Passantin erzählt, dass hier jetzt gleich eine Prozession anlässlich von Mariä Himmelfahrt sei. Kurz danach hören wir Gesang. Es ist die mehrkehlige Brabbeligkeit vom Gesang einer Gemeinde. Wir drehen uns um und sehen eine kleine Prozession einen Hang hinunter sich biegen. An der Spitze der Pfarrer. Er hält ein Mikrophon in der Hand. Neben ihm ein Helfer. Er trägt ein Holzgerüst mit Riemen auf dem Rücken, an dem rechts und links zwei megaphonige Lautsprecher befestigt sind. Die Assoziation ist: Christus trägt sein Kreuz. Daneben ein weiterer Priester. Dann zwei Männer mit weißen Marine-Uniformen, eine Frau mit einer schwarzen Uniform. Ein Mann, vielleicht Mitte 50, tritt etwas abseits. Schaut wohlgefällig lächelnd in die Runde. Richtet seine Frisur. Richtet die Revers seines Sakkos. Es ist, sagen wir: der Bürgermeister. Zwischen den Menschen in der Prozession mehrere Schwestern in grauen Trachten und Gummischuhen. Sie sind eine Mischung aus den Gummischuhen, die sogar in der feinfühligen Modewelt Italiens hipp geworden sind, die ich aber immer noch mit Gartenarbeit assoziiere, aus diesen Gesundheitsschuhen mit dicken gewölbten Abrollsohlen, die eine Zeitlang jeder trug, die oder der Rückenprobleme hatte, und Flip-Flops. Die Pfarrer, die Uniformierten, der Bürgermeister, einige einfache Leute und der Mann von der Presse, den man an seiner fulminanten Kamera erkennt, die er gerade aus einer fulminanten Kameratasche genestelt hat und jetzt mit einer fulminanten Perspektiv-Bildungs-Verdrehung in Stellung bringt. Es wird noch hier genestelt und da gerichtet. Dann legt das Boot ab. An den Stegen dahinter sieht man eilige Bewegungen. Offensichtlich wird es jetzt auch eine Boots-Prozession. Der Pfarrer spricht durch das Mikrophon. Die Gemeinde antwortet. „Madre Maria, prega per noi pescatori“. Trotz der Kinder, die abseits spielen. Trotz der sexy gestylten Touristinnen, die etwas abseits am Handy nesteln oder lauthals telefonieren. Trotz des seidigen Pop-Jazz, der aus der Bar herübertröpfelt, trotz allem stellt sich hier um uns herum wehmütige, melancholische Feierlichkeit ein. Die Bootsprozession beginnt. Das Gewitter hat dahinter eine tiefschwarze Drohgebärde aufgebaut. Woanders scheint es schon zu regnen, denn es bildet sich ein Regenbogen. Wir sehen, – schweigen, – atmen schwer. Dann stimmt der Pfarrer von dem jetzt schon etwas weiter entfernten Boot ein Lied an. Die Gemeinde stimmt in den klagenden Gesang mit ein.
Die Schleusen in uns öffnen sich. Die Injektion beginnt zu wirken. Wir schluchzen, halten uns im Arm, weinen, weinen bitterlich. Der Gesang klagt weiter. Mit uns. Für uns. Prega per noi.
Kurz danach öffnet auch der Himmel die Schleusen. Es schüttet. Scharf platschendes Regenwasser mischt sich mit dem Salz unserer Tränen.
Portoferraio,
Elba – Porto Azurro,
Elba – Golfo della Lacona,
Elba – Bucht bei Saccheto,
Elba – Porto de Campodoro,
Korsika – Solenzara,
Korsika – Anse de Canelle,
Korsika – Anse de Pinarellu,
Korsika – Cala Canella,
Isola de Giglio – Cala Capazollo,
Giglio – Cala Spalmatoi,
Isola di Giannutri, San Stefano (Monte Argentario),
Civitavecchia
(Bucht bei Saccheto, Elba)
Der Abend endet spektakulär romantisch mit einem rot aufgehenden Mond. In der Nacht wache ich auf. Das Schiff schwankt stark. Die Wand zwischen Salon und Kajüte knarzt gruselig. Ich versuche erst mich draußen hinzulegen. Das ist mir aber definitiv zu hart. Irgendwann krieche ich wieder zur Liebsten in die Kajüte und schlafe sogar ein. Beim Aufwachen finde ich die Weltformel. Und teile das traurige Schicksal aller Genies. Keine Sau interessiert sich für die Formel.
(Überfahrt von Elba nach Korsika)
Gesprochen haben wir darüber nicht. Jedenfalls erinnere ich mich nicht. Ich glaube, wir haben insgeheim erfofft, dass wir irgendwann auf unserer Fahrt einmal Delphinen begegnen. Bloß nicht zu laut aussprechen, sonst werden sie womöglich verschreckt!
Und dann sind sie plötzlich da. 8 Tiere. Sie zeigen sich zuerst nur vorsichtig, sporadisch. Und dann wird ihr Spiel mit uns immer intensiver. Erst rufen wir aufgeregt durcheinander. Stolpern übers Schiff, um unsere Foto-Apparate zu holen. Dann werden wir zunehmend still und schauen einfach nur noch gebannt dem Schauspiel zu. Fast eine Stunde bleiben sie bei uns. Dann sind sie wieder verschwunden. Unser Staunen lassen sie da.
(Anse de Pinarellu, Korsika, am Morgen)
So ein Bootsluder entwickelt eine schier unglaubliche Vielfalt an Geräuschen. Was da alles klappern, quietschen, knarzen, heulen, stöhnen, klopfen, scheppern, klöpfeln, klunkern, bristeln, gluckern, glucksen, gräubeln, platschen, plätschern, klimperimpern, schlagen, zirbeln, zwirpen, zwurpen, zworpschen, britzeln, einfach einen Krach, ein Krächeln, ein Krächelchen, ein Getöse machen kann, dass es dir den Schlaf raubt, dass du dich in deiner eigenen Kajütenhitzewolke wälzt mit vom heimtückisch vermasselten Schlafeswunsch zornig verdunkeltem Gemüt.
Ein Wunder eigentlich, dass du dann doch einschläfst, kurz vor dem Morgengrauen im flachen Schlafgewässer traumwatest, durch die Deckenluke den Mast entlang zum blauen Himmel hinaufschaust und denkst: So sieht es also aus, wenn man dem Glück in den Hals guckt.

Einfach mal
Die Silhouette einer Küstenlandschaft
Gegen die Sonne erblinzeln
Sie dann mit sich zu-
kneifenden Augen Wunderkerzen-haft weg-
glitzern zu lassen.
Ich glaub, ich könnte jetzt
Sonnenstrahlen zählen.
Sie schießen auf die
Tanzenden Gleißflächen
Auf dem Wasser.
Oder schießen sie daraus?
Wahrscheinlich beides.
Um 2:30 klingelt der Wecker. Hätte er gar nicht gemusst. Wir sind eh alle wach. Hohe Wellen mit dem entsprechenden Krach im Schiff in galliger Allianz mit der Sorge, der Anker könnte vielleicht ausbrechen und wir könnten auf die Klippen treiben, haben Schlaf unmöglich gemacht. Klaus gesteht, er habe schon um halb eins gedacht. „Scheiß auf die vereinbarte Zeit. Wir hauen einfach jetzt schon ab.“ Ich gestehe ihm dieselben Gedanken. Vorher hatte ich doch einen verzweifelten Versuch gemacht und mich schlafen gelegt. Aber zu dem Schiffskrach hatte sich noch laute Live-Musik gesellt, die von irgendwo an Land in die Bucht hineinwehte. Korsischer Folk, schätze ich. Es klang ein bisschen hysterisch.
Gerade habe ich angefangen alles ins Ignorier-Zimmer zu verbannen, als ein Blitz die schwarze Nacht erhellt. Kurz danach an krachendes Gepolter. Oh Gott! Jetzt auch noch ein Gewitter. Ich stürze raus. Kein Gewitter. Ein Feuerwerk. Irgendetwas ganz Besonderes muss hier gefeiert werden. Imponierend die Funken regnenden Krachgemälde vor dem schwarzen Meer und dem schwarzen Himmel, – nur: Ungenießbar! Schließlich stehlen sie die letzten Reste des vor Minuten doch noch erträumten Schlafes. Nach dem Feuerwerk Fortsetzung Folk. Dann Pumm-Ts-Pumm-Ts-Pumm-Ts-Let’s-dance-the-night-away-Gewummer. Alles von weit her und doch laut, schrebbelig und nervig. Halb drei stehe ich dann gerädert tatsächlich auf, aus der Koje, – nicht aus dem Schlaf. Wir hatten beschlossen, nur einen Kaffee zu trinken und dann in die Dunkelheit hinein aufzubrechen. Die Rückkehr von Korsika zurück nach Italien zur Insel Giglio würde Zeit brauchen.
Den Versuch, Kaffee zu kochen gebe ich entnervt auf, weil bei dem Getaumel im Schiff die Koordination von Wasserkessel auf kardanisch aufgehängtem Herd, Thermoskanne, Trichter (Ja! Trichter! In dieser schicken Hochseeyacht gibt’s einen Filter und schicke metallene Warmhaltekannen, nur mit dem Haken, dass der Kaffee neben die Kanne läuft, wenn man den Filter direkt auf sie setzt), Filter, Filtertüte und Kaffepulver schlicht unmöglich ist. Außerdem hat der im Wellengang kochendes Wasser spuckende Wasserkessel kurz vor dem Pfeifen die Flamme gelöscht.
Motorölkontrolle, Kühlwasserkontrolle, Motor an, Navigationsinstrumente an, Anker lichten und ab! Denken wir. Für’s Anker Lichten brauchen wir Licht. Aber der bordeigene große 12-Volt-Scheinfwerfer löst einen Kurzschluss aus. Mit der normalen Taschenlampe schaffen wir es doch, den Anker geordnet hochzuholen und düsen ab. Als sich auf offenem Wasser dann endlich etwas Ruhe einstellt und wir vier, die wir bisher eher schweigend agiert haben, die letzten Reste verzweifelten Schlafeswunsch aus den Augen gerieben haben, machen wir einen neuen Anlauf, Kaffee zu kochen, kriegen aber die Flamme nicht an. In der angespannten und auch ein bisschen ängstlichen Was-alles-schiefgehen-könnte-Dynamik der Nacht entwickeln wir alle möglichen dramatischen Erklärungen dafür und kommen erst spät auf die richtige und eben einfache Erklärung: Gas alle! Klar! Dass auch noch die Beleuchtung des Kompasses an der zweiten Steuersäule kaputt ist, ist schon nur noch eine kleine Randnotiz. Klaus weiß gar nicht, was er zuerst reparieren soll. Klar! Den Herd! Wir brauchen im Moment nichts dringender als Kaffee. Noch immer beherrscht eher gespanntes Schweigen die Szenerie. Es ist einfach merkwürdig in die Dunkelheit hinein über’s Meer in die Große Wasser-Himmel-Schwärze zu fahren und sich nur darauf zu verlassen, dass der errechnete Kompass-Kurs uns in die richtige Richtung führt. Dann ein erster Hauch von Dämmerung. Dann ein Sonnenaufgang über dem Meer. Die Gemüter lichten sich. Das große Lächeln stellt sich wieder ein. Murphy geht schlafen. Hoffentlich tief und lange!
… eine Wortschöpfung. Klaus prägt den Begriff des Jahres: „Schnuggi-Tours“. In einer Bucht vor Anker schraddeln wir mit dem Schlauchboot Richtung Strand, um dort in einem Restaurant zu essen. Die beiden Ladies paddeln. Aus der Sicht des Profipaddlers Klaus vielleicht nicht 100% richtungstreu. Auf eine lustige Bemerkung dazu folgt die Replik:
… ein schöner „Fach“begriff: „Handwarm anziehen“. Beispiel: Du drehst den Verschluss der Thermosflasche schön fest zu, damit nix ausläuft. Später willst du sie öffnen und kriegst sie nicht auf. Warum? Beim Reindrehen war Flasche warm, Schraubverschluss kalt. Schraubverschluss wird nach Reindrehen warm. Schraubverschluss dehnt sich aus. Geht nicht auf. Deshalb „handwarm anziehen“. Es ist die noch etwas feinere Variante von „nach fest kommt ab“.
… das Engagment der Liebsten bei ihren Recherchen zum Thema Schiffstoilette. Wir haben einen Fäkalientank. Soviel steht fest. Wir lassen also im Hafen nix ins Wasser laufen. Die Liebste fragt sich: Wie können wir evtl. entstehender Geruchsbelästigung wirksam entgegentreten? Sie studiert sogar Foren. Dort gibt es interessante Vorschläge, z.B. Kaffeesatz in die Toilette kippen oder Babyöl. So richtig überzeugend ist allerdings keiner. Wir beschließen, weiterhin auf Meerwasser zum Spülen und Lüften zu vertrauen. Und Verklappen auf offener See. Müssen aber natürlich regelmäßig daran denken … Die Liebste fragt sich des Weiteren: Die in die Schiffstoilette hinabgelassenen ‚Objekte‘ sind ja nun von unterschiedlicher Größe und Konsistenz. Können die u.U. die Toilette nicht verstopfen? Sie findet heraus, dass unsere Toilette sogar einen Zerkleinerer hat. Sie findet gar einen Test über Schiffstoiletten-Zerkleinerer. Hurra! Wir haben den Testsieger! Allerdings ist auch der nur bedingt zuverlässig. Die Liebste findet zu unser aller Erheiterung schöne Testbilder. Z.B. Gurkenstückchen oder Reisbällchen, die als Testobjekte dienten und praktisch unzerkleinert im Zerkleinerer steckenblieben und ihn lahm legten. Intensive Debatten darüber, ob ein Gurkenstick die übliche Konsistenz der ‚Objekte‘ wohl angemessen repräsentiere, erfreuen uns.
… die ganz neue Neuerwerbung der Liebsten extra für unsere Tour: Eine transportable, nur mit Sonnenkraft betriebene Dusche. Ein schwarzer Plastiksack, den man mit Wasser füllt und lange genug in die Sonne legt. Die Dusche soll zum ersten Mal zum Einsatz kommen. Der Plastiksack liegt in der Sonne. Klaus lässt gedankenverloren einen Blick über die Wasseroberfläche gleiten. Er belebt sich. „Ach! Guck mal! Da schwimmt genau so eine Dusche, wie du sie hast.“ Augenblicklich springt die Liebste auf. Sie wirft einen Blick auf’s Vorschiff, wo der Sack ihrer Meinung nach sicher gelegen hat. Der Sack ist weg. Die Liebste versteht in diesem Moment die physikalische Gesetzmäßigkeit der Wanderbewegung von unbefestigten Gegenständen auf dem Vorschiff bei Wellengang. Ein beherzter Sprung und eine kraftvolle Rettungsaktion sichern ihren wertvollen Besitz.
… ein schöner Ausdruck in rheinischem Tonfall, beigesteuert von Heide: „Schläischfahrt“, der sich aus den Tiefen ihrer Erinnerung an „Das Boot“ in ihre Gegenwart mogelt.
… die drei Schweizer, die nahebei am Steg mit einer Segelyacht liegen. Eher dicht die Typen. Einer von ihnen steigt irgendwann auf den Steg, nimmt sich den Schlauch und spritzt sich dann selber ab. Höhepunkt: Er zieht die Badehose vorne vom Körper weg und hält den Strahl volle Kraft ins Gemächte. Eine ganze Weile. Scheint ihm zu gefallen. Die Liebste nennt es „méthode suisse“.
… Idylle, Vergnügen, Blödsinn
… das Studium der verschiedenen Techniken des Festhaltens. Hier auf Fotos mit den entsprechenden englischen Fachbegriffen dokumentiert.
… hier einmal eine Variante aus dem Freizeitbereich …
(man beachte cie 180 Grad Armstellung und die hohe Auflagefläche der Arme)
… hier ein eher abschreckendes Beispiel …
… eigentlich auch ein two point security grip, aber in der Funktion als Steuermann ein völlig verunglückter no hand foot tap. Achtung! Nicht zur Nachahmung empfohlen. Erhebliche Sicherheitseinschränkung!
Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke.
Civitavecchia,
Ostia (Porto turistico di Roma),
Fiumicino (Porto Romano),
Nettuno,
Isola Palmarola,
Isola Ventotene
(Civitavecchia)
Natürlich wollen wir nach Rom! Und auch wieder nicht. Denn in Rom werden wir uns von Klaus und Heide verabschieden. Wir fahren mit dem Zug dorthin. Obwohl Heide und Klaus ihr Gepäck schon dabei haben, schaffen wir es noch, den Abschied auszublenden. In Rom machen wir das, was wir in großen Städten am liebsten machen. Latschen. Allerdings zuerst unfreiwillig. Wir wollen eigentlich an einer Haltestelle in einen Hop-on-hop-off-Stadttour-Bus einsteigen, um damit zum Collosseum zu fahren und von dort weiter zu spazieren. Wenn wir eine Haltestelle haben, kommt kein Bus. Wenn ein Bus kommt, stehen wir gerade nicht an der Haltestelle. So treiben wir langsam weiter und sind schließlich so nah, dass wir das Collosseum schon sehen. Gut ist dieser Weg. Diese volle Breitseite antiker Stein-Zeugnisse einer gigantischen Großmacht hätte uns womöglich so eingeschüchtert, dass wir schnell weitergegangen wären.
So aber nähern wir uns langsam. Nehmen auch das andere Rom wahr. Das von heute. In dem Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen, herumlungern, warten, hetzen, – was auch immer. Sie, die hier leben, relativieren die Wucht der Geschichts-Kollosse, an denen wir staunend und schwitzend entlang gehen. Auch den Trevi-Brunnen nehmen wir mit auf unserer kleinen Erkundung. D.h.: Wir vermuten, dass er es ist.
Sehen können wir ihn so gut wie gar nicht. Zu viele Menschen. Zu viele Andenken-Händler*innen. Zu viele Nippes-Stände. Solche Orte haben sicher die Erfindung der Selfie-Sticks gefördert. Man braucht eine Von-Oben-Perspektive um mit einer Sehenswürdigkeit zusammen ins Bild zu kommen. Kurz zuvor hatten wir in einem Nachrichtenportal gelesen, dass zwei Touristinnen sich genau hier in eine üble Schlägerei verwickelt haben, weil sie sich um einen Selfie-Standpunkt stritten. Der nächste Schritt ist schon in der Pipeline. Demnächst werden Tourist*innen durch die Stadt schwärmen und über ihnen kreist eine per Handy gesteuerte Drohne, die jederzeit bei netten Selfie-Post-Chancen zugreift. Das wird ein lustiger Flugverkehr.
Noch einmal essen wir in einem kleinen Restaurant eine Pizza. Stehen dann an der Bushaltestelle, als wollten wir noch woanders hinfahren. Fast scheint es, als würden wir erst in dem Moment, wo die Köpfe von Heide und Klaus sich noch einmal aus der Menge im Bus recken, um lächelnd zu sehen, wie wir die aus dem Restaurant mitgenommenen weißen Servietten schwenken, begreifen, was das hier ist: Abschied.
Ein bisschen ratlos schauen die Liebste und ich dem Bus hinterher. Dann ist klar: Wir schlendern weiter. Das gemütliche Treiben auf der Piazza Navona hilft uns zurück aus dem Abschied in den Urlaub.
Vorläufig.
Mit dem Sonnnenuntergang kommen dann Melancholie und Besorgnis. Wie wird es jetzt wohl werden auf dem Boot? All diese Verrichtungen, die wir jetzt alleine hinkriegen müssen. Anker fallen lassen, Anker lichten, Segel setzen, Segel bergen, Häfen suchen, Ankerplätze suchen, vielleicht keine finden, die Begegnungen mit Unruhe und Besorgnis bewältigen. Wir schliddern mit unseren umwölkten Gemütern auch an Missstimmungen zwischen uns entlang. Wir finden das Gleis nicht, von dem aus der letzte Zug uns nach Civitavecchia zurückbringen soll. Was, wenn wir ihn verpassen? Ein Augenbrauen-Zucken der Liebsten, als es einen Moment lang so aussieht, als hätte ich die Rückfahrkarten verschlonzt, schafft es gerade eben noch, nicht der Tropfen zu sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ein Glück, dass wir geschafft sind von dem Tag. Zu müde zum Streiten. Und zu klug. Das Schweigen ist zwar dumpf, aber doch erträglich. Schlafen hilft. Morgen werden wir uns wieder freuen.
(Civitavecchia)
Waschtag. Jetzt also alleine. Einen ganzen Tag lang eignen wir uns unser Zuhause nun wieder neu an. Bereiten uns vor auf das, was kommt. Was uns ein bisschen beunruhigt. Und worauf wir uns genauso freuen. Denn genau das wollten wir ja: Tiefe Ruhe! Den Frieden des Segelns! Und zugleich das Abenteuer dieser Art von Reise.
(Santa Marinella)
Wie schön das ist! Wir haben alle Abläufe in Ruhe besprochen. Und sie klappen wunderbar. Vom Ablegen über das Segel Setzen, das Segeln bis zum Anlegen. Wir können das! Richtig gut! Und zu zweit. Nur ein kurzes Stück segeln wir, um uns heranzutasten. Und sind glücklich.
(Porto Turistico di Roma, Ostia)
Beim Wachwerden war es plötzlich klar: Ja, ich möchte schreiben. Ab und zu. Für meinen Blog. Über unsere Reise. Mit dem Wohlgefühl eines schönen Vorsatzes schäle ich mich schon sehr früh aus der Koje. Wie immer setze ich eines dieser Doppelkegel-förmigen Kännchen auf den Gasherd, mit denen man sich im ganzen Mittelraumraum die morgendliche Kammerflimmerbrühe zubereitet, den Herd zusaut, wenn man es wieder mal zu lange auf der Flamme stehen lässt und wie üblich vergisst, beim Abzapfen den Deckel aufzumachen, so dass einige Tropfen neben die Tasse kleckern. Wenn ich vom Pinkeln komme, wird sie leicht röchelnd die Kajüte mit verlockenden Duft füllen.
Die Liebste schläft noch. Ich steige ins Cockpit. Himmlische Ruhe. Mildes Morgenlicht. Ein frischer Tag. Was man jetzt alles Tolles machen könnte. Jede Menge Möglicheiten. Z.B. den ersten Text für den Blog schreiben. Oder dieses Sudoku anpacken, auf dem ich schon so lange herumkaue. Oder das Logbuch auf den letzten Stand bringen. Oder schon mal die Wetterberichte studieren? Oder ein paar Seiten lesen? Ach, – so viele Möglichkeiten! Und doch immer wieder ein „Och, — nööö.“
Mein Blick fällt auf das Stück altes Brot, das schon seit ein paar Tagen unter der Sprayhood herumlungert. In dem Moment weiß ich, was ich mache: Fische füttern.
Gar nicht einfach, von dem brettharten Knochen Krümel in der Größe von kleinen Fischmäulern abzuknispern. Bei den ersten Versuchen rieselt erstmal nur Kleinstgefissel ins Wasser. Dann endlich ein paar kleine Krumen. Eine ganze Weile glotze ich freudig gespannt auf das Fischfutter. Dann macht sich langsam Enttäuschung breit. Kommt keiner. Enttäuscht will ich mich schon abwenden und erneut der drängenden Frage stellen, welche kulturell hochstehendere Beschäftigung jetzt folgen sollte. Da sehe ich plötzlich: Es tut sich doch was!! Und zwar viel!! Unzählige klitzekleine Fischchen, kaum größer als Mückenlarven, nuckeln an den Kleinstbröckchen herum. Das ganze Körperchen eines jeden zittert vor Aufregung. Hmmm! So leckere Häppchen! Sie sind die Babys. Kurz danach die Kinder. 4-5 cm lang. Erst nur 3 oder 4. Sie sind vorsichtiger. Ihnen geistern wahrscheinlich schon ein paar gruselige Geschichten im Kopf herum, die die Alten nicht müde werden zu erzählen. Von bösen Fallen, durch die man glaubt hindurchschwimmen zu können, und aus denen man dann doch nicht mehr herauskommt. Oder von leckeren Würmern, die einem unverhofft vor’s Maul pendeln. Und dann freut man sich und schnappt zu und beißt in etwas Spitzes, Hartes, das unfassbar weh tut im Gaumen. Und im nächsten Moment wird man schon aus dem Wasser gerissen. Die Großen erzählen gerne auch so bescheuerte Abenteuer-Geschichten. Wie sie mal ein merkwürdiges Schwimmwesen verfolgt habe, das mit einem langen spitzen Gegenstand in den Flossen auf sie gezielt habe. Und dann sei dieser Gegenstand auf sie zugeschossen und sie hätten erst im letzten Moment, … und so weiter, und so weiter. Sie würden ältere Großfische aus ihrer Familie kennen, die schwere Narben am Körper trügen von solchen Begegnungen. Nun schwammen da aber diese leckeren Häppchen, und es wurden immer mehr. Und eigentlich war doch weit und breit keine Gefahr zu sehen. Oder? Kommt, lasst uns lieber noch ein paar Kumpels holen, o.k.?!
Und so drehten die 3 oder 4 einfach erstmal wieder ab. Erneut Enttäuschung bei mir. Aber nicht lange. Da kommt eine ganze Meute Fischkinder um die Ecke. Bestimmt 15 oder so. Und das muntere Fressen geht weiter.
Kurz danach die Jugendlichen. Cool. Erstmal gucken. Bloß nicht anmerken lassen, dass man genauso grell auf die Brocken ist, wie das kleine Kröppzeug. Erstmal ranpirschen. Und dann ganz ruhig und lässig mitten dazwischen, immer in Formation. Wir sind die Gang, wir gehören zusammen. Natürlich müssen die kleinen Pissblagen zu Seite. Tun sie auch.
Eine Etage tiefer sind jetzt immer öfter die Ollen auf Streife. Als ob sie lieber mal ein Auge auf diese Halbstarken werden wollten. Machen auf Draufgänger und wenn’s drauf ankommt, schreien sie doch nach Mama und Papa. O.k., – na gut, – wenn man jetzt schon mal hier ist, kann man ja auch den einen oder anderen Happen. Supervorsichtig natürlich. Man weiß ja Bescheid. Und hat sehr schnelle Augen. Sehr schnelle Augen.
Und dann der Chef. Noch eine Etage tiefer. Bestimmt 40 cm lang. Zieht langsam unten durch. Würdigt diese leichtsinnige gefräßige Blase keines Blickes. Die wissen nichts! Nichts wissen die! Da kann man reden und machen und tun … ! Und schon ist er im Schatten unter dem Steg verschwunden. Ich werfe ihm einzelne größere Stücke hinterher. Aber er bleibt verschwunden. Nur die Brocken sind auf rätselhafte Weise immer verschwunden, wenn ich nochmal hinschaue.
Der Clou am Abend. Die Liebste und ich müssen schallend lachen. Wir schlendern nach einer kleinen Passegiata mit Eis und Absacker am Hafenbecken entlang zurück zum Schiff. Unmittelbar vor unserem taucht plötzlich eine Gruppe von den Coolen auf. Schön in Formation wie heute Morgen. Lässig. Und dann das Unglaubliche: Sie heben allesamt die Köpfchen aus dem Wasser und klappen das Maul auf und zu. Eine ganze Weile. „Alter!!!! Was‘ mit Essen??!!“ Wie diese dämlichen Kojkarpfen, die sich vom Fisch-Sein irgendwie schon komplett verabschiedet haben.
(Porto Turistico di Roma, Ostia)
Fühlen, Denken, Dösen, Spinnen, Lieben, Genießen.
Das Aufwachen aus einem wundervollen Hafentag ist brutal.
Ich sitze gerade unten im `Salon`, und schreibe meine ersten Gedanken für den Blog. Die üblichen Geräusche und Bewegungen, die das Anlegen eines Nachbarschiffes macht, zwei, drei kurze Blicke auf das Wenige, das ich durch die kleinen Fenster sehen kann, – alles das sind nur unbedeutende kleine Randnotizen in meiner Wahrnehmung.
Plötzlich wird das Schiff am Heck in eine jähe Rechtsdrehung gedrückt. Noch bevor ich voller Schrecken zu Ende gedacht habe, was jetzt passieren wird, passiert es. Die Badeplattform am Heck kracht mit Schwung an einen kleinen Anbau an der Pier. Ich stürze raus. Die beiden, die auf dem Nachbarschiff herumturnen, sind genauso erschrocken wie ich. Ein endloses Durcheinander von Telefonaten mit der Charteragentur, verzweifelten Versuchen sich mit dem Schiffsführer auf Italienisch, mit seiner Frau auf Englisch zu verständigen. Auflauf von Mitarbeitern des Hafens. Erneute Telefonate. Hektisch aufgelistete Tätigkeiten, die jetzt zu tun wären und die sich in der Gemütlichkeit eines klimatisierten Büros weit weg leicht sagen, die sich aber hier bei brütender Hitze, umwoben von Wort-Findungs-Nöten, halb Verstandenem, gar nicht Verstandenem, gut Verstandenem, mit dem man aber nicht einverstanden ist, nur schwer umsetzen lassen. Beinah sind wir froh, als wir diesen ganzen Schlamassel am Abend abwimmeln können. Denn wir sind mit Kristina und Moritz verabredet, – Freunde, die genau zu dieser Zeit in Rom sind. Wir haben uns so über diese Verabredung gefreut. Wir wollen sie auf gar keinen Fall absagen. Die beiden sind genau die richtige Medizin gegen die inneren Unfallfolgen.
Erst in der Nacht lässt leider ihre Wirkung wieder nach.
(Porto touristico di Roma, Ostia)
Wir hatten das Unfallgeschehen für ausreichend dokumentiert und vorerst abgehakt gehalten. Wir wollten aufbrechen. Da stellt sich plötzlich heraus, dass ich mit dem Nachbarn noch zur Guardia Costiere muss, damit ein offizielles Unfall-Protokoll erstellt werden kann.
Das zieht sich so lange, dass eine längere Tour kaum noch geht. Trotzdem wollen wir weg. Und brechen auf. Die Nachbarn wundern sich. Wo wir denn hinwollten. Wir nennen den Ort um die Ecke. Und nennen auch den Grund: „Just to get away from here.“ Wenigstens verabschieden wir alle uns in Frieden voneinander.
(Fiumicino, Porto Romano)
Ein unglaublich idyllischer Blick vom Schiff aus auf die Mündung des Tiber ins Mittelmeer. Ein unglaublich schöner Hafen. Ein unglaublich schönes Bad, das die Liebste entzückt WhatsApps mit Bildern davon verschicken lässt. Ein Swimming-Pool. Eine unglaublich nette Mitarbeiterin im Hafenbüro. Hafenplatz-Nummern, die in Marmorplatten auf dem Boden gesteinmetzt sind. Ein wunderbarer Kiosk. Ein leckerer Wein. Ein romantischer Abendspazierganz. Ein verliebter Mond. Ich merke, wie verzückt die Liebste ist. Und bin es selber. Und frage sie, ob wir nicht einfach noch einen weiteren Ruhetag einlegen sollen. Die Antwort ist eine eindeutige Gegenfrage: Ein Ruhetag in der Einflugschneise?
Also weiter …
(Nettuno)
Man glaube nicht, wir segelten hier von Idylle zu Idylle.
Wir segeln in der Idylle …
… in den Trubel
… zwischen Rohbauskelette …
… und suchen uns da manchmal eine Idylle …
… und eine Eisdiele, in der es leckeres Eis gibt.
Hier, – davon sind wir überzeugt bis zur nächsten tollen Eisdiele – gibt es das leckerste Eis der Welt.
Und er ist der Chef
(Palmarola, pontinische Inseln)
Wir haben uns in das nächste Abenteuer getraut. Zum ersten Mal ankern wir alleine. Obwohl alles vorzüglich klappt, bleibt tief in uns Unruhe. Ob der Anker hält? In der Nacht schrecken wir auf. Ein heftiger Ruck, begleitet von einem Knall. Augenblicklich sind wir draußen. Mitten im Dunkel. Nichts ist zu sehen, was diese Bewegung und dieses Geräusch gemacht haben könnte. Wir kriechen wieder zurück in die Kojen und taumeln durch halbwachen Halbschlaf. Am nächsten Tag beobachten wir Anker und Kette genauer und entdecken die Ursache für die ruckartigen Bewegungen und den Krach. Ab und zu bewegt sich die Kette mit dem Schiff so, dass sie sich unter einem größeren Stein verhakt. Dann kann sie bei den Schiffsbewegungen nicht mehr sehr viel nachgeben. Wenn dann eine Welle den Bug anhebt, strafft sich die Kette schnell und kracht auf die Rolle, über die sie läuft. Einfache Erklärung. Nahezu unmöglich abzustellen. Dazu ist das Gelände hier einfach zu steinig.
Immerhin: Das wahnsinnige Knarzen haben wir mit einer Monster-Schraubzwinge, die wir in San Stefano nach langem Suchen kaufen konnten, abgestellt.
(Ventotene, pontinische Insel, porto vecchio)
Es gibt das also doch. Das Schlager-Italien. Wenn die Macher der Utta-Danella-Schmonzetten irgendwann die Nase voll haben von Cornwall (oder ist das Pilcher und Danella spielt in Skandinavien, ach nee, das ist Inga Lindström …), – wenn sie also die Nase voll davon haben und auf Italo schwenken: Hier müssen sie hin. Sie brauchen kein künstliches Ambiente bauen. Alles ist da.
Ein malerischer Hafen. Es sind die Überbleibsel eines römischen Galeerenhafens. Den unteren Rand der Gebäude am Hafen und der Hafenmauer zum Meer hin bilden Wände und Durchbrüche, die aus bräunlichem grauem Tuffstein geschlagen wurden. Die ursprünglich sicher mal vorhandene Rechtwinkeligkeit wurde von Wind und Regen in Jahrhunderten weichgezeichnet. Jetzt sieht man nur noch mild geschwungene Linien. An Land einige große Bögen.
Irgendwann waren sie mal die Eingänge zu Lagerräumen. Z.B. Lederriemen für die Ruder, Ersatzschlägel für die Trommel, mit der die rudernden Sträflinge angetrieben wurden, Fesselketten, verschiedene Ausführungen von Peitschen, was man halt so braucht auf Galeeren. Jetzt sind dort hinein malerische Restaurants gebaut, an Lieblichkeit kaum zu überbieten. Du sitzt an kleinen Tischen unter dem Tuffstein-Bogen. Ein Gläschen kühler (Nein! Nicht kalter!) Weißwein. Ein Schälchen Oliven. Vor dir nur ein kleines Stückchen asphaltierter Hafenweg, wie geschaffen für die dreirädrigen kleinen Knatter-Lieferwägelchen von Kitsch-Italien. Versonnen schaust du auf die fast in Greifnähe friedlich vor sich hin dümpelnden kleinen Boote. Einmal, als wir spät noch da sitzen auf ein Glas kühlen Weißwein (Nein! Nicht kalt!) und ein Schälchen Oliven und die Belegschaft am Nachbartisch genüsslich zum Feierabend kifft, ist die Liebste erst sicher, dass wir seitlich schwojen und nicht die Boote. Dann ist sie sicher, dass die Boote im Takt der chilligen Feierabend-Mucke schwojen. Kichernd stellt sie fest, dass es bei Ihr offenbar schon reicht, wenn am Nachbartisch welche kiffen.
Am eigentlichen Hafen, der sich nach einer engen Schmalspur-Sträßchen-Kurve öffnet, ist die Pierfläche etwas größer.
Hier steht ein richtiges Haus. Das Restaurant hat die Tische direkt vor den Booten. Die Kellner*innen tänzeln mit den Leckereien aus dem Haus, über das Sträßchen, zu den Tischen. Über dieser Hafenszenerie hat sich eine Reihe niedlicher Häuser versammelt, – allesamt verputzt in diesen Italo-Pastellfarben, die unwillkürlich gute Laune machen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich vor dem Hintergrund des tiefblauen Himmels einfach gut machen. Sie haben genau den Verwitterungsgrad, der den Eindruck noch malerischer macht. Vor den Häusern müht sich in engen Serpentinen ein Sträßchen aufwärts, schleicht an plötzlich den unschlagbaren Blick auf’s Meer freigebenden Torbögen vorbei, wirft einen schnellen Gruß in eine schattige Bar an einer kleinen Piazzetta und erreicht schließlich die Piazza. Das eigentliche Zentrum dieser Idylle. Das Hauptgebäude eine Art Schloss, das jetzt municipio ist und zugleich museo. Rechts und links davon und gegenüber: Läden, Cafes, Restaurants. Die Piazza lebt. Morgens Menschen, die irgendwas besorgen, auf ein Schwätzchen unter Bäumen bleiben, weiterziehen, verwitterte Einkaufsbeutel oder diese noch immer unvermeidlichen dünnen Plastikbeutel schwenkend. Mittags tiefe Stille. Einige Übriggebliebene drücken sich in die letzten Reste von Schatten, biegen die Köpfe in ihre Handys, sitzen da und tupfen ab und zu die Stirn, lehnen sich an eine etwas kühlere Wand, einen Fuß an sie gewinkelt und dösen.
Abends belebt sie sich wieder. Die Menschen sind fein gemacht. Vor dem Buchladen stehen ein paar Stühle. Zwei Männer vorne reichen ein Mikrophon hin und her, stellen ein Buch vor. Auf der anderen Seite: Passegiata. Man zeigt sich, man guckt, man trifft sich, man redet. Vielleicht holt man sich zwischendurch ein Eis. Mittendrin und drumherum und davor und dahinter – einfach überall: Kinder, Bälle, alle möglichen Arten von Fahrzeugen, alle möglichen Arten von spielerischem Umgang damit. Angesagt zurzeit: Kleine, zweirädrige, blinkende Batterie-Rollgefährte. Die Coolen stehen drauf. Die noch nicht so Geübten fahren es erstmal nur im Knien. Man steuert nur mit Gleichgewichtsverlagerung. Im Hintergrund ein dauerbelagerter Kicker. Hauptsache aber: Der Ball. Fußball. Unzählige Varianten von Spiel damit. Improvisierte Tore. Im Zweifel das Eingangsportal zur Kirche. Dass hier nicht dauernd irgendwas zu Bruch geht, – ein Wunder. In allen Ecken in Gruppen stehend, sitzend, plaudernd, einfach schauend: Die Eltern. Ab und zu ein mahnender Ruf, wenn z.B. die Kleine mit dem Kinderfahrrad im kitschigsten Rosa aller Zeiten und allerlei Plastik-Schnickschnack doch etwas zu dicht an das am Rand vorbeiführende Sträßchen heraneiert. Möglich all das durch nichts anderes als, – Stühle. Ja, Stühle! Auf der Piazza stehen immer stapelweise Plastikstühle bereit. Wenn man keine Lust hat, auf den Stufen zu dem kleinen Mahnmal zu sitzen oder auf dem Rand von einem der Blumenkübel oder auf dem Bordstein, nimmt man sich einen, stellt ihn zu den anderen, bildet Kreise, Halbkreise, chaotische Haufen. Die kleinen Kickerspieler nehmen sie, um sich draufzustellen, weil sie sonst nicht an die Griffe kommen. Ab und zu braucht auch eine weiß gekleidete Piazza-Schönheit mit Gigolo im Schlepptau den Stuhl um mit ihrem süßen kleinen Schoßhündchen „Spring drauf! Na komm! Spring drauf!“ zu spielen und dann wieder runter.
Die Menschen, denen wir begegnen, könnten allesamt Protagonisten sein in der Danella-Italo-Schmonzette. Hauptfigur: Enrico. Schon beim Versuch wegen drohendem Starkwind einen Hafenplatz für zwei Tage später zu bekommen, lernt die Liebste ihn kennen. Am Telefon. Er antwortet knapp, fragt nicht nach Länge, Breite und Tiefgang unseres Schiffes und sagt einfach „vieni!“. Uns ist das nicht so richtig geheuer und deshalb ruft sie gleich nochmal an. Dieselbe karge Wörternutzung. Ob der Platz securo sei. Si, si securo. Auf dem Törn dorthin wetten wir. Die Liebste sagt, wir kommen da nicht rein. Ich denke es auch, aber wette dagegen. Sonst haben wir ja keine Wette. Kurz vor dem Hafen erneut ein Anruf. Wir gucken uns erstaunt und erleichtert an. „Ja. Kommen Sie. Ich hole sie in der Hafeneinfahrt mit dem Schlauchboot ab.“ Der erste Versuch scheitert, – einfach weil wir an der Hafeneinfahrt vorbeidampfern. Sie ist so klein, dass man sie leicht übersieht. Also zurück. Und da steht schon das Schlauchboot. Darauf breitbeinig Enrico. Er winkt. Als wir zurückwinken, dreht er mit Schwung um und gibt uns Zeichen, wie wir die Einfahrt angehen müssen. Unmittelbar nach der Einfahrt selbst drehen wir im 90-Grad-Winkel nach rechts. Enrico vorneweg. Er zeigt uns die Stelle, wo wir liegen sollen. Mit dem Bug vorneweg. Langsam tuckere ich darauf zu. Hoch angespannt. Ich erwarte ziemliches Getrickse beim Eindrehen in den „Parkplatz“. Plötzlich merke ich, wie sich das Schiff wie von Geisterhand dreht. Enrico und ein weitere Helfer in einem Schlauchboot schieben und drehen das Schiff. Haben es eigentlich übernommen. Wir machen nix mehr, außer zwei Leinen an Land zu werfen, die wiederum von zwei Helfern entgegengenommen werden. Selbst die Mooring müssen wir nicht selbst anbringen. Das macht der Mann aus dem zweiten Schlauchboot. In Windeseile ist das Schiff fest. Wir haben so gut wie nichts dazu beigetragen. Wie im Film. Dann der Höhepunkt der Szene. Einer der Männer legt eine breite und dicke Holplanke auf den Bug unseres Schiffes und auf die Pier. Eingeklemmt zwischen einem Poller auf der Pier und unserer Bugklampe.
Die zweite Film-Figur: Pietro.
Ein vielleicht 10-jähriger Junge schlurft heran. Blaue Shorts, blaues T-Shirt, blaue Flipp-Flopps. Ein ernstes und zugleich offenes Gesicht. Eine fulminante sehr dunkelbraune Lockenmähne, die er ab und zu mit einem kurzen Zucken zu Seite wirft, wenn ein Windchen sie ihm zu sehr ins Gesicht gewirbelt hat. Er erklärt uns irgendwas, was sich auf die Klampe bezieht. Auf ein Bändsel, das am Ende schlonkert. Wir verstehen nicht, was er meint. Einem der Helfer von vorhin dauert das zu lange. Er steigt auf’s Schiff und bändselt kurzerhand die Holzplanke an einer Relings-Stütze fest. Unsere Gangway steht. Der Junge schlurft von dannen.
Wir steigen ab, wollen in die Bar gegenüber, wohin Enrico uns zum Bezahlen geschickt hat: Das Schiff anmelden, bezahlen und in aller Ruhe einen Espresso nehmen.
Die nächste Hauptfigur der Danella-Italo-Schmonzette tritt auf: Marcella. Die Schwester von Enrico. Sie steht tief im Schatten der Bar an der Theke, hat Anthea auf dem Arm, ihre kleine, vielleicht ein knappes Jahr alte Tochter. Wo der Chef sei, frage ich sie, wir wollten den Liegeplatz bezahlen. Direkt der erste Fettnapf. Die Chefin der Bar ist sie. Sie wirft ein paar Haare aus dem Gesicht, lächelt überlegen und sagt, wir müssten bei Enrico bezahlen. Der sei dahinten. Dabei geht sie an uns vorbei zum Eingang, biegt den Kopf heraus, damit er bloß nicht zuviel Sonne abkriegt und ruft mit entschiedener Schärfe und einem Hauch von Gianna-Nannini-Kratzen: Enrico! Und gibt ihm mit Daumen und Zeigefinger zu verstehen, dass hier Geld fließen soll. Ich sehe ihre Geste, schaue ihr ins Gesicht. Ob sie sich ein wenig ertappt fühlt? Sie schaut mich stolz an. Ein leichtes Zucken der Augenbraue. Ein Hauch von Ironie. Das alles sagt: „Ja was??!!“ Geht doch um Geld, oder??!! Also!!“.
Enrico gibt uns zu verstehen, dass wir genauso gut beim Abfahren bezahlen können. In allen anderen Häfen war das Anmelden und Bezahlen ein Verwaltungsakt, der fast der Beantragung eines neuen Personalausweises gleichkam. Da mussten die Schiffspapiere studiert, Namen buchstabiert, Herkunftshäfen genannt, Schiffsdaten genannt, die Registrierungsnummer gesucht werden. Letzteres gar nicht so einfach. Die Schiffspapiere enthalten unzählige sehr wichtig aussehende Nummen. Das alles muss dann mit zwei Fingern, in denen offenbar noch die Erinnerung an alte Schreibmaschinen steckt, in ein Computerformular einhämmert werden. Hier: Lässig. Keine Formulare. Bezahlen beim Abfahren. Begleitet von der dazugehörigen locker hingewunkenen Geste.
Wir bestellen Espresso, Aqua, Torta und sammeln weiter Protagonisten: Vicenze. Wirkt eher nicht wie ein Kellner, eher wie ein noch nicht ganz ausgeschlafener Intellektueller. Er bringt etwas staksig und künstlich unsere Bestellung. Anschließend verdrückt er sich wieder in den Schatten und schiebt den Kopf so tief in sein Handy, dass man merkt, wie sehr er sich freut, wenn eher wenig Gäste kommen. Während wir uns über Kaffee, Wasser und Kuchen hermachen, stehen Marcella und Anthea in unserer Nähe. Die Liebste bricht das Eis. Sie fragt die Mutter, ob die kleine schone anfange zu sprechen. Es folgt ein lebendiger Vortrag. Ja zuerst „Papa“, leider, schon ein bisschen traurig. Man möchte ja … aber dann doch irgendwann Mama. So schön! Sie macht es ein paarmal vor, wie die Kleine Mama sagt. Jede Variante ein kleines Lied. Die Melodie hüpft so hoch beim a, dass man unwillkürlich mit abhebt.
Dann Giosi. Eine füllige junge Nachbarin, deren Brille aufs Netteste ihren jeweiligen Gesichtsausdruck verstärkt, weil er mit viel Gesichtsbewegung verbunden ist. Sie springt fast aus dem Gesicht, als sie auf Anthea zugeht. Sie nimmt Anthea auf den Arm. Anthea gefällt das offensichtlich, denn sie lässt sich bereitwillig in den Kinderwagen setzen. Danach drehen die beiden eine Runde. Nicht weit weg. Denn man hört Giosi immer wieder mal singen. Dass Enrico die Hauptfigur in diesem Szenario ist, merkt man auch daran, dass immer mal wieder einer von irgendwoher, meist von einem Boot aus lustvoll „Enrico“ ruft. Mit freudigem Schwung hüpft der Klang zum i hinauf und schwingt dann beim o sanft aus.
Es folgt: Giro. Er ist hier der Macher. Er war beim Anlegen dabei, räumt herumliegende Schläuche auf, frickelt an einem Außenborder, hat plötzlich gelbe Handschuhe an, erklärt einem Vorbeigehenden, dass er neuerdings öfter Handschuhe anziehe wegen der Allergie (jedenfalls verstehen wir das so …). Auf dem Höhepunkt seiner wichtigen Hafentätigkeiten schnurrt er plötzlich mit einem hoffnungslos überdimensionierten Gabelstapler vorbei. Der passt so gerade zwischen Bar und Restauranttischen durch. Damit bugsiert er einen Stapel Paletten und eine Riesenplastikkiste aus einem der Lagerräume unter den Tuffstein-Bögen. Dann die namenlose Schönheit, die allein im Kaffee sitzt. Schlank und kerzengerade. Sie ist in nicht besonders viel dezentes Schwarz gekleidet. Ernst. Melancholisch. Schweigsam. Pietro dreht inzwischen unablässig Runden mit Enricos großem Schlauchboot. Er steht am Steuerstand, über den er kaum hinwegblicken kann. Also guckt er eher seitlich vorbei. Die Hand muss er heben, um an den Schalt- und Gashebel zu kommen. Mit der anderen Hand lenkt er den dicken Außenborder lässig. Er ist stolz. Und er kann dieses Boot bewegen wie ein Baggerfahrer seinen Bagger nach 20 Jahren Berufserfahrung. Oft muss er andere Hafenjungs irgendwohin fahren, wo sie vom Boot aus irgendwas zu erledigen haben. Einer von ihnen scheint so eine Art Ziehvater von Pietro zu sein. Er ist fast immer bei ihm. Erklärt. Zeigt. Macht vor. Lässt nachmachen. Er redet nie. Scheint es. Und er ist im wahrsten Sinne des Wortes: Cool. Er spielt das nicht. Er tut nicht so. Er hat nicht ein paar nichtsnutzige Assecoires um cool zu wirken. Nein, er ist es. Genetisch. Vegetativ. Er scheißt auf Freundlichkeit. Er grüßt nicht. Aber nicht aggressiv. Es ist einfach nicht wichtig. Er ist eben cool. Und die Sonnenbrille auch. Nicht weil sie RayBan ist oder irgendeine andere In-Marke. Nein. Auch das unwichtig. Die Haltung. Das Sein. Das macht cool. Nein. Nichts macht cool. Man ist es oder eben nicht.
Ach ja, – und Emilia. Sie ist die ältere Schwester von Anthea. Sie ist vielleicht 7. Sie sitzt mit zwei Freundinnen am Tisch. Alle drei wären gerne größer, denn sie haben ihre Beine irgendwie unter das andere gewinkelt, damit sie höher sitzen. Oder sie knien gleich. Mädchengeplapper. Die eine will irgendwas erzählen. Emilia hält sich theatralisch die Ohren zu und schimpft: „Non è vero. Bla bla bla. Non è vero! Bla bla bla“. So lange, bis die anderen einfach gehen. Ihr scheint das egal. Sollen sie doch. Sie ist schon jetzt ein schönes Abbild von der Mutter Marcella.
Wenn wir noch zwei Stunden sitzen hier würden, hätten wir die Figuren und ihre Episoden für die ersten zwei abendfüllenden Spielfilme zusammen.
Und einem Schmonzetten-Drehbuch-Schreibprofi würde es sicher gelingen, die deprimierende Geschichte der Knast- und Konzentrationslager-Anlage auf der kleinen Nachbarinsel ebenso unterhaltungs-verträglich in die Geschichten einzubauen wie die Zisternen, die, bevor sie dann auch zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen als Sträflings-Lager genutzt wurden, in römischer Zeit die Insel, aber vor allem eine Villa mit Wasser versorgten. Die Villa der Julia. Sie war 2 vor Christus von ihrem Vater, Kaiser Augustus, hierhin verbannt worden wegen ihres ausschweifenden zügellosen Liebeslebens.
Aber das wäre dann eine andere Danella-Schmonzette.
Ventotene,
Casamicciola – Ischia,
Castellamare di Stabia
(Neapel – Frankfurt – Künselsau – Düsseldorf – Neapel – Castellamare di Stabia),
Capri,
Bucht bei Nerano – Südspitze Amalfi-Küste,
Amalfi,
Porto d’Arechi – Salerno
(Ventotene – Ischia)
Der Kummer dem Kichern
Lässige Eleganz der verdreckten Ölhose
Spirituelle Rührung dem profanen Jetzt
Einladendes Lächeln
Der abweisenden Scheißlaune
Gelingen dem Scheitern
Zu wenig Wind zu viel Wind
Leben dem Sterben
– all dies einander
so nah
Wie die Pistazie der Mortadella.
(Ventotene – Ischia)
Das süße Surren der Sirenen säuselt uns ein: „Bleibt doch! So Bleibt doch! Ihr sollt es gut haben. Wir schenken euch liebliche Genüsse aller Art.“
Aber wir segeln weiter.
Weil wir müssen. In ein paar Tagen startet in Neapel ein Flugzeug, das uns zur Beerdigung meines Vaters bringen soll.
Und weil wir wollen. Unsere Reise ist so. Wir werden irgendwo angespült und irgendeine nächste Welle nimmt uns wieder mit.
Also verlassen wir das Schlageritalien-Paradies Ventotene. Wir haben in den Apfel gebissen und kommen dem Rausschmiss zuvor. Die ersten der ungefähr 35 Seemeilen, die wir vor uns haben, verbringen wir eher schweigend. Ab und zu wehmütige Blicke zurück. Ventotene verklingt. Respekt vor den noch immer hohen Wellen und den ausklingenden Resten vom strammen Wind der Tage zuvor. Ab und zu wehmütige Blicke nach vorn. Wir werden meinen Vater beerdigen. Die Trauer fährt mit. Wir merken sie nicht. Nur manchmal schiebt sie sich als bedrückender Umhang um mich, erhitzt den Kopf, verengt den Hals. Fast ein Wunder, dass sie dann auch wieder geht. Bis zum nächsten Mal.
Am Abend laufen wir in Ischia ein. In uns noch die kleine quirlige Beschaulichkeit von Schlageritalien. Und jetzt plötzlich die lässige Eleganz einer mediterranen Urlaubs-Metropole. Ein Kellner, der ein bisschen vor sich hin summt, unsere Blicke bemerkt, und dann mit dem Zauber entspannter Selbstironie über sich selber lacht. Der ein Gespräch mit uns anfängt. Auf Deutsch. Und uns mit geschliffenen Formulierungen erklärt, er habe eine Hotelfachschule in der Schweiz besucht und dort einige Jahre gearbeitet. Noch während ich ihm zuhöre, springen manchmal Bilder von Enrico und Pietro und Marcella in meinen Sinn, lachen und huschen wieder weg. Jetzt, – so sagt der Kellner, beginne eine schöne Zeit. Alles werde etwas ruhiger. Der Trubel gehe und der Sommer bleibe noch.
Ab und zu schreitet kleinschrittig ein mittelalter Mann vorbei. Er ist leicht nach vorn gebückt. Murmelt vor sich hin. Hat einen Gesichtsausdruck, den man nicht deuten kann. Ein bisschen unheimlich. Als könnte jederzeit ein kleiner Gewaltausbruch kommen. Er tritt mehrmals sehr nah an unseren Tisch. Scheint uns anzusehen, aber dann auch wieder nicht. Dann kündet sein Blick eher von einem schieren Schweben in anderen Welten als der unsrigen. Die Kellner hier kennen ihn. Einer wechselt ein paar Worte mit ihm. Auf eine mild respektvolle Art. Der Mann ist einfach dabei. Wir entspannen uns. Die lässige Eleganz nimmt ihn mit.
Wir wollen einen Tag bleiben und fragen den Kellner, der zum Kassieren kommt, was er uns zur Besichtigung empfehlen würde an diesem einen Tag. Er überlegt nicht. Die Aragoner-Burg über Ischia-Stadt. Sie müsse man gesehen haben. Wir kämen von dort hinten mit dem Bus dahin. Lässige ausladende Geste zum „Dort Hinten“. Das italienische „Dort hinten“ erfordert noch mindestens 3 Nachfragen bei Anderen.
So viel Kontakt wie möglich.
(Ischia)
Wir schlafen uns aus. Und wie! Das mehr als sanfte Plätschern einer großen, gut geschützten Marina schickt uns Schlaf in einer Menge, wie es bisher selten war auf unserer Tour. Manchmal beginne ich schon den Aufstieg aus den Kellergewölben des Schlafes. Dann, meine ich, könnte ich die Sirenen hören, wie sie leise hinter uns her meckern. Und kehre augenblicklich um ins Gewölbe.
Auf dem Weg zur Burg begegnen wir der lässigen Eleganz wieder.
Doch sobald wir den steinernen Zeugen vieler Zeiten – die Aragoner-Burg, die uns der Kellner empfohlen hatte – zum ersten Mal gesehen haben, tritt die Eleganz zurück. Macht Platz für die Magie eines besonderen Ortes.
Wir gehen zu dem Aufzug, der uns in das Burggelände bringen soll. Die Türen schieben sich auf und eine junge Frau, die ihrem, sagen wir: Durchaus bedingt interessierten Freund aus dem Reiseführer vorgelesen hat, stoppt ihren Vortrag. Er war auf Deutsch. Wir bitten sie weiterzulesen. Sie freut sich und liest weiter. Auch draußen noch vor dem Aufzug. Sie hat soviel Vergnügen daran, dass sie gar nicht aufhören mag. Es ist so schön das zu sehen, dass wir auch keine Anstrengungen unternehmen, uns aus der Situation zu stehlen. Ihr, wie sagten wir?: Freund steht dabei. Er hat große Ähnlichkeit mit Peter Lohmeyer. Sein längliches Gesicht könnte Langeweile zu bedeuten haben. Könnte aber auch sein, dass er einfach vergessen hat, seinen Gesichtsausdruck seinem inneren Interesse angepasst zu haben. Schließlich trennen sich unsere Wege dann doch. Sie sollen sich noch ein paarmal kreuzen. Dann jedes Mal sehen wir einander verändert. In unseren Gesichtern ein stilles, respektvolles Staunen. Immer weniger Worte. Und die immer leiser. Niemand von uns möchte all die Geschichten verschrecken, die uns hier umwehen. Und die uns ein wenig mit ihnen mitwehen lassen. Hier haben Menschen gelebt, gelitten, geliebt, gekämpft, gebetet, haben es umsonst getan, sind erhört worden, haben Geist und Seele hinterlassen. Und wir dürfen es spüren. Auch die Liebste und ich reden kaum. Wir dürfen frei in dieser verlassenen Burg-Stadt herumlaufen. Wir finden herrschaftliche Orte,
stille Gassen aus grobem Kopfsteinpflaster,
Kapellen,
kleine Gemächer, Gärten, Gärtchen. Selbst das Cafe, in dem wir unseren Aufenthalt hier beginnen, atmet berührte Heiligkeit. Was erzählt die Taube von alten Zeiten, altem Glück, altem Leiden? Ich mag eigentlich Tauben eher nicht, aber dieser hier möchte ich unbedingt zuhören.
Wir steigen hinab in dunkle Gewölbe. Unten umfängt uns heiliges Weinen. Nimmt uns mit. Noch tiefer hinein in die Spiritualität dieses Ortes. An Felswände sind steinerne Sitzplätze mit Armlehnen gebaut. Stühle wie Skulpturen vom Steinmetz. Die Nonnen, die einst in den Gemächern oben lebten, setzten hier hinein Ihre Toten. Dort saßen sie bis nur noch Knochen von ihnen übrig waren. Abend für Abend kamen die Lebenden zu ihnen. Saßen bei ihnen. Meditierten über den Tod. Vielleicht weinten sie. Vielleicht schluchzten sie. Vielleicht weinten sie still mit ertrinkenden Augen, so wie wir jetzt. Gerade wollen die Tränen sich doch ausschütten, stürmt Lärm die Treppen hier herein. Eine scherzende, lachende, plappernde Gruppe älterer Italiener*innen poltert herab. Wenn ich drüber nachgedacht hätte, hätte ich mich das nie getraut. So aber gehe ich ihnen entgegen. Sage mit energischer Leisheit: „Signori! Per favore!“ und drücke den Zeigefinger gegen die Lippen. Sie hauchen einen kurzen Blick um sich herum, verstehen, – … und verstummen. Jedenfalls kurz. Dann kichern sie leise und reden zischelnd. Meine feuchten Augen lächeln: Immerhin ein Versuch von Respekt. Vielleicht haben ja auch die Nonnen, die hier meditierten, manchmal gezischelt und leise gekichert. Manche von denen, die da leblos wie lebend saßen, waren sicher auch lustige Zeitgenossinnen.
Wir wissen nicht, wie viele Stunden wir hier schon meandern. Jedenfalls mehr als wir Worte wechselten. Ein falscher Vergleich, natürlich. Und doch stimmt er. Langsam lösen wir uns wieder heraus aus diesem Gefilde. Wie ein Salzkorn, das auf einem Stück Holz vom Meer erzählt.
Immer wieder fangen wir an von dem zu erzählen, was wir da gerade erlebt haben. Und sind froh, dass wir am Abend in „unserem“ Cafe jenem Kellner danken können für seinen schönen Rat. Wir wissen nicht, wie, aber dass: In dem verwirrten Mann, der auch heute wieder da ist, lebt etwas von da oben.
(Castellammare di Stabia)
Als wir uns in den frühen Morgenstunden wieder auf den Weg machen, schauen wir erst wieder mehr zurück als nach vorn. Der Morgendunst hat die Aragoner-Burg auf Ischia, die wir gestern erleben durften, sanft eingehüllt, als wolle er sie vor dem scharfkantigen Tun des hellichten Tages schützen. Fast bin ich froh, dass ich schreibe und Fotos mache. Sonst könnte dieses Heiligtum sich womöglich selbst aus profaner Erinnerung tilgen, um sich zu schützen.
Je mehr die Burg sich im Hintergrund versteckt, um so klarer werden die Konturen von Castellammare di Stabia. Und umso klarer wird, dass wir uns dem Gegenentwurf zur Idylle nähern, aus der wir kommen. Große Gebäude, Werfthallen, Kräne, dichte Bebauung. Aus 5 Meilen Entfernung noch beeindruckend. Mit jeder Meile, die wir näher kommen, sehen wir deutlicher: marode Melancholie. Offenbar segeln wir gerade in die Città von der traurigen Gestalt. Dass es irgendwie passend ist, dass hier unser Schiff vier Tage liegen wird, wenn wir zur Beerdigung meines Vaters aufbrechen, – diesen Gedanken haben wir und finden ihn kitschig. Umgekehrt romantisch. Eigentlich Blödsinn. Aber er stimmt ja doch auch.
Der Mann, der uns am Steg empfängt und einweist, passt zu dieser Melancholie. Auf schöne Art. Er ist ernst. Schweigsam. Sucht Blickkontakt mit einem Hauch von Lächeln. Er ist vielleicht 50-55 Jahre alt. Sein Gesicht erzählt von Schmerz, aus dem er aufgetaucht ist. Sein Hund, der wie ein treuer Stegbegleiter ihm folgt, hat ihm bestimmt dabei geholfen.
Wir zwei traurige Gestalten durchstreifen diese Stadt ein wenig. Diese Art von Bewegen kennen wir nicht. Es ist kein Besichtigen, kein Schlendern, kein Flanieren. Es ist ein hilflos schwimmendes Treiben. Wie zwei alte Stücke Holz in brackigem Hafenwasser mal hier, mal da hin schwappen. Vor die Reste eines Festmachers an einem verrosteten Ring und von da wieder zurückgeschubst. Diese Stadt hat es nicht verdient, besichtigt zu werden. Sie hat Besseres verdient. Respektvolle Begegnungsversuche. Vorsichtiges Betrachten der Narben. Noch vorsichtigeres Betrachten der Stellen, die noch davor sind Narben zu sein. Große, rissige Löcher im Putz der Basilika.
Außen und innen.
Hohläugige Reste alter Landungsbrücken. Boote, die die Seele schon verkauft haben und mutlos in alten Seilen hängen. Straßenbahnschienen, die im Asphalt enden und zu nichts dienen, als von Zeiten zu erzählen, in denen man hierhin wollte. Zierlose Kübel, in denen selbst das Unkraut vertrocknet ist. Große Wohnhäuser mit Balkongittern aus Rost, in denen sich das leise Wimmern der noch verbliebenen Putzreste mischt mit Kinderkichern, Radioschrebbeln, Prontorufen, Platzlachern, Lustschimpfen. In der verfallenden Basilika zünden wir zwei Kerzen an. Das heißt hier: Wir legen einen kleinen Kippschalter um und zwei schräg dahinter liegende Birnen auf Stümpfen im Kerzenlook glimmen auf.
Mir fällt eine Szene aus Nettuno wieder ein. Noch recht früh am Morgen saßen wir im Cockpit. Dann ein Motorengeräusch. Wir drehten uns um. Eine xhundert-PS-Schwanzverlängerung mit aggressiv vorgestrecktem Bug bubberte gerade frisch geputzt aus dem Hafen. Am Steuerrad ein Rolex-Glatzkopf, leicht vorgebeugt. Nestelte am Handy. Wahrscheinlich wollte er vor der Arbeit noch mal schnell raus, – `ne Runde Meer ficken. Kurz nach ihm in umgekehrter Richtung: Ein Fischer kehrte heim von der Arbeit. Er stand auf seinem kleinen Kutter, trug noch die alte verdreckte Ölhose, die ihm bis zur Brust reicht und die ihn wie immer davor geschützt hatte, beim Einholen der Netze klatschnass zu werden. Genau auf unserer Höhe drehte er sich zur Kirche, bekreuzigte sich und drehte sich wieder zurück. Wir winkten ihm mit kleiner Bewegung. Er winkte zurück.
Wir wollen beim Herumstreifen auch nach einem Supermarkt gucken. Wir sehen keinen. Also wollen wir fragen. Aber selbst das ist schwierig. Kaum jemand ist zu sehen. Dann doch eine Dame, die ihren Hund ausführt. Ja, sie kenne einen Supermarkt, nicht sehr weit weg, bezweifle aber, dass er jetzt schon auf sei. Es ist 5 Uhr nachmittags. Aha, die Grenze zwischen Mediterranien und Mezzogiorno verläuft also irgendwo zwischen Ischia und Castellammare di Stabia. Immerhin erfahren wir den Namen des Hundes: Maccenuto. Die Dame spricht ihn häufiger an. Als wäre er Teil unserer Konversationsrunde.
Wir trudeln in eine Bar. Sie ist schmucklos, kühl, sachlich. Längs durch den schmalen Raum hindurch eine Theke. Am Anfang ein Zigarettenregal, dann die Kaffeemaschine. Dahinter rechts der sinnlos vor sich hin dudelnde Fernseher. Eine Vitrine mit drei heimatlosen Cornetti. Ein Stückchen weiter ein offenes Hinterzimmer mit Spielautomaten, Daddelkisten, die regelmäßig kleine Lockmelodien in die Bar kullern lassen. Suchtbude. Der Espresso-Mann ein smarter, schick frisierter, bodygebildeter, muss noch erwähnt werden: tätowierter? Mann. Seine Bewegungen haben lustvollen Schwung. Jede Geste Teil eines Tanzes. Wie der Ellenbogen ausschwingt, wenn der Arm den Kaffeepulver-Träger am Griff über einen Widerstand hinweg zum Einrasten bringt. Wie die Finger zielsicher zum Stapel der schweren Tässchen schwirren und eine von ihnen unter den doppelläufigen Ausfluss fliegen lassen. Der Espressotango des Kaffeemachers scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein zu der maladen Stadt. Am Abend aber, als die Menschen ins bunt beleuchtete Dunkel mit buntem Glimmer-Zuckerguss schwirren, essen, plappern, lachen, verstehen wir: Der Espressotango war ein kleines Vorspiel zum abends erwachenden Leben hier. Eine sterbenslebendige Stadt verschluckt zwei lächelnd ratlose Touristen von der traurigen Gestalt.
Die sich die Frage nicht mehr stellen, ob sie sich diesen Reise-Gewaltakt Flug-Leihwagen-Hotel-Beerdigung-Auto-Rückflug wirklich antun wollen. Denn die Antwort war ja schon tausendmal und überzeugt: Ja. Dass wir die Frage trotzdem immer wieder von neuem stellen, ist Angst. Und dass wir sie immer mit Ja beantworten, ist richtig. Wahrscheinlich gerade wegen der Angst.
(Castellamare di Stabia – Napoli – Frankfurt – Künzelsau)
Wir brechen auf zu unserer riesenkleinen Trauerprozession.
Ich glaube, ich habe das Starten eines Flugzeuges, bei dem ich immer schon überbordende Angst habe, noch nie so sehr als brachialen Gewaltakt empfunden.
Der Versuch, das, was in diesen zwei Tagen geschieht, zu beschreiben, kommt mir vor wie Blasphemie gegenüber der heiligen Wirklichkeit von Leben und Sterben. Es gibt das. Das muss reichen. Worte machen kleiner. Denke ich.
(Künzelsau – Düsseldorf – Napoli – Castellammare di Stabia)
Als wir wieder zurück sind von der Beerdigung meines Vaters, schreibe ich nur ein paar Stichworte in mein Logbuch. Die Momente, in denen mein Weinen Anker geworfen hat, auf dass es zurückkehren könne. Und nicht in Vergessenheit gerate.
Da ist ein Pfarrer chinesischer Herkunft. Klein. Mit heller Stimme. Es ist am Anfang schwer ihn zu verstehen. Mein Vater wird zu Grabe getragen. Dies ist seine Messfeier. Und ich verstehe den Pfarrer nicht. Irritation. Dann gewöhne ich mich und verstehe. Und mag sehr, was der Pfarrer sagt. Seine kleine Rede zu Ehren meines Vaters hangelt sich entlang am Text eines Liedes von Martin Gotthard Schneider: Kommt der Tod ins Nachbarhaus. Der Pfarrer spricht überzeugt, leise, hell, wach. Ich fühle den Tod und das Leben meines Vaters wirklich gewürdigt. Das hilft meiner Trauer.
Da ist die Bitte des Pfarrers, jemand möge ihn mitnehmen zum Friedhof. Er würde den Weg nicht kennen. Diese lächelnde Offenheit. So ist das im Leben: Dass man manchmal den Weg nicht kennt. Sogar dann, wenn alle Welt glaubt, man müsste ihn kennen.
Da ist des Pfarrers Wunsch für meinen Vater: Gott möge alle Schuld von ihm nehmen und ihm den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. „Schuld“, „Frieden“. Diese Worte treffen mich so sehr, dass ich intuitiv weiß: Sie werden mich noch lange weiter begleiten.
Da ist das Klappern der sehr alt gewordenen Tasten der Orgel. Auch eine Art Arthrose. Das Klappern, das dem traurig schönen Choralvorspiel „Jesus bleibet meine Freude“ die Schönheit des Alterns beifügt.
Da ist die Vase unter seinem Zuhause im Columbarium. Da hinein schiebt eine jede und ein jeder eine weiße Rose in ein schönes ovales Gefäß aus silbrigem Metall.
Da ist das Gefühl von Einsamkeit inmitten eines Gebildes, das wir Familie nennen. Das mehr Wunsch ist als gelebte Wirklichkeit. Das jetzt in den vier Wochen, in denen es galt, Gerd und seine Frau auf diesem letzten Weg zu begleiten, in einem Maß gelebte Wirklichkeit war, wie man es sich kaum hätte vorstellen können. Mit einer Innigkeit und einer Wärme, die die Sehnsucht, es möge öfter so sein, noch vergrößert hat. Wie schön, dass es bei uns allen zumindest diese Sehnsucht gibt. Aus ihr kann etwas wachsen.
Auf dem Rückweg in unsere Reise sind wir zum Glück nicht allein. Tochter Katharina und ihr Bald-auch-offiziell-Mann begleiten uns. Wir alle sind ernst, geschäftig, vorfreudig.
Ich bin auch skeptisch. Wo wir die beiden jetzt hinbringen- die città von der traurigen Gestalt, – das ist nicht gerade das klassische Yacht-Urlaubs-Paradies. Im Gegenteil.
Und hat doch Charme. Wir haben ein Restaurant ausgesucht in der Nähe, wo wir am Abend essen wollen. Es hat Tische malerisch zwischen dem alten Gebäude und der Basilika. Als wir Platz nehmen, müssen Ulrike und ich lachen. Wir bekommen eine Speisekarte gereicht, die wir kennen. 3 Tage zuvor hatten wir dieselbe. Nur nicht hier, sondern in einem sehr einfachen Laden. Papiertischdecken, Plastikbecher. Klamotten auf’n Tisch. Mampfen. Fertig. Die Karte ist ein schon angegilbtes Din-A4-Blatt, doppelseitig bedruckt, in eine Prospekthülle geschoben, die Hitze und Dauergebrauch schon so labbrig gemacht haben, dass man ihr den Schutz, den sie bieten soll, nicht mehr abnimmt.
Hier ist alles edler, langsamer, gediegener. Aber das Essen offenbar dasselbe. Wir sind gespannt. Der Kellner hat eine ähnliche Ausstrahlung wie Salvatore, der uns auf dem Steg empfangen hat. Und er hat Ähnlichkeit mit Harry Dean Stanton, dem männlichen Hauptdarsteller in Paris, Texas. Beides Figuren von der traurigen Gestalt.
Wir haben gerade bestellt, da kündigt sich Unheil an. Blitze. Donner. Windstöße. Als es anfängt zu regnen, ziehen wir hastig um ins Innere. Kurz danach tobt draußen schon ein Wolkenbruch. Der Kellner beruhigt uns. Das ist schnell vorbei. Das dauert höchstens cinque minuti.
Der Liebsten fällt ein, dass die Deckenklappe in der Bugkabine ja undicht ist und sie darunter noch ihr I-Pad liegen hat. Manchmal bin ich edler Ritter und biete an zu gehen. Ich frage die Restaurant-Chefin, ob sie vielleicht einen Schirm habe. Ja, ja, sogar einen schönen großen. Im Auto. Da unten. Schon zwirpt sie das Gefährt mit der Fernbedienung auf, sicher im Trockenen stehend. Als ich das Auto durch den knöchelhohen Sturzbach, der inzwischen den Durchgang zwischen Haus und Basilika hinabschießt, und durch 10 Meter schirmloses offenes Gelände erreicht habe, bin ich schon klatschnass. Erst recht, als ich mit dem Riesending von Schirm an dem Durchgang zu unserem Steg hängenbleibe. Die undichte Bugklappe schickt tatsächlich Nässe aufs Bett und auf das i-Pad. Ich kann ein bisschen sichern. So hat es sich wenigstens gelohnt. Wieder zurück, kommt der zweite Gang. Es schüttet immer noch. Erst nach dem Dessert hört es auf. Ich sage zum Kellner, das seien aber lange 5 Minuten gewesen. Wir lachen alle mit Lust. Inzwischen sind wir mit diesem Ort tatsächlich irgendwie befreundet.
Noch bleiben wir, denn wir wollen morgen von hier aus Pompeji besuchen. Das war eine unserer ganz wenigen absoluten Festlegungen vor unserer Reise. Hier wollten wir unbedingt hin. Und von hier, von Castellammare aus sind es nur 2 Stationen mit dem Zug. Sagt Gianlucca. Es sind aber italienische 2 Stationen. Das heißt: in Wahrheit 5.
(Pompeji)
Salvatore hat uns angeboten, uns zum Bahnhof zu fahren. Wir sollen einfach Bescheid sagen, wenn wir soweit sind. Er sei ja da.
Vorher möchte ich unbedingt noch einen kleinen „Altar“ fotografieren, den jemand mitten im Hafen liebevoll gestaltet hat und pflegt.
Als ich die Kamera runter nehme, kommt Salvatore vorbei. Ganz der joviale, naive, neugierige, ein bisschen aufdringliche Tourist frage ich ihn leutselig, was es mit diesem Altar, … und möchte am liebsten abbrechen, denn sein Gesicht wird grau und leer. Meins wahrscheinlich auch. Er erklärt leise, dieser Altar sei für seinen Sohn. Der sei als kleiner Junge 1996 hier im Hafen ertrunken. Er habe gespielt, sich den Kopf gestoßen, sei bewusstlos geworden und ins Wasser gefallen. Mit allem, was ich habe zusätzlich zu den paar Brocken Italienisch, versuche ich ihm mein Mitgefühl auszudrücken. Wir sind beide verlegen. Er rettet sich damit, dass er ein paar trockene Blätter aus seinem Altar pickt. Ich stehe da …
Salvatores Angebot, uns mit seinem Auto zum Bahnhof zu bringen, wenn wir nach Pompeji aufbrechen, nehmen wir gerne an.
Als wir alle im Auto sitzen, hat sich längst das Leben wieder breitgemacht. Er surrt die Scheibe herunter, dreht das Radio voll auf und macht dem Hafen und verschiedenen Menschen hier seine Aufwartung. Wirft Rufe zur anderen Straßenseite. Bleibt kurz stehen um ein paar Worte mit einer Person im Eingang einer Bar zu wechseln. Dreht das Radio leise, dreht es wieder laut, lässt uns am Bahnhof aussteigen und hat sich so schnell umgedreht und wieder in Fahrt gesetzt, dass es nicht möglich gewesen wäre, ihm Geld zu geben für seine Hilfe. Ich bin sicher, er hat gewusst, dass ich mich frage, ob ich das nicht eigentlich müsste und wollte es unbedingt vermeiden.
Ob es die Vorstellung ist, dass diese Stadt mitten aus dem Leben heraus vom Vesuv brutal auf „Stop“ gestellt wurde und wir nun sie ansehen, als wäre es gerade passiert? Oder ist es die Tatsache, dass so Vieles so gut erhalten ist, dass man hier wirklich städtisches Leben vor 2000 Jahren fühlen kann? In allen Facetten.
Z.B. „Straßenverkehr“. Ich höre geradezu das Rumpeln der Holzräder auf diesem Pflaster. Wir rätseln lange, was diese Erhöhungen in dem Straßenpflaster sollen. Sie wirken wie ein steinerner Zebrastreifen. Schließlich einigen wir uns darauf, dass sie dazu dienten die Straße zu überqueren ohne sich in der Kloake, die sie ebenfalls war, die Füße zu versauen.
Z.B. kleine Läden entlang der Straßen. In manche der gut erhaltenen „Theken“ sind in Reihe und Glied Tongefäße eingelassen, von denen man nicht weiß, welche Funktion sie hatten.
Z.B. der Wellness-Tempel, die Arena, die schicke Villa am Stadtrand, die kleinen Wohnungen in Nebenstraßen, die Verwaltungsgebäude. Alles gestern noch belebt und in Gebrauch.
Uns alle nimmt dieses Gelände mit auf eine berührende Zeitreise. Na ja, nicht ganz alle. Manche treiben auch hier und da morbiden Schabernack.
„Uns alle“ sind Hunderte von Besuchern, deren Gewimmel das Staunen manchmal etwas zerfleddert.
Andererseits ist es schön. Uns alle verbindet offenbar etwas. Vielleicht die Ehrfurcht vor der wirklich gelebten Geschichte. Und es ist schön, weil heute der Tag ist, an dem es keinen Eintritt kostet, dieses Gelände zu besuchen. Ein Geschenk für „Uns alle“.
Bei der Rückkehr führt uns unser Fußweg wieder durch die città von der traurigen Gestalt.
Morgen wird uns der Weg wieder von ihr weg führen. Wir werden sie mit Sympathie in Erinnerung behalten, diesen Ort, von dem wir erst dachten, sein malades Dasein würde uns zusätzlich betrüben.
Jetzt dagegen erwarten wir es ganz anders. Uns erwartet italienische Postkarten-Idylle par excellence. Capri. Amalfi. Was für klangvolle Namen, die jedem winterlichen blassgesichtigen Italien-Fan in unserem Heimatland Seufzer des Entzückens entlocken.
(Capri)
Entzücken, – wir kommen. Auf dem Weg nach Capri erleben Katharina und Stefan richtiges Segeln. Mit Schräglage, mit den Geräuschen von Winschen, Rollen, Tuch und Tauen. Und mit herrlichen Blicken auf die Insel, der wir uns in schon rötlich werdendem Spätnachmittags-Licht nähern.
Und dann erleben wir den umgekehrten Castellamare-Effekt. Wir freunden uns ab.
Unfassbar viel Verkehr in der Hafeneinfahrt. Protzige Edelyachten, kleine Ausflugsboote, große Schnellfähren veranstalten hier einen Betrieb, der arg dem Gedränge vor dem Kirmeslokus ähnelt. Und es geht so weiter. Die Mitarbeiter im Hafen, die uns wie üblich empfangen, sind arrogant. Kein freundliches „Salve!“. Nur irgendein knurriger Laut, den man mit viel phantasievoller Menschenfreundlichkeit als Begrüßungsfloskel deuten kann. Wenn es nicht doch einfach nur ein Rülpsen war. Man steht gelangweilt mit einer unserer Heckleinen am Steg und macht sie mit einem Palstek am nächstbesten Ring fest, damit man nicht umständlich die ganze Heckleine durch den Ring ziehen und uns das Leinenpaket zurückgeben muss. Wie es sich eigentlich gehört. Man drückt noch ein paar Anweisungen unter der Spiegelsonnenbrille weg – Hafenbüro, Papier, elektronischer Stromanschluss-Schlüssel, Toiletten – und schlurft grußlos weg. Trotzdem machen wir uns mit postkartiger Vorfreude gegen Abend auf einen ersten kleinen Gang aus dem Hafen. Mitten im entspannten Hafentreiben ein paar Schritte gehen mit einem leckeren Eis in der Hand. Anschließend mit Blick auf die obligatorischen roten und grünen Leuchtfeuer in der Hafeneinfahrt einen leckeren Aperitif nehmen und die Nachfreude über einen schönen Segeltag genießen.
Nix wird draus.
Die arroganten Ormeggiatori haben uns am äußersten Ende des Hafens geparkt. Wahrscheinlich, damit wir mit unserem lächerlich kleinen, obendrein auch noch von weitem als Charteryacht erkennbaren 10m-Segelboot den Anblick der frisch geputzten mindestens doppelt so langen und längeren Angeber-Dampfbügeleisen nicht stören. Endlich aus dem Hafen raus, müssen wir feststellen, dass es Eis gar nicht mehr, einen Aperitif nur noch mit ganz viel Glück geben wird. Die Liebste wird als Gipfel der Ungemütlichkeit mit einem frechen leichten Seitaufwärtsruck des Kopfes, begleitet von einem pfeifenden Zischlaut aus einer Bar gescheucht. Wie eine Schülerin, die sich auf verbotenem Gelände befindet. Ein paar Souvenirläden sind noch auf. In der Tür schlecht gelaunte Verkäufer*innen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass sie vielleicht doch noch eine dieser lächerlichen Capri-Käppies verkaufen. Und ein klitzekleiner „Lebensmittel“-Laden, dessen Besitzer sich hinter der hohen Theke versteckt und von dort ungerührt weiter seine Lieblingsserie im Fernseher gegenüber guckt. Wir wagen es trotzdem, seinen Laden zu betreten. Eine Flasche Weißwein, zwei Flaschen Bier. Wenn wir schon in den Bars nichts mehr kriegen?! Selbst beim Bezahlen nimmt er den Blick nicht vom Fernseher. Ob er uns den Preis gesagt hat? Oder einfach nur stumm auf die Anzeige an der Kasse gedeutet hat? Ob er ein Ciao gemurmelt hat? Oder wenigstens mit dem Kopf genickt? Keine Ahnung. In die Erinnerung hineingefühlt: Nein.
Zu allem Überfluss hat sich die Liebste beim Anlegen auch noch eine Zerrung im Brustkorb geholt. Sie musste tief nach unten gebeugt über eine ins Fleisch einschneidende Reling eine halbherzig hingehaltene Mooring-Leine angeln und mit aller Kraft halten. Seitdem hat sie, – ja wie sagt man? Manche haben Ischias. Die Liebste hat Capri.
Die 4 Stunden-Chance, die das centro storico der Stadt Capri am nächsten Vormittag noch kriegt, nutzt es eigentlich auch nicht. Die Altstadt, zu der wir mit einer Zahnradbahn gelangen, an der schon am frühen Vormittag Unmengen von Tages-Tourist*innen warten, bringt uns hin. Ein großer Teil der Altstadt befindet sich in wirklich schönen, engen Gewölbegängen, die Schatten und gemütliche Geborgenheit spenden, … – würden, … – wenn man sich nicht auch hier gegenseitig auf die Füße treten würde. Wir wagen ab und zu eine kleine Flucht in einen Lebensmittelladen. Metzger. Gemüse und Früchte. Bäcker. Hier ist dann plötzlich Ruhe. Hier hört man Italienisch. Hier bieten mit Stolz Frauen und Männer die Produkte ihrer Arbeit an. Und erklären einem auf Italienisch den Weg zur Post. Denn wir brauchen noch Briefmarken. Für alte Postkarten. Nicht für welche aus Capri. Kurz: Hier war es mal sehr schön. Und wahrscheinlich ist es das auch noch. Z.B. Anfang November.
Amalfi setzt das fort: Atemberaubende Blicke vom Schiff aus. Eine wunderschöne Küste. Orte, die malerisch in die Talsenken gegossen sind, die bis zur Küste reichen. Und an die Hänge rundherum hochgetupft. Nur näher kommen darf man, scheint es, nicht. Ein schönes Stück Käse-Sahne, das am frühen Abend zu lange unbewacht auf der Terasse stand und nun von Ameisen übersät ist. Alle wollen was davon. Zurecht. Auch die, die sich sündig teure Megayachten leihen und von Heerscharen von Servicekräften fahren, putzen, polieren und auf Hochglanz halten lassen. Katharina recherchiert ein bisschen. Diese hier z.B. kostet 265 000,- €.
Pro Woche.
Stefan und ich gestehen einander, dass wir uns angesichts dieser blitzblanken Protzbolzen und der herrisch aus ihnen herausglotzenden Allesmeinstypen aggressive Gefühle bekommen. Die bei näherem Hinsehen die üble Phantasie erzählen, man sei klein und unbedeutend. Wieder einmal bewahrheitet sich Stefans Leitspruch: Wer in den Vergleich geht, geht ins Leid.
(Amalfi)
Nach einer durchschaukelten Nacht an einer Ankerboje in einer Bucht am Anfang der Amalfiküste segeln wir weiter die Amalfi-Küste entlang. Kurz vor der Stadt Amalfi kommt wieder Wind auf. Richtig guter. Wir hatten gerade beschlossen, den schlappen Wind zu nutzen, uns ein bisschen vom Schiff durchs Wasser ziehen zu lassen. Gerade rechtzeitig geben wir den Plan dran, denn jetzt heißt es tatsächlich: Mit Schmackes segeln. Die Liebste steht am Ruder. Was wir im Golf von Neapel und auch vor und nach Capri beobachteten: Müll. Diesmal organischer. Ein dünner, aber immerhin doch: Baumstamm. Und noch einer. Denkt die Liebste. Mein Gott, da ist schon wieder einer. Aber ein richtig dicker! Ruft sie. Und erstarrt. Unmittelbar neben uns schießt dieser Baumstamm eine Fontäne in die Höhe. Gemächlich taucht er den Kopf unter, wölbt den Rücken aus dem Wasser. Zeigt kurz den Anfang einer Flunke. Taucht sie wieder weg. Schießt wieder eine Fontäne. Magisch. Unwirklich. Geheimnisvoll. Berührend. So fesselnd, dass wir erst auf die Idee kommen zu filmen, als der Wal schon wieder weiter weg ist. Wir fahren mit Schwung eine Wende, hoffend, wir könnten ihn ein bisschen begleiten. Aber er schwimmt genau gegen den Wind. Wir wollen nicht, aber wir müssen: Begreifen, dass er einfach wieder weg ist. Zum Abschied schenkt er uns beim Abtauchen noch einmal seine Flunke in ganzer Pracht.
Immer wieder von vorn erzählen wir einander, was wir ohnehin alle gesehen haben. Und können schon nach kurzer Zeit die Frage nicht mehr beantworten: War er so etwa 5 Meter lang? Oder eher 8? Oder mehr? Ist auch egal. Der Zauber ist eh nicht messbar. Wie tief er reicht, wird klar, als Katharina das Gefühl äußert, hier habe uns kurz ihr Opa einen Besuch abgestattet und einen Gruß fontänt. Ich sage „Ja“. Das heißt: Ich versuche es zu sagen. Aber mir verrutscht die Stimme. Wäre es richtig zu sagen das „Ja“ war wieder besseres Wissen? Welches Wissen? Ich habe es in diesem Moment einfach geglaubt und sie bestätigt. Wir haben Rührung geteilt und vergrößert. Wir haben Gerd innig zurückgegrüßt.
Kaum eine Viertelstunde später lacht das Leben. In Form eines Ormeggiatore. Wir haben gerade erst kurz vor dem Hafen von Amalfi über Funk unsere Ankunft gemeldet, da braust uns ein Schlauchboot entgegen. Darauf zwei Männer. Das Schlauchboot legt sich sanft gegen unsere Bordwand, einer der beiden steigt bei Fahrt behände auf den Süllrand und schon steht er auf dem Schiff. Er lacht. Er begrüßt uns und gibt uns zu verstehen, dass er jetzt steuert. „Sit down!“ Lacher. „Relax!“ Lacher. „Enjoy. It’s kind of automatic!“ Lacher. Dabei fährt mit einem Affenzahn in eine Kleinsteinfahrt zwischen zwei Stegen. Dreht an einer etwas breiteren Stelle das Schiff mit Schwung um 1800 und fährt mit kaum verminderter Geschwindigkeit das Schiff rückwärts weiter. Und schon ist der Spuk vorbei. Das Schiff schwankt sanft perfekt festgemacht an einem Schwimmsteg. Claudio steigt vom Schiff. Und lacht noch immer. „First time Amalfi? You will like!“ Lacher.
Gut, dass wir den Touri-Race-Supergau schon in Capri bewältigt haben.
So geht er uns in Amalfi und in Positana nicht mehr so auf die Nerven. Nach Positana fahren wir die berühmte Amalfitana mit dem Bus. Jede Menge innere „Ah’s“ und „Oh’s“ und Guckmals. Und jedes Mal schwingt die Kamera hoch. Und ist schwerer als sonst. Sie weiß wahrscheinlich, dass es absolut sinnlos ist, hier fotografieren zu wollen und macht sich extra schwer.
Wir helfen uns auch hier damit, dass wir uns ganz bewusst lauschige Orte abseits vom Trubel suchen, um innezuhalten und die Sinne zu lüften.
So nah liegen die Welten beieinander: Da begegnen wir dem am besten gelaunten Ormeggiatore auf unserer Tour, liegen in einem Yachthafen, von dem wir mit 5 Minuten Fußweg ein lauschiges Städtchen erreichen, dessen Postkartencharakter am Abend, wenn der Trubel vorbei ist, sogar zu intensiven Momenten von Genuss führt.
Haben aber im Hafen keine Toiletten, keine Duschen. „I’m sorry, no.“ Lacher.
(Porto d’Arechi, Salerno)
Wir segeln in eine Riesenmarina, abseits von Salerno, so abseits, dass an einen lauschigen Fußweg nicht zu denken ist. Das Gegenteil von Amalfi-Charme. Dafür perfekt organisiert und Sanitäreinrichtungen, – ja mehrere!, damit man es immer einigermaßen nah hat. Egal, wo man liegt – Sanitäreinrichtungen also, die man mit Respekt und Genuss tatsächlich „Bad“ nennen kann. Und mittendrin wieder die kleine Tristesse des Abschieds.
Morgen werden Katharina und Stefan wieder abreisen.
Der Tag ist geprägt vom Genuss des Services in einer freundlich und gut organisierten Marina und vom trägen Grau eines Wartens auf den Abschied. Von Besorgungen, die man besser hier macht, weil sie woanders vielleicht nicht gehen, aber nötig sind. Z.B. eine Gasflasche besorgen. Oder waschen.
Zum wunderbaren Service in dieser Marina gehört auch ein Shuttle-Service, der uns am Nachmittag umsonst nach Salerno bringt.
Und wieder zwei Köpfe, die aus einem sich entfernenden Gefährt, diesmal ein Zug, sich uns noch einmal entgegenzurückstrecken. Dieser kurze Moment der Ratlosigkeit nach jedem Abschied. Heute findet er das Bild der Hinterseite des letzten Wagons, dem wir irgendwie sinnlos hinterherblicken.
Der anschließende Rundgang durch Salerno zeigt uns das Gegenteil von Italo-Idylle. Eher ein kleines Napoli. Gesteigert in unserem Rückweg. Wir nehmen die letzte Bahn raus zum Hafen. An der Endstation steigen wir aus. Ein trister, auf gespenstische Art nächtlich verlassener Ort. In Sichtweise ein Fußballstadion, das wir umrunden müssen, um zum Hafen zu kommen. Verlassene Parkplätze. Überhitztes Pflaster. Überhitzter Beton. Pflanzen, die verzweifelt ums Überleben kämpfen. Hier und da einzelne Gestalten in Autos, die in dieser Szenerie vor allem wie eines wirken: Einsam. Und ein bisschen unheimlich. Wir gehen Hand in Hand dicht beieinander. Beschleunigte Schritte. Die Einkaufstasche drücke ich dicht an mich. Darin sind einige Vorräte, die wir gerade gekauft haben. Natürlich auch ein paar Scheiben italienische Mortadella.
Salerno – Porto d’Arechi,
Agropoli,
Bucht bei Ogliastro,
Palinuro,
Maratea,
Bucht bei San Nicola,
Cetraro,
Vibo Valentia – Marina
(Salerno-Agropoli)
Ein Tag wie ein Geschenk. Ein großes Paket. Man macht es auf. Findet darin viele weitere Geschenke. Man macht eins davon auf. Etwas sehr Schönes. Und noch ein hübsch verpacktes Etwas. Man macht es auf …
Am Morgen gehe ich ins Hafenbüro in Arechi, um den Hafenplatz zu bezahlen, den elektronischen Key für den Strom abzugeben, Pfand zurückzubekommen, den auf dem Key gespeicherten Stromverbrauch zu bezahlen, den Fahrradschlüssel zurückzugeben, das Pfand für das Fahrrad zurückzubekommen. Jeder dieser Akte war nach dem Ankommen hier und ist jetzt mit einem schon fast an Kabarett grenzenden Aufwand an Formularen, auszufüllenden Leerfeldern, Unterschriften und Pfandhinterlassenschaften verbunden. Stefan hatte schon vermutet, man hätte hier vor einigen Jahren intensive Fortbildungen in Deutschland genossen.
Wer jetzt aber denkt, hier im Hafenbüro wäre Stempelmief-Stimmung mit missmutigen Gesichtern und Beamtengras auf der Fensterbank, liegt falsch. Die zwei, die hier sitzen und die zwei in einem Raum hinten, sind allesamt sonnig und nett. Man macht Späße, wechselt freundliche Worte, lächelt und wickelt dabei gut gelaunt den Berg an Formularen ab. „Nome di barca?“ Lächeln. Zum x-ten Mal buchstabiere ich. „Acca, o, n, e, Ypsilon. Come miele in Inglese.“ Lächeln. „Ah, si, ricordo“, Lächeln. Der junge Mann fährt mit dem Finger über meinen Personalausweis. Er ist sich nicht sicher, welches mein Geburtsort ist. „Borken“. Lächeln. „60 anni fa“. Lächeln. Gespielte Verwunderung bei ihm: „Oh, certo?“ Ich übersetze es innerlich geschmeichelt mit „So alt sehen sie gar nicht aus.“ Ich: „Per essere esatto: 62“. Lächeln. Er: „Poco fa sessanta tre.“ Das Feld mit dem Geburtsdatum hat er schon ausgefüllt und sich das Geburtsdatum gemerkt. Er weiß, dass mein Geburtstag nicht mehr weit ist. Lächeln.
Regelmäßig schaue ich vorbei im Hafenbüro mit irgendeiner Frage. Wie läuft das mit den Waschmaschinen? Elektronischer Schlüssel, Formulare, – natürlich. Wo können wir Gas kaufen? Wo ist ein Supermarkt? Jedesmal dasselbe Spiel des schönen Lebens. Fragen, Antworten, Formulare ausfüllen, Nachfragen, nochmal Antworten, wieder ein Feld im Formular, Bitten, Ablehnen ohne „Nein“ zu sagen, oder Erfüllen mit sechsmal „si“ und sechsmal „certo“. Alles sind willkommene Gelegenheiten für Kontakt, nicht nur zielgerichtete Abwicklungsszenarien.
Heute Morgen sage ich, dass wir jetzt fahren. Wie aus einem Mund sagen beide Nein. Das gehe nicht. Wir müssten bleiben. Wir seien molto simpatico. Natürlich gebe ich das Kompliment zurück. Kontakt.
Kann ein Tag schiefgehen, an dem einem am frühen Morgen wildfremde Leute sagen, man sei molto simpatico?
Ich frage, ob es wohl nötig sei, in Agropoli – dort wollen wir hin – vorab um einen Hafenplatz zu bitten. Er verneint. Nein, zu dieser Zeit der Saison nicht mehr. Schon hat er das Handy in der Hand. Versucht einen Anruf. Gibt mir gestikulierend zu verstehen, ich solle kurz warten. Erreicht niemand. Lässt sich meine Handy-Nummer geben. Er wolle mich anrufen, wenn er die Person erreicht habe. Er kennt offensichtlich einen ormeggiatore in Agropoli.
Dann Abschied von den beiden. Ich schlurfe gut gelaunt zurück. Plötzlich höre ich hinter mir Rufe, die ich erst nicht auf mich beziehe. Dann doch. Denn ich höre „Onnie! Allo! Onnie!“ Langsam übersetzt mein Hirn. „Honey, hallo! Honey!“ So heißt doch unser Schiff. Ich drehe mich um. Der junge Mann aus dem Hafenbüro kommt auf einem viel zu kleinen Fahrrad angefahren. Seine langen Beine drohen dauernd unter den Lenker zu stoßen. Entsprechend eirig fährt er. Er erreicht mich, bleibt stehen und übergibt mir einen Zettel mit einem Namen, – Andrea – und einer Telefonnummer. Hier solle ich anrufen, wenn wir ankämen. Andrea würde am „pontile communale“ arbeiten. Da würden wir einen Platz bekommen. Er würde von der Stadtverwaltung betrieben. Dort wäre die erste Nacht umsonst. Und lächelt. Und ich auch. Wieder ein Geschenk.
Das nächste Geschenk: Ein strahlend blauer Himmel. Weiche Wärme. Sommer in Reinform.
Wir packen noch eins aus: Die Wetterberichte waren sich einig darin, uns kaum Wind anzukündigen. Wir waren schon darauf eingestellt, einen großen Teil der Strecke zu motoren. Und jetzt weht doch ein guter Wind. Und auch noch aus einer guten Richtung. Wir können tatsächlich gut segeln. Wir dürfen wieder diesen wundervollen Moment erleben, wenn man den Motor abstellt und Schiff und Seele sich leicht auf die Seite legen und sich an den Wind anlehnen.
Stundenlang ziehen an uns vorbei: Vereinzelte Fischerboote, einige Pfirsiche, Trauben, Nektarinen, Kekse, einige Wolken, die vor allem dazu da sind, mit ihren weißen Klecksen das Blau des Sommers zu betonen, tiefsinnige Gespräche, geradezu von spiritueller Intensität, – selbst einfache Sätze plustern sich in dieser wohligen Wolke schönen Daseins dazu auf, sonnen sich, ziehen sich wieder zurück und machen Platz für komplett sinnfreie Albernheiten vom Kaliber „die 10 Seemeilen machen dann den Helmut auch nicht mehr fett“, tiefsinniges Schweigen, Lächeln, hohles Glotzen, weil man irgendeinem schemenhaften Gedanken nachhängt und selbst Gesichtsmuskel-Tätigkeit komplett übertriebener Muskelaufwand wäre bei der Hitze, zärtliche Berührungen, zärtliches wieder Loslassen, sich gegenseitig besonders schöne Blicke zeigen.
Irgendwann dann auch den auf ein Dorf, das sich wie eine Haube auf einem Hügel versammelt hat.
Agropoli, unser Ziel. Eine Viertelstunde, bevor wir in den Hafen einlaufen, rufen wir die Nummer an, die wir bekommen haben. „Pronto?!“ Es ist Andrea. Er weiß schon Bescheid. Als wir in den Hafen einlaufen, steht er auf der Pier und winkt mit beiden Armen, wo wir hin sollen. Er wartet mit Seelenruhe, bis wir das Schiff vertäut haben, erklärt uns ein paar Sachen, schaltet Strom und Wasser frei, schreibt ein paar Daten aus den Schiffspapieren ab. Alles, was er dafür braucht, hat er in einem Täschchen in seinem Fahrradkorb. Es ist sozusagen das ormeggiatore-Fahrrad. Sein Kollege Marco benutzt es auch.
Am Abend essen wir in einem Restaurant im alten Teil der Stadt oben auf dem Hügel. Wir sitzen an einer Brüstung mit einer unglaublichen Aussicht über die ganze Bucht.
Dass die Pizza, die wir uns als letzten, als Hauptgang teilen wollen, als erstes kommt, die Muschel-Spaghetti, die wir uns als zweiten Gang teilen wollten, danach und während der ersten auf die Gabeln gerollten Portionen die frittierten Bällchen, die wir uns als Vorspeise teilen wollten, nehmen wir mit Humor. Auch die Tatsache, dass wir die beiden Gläser Wein erst nach dem Essen trinken. Denn das Essen war ja nicht im Geschenke-Paket.
Wohl aber die Nacht im Schutz der Madonna am Ende der Hafenmauer.
(Agropoli)
Zum ersten Mal auf dieser Reise geht es mir am Morgen richtig schlecht. Kopfschmerzen, leichter Schwindel, leichte Übelkeit, das Herz pocht den Hals hinauf, leichtes Frösteln und zugleich hitziger Kopf. Ein Zustand wie an dem Tag, als ich nach den Niereninfarkten aus dem Krankenhaus entlassen wurde und, zuhause angekommen, gleich wieder eingeliefert wurde mit einem viel, viel zu hohen Blutdruck. Ich habe Angst. Ich alter Hypochonder verlasse wie betäubt den gestern noch so festen Boden zuversichtlich sicherer Lebensfreude und steige hinab ins dunkle Schattenreich der Sorge. Erst am frühen Nachmittag steige ich wieder hinauf. Die Beruhigungsformel ist: Am Vortag zu viel Sonne und zu wenig Wasser. Sie wirkt, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob’s stimmt.
(Die Anarchie des Alltagslebens in Italien)
Da gibt es eine lange Hafenmauer. Sie schützt auf’s Beste den Hafen. Sie hat ein schickes Geländer, auf dass der Hafenbedienstete, der das Leuchtfeuer am Ende der Mole warten muss, sich gut festhalten könne, wenn er sich bei schwerem Wetter auf den Weg zum Leuchtfeuer macht. Sie ist sehr, sehr, sehr lang. Niemand anders als Bedienstete darf diese Mauer betreten. Das wird durch viele, viele, viele Schilder mehr als deutlich gemacht.
Es hat sogar Versuche gegeben, das Verbot durch zusätzliches Flatterband zu verstärken.
Selbstverständlich darf schon gar nicht der Aufgang auf die Hafenmauer benutzt werden, hinter dem ein nettes kleines Stück Strand liegt. Denn das wäre ja viel zu gefährlich.
Und genauso selbstverständlich werden diese Verbote ignoriert. Die Hafenmauer wird den ganzen Tag für diverse Aktivitäten genutzt. Besonders gerne als Sportstrecke. Abends für die passegiata.
Und natürlich wird auch der Strand benutzt.
Mit Freuden.
Und mal ehrlich: Sieht dieses nette Schildchen im Ernst wie ein Warnschild aus?
(Bucht bei Ogliastro)
Wer von tiefer, inspirierender Stille, umgeben von idyllischer Landschaft und friedlichem Meer träumt, möge hier an einem Abend im späten September ankern. Vielleicht hat sie oder er Glück und es fügt sich so wie bei uns …
(Bucht bei Ogliastra)
Noch heute künden die Namen der Orte von den alten Geschichten:
Jupiter war’s in seiner unstillbaren Begierde
Näherte sich Licosa, der schönsten der Sirenen.
Als Kind der Lust gebar sie ihm die schöne
Ogliastra. Liebreizend, heimtückisch, anmutig, wild
Lebt‘ es im ganzen Wesen das Schicksal seiner Zeugung.
Jupiter wollte das Kind dem Einfluss der Mutter entzieh’n.
Doch ihr Weinen erweichte noch einmal sein göttliches Herz.
Er gewährte der Tochter entgegen der ersten Absicht
Die Nähe zur Mutter, aber entfernte sie zugleich
Von ihr, denn er erhob das wachsende Kind in den Stand
Der Götter, die über alles menschliche Sein sich erheben.
Diese jedoch erzürnten über diesen Frevel
Ihres Herrn und lehnten sich dagegen auf.
Diana, Neptun, Vulcan. Sie taten sich zusammen
Und trennten mit Sturm und Beben und anderen Gewalten
Den Wohnort der Ogliastra durch Klippen und Felsenschlunde
Vom Orte der Licosa, damit sie beide nur schwer
Noch zueinander kommen könnten. Und sie belegten
Den Wohnort der Ogliastra mit einem Bann, der besagte
Dass jeder, der diesen Ort würde jemals sehen oder
Besuchen, auf ewig verpflichtet wäre von ihm zu schweigen.
Ein Mensch, der hierhin käme, müsste sich dem Orakel
Von Palinura stellen. Nur, wenn dieses erklären
Würde, dass der Besucher für immer von diesem Orte
Schweigen würde, könne er leben. Wenn nicht, dann müsste
Ogliastra ihn eigenhändig töten, auf dass der Ort
Ein immerwährendes Geheimnis bleiben müsse
Bewohnt von der einsamsten Göttin, die je im Universum
Lebte. Dies Schicksal erlegten sie der Ogliastra
Auf als Rache an Jupiter, ihren Göttervater.
Ogliastra fügte sich willig dem Schicksal und wuchs heran
Zur einsamen Götterfrau, die, kaum gesehen
Von jedem auf ewig im Bann des Verschweigens gehalten wurde.
Licosa, die Mutter, zürnte ihrem sirenischen Wesen
Gemäß und maßlos gesteigert als gekränkte Mutter.
Einen Seefahrer nach dem anderen lockte sie mit
Vergiftetem Gesang ins Verderben. Keiner von ihnen
Überlebte. Alle starben in den Klippen
Oder sie mussten nach gescheitertem Orakel
Den einst bestimmten Weg des tödlichen Endes gehen.
Dies alles wusste Äneas nicht, der mutige Held.
Wohl aber wusste er von der tödlichen Macht der Sirenen.
Er widerstand mit eisernem Willen dem gift’gen Gesang.
Und fand ohne Schaden den Weg ins liebliche Gestade
Der Ogliastra. Sie sah ihn, sie nahm ihn auf und schickte
Wie es wohl ihre Bestimmung war, nach dem weisen Orakel.
Voll Sorge erwartete sie den Boten mit dem Urteil.
Sie hatte noch nie so sehr gehofft wie jetzt auf ein gutes.
Alles Hoffen vergebens! Auch diesmal hieß das Orakel:
Tod! Tod dem Manne, der wie noch keiner ihr Herz
Berührt und ihre Sinne belebt hatte. Sie hieß es Liebe.
Und sie wollte nur dieses eine Mal nicht folgen
Der göttlichen Fügung, dem bitteren Urteils-Spruch des Orakels.
In ihrer Verzweiflung rief sie Venus an, die Mutter
Von Äneas und auch eine Göttin, hoffend auf Milde
Und Verständnis für Liebe. Diese enttäuschte sie nicht.
Sie riet ihr ein zweites Orakel einzuholen, wie es
Bei schwerer Entscheidung schon vor ihr Männer und Frauen getan.
Nach der Priesterin Maratea solle sie schicken.
Diese sei unbestechlich und wahrhaft und voller Frieden.
Vielleicht könne deren Orakel das erste unheilvolle
Mäßigen und ein neues freundliches Urteil erwirken.
Sie aber, Ogliastra, müsse, um neuen Zorn
Der Götterbrüder zu verhindern ihren Äneas
In fester Gefangenschaft halten bis zu dem neuen Urteil.
Dies tat Ogliastra. Sie bannte Äneas auf ein Schiff
Vor der Küste. dies ließ sie von freundlichen Walen bewachen.
Jeden Abend besuchte sie ihn mit Speisen und mehr.
So harrten sie beide hoffend des neuerlichen Urteils.
(Vergil, Aeneis, 13. Buch, 1 – 69
Übersetzung: Mintar Khirgge. [Die Übersetzung ahmt den Hexamter nur insofern nach, als sie die 6-Hebigkeit einhält und mit der Mischung von Daktylen und Trochäen die im klassischen Hexameter gebräuchlichen Pausen nach bestimmten Halbversen nachahmt. Sie ergänzt den klassischen Hexamter um Auftakte und um weibliche Kadenzen. Die/der geneigte Leser*in mag selbst entscheiden, ob diese metrisch freiere Form dem Original-Werk angemessen ist. Sie/er möge dabei berücksichtigen, dass im modernen Deutsch der Rhythmus der Sprache nicht vornehmlich durch Längen und Kürzen entsteht, sondern durch Hebungen und Senkungen. Die „Eins-zu-Eins-Übertragung“ des Systems von Längen und Kürzen in das von Hebungen und Senkungen erscheint mir allzu leicht gestelzt. Deshalb habe ich diese metrisch eher freiere Übersetzung von Khirgge gewählt.])
(Palinuro)
Freunde sind wir nicht geworden. Das Städtchen Palinuro und wir. Ich gebe zu, das Städtchen hat’s nicht leicht gehabt mit uns, – nach Agropoli und Ogliastro. Aber es hat es auch nicht versucht mit uns. Die ormeggiatori eher gelangweilt, – fast ein bisschen mürrisch. Wortkarg. Bemüht mit einem Minimum an Kontakt uns in Empfang zu nehmen, um möglichst schnell wieder zurück zu kommen ins Hangin‘around im Schatten beim Hafenbüro.
Schon beim Anlegen ist klar: Die Pier ist so hoch, dass wir nicht über unsere eigene Gangway vom Schiff kommen. Über die Badeplattform schon gar nicht. Mein Blick schweift umher. Manchmal liegen in solchen Häfen Holzplanken herum, die man als Gangway benutzen kann. Ja, die könnten wir nehmen, bedeutet uns der ormeggiatore. Ich bin gespannt, ob er es schafft sich zu bewegen und die Planke zu uns zu schieben. Wir kommen ja nicht dran und er wirkt erstmal nicht so, als wollte er sich irgendwann überhaupt nochmal bewegen. Aber dann doch: Er schlurft zwei Schritte, bückt sich und schiebt die Planke in unsere Richtung. Das Geräusch, das sie macht, als sie über das Pflaster schrappt, hört sich an, als wollte auch sie sich auf keinen Fall bewegen. Schon gar nicht auf unser Schiff. Wie es sich für eine Planke gehört, hat sie an jedem Ende durch ein Loch gezogen ein Bändsel, mit dem man sie auf Pier und Schiff fixieren kann. Diese Bändsel aber sind nur noch traurige Reste. An den Stellen, die ein langes Scheuerleben im Loch hinter sich haben, bestehen sie nur noch aus einzelnen Fasern, die bei der nächsten größeren Belastung drohen zu reißen.
O.k.. Anspruchsvolle Aufgabe. Planke installieren. Multikomplexes Geschäft. Sie muss sicher liegen. Sie darf nicht die Oberfläche des Schiffes beim Bewegen beschädigen. Sie muss auch bei hohem Wellengang oder bei großen Wasserstandsänderungen sicher liegen. Sie soll nirgendwo anstoßen, schon gar nicht dauernd, damit sie nichts beschädigt oder unseren Schlaf stört. Sie muss leicht hoch zu binden sein in der Nacht, um noch sicherer frei und geräuschlos schwingen zu können. Bei diesem traurigen Etwas von Planke ist das eine Arbeit von mehr als einer Stunde.
Menschen, die über die Pier flanieren und ungerührt neugierig in unser Boot glotzen. Ein Kellner in der Hafenkneipe, dem wir ebenfalls lästig scheinen. Wir müssen weg von diesem Hafen und nehmen einen Shuttle-Bus ins Städtchen. Der Fahrer schickt uns schon nach einer Haltestelle, die kaum 1 Kilometer entfernt ist, wieder raus. Dort – er zeigt auf ein kleines Sträßchen – gehe es zum Zentrum, er biege jetzt hier ab. Das Städtchen ist, – na eben ein Städtchen. Das Zentrum ist eine relativ neu gebaute Kirche. Der Platz davor schafft es wahrscheinlich auch am Abend nicht in den Status der Piazza. Ein lauthals streitendes Paar in einem verfallenden Haus mit unfassbar schönem Blick auf’s Meer ist schon fast ein Lichtblick. Immerhin lächeln wir. Italien!
Auch aus dem Städtchen müssen wir raus. Wir hatten ein Hinweis-Schild auf einen Weg zu einem Leuchtturm gesehen. Dem wollen wir jetzt einfach folgen. Je höher wir kommen, desto weiter weg sind wir von den Niederungen des Daseins „da unten“ und desto schöner wird es.

Oben auf der Kuppe des Berges hinter Palinuro erreichen wir tatsächlich ein Gelände mit einem Turm. Nur der idyllische runde, am besten weiße Leuchtturm, der den Seefahrern entgegenlächelt, ist das nicht. Der Turm ist viereckig, gelblich-beige, von hohem Zaun umgeben, mit Schildern bewehrt: Zona militaria, gehörnt mit einer Unzahl Antennen. Wir drehen wieder um. Noch höher können wir nicht. Wir finden eine Stelle, an der wir mit einem sehr schönen Weg durch einen alten Pinienwald die Strecke zum Hafen abkürzen können.
Am Abend wollen wir essen gehen. Vorher einen Spaziergang machen in Richtung eines Kaps, das wir vom Schiff aus sehen können. Bestimmt gibt es da einen grandiosen Sonnenuntergang. Etwas zu spät kommen wir weg. Wir schauen den Hang hoch. Dort oben steht ein idyllischer runder weißer Leuchtturm mit einem roten Häubchen. Unmittelbar hinter einem größeren beigen mit Antennen drauf. Sonnenuntergang am Kap. Eine idiotische Idee, – angesichts der Verhältnisse. Die Zeit würde zwar passen, aber am Himmel haben sich in wilder Drohgebärde Wolkentürme versammelt. Ich meine, da oben hängt ein großes Schild: Zona Militaria! Heute kein romantischer Sonnenuntergang. Wir dackeln zurück. Inzwischen ist es so dunkel, dass wir den Weg kaum noch erkennen. Außerdem beginnt der Himmel seine Drohung wahr zu machen.
Immer öfter zerreißen grelle Blitze die Schwärze des nächtlichen Gewitterhimmels in gleißende Fetzen. Immer öfter brodelt gewaltiger Donner durch die Täler nahe dem Meer. Beides in immer kürzeren Abständen von einander.
Wir schaffen es trocken ins Restaurant. Kaum sitzen wir, öffnet sich draußen der Vorhang zu einem Drama epischer Wucht. Wie aus dem Nichts stürzen sich Windböen unter das schützende Glasdach über der Terrasse, auf der wir sitzen und sprühen dichte Nässe hinein. Ein Wolkenbruch, den man als Regen nicht bezeichnen kann. „Giorgio!!“. Der Restaurantbesucher ruft einen Mitarbeiter. Giorgio kurbelt schnell die Kunststoff-Seitenwände der Terrassenanlage herunter. Die Wände sind durchsichtig. Schließich sind wir ja Publikum eines epischen Dramas. Rechts in der Ecke kleckert wild ein Sturzbach zwischen Dach und Wand ins Innere. „Giorgio!!“. Die Kellnerin bekommt einen Reißverschluss der Seitenwand am Eingang nicht zu. „Giorgio“. Irgendwann hat Giorgio die Lage im Griff und wir können bestellen. Wir fühlen uns wie im Inneren eines Aquariums, nur dass das Wasser draußen ist. Ganz langsam gewöhnen wir uns an das wilde Theater da draußen und genießen die Vorspeise. Am Rand steht plötzlich ein Mann. Zupft, – noch unentschlossen, ein wenig an den Saiten einer Gitarre herum. Hier?? Ein rumänischer Straßenmusiker, der sich mit romantischer Musik für die Restaurant-Gäste ein paar Euro verdienen will? Wie ist der in dieses Aquarium gekommen? Dann ist er erstmal wieder weg. Beim zweiten Gang ist er wieder da. Jetzt steht er zwischen unserem und dem zweiten noch besetzten Tisch. Jetzt ist er entschlossen. Er spielt und singt ein Lied, das unsere Tischnachbarn offenbar kennen. Sie lächeln. Ab und zu blubbern ein paar Töne und Silben aus ihnen heraus wie kleine bunte Seifenblasen. Der Mann endet, nimmt unseren Beifall entgegen und erklärt etwas zu dem Lied. Wir verstehen kaum, was er sagt, aber immerhin soviel, dass wir wissen: Es geht um traditionelle neapolitanische Lieder. Kein Rumäne. Die Beiden am Nachbartisch scheinen den Mann zu kennen.
Das Drama draußen geht weiter. Irgendwann fährt einer der Blitze mitten zwischen uns: Fast gleichzeitig fällt uns ein, dass wir die kleinen Fenster an unserem Schiff noch offen haben. Das machen wir oft, wenn wir das Schiff verlassen. Aus Lüftungsgründen. Wir Idioten! Das haben wir doch in Castellamare schon erlebt! Wie schnell aus einem Gewitterchen ein infernalisches Flutungs-Szenario wird. Mir fällt zu allem Überfluss noch ein, dass meine Kamera offen unter einem dieser kleinen Seitenfenster liegt. Erster Impuls: Nichts wie hin! Retten, was zu retten ist! Zweiter Impuls: Sinnlos! Erstens ist es eh zu spät. Zweitens haben wir die mühsam aufgebaute Gangway-Konstruktion abgebaut. Bis wir die wieder so eingerichtet haben, dass wir irgendwie auf’s Schiff kommen, sind wir nicht nass bis auf die Haut, sondern bis auf die Knochen. Unsere Stoßgebete, dass es bitte, bitte nicht so schlimm sein möge, wie wir befürchten, werden begleitet von den lieblichen Klängen eines neuen neapolitanischen Liedes.
Gnädigerweise hört der Regen dann tatsächlich irgendwann auf. Wir gehen zurück. Fummeln provisorisch die Planke ans Schiff. Steigen mitten hinein in das Drama. Im Salon und in einem Teil der Schlafkabine ist vieles nass. Manches klatschnass. Die Kamera hat richtig was abgekriegt. Schweigend machen wir uns an wenigstens ein bisschen akute Schadensbegrenzung. Die Liebste die Bettwäsche, das klatschnasse Hafenhandbuch, die Schuhe und vieles mehr. Ich die Kamera. Mit Küchentuch und Messer versuche ich möglichst viel Nässe aus den Ritzen zu bekommen. Wir hoffen beide inständig, dass das Wasser nur oberflächlich geblieben und nicht wirklich eingedrungen ist.
Irgendwann gehen wir inmitten des improvisierten Trockenraumes schlafen. Schlafen ein. Werden wach. Können nicht wieder einschlafen. Scheißnacht.
Polinaru und wir: Das ist keine Erfolgsgeschichte. Und sie hat einen Höhepunkt, den wir dämlicherweise auch noch selbst verschuldet haben.
(Maratea)
Ob es daran liegt, dass dieser kleine Hafen mit einem Dorf drumrum und einem centro storico oben am Berg auch von einer Statue einer heiligen Figur beschützt wird?
Maratea empfängt uns ganz anders als Palinuro und hält uns ganz anders. Vom jungen Mann, der uns als ormeggiatore empfängt bis zu der Stimmung im Hafendorf und weiter oben im centro storico. Alles ist einladend und freundlich. Selbst noch beim Abschied bekommen wir eine Zugabe. Der junge ormeggiatore nimmt zum ersten Mal seine Spiegelsonnenbrille ab und uns bleibt mal kurz die Luft weg, welch nette Augen dieser Mann hat.
Zum ersten Mal begegnen wir allerdings auch dem Herbst. Über die Badeschildkröte, die schon luft- und lustlos über’n Bootsrand hängt machen wir noch Nachsaison-Späße.
Unsere Wanderung aber hoch in den Berg zum alten Maratea endet bei 10 Grad weniger und mit dem Kauf von zwei Pullovern, weil wir naiven Sommersegler wie üblich kurzärmlig und kurzbeinig hier hoch gestapft sind.