17. September 2018

(Ankerbucht bei San Nicola)

Am frühen Nachmittag, als wir dieses kleine Paradies finden, sind noch ein paar unverzagte Nachsaison-Genießer*innen am Strand nahebei. Einige wagen sich sogar schwimmend oder kletternd in ‚unsere‘ Bucht. Aber am späten Nachmittag sind wir ganz allein. Glauben wir.
Ich taste mich mit dem Beiboot ans felsige Ufer heran und finde tatsächlich einen Platz, wo ich es lassen kann. Dann kraxel ich hoch. Fotografiere unser einsam daliegendes Schiff.

San Nicola Segelyacht vor Anker

Auf dem Rückweg höre ich ein merkwürdiges Surren. An einer Biegung fällt mein Blick in eine versteckte Seitenbucht. Unten sehe ich ein Paar und einen einzelnen Mann. Der Mann des Paares hilft einer Frau gerade in ein Brautkleid.San Nicola Bucht Hochzeitspaar

Der einzelne Mann steuert eine Drohne. Hier entstehen gerade die ultimativen Hochzeitsbilder. Hoffentlich.

18. September 2018

(Cetraro)

La vera Italia

Es ist so schön das zu erleben. Du steigst vom Schiff. Du schaust Dich um. Ein großer Yachthafen, in dem aber kaum noch Betrieb ist. Was uns einerseits freut, was aber andererseits auch einen Hauch von Trostlosigkeit hat. Das Hafengelände noch gepflegt und einladend. Das Drumherum ganz und gar nicht. Verfallende Gebäude. Gerümpelecken. Müll. Autowracks unter schiefen Strohmattendächern. Hier würde ich tausend und ein grandioses Foto zu meiner Serie „Was vom Leben übrigblieb“ machen können.
Kaum Menschen unterwegs.
Und als die Sonne hinter einen trüb-orangenen Grauschleier sich verdrückt hat, folgt die dazu passende Melancholie.
Trotzdem stürzen wir uns hinein in diese Welt.
Und kaum haben wir die ersten Kontakte, fühlt sich wieder alles ganz anders an. Da sitzen auf wackeligen Stühlen hinter einer schon sehr siechen Strauchhecke zwei ältere Paare vor einem Kiosk, der wirkt, als wäre er kaum mehr als eine mit Chipstüten und Zigarettenschachteln notdürftig umfunkionierte Garage. Die vier nuckeln alle an einer Bierflasche und plaudern. Wir fragen nach einem Restaurant und einem Lebensmittelladen. Die Gesichter der Vier hellen sich auf. Wort- und gestenreich beschreiben sie uns Wege. Wir verstehen zwar wie üblich nur die Hälfte, aber wir baden in der Freundlichkeit. Außerdem behält man hier eh nie die ganze Wegbeschreibung. Man fragt ja an der nächsten Ecke wieder. Fast hätten wir uns spontan dazugesetzt und auch ein Bier getrunken. Die nächste Ecke, wo wir wieder nach dem Weg fragen. Ein älterer Herr, der seinen Hund Gassi führt. Wieder wort- und gestenreiches freudiges Geplapper. Wir finden den Lebensmittelladen. Er ist eigentlich zwei Läden. Vorne ein Stoff-, Näh-, Putzmittel-, Hausarbeitsladen. Hinten ein Lebensmittelladen. Vor den Läden eine ältere und eine jüngere Frau auf einer wackeligen Holzplanke als Bank. Die Hauswand als Rückenlehne. Beide stehen auf. Bedienen uns drinnen. Wir bezahlen und hantieren noch ein bisschen mit den Taschen. Die beiden sind schon wieder draußen. Als wir gehen, verabschieden sie uns mit einem wunderbaren Lächeln.
Das Restaurant, das uns empfohlen worden war, ist uns zu weit. Wir nehmen einfach die nächstbeste Pizzeria. Sie ist leer. Ein Mann empfängt uns lächelnd. „Suchen Sie sich einen Tisch aus.“
Im weiteren Verlauf des Abends stellt sich heraus, dass er gebürtiger Engländer ist, der seit vielen Jahren in Cetraro lebt und da jetzt eine recht neue Pizzeria versucht am Laufen zu halten. Im Hintergrund läuft erst Tottenham gegen Inter und dann Liverpool gegen Paris St. Germain. Die Gäste, die später noch kommen, schauen mit. La vera Italia.

19. September 2018

(Cetraro – Vibo Valentia)

Tief einatmen

Die Liebste macht ein Nickerchen auf der Sitzfläche im Cockpit. Ich träume am Ruder so vor mich hin. Irgendwas im Augenwinkel weckt mein Interesse. Intuitiv fühle ich: Das gehört da nicht hin. Ich schaue auf und sehe einen kleinen Vogel knapp über der Wasseroberfläche vorwärtsflattern. Ach so, ja, klar, Vögelchen. Denke ich träge. Nichts Ungewöhnliches. Es braucht eine ganze Weile, bis meine dösig vor sich hin dümpelnden Synapsen die richtigen Schaltwege gefunden haben und mir signalisieren: Kleines Vögelchen flattert knapp über der Wasseroberfläche? Hier draußen? Weit vom Land entfernt! Sehr, sehr weit! Kann nicht. Ich schau nochmal hin. Leider ist das Vögelchen weg. Ich will die Synapsen schon anweisen, das Ganze einfach unter „Hirngespinst“ abzubuchen, da stieben plötzlich gleich drei Vögelchen aus dem Wasser. Ziehen flatternd 30/40 Sekunden eine schnurgerade Flugbahn übers Wasser und tauchen wieder weg. Manchmal schießen gleich 5 oder 6 gleichzeitig aus dem Wasser. Beim Übergang Wasser-Luft ziehen sie wie in geplanter Formation mehrere symmetrisch in einem leichten Winkel auseinanderstrebende getupfte Linien über die Wasseroberfläche und schießen dann in genau dieser Formation auseinander. Fliegende Fische. Ich versuche mir das vorzustellen. Sie wimmeln unter Wasser hin- und her. Haben Bock, ein bisschen über Wasser zu tauchen. Ziehen sich noch mal so eine richtige Dosis Sauerstoff aus dem Wasser, halten dann die Kiemen an und versuchen so lange wie möglich über Wasser zu bleiben. Erst, wenn es den Kiemen schon ganz, ganz eng wird, tauchen sie wieder ein und saugen prustend neuen Sauerstoff.

19. September 2018

(Vibo Valentia)

Dieser Hafen hat gute Chancen, die Challenge „Lieblingshafen“ zu gewinnen.
Nach einer sehr schönen, aber auch sehr langen Fahrt, die ganz lange unter einer leichten Gewitterdrohung stand, kommen wir in Vibo an. Wie üblich kündigen die ormeggiatori an, dass sie uns im Schlauchboot entgegen kommen. Sei nähern sich. Einer von ihnen, Michele, klettert vom Schlauchboot zu uns auf’s Schiff. Er ist überaus freundlich und zugleich überaus zurückhaltend. Zuerst erklärt er uns, wo wir hin müssen. Dann fragt er scheu, ob er jetzt das Ruder übernehmen könne. Kurz danach steuert er das Schiff mit unglaublicher Ruhe sehr, sehr langsam und aufmerksam durch enge Durchfahrten, an Mooringleinen und Yachten vorbei in eine enge Lücke. Das alles ohne ein Wort zu sagen. Und trotzdem uns freundlich zugewandt.
Was für ein Empfang. Und als wäre das nicht schon genug, taucht, als wir schon im Cockpit sitzen und uns der Frage nähern, wie der Nachmittag jetzt weitergeht, eine junge Frau mit einem Tablett auf. Darauf stehen zwei Gläser mit einer weißen Füllung und einer bräunlichen Soße drauf. Sie gibt uns zu verstehen, dass das für uns sei. Ein kleiner Willkommensgruß der „Marina Carmelo“. Crema mandorle con salsa al caramello.

Begrüßung im Hafen mit Mandelcreme

Geschenkewochen.

 

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Angela

Felsen im Meer vor San Nicola

Sonnenuntergang Maratea

Palinuro Martin

Cilento Aufgeblähtes Hauptsegel

Die Wochen 9+10

Stationen:

Vibo Valentia – Vibo Marina,
Tropea,
Taureana,
(Bagnara),
Reggio di Calabria,
Messina,
Milazzo,
Lipari – Porto Pignataro

17. September 2018

Abschied nehmen

Abschied nehmen
Kann man auch Abschied geben?
Und wenn man Abschied genommen hat
Hat man dann den Abschied?
Kann man also Abschied haben?

Seh’n wir uns morgen?
Du, sorry, ich kann nicht, ich hab Abschied.

Vielleicht kann man Abschied
Nicht nehmen
Vielleicht kommt Abschied
Und geht.
Und wenn du ihn merkst
Ist er schon viel früher gekommen
Und wenn du denkst, er sei gegangen
Bleibt er länger, als Du glaubst.

Wenn du ihn spürst, ist es
Als würdest du eine Sonnenbrille abnehmen
Erst dann weißt du
Dass schon lange dein Tag
Abgedunkelt war.

Vielleicht kann man Abschied
Zu sich nehmen wie eine Speise
Annehmen wie eine Gabe
Einnehmen wie eine Medizin.
Abschied, der schon da ist
Nehmen.

 

17. September 2018

(Maratea)

Im Rückblick kommt es mir vor, als habe die Zeit der Abschiede schon am begonnen.
Mit zwei Kleidungsstücken.
Der schicken hellblauen Italo-Sommer-Badehose, die ganz leicht transparent war, wenn sie nass war. In der ich mir so sexy vorkam. Ich habe sie wahrscheinlich beim Aufbruch in Maratea verloren. Dabei war sie, wie es sich für einen Segler gehört, mit einem fachmännischen Knoten zum Trocknen irgendwo an der Reling angebunden. Offensichtlich nicht fachmännisch genug.
Wer weiß, vielleicht nehmen die Badegelegenheiten eh ab. Auch in Italien wird es mal Herbst. Dann komm ich auch mit einer Badehose weniger aus. Oder sogar ohne.
Das zweite Kleidungsstück ist eine warme Kapuzenjacke. Nach dem Frieren oben in Maratea scheint klar: Anders als die Badehose werde ich die Jacke jetzt öfter brauchen.

21. September

(Vibo Valentia – Vibo Marina)

Dieser Abschied beginnt mit einem liebevollen Willkommen.
Wir sind ein bisschen spät dran. In ganz schicker Schreibe könnte es jetzt heißen: Wir sind schon so lange in Italien unterwegs. Unsere Lebensweise ist schon italienisch geworden. Man ist schon mal ein wenig spät dran. Meistens cinque minuti. Eine Zeitspanne zwischen 3 und 30 Minuten. So wie trecenti metri – dreihundert Meter – eine Strecke zwischen 300 m und 1,3 Kilometer ist.
Aber das wäre romantisch angeberischer Quatsch. Wir haben einfach die Dauer des Weges zum Bahnhof falsch in Erinnerung.
Als wir ankommen, sitzen Marion und Martin schon vor dem Bahnhof auf einer Bank. Martin hat die Arme nach hinten gestreckt. So kann er den Oberkörper ein bisschen nach hinten biegen. Der Sonne präsentieren. Marion liegt auf der Bank. Der Kopf auf Martins Oberschenkel. Die Beine baumeln am Ende herunter. Die Beiden haben sich diese Zeit mitten aus Alltags- und Berufs-Betriebsamkeit herausgeschält. Jede Minute Ruhen unter südlicher Sonne zählt. Martin bezeichnet es als „Vollbremsung aus voller Fahrt“.
Wir haben einander fast zu viel zu erzählen. Die Worte strudeln heraus und herum und genauso oft stauen sie sich. Am Schiff angekommen aber werden sie sparsamer. Es wird ein bisschen ernst. Abschied weht umher.

Reise mit Gipsarm

Ausgerechnet kurz vor ihrer Segelwoche mit uns hat Marion sich das linke Handgelenk gebrochen. Ausgerechnet in einem Moment heiterer vorfreudiger Ausgelassenheit. Sie darf den Arm zwar bewegen, sie darf aber auf keinen Fall bei einer plötzlichen Auffangbewegung sich mit diesem Handgelenk abstützen.
Sie will aber auf ein Segelboot. Da macht man unablässig solche Bewegungen.
Es hatte im Raum gestanden, das Segeln abzusagen. Da sie aber ohnehin den Flug nicht gecancelt hätten und so oder so hierhin nach Süditalien geflogen wären, haben wir gedacht: Warum dann nicht auch einfach gucken, was wie geht und was nicht? Und erst dann entscheiden, ob wir uns vom gemeinsamen Segeln verabschieden.
Die Entscheidung steht jetzt an. Der Reihe nach probiert Marion, probieren wir alle möglichen Gefahrenquellen aus: Den Weg über die Gangway. Sie verlangt Respekt. Sie fordert Dein Gleichgewicht heraus. Sie bewegt sich mit dem Schiff, nicht mit dir. Sie ist oft steil. Sie hat ein Gelenk in der Mitte. Sie hat kein Geländer.

Segelyacht Gangway

Vier Martinhände am Anfang und am Ende als Sicherheit helfen. Gangway geht. Jedenfalls hier bei ruhigem Wetter.
Niedergang testen. Die kleine enge Treppe nach unten ins Schiff hat auf zwei Stufen rechts und links je eine Stützstrebe, die auf die Trittfläche ragt. Man tritt aus Versehen darauf und kommt aus dem Gleichgewicht. Außerdem sind die Stufen nicht besonders tief. Mit zwei Armen, die die Griffe rechts und links nutzen können, hüpft man hier locker runter. Die Ankunft von Marion hat mich bewegt, mich selbst mal beim Runterhüpfen zu beobachten. Witzig: Ich betrete die Treppe vorwärts vom Cockpit aus, drehe mich auf der zweiten und dritten Stufe um und nehme die letzte Stufe dann rückwärts. Ohne Marion wäre mir das wahrscheinlich 3 Monate lang gar nicht aufgefallen.

Segelyacht Niedergang

Niedergang geht.
Kabine, die kleine Badkammer, die Wege im Salon, – alles geht.
Am Nachmittag fahren wir ein bisschen raus und kreuzen in der Bucht von Vibo Marina. Sehen, wie es geht, wenn das Schiff in Segel-Bewegung ist.
Auch das geht. Jedenfalls bei ruhigem Wetter.
Bei der Rückkehr bekommen Marion und Martin denselben Willkommens-„Cocktail“ wie wir: Crema mandorla con salsa al caramelle.
Willkommen und Abschied.
Auf dem Schiff muss Marion immer die Armbinde tragen, damit ausgeschlossen ist, dass sie den Arm benutzt. Während des Segelns muss sie an einem sicheren Platz sitzen bleiben. Falls wir ankern oder an eine Mooring gehen, wird sie nicht ins Dinghi gehen können. Das schwankt immer enorm, selbst bei ruhigem Wetter. D.h. sie wird auch dann das Schiff nicht verlassen können. Der Törn nach Stromboli z.B. ist damit so gut wie hinfällig, denn dort können wir nur an die Mooring. Abgesehen davon würde es mit der Rückreise für die Beiden schwierig.
Die Wetterprognose für die nächsten Tage ist gut für uns. Ruhiges Wetter. Wenig Wind. Sie gibt am Ende den Ausschlag, dass wir dabei bleiben: Wir werden zusammen segeln und freuen uns sehr.
Die Schönheit einer in Ruhe gefundenen Lösung.
Irgendjemand hatte den beiden den Rat gegeben, bloß nicht mit Menschen zu segeln, mit denen man hinterher noch befreundet sein wolle. Wir wissen nicht, was diesen Menschen zu diesem Rat bewogen hat. Wir wissen aber, dass er Blödsinn ist. Schon dieser Anfang beweist uns das.

 

22. September 2018

(Vibo Valentia Marina – Tropea)

Ein erster richtiger Törn mit Marion und Martin. Es weht ein angenehmer Wind, der uns segeln lässt. Das Meer ist ruhig. Das Handgelenk ist ungefährdet. Spaß kann sich breitmachen. Martin verabschiedet sich als erster ins Wasser. Seine „Vollbremsung aus voller Fahrt“ schüttelt er jetzt gerade prustend und rudernd und platschend ab.

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

 

 

22. September 2018

(Vibo Valentia Marina – Tropea)

Träge treibende Segel-Gedanken

Hilfe und Dank, – ein kompliziertes Gemenge.
Du brauchst Hilfe, willst aber keine Hilfe brauchen müssen.
Du willst, dass die anderen sich amüsieren, aber es schmerzt, weil es dich daran erinnert, was du nicht kannst.
Du möchtest den anderen danken, aber auch zum Ausdruck bringen, dass du sie lieber nicht belasten würdest.
Du willst, dass man dir hilft, aber du willst niemandem zur Last fallen.
Dein eigener Dank erinnert dich umso mehr an deine Hilfsbedürftigkeit.
Für die, die helfen, ist es selbstverständlich zu helfen, aber manchmal auch lästig.
Das dürfen sie sich aber nicht gestatten, denn Helfen ist ja selbstverständlich.
Du freust dich über Dank, wehrst ihn aber auch ab, denn Helfen ist ja selbstverständlich.
Dank nehmen, Dank geben, – geht das auch, wenn man keine Wahl hat?
Und hat man keine?
Und was ist mit Lust und Faulheit? Mit schlechter Laune?
Wohin damit, wenn Helfen selbstverständlich ist?
Was passiert, wenn man keine Lust hat, es aber selbstverständlich ist, man sich dann rettet in „Das kann sie/er jetzt aber wirklich mal selber“, es aber nicht sagt, die/der andere es aber merkt, der Ton etwas spitzer wird, es aber nicht darf, denn es geht ja um Hilfe und um Dank und das sind liebevolle Impulse, und dann das eine oder andere Wort schon die Klinge schärft, für den Fall dass, …?
Am besten, denke ich, nimmt man das alles einfach nicht so ernst. Genießt die Sonne, das Schiff, das selige Lächeln auf all diesen Gesichtern, das Wiegen des Schiffes mit dem Wind, das sanfte Surren der Takelage, das Klackern der Winschen, die dummen Sprüche, die klugen Sprüche, die albernen Scherze, das Schweigen. Das Zeit Haben.
Am besten, man freut sich einfach ernsthaft.

22. September 2018

(Tropea)

Blues-Festival in Tropea

Letztlich weißt du nicht, was dich erwartet, wenn du dich von See aus einer Stadt näherst. Selbst, wenn du diese Stadt kennst. Manchmal schließt sie dich schon im Hafen in ihr großes Herz. Manchmal ist sie sperrig. Manchmal spröde. Manchmal ziert sie sich erst und nimmt dich dann doch auf. Manchmal schmeißt sie dich auch einfach wieder raus.
Tropea reißt uns in seine Arme. Wir klettern vom Hafen aus hinauf in diese wundervolle Stadt. Flanieren ein wenig. Das Versiegen der Touristenströme hilft der behaglichen Stimmung. Wir sitzen auf einer Piazza. Widmen uns einem Eis und einem Aperitif. Wir hören eine verzerrte Gitarre. Heben die Köpfe. Auf der Bühne, die hier aufgebaut ist, tut sich was. Ein Soundcheck. Und schon bei den ersten Tönen wird wahr, was wir vorhin schon gelesen, aber nicht weiter vertieft haben: Tropea-Blues-Festival. Der Soundcheck ein endlos langes Vorspiel. Auch für die Musiker. Mit einzelnen Töne werden die erogenen Zonen im Ohr angefixt. Manchmal lassen die Musiker sich gehen und dann steigen Einzelne ein in das, was der, der gerade dran ist mit dem Check, spielt. Dann schwirrt schwermütig smiling der Blues über den Platz. Alle atmen ein wenig auf. Füße wippen. Lächeln huscht über Gesichter. Dann geht der Soundcheck weiter. „Check, Check! One, Two! Check!“ Roadies, die sich über irgendwelche Stecker beugen, ab und zu eine kleine Rückkopplung. Ein blasiert guckender breit gestreift beanzugter langhaariger Gel-Möchte-Gern-Bluesianer steht neben dem Mischpult und guckt kurzwichtig. Wohl der Manager. Ab und zu leise geraunte Hinweise, die der Mischer per Monitor auf die Bühne schickt. Dann wieder Töne. Dann wieder Fragmente von Zusammenspiel. Und dann, – endlich! Wir sind schon kurz davor, wieder aufzubrechen. Dann endlich schenken sie uns einen Song, den sie zusammenspielen. Mit dem sie den Soundcheck abschließen. 4 Minuten Blueseligkeit.

23. September 2018

(Taureana)

Die Liebste will Basilikum besorgen. Martin will uns heute Abend seine legendäre Tomatensoße kredenzen. Sie kommt nach langen Wegen „doppo la curva“ unverrichteter Dinge zurück. Die Sonne ist untergegangen. Die Dunkelheit, ihr verletzter Ehrgeiz – „klar besorg ich noch Basilikum“ -, dieses unwirtliche Gelände, die Verlassenheit, – ihr ist ein bisschen unheimlich. Ich gehe ihr entgegen. Zusammen betreten wir wieder das Hafengelände. Drinnen hantiert ein Mann an einem Auto. Die Liebste fragt ihn, wo man hier in der Nähe noch Lebensmittel einkaufen kann. Er spricht auch von „doppo la curva“ aber „molto lontano“. Wenn wir wollten, würde er uns eben fahren. Wir haben solche Angebote so oft beschämt abgelehnt. Jetzt nehmen wir es an. Der Mann räumt Kindersitz und Angel-Utensilien auf der Rückbank zur Seite. Wir steigen ein. Die Fahrt ist kurz. Doppo der dritten oder vierten Kurve ist tatsächlich ein kleiner Ort mit einem kleinen Laden. Wir steigen aus. Wir ergattern ein schon ziemlich welkes Basilikum-Sträußchen. Ein Drittel davon ist noch verwertbar. Das reicht. Der Mann fährt uns wieder zurück und erzählt, dass die meisten Fischer, die hier im Hafen liegen, Freizeit-Fischer wären, die auf Thunfisch und Schwertfisch aus sind. Wir sind erstaunt. Wir waren davon ausgegangen, dass es Thunfisch nur noch in entlegenen Gebieten gibt, die man mit Fisch-Fabrik-Ozean-Dampfern aufsuchen muss.
Die Freizeit-Fischer hier im Hafen sind allerdings hyperaktiv. Bis spät in der Nacht kommen sie vom Fischfang wieder. 3 kn Geschwindigkeits-Begrenzung im Hafen? Wird ungefähr so ernst genommen wie Auto-Verkehrs-Regeln. Allgemeines Durch-Schaukeln. Wir auch. Dann, denke ich, sind irgendwann alle wieder zurück und hoffe auf Ruhe. Weit gefehlt. Kaum sind die, die draußen waren, unter Dach und Fach, brechen die anderen auf. Hinein in den Tagesanbruch, der sich mit einem ganz, ganz leichten Schimmer im Osten schon ankündigt.

23. September 2018

(Taureana – Bagnara – Reggio Calabria)

Heute versuchen wir gar nicht erst zu segeln. Wir motoren schläfrig vor uns hin. Es ist so ruhig, dass Marion am Steuer stehen kann.

Segeln mit Gipsarm

… Einhandseglerin.

Wir hören ein leicht röhrendes Geräusch von hinten. Drehen uns um. Eine ziemlich eilige Motoryacht hat die Nase aus dem Wasser gereckt und brunft genau auf uns zu. Wir erschrecken. Verziehen unser Steuerrad. Sammeln uns wieder. Sehen auf der Motoryacht einen Mann, der aufgeregt mit den Armen rudert. Was soll das denn? Brettert ungerührt auf uns zu, als wollte er uns versenken und schimpft auch noch rum??!!
Die Motoryacht kommt noch näher. Der Mann, der mit den Armen rudert, hält etwas in der Hand, womit er winkt. Das ist doch! Na klar! Das sind unsere Schiffspapiere. Wir haben sie im Hafenbüro vergessen.
Von Reling zu Reling Übergabe. Verschämt gestottertes mehrfaches Danke. „Schon gut“ mit Blicken, die auch einen Hauch Ironie enthalten und doch freundlich sind. Dann zieht die Motoryacht wieder von dannen.

24. September 2018

(Taureana – Scilla – Bagnara – Straße von Messina)

Dass ein weiteres Mal ein alter Traum von uns in Erfüllung gehen würde, war ziemlich klar. Dass es heute schon geschieht, nicht.
Wir wollen nach Scilla. Ein idyllisches Postkartenstädtchen in Calabrien. Das Hafenhandbuch legt nahe, dass es hier auch einen kleinen Hafen gibt. Als wir den Hafen anfunken, stellen wir fest, dass es nur Mooringbojen gibt. Das würde für die Lady mit der Armschiene bedeuten, dass sie wahrscheinlich nicht vom Schiff kommt. Was in einem der schönsten Städtchen in Calabrien nun wirklich keinen Sinn macht. Wir drehen um und steuern einen Hafen 3 sm vorher an. Bagnara.
Es gibt schöne und weniger schöne Häfen. Einladende und abweisende. Dieser hier hat aber auch die allerletzten Reste von Idylle abgelegt und kotzt einem einfach seine Existenz vor die Füße. Der Hafen ist belegt von großen Fischfangbooten. Hier ist der größte Teil der Schwertfisch-Fang-Flotte stationiert. Schon diese Kähne haben so gar nichts von der verspielten Romantik der bunten Fischer-Bötchen, die in malerischen Städtchen malerisch an den Kai drapiert sind. Damit wir uns einbilden können, der Fisch, den wir essen, käme nicht von hochtechnisierten Riesen-Fischkillmaschinen, die im Nordantlantik kreuzen und in industriellem Ausmaß ihrem tödlichen Geschäft nachgehen, sondern von zufriedenen Fischern, die im Morgenrot friedlich ihre Netze einholen.
Die hier sind dreckige, funktionelle, große Kampfmaschinen. Abwesenheit von Romantik. Anwesenheit von Arbeit.
Wir drehen eine Runde. Es gibt einen kleinen Schwimmsteg, an dem ein paar kleine Wochenend-Spaß-Motorboote liegen. Hier können wir nicht hin. Ratlos schauen wir uns um. Wir finden nicht mal jemanden, den wir fragen können, wo ein Platz für uns wäre. Die übliche Anfrage über Funk war ergebnislos gewesen. Keine Antwort. Die Anfrage via Telefon mit der Nummer aus dem Hafenhandbuch auch. Wir konnten den Angestellten einfach nicht verstehen. Und Englisch ging nicht. Also einfach rein.
Plötzlich taucht ein junger Mann auf. Er sieht ziemlich verwegen aus mit seinen zausigen, fettigen schwarzen Haaren, dem dreckigen Feinripp-Unterhemd, den Tatoos. Er bedeutet uns mit Gesten, an welchen Platz wir längs gehen können. Dann erklärt er uns etwas, von dem wir aber auch nur verstehen, dass der Hafen für den Tourismus geschlossen sei, dass wir aber trotzdem dort liegen könnten. Außerdem kündigt er seine Rückkehr für 17 Uhr an. Wir verstehen aber nicht, was er uns damit sagen will.
Ich steige vom Schiff und drehe eine Runde. Auf der Suche nach einem Wasserhahn, den wir anzapfen können. Dass es hier keine Elektrizität gibt, war auf einen Blick klar. Der erste Eindruck wird bei meiner Runde auf bedrückend martialische Art bestätigt. Einmal vorhandene Einrichtungen für Gäste wie uns sind nicht nur außer Funktion. Sie sind kaputt. Und nicht nur einfach das. Sie wirken wie lustvoll zerstört. Stromsäulen, die wie umgetreten und mutwillig auseinandergebrochen auf dem Kai liegen. Kabel quellen wie Gedärme aus ihnen heraus. Selbst die obligatorische irgendwann sicher auch mal rote Löschstation ist zerstört. Nur der dicke Schlauch selbst scheint noch intakt. Etwas abseits steht ein kleines Toilettenhaus. Es ist nicht nur einfach verlassen. Die Türen stehen auf. Der Boden ist voller stinkendem Müll. Der Wasserhahn über dem, was einmal ein Waschbecken war, ist aus der Verankerung gebogen und hängt schief über dem Becken. Die Toilettenschüssel ist randvoll mit verschmiertem Papier. Genauer kann ich es nicht beschreiben, weil ich mich schnell abgewandt habe ohne mich zu trauen genauer hinzusehen.
Unmittelbar vor dem Schiff steht kurz unter der Wasseroberfläche gut sichtbar eine Untiefe.
Zwei Männer tasten sich in einiger Entfernung vorsichtig an das Schiff heran. Als Martin sie mit „Hallo“ begrüßt, kommen sie näher, als würde sich hier doch etwas öffnen. Auch sie verstehen wir nicht richtig. Es scheint so zu sein, dass sie uns helfen wollen, in einem Supermarkt einzukaufen und in einer Pizzeria essen zu gehen. Aber sicher sind wir nicht. Selten habe ich den Widerspruch zwischen dem schicken Postkarten-Tourismus, den wir betreiben und dem dreckigen echten Leben so empfunden wie hier.
Für uns alle ist klar, dass wir hier nicht bleiben können. Wir hätten Angst. Eine irgendwie unwirkliche. Geradezu lächerliche. Denn es gibt ja keine sichtbare Bedrohung. Im Gegenteil. Immerhin haben drei Personen zu uns Kontakt aufgenommen. Der junge Mann ist extra um den ganzen Hafen gelaufen, um uns einen Platz zum Anlegen zu zeigen.
Trotzdem Angst. Ich fantasiere, dass wir womöglich nachts überfallen werden. Oder dass das Schiff geplündert wird, wenn wir es für einen Landgang verlassen würden. Und schäme mich zugleich dafür. Ich armseliges verwöhntes Wohlstandslandei zucke bei der ersten Begegnung mit dem Schmuddel schon klitzekleinmütig zusammen.
Wir brechen wieder auf. Zum ersten Mal steht die Liebste auf dem Vorschiff und gibt Zeichen, die uns helfen, jetzt hier nicht auch noch aufzusetzen.
Der nächste mögliche Hafen liegt weit entfernt hinter der Straße von Messina. Reggio Calabria. Die Liebste und ich haben schon oft davon geträumt hier herzusegeln. Natürlich mit der Vorstellung, das feierlich vorzubereiten und zu begehen. Wie es sich für die Erfüllung eines Traumes gehört. Davon müssen wir uns verabschieden.
Jetzt stolpern wir eher hinein. In aller Eile studieren wir die Gegebenheiten.

Karte studieren

Hier herrscht immer Strömung. Zum Teil sehr starke. Hier herrschen fast immer besondere Wind- und Wellenverhältnisse. Nicht umsonst war diese Meerenge schon bei Odysseus und Kollegen so gefürchtet, dass sie die Kulisse für allerlei gruselige Mythen bildet.
Passend zu diesem besonderen Ort braut sich über Sizilien ein Wetter zusammen.

Straße von Messina Wetter zieht auf

Es herrscht ein Betrieb wie in einem großen Bahnhof.
Ozeandampfer in zwei Fahrwassern von Nord nach Süd und umgekehrt. Kreuzfahrtschiffe. Unmengen Fähren jeder Art und Größe. Ihre Routen manchmal eindeutig quer zu unserer Fahrtrichtung: Messina – Reggio. Manchmal nicht eindeutig. Sie scheinen auf die Küste zuzustreben und drehen dann doch noch mal parallel. Für uns sind diese Schiffe, die von Land aus gesehen doch eher gemächlich irgendwo langbummeln, allesamt zu schnell. Vor allem die Fähren. Wir sind dagegen langsam. Auch mit Motor. Wir können nicht mal eben einfach so schnell ausweichen. Wir müssen uns großflächig von ihnen freihalten. Aber wie, wenn wir z.T. die Routen nicht vorwegnehmen können. Vier Menschen in höchster Konzentration beobachten über 2 Stunden lang alles, was hier schwimmt.
Als wir uns endlich langsam Reggio di Calabria nähern und damit dem Ende dieses Meerengen-Abenteuers, wird wahr, was der Himmel schon länger ankündigt. Es frischt ordentlich auf. Die Anspannung bleibt. Wir werden mit starkem Seitenwind anlegen müssen. Nicht gerade das, was Segler*innen lieben.
Immerhin: Das übliche Hafen-Funken funktioniert. Es gibt Platz. Wir sollen mal kommen. In der Hafeneinfahrt rudern plötzlich zwei Männer mit den Armen. Beide wollen uns für ihren Hafen gewinnen. Es gibt hier offenbar zwei. Wir kriegen nicht raus, mit wem wir gefunkt haben und entscheiden uns für den näheren, der geschützt hinter einer hohen Hafenmauer liegt.
Der Anlegeplan ist gut. Die Ausführung nicht. Der Ormeggiatore steht auf der Pier und hüpft aufgeregt hin und her. Hat mal diese Mooring-Leine in der Hand, mal jene. Gibt Richtungszeichen, die wir nicht verstehen. Wir sind konfus. Und landen in der Mooringleine unseres Nachbarn an Steuerbord. Zum Glück nur langsam. Erst dann beruhigen wir uns wieder. Lassen den Ormeggiatore rudern, winken und rufen und agieren wieder selbst.
Einladend ist auch dieser Hafen nicht. Aber wir sind sicher da. Das zählt jetzt erstmal. Als i-Tüpfelchen müssen wir die Gangway auf einer dicken Kette ablegen, wenn wir sie betreten. Sicheres gleichgewichtiges Trittgefühl fühlt sich definitiv anders an.
Der Schlusspunkt ist dann Aufregung. Sowohl unsere beiden Nachbar-Besatzungen, wie auch der Ormeggiatore überschütten uns mit der aufgeregten Botschaft, dass Sturm im Anlauf sei und wir in den nächsten Tagen auf keinen Fall wieder ablegen können.
Ihre Unruhe infiziert auch uns.
Wir verabschieden uns von der Unbeschwertheit, mit der wir bisher unterwegs waren, selbst dann, wenn es mal etwas schwieriger wurde. Wir verabschieden uns von Hafen-Idylle. Und vom Schönwetter-Segeln.

25. September 2018

(Reggio di Calabria)

Morgen ist Martins Geburtstag. Die Liebste und ich haben einfach keine Idee für ein Geschenk. Wir haben schon ab und zu dran gedacht. Und dann wieder aufgehört. Ist ja noch Zeit.
Jetzt nicht mehr. Wir streifen am Abend durch ein nettes Vorort-Viertel von Reggio. Ohne Plan. Und dann fällt uns ein Laden vor die Füße. Das Schaufenster ist prall gefüllt mit Deko-Zeugs für alle möglichen Festivitäten. Im selben Moment steht der Plan. Wir erinnern uns, dass Martin vor kurzem in epischer Breite mal erzählt hat von einem besonders leckeren Frühstück. Er wird genau dieses Frühstück bekommen. Er wird ein schönes Luftballon-Gesteck bekommen mit einer 54. Mit Glitzer. Mit Azurro. Mit möglichst viel Italo-Schmalz. Wenn das bis morgen noch klappt. Die junge Frau in dem Laden zuckt nur ganz leicht. Ah – bis morgen –?! Aber dann sagt sie Ja. Zeigt uns Fotos. Macht Vorschläge. Freut sich an unserer Freude. Morgen um halb 10 können wir es abholen.
Dieser Erfolg ermutigt uns. Wie wäre es, wenn wir auch noch eine kleine Italo-Geburtstagstorte in einer Pasticceria bestellen? Am Ende der Straße ist eine. Hier gibt’s kein Zucken. Scheint normal zu sein, für den nächsten Morgen eine Geburtstagstorte zu bestellen. Die ja dann heute Abend oder morgen sehr früh gemacht werden muss??!!
Wir kaufen die Zutaten für das Frühstück und gehen glücklich wieder zurück.
Alte Blues-Weisheit: All good things come to those who wait.

26. September 2018

(Reggio di Calabria)

Geburtstags-Ballon-Gesteck

Der eine Martin verabschiedet ein vergangenes Lebensjahr.
Der andere eine Geburtstagstorte.
Wir, die beiden Martins, holen, wie gebucht, um halb 10 das Luftballon-Gesteck und die Geburtstagstorte ab. Wir balancieren kichernd beides in einen Schönheitssalon. Hier möchte die Liebste heute Nachmittag sich eine Pediküre gönnen und bat uns, auf dem Weg einen Termin zu machen.
10 – 15 Kosmetikerinnen und 10 – 15 Frauen auf Friseurstühlen drehen sich zu uns um, als wir das Luftballon-Gesteck und die Torte in den Laden balancieren. Sie scheinen uns sehr deutlich zu verstehen zu geben, dass wir hier eigentlich nichts verloren haben und dass sich jetzt hier auch niemand um das kümmern kann, was wir wollen, was auch immer es sei.
Trotzdem kommt eine Dame zur Empfangstheke und fragt pflichtschuldig, was unser Begehr sei. Bei der Verabredung des Termins kommt es wie immer zu einem kleinen Gespräch, bei dem die Dame immer freundlicher wird. Ah – auf einem Schiff. Wie lustig. Natürlich kann ihre Frau kommen. Wir halten immer Termine frei für Spontanbesuche. Wie heißt sie? Wie ist ihre Handy-Nummer, falls etwas Unvorhergesehenes…? Ob der Termin ein Geschenk sei. Warum? Ja wegen der Luftballons und der Torte. Ach so, nein, die sind für den hier. Ich zeige auf den anderen Martin. Der hat heute Geburtstag.
Der ganze Laden verändert sich schlagartig. 10 – 15 Paare an Friseurstühlen flöten aufs Freundlichste „AUGURI!!“
Zurück am Schiff balanciere ich die Torte über die Gangway. Ich stelle sie auf der Sitzfläche im Cockpit ab. Froh, dass wir Ballons und Torte heil durch den stürmischen Morgen gebracht haben.
Vergesse die Torte. Und setze mich …

platt gesessene GeburtstagstortPlatte Geburtstagstorte anschneiden

27. September 2018

(Messina)

Neptun Messina

Angsthase! Pfeffernase! Morgen kommt der Osterhase!
Neptun. Er kann nicht nur Stürme entfachen. Er kann sie auch beruhigen. Auch in uns. Er steht zum Glück direkt am Hafen. So beginnen wir unter seinem Arm zu reden. Gehen in Gedanken noch einmal zurück zum Morgen.
Heute wieder ein Abschied. Marion und Martin werden den zweiten Teil ihres Urlaubs antreten. Noch eine Woche Tropea.
Der Wind scheint sich so weit beruhigt zu haben, dass wir die Überfahrt zurück nach Messina wagen können. Auch die Wetterberichte und der Ormeggiatore halten es heute für möglich. Morgen eher wieder nicht mehr.
Wir studieren die homepage mit der Strömungsvorhersage für die Straße von Messina. Sie ist in den nächsten 3 Stunden noch günstig für die Überfahrt nach Messina. Danach ist sie extrem ungünstig. Strom gegenan mit z.T. mehr als 3 Knoten.
Der aktuell milde Wind, die Strömung, – … plötzlich ist klar, dass wir uns den ruhigen Abschied mit traurigem Winken auf dem Bahnsteig genau betrachtet eigentlich nicht erlauben können, wenn wir nicht eine weitere Nacht in diesem unwirtlichen Hafen verbringen müssen wollen.
Also ein eiliger Abschied. Von unseren Freunden und von hier.
Von Anfang an ist mir mulmig. Ich glaube nicht der trügerischen Windruhe. In den letzten Tagen ist der Wind am Morgen erst wild gewesen, hat sich dann beruhigt und ist am Mittag umso heftiger zurückgekommen. Trotzdem brechen wir hastig auf.
Kaum sind wir draußen, frischt der Wind auf 6-7 Bf auf. Wir kämpfen mit dem Wind.
Ich kämpfe mit meinem Gemüt. Nein. Eigentlich kämpfe ich nicht. Ich habe schon vor dem Kampf aufgegeben. Ich habe Angst. Weiß mich kaum zu verhalten. Ich schrumpfe zusammen auf einen kleinen engen Knoten. Tief unten irgendwo in meinen Gedärmen. Schaue mit Grauen auf die höher werdenden Wellen. Auf den Windmesser, der immer neue beänstigende Zahlen auswirft. Versuche verzweifelt den wieder sehr lebhaften Schiffsverkehr zu beobachten. Reden geht nicht. Die Angst ist so groß, dass ich sie nicht benennen kann. Als wollte ich sie so aus dem Leben bannen.
Wo sie doch schon längst ist.
Dauernd phantasiere ich Schreckensszenarien. Der Motor fällt aus. Wir können nur noch vor dem Wind ablaufen. Wir treiben irgendwo auf. Schiffbruch. Wir produzieren Bruch im Hafen.
Die Liebste behält kühlen Kopf.
Irgendwann kommen wir an. Mit der Ankunft in Messina beruhigt sich der Wind. Ulrike hat über Funk um Unterstützung gebeten beim Anlegen. Ich hielt das nicht mehr für nötig. Genauso irrwitzig wie die Angst. Der Strom drückt uns mit Macht in den Hafen. Hier können wir gar nicht ohne Hilfe anlegen. Und es wird dann auch richtig kompliziert. Zum Glück helfen die Ormeggiatori nicht nur. Sie steuern das Ganze. Zum Glück ist die Liebste hellwach.
Ich bin ja nur der kleine Knoten.
Während des ganzen Nachmittags treibe ich vor meiner Angst her. Es fühlt sich an wie ein schlimmer Kater.
Erst am Abend können wir reden.
Richtig sortiert kriege ich, was ich heut Nachmittag erlebt habe, nicht. Ich kann nur Elemente benennen. Meine Angst hat etwas Vegetatives. Etwas Traumatisches. Als hätte es irgendwann eine schlimme Angst gegeben, die in mir weitergärt, ohne dass ich wüsste, was für eine es wäre und woran sie sich einst entzündete.
Sie ist unselig verknüpft damit, dass ich glaube, mir Angst eigentlich nicht erlauben zu können. Als Mann nicht. Schon gar nicht als Segler. Als SeeMann. Da sollte ich groß, stark, bärtig, entschlossen und mutig sein.
Sie ist unselig verknüpft mit der tiefen Überzeugung, dass irgendwann auffliegt, dass ich eigentlich gar nichts kann. Bei allem, was ich tue. Auch und schon gar nicht bei schwerem Wetter sicher und mutig eine Yacht führen. Dass es eigentlich wahnsinnig ist, dass so ein Weichei wie ich sowas überhaupt macht.
Sie ist unselig verknüpft mit der Not, dass all dies im Rucksack mir verbietet, um Hilfe zu bitten. Denn ich müsste es ja alles alleine können. Als mutiger Segelprofi.
Sie ist unselig verknüpft mit magischem Denken. Wenn ich dies oder jenes getan oder gelassen hätte, wäre jetzt dies oder jenes kein Problem. Wenn ich mehr trainiert hätte, mich in schwerem Wetter zu bewegen, hätte ich jetzt keine Angst. Aber jetzt ist es ja zu spät. Wenn ich ein richtiger Mann wäre, hätte ich sowieso keine Angst. Oder hätte entschieden und wissend heute Morgen gesagt, dass wir nicht auslaufen. Als autoritärer Skipper. Aber jetzt ist es ja zu spät.
Natürlich fällt der Motor nicht irgendwann aus, sondern jetzt. Jetzt – wo es besonders gefährlich wäre. Möglicherweise gab es auch schon Anzeichen. Hat er sich nicht gerade ganz anders angehört? Gleich wird der Windmesser bestimmt die magischen 30 Kn übersteigen. Und dann nähert sich das hier einem richtigen Sturm. Hier in der Straße von Messina ist alles möglich. Und Du hast wieder nicht die richtigen Informationen. Du hast nicht die richtigen Leute gefragt. Du hast Dich vor der Reise nicht vernünftig informiert. Du hast nicht dafür gesorgt, selbst ein Wetterexperte zu sein. Wie alle anderen Segler*innen. Du kannst ja nicht mal eine normale Wetterkarte lesen.
All das sitzt schmerzhaft zusammengequetscht als Knoten in meinen Eingeweiden und macht den Rest von mir als einsame Hülle hilflos.
Es gibt auch eine Verbindung zu meinem Vater. Ich weiß aber nicht, welche. Er scheint mir ein furchtloser, gestandener und entschiedener Mann gewesen zu sein. Ich habe aber keine Erfahrungen, die mir das erlebt belegen. Auch keine Erzählungen. Er hat eine lebensgefährliche Kriegsverletzung erlitten. Als 17-Jähriger. Ich weiß davon aber so gut wie nichts. Jedenfalls nichts von Angst. Ich weiß nur Erzählungen, die bei jedem Mal der Wiederkehr eine andere Färbung angenommen haben.
Ich weiß, dass ich einmal als vielleicht 7 oder 8-jähriger Junge vom Küchenfenster aus ein Gewitter habe aufziehen sehen. Bei den ersten Blitzen habe ich mich furchtbar erschrocken. Meine Mutter sagte dazu seufzend: „Ja, wer weiß, vielleicht geht jetzt die Welt unter.“ Ich weiß, dass in mir etwas regelrecht zerplatzte. Ich rannte in mein Zimmer. Was ich dann tat, weiß ich heute nicht mehr.
All das fördern die Fragen der Liebsten zutage. Ein Gedanke von ihr ist eine Art erste Hilfe: „Dein magisches Denken ist ein bisschen verrückt, denn eigentlich kannst du entweder alles, was du brauchst, um das hier zu bewältigen. Oder du kannst etwas nicht: Dann kannst Du Dir Hilfe organsieren.“
Es ist nichts gelöst. Aber der Kater ist vorüber. Ich gehe später am Abend wieder zuversichtlich auf dieses Schiff zu. Ich bin ihr sehr dankbar.

30. September 2018

(Milazzo)

Wieder erleben wir, dass zwei Ormeggiatore uns abfangen und in einen Hafen mit Schwimmstegen geleiten. Dass das nicht der Hafen ist, in dem wir gebucht haben, wird uns erst beim Bezahlen im Hafenbüro klar. Raue Sitten. Harter Kampf um Einnahmen.

01. Oktober 2018

(Milazzo)

Abschied von Fotos, die ich in Messina und am Anfang in Milazzo gemacht habe. Ich hab sie nicht gemacht. Ich habe zwar auf den Auslöser gedrückt. Aber in der Kamera war keine Karte. Ich bin erstaunt, dass mich das nur mäßig entsetzt.

01. Oktober 2018

(Milazzo)

Statue Eisverkäuferin

Endlich entdecken wir mal ein Denkmal für die eine Personengruppe, die wirklich wichtig ist: Die Eisverkäuferin.

02. Oktober 2018

(Milazzo)

Castello di Milazzo, Steinmetz-Signatur

Im Castello di Milazzo, das wir erklettern, lesen wir, dass Steinmetze in Steinblöcke aus Lavastein oft Signaturen geschlagen haben, damit andere sie identifizieren konnten. Um dann auch Steinblöcke bei gerade diesem Steinmetz zu kaufen, weil sie so besonders gut gefertigt sind.
Wir hatten uns geziert, hier herauf zu klettern. Es ist ja auch weiß Gott nicht das erste Castello, das uns auf unserer Reise begegnet und nach oben lockt. Ob wir uns dies nicht vielleicht … ?
Natürlich klettern wir rauf.
Es ist immer wieder auf faszinierende Art beklemmend: Die Geschichte eines solchen Ortes ist über die mehr als 2000 Jahre so verwirrend und wechselvoll, dass man sie gar nicht darstellen kann. Und dass wir sie nicht verstehen. Schon nach wenigen Info-Tafeln sind wir lost in history. Was wir aber verstehen: Solche Orte scheinen ihren Charakter von Angriff und Verteidigung und Knast nie loszuwerden. Selbst im 20 Jahrhundert nicht. Dieses Castello hat aragonische Kriegsgefangene ebenso beherbergt wie entrechtete Regimegegner im italienischen Faschismus.

Milazzo Castello Burgmauer

 

03. Oktober 2018

(Milazzo – Lipari)

Wir gehen es wie immer an. Studium der Wetterberichte. Sie sagen Ähnliches voraus. Wind aus östlicher Richtung zwischen 3 und 5 Bf. Die WarnApp warnt vor Gewittern über Sizilien. Eine andere App sieht eine leicht erhöhte Gewitterwarnung ab 16:00. Gewitter über Sizilien sehen wir nicht als übermäßig bedeutsam an. Schließlich fahren wir ja von Sizilien weg.
Wir sind lange genug in Milazzo. Außerdem sagen die Wetterberichte Winde aus O voraus. Das bedeutet, dass diese Schwimmstege, die nach Osten offen sind, ungemütlich werden.
Wir brechen früh auf. Von Wind keine Spur. Also tuckern wir per Motor auf das Capo Milazzo zu. Dort wollen wir Kurs auf Lipari nehmen. Einen Hafenplatz haben wir dort schon reserviert. Zwei, drei Seemeilen nach dem Capo Milazzo kommt dann doch zögerlich Wind auf. Wir haben uns gerade ein paar Schnitten gemacht zum Frühstück. Wir wollen die eben noch aufessen und dann Segel setzen.
Daraus wird nichts. Innerhalb von Minuten peitscht der Wind hoch. Die Wellen nehmen bedrohliche Höhen an.
Heute ist es Ulrike, die sich erschrickt und mit Besorgnis kämpft. Ich bin dank unseres Gespräches über Angst und magisches Denken ruhig. Wir werden das schaffen. Segel setzen wir nicht. Eine(r) von uns müsste dafür nach vorne zum Mast. Ulrike müsste entweder das machen oder das Schiff am Ruder im Wind halten, damit wir Segel setzen und ein Reff einbinden können.
Beides will ich ihr im Moment nicht zumuten.
Jede zweite Welle kommt über. Es ist wahrlich ungemütlich und beängstigend. Der Himmel so verdunkelt, dass man das Gefühl von Dämmerung hat.
Meile für Meile kämpfen wir uns vor. Das Schiff stampft unter Protest in die Wellentäler und ächzt wieder hoch.
Das hier ist der endgültige Abschied von friedlichem Sommer-Segel-Wetter. Wir haben die ganze Schwerwetter-Montur an. Sind sogar im Cockpit angeschnallt. Die Zeit will nicht vergehen. Vulcano, die Insel vor Lipari kommt erst nicht näher und zieht dann nur quälend langsam vorbei.
Irgendwann haben wir es dann doch geschafft.
Der Hafen von Lipari liegt einigermaßen windgeschützt und hinter einem großen Wellenbrecher. Wir müssen nicht mit allzu dramatischen Bedingungen beim Anlegen rechnen. Ulrike hat per Funk um „Unterstützung am Steg“ gebeten. Die bekommen wir mehr als genug. Wir werden vom Ormeggiatore in eine Lücke zwischen zwei deutlich größeren Yachten dirigiert. Dort stehen 10-15 Leute an den Relings und nehmen uns in Empfang.
Erleichtert puhlen wir uns aus den Regenklamotten. Erholen uns ein bisschen und tigern Richtung Stadt.
Adrenalin abbauen.
Am Horizont baut sich schon wieder die nächste Front auf. Wir hoffen, dass wir vor ihr in der Stadt und in einer gemütlichen Bar sind. Diese Hoffnung zerschellt schon nach kurzem Weg unter den ersten platschenden Tropfen. Wir wollen uns gerade in einen von Bäumen und Sträuchern wenigstens ansatzweise „überdachten“ Weg drücken, da hält neben uns ein Auto. Die beiden Männer winken uns hinein. Sie fahren uns in den Ort. An einer Kreuzung direkt am Wasser huschen wir über die Straße und springen in eine Bar. Man schickt uns in die erste Etage. Hier sitzen wir. Sind froh, dass wir heil in Lipari angekommen sind. Freuen uns über die Hilfsbereitschaft der beiden Männer. Zweifeln, ob wir das so in Deutschland auch hätten erleben können und schauen uns mit einigem Gruseln das stürmische Toben da draußen an.

04. Oktober 2018

(Rückblick auf Messina und Milazzo)

Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“

Living Postcards aus Messina:

Segelboot als AufzählungszeichenStraßenbahn

Die Liebste und ich steigen ohne groß zu überlegen direkt am Hafen in eine Straßenbahn. Wir wollen einfach bis zur Endstation fahren und gucken. Eine Zeitlang fahren wir am großen Haupt-Hafen entlang. Rechts von uns große, andeutungsweise herrschaftlich aussehende Gebäude. Sehr schön restauriert. Links von uns noch deutlich höhere Fassaden, die alles überragen. Die Fassaden von Kreuzfahrtschiffen. Flach gelegte Hochhäuser. Vor den Fenstern Balkons mit schicken Liegestühlen. Schwarze Großraum-Taxis mit abgedunkelten Scheiben, frisch geputzte vollklimatisierte Groß- und Kleinbusse auf der Pier. Bedienstete, die vor und unter der Gangway wimmeln. Offenbar bricht man gleich auf zu einigen Landausflügen. Wir fantasieren. Die Outdoor-Aktivisten lassen sich zum Ätna fahren und brettern dort mit martialischen Allrad-Monstern rauf zum Gipfel. Die klassischen Stadt-Besichtiger*Innen begeben sich zur Stadt-Rundfahrt in einem dieser roten Mini-Lokomotiven-Züge mit anschließendem Kaffee in der schönsten Pasticceria der Stadt. Vielleicht kann man auch zu einer Partie Golf aufbrechen. Oder zu einer Tour im Kleinbus zu einem schönen Strand etwas außerhalb. Cocktail inclusive. Während wir das fantasieren, wirkt die Umgebung der Straßenbahn allmählich immer weniger aufpoliert und besichtigungstauglich. Ganz langsam bewegen wir uns vom Fruchtfleisch zur Schale. Sie ist hier und da ein wenig angedötscht, aufgeplatzt, verschorft. Ein nicht sehr großer, schlanker, sehr dunkler Sizilianer steigt ein. Er meckert vor sich hin. Sucht immer wieder Blickkontakt zu einem Afrikaner, der uns gegenüber auf der Bank sitzt. Wir verstehen nicht, was der Sizilianer sagt, aber wir verstehen, es geht um Provokation. Der Afrikaner ist sehr verunsichert. Er schaut weg, dann wieder hin, dann wieder weg. Sein Blick ist flüchtig, flatternd. Die Menschen um uns herum sind genervt von dem Geschimpfe. Aber sie steigen nicht ein in das angebotene Kämpfen. Sie suchen nur den Blickkontakt mit dem Afrikaner. Versuchen ihm Beistand zu signalisieren. Versuchen ihm mit Augenbrauen, Haltungen, angedeuteten Handbewegungen zu signalisieren: Hör nicht auf das Gemecker! Lass Dich nicht verrückt machen! Der spinnt!
Als der Sizilianer aussteigt, lässt er noch ein paar Sprüche da. Dann schließt sich zischend die Tür und die Körper und Gesichter entspannen sich. Der Afrikaner nicht. Er schaut auf den Boden vor sich.
Endstation im grauen Alltag in Messina. Auch wir steigen aus. Stromern herum.

Segelboot als Aufzählungszeichen Friseurin

Die Liebste hat beim Abendspaziergang einen Frisiersalon entdeckt und die spontane Idee, sich hier morgen frisieren zu lassen. Sie geht hinein um einen Termin zu machen. Kommt wieder zurück und berichtet, sie brauche keinen. Sie solle einfach morgen früh kommen.
Das tut sie. Und lernt Elena kennen. Elena schneidet ihr kunstvoll die Haare. Mit einem Messer. Und plaudert. Dabei klärt Elena die Liebste über wichtige grundsätzliche Dinge auf. Zum Beispiel darüber, dass Deutschland ein wirklich schönes Land sei. Sie sei einmal da gewesen. Wirklich sehr schön. Nur: Im Kaffee sei zu viel Wasser. Wie übrigens auch im Flugzeug und in Mailand.

Segelboot als AufzählungszeichenLa Modonnina del Porto

Im Yachthafen fragen wir einen Mann, der an seinem Schiff hantiert, wie wir zur Madonna della Lettera kommen, der Statue, die uns jedes Mal aufgefallen ist, wenn wir die Hafeneinfahrt von Messina passiert haben. Er lacht. Was wir da wollten. Wir antworten, dass wir sie uns einfach ansehen wollen. Er lacht wieder. Das machen Sie am besten von hier. Er zeigt auf den Boden. Und erklärt weiter, dass man dort nicht hinkönne. Dort sei abgesperrtes Militärgelände. Erst recht könne man nicht rauf. Man sehe sie tatsächlich am besten von hier.

Segelboot als Aufzählungszeichen Sacrario di Cristo re

Ein Gebäude ist uns bei der Ansteuerung von Messina aufgefallen. Eine Kuppel, die alle anderen Gebäude überragt. Dort kraxeln wir hin.
Es ist das Sacrario di Cristo Re. Mitten auf dem Stufenaufgang stehen zwei Tische. Einige Menschen drum herum. Eine Initiative, die sich um den Erhalt, die Pflege und die „Bewirtschaftung“ historisch bedeutsamer Stätten in Sizilien kümmert, bietet hier eine Führung an. Wir buchen. Ein junger Mann in Schwarz gekleidet begleitet uns. Sehr freundlich, sehr engagiert und sehr eloquent erklärt er uns alles, was zu diesem Heiligtum zu sagen ist. Er scheint selbst bewegt von dem, was er uns hier zeigt. Besonders von der Glocke, die aus eingeschmolzenen Kanonen gegossen wurde.
Wir mögen einander. Wir fragen ihn, wie es kommt, dass er so gut Englisch kann. Er erklärt ganz selbstverständlich, die wichtigsten Basics habe er in der Schule gelernt. So 20%.
Den Rest beim Online-Spielen und überhaupt bei Computer-Spielen.
Er lässt sich gerne mit der Liebsten fotografieren vor der Glocke aus Kanonen-Stahl. Beide lächeln. Das Foto allerdings existiert nur in unserer Erinnerung. Ich hatte in dieser Zeit keine Karte in der Kamera.

Segelboot als Aufzählungszeichen Via XXIV Maggio

Auf dem Rückweg vom Sacrario di Cristo Re kommen wir in einem normalen Wohnviertel an einer Bar vorbei und haben gleichzeitig den Impuls, hier bei einem Aperitif ein wenig auszuruhen. Beim Betreten der Bar stolpere ich und falle auf die Treppe. Ich kann mich beim Fallen nicht abfangen, denn ich habe den Fotoapparat in der Hand. Sofort springt der junge Mann am Tisch nebenan auf. Die Kellnerin eilt herbei. Ebenso der Besitzer. Alle möchten gerne helfen. Erkundigen sich immer wieder, ob wirklich alles in Ordnung sei. Ich würde ihnen gerne sagen, dass mir nichts passiert sei, dass mir nur das Knie wehtut, und dass das morgen bestimmt ein bisschen dick ist. Aber dazu kann ich zu wenig Italienisch. Also: „Tutto a posto, grazie.“
Wir sind jetzt nicht nur Gäste. Wir sind jetzt Menschen, um die man sich kümmert.
Beim Bezahlen fragt die Liebste die Kellnerin, was es mit dem Namen des Cafès auf sich hat. „XXIV Maggio“. „Ganz einfach, das ist der Name der Straße hier.“ Wir schauen auf die Wand draußen gegenüber.
Am Abend versuchen wir herauszufinden, was es mit diesem Tag in Messina auf sich hat. Wir lernen alle möglichen interessanten geschichtlichen Dinge. Aber erst spät wird klar: Der 24. Mai ist der Tag, an dem Italien in den ersten Weltkrieg eingetreten ist. Gegenleistung der alliierten Staaten gegen Österreich-Ungarn und Deutschland unter anderem: Südtirol.

Segelboot als Aufzählungszeichen Kellnerin

Unser langes Gespräch über meine Angst bei der Überfahrt von Reggio di Calabria nach Messina endet mit Bezahlen an der Theke. Eine ziemlich divenhafte Frau hinter der Kasse fragt mich, wann wir wieder fahren. Ich stutze. Hab ich das jetzt richtig verstanden? Was meint sie? Sie legt nach: Sie sind doch mit dem Schiff hier? Ich bin platt. Woher weiß diese Frau, dass wir mit einer Segelyacht im Porto Nettuno liegen. Ich antworte so wahrheitsgemäß wie verdattert, dass wir noch nicht wissen, wann wir wieder auslaufen. Sie wendet sich ab. Sie hat keine Lust, sich weiter mit diesem stotternden Nicht-Wisser zu beschäftigen.
Erst draußen wird mir klar: Wir sind hier in der Nah-Schiff-Bewegungszone von Kreuzfahrtschiff-Passagieren. Die Lady wollte einfach nur wissen, ob heute Abend noch mit zusätzlichen Einnahmen zu rechnen ist.

04. Oktober 2018

(Rückblick auf Messina und Milazzo)

Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“

Living Postcards aus Milazzo:

Segelboot als AufzählungszeichenStrand

Milazzo hat etwas mehr als 31 000 Einwohner. Sagt Wikipedia. Als wir unseren ersten Abendspaziergang vom Hafen aus machen, stellen wir fest: Die 31 000 müssen allesamt jetzt gerade zur Passegiata hier auf der Hafenpromenade sein. So ein unfassbarer Betrieb ist hier. Plus Familienangehörige, die gerade zu Besuch sind. Plus die paar Touristen, die sich hierher verirrt haben. Wir z.B., die wir auf einer Bank sitzen und das Treiben hier Eis-leckend betrachten. Im Hintergrund eine alles andere als malerische Industriekulisse. Verrückt.
Am nächsten Abend wandern wir zur anderen Küste dieser schmalen Halbinsel. Was heißt „wandern“? Es ist ein kleiner Spaziergang. Wir finden einen Traumstrand. Davor eine Straße. Zwischen Traumstrand und Straße: Nichts. Keine Bars für den Sundowner. Nicht mal Reste von temporären, die vielleicht nur während der Saison offen sind. Stattdessen liegen dort drei mittelalte Menschen im Rest des Sonnenlichtes. Kurz vor Sonnenuntergang packen sie ihre Sachen und gehen. Ist kühl geworden.
Wir staunen lächelnd. Wie kann man jetzt gehen? Die Echtzeit-Romantik kommt doch gleich erst.
Die aus Touristensicht viel schönere Küste ist verwaist. Am Lungomare mit Blick auf Öltürme tobt das Leben.

Segelboot als AufzählungszeichenPizzeria

Rechts vom Hafen liegt erhöht in einiger Entfernung ein großes, halbrund geformtes Gebäude mit vielen Fenstern und kleinen Balkons in Richtung Bucht von Milazzo. Wir fragen uns, was das wohl für ein Gebäude ist. Ein Hotel? Eine Altenresidenz? Ein Krankenhaus? Wir fragen einen älteren Herrn. Er kommt aus einem Haus im Schatten dieses Gebäudes. Er schaut erstaunt hin. Und weiß es auch nicht. Aber er empfiehlt uns eine Pizzeria in der Nähe, falls wir ein Restaurant suchen.

Segelboot als AufzählungszeichenEnnoteka

Eine kleine feine Ennoteka vis-à-vis vom Lungomare. Hier gibt man sich kleinen feinen Genüssen hin für großes Geld. Vornehmlich Männer. Einer betritt den Laden mit einer sehr viel älteren Frau. Vielleicht seine Mutter. Er dirigiert sie an einen Tisch neben uns. Mehr Tische gibt es nicht. Draußen noch zwei, drei Tische mit Barhockern. Hier drinnen passiert’s im Stehen. Ein Gast, der schon hier war, begrüßt den neuen Gast. Man kennt sich. Man ist vertraut. Fasst sich an. Gibt angedeutete Wangenküsse. Einer der Kellner reagiert auf den neuen Gast laut, freudig und mit einem hüpfenden Gang hinter der Theke weg zu ihm. Schnell ist klar: Der Neue hat heute Geburtstag. Der Gast, der schon da war, ist ein wenig beschämt, dass er es vergessen hat. Mit lachend vorgetragenen Entschuldigungen verlässt er den Laden. Kurze Zeit später kommt er wieder. Er übergibt dem Geburtstagskind eine schicke kleine Papiertasche aus einer Parfümerie. Geburtstagskind packt aus. Währenddessen öffnet der Kellner eine erste Flasche Schampus. Oh, wie schön!! Eine Fläschchen Parfüm. Es wird natürlich sofort probiert und wortreich kommentiert. Auch der Mama gefällt der Geruch.
Nach dem ersten Gläschen betritt ein weiterer Mann den Laden. Er hat auch ein kleines Geschenk dabei. Er hat offenbar dran gedacht. Geburtstagskind packt aus. Unter dröhnendem Gelächter und vielen Scherzen, die wir alle nicht verstehen, tritt zutage: Ein Fläschchen Parfüm. Exakt dasselbe. Nur die Flasche eine Nummer kleiner. Die die Schampus-Gläser werden sofort lachend nachgefüllt.

Segelboot als AufzählungszeichenFischer

Ein weiterer Traum wird wahr. Unmittelbar neben dem Yachthafen sind mehrere Fischer-Kooperativen, die hier an kleinen Tischen direkt nach der Rückkehr vom Fischfang ihre Beute verkaufen. Wir streifen daran entlang. Unten, direkt vor den sanft ausplätschernden Wellen, hantieren zwei Leute mit etwas Größerem. Wir schauen genauer hin. Es ist ein Rochen von bestimmt 1,50 Durchmesser. Die beiden schneiden Filetstücke heraus. Ich hebe die Kamera. Noch bevor ich fragen kann, gibt mir einer der beiden mit heftigen Gesten zu verstehen, dass er nicht fotografiert werden will. Ich drehe mich weg. Ein Fischer hier oben hat die Szene beobachtet. Er lächelt und zuckt mit den Schultern. Er lädt mich ein, ihn zu fotografieren. Er posiert sogar ein bisschen für mich.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Fischer in Milazzo

Hafen, spielende Kinder

Hafenmauer am Abend

Martin am Ruder

Fischerboot vor Tropea

Flagge zerrissen

Koch Tropea

Drei Monate Segeltour in Italien
Nachlese in Living Postcards

Und dann war da noch …

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der äußerst streng riechende Käse, den ich mir vom Hafenfaktotum Saverio in Reggio di Calabria habe andrehen lassen. Ich versteckte ihn vor der leidenschaftlich leidenden Käsehassernase von Martin im Kleiderschrank von der Liebsten und mir. Und vergaß ihn. Dicke Luft in doppeltem Sinn, als sie ihn entdeckte.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der eiskalt verhandelte Bikini-Deal der Liebsten in Maratea. 30% statt 10%.
Gewinn.
Nicht nur wegen des Preisvorteils.

Bikini-Lady

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das Schlechte-Laune-Selfie

Selfie schlechte Laune

Segelboot als Aufzählungszeichen

… die sehr entspannende Fußpflege, die sich die Liebste in Reggio di Calabria angedeihen ließ. Im Hintergrund lief das Radio und bei bestimmten Songs sangen die Bediensteten und die Kundinnen im ganzen Laden gut gelaunt mit.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… die „Dance-The-Mediterranean-Sea“-Tanzeinlage.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das während unserer Reise mehrfach mit wechselnden Namen angewendete selbst komponierte Geburtstagslied.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… Elisa, die überaus kultivierte Musiklehrerin, bei der sich die Liebste in Messina nach dem Weg zum Friseur erkundigte. Sie wusste den Weg nicht, fand aber ohnehin, dass die Liebste besser zu dem Friseur gehen sollte, den sie selber bevorzugte. Sie versorgte die Liebste auch noch mit weiteren wichtigen Informationen, z.B. der, dass Messina früher viel schöner gewesen sei, es aber bei dem Erdbeben fast vollständig zerstört und dann nicht so schön wieder aufgebaut worden sei. Außerdem erfuhr die Liebste, dass Elisa auch einmal in Mailand gearbeitet habe. Das habe sie aber abgebrochen. Es sei ihr dort einfach zu kalt.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der Spruch der Woche von der Liebsten, nachdem wir ausgiebig das Strandleben im Amalfi-Hotspot Positano studiert hatten, incl. der aktuellen Bikini-Trends:
Und is dat Föttschen noch so klein, so willet doch jewackelt sein.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… die „hochseetaugliche“ Konstruktion, mit der man auf unserem Schiff Kaffee kochen musste.

schiffsuntaugliche Kaffeekoch-Konstruktion

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der intellektuelle, studierte Sohn, der seinem Vater in der Salumeria in Seccheto half, und der die Liebste darüber aufgeklärte, was denn die ganzen mit Wasser gefüllten Flaschen sollten, die hier vor dem Laden und auch vor anderen Häusern stünden. Der Sohn erzählte, dass man mal gedacht habe, dass diese Flaschen Katzen und Hunde davon abhalten würden, hier ihr Geschäft zu machen. Das funktioniere aber in Wahrheit nicht. Andererseits aber doch, weil diese Flaschen die Aufmerksamkeit der Hunde- und Katzenbesitzer auf dieses Problem gelenkt und dadurch indirekt doch funktioniert hätten.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das Kreieren eines neuen Dokumentationsformats: das 360 Grad-Film-Filmchen durch die Liebste.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der Amerikaner, der uns aus dem Niemandsland den Weg nach Lipari beschrieb. Wir sollten an einer Stelle nach links abbiegen. Wo war das nochmal? Ach ja. Eine kleine Kapelle mit Namen „San Bartholomeo“ (amerikanisch ausgesprochen Sän und Bartholomeo mit fettem Tie Äitsch) „Or however it sounds like in Italian…“

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das Straßenkünstler-Paar in Rom, das mich so begeisterte. Und bei dem ich erst ganz spät verstanden habe, warum sie ihre „Gesichter“ vor mir versteckten, so dass ich sie nicht fotografieren konnte. Erst ein sehr direkter Hinweis auf die Dose vor ihnen brachte Erkenntnis: Sie hatten keins.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… die sehr coole Einkaufswagen-Aktion der Liebsten im Hafen von Reggio di Calabria.

Einkaufswagen auf der Hafenmauer

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das Mädchen, das in einem Anfall von selbstvergessenem Exhibitionismus auf der Hafenmauer von Ventotene tanzte.

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der super passend angebrachte Aufkleber, man möge das Schiff bitte nicht mit Straßenschuhen betreten. Er klebte über dem Niedergang. Wenn man rauskletterte, konnte man ihn von drinnen lesen.

Acht Aufkleber Straßenschuhe

Segelboot als Aufzählungszeichen

… das delikate Gebäck in einem Cafe am Rand von Positano.

Gepäck in delikater Form

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der furchteinflößende Wachhund in Pizzo.

furchteinflößender Wachhund

Segelboot als Aufzählungszeichen

… der Treppenaufgang für Rollstuhlfahrer in Santa Marinella. Peter entdeckte ihn, während er Astrid im Rollstuhl schob und eine Stelle suchte, an der man eine Ebene tiefer Richtung Strand käme.

Rollstuhlfahrer Hindernis

 

 

 

 

Die Wochen 11+12

Stationen

Lipari (Porto Pignataro)
(Vulcano)
Salina
(Panarea)
Lipari
Taureana
Vibo Valentia Marina
Tropea

04. Oktober 2018

(Lipari)

Männercrew

Diese Welt kennen wir von vielen Segeltörns. Und doch begegnet sie uns auf unserer Reise hier zum ersten Mal. Männercrews, die im Cockpit einer Segelyacht sich für eine oder zwei Wochen zusammendrängen. Einer dieser Männer hier, einer der wenigen, mit denen man sprechen konnte, hat das, die „heilige Woche“ genannt, die man „von zuhause weg darf“. Die Yacht ist groß genug. Und doch sieht sie zu eng aus. 8 Kerle. Da kommt eine Menge Mensch zusammen.
Die Schwimmstege hier in Lipari drücken die Schiffe mit diesen Crews dicht an dicht aneinander. Nebeneinander. Gegenüber. Mit unserem 10m-Schiff kommen wir uns klein vor. Mit unseren zwei Menschen beinahe unterbesetzt.
Fast alle reden zu laut. Viele rauchen. Regelmäßig platzen kehlige laute Lacher aus den Runden. Wieder eine lustige Segelgeschichte. Seemannsgarn, das sich zu voluminösen Seemannstauen aufbläht und dann wieder wegschrumpft. Je dunkler es wird, um so mehr sind die Geschichten und die Lacher angeschoben von Alkohol. Man merkt an den Versuchen, ab und zu die Stimme zu dämpfen, dass man durchaus etwas von ‚Nachtruhe‘ weiß. Aber dann drücken die Lustigkeit und der Alkohol den Pegel doch wieder hoch.
Russische Crews sitzen auch am späten Abend gerne noch mit den nackten Oberkörpern, die sie den ganzen Tag schon vorgeführt haben. Voluminöse behaarte Wölbungen über rutschenden Turnhosen. Teilrasierte Schädel.
Eine dieser Crews direkt neben uns. Um halb drei am Morgen beginnen sie Wodka-schwangere melancholische Tundra-Schlager zu singen.
Ich würde ihnen gerne gesagt haben, dass ich schlafen will, aber ich habe den Moment verpasst, wo ich es noch ohne Zorn herausgebracht hätte. Dann traue ich mich nicht mehr. Ich wälze Formulierungen auf Englisch. Ich verwerfe aber auch sie. Es war den ganzen Tag unschwer mitzubekommen, dass diese Männer kein Englisch können. Italienisch schon gar nicht.
Als ich mich morgens aus der Koje schäle, liegt einer von ihnen schnarchend auf der Cockpit-Bank. Ich schaue mich um. Aus den anderen Schiffen schleppen sich die ersten Kater mit Gesichtern, die genau so verblasst und zerknautscht sind wie ihre vom Charterunternehmen gestellten Handtücher, zuerst zum Klo und dann zur Dusche. Das Toilettenhaus ist viel zu klein für diese Mengen Mensch. Ich stelle mir den Geruch dort vor und das Aussehen der Kloschlüsseln.
Am Nachmittag nach unserer Ankunft war es einfach fremd. Jetzt am zweiten Tag ist es schon bedrückend. Ich kämpfe mit schweren Schüben vorurteilsverklebter Misanthropie.
Ich sehe nur noch diese überdrehten Großmäuler, dieses lächerliche Seebären-Gehabe von Menschen, die einmal im Jahr ein paar Tage auf einer Segelyacht sind und jetzt so tun, als hätten sie die Weltmeere erobert. Ich sehe, dass all diese Abenteurer es nicht für nötig halten zu grüßen. Wenn schon nicht die Kollegen auf den anderen Schiffen, dann doch wenigstens die vielen Menschen, die hier am Steg für sie arbeiten. Nein, auch die nicht. Gerade die nicht. Am schlimmsten die Russen. Sie furchen mit energischen Schritten und unbewegten Fressen durch einen Tunnel, den sie imperialistisch vor sich über den Steg gezogen haben. Und dann stehen lassen für den Rückweg.
Die Gesprächsfetzen, die man gezwungenermaßen von den deutschen Crews mithört, erzählen mächtige Abenteuerszenarien. Wie einer den und den tollen Spruch gemacht hat. Wie einer die und die heikle Situation beim Segeln bewältigt hat. Wie einer die und die total bescheuerten Fehler bei anderen gesehen hat. Wie einer bei Windstärke 8 mit vollem Tuch von da und da runter gebrettert ist. Mit so und so viel Knoten. Wie einer so besoffen war, dass er das und das. Ich höre das und fühle mich klein.
Als die Kater sich einigermaßen regeneriert haben, kündigt sich Aufbruch an. Unfassbare Mengen Müll werden von Schiffen geschleppt. Blaue Säcke, in denen leeren Flaschen klirren. Wir fragen uns, ob diese Müllberge nur von diesen zwei Tagen stammen, die man hier festsaß.
Beim Abräumen des Frühstückstisches, beim Müll-Wegbringen, beim Aufklaren des Schiffes für’s Ablegen kehrt tatsächlich so etwas wie Ruhe ein.
Dann legen die ersten ab. Mit schneidigen Anweisungen und Antworten, wie sie im Lehrbuch stehen, spielt man Seemann. „BACKBORD-MOORING LOS!!“ Einer beugt seinen für dieses Bücken eigentlich zu dicken Bauch über den Knoten. Es wirkt, als würde er noch ein letztes Mal herunterkommen. Unbeholfene Knoten-Knibbelei. „IST LOS!!“ Skipper, die sich beim Ablegen eine anstecken. „HECKLEINE STEUERBORD LOS!!“. Wir schauen uns verwundert an. Das ist die windzugewandte Leine. Wir hätten vermutet, dass sie die als letzte lösen.
Plötzlich entsteht Verwirrung. Das Schiff bewegt sich vom Steg weg, fährt los. Die Achterleine schwimmt bedrohlich lang im Wasser. Hoffentlich kommt die jetzt nicht in die Schraube. Einer bemerkt das. Lautes Rufen. Schimpfen. Stolpern. Reinziehen. Das Schiff biegt während all dem schon aus der Parkposition. Viel zu schnell. Irgendwie geht es trotzdem gut.
Der schneidige Seemanns-Ton passt nicht so recht zur Unbeholfenheit der Bewegungen. Ein Schiff nach dem anderen verlässt uns. Schicke 15-Meter-Yachten mit „Vollausstattung“. Man ist aufgeregt. Jetzt geht es wieder los. Das Meer ficken. Eine der Crews ist sich nicht zu schade, beim Ablegen die Anlage, die selbstverständlich auch Außenboxen hat, aufzudrehen: Rod Stewart. „WE ARE SAI – – LING: WE ARE SAI – LING“. Wir versuchen nicht hinzuschauen, wenn wir schon das Hinhören nicht vermeiden können und tun es doch.
Wir bleiben zurück. Eingeschüchtert.
Und mit unserem schlechten Gewissen. Wegen unserer Vorurteile über Russen. Wegen unserer heimlich lästernden verächtlichen Kommentare über die Seebären um uns herum. Wegen unserer Misanthropie.
Und ein bisschen besorgt, ob wir „denen“ jetzt wohl öfter begegnen werden.
Am Nachmittag füllt sich der Hafen wieder. Auch Russen sind dabei. Eine der Crews sehen wir abends in der Pizzeria. Sie tunneln an uns vorbei zum Nachbartisch. Sie sind noch sehr jung. Vielleicht hilft mir das. Jedenfalls gebe ich mir einen Ruck und spreche sie an. Auf Englisch. Einer von ihnen versteht tatsächlich. Ich frage sie, wo sie herkommen. Ich soll raten. Ich rate: Russland. Das verstehen alle. Tatsächlich Kontakt. Ein kleines Lächeln huscht durch die Gesichter. Es rettet sich bis hinein in die Begegnungen am Steg.

05. Oktober 2018

(Lipari)

Lipari angespülter Sand

Lipari räumt auf. Überall Überspülungen. Zwei Tage Starkwind an der Grenze zum Sturm. 2 Tage föhniges Gedrückt-Sein. Die Haare, die Blicke, die Gemüter sind zerzaust.

Kanarienvogel auf der Sprayhood

Und dann sitzt er da. Einfach so. Bunt. Fröhlich. Keck.
Wie ein Bote aus einer anderen Welt. Aus der Sommerwelt. Vielleicht ist er extra mal eben aus der Karibik zu uns herüber geflogen, um uns zu künden den Sommer, der zurückkehrt.
Hoffentlich.

05. Oktober 2018

(Canneto, Lipari)

Süße Versuchung und Espresso

Helm vor Stromboli

Etwas ist passiert mit uns. Wir wissen aber nicht so recht, was.
Wir machen eine lange Wanderung. Über einen Berg zur anderen Seite der Landzunge, an der unser Hafen liegt. Wundervolle Blicke, wundervolle Eindrücke. Aber wir können sie nicht so genießen, wie wir das bisher taten. Als würden sie nur von Möglichkeiten erzählen, aber nicht von Wirklichkeiten.

06. Oktober 2018

Lipari – Vulcano – Salina

Salina Cafe am Hafen

Salina Bank am Hafen

Ein traumhafter Scheißtag. Wie er schon anfängt! Im MorgenGrauen werde ich wach. Wälze unruhig gallig bohrende Gedanken. Ich weiß nicht, ob ich wach werde, weil ich diese unruhigen Gedanken in mir trage, oder ob ich wach werde und dann selber die Geister der Nacht rufe mit ihren schwefeligen Gedanken im Gepäck. Ist auch egal. Es nervt.
Wir hatten vor, uns noch einen weiteren Tag Ruhe und Erholung von dem wilden Weg hierhin zu gönnen. Die Anspannung, die wir auf diesem wilden Weg gespürt haben, hat uns nicht verlassen. Wir haben oft schweigend unserem inneren Brüten nachgehangen. Sind viel gelaufen. Haben Bruchstücke von Sätzen gesagt, die versuchten zu verarbeiten. Nicht nur die Anspannung des Weges hierhin. Auch all das, was das Stürmen in Reggio di Calabria, der stürmische Weg nach Messina, der Weg hierhin, die Stimmung hier im Hafen und das Wetter in uns ausgelöst haben. All das kriegen die Liebste und ich jede(r) für sich nicht zu fassen. Und schweigen. Und ein(e) jede(r) von uns versucht, die Quälgeister in sich selbst zu zähmen.
Heute Morgen frage ich mich, ob es wirklich gut ist, hier noch einen weiteren Tag vor sich hin zu brüten. Ist es nicht besser, sich einen Ruck zu geben, sich wieder auf den Weg zu machen? Vielleicht irgendwo an einer schönen Stelle zu ankern? Vielleicht einen anderen schönen Hafen auszumachen? Die Liebste wollte doch so gerne Vulcano sehen. Vielleicht sollten wir dort sogar an Land z.B. die warmen Quellen erleben, die dort der vor sich hin brütende Vulcan aus der Erde drückt.
Kaum ist die Liebste aufgestanden, offenbare ich ihr meinen Gedanken. Sie stimmt zu. Zweifelnd. Das weckt meine Zweifel. Aber ich sage sie nicht. Also brechen wir tatsächlich auf. Das Wetter ist sehr gut. Der Wind lässt sogar schönes Segeln zu. Anfangs. Schnell nähern wir uns der Insel Vulcano. Schweigen weiterhin. Ich bin aufgewühlt. Ich hatte mir Aufbruchstimmung erhofft. Rückkehr zu der glücklichen Gelassenheit der Wochen, die hinter uns liegen. Sie stellt sich nicht ein. Ich schweige nicht mehr. Ich brüte. Die Liebste hatte angedeutet, sie habe zu unserer aktuellen Verfassung noch eine weitere Idee. Ich warte darauf, dass sie sie offenbart. Tut sie aber nicht. Ich will aber auch nicht wieder derjenige sein, der anfängt.
In dieser Stimmung segeln wir zwischen Vulcano und Lipari. Faszinierende Blicke öffnen sich uns.

Vulcano aufsteigender Rauch

Aber sie sind nicht für uns. Sie sind nur für sich selber. Wir graben in anderem Gelände.
Einer dieser unglaublich schönen Blicke zeigt mir den Vulkan auf Vulcano. Er ist eher flach. Aus seiner Öffnung quillt weißer Dampf. Der Blick begeistert mich aber nicht. Er befördert eher meine Bitterkeit. Als wäre dieser Vulkan eine höhnische Darbietung unserer Verfassung. Er dampft, ohne dass sich der Rauch bewegt. Er brodelt. Wir sehen es aber nicht. Tief drinnen ist er aktiv, aber er bricht nicht aus.
Wir schieben langsam in eine Bucht. Hier könnten wir ankern. Aber wir bringen die Entschlossenheit nicht auf. Mit dem, was uns an Austausch noch möglich ist, wimmeln wir ab. Wir haben West-Wind heute Nacht. Die Bucht ist nach Westen offen. Das wird unruhig. Lieber nicht. Entschieden unentschlossen drehen wir um. Schieben auf die andere Seite der Insel. Auf dem Weg dorthin rufen wir den Hafen der Nachbarinsel an. Salina. Ja, dorthin können wir. Wir buchen einen Hafenplatz. Dann erreichen wir die Bucht auf der Ostseite von Vulcano. Wir haben die Information, dass das Gelände mit den Ankerbojen, die hier ausgelegt sind, schon geschlossen ist. Vor ein paar Tagen noch hätten wir hier einfach festgemacht und uns ein wenig auf der Insel umgesehen. Wären einfach das Risiko eingegangen, dass sich vielleicht jemand beschwert, dass wir an seiner Boje hängen. Wären wir eben wieder weitergefahren. Jetzt tun wir es nicht. Gerade wollen wir abdrehen, da schießt ein Schlauchboot auf uns zu. Ein Ormeggiatore bietet uns eine Boje an. Ist hier doch noch nicht zu? Wir könnten annehmen. Aber wieder steht uns die Unentschlossenheit im Weg. Wir haben ja den Hafenplatz in Salina festgemacht. Da jetzt wieder anrufen? Ach nee. Wir lehnen ab und drehen. Die Vulkane in uns drücken weiter. Inzwischen ist der Wind ganz eingeschlafen. Die Segel schlackern mit agressiver Unlust. Nutzloser Beschläge-Lärm. Produziert von Wellen, aber nicht von Wind. Der innere Druck steigt. Die Liebste möchte mich aufheitern und schlägt vor, dass wir ein wenig ankern und schwimmen gehen. Das hätte ich doch heute Morgen auch vorgeschlagen. Ob ich dazu nicht Lust hätte.
Der Vulkan bricht aus. Ich schnauze herum. Nein, ich habe keine Lust. Ich hab zu gar nichts Lust. Ich will einfach nur ankommen und vom Schiff. Ich hasse, dass ich, dass wir einen ganzen Tag unseres Lebens mit Dickluft verschleuder(n) und schäme mich und hasse das auch und kann nicht anders.
Wir reißen die Segel herunter und motoren schweigend nach Salina. Ein wenig lichtet sich das Brüten, als wir in den Hafen einbiegen. Er ist fast leer. Keine einzige Männercrew. Schon gar keine russische. Ein überaus freundlicher Ormeggiatore empfängt uns und hilft beim Festmachen. Kaum fest, schnappe ich Badehose und Handtuch. Ich habe beim Annähern direkt neben dem Hafen einen kleinen Strand gesehen. Noch ist da Sonne. Da will ich hin. Wortlos.
Die Liebste schaut mir beim Absteigen zu. Dann sagt sie, ob wir nicht jetzt mal Frieden machen könnten. Liebevoll sagt sie das. Wir könnten uns doch trotz allem einen schönen Abend machen. Ich antworte schon nicht mehr haltlos mürrisch. Ja, können wir, aber jetzt gehe ich erstmal schwimmen. Danach kümmern wir uns um den Abend.
Mein kleiner Ausbruch hilft mir. Das Meer. Das Schwimmen. Das Stapfen durch heißen schwarzen vulkanischen Strandsand. Das Trocknenlassen auf dem angenehm warmen Pflaster der Pier-Reste neben dem Strand. All das holt mich zurück in das Leben jetzt. Währenddessen verkriecht sich die Sonne langsam hinter die Hügel.
Ich gehe zurück. Wir lächeln einander etwas unbeholfen an.
Die Liebste fragt, wie wir denn jetzt mal den Abend angehen. Ich schlage vor, dass wir zuerst mal eine Bar suchen, wo wir ein Glas Wein kriegen. Dass wir dann noch einmal einen Versuch machen zu sagen, was eigentlich los ist mit uns. Aber Klartext. Kein Geeier. Sie stimmt zu.
Wir brechen auf. Landfein. Unmittelbar neben dem Hafen sehen wir einen kleinen Laden. „Terre di Salina“. Eigentlich sieht er nicht aus wie eine Bar. Aber es stehen zwei kleine Tische draußen. Beide besetzt. Schade. Ein Mann bringt gerade zwei Gläser an einen der Tische. Man plaudert ein wenig. Wir schauen uns um. An einer Seite der kleinen Piazza vor dem Laden steht eine Bank. Dort können wir doch hin! Kurz entschlossen – es geht also doch noch – gehen wir zu dem Laden und fragen, ob wir zwei Gläser Wein bekommen und damit auf die Bank da vorne … ? Certo!
Die Bank ist gut für uns! Für das, was wir vorhaben, möchten wir ja gar keine Zeugen am Tisch nebenan.
Die Bank heißt fortan „Tachelesbank“. Denn wir reden tatsächlich klar und offen. Und tief. Was wir alles voneinander erfahren aus den letzten drei Tagen! Vieles davon ist gegensätzlich. Vieles davon gleich. Ich beschwere mich z.B. über einen Gesprächsversuch am Vorabend. Wir redeten über die Angstfahrten. Meine Angst vor Messina. Die Angst der Liebsten vor Lipari. Heute auf der Tacheles-Bank beschwere ich mich, dass ich das Gefühl hatte, beim Reden am Vorabend sei die ganze Zeit in der Liebsten noch ein Parallelfilm abgelaufen. Fliehende Blicke. Zögernde Worte. Ich wüsste aber nicht, welcher. Ich erfahre, dass die Liebste sehr verunsichert ist. Warum ich auf der Fahrt nach Messina so den Boden unter den Füßen verloren hätte und auf der Fahrt nach Lipari dann so sicher gewesen wäre. Die Vorstellung nicht zu wissen, wie ich wohl bei der nächsten schwierigen Situation wäre, mache ihr Angst. Sie habe das aber so nicht sagen wollen, um mich nicht zu verletzen. Der zweite Film.
Wir reden über Heimweh. Darüber, dass wir Sorge haben, dass die Zeit der Unbeschwertheit vorbei sei. Und die Zeit der Ungemütlichkeit, der Sorgen da. Und darüber, dass wir beide Angst haben, unser zielloses Schweigelaufen sei Ausdruck von Langeweile zwischen uns. All das und vieles mehr kommt auf die Bank. Die Tachelesbank.
Als wir zurückgehen zum Laden, sind die Gäste weg. Der Besitzer empfängt uns in der Tür. Er lächelt. Als wüsste er, was da gerade auf der Bank passiert ist. „Ancora tuto bene?“ Wir kommen ein wenig ins Gespräch. Es ist erstaunlich ruhig. Offen. Einfühlend. Wir erfahren, dass er Bartholo heißt und auf der Insel geboren ist und vieles mehr. Er erfährt von unserer Reise. Wir stehen noch eine ganze Weile da. Er fragt, wie lange wir bleiben. Wir wissen es noch nicht. Na, dann könnten wir doch morgen zu einem Fest in Valdichiesa kommen. Das sei so 10 km entfernt von hier. In den Bergen. Dort sei morgen ein Erntedankfest. Er sei auch da. Mit der Familie. Dort könnten wir doch auch …
Ja, sagen wir, gute Idee. Vielleicht machen wir das wirklich.
Beim Gehen fällt uns noch ein: Ob er nicht einen Tipp hätte, wo wir jetzt essen gehen könnten. Certo. Er schickt uns zu einem Restaurant. Es ist wundervoll. Es gibt zwei Etagen. Wir sind die einzigen Gäste. In der oberen Etage steht ein Klavier. Darf ich? Certo! Ich klimpere ein wenig herum. Das ganze Restaurant strahlt mit jeder einzelnen Person und mit jedem einzelnen Gegenstand „Einladung“ aus.
Zwei sehr junge Männer bedienen uns. Ihr Lächeln ist professionell. Und dann haben aber beide so viel Spaß an ihrem Lächeln und unserem Zurücklächeln, dass es sich einem Lachen nähert. Als würden wir alle über das Lächeln lächeln. Wie sehr wir erleichtert sind, können sie nicht wissen.
Glücklich gehen wir nach Hause. Zu unserem Schiff. Da sind wir wieder. Die Silhouette am Bug, … die heruntergeklappte Badeplattform, die beiden Steuerräder, … ist das nicht auch ein Lächeln?

07. Oktober 2018

(Valdichiesa, Salina)

Wir machen es tatsächlich. Wir nehmen die Einladung von Bartholo an. Mit dem Bus fahren wir nach Valdichiesa. In Malfa müssen wir umsteigen.

In Valdichiesa steigen wir aus. Schauen uns um. Auf einem Hügel steht eine kleine, auf liebenswerte Art verwitterte Kirche. Drumherum nur einige ganz wenige Gebäude. Wir steigen hinauf. Schon bald hören wir Gesänge.

Kirchgänger Valdichiesa

Es läuft eine Messe. Vor der Kirche mäandern einige Menschen. Manche kommen aus der Kirche, manche gehen hinein, manche gehen einfach so hierhin, dahin. Rechts von der Kirche bereitet sich eine Brass-Band von jungen Menschen vor. Sie werden gleich spielen. Ganz langsam werden sie lauter. Reden. Lachen. Probieren die Instrumente. Einige Männer, die im Eingang der Kirche stehen, bedeuten ihnen freundlich, aber energisch, dass sie die Messe stören. Sofort wird die Gruppe leiser. Für cinque minuti.
Vor der Kirche sind in einem großen Viereck Tische aufgebaut. Weiße Decken darauf. Und Blumenschmuck. Ansonsten sind sie leer.
Wir hocken auf einer Mauer etwas abseits. Mal in der Sonne. Mal im Schatten. Mal zu heiß. Mal zu kühl. Der Sommer ist nicht mehr groß.
Dann nimmt das Mäandern zu. Immer mehr Menschen kommen aus der Kirche. Ein paar Mal denken wir: So, jetzt ist wohl die Messe zu Ende. Aber jedes Mal geht sie weiter. Ein besonders inbrünstig gesungenes Lied und eine besonders feierlich geschmetterte Orgel zeigen dann aber doch das eigentliche Ende an.
Sehr viele Menschen quillen aus dem Gotteshaus. Beseelt lächelnd wimmeln sie auf den Stufen. Noch aber bleiben sie in der Nähe. Erst nach einer Weile verstehen wir, warum. Der Pastor versucht mit Rufen und Gesten, sie alle auf den Stufen zu versammeln. Die eine oder die andere muss er persönlich bitten. Und dann hat er es geschafft. Der größte Teil der Gemeinde steht für italienische Verhältnisse extrem geordnet vor der Kirche. Die Erinnerungsfotograf*innen drängen die Menge immer dichter zusammen. Apparate klicken. Handys zwipschen.

Gruppenbild beim Erntedankfest

Anschließend spielt die Brassband.

Brassband beim Erntedankfest

Es macht Spaß, sie zu sehen und zu hören. Sie sind gut eingespielt. Sie genießen, was sie tun. Vorne rechts muss eine in den Spielpausen doch ab und an mal kurz aufs Handy schauen. Es gibt keinen Dirigenten. Der Leiter steht inmitten der Gruppe. Er spielt ein Bass-Saxophon. Er ist das Zentrum. Kaum merklich reguliert er von hier Tempo, Takt und Dynamik.
Nach 5 oder 6 Nummern ist es soweit. Die Tische werden gedeckt. Unzählige Platten, Schüsseln und Töpfe werden aus einem der anliegenden Gebäude hierher getragen. Kurz darauf stieben alle um die Leckereien. Es wird heftig gedrängt, geschubst, geangelt, gehäuft, geplappert.  Zu stark beladene Plastikteller werden balanciert. Wir mittendrin. Mit vollen Tellern ziehen wir uns wieder aufs Mäuerchen zurück. Bartholo kommt vorbei. Begrüßt uns mit Freude. Stellt uns Eduardo vor, seinen Sohn, Esther, seine Tochter und Sabina, seine Frau. Immer wieder mal kommen sie alle gucken, ob wir noch da sind, plaudern ein wenig, mäandern weiter.
Plötzlich ragen aus dem Geplapper um uns herum Worte heraus, die wir verstehen. Eine Gruppe älterer Menschen spricht Deutsch. Eine Spur zu laut. Für unseren Geschmack. Dabei sprechen sie nicht lauter als alle anderen hier. Nur dass wir uns nicht konzentrieren müssen, um sie zu verstehen. Man kommentiert die Speisen. Dieses sei gut, das nicht so. Dies sei eher langweilig. Hiervon sei zu wenig da. „Ganz schönes Gedränge.“ „Ich lauf schnell nochmal, bevor das alle ist.“ „Jetzt könnte aber langsam mal der Nachtisch kommen.“ „Hoffentlich gibt’s überhaupt welchen.“ „Hö hö.“„Bestimmt. Wir sind ja in Italien.“ „Hö hö.“ Einer holt die dritte Runde Wein. Eine jüngere Frau, offenbar die Reiseleiterin, erklärt der Gruppe den weiteren Verlauf des Tages. Der Bus komme gleich. Er habe im Moment noch eine andere Tour. Dann fahre man in Robertos Olivengarten. Dort würde man ein bisschen über den Olivenanbau erfahren und bekomme selbstverständlich auch einen Imbiss. „Oh, da ist ja Roberto, der Olivengärtner. Da kann ich ihn gleich mal rasch vorstellen.“ Dem ist das sichtlich unangenehm. Da man aber weiteressen und weitertrinken will, ist er schnell wieder erlöst.
Die Liebste und ich beichten einander, dass uns das Wort „Schmarotzer“ einfiel. Pflichtschuldig bemerken wir, dass wir selbst ja eigentlich auch schmarotzen. Um gleich danach klug zu begründen, weshalb wir anders sind. Und grinsen dabei. Trauen unserer eigenen Eloquenz nicht so richtig.
Die Reisegruppe ist ein guter Anlass so langsam zu gehen.
Wir wandern ein Stückchen runter zur Küste. Nach Leni. Von dort wollen wir den Bus zurück nehmen. Seine Ankunft dauert noch ein Weilchen, aber zum Glück ist direkt neben der Bushaltestelle eine Eisdiele…
Plötzlich sagt die Liebste: Guck mal, da ist unser Betreuer. Ihr Lächeln und ihre Freude formen die Anführungsstriche. Sie erinnern mit schöner Feinironie daran, was wir gestern auf der Tachelesbank erlebt haben.
Bartholo will seinen Kindern ein Eis spendieren. Esther hüpft eilig nach innen. Die Sorte aussuchen. Eduardo bleibt am Vorgarten hängen. Dort ist ein kleines Gehege mit Schildkröten. Sie dösen halb im Wasser in einem kleinen Bassin. Mehrmals kommt sein Vater heraus und drängt. Ob er nun ein Eis wolle oder nicht. Ja, ja, klar. Aber dann kann Eduardo sich doch nicht von den Schildkröten lösen. Schließlich kommt der Vater mit Esther heraus, hebt mit Schwung im Vorbeigehen Eduardo hoch. Der will gerade protestieren, da hält der Vater ihm ein Schokoladeneis entgegen.
Kurz darauf hören wir eine Hupe. Unser Bus kommt.

08. Oktober 2018

(Salina)

5 Minuten Ruhe

Zwei ältere italienische Paare auf dem Nachbarschiff. Anders als die Männercrews, die hier unterwegs sind, nehmen sie sofort Kontakt auf. Einer von ihnen spricht sogar fast perfekt Deutsch. Als ich das sage, antwortet er „Oh, oh, Vorsicht. ‚Perfekt‘ ist ein großes Wort.“ Ich antworte in wahrscheinlich nicht perfektem Italienisch: „Ma, … siamo in Italia. È normale usare grande parole qui.“ Er lacht. Immerhin: Der Witz scheint funktioniert zu haben trotz der Zweifel, ob er richtig formuliert war.
Der Mann erzählt von einem Nachtausflug mit dem Boot nach Stromboli. Voller Ehrfurcht hätten sie sich die aus dem Vulkan blubbernde und den Hang herunterlaufende glühende Lava angesehen. Sie hätten die ganze Zeit kein Wort gesprochen. So ergriffen wären sie gewesen, welche Macht die Erde habe.
Das erzähle ich der Liebsten. Sie lächelt verschmitzt. Jetzt wisse sie endlich, warum es Stromboli gebe. Damit auch Italiener mal 5 Minuten die Klappe halten.

08. Oktober 2018

(Salina, Lingua)

Salina Leuchtturm bei Lingua

Ein kleiner Ausflug zu einem Leuchtturm an der Südspitze von Salina. Er sieht schon von weitem sehr lauschig aus. Erst recht aus der Nähe. Erst recht im Abendlicht.
Die Idylle wird einmal kurz zerrissen von der Schnellfähre. Seit Milazzo sehen und hören wir diese Gefährte aus einer anderen Welt immer wieder die Inselwelt durchfurchen.

Kurz danach beobachten wir ganz lange zwei Jungs, die einen kleinen Damm bauen. Sie sind lebensgroß vertieft in ihren Film. Einmal schleppt der kleinere von den Beiden einen Stein, der etwas groß geraten ist. Am Ende des Bauwerks droht er kurz das Gleichgewicht zu verlieren. Der Größere eilt ihm zu Hilfe. Der Stein, den anchließend der Größere auswählt, muss dann natürlich besonders groß sein. Er merkt auf halber Strecke, dass auch er sich eigentlich verhoben hat. Aber er hält durch. Man spürt, wie er alles aufbietet, sich diese Schmach jetzt nicht zu leisten. Und er schafft es! Am liebsten hätte ich geklatscht. Aber dieses Spiel darf ich nicht stören.

Salina Junge schleppt Kieselbrocken

 

09. Oktober 2018

(Salina, Ankerbucht bei Pollara)

 

Noch einmal schenkt uns unsere Reise eine paradiesische Ankerbucht. Der Tag verlangt wie alle anderen einen Eintrag ins Logbuch. Aber da verschlägt es selbst einer geübten Schwätzbacke wie mir die Sprache…

Logbuch ohne Worte
10. Oktober 2018

(Salina – Panarea – Lipari)

Ein schöner Plan ist das: Wir verlassen Salina in Richtung Stromboli. Wir wollen in der Mitte der Strecke bis Stromboli für eine Nacht auf Panarea in einem Hafen mit Mooringbojen festmachen. Einen Platz haben wir gestern schon telefonisch gebucht. Übermorgen wollen wir dann weiter nach Stromboli und dort auf den Vulkan steigen.
Es ist ein traumhafter Segeltag. Blauer Sommerhimmel. Guter Wind. Wir segeln Panarea entgegen und bergen erst kurz vor dem Mooring-Feld die Segel. Wir stutzen allerdings etwas, weil wir hier die Einzigen sind.
Als wir den Hafenmeister anrufen, teilt er uns mit, dass der Hafen leider geschlossen sei. Man erwarte Starkwind aus Ost. Dann sei ihr Hafen viel zu unsicher. Ich frage ihn, ob es auf Panarea eine andere Möglichkeit gebe. Obwohl ich weiß, was er antworten wird. Ja, es gebe eine Ankerbucht, aber die sei nicht sehr sicher, und bei starkem Ostwind schon gar nicht. Also ändern wir spontan den Plan und wollen sofort weiter nach Stromboli. Dorthin, sagt der Hafenmeister, könne man heute erst recht nicht. Stromboli sei bei dem zu erwartenden Wind noch gefährlicher als Panarea.
Wir legen auf. Wir ärgern uns gerade soviel, dass es diesen wunderschönen Segeltag nicht wirklich stört.
Und ändern wieder den Plan. Den für heute und den für die kommenden Tage.
Heute besuchen wir zum ersten Mal auf unserer Reise einen Hafen zum zweiten Mal: Lipari, Porto Pignataro. Schon als wir dort anrufen, haben wir das Gefühl, dass der Hafenmeister sich freut. Ah, si, Onnie! (Ach!, wie wir das lieben gelernt haben, diese italienische Aussprache von Honey!) Va bene! A Presto! Aber vielleicht bilden wir uns das auch ein.
Bei der Ankunft dürfen wir erleben, dass wir es uns nicht einbilden. Der Hafenmeister ist ein älterer ruhiger, sehr ernsthafter, schweigsamer Mann, den man leicht für verschlossen, wenn nicht spröde und ‚dicht‘ halten kann. Wir taten das auch.
Heute erlaubt er sich einen kleinen Ausbruch. Jedenfalls für seine Verhältnisse. Er gibt uns sehr innig zu verstehen, dass er sich freut uns wiederzusehen.
Es ist ein gutes Gefühl so willkommen zu sein. Mit hohem „U“

11. Oktober 2018

(Lipari)

Küste auf Lipari

Wir wollen eine Wanderung machen. Wählen eine Bushaltestelle auf der anderen Seite der Insel, wo wir beginnen können. Pianoconte. Im Bus lauter Schülerinnen und Schüler. Der Bus arbeitet sich durchs Innere der Insel und dann an der Küste entlang die Serpentinen hoch. Nach jeder Kurve neue überwältigende Blicke. Erst recht, als das Meer in Sicht kommt. Die Jugendlichen interessiert das nicht. Ihr Alltag … Sie arbeiten gerade den Nachrichten-Stau in den verschiedenen Chat-Rooms ab. Die Liebste fragt einen von ihnen, ob Pianoconte die nächste Haltestelle ist. Er nickt. Sofort ruft er lautstark durch den ganzen Bus dem Busfahrer zu, dass due personi in Pianoconte aussteigen wollen. Anschließend dreht er den Kopf wieder zu Ulrike und lacht sie an. Dann vertieft er sich wieder in sein Handy.
Am Abend erleben wir wieder, wie sehr der Hafenmeister uns ins Herz geschlossen hat. Wir wollen morgen einen langen Schlag zurück zum Festland machen. Für Sizilien gilt eine Gewitterwarnung. Der Rest der Wetterberichte ist aber harmlos. Eine ähnliche Situation wie auf unserem ersten Weg nach Lipari. Wir fragen den Hafenmeister, wie er die Sache sieht. Er recherchiert ein bisschen auf seinem Handy und sagt dann, er sehe keine Gefahr. Dann geht er. 10 Minuten später kommt er nochmal wieder. Ich klettere zu ihm auf den Steg und zusammen vertiefen wir uns noch einmal in alle Informationen, die wir gemeinsam erhalten können. Dabei zeigt er mir noch eine italienische Wetter-App, und wie er bei Gewitterwarnung damit umgeht, um genauere Informationen zu erhalten. Als er geht, sind wir sicher, dass wir morgen aufbrechen können.

 

13. Oktober 2018

(Taureana)

Bocchettone di riempimento. Heißt: Einfüllstützen.
Ich hätte mir bessere Umstände gewünscht, unter denen ich diese und ähnliche Vokabeln lerne.
Wir gehören nicht zu den Menschen, die ab und zu sagen, dass es keine Zufälle gebe. Weil wir davon überzeugt sind, dass das Quatsch ist. Heute gerät diese Überzeugung ins Wanken.
Wie üblich kontrolliere ich am frühen Morgen vor der Fahrt den Ölstand. Er ist minimal gesunken. Wir haben ein langes Stück vor uns. Also beschließe ich, ein wenig Öl nachzufüllen. Heißt: Die Ölflasche aus der tiefen Backskiste im Cockpit angeln. Den Trichter für’s Einfüllen aus einer noch tieferen Stelle in der Backskiste angeln. Küchenpapier bereitlegen, weil ich noch nie geschafft habe, die Prozedur ohne Tropfen und ohne Flecken hinzukriegen.
Ich schiebe energisch meine Ungeduld beiseite und gestalte die Vorbereitungen heute mit besonderer Sorgfalt. Sogar eine Stirnlampe hole ich mir, weil man das Fließen des Öls selber in der Enge im Motorraum kaum sehen kann.
Ich lege etwas Küchenpapier ins Waschbecken. Darauf lege ich vorsichtig den schwarzöligen Deckel vom Einfüllstutzen. Ich hänge den Trichter in den Öleinfüllstutzen. Ich greife die Flasche mit dem Öl und öffne sie. Ich lege den Deckel der Flasche ebenfalls vorsichtig auf das Küchenpapier. Ich mache mir selber Licht und kippe vorsichtig die Ölflasche über dem Trichter nach vorne. Einen kurzen Moment stutze ich, weil die Flüssigkeit, die in den Trichter gluckst, mir so dünnflüssig vorkommt. Einen kurzen Moment lasse ich sie weiter glucksen.
Und dann flutet es mir siedend heiß Gesicht, Hirn und Herz.
Das ist nicht das Öl!
Ich reiße die Flasche aus dem Motorraum. Schaue drauf. Es ist die Kühlflüssigkeit. Ich weiß, was das bedeutet, kann mir die Erkenntnis aber noch einen Moment vom Hals halten. Ich rufe den Leiter des Stützpunktes auf Elba an, weil ich jetzt jemanden brauche, mit dem ich Deutsch reden kann. Während ich mir zurechtlege, was ich ihm erklären muss, phantasiere ich, wie er sagt: „Ja, – ist blöd, aber auch nicht so schlimm. Sie müssen jetzt einfach folgendes machen: …“
Die Wahrheit ist: In geschäftsmäßigem Katastrophen-Management-Ton spult er das notwendige Prozedere ab. Kompletten Ölwechsel machen. Das ganze alte Öl muss raus. Ölfilter wechseln. Auch hier können Reste von Kühlmittel drin sein.
Wir haben heute Samstag, sagt er, da werden sie da, wo sie jetzt sind, bleiben müssen. Vor Montag läuft da jetzt nichts mehr.
Erst jetzt fühle ich von einem Moment auf den anderen, dass meine Gedanken und Gefühle schmerzhaft verätzt sind.
Ich hatte mich so auf diesen Tag gefreut. Traumwetter. Schöner Wind. Und als Ziel den Hafen, den wir schon kennen. Und der einer der schönsten auf unserer Tour war. Vibo Marina.
Und jetzt habe ich das mit 3 Sekunden Unaufmerksamkeit zunichte gemacht. Geradezu schmerzhaft intensiv phantasiere ich, ich könnte diese 3 Sekunden zurückspulen. Und das 20 Mal pro Minute. Und steigere den Schmerz noch mit dem bitteren Gedanken, wie absurd dieser Gedanke ist. Und schimpfe mit mir selbst, dass ich mir auf so dumme Art meine eigene Vorfreude so unwiderruflich zerstöre. Dass ich aus einem wunderschönen Tag einen Scheißtag mache. Und kann kaum atmen. Und habe Herzklopfen und Nackenschmerzen und schreie innerlich, dass das jetzt bitte nicht wahr ist. Und schreie äußerlich, weil es nicht so ist.
Mich wundert, dass die Liebste relativ gelassen reagiert. Sie ist schon dabei, an den Lösungen zu arbeiten.
Schließlich gehen wir zum Hafenmeister. Ich ein Senkkopf-beschwertes haderndes Elend. Sie einfach eine energisch ausschreitende Frau, die jetzt gleich ein Problem lösen wird.
Wir haben ein paar Begriffe nachgesehen und versuchen verzweifelt sie zu behalten für das Gespräch mit dem Hafenmeister. Einfüllstutzen. Aus Versehen. Einfüllen. Kühlflüssigkeit. Ölwechsel. Ölfilterwechsel. Werkstatt.
Der Hafenmeister reagiert auf unsere Geschichte mit aufmerksamer Gelassenheit. Und sagt den am wenigsten erwarteten Satz. Non c’è problemo.
Wie bitte?
Ja, – den Ölwechsel mache ich selber. Ich bin hauptberuflich Schiffsmechaniker. Die einzige Schwierigkeit ist, heute, am Samstag den Ölfilter und das Öl zu besorgen. Aber ich kenn ein paar Leute. Das wird schon gehen. Ich komme jetzt mit zu Ihrem Schiff, schreibe mir ein paar Daten zu dem Motor auf, telefoniere ein bisschen und dann komme ich in einer halben Stunde nochmal wieder.
Das ist so erleichternd, dass wir uns noch gar nicht trauen, zu glauben, dass es das Ganze so einfach gut ausgehen soll.
Und nach einer halben Stunde kommt er tatsächlich über den Steg geschlappt. Hat einen silbernen Koffer in der Hand und eine Tüte. Auf dem Schiff fängt er augenblicklich an zu hantieren. Windet sich mit Eleganz in kaum zugängliche Kleinsträume in diesem Aggregat, frickelt eine eigentlich zu dicke Leitung in den Stutzen des Ölmessstabes. Zaubert irgendwie ein Spezialwerkzeug auf den Ölfilter. Schafft es millimeterweise ihn zu lösen. Was er auch macht, ich beobachte staunend dieses schweigende Bewegungsuhrwerk. Immer, wenn ich seinem Stöhnen oder meinen Beobachtungen entnehme, dass jetzt gerade irgendwas nicht funktioniert, löst sich meine Hoffnung, wir würden nochmal davonkommen, wieder auf. Und erscheint von neuem, wenn ich sehe, wie der Mann für irgendein Problem dann doch noch eine andere Lösung findet. Er redet kaum. Er arbeitet gelassen und zielstrebig. Ab und zu lässt er sich von mir etwas anreichen.
Nach zweieinhalb Stunden ist er fertig.
Er stapft zurück zu seinem Büro. Wir sollen „doppo“ hinterherkommen. Auf einem Schmierzettel stehen ein paar Zahlen. Darunter eine Endsumme. Das bekomme er von uns.
Es ist viel zu wenig für mein Gefühl. Ich gebe ihm deutlich mehr. Er will das nicht. Ich zeige ihm mit Hingabe, dass es sehr wichtig für mich ist, ihm mehr zu geben. Von dem, was zuviel sei, sagt die Liebste zu ihm, könne er ja seinen Kindern etwas Schönes kaufen. Das überzeugt ihn.
Wie er eigentlich heiße. Rocco. Wir reden noch ein bisschen. Scherzen nochmal über die vergessenen Schiffspapiere und über das Hinterherbringen.
Ganz am Ende frage ich ihn, ob er uns eine schriftliche Bescheinigung geben könne, für die Charteragentur. Das könne er leider nicht, sagt er und fragt, wo wir das Schiff denn abgeben müssten. Wir sagen es ihm und er strahlt. Ach so, ja, Tropea. Suncharter. Klar. Da ist doch der Stützpunktleiter Francesco. Den kenne ich. Den rufe ich einfach eben an. Und hat schon gewählt.
Um 1 können wir tatsächlich auslaufen. Er winkt hinter uns her. Diesmal reicht das. Er muss nicht auch noch ein Motorboot klarmachen, wie am 23. September.
Und wir denken ein wenig demütiger darüber nach, ob es nicht vielleicht doch stimmt, dass es keine Zufälle gibt.

Kühlmittel für Schiffsmotor

 

14. Oktober 2018

(Vibo Valentia Marina – Lamezia Therme)

Wir sind in unsrem Lieblingshafen. Vibo Marina. Noch einmal. Jetzt, zum Abschluss unserer Reise. Das Wetter ist zum Heulen. Es regnet in Strömen. Und das soll auch in den nächsten Tagen so bleiben. Die Bar auf dem Schwimmsteg ist zu. Nachsaison. Der Ormeggiatore, der von all den netten Hafenmitarbeitern noch übrig ist, gibt sich größte Mühe, für uns da zu sein und uns das Gefühl von „sehr schöner Hafen“ zu bestätigen.

Aber der Hafen ist entzaubert. Von Kälte, starkem Wind und platschendem Regen und dem immer näher kommenden Ende eine Traumreise.
Irgendwie ist es auch gut, dass sich Idyllen nicht einfach so ein- und ausschalten lassen. Dass man sie nicht eins zu eins wieder buchen kann.
Wir fahren im strömenden Regen mit dem Zug nach Lamezia Terme.

Vibo Valentia Bahnhof im Regen

Der Schaffner im ersten Zug ist die gute Seele des Zuges. Als wir sagen, wo wir hinwollen, ist er ernsthaft zerknirscht. Wir müssen erst eine lange Strecke nach Süden, dann in einem Bogen ins Landesinnere, und dann die doppelte Strecke wieder zurück nach Norden. Diese unnötige Geldausgabe tut ihm so leid, dass er, als wir die Fahrkarte kaufen wollen, sagt, das sei ein etwas längerer Akt. Da müsse er erst noch ein paar andere Dinge regeln. Immer wieder mal kommt er vorbei, kündigt seine baldige Bereitschaft zum Kartenkauf an und geht dann erst nochmal weiter. Einmal lässt er den Zug warten, weil ein Migrant mit einem Fahrrad die falsche Tür genommen hat. Der Schaffner sorgt zuerst dafür, dass der junge Mann wieder rauskommt und dann dafür, dass er den Eingang zum Fahrradabteil findet. An einem anderen Bahnhof lässt er den ganzen Zug kurz vor dem Ende des Bahnsteiges noch einmal anhalten, weil ein junger Mann verzweifelt, als er die Tür zum Aussteigen nicht geöffnet bekommt.
Erst nach weiteren 6 Haltestellen kommt er dann zu uns. Beteuert noch einmal, wie leid es ihm tue, dass wir soviel Geld bezahlen müssten für eine Strecke, die wir ja gar nicht fahren wollten. Und berechnet unsere Fahrkarte dann ab dem nächsten Bahnhof.
Als wir an der Endstation aussteigen, steht er da. Es wirkt fast, als würde er schauen, ob auch alle heil aus „seinem Zug“ herauskommen.

 

 

15. Oktober 2018

(Vibo Valentia Marina – Cosenza)

Kontakt verändert die Welt.
Wir machen einen Ausflug in die Stadt, von der wir in einem früheren Urlaub einmal erfahren haben, dass sie vor langer Zeit die Konkurrenz mit Reggio di Calabria um den Titel „Hauptstadt Calabriens“ verloren hat. Seitdem träumen wir davon, dort einmal hinzukommen.
So nah wie jetzt werden wir dieser Stadt so bald nicht mehr kommen. Also nutzen wir einen weiteren Regentag zu einem Ausflug dorthin.
Schon beim Einfahren empfinden wir die Stadt als sperrig. Die Stadt kämpft mit dem Verfall.

Cosenza Verfall

Beim Durchstreifen der Straßen wird uns schmerzhaft klar, was für ein nie endendes Riesenprojekt es ist, so eine Stadt in Ordnung zu halten.
Es ist schwierig, sich zu orientieren. Zwei Flüsse, die hier zusammenfließen, bilden ein Dreieck. Es gibt mehrere Hügel, auf die sich Häuser drängen. Welche Brücke war das nochmal? Ist die Altstadt an diesem Hügel aufwärts oder an dem da? Der regenverhangene Himmel hellt den Eindruck nicht gerade auf. Die Kälte auch nicht.
Also machen wir, was wir dann immer tun. Wir gehen in die nächstbeste Bar.
Ich frage die junge Frau, die hier bedient, nach der Toilette. Sie zeigt nach hinten, sagt aber, ich müsse noch warten, da sei gerade eine Japanerin drin. Ich solle mich setzten. Sie würde mir dann Bescheid sagen. Beim Bezahlen fragen wir nach der Haupteinkaufsstraße. Dort soll es eine Freiluft-Kunstausstellung geben. Sie überlegt, wie sie uns den Weg erklären kann.
Einem Mann an der Theke dauert das zu lange. Also erklärt er es uns kurzerhand. Und, ja, er habe auch von der Kunstaustellung gehört. Sie sei schön.
Inmitten der Kunstausstellung eine Eisdiele. Der junge Mann darin verwickelt uns in ein Gespräch. Wo wir herkommen. Wo wir hinwollen. Ob es uns gefällt in Cosenza. Wir fragen ihn, wo wir seiner Meinung unbedingt hin müssten. Er schickt uns unter anderem zum Theater.
Wir finden und betreten das Theater. In der Eingangshalle schauen wir uns um. Dieses Gebäude und der Platz davor sind besonders liebevoll gepflegt. Von selbst wären wir nie auf die Idee gekommen, weiter ins Innere zu gehen und den „heiligen Raum“, den Ort des Spiels, von uns aus zu betreten. Eine Art Rezeptions-Angestellter, der an einem Tisch in der Eingangshalle sitzt, spricht uns von sich aus an. Wir könnten gerne weitergehen und uns den Theaterraum selber ansehen, wenn wir wollten. Natürlich wollen wir.
Innenraum Theater Cosenza

Wir streifen weiter durch die Stadt. Es ist Montag. Das Museum, das uns auch noch interessieren würde, hat heute zu. Trotzdem gehen wir hin, weil uns der junge Mann in der Eisdiele auch hierhin geschickt hat. Als wir im Durchgang zum Innenhof des Gebäudes stehen, öffnet ein Mann eine Tür. Er erklärt uns, dass das Museum leider zu habe. Aber wir könnten ja, wenn wir wollten, einen Blick in dieRestaurationswerkstatt werfen. Da werde gerade an einem Bild gearbeitet. Natürlich möchten wir.
Die Restauratorin erklärt uns mit Hingabe, woran sie gerade arbeitet und wie.

Gemälde Restauratorin in Cosenza

Der Weg aus der Stadt ist ganz anders als der Weg hinein. Wir erzählen noch einmal alle unsere Begegnungen nach. Und fragen uns, ob es in Cosenza wohl so ist, wie in so vielen Städten in Calabrien. Dass sich die Stadt, ist es erst einmal Abend geworden, komplett verändert. Dass das milde gelbliche Licht zusammen mit bunten Geschäftsbeleuchtungen den Charakter der Stadt umdrehen. Dass das Marode sich zur Nachtruhe begibt und das Leben die Gassen für ein paar Stunden in Beschlag nimmt. Wir sind sicher, dass wir irgendwann zurückkommen und die Stadt am Abend erleben werden. Vielleicht beginnen wir unseren Weg dann einfach wieder in jener Bar …

17. Oktober 2018

(Tropea)

Noch einmal dürfen wir Tropea erleben. Jetzt sind wir schon so oft hier gewesen. Auch auf dieser Reise schon einmal. Und sehen wieder Plätze und Straßen, die wir noch nicht kannten.
Nur das Restaurant. Das kennen wir. „Le Volpi e l`Uva“. Hier werden wir immer hinkommen, wenn wir in Tropea sind. Heute Abend sind drinnen nur zwei Tische besetzt. An einem kleinen sitzen wir. An einem großen sitzen viele Menschen, die einander und offenbar auch die Besatzung des Restaurants kennen. Alle tippen eifrig auf ihren Handys herum. Schließlich tritt der Besitzer hinzu. Er nimmt sich die Fernbedienung des Fernsehers, der gut sichtbar für uns alle über uns hängt, und sucht etwas. An den Fragmenten der Bilder und Töne, die ab und zu auf dem Bildschirm erscheinen, und an den Gesprächen und den gegenseitigen Kommentaren merken wir, dass alle unbedingt den Live-Stream einer Veranstaltung sehen wollen, die jetzt gerade auf der großen Piazza ein paar Straßen weg von hier läuft. Den Anfang der Veranstaltung haben wir auf unserer Runde vor Ort gesehen und ein bisschen zugehört. Hier werden politische Reden gehalten. Soviel verstehen wir. Auch, dass es um eine Wahl geht.
Der Restaurant-Besitzer, der den Live-Stream auf dem Fernseher immer noch nicht am Start hat und für ein paar Minuten aufgibt, erklärt uns, dass am kommenden Sonntag die Wahl des neuen Bürgermeisters sei. An dieser Wahl seien die Menschen in Tropea sehr interessiert. Viel mehr als an anderen Wahlen. Es gebe zwei Kandidaten, die besonders gute Chancen hätten. Die wolle man jetzt reden sehen und hören.
Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Ab und zu hat er ein Bild von der Piazza. Aber keinen Ton. Ab und zu umgekehrt. Meine Blicke treffen sich mit denen einer Frau, die mitten zwischen den Handy-Fummlern an dem anderen Tisch sitzt. Sie hat kein Handy. Sie schaut für mich einmal in ihre Runde und zuckt mit den Schultern. Lächelnd signalisiert sie, dass sie jetzt hier erstmal abgemeldet ist.
Mitten hinein in das Suchen betreten ein älterer und ein jüngerer Mann das Restaurant. Sie machen einen irgendwie besitzergreifenden Eindruck. Der jüngere Mann legt seine Sachen auf einen Stuhl am Nachbartisch. Merkwürdig. Normalerweise lassen sich in Italien Gäste in einem Restaurant die Plätze zuweisen bzw. finden sie gemeinsam mit dem Personal.
Der ältere diskutiert mit dem Restaurant-Besitzer. Er hat einen gedämpft fordernden Ton. Sein Gesicht formt einen Ansatz von Grinsen, nur als Andeutung sichtbar, merkwürdig überheblich, siegessicher. Dann setzt sich der ältere an einen großen Tisch neben der Such-Runde. Dort werden die Stimmen deutlich leiser. Der Betrieb erstirbt. Der junge Mann nimmt seine Sachen und wechselt zu dem anderen Tisch. Die beiden reden kein Wort. Es liegt plötzlich im ganzen Restaurant Stress in der Luft.
Die Liebste und ich spinnen lustvoll alle möglichen Geschichten um diese Begebenheit herum. Am meisten fasziniert uns die Vorstellung, dass die beiden vom „Verein“ sind und das Schutzgeld abholen wollen. Natürlich nicht, ohne sich vorher üppig bedienen zu lassen.
Als wir gehen, verabschiedet der Besitzer uns deutlich zurückhaltender, als er uns begrüßt hat.
Eigentlich würden wir schon gern wissen, was das jetzt für zwei Gestalten waren.

18. Oktober 2018

(Tropea)

Segelyacht putzen

Das Ende wird greifbar. Wir packen das Paket, mit dem wir alle möglichen Sachen wieder nach Deutschland zurückschicken wollen. Wir putzen das Schiff. Innen und Außen. Mit besonderer Sorgfalt. Natürlich könnten wir das auch machen lassen. Aber wir sind sicher, dass das Putzen uns helfen wird, den Abschied zu gestalten.

20. Oktober 2018

(Tropea – Lamezia Therme)

Gangway hoch

Ein letztes Mal bindet die Liebste die Gangway hoch. Auf dass sie, wenn wir das Schiff verlassen haben, nicht durch sich verändernden Wasserstand oder auflebenden Wind und höheren Schwell im Hafen auf der Pier hin- und herkratzt. Wir sind schwermütig. Da liegt sie nun ohne uns. „Die Honey“. Wieder einmal verstehen wir gut, warum Schiffe Namen haben.

Lamezia Therme Rückflug

 

21. Oktober 2018

(Haltern am See)

Nach dem Urlaub Post

Tief in der Nacht sind wir zuhause angekommen. Spät am Mittag beginnen wir mit der Resozialisierung.

30. Oktober 2018

(Haltern am See)

Paket Segelequipment aus Italien

In uns wird diese Reise noch lange nicht enden.
Äußerlich endet sie mit einer Pointe. Auf dem Hinweg hat unser Paket mit der Segelausrüstung 5 Wochen gebraucht. Als wir es bei der Ankunft in Elba in Empfang nahmen, war der Karton kaputt und feucht. Wir waren heilfroh, dass sein Inhalt trotzdem unbeschädigt war.
Die Liebste und ich schlossen Wetten ab, wann das Paket wohl wieder zuhause ankommt. Ein Paket aus Italien … ! Aus Süditalien … ! Ich tippte auf Ende November, die Liebste auf Mitte Dezember.
8 Tage nach dem Ende unserer Reise ist es da. Komplett unversehrt. Es ist sogar noch einmal zusätzlich eingepackt und verschnürt.
Beim Auspacken strömt uns der Geruch von Honey entgegen und schenkt uns freudig melancholisches Sehnen.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Opa und Enkel auf Lipari

Sonnaufgang im Hafen Salina

Lipari Wanderung Monte Rosa

Salina Spiel der Abendwolken

Salina Kleinhafen mit Booten im Trockenen

Lipari Canneto Fähre mit Tagestouristen

38 Jahre äußerst bewegendes Berufsleben gehen zuende.
Grund genug für einen musikalischen Abschiedsgruß.

 

Roll on

(T. u. M.: Martin Gehrigk)

Now that I’m leaving you
I’m as happy as I’m sad
Happy to leave some kind of shit
Sad to leave all the good moments we had.

May be I’ll regret
May be even quiet soon
That dark scary night
I will howl to the moon.

May be in contrast I’ll become a very happy man
With a very, very, very, very late and happy end
May be with satisfaction, innocent and pure
I don’t know, but there’s one thing I know for sure:

We got to roll on, – roll on
We got to roll on like the ocean to the sea
We got to roll on, – roll on
Until we don’t want to be rolling no more.

Looking to all those years
That have been passing by
They are not a history of success,
But a history of just try.

The more I’m getting older
The more I understand
Big deal is for the moment
For eternity’s a helping hand.

Lots of friendly people have lots of good advice for me
I don’t care, I think I’ll just wait, look out and see
Like I’ve been doing all those years before
Cause there’s one thing I know for sure

We got to roll on, – roll on
We got to roll on like …

Ritterstatue

Süßer Schmerz

Es hat ein wenig geschneit heut Nacht. Das Pflaster ist noch nass. Es hat wie üblich das Getrappel der bierseligen Nachtschwärmer gleichmütig über sich ergehen lassen. Der Sonntag Morgen ist noch jung. Halb Neun. Da, wo vor ein paar Stunden noch, ebenfalls wie üblich, die Polizisten gestanden haben, sind jetzt die Tauben. Und bewegen sich ähnlich. Mal stehen sie zusammen, picken irgendwas aus den Ritzen zwischen den Pflastersteinen. Dann hoppelt eine abseits. Zwei folgen. Andere bleiben. Dann schwirren alle gemeinsam ein Stückchen weiter. Vielleicht hinein in eine der vier Gassen. Und wieder zurück. Es ist ein lauschiger, kleiner Platz. Eine Ecke der Pub „The Anglo-Irish“. Gegenüber der Tattoo-Shop. Diagonal das Ritterhotel. Gegenüber das Hotel, in dem ich jetzt sitze und gestern Abend auch saß. Bewacht wird der kleine Platz von einem netten kleinen Ritterchen auf einer nicht übermäßig hohen Säule. Er wirkt wie aus einem Kinderbuch. Er ist nicht besonders Respekt gebietend. Schon gar nicht furcheinflößend. Kein Wunder, dass er für das nächtliche Treiben, das die zumeist jungen Herumstreifer wohl ‚Feiern‘ nennen, die Unterstützung der Ritter aus der wirklichen Welt brauchen. Deren Auftritt gestern Abend um 10 habe ich genauso beobachtet, wie die Katerstimmung jetzt. Zwei Wagen fuhren heran. Einer mit vergitterten Fenstern. Wenn mal eine/r sofort weggesperrt werden muss. Einer mit Ausrüstung. Es dauerte, bis alle Polizisten ihre umfangreichen Ausrüstungsgegenstände angezogen, umgekoppelt, angesteckt und aufgesetzt hatten. Dann zeigten sie Präsenz. Mal standen sie zusammen. Mal bewegte sich einer weg. Dann ein anderer auch. Dann wieder zurück. Mal schlenderten sie gemeinsam in eine der Gassen.
Das Hotel, in dem ich unten im Cafe sitze, ist mittendrin. Große bodenlange Fenster öffnen den Blick auf den Platz und die beiden Gassen rechts und links. Wie Schaufenster für die Blicke in eine andere Welt. Sie öffnen und schirmen ab zugleich. Kein Laut dringt von außen in diesen Raum. Die Welt da draußen wimmelt, – und schweigt.
Ein älterer Mann betritt das Cafe. Er ist hier fremd. Er ist winterlich gekleidet. Deutlich weniger teuer als die Gäste hier und als das Personal. Sein Gesichtsschnitt, seine Haarfarbe, seine Haut, sein Schnäuzer, der Tonfall, als er morgendlich grüßt, … er ist vielleicht Türke oder Libanese oder … Er bestellt einen Kaffee „ßum Mitnehme“. Zum Glück sagt er nicht „to go“. Der Mann hinter der Theke kennt ihn. Sie wechseln zwei drei nette Sätze. Ich schäme mich ein bisschen, als mir auffällt, dass ich in irgendeiner Ecke meines Gemüts denke, dass er nicht hierhin gehört. Mit einem Pappbecher in der Hand geht er wieder raus und steuert den Pub schräg gegenüber an. Er stellt den Becher auf einen der Holztische, die draußen stehen und verschwindet in der Kneipe. Vor dem Eingang liegt ein Haufen aus den Resten von Kartons. Um den Pub herum und unter und auf den Holztischen und -bänken liegt jede Menge Müll. Vor allem Getränke-Becher aus durchsichtigem Plastik.
Der Mann kommt wieder heraus mit einem Laubgebläse in der Hand. Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, zippelt an dem Verlängerungskabel des Gebläses und schaltet es an. Selbst dieses Geräusch ist hier drinnen nicht zu hören. Wie verabredet taucht ein Lieferwagen auf. Ein Mann springt heraus, packt den Pappstapel vor der Tür und wirft ihn auf die Ladefläche. Der Gebläse-Mann zwängt sich zwischen Holztischen und Bänken und Wand in die Zwischenräume und treibt Müll vor sich her. Ein kleines Straßenreinigungs-Gefährt taucht auf. Wie aus der Playmobil-Welt ins echte Leben geschickt. Die beiden lustig blauen Besen-Räder von rechts und links erinnern an die Fühler von Maikäfern. Noch einen Schluck Kaffee „ßum Mitnehme“ und dann pustet das Gebläse die Reste der Nacht dem Playmobil-Gefährt entgegen. Offenbar wird das Gefährt von mehreren Männern begleitet. Sie tauchen um das Gefährt herum auf. Ihre neonfarbenen Warnwesten und ihre orangenen Overalls wirken irgendwie überdimensionert. Als wären sie hier mindestens auf einer vielbefahrenen Autobahn unterwegs. Auch sie tragen in sich Migrationsgeschichten. Ich frage mich, wieviele von denen, die heut Nacht hier gezecht haben, wohl mit von Alkohol gelöster Zunge von Grenzen dicht und Scheiß-Ausländer gefaselt haben. Und auch, ob ihnen wohl klar ist, dass der Müll, den sie in jeder Nacht hinterlassen, am nächsten Morgen von genau diesen Menschen hier beseitigt wird. Ich sehe einen Film im Zeitraffer. Feiervolk schwirrt heran, füllt den Platz, wabert wie eine Menschenwolke. Bierbecher, Chips-Tüten, Zigarettenschachteln sammeln sich. Polizisten wimmeln dazwischen. Die Wolke wird wieder kleiner. Verschwindet ganz. Der Müll bleibt. Der Tag beginnt. Tauben meandern zügig hoppelnd. Männer in Warnwesten wimmeln heran, reinigen den Platz. Vereinzelte Tourist*innen huschen vorbei, fotografieren den Ritter. Sonne geht unter. Feiervolk wimmelt heran. Und von vorne.
In mir wimmert leis ein Schmerz. Ich kann die Absurdität der Szene nur schwer ertragen. Die Männer da draußen, nicht eben gerade anerkannt in unserem Land, säubern diesen zugemüllten Platz, nur damit er in ein paar Stunden wieder so aussieht. Und ich sitze hier in Watte gepackt in einem mit Liebe und viel Geschmack eingerichteten Hotel-Cafe. Umgeben von einigen wenigen anderen Gästen. Die garantiert keinen Müll liegen lassen. Man grüßt hier freundlich. Man duzt sich. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass man an einen Tisch tritt und ein wenig plaudert. Vielleicht setzt man sich sogar dazu und ein Gespräch entsteht. Und vielleicht wird daraus sogar eines, dass mehrere „Ach-Ich-Trink-noch-einen-Kaffee“s dauert. Man ist umsorgt von sehr freundlichen und überhaupt nicht devoten oder diensteifrigen Menschen. Sie alle wirken, als würden sie ihre Arbeit auf eine entspannte Art einfach gerne machen. Es läuft sehr leise Musik. Aber es ist nicht dieses nervige Ritzen-Wispern. Es ist tatsächlich ungewöhnliche, schöne Musik. Man isst leckere Sachen. Sie sind alle biologisch, sie sind fleischfrei. Vieles stammt sogar aus eigenem biologischen Anbau auf einem Feld im Taunus.
Es ist schön hier. Ich fühle mich gut. Ich bin hier drinnen umgeben von wohl versorgten Menschen, die es gut haben in unserem Land. Und muss mich schon ein bisschen drängeln nicht zu sehr darunter zu leiden, dass die da draußen sich dies hier niemals leisten können. Dass sie sogar wie zum Hohn für meine Betrachtungen aus dem wohligen Dasein heraus als Kulisse herhalten müssen. Schmerzende Süße beim Aushalten dieses Widerspruches, für den ich zumindest keinen biologisch korrekten irgendwie einleuchtenden intellektuellen Notausgang suchen will. Wenigstens das.

Pflasterstein mit Apfel

Ein Relikt aus der paradiesischen Zeit, als der Apfel noch nicht angebissen war?
Na ja … Sachsenhausen … Äbbelwoi …

„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“

Frankfurt. Kunsthalle „Schirn“. Ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht ist es auch nur der triste Himmel eines verregneten Februartages. Das Gebäude wirkt auf mich, als habe es einmal in den Gedanken der Architekt*innen ein prachtvolles Kunst-Beherbergungs-Gebäude sein sollen. Und dann ist es fertig geworden, und war genau das einfach nicht. Nun stand es aber da. Und wurde dann eben Kunsthalle.
Drei kleine Theken kamen hinein.
Eine für die Tickets, eine für den Verkauf von einigen wenigen der Kunst verpflichteten Devotionalien. Sozusagen als wenigstens kleine Reminiszenz an fulminante Museumsshops in anderen Häusern, die von Kunst-Liebhaber*innen durchstreift werden auf der Suche nach Mitbringseln, mit denen sie ein wenig Kunstschimmer in ihre Heime mitnehmen können.
Und eine für’s Aufreihen der Audio-Guide-Gerätschaften. Theken so klein, dass die zwei Personen, die dahinter sitzen oder stehen, schon fast ein wenig überdimensioniert wirken.
Ich erwische mich bei dem zynischen Gedanken, dass die Herrscher über die Bankpaläste in dieser Stadt sich bei diesem Gebäude dann eben doch haben lumpen lassen.
Andererseits: Ist es nicht eigentlich charmant, dass man es gerade nicht mit den aufgepimpten Glas- und Stahl-Palästen der Finanzwelt aufnehmen wollte? Dass man sich mit ihren pompösen Eingangshallen mit den mit sanftem Surren aufgleitenden Portalen und den herrschaftlich sich hindehnenden Empfangstheken gar nicht erst messen wollte?
Und erst recht passt ja die Gebrochenheit dieser Kunsthalle gut zu dem, was ich heute sehen möchte: Wie nämlich Künstler*innen sich mit dem Glanz und dem Elend der Weimarer Republik auseinandergesetzt haben.
Mit neugierigem, wachsendem Unbehagen schiebe ich an den vielen, irgendwie zu dicht beieinander hängenden Gemälden entlang. Unbehagen wegen der Enge, die hier herrscht. Viele Menschen sind da. Viele von ihnen mit Audio-Guides, die sie von der Außenwelt abschirmen und hier und da vergessen lassen, dass sie sich gerade in den Weg meines Blickes stellen. Unbehagen auch wegen der Bilder. Sie zeigen tatsächlich eine aus den Fugen geratende Welt. Mit schriller Schärfe glotzen fette Bonzen-Fratzen aus den Bildern, tummeln Prostituierte, Kriegsversehrte, zigarrenrauchende Fabrikanten mit Pelzkrägen, stechschrittige Früh-Nazis und allerlei andere aneinander leidende Gestalten aus den Bildern.
Und in sie hinein. Darf ich das denken? Unwillkürlich fange ich an, die Menschen um mich herum mit demselben Blick anzuschauen wie die Figuren in den Bildern. Eigentlich sehen wir alle heute genauso aus. Leben in ähnlichen Widersprüchen.

Mich eingeschlossen.

menschliches Gesicht Otto Dix

Der Blick bleibt. Auch als ich anschließend in dem Cafe um die Ecke sitze.
Kurz nach mir setzt sich ein Mann an den Tisch neben meinem. Er hat genau diese Ausstrahlung:

Gemälde Mann am Nachbartisch

Ein ganze Weile kaue ich darauf herum und frage ihn schließlich doch: „Ich würde Sie zu gern fotografieren. Wäre das in Ordnung oder ist es Ihnen unangenehm?“ Er sagt Nein. Ein kurzer Moment Verwirrung. Bezieht sich sein „Nein“ auf den ersten Teil oder den zweiten Teil der Frage? Ich schaue ihn an. Er schüttelt noch einmal den Kopf und sagt Nein. Sein Ausdruck, seine Haltung, – er möchte nicht fotografiert werden. Ist er genervt von der Frage? Findet er sie anmaßend? Ist das eine atmosphärische Störung, die da als kleine dunkle Wolke zwischen uns wabert? Ich weiß es nicht. Wir bleiben beide irgendwie alleiner als vorher zurück. Denke ich. Doch dann kommt die Kellnerin und bringt ein kleines Schälchen Sahne, das eigentlich zu meinem Stück Kuchen gehört. Aber sie stellt es auf seinen Tisch. Neben das gleiche Stück Kuchen. Er schaut von seiner Zeitung auf. Schaut auf die Sahne. Zögert. Sagt mit einem milden Lächeln: „Ich glaube, das ist Ihre“. Und reicht sie mir herüber. Ich sehe ihm an, dass er eigentlich auch gerne welche hätte und biete ihm an zu teilen. Das Lächeln öffnet sich noch ein wenig mehr. „Nein, nein, nehmen Sie. Ich hab einfach vergessen, auch welche zu bestellen.“ Das Wölkchen zwischen uns ist verschwunden.
Dann wendet er sich wieder seiner Zeitung zu. Das Lächeln bleibt.
Ich frage mich, ob es wohl möglich ist, die Menschen um mich herum mit dem Blick eines Grosz oder eines Dix zu sehen und sie zugleich zu mögen. In diesem Moment glaube ich: Ja.

 

Frankfurt. Eine Fußgänger-Brücke über den Main.
Hier war wohl viel Liebe im Spiel.

Mainbrücke Schlösser

Die Liebste hat eine Zeitung gekauft …

Logo Zeitschrift Schöner Wohnen

… wenn Sie heute schon wissen wollen, was Ihr Enkel demnächst zum Schrott-Wichteln mitnehmen …

 

Die Welt der Schönheit, der Kunst, der Kontemplation

Wir betreten ein Museum in Bottrop.
Ja, da gibt es sowas. Sogar ein sehr schönes. Zwei Karten. Die Ausstellung, die uns zuerst interessiert, liegt im hinteren Teil des Museumsbaus. Als wir den Gang dorthin betreten haben, kommt uns ein erwachsener Mann entgegen. Er ist edel und teuer mit zurückhaltendem Schick und einem Hauch Besonderheit gekleidet. Konkret in Erinnerung habe ich jetzt noch eine feine Schirmmütze aus Tweed und einen säuberlich in Form rasierten schwarzen Vollbart. Er schreitet energisch. Schaut sehr ernst. An seiner Hand hängt ein kleiner Junge. Auch der ist edel und teuer mit zurückhaltendem Schick gekleidet. Vielleicht drei Jahre alt. Sein Gesicht kann ich nicht sehen. Es ist mit Seitblick hinter dem Rand einer Kapuze versteckt. Der Griff des Mannes hat den rechten Oberarm des Jungen so umklammert, dass die Steppjacke  seitlich der Klammerhand Wülste bildet. Der Mann schreitet voran. Schaut voran. Der Junge schleppt hinterher. Die Art, wie er sich mit einer leichten seitlichen Rückdrehung dem Klammergriff des Mannes ausliefert, erzählt von stiller, kalter Rebellion. Beide schweigen. Dieses Schweigen schrillt kalt in stummer Gewalt.
Sie kommen uns entgegen. Passieren uns. Unsere Gedanken überschlagen sich. Wir sind innerlich zugleich aufgewühlt und erstarrt. Erst, als die beiden schon ein ganzes Stück Richtung Ausgang entschwunden sind, können wir wieder handeln. Wir beschließen hinterher zu gehen. Ist das eine Art Entführung? Ist das eine Bestrafung? Sind das Vater und Sohn? War es tatsächlich Gewalttägigkeit, die wir da gespürt haben? Oder ein Missverständnis? Als ich hinter dem Mann her das Museum wieder verlassen habe, sehe ich, wie der Mann gerade  die rechte hintere Tür eines schicken, teuren, schwarzen Geländerwagens öffnet, ohne den Griff am Oberarm des Jungen zu lockern. Der Junge steigt ins Auto. Obwohl der Junge sich nicht wehrt, spürt man seine eisige riesenkleine Empörung. Der Vater ist sehr lange in das Auto hineingebeugt. Dauert es wirklich so lange, den Jungen anzuschnallen? Schnallt er ihn überhaupt an? Dann wächst der Mann wieder aus dem Auto, tritt zurück und knallt die Tür zu. Mit einem Flappen und dem Aufblinken von Leuchten ist die Tür verschlossen. Der Vater schaut noch eine ganze Weile grimmig durch die Seitenscheibe dorthin, wo jetzt der Junge sitzt.
Schließlich wendet er sich abrupt ab und schreitet mit demselben energischen Schritt wie auf dem Weg zum Auto zurück zum Museum. Wieder kommt er mir  – nun draußen vor dem Museum – entgegen. Unsere Blicke treffen sich. Er schaut wieder weg. Ich gehe neben ihm und schaue ihn weiter unverwandt an. Ich weiß nicht, was ich sagen könnte, will aber auch meinen Eingriff in die Szene nicht einfach so beenden. Der Mann spürt wohl, dass ich ihn anschaue. Er dreht sich zu mir und sagt mit nur mühsam zurückgehaltener Verachtung „Bitte?“. Ich antworte: „Noch habe ich nichts gesagt.“ Wir stapfen weiter. Endlich habe ich eine Idee, was ich sagen könnte und frage den Mann: „Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, wie sich das als Kind anfühlt, wenn man so angefasst wird?“
Sofort entspinnt sich, jetzt schon im Museum weiterschreitend, ein verbaler Schlagabtausch, dessen einzelne Sätze mir nicht mehr gegenwärtig sind. Ich kann mich nur noch erinnern, dass der Mann in kontrolliertem Zorn bebt. Mir scheint, er will mich unmissverständlich in die Schranken weisen und gleichzeit nicht soviel Aufsehen erregen. Auch ich selbst kann meinen Zorn nur schwer beherrschen, schaffe es aber. Er verlangt mit unterschiedlichen Formulierungen, dass ich mich da raushalten solle, ich verneine das immer wieder ruhig und stelle klar, dass ich mich in so einer Situation immer wieder einmischen werde, wenn Kinder so behandelt würden. Er zürnt, ich sei besser früher auch so behandelt worden, dann könnte ich mich jetzt benehmen. Das Agressionspotential der Szene steigt wieder. Gleichzeitig spüre ich, wie ich dem Mann ausgeliefert bin. Was mich auch zorniger macht. Erneute Eskalation droht.
Zum Glück mischt sich nun die Liebste ein. Sie sagt: Diese Szene wird sich jetzt nicht mehr auflösen lassen. Auch an ihre Worte erinnere ich mich nicht genau. Nur daran, dass sie auf eine unnachahmliche Art Partei für mich ergriffen und doch den Weg zum Notausgang zeigten.

Die Kunst anzuschauen, deretwegen wir eigentlich hier sind, ist lange nicht möglich. Ich bin so aufgewühlt wie selten. Bebe. Spüre mein Herz zu schnell und zu laut in meine Kehle hineinpochen. Zittere.

Und bin zugleich zutiefst irritiert. Ich habe es geschafft, mich nicht in Aggression zu verlieren und bin doch jetzt so verstört? Warum nur?
Noch lange reden wir immer und immer wieder davon. Andere vergleichbare Szenen fallen mir ein. Ist vielleicht die Konvention, dass man sich nicht einzumischen habe, so mächtig, dass es ernsthaft die innere Ruhe gefährdet, wenn man es doch tut?

Jauchzet, frohlocket!

Das wirkliche Leben ist oft genug zu groß für mein kleines Hirn.

Wir verbringen ein Wochenende in Leipzig. Bei einem Besuch in der Nicolai-Kirche schauen wir uns die Ausstellung an, die dort aufgebaut ist.

Aufsteller Nicolaikirche, Leipzig

„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Welt besitzen“, – mit diesem leicht abgewandelten Psalm erinnern die Ausstellungsmacher an die Friedensgebete in der Nicolai-Kirche, die ein wichtiger Ausgangspunkt für die Montagsdemonstrationen und schließlich den Mauerfall waren. Ehrfürchtig schauen wir uns die Dokumente an und fragen uns manchmal ein wenig traurig, wie viele von denen, die damals für die Freiheit auf die Straße gegangen sind, wohl heutzutage am Montag mit vergleichbarer Hingabe auf eine Demonstration von Pegida gehen.
Kaum haben wir die Kirche verlassen, sehen wir die ersten Stände des Weihnachtsmarktes und kurz davor Betonkübel, die den Markt vor einem LKW-Anschlag schützen sollen. Auf fast allen steht gesprüht „Danke Merkel“ und „Multikulti läuft“.

Schutzbetonkübel Weihnachtsmarkt

Der verqueren Logik von „Danke Merkel“ kann ich noch folgen. Sie sagt ja wohl: „Wir schaffen das“ hat unendlich viele Terroristen aufgefordert in unser Land zu kommen und der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, auf unseren schönen Heimat-Brauch, ist das traurige Ergebnis davon.
Aber die Logik von „Multikulti läuft“ will sich mir einfach nicht erschließen. Ich kaue auf irgendwas wie ‚Multikulti-Idioten lassen Flüchtlinge, sprich: Terroristen ins Land und müssen deshalb auf den Weihnachtsmarkt jetzt laufen. Wenn unser Land noch nicht von Flüchtlingen, sprich: Terroristen unterlaufen wäre, könnten wir fahren‘. Aber das ja Quatsch. So kann das nicht gemeint sein. Wer ist in Zeiten, als unser Land noch viel weniger Zufluchts-Ort von Flüchtlingen war, schon mit dem Auto über’n Weihnachtsmarkt gefahren?
Also: Ich verstehe den Spruch einfach nicht. Die Liebste klärt mich auf: Das ist ironisch gemeint. Multi-Kulti, d.h. Einladen von Menschen aus anderen Kulturen, sprich: Terroristen in unser Land, funktioniert eben nicht. Läuft nicht. Wie man an den Betonklötzen sieht, die ja eben genau wegen dieser Leute aufgestellt werden müssen.
Ironie?! Das passt nun wieder gar nicht zu meinem Bild von Menschen, die sowas an Betonklötze sprühen. Ironie scheint mir so feinsinnig und spielerisch. Können Menschen mit stumpfstrammer rechter Gesinnung so sein? Feinsinnig und spielerisch? Offenbar traut die Liebste denen das zu. Ich fotografiere die Betonklötze. Es dauert ein wenig. Ich möchte ein gutes Foto haben. Gehe auch mal in die Hocke. Probiere Blickwinkel aus. Vergesse dabei meine Umgebung. Hinterher erzählt die Liebste, während der Aktion seien vier auf eindeutige Art Glatzgeköpfte und Springer-Gestiefelte und Bomber-Bejackte vorbeigekommen. Einer habe sich zu mir umgedreht und mein Tun mit einem lauten Kotz-Geräusch in meine Richtung kommentiert. Müsste er nicht, wenn er so denkt, wie es auf den Betonkübeln steht, gut gefunden haben, dass ich diesen Sprüchen die Ehre erweise, sie zu fotografieren? Müsste er in mir nicht einen Gleichgesinnten erkennen, der sich ein Andenken fotografiert? Woran hat der erkannt, dass ich nicht zu Seinesgleichen gehöre? Also ein linksversiffter Multi-Kulti-Spinner bin? Oder war es genau umgekehrt? Das waren linke Anarchos, die in meiner Glatze ein eindeutiges Das-ist-ein-Rechter-Zeichen gesehen haben und es zum Kotzen fanden, dass eine solche Nazi-Glatze auch noch stolz die eigenen Stumpf-Botschaften Betonkübel fotografiert?
Ein bisschen Angst habe sie gehabt, gibt sie zu.
Kurz danach hören wir weihnachtliche Bläsermusik. Mit diesem unnachahmlich weichen Klang von Blechblasinstrumenten, diesem sahnigen, sehnsüchtig weichen Schmelz, wie ihn nur osteuropäische Ensembles in Perfektion hinkriegen. Die Vier „Neva-Brass“ aus St. Petersburg zaubern wahrhaft schöne Klänge in die Fußgänger-Zone.

Neva Brass in der Fußgängerzone

Ab und zu fiept eine Flöte dazwischen. Von irgendwo anders. Sie ist schrill und laut und frech, aber sie ist kein „Alternativ-Programm“. Im Gegenteil. Bei genauerem Hinhören stellt sich heraus, dass sie mitspielt mit den Petersburgern. Allerdings verrückt und zickig und schrill. Aber auch schön! So schön, dass wir uns fragen, ob da irgendwo noch einer steht, der zu den Petersburgern gehört, oder ob das eine bewusste Inszenierung ist. Wir schauen uns um. Sehen nichts. Während wir suchen, hört die Flöte auch auf. Dann entdecken wir ihn: Einen älteren Herrn. Gerade hebt er wieder die Flöte, tutet herum und macht Späße mit vorbeigehenden Passanten. Er ist eine Mischung aus Harlekin, Landstreicher und Clown. Er spielt und hüpft und lacht und spielt und hüpft.

Harlekin und Flöte

Wir sprechen ihn an. Es ist Daniel. Er gehört nicht zu den Petersburgern. Als wir das fragen, lacht er kess. Nein, Nein!! Im Gegenteil!! Die sind manchmal sauer über ihn. Er muss vorsichtig sein und darf oft nicht zu nah ran. Als wir ihm sagen, dass es lustig und schön ist, wie er mit der Musik der Petersburger  mitspielt und über sie improvisiert, lacht er wieder und meint, er würde das ja seit 20 Jahren machen und hätte also viel Gelegenheit gehabt zu üben.
Unser Streifzug geht weiter. Findet eine Pause in einem sehr schönen alten Cafe. So schön, dass kein Tisch mehr frei ist. Wir fragen eine ältere Dame, ob wir uns zu ihr an den Tisch setzen dürfen. Einladend stimmt sie zu. Sie ist Reiseleiterin bei einem Busunternehmen aus Brandenburg. Sie begleitet Reisegruppen auf ihren Tagesausflügen zu Weihnachtsmärkten. Lehrerin sei sie einmal gewesen. Als es die DDR noch gab. Ein wenig Wehmut umwölkt ihren Blick. Wir tasten uns in ein langes Gespräch. Sie erzählt, wie demütigend es gewesen sei, unmittelbar nach der Wende die Kündigung erhalten zu haben, wie demütigend auch, dass dann Berater*innen aus dem Westen auf allen möglichen Ebenen den Menschen in der DDR das Gefühl vermittelt hätten, Hinterwäldler zu sein. Immer weiter tasten wir uns vor in die Niederungen unserer Leben. Schließlich äußert sie ihre Besorgnis angesichts von, wie sie sagt, immer mehr Flüchtlingen, die hierher kämen und angesichts der Tatsache, dass es doch aber irgendwann vorbei sei mit der Aufnahmefähigkeit unseres Landes. Wir entgegnen, dass wir solche Gedanken einfach nicht denken könnten. Schon aus schlechtem Gewissen nicht. Schließlich sei ein erheblicher Teil unseres Wohlstandes gebaut auf den Schützengräben der Ausbeutung in afrikanischen und nordafrikanischen Ländern. Und es erhellt das Gemüt ein weiteres Mal: Zu erleben, dass es geht, über diese Dinge zu reden. Einander etwas vom eigenen Denken mitzuteilen und das des Gegenübers ernsthaft hören zu wollen. Plötzlich sind zwei Stunden um.
Am Abend hören wir in der Thomaskirche das Weihnachtsoratorium. Ein guter Teil davon ist auch für die Nicolai-Kirche geschrieben worden. Lange vor den Montagsgebeten … Jauchzet, Frohlocket. Wie üblich kommen mir schon bei dem Choral „Wie soll ich dich empfangen?“ beinahe die Tränen.
Zum Gewandhausorchester gehören unter vielen anderen der Lette Andris Nelsons, die Koreanerin Yun-Jin Cho, der Türke Kivanc Tire, der Chinese Mao Zhao, die Norwegerin Elisabeth Dingstad, der Franzose Tristan Thery, die Japanerin Miho Tomiyasu-Palma Marques, deren zweiter Nachname sich anfühlt, als sei sie – zum Beispiel – mit einem Spanier verheiratet, der Ukrainerin Mariya Krasnyuk, die fränzösische Japanerin oder japanische Französin oder, weil sie in Heilbronn geboren ist, Deutsche mit französisch-japanischer Migrationsgeschichte ist, die Russin Gayane Khachatryan, die als Cellistin gar nicht weit weg sitzt von der Ukrainerin, – sie alle spielen zusammen mit ihren deutschen Kolleg*innen und all den anderen aus allen möglichen Nationen dieses Oratorium, das die Geschichte erzählt von einem Menschen, der ja wohl in Nordafrika geboren ist, sich als Jude mit seinen eigenen Leuten angelegt hat und dann in die Mühlen der Machtpolitik geraten ist.
Und sie alle spielen eine Musik, die das Herz weit macht und den Geist frei und die trotzkopfdumm hoffen lässt auf das, was der Mensch kann.

Nach dem Konzert haben wir einen Tisch reserviert in einem italienischen Restaurant. Hinter uns sitzt eine fröhlich-laute Großfamilie mit bestimmt 4 Generationen. Sie sehen asiatisch aus. Es scheint ein kitschiger rosabunter Kindergeburtstag zu sein. Wir phantasieren, dass es Menschen sind, deren Vorfahren Vietnames*innen sind. Menschen, die auf der Flucht vor dem Krieg mit Amerika vielleicht Zuflucht gefunden haben in der DDR. Das Geburtstagskind bekommt unter anderem eine Barbiepuppe.
Ihr Bruder spielt auf der Bank etwas anbseits mit einem Hummer, – nein, nicht das Tier, – das Auto.

Multikulti läuft.
Ich lasse mir ein schönes Wort nicht zum Schimpfwort umgiften.

 

 

Ich hatte immer ein trotzkopfdummes Vergnügen daran, Journalisten „Aasfresser“ zu nennen. Und daran, der dann folgenden Empörung zu begegnen mit dem Hinweis, dass Aasfresser im ökologischen Gleichgewicht doch eine höchst ehrenwerte und wichtige Aufgabe haben. Dass also die Empörung nur mit einem diskriminierenden Denken über Aasfresser erklärbar sei.
Journalisten schreiben über Dinge, die passiert sind. Sie verwerten sie.
Aber vielleicht werde ich nach und nach diese Haltung korrigieren müssen.
Vielleicht werden Journalisten zunehmend Ereignisse kreieren. Dann sind sie ganz sicher die ersten zu sein.

Behauptung vor Fakt

Entlassung Bosz in Frage, Krisensitzung

Peter Bosz Vermutung Entlassung

Nachfolger Peter Bosz

Nachfolge Peter Bosz

 

2. Advent. Schnee.

Wie gesagt …

Schnee auf Zweigen

Schnee im Garten

 

Advent. Schnee.

Manchmal kommen die Dinge auf höchst passende Art zusammen. Wahrscheinlich sogar öfter, als man jetzt gerade glauben möchte.

Advent, Schnee, Fußspuren

Schnee auf Schaukel

Spuren im Schnee

Eis in Rosenblüte

Ein Zeichen

Langsam kenne ich mich aus auf meiner Fahrradstrecke zur Arbeit: Wo sind die unangenehmen Längsbuckel, die Wurzeln von unten in den Asphalt gedrückt haben und die den Inhalt meiner Fahrradtaschen geräuschvoll durcheinanderkegeln, wenn ich  mit unverminderter Geschwindigkeit mittig über sie hinwegzottel. Wo sind die Engstellen, an denen mir besser kein anderer Radler entgegenkommt. Der alte Herr, dem ich regelmäßig in einem kleinen lichten Wäldchen begegne. Er schiebt seinen Rollator leicht gebeugt und doch noch entschlossen hinter seinem alten Collie her. Manchmal im Sommer, wenn ich etwas später fuhr, sah ich ihn auch auf einer Bank sitzen und seinem Hund das Fell bürsten.

An einer Stelle mit einer sehr langen Geraden kann ich schon von Weitem die Fußgängerampel sehen, die ich dann überqueren werde.

Sie steht auf Rot, als ich sie zuerst sehe. Während der Fahrt auf sie zu wechselt sie auf Grün. Kurz danach wieder auf Rot. Mein Gefühl sagt mir, dass sie genau in dem Moment, wo ich sie erreiche, wieder auf Grün springen müsste. Ich bräuchte nicht anhalten.
Schon bin ich ganz nah dran. Noch ist sie nicht umgesprungen. Ich verlangsame. So sehr, dass das Lenken schon leicht zittrig wird. Komm schon! Schalt um. Du bist doch kurz davor! Nur noch ein kleines Stück. Von Rollen kann eigentlich kaum noch die Rede sein.
Ich schicke sogar ein kleines Gebet zum lieben Gott. Komm, lass sie umspringen. Na?! Jetzt sei doch mal nicht so!!

Unmittelbar vor dem Ampelmast muss ich mich notgedrungen damit abfinden, dass sie nicht umgesprungen ist.  Ich versuche, die rechte Hand an den Mast zu klemmen, damit ich nicht abspringen muss. Das Langsam-Fahr-Lenk-Gewackel macht mich aber so unsicher, dass ich den Mast verfehle. Ich muss tatsächlich vom Sattel rutschen und die Füße von den Pedalen nehmen.
In dem Moment, wo ich endlich stabil stehe und mich auf Warten umprogrammiert habe, springt die Ampel um.

Wenn das kein Zeichen ist!

Anderland

Lange Zeit nannte ich es das „Land des Vergessens“. Als sie dorthin schon unterwegs war, die Grenze aber noch nicht überschritten hatte, sagte sie manchmal ungewollt sehr poetische Dinge. Sie! Die ich so gar nicht poetisch kenne. Die immer skeptisch, oft genug auch verächtlich auf metaphorische Ausdrucksweise reagierte. Die alles für sie unverständlich Gebildete nicht nur ignorierte, sondern aktiv ablehnte. Die immer wieder betonte, sie sei auch zufrieden gewesen, wenn aus ihren Kindern Handwerker geworden wären. Die sogar die Scherenschnitte, die sie selber mit hoher Kunstfertigkeit schnitt, mit einer spröden Sachlichkeit behandelte, als würde sie nicht sehen wollen, dass ja eigentlich auch sie selbst eine Art Kunst machte. Ihr war wichtiger, dass sie manchmal auf einem Weihnachtsbasar für den einen oder anderen Scherenschnitt einen Euro bekam, und dass ab und zu jemand sagte: Ach, Sie machen so schöne Scherenschnitte. Das zitierte sie dann stolz, machte aber nicht den Eindruck, als würde sie das als Kompliment für ihre Gestaltung verstehen.
Und nun also hatte sie auch ihren Widerwillen gegen die Poesie vergessen und sagte z.B.: „Mensch, Martin, mein Kopf ist wie eine Handtasche. Ich tue irgendwas hinein und dann finde ich es nicht wieder.“
Wenn sie so etwas sagte, war ich gerührt und zugleich ein bisschen beschämt, weil ich mich an etwas freute, was ja ihrem beginnenden Verfall geschuldet war.
Dachte ich damals.
Heute, da sie in inmitten dieses Landes lebt, wo ich sie manchmal besuche, manchmal sogar antreffe, zweifle ich, ob all das die richtigen Worte waren: „Land des Vergessens“, „Verfall“. Ob sie nicht viel zu sehr meinen Blick auf ihre Veränderung ausdrücken. Meine Irritation. Mein „Noch nicht“. Als sie noch in ihrer Handtasche gesucht hat nach ihren Gedanken, da wäre Vergessen vielleicht noch das richtige Wort gewesen. Es gab ja noch Reste des Nicht-Vergessens. Heute aber ist die Transformation abgeschlossen. Die Puppenhülle abgestreift.
Heute lebt sie in Anderland.
Es gibt kein Vorher, kein Nachher, kein Weil, kein Oder, kein Wiespät, kein Deinmeinunser, kein Wenn und kein Aber und schon gar kein Wennaber. Nichts von dem, womit unsereins den lieben langen Tag das Denken und Reden ordnet. Es gibt nur ein Jetzt, – eines aber (da ist es schon wieder), von dem ich so gut wie gar nichts weiß. Dieses Jetzt drückt sie, seltener werdend zwar, aber doch immer noch ab und zu sprechend aus. Manchmal verstehe ich sie. Manchmal nicht. Dieses „Pö!“ zum Beispiel, das sie unverhofft sagt, das mit jungmädchenhafter Stimme am Ende nach oben kiekst, verstehe ich nicht. In meiner Wenndannwelt denke ich bisweilen, es sei ein Ausdruck des Trotzes. Stimmt aber nicht. Sie sagt es auch, wenn sie gerade gar nicht trotzt. Aber vielleicht trotzt sie dann woanders in ihrem Anderland. Also doch Trotz? Irgendein Rest von einem Dasein als Kind? Als junges Mädchen? Oder einfach nur Lust auf diesen Klang? Dieses Modellieren der Stimme? Ich weiß es eben nicht.
Es kann auch ein „P-h-o“ sein, das h deutlich getrennt vom P, das o wie bei oft. Die Stimme tief, wie bei einer, die sich auf den Spaten lehnt nach 3 Stunden Umgraben. Doch auch das ist meine Phantasie. Ich weiß nicht, ob sie damit noch Anstrengung ausdrückt oder Erinnerung an Anstrengung, Anstrengung beim Erinnern, das ins Leere läuft, weil es gar kein Erinnern kennt.
Immer dann bin ich zwar bei ihr, treffe sie aber nicht an.
Manchmal aber treffe ich sie an in Anderland.
Ab und zu fängt sie unverhofft an zu zählen. Auf der Suche nach Kontaktmöglichkeiten zu ihr spreche ich dann mit. Immer Zweiergruppen. Meistens fängt es irgendwo bei 12, 13, 14 an. Dreizehn, Vierzehn. Stimme leicht rauf. Es geht ja gleich weiter. Gibt es also doch ein Nachher? Fünfzehn, Sechzehn, Pause, Siebzehn, Achtzehn, – Verstohlen schaue ich mich um, ob jemand mitbekommt, was wir hier gerade machen. Neunzehn, Zwanzig. Plötzlich schießt sie aus Anderland auf mich. „Warum plapperst du mir eigentlich alles nach?“ Ich möchte sagen „ich plapper doch nicht nach, ich plapper mit“, aber das käme aus einer anderen Zeit. Also schweige ich. Und hör ihr zu. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Mit so einem Klang wie Wohlwollen. Als würde sie dem Jungen zusehen, wie er Erdbeeren ins Körbchen sammelt und ihm mit aufmunterndem Mitzählen helfen wollen.
Auch beim Singen treffe ich sie häufig an, wenn ich sie besuche. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Bei „Klipp Klapp“ steigt sie oft ein. Oder bei „und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Um Weihnachten herum habe ich sie mal gefragt, ob sie eigentlich auch Weihnachtslieder kenne. Natürlich, sagte sie, mit Entrüstung, wie ich so etwas Dummes fragen konnte. Und fing an. „De-her Mai ist gekommen … „. Das ist auch ein schönes Lied, sagte ich und dann: Ich meinte aber (sic!!) so ein richtiges Weihnachtslied. Kennst Du so eins auch? Ja klar. Jungmädchenhaftes nach oben Kieksen der Stimme. Und als Beweis legte sie los: „De-her Mai ist gekommen … “. Ob es der Gleichklang ist von Weih und Mai? Egal, – ich schmetter mit. Und treffe sie an.
Heute wollte ich den Pflegerinnen beim Füttern helfen. Sie öffnet aber den Mund nicht. Ich versuche es mit allen Tricks. Nichts hilft. Reden nutzt schon mal gar nichts. Mach mal den Mund auf. Hm, das ist lecker. Mit dem Stück Marmeladenbrot auf der Gabel leicht ihre Lippen berühren. Mit dem Stück Marmeladenbrot auf der Gabel in einem etwas größeren Bogen, so, dass sie es sieht, auf ihren Mund zubewegen. Mund aufmachen vormachen. Nichts. Plötzlich sagt sie: Du willst mich bloß reinlegen. Erst will ich protestieren. Nein, nein, ich will Dir doch nur beim Essen helfen. (Ich Gutmensch). Aber dann zögere ich, schweige kurz und sage. Ja! Stimmt! Und lache. Und sie lacht mit. Wir schauen uns an beim Lachen. Wieder hab ich sie kurz angetroffen.
Das Happy End könnte jetzt sein, dass ich ihr das Stück Marmeladenbrot schnell in den Mund schiebe, jetzt, wo sie beim Lachen den Mund auf hat.
Kurzes Zögern beim Verarbeiten dieser Idee. Schon ist der Mund wieder zu. Es war auch keine gute Idee.
Das Happy End: Isst sie eben nicht! Pö!

Lichtallergie

(gekürzte Fassung, hier geht es zur längeren Fassung)

Helmut Kohl ist gestorben. Wahrscheinlich bleibt einem Politiker wie jedem anderen Menschen, dessen Leben zu einem großen Teil der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, gar nichts anderes übrig, als sich selbst zur Hauptfigur einer Legende zu machen. Und wahrscheinlich bekommt jeder dieser Menschen auf diesem Weg schnell mediale Vorschläge zu einem klaren Plot, auf dass sich die Legende in wenigen Kernbegriffen verdichtet erzählen lasse. Kanzler der Einheit, – ach ja.
Helmut Kohls Legende muss nun nachjustiert werden. Es steht die Kreation des Schlusskapitels an.
Die dazu notwendigen Kernbegriffe außer „Kanzler der Einheit“ sind schnell definiert. CDU-Grande, stur, charmant, verlässlich, Europäer.
Ein bisschen mehr elegante Eloquenz verlangt das delikate Thema Hannelore und Familie. Man kann ja schlecht sagen, was jeder weiß, und nicht weiß und irgendwie doch weiß: Dass Helmut Kohl sein Leben mit einer anderen Frau geteilt hat als Hannelore. Dass er seine Frau und seine Familie zu Statisten der Legende „treusorgender Familienvater“ degradiert hat. Dass er seine Frau in dem für diese Legende zur Schau gestellten Eigenoggersheim hat vereinsamen, verzweifeln und schließlich sterben lassen.
Legende Kohl. Kapitel Hannelore. Auch diese Herausforderung meistern die Schwadroniermaschinen der Nachruf-Massenproduktion. Kernbegriff: Lichtallergie. Kernbotschaft: Ein Kanzler hat sehr viel und sehr Wichtiges zu tun. Er kann sich nicht auch noch um seine Söhne kümmern. Das hat sie dann aufopferungsvoll getan. Und zusätzlich noch um ihre Stiftung. Sie war nämlich weit mehr als nur die Frau an seiner Seite. Aber dann kam leider diese Lichtallergie.
In diese gut geölte Legendenproduktonsmechanik stolpert hinein: Der Sohn. Er steht mit seinen beiden Kindern vor dem Elternhaus und wird von der, die jetzt hier das Sagen hat, Kohls zweiter Frau, nicht hineingelassen, bekommt sogar Hausverbot, wird von der Polizei sanft weggeführt. Noch am Abend höre ich in journalistischen Kommentaren, dies sei „entwürdigend“ gewesen. Man fragt sich, warum der Sohn sich das angetan habe. Und man ist auch ein bisschen empört, warum der Sohn dieses Schauspiel, diese kleine hässliche Macke dem noch frischen Zierputz am Anbau zur Legende Helmut Kohl zugefügt hat
Dem Sohn wird allen Ernstes entwürdigendes Tun vorgehalten. Für mich war sein Verhalten ein verzweifelter Versuch, gerade eben die zu behalten: Die Würde. Er ist mit einem 50er-Jahre-CDU-Vorzeigefamilien-Papa-mit-Pfeife-an-der-von-der-geliebten-Frau-gespielten-Hammondorgel-Stigma gezeichnet, das ihm bis hinein in seinen Körperbau wahrscheinlich ein Leben lang genau das versucht hat zu nehmen: Die Würde.
Innerlich gratuliere ich ihm. Aber ich bin natürlich parteiisch. Und insofern ungerecht. Für mich ist Kohl der Inbegriff des dumpfen, verlogenen, bigotten Moral-Bürgers, dem ich als junger Mensch kalt, nein – schlimmer – lauwarm leidend ausgeliefert war. Für mich ist er der Vater der „geistig-moralischen Wende“, die nichts anderes bedeutete, als dass alles, was ich mir als wichtig erkämpft hatte, von einem Tag auf den anderen auf den Müll kam. Vorher war ich mal Strauß-bedingt „Ratte“ und „Schmeißfliege“ gewesen. Aber das war ja schon fast eine Ehre, von einem korrupten autoritären polternden rechtsbayerischen Polit-Berserker so genannt zu werden. Jetzt aber versanken meine Ideale im klebrigen Sumpf einer reanimierten Mehlschwitzen-Gesellschaft, die sich anschickte, einladenden Errungenschaften wie Toleranz, soziale Verantwortung, Liberalität, Weltoffenheit und ähnlichem  Sozenschnickschnack den Garaus zu machen. Und: Entschuldigung! Auch „Kanzler der Einheit“ war er für mich nicht. Die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge in Prag, die Öffnung der Grenze von Ungarn nach Österreich, das kopflose Stolpern des DDR-Regimes, die friedliche Klarheit eines Gorbatschows, die verhinderte, dass die DDR-Führung mit Waffen gegen die Montagsdemonstranten vorging. Bei all dem war er für mich nur ein Zaungast, der immer zu dick und zu laut seinen Saumagen-Senf dazugegeben hat, damit er dereinst „Kanzler der Einheit“ genannt werden können möge.
Ja, – ich weiß, all das ist ungerecht und pietätlos. Aber es ist auf den Legenden getünchten Wänden ja auch nur ein Fliegenschiss.
So wie das Verhalten des Sohnes. Und einer, der noch viel kleiner ist als der des Sohnes.
Ihm gebührt mein Respekt. Und mein Mitgefühl. Denn irgendwo in sich wird er trauern. Schließlich ist sein Vater gestorben, und der seines Bruders und der Großvater seiner Kinder.

Heute haben wir ein Lichtobjekt bekommen, das Fabian Thiele kreiert hat.
Atelier NONEON

Zeit No-Neon-Lichtobjekt

Verschwinden

In Zeiten wie diesen
Und solchen
Wie diese es erwarten lassen
Ist es womöglich ein Luxus
Mit dem Tod spurlos
Zu verschwinden
Um liebevoll denen anvertraut zu werden,
Die sich ab und zu erinnern
Möchten.

Trübsal

Trübsal
Nicht mal geblasen
Zuviel Aktivität
Heimlich herbeigenebelt
Dräut sie vor sich hin
Quillt in die Zwischenräume
Zwischen den Synapsen
Dringt in die Hohlräume
Wie Dichtungsschaum
Hält gleißend entfärbte
Gedanken gefangen
In grauen Zellen.

zwischen Zehnvorvier und Viertelnachfünf

Heute im Morgengrauen verlasse ich die Apotheke.
Gestern am späten Nachmittag betrat ich sie. Die Apotheke meines Vertrauens. Ich glaube eigentlich nicht, dass man einer Apotheke vertrauen kann. Aber ich nenne sie so. Es macht so ein Gefühl von zuhause sein.
Wie kann ich helfen, fragt der freundliche Mann.
Ich hätte gern ein rezeptfreies Zäpfchen gegen Zonen zerebraler Zersetzung.
Wieso keine Tropfen?, fragt er, die wären doch näher dran.
Da bin ich gar nicht so sicher, sage ich. Außerdem mag ich es irgendwie, wenn sich die muskulären Wellen des Umschließens eines Fremdkörpers im Unterbauch ausbreiten.
Ja, das verstehe ich, sagt er.
Und ich mag die Alliteration, sage ich.
Ja, da haben sie Recht, sagt er.
Ich weiß gar nicht, womit ich Recht habe, aber es ist trotzdem ein schönes Gefühl, gesagt zu bekommen, dass ich Recht habe.
Und ich hätte gerne etwas gegen Sinnestrübnis. Am liebsten eine Tinktur.
Meinen Sie Sinnes im Sinne von Wahrnehmen wie hören oder fühlen. Oder eher Sinnes im Sinne von Sinn, so wie man sagt `in etwas einen Sinn sehen´.
Beides, sage ich.
Und etwas gegen farblose Gemütsverfärbung.
Also eigentlich ‚Gemütsverblassung‘?, fragt er und spricht weiter: Da kann ich ihnen eine Tinktur empfehlen. Die tragen sie auf die Brustwarzen auf. Sie können sich sofort danach wieder anziehen. Die Tinktur ist farblos, sie zieht schnell ein. Sie macht keine Flecken.
Und schließlich fragt der Apotheker noch: Kennen Sie den Grund für Ihre Verfassung?
Nein.
Bewegung hilft eigentlich immer, rät er, gerade wenn es um Sinn geht.
Hm … , brumme ich ratlos und frage mich, welches wohl die richtige Denkreihenfolge wäre. Erst der mangelnde Entschluss, dann der fehlende Sport? Oder erst der fehlende Sport und daraus resultierend die mangelnde Entschlusskraft.
Ich zögere offenbar zu lange. Der Apotheker rechnet zusammen und bittet um Zahlung.
Ich zahle mit Karte.
Der elektronische Beratungsassistent lässt Zäpfchen und Tinktur in den Ausgabeschacht poltern. Surrend schiebt sich die Quittung aus einem Schlitz.
Gute Besserung, höre ich die erstaunlich natürliche Stimme beim Weggehen.
Im Morgengrauen finde ich die Medikamente nicht. Vielleicht bräuchte ich noch was gegen Schwersichtigkeit bei Nachtende.
Die zerebrale Zersetzung ist eine Mücke. Ich will sie im Flug erwischen. Folge ihr mit beiden Händen in einer Schleife.
Klatsch!
Die Mücke entkommt.
Ich aber kriege die Hände nicht mehr auseinander.

Immer wieder gibt es Phasen, in denen ich hier nichts veröffentliche.
Ich habe Ideen. Schmiere sie auf Zettel. Korrigiere daran herum. Manchmal landen sie am Ende dann doch im Papierkorb. Manchmal bleiben sie mir als kleine Lichtinseln im Hirn. Erweitern sich. Als würde Denken neues Land an ihre Gestade spülen.
Schreiben hilft beim Denken. Und umgekehrt.
Die Zeit, die das bei mir braucht … . Passt das zu einem Blog? Müsste ich nicht viel regelmäßiger veröffentlichen? Nicht viel schneller auf Impulse reagieren? Abends noch mal schnell ein paar Worte? …
Was für müßige Fragen. Selbst wenn ich müsste, – ich könnte ja nicht. Es will ja erst gedacht und geschrieben werden. Und umgekehrt. Und nochmal umgekehrt.

Im Radio höre ich die Nachricht, dass der IS Schwierigkeiten hat sich zu finanzieren, weil er viele eroberte Gebiete verloren habe und deshalb dort nicht mehr die sonst üblichen Einnahmen durch Abgaben der Bevölkerung habe. Er sei nun zunehmend auf die Einnahmen durch Ölverkäufe angewiesen aus Ölquellen in Syrien, die in erorberten Gebieten lägen. Die Verkäufe aus diesen Quellen seien deshalb auch gesteigert worden.
Hauptabnehmer sei – ich traue meinen Ohren nicht – Assad, das Regime also, das vom IS in Syrien bekämpft wird.
Zuerst bin ich trotzkopfdumm entsetzt über diese perverse Art von Aneinandergekettet-Sein in schmutzigen Deals. Wie kann ein Regime das Öl für die Panzer, mit denen es die Feinde tötet, bei eben diesen Feinden kaufen? Wie können Menschen Öl an diejenigen verkaufen, die damit die Panzer betanken, mit denen sie selber dann getötet werden?
In den Tagen danach legt sich das Entsetzen. Kaltes  Konstatieren der zynischen Logik des Krieges stattdessen. Natürlich ist es nicht „entsetzlich“. Im Gegenteil. Es ist folgerichtig. Es ist einfach ein Geschäft. Öl gegen Tod gegen Leben gegen Tod gegen Öl. Warum sollte ich nur Geschäfte machen mit denen, die auf meiner Seite stehen? Quatsch. Naive antikapitalistische Moral.

Frühling Knospe

 

Frühling

Das erste Mal dies‘ Jahr
Dass ich sie sah:
Kleine Jungblätterbomben
An den Ästen
Am Strauch
Am Weg
Ich musste ganz nah
Ran. Dann konnte
Ich es kichern hören
Das dichtgedrängte
Frische Grün in ihnen.

Ach – ich fühl mich so
anfänglich.

Wie ein Ja.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Die diversen „…gidas“, Wilders, Trump, Le Pen, Farage und der Brexit, die AFD, …, es scheint zu einer eleganten Selbstverständlichkeit geworden zu sein, die politische Kultur, die mit diesen und anderen Namen einhergeht, als postfaktisch zu bezeichnen. Bisweilen liest und hört man auch, das Zeitalter des Postfaktischen sei angebrochen.
Das nun würde implizieren, es habe ein „faktisches Zeitalter“ gegeben. Vorher. Geprägt von einer politischen Kultur der Orientierung an Fakten.
Unmittelbar fällt mir mein Vater ein. Seine beiden Lieblingssprüche, die mit schöner Regelmäßigkeit die rebellische Haltung des noch jungen Sohnes dämpfen sollten, waren:
„Du kannst ja nach drüben gehen, wenn es dir hier nicht passt.“ Und: „Wer mit 17 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 25 noch immer Kommunist ist, hat keinen Verstand.“
Da war sie wieder, die Keule „Verstand“. Wer die Fakten richtig „lese“, hieß das für mich, könne nicht solchen Träumereien wie dem Kommunismus folgen. Müsse sehen, wie es zugehe in der Welt. Die Fakten analysieren. Und das hieß immer: Den Status Quo akzeptieren und das Beste daraus machen. Für ihn waren Fakten so etwas, wie: Der Russe will den Westen einnehmen und deshalb brauchen wir die Freundschaft zu den USA und die Nato. Deshalb brauchten wir die Einführung der deutschen Bundeswehr. Das sagte ER, dem als 17-Jährigem ein Granatsplitter die halbe Flanke so zerrissen hatte, dass er das nur mit viel Glück überhaupt überlebt hatte. Das sagte auch der Vater meiner damaligen Freundin, dem in Russland beide Füße zur Hälfte abgefroren waren. Zerschossene Flanke, abgefrorene Füße, – denkbar konkrete Fakten. Könnte man meinen. Jedenfalls deutlich faktischer als die Vermutung, der „Russe“ würde sofort in die BRD einmarschieren, wenn er die Möglichkeit eines Sieges sähe.
Es gab noch viele andere solcher „Fakten“, z.B. dass ein Lehrer, der mir wieder mal buchstäblich die Ohren lang gezogen hatte, sicher gute Gründe dafür hatte.
Die sogenannten Fakten sprachen für den größten Teil der Politiker in den 80er Jahren eindeutig für die Sinnhaftigkeit einer forcierten Förderung der Atomkraft. Heute sprechen die sogenannten Fakten selbst für die CDU eindeutig für das Gegenteil. Einen mit Fukushima vergleichbaren vielleicht sogar noch „faktischeren“ Fakt gab es 1986 in Tschernobyl. Dieses Ereignis war aber offenbar noch nicht faktisch genug, um darauf konkret politisch so zu reagieren wie später nach Fukushima.
Mir drängt sich der Gedanke auf, dass das Postfaktische mit solcher sich selbst davon abgrenzenden scheinbar wissenden Eleganz so sehr in den Vordergrund gestellt wird, um schon damit unter Beweis zu stellen, dass aktuelle Politik jenseits von Pegida und Konsorten faktisch orientiert sei.
Und der Gedanke, dass das angeblich Faktische schon immer nicht so faktisch war, wie es daher kam. Dass im Gegenteil die etablierte sogenannte Demokratie und die einflussreichen Akteure in ihr immer perfekter darin geworden sind, ihr Handeln mit sogenannten Fakten scheinbar zu begründen. Und eigentlich immer zum Nachteil derer, deren faktisches Leben nicht gerade gut aufgehoben war und ist in den daraus folgenden Entscheidungen. Natürlich waren es die Fakten, die die Agenda 2010 gebaren, natürlich waren es die Fakten, die die Rettung der systemrelevanten Banken notwendig machten. Natürlich sollen es Fakten sein, die eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen erzwingen.
Ich empfinde bitteren Überdruss daran. Ich empfinde Überdruss an diesem Schmuddelspiel. Überdruss an dieser Art von Erosion des demokratischen Gedankens. Überdruss daran, dass Lobbyisten Gesetzestexte schreiben, die danach demokratisch entschieden und dann mit den und den Fakten „verkauft“ werden. Was sind das für Fakten, die seit mehr als fast 40 Jahren Krieg in Afghanistan begründen? Immer wieder aufs Neue und in neuen Wendungen, aber: Krieg. Menschen sterben. Massenhaft. Und immer wieder und aufs Neue ohne das am Anfang faktisch imaginierte friedliche Ergebnis. Die Fakten sprechen ja eine klare Sprache: Krieg. Seit 40 Jahren.
Fakt: Soziale Ungerechtigkeit des Bildungssystem, – seit weiß der Henker wieviel Jahren …
Fakt: Ausrottung von Tieren. Fakt: Ein von der EU nach Namibia exportiertes Huhn ist billiger als eines, das dort gelebt hat. Fakt: Jede SMS, die ich schreibe, ist bezahlt mit dem Blut derer, die für die Gewinnung der Rohstoffe für mein Handy rigoros ausgebeutet werden. Fakt: Scheiß auf den Klimawandel, wenn Vatti im SUV trotzkopfdumm am Morgen im Winter vor der Bäckerei mal eben den Wagen laufen lässt, damit er schön warm bleibt. Offenbar aber alles Fakten, die nicht faktisch genug sind.
Der Durchmesser eines Moleküls vom Molekül vom Molekül lässt sich heute auf drei Stellen hinter dem Komma genau berechnen, aber offenbar nicht, ob die Maut nun so und so viel oder so und so viel oder womöglich sogar gar nix einbringt.
Ja, – Überdruss ist das, was ich empfinde. Und fast schäme ich mich ein bisschen, wenn ich weiter denke und mir vorstelle, dass es vielleicht sogar ein ähnlicher Überdruss ist, der die Anhänger der Le Pens und der Gaulands (was für ein Name!) und der Orbans ebendiese auf beängstigend gute Wahlergebnisse oder sogar in Wahlsiege schiebt.
Ein Gefühl schon seit Nineeleven. Dass nämlich die von der erodierten Demokratie der Nestles, der Krauss-Maffei Wegmanns, der Exons, der Lehmanns, der McDonalds Verratenen aufstehen und wild verzweifelt dieser erodierten Demokratie etwas entgegenzusetzen versuchen, – hier, im sogenannten freien Westen, wie dort im sogenannten nahen Osten: Den Glauben an etwas Besseres als die sogenannte Welt der Fakten. Den Glauben an Ideale. Die Hoffnung auf eine bessere Welt. Nichts weniger. Und wenn schon nicht hier, dann wenigstens im Paradies. Und wenn schon nicht überall, dann wenigstens bei uns.
Vielleicht ist es am Anfang, so gedacht, sogar – zynisch genug!  – ein verständlicher Impuls, den sogenannten freien Medien nicht mehr vertrauen zu wollen. Wie auch ich es nicht mehr getan habe seit Nineelven. Da nämlich begann, dass ich von eben diesen freien faktenorientierten Medien bombardiert wurde mit Bilden des hässlichen Islam. Hysterische Langbärtige, die Fahnen verbrennen, arabisch in Mikrofone brüllen, lächerliche weiße Nachthemden tragen. Und mitteilen sollen: Ich, der ich das sehe, bin vernünftig, faktisch, besonnen, friedlich. Die da sind unvernünftig, religiös fanatisch, verirrt, brutal. Ist es am Ende nur eine verzweifelte Behauptung der sogenannten freien Medien? Wir sind faktisch und der Wahrheit verpflichtet, – die da nicht. Wir geißeln das Postfaktische um unsere Arbeit als faktisch und der Wahrheit verpflichtet aussehen lassen zu können.
Kürzlich sitze ich mit meinen Tenniskumpels beim Bier danach. Im Hintergrund läuft die Verabschiedung des Präsidenten Gauck. Gebührend beweihräuchert. Ich wende mich ab mit dem Satz: „Oh Gott, den ertrag ich nicht.“ „Wieso?“, staunen mich die Kumpels mit runden Gesichtern an. Ich schimpfe – ganz „postfaktisch“ – über seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz von, – war das 2015? Wo er mit salbungsvoll pastoralen Worten Europa und Deutschland daran erinnert, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen in der Welt. Auch militärisch.
Darauf entspinnt sich eine Diskussion. Na ja, es stimme ja schließlich, dass die Europäer sich immer von den Amerikanern auf den Schlachtfeldern dieser Welt verteidigen ließen. Dass diese Europäer nur bescheidene Beiträge leisteten – oder auch gar keine. Dass sie aber eben noch weit entfernt seien von den einmal von der Nato beschlossenen 2% Anteil am Bruttosozialprodukt, die für Rüstung auszugeben wären. Von daher sei es doch verständlich, …
Das kann ich alles, sage ich, nicht beurteilen und habe dazu auch keine Meinung. Was ich aber weiß, sage ich, ist, dass dieser Präsident verschweigt, was sein Aufruf letztlich heißt, nämlich junge Menschen in den Tod zu schicken. Hier wie dort. Du … tot. Und Du … tot. Und Dein Sohn … tot. Und dieses Verschweigen, zumal von einem ehemaligen Pastor, der Freiheit und Mitmenschlichkeit predigt, das hasse ich.
Die Gesichter werden noch runder. Ähneln zunehmend dem von meinem Vater. Sie sagen es nicht, aber sie senden es: Mein Gott, bist du naiv.
Da ist sie wieder, die sogenannte nicht postfaktische Mechanik. Ein Wüterich in den USA, an die Macht gespült vom sogenannten Postfaktischen infiziert die Welt mit dieser Zahl. 2%. Und schon wird damit von Politiker/-innen, wie von Tennis-Kumpels scheinbar faktisch argumentiert.
Ich weiß damit kaum umzugehen. Vielleicht am ehesten so:
Dass ich um Ideale werbe, um Mitmenschlichkeit, um Wahrheit, um Empathie und Aufmerksamkeit für das Leid, wo und wie auch immer es sich mir zeigt. Nicht um eine scheinbar faktisch belegte, glatte, kaum bezweifelbare, eingemauerte Wahrheit. Nein, um eine, die den Zweifel atmet, die Bitte um Mit-Denken, das Eingestehen des Nicht-Wissens, den Versuchscharakter.
„Glaube, Liebe, Hoffnung“ kommt mir in den Sinn, – mir! Der aus der Kirche vor langer Zeit ausgetreten ist!
Und dann träume ich von einer Bewegung der Menschenfreunde. Sie müsste nur leider anders heißen, weil man das so schlecht abkürzen kann.

Geht doch

Zappe am Abend durch die Programme. Bleibe bei Hallenfußball hängen. Ziemlich temporeiche Angelegenheit. Wenige Fouls. Viel Trickserei. Viele Kurzpässe. Gefällt mir.
Einer setzt einen Schuss aus vollem Lauf an die Oberkante der Latte. Von dort prallt er ins Auffangnetz dahinter. Er dreht ab. Mischung aus Ärger und Enttäuschung. Er wendet den Kopf ab, dreht und neigt ihn leicht seitlich, schürzt die Lippen, zieht Luft ein und … – in diesem Moment fällt ihm wohl ein, dass unter ihm kein Rasen ist. Im letzten Moment verkneift er sich das Rotzen.
Geht doch.

Auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Münster spricht auch die Schulministerin des Landes NRW. Silvia Löhrmann. Sie ruft in den Saal, verstärkt vom pumpenden Auf und Ab der Arme: „Wir wollen doch, dass jedes Kind glaubt, dass es gleiche Chancen hat“. Ach so. Die Kinder sollen es nur glauben. Sie müssen es gar nicht erleben. Ja dann.

Herbstlaub und Schaukel

Herbst

Ein Sommer winkt nochmal und geht
Er schaut sich um dabei und sieht
Dass wir uns schon ein bisschen quälen
Er lacht und ruft zurück: Wann wollt ihr denn von mir erzählen?

Ich erfahre durch Radionachrichten, dass bei einem Rekatorunfall in den brüchigen Blöcken in Tihange die gesamte Region um Aachen herum verstrahlt sein könnte. Dass für diesen Fall eine beträchtliche Anzahl von Schutzmasken gelagert sind.
Allerdings sind keine für Kinder dabei. Erfahre ich.
Warum wundert mich das nicht?

Dschihad

(für جابر البكر‎,)

Er lässt den Lieferwagen ausrollen. Es ist die festgelegte Stelle. Hier, am Rand des Wochenmarktes, wird er nicht weiter auffallen.
Er stoppt den Motor.
Er reckt den Hintern aus dem Sitz und puhlt das Handy aus der Hosentasche.
Er sucht den Kontakt, unter dem die Nummer gespeichert ist.
Sein Daumen schwebt schon über dem Wahlbutton.
Er hält inne und beschließt, noch eine Zigarette zu rauchen.
Die erste Rauchwolke walzt an der Frontscheibe hoch.
Durch den Qualm hindurch sieht er eine hübsche junge Frau mit Kopftuch. Ziemlich genau sein Alter. Sie ist an das Geländer eines Treppenabgangs gelehnt. Mit einer Hand telefoniert sie, mit der anderen wiegt sie sacht den Kinderwagen, der vor ihr steht. Ab und zu lächelt sie liebevoll in den Kinderwagen hinein. Der Handlauf des Geländers drückt eine Delle in ihren Po. Verlegen huschen seine Augen weiter.
Zwei junge Männer kreuzen seinen Blick.
Er folgt ihnen mit den Augen. Sie debattieren lebhaft. Einer von ihnen rudert dabei mit den Armen. Es scheint ernst. Trotzdem lachen sie ab und an. Er schaut ihnen hinterher und entdeckt einen Polizisten.
Er erschrickt. Dann schiebt der Polizist seine Mütze etwas nach hinten und wischt mit einem Taschentuch seine Stirn ab. Es ist drückend heiß.
Sein Schrecken legt sich.
Er schaut auf sein Handy. Der Bildschirm mit dem Kontakt ist noch zu sehen.
Er hebt den Blick wieder. Der Polizist ist weg. Die Frau ist noch da. Die beiden jungen Männer sind auch weg.
Er wendet den Kopf, schaut zur anderen Seite. Auf einer Bank hockt ein alter Mann. Er hat die Hände auf einen Stock gestützt. Er ist blass, in sich zusammengesunken. Plötzlich belebt er sich. Ein kleines Mädchen kommt auf ihn zu gehüpft und springt auf seinen Schoß. Zwei Frauen folgen dem Mädchen und begrüßen den alten Mann liebevoll.
Er dreht den Kopf wieder zur anderen Seite. Dort halten zwei Geschäftsleute mit Laptop-Taschen bei der Kopftuchfrau an. Sie fragen sie etwas. Die Frau antwortet und zeigt dabei mit der Hand nach rechts. Offensichtlich erklärt sie einen Weg. Die beiden Geschäftsleute danken freundlich und ziehen weiter. Seine Augen bleiben noch einen Moment bei der Frau.
An der Hitze des Filters in seinem Mund spürt er, dass die Zigarette fast aufgeraucht ist.
Er lässt surrend die Seitenscheibe herunter und schnippt den Stummel raus. Im Flug glüht er noch einmal leicht auf. Durch die offene Scheibe quillt das Stimmen-Wimmeln vom Markplatz.
Er fährt die Scheibe wieder hoch. Die Stimmen schrumpfen zu einem grauen Rauschen.
Er greift zu dem Handy in seinem Schoß. Es hat in den Ruhezustand gewechselt. Er muss den Kontakt erneut aufrufen. Er zögert und schämt sich ein bisschen dafür. Unruhe pulst seinen Hals hinauf. Er gibt sich einen Ruck.
Im selben Moment, da er die Nummer wählen will, platzt die Fahrertür auf. Schwarz vermummte Polizisten in dick wattierten Westen reißen ihn aus dem Wagen. Beim Sturz heraus fällt sein Handy auf das Pflaster. Er verliert es aus dem Blick. Zwei Beamte knien auf ihm. Die Knie bohren sich schmerzhaft in seinen Rücken. Er hört ein Gewirr von hektischen Rufen. Er will sehen, wo sein Handy liegt und dreht mühsam im Liegen den Kopf. Sein Blick streift den alten Mann auf der Bank. Und wandert weiter. Er stutzt. Er entdeckt einen Mann, den er kennt. Es ist der Mann, der die Nummer in sein Handy programmiert hat. Der Mann schaut ernst und konzentriert auf die Szenerie und greift in seine Innentasche.
Noch ein kleines Stück kann er den Kopf weiterdrehen.
Jetzt sieht er sein Handy. Ein Polizist hebt es gerade auf.
Dann hört er Schreie und das Stampfen vieler Schritte, dann einen Schuss.
Er spürt, wie etwas in seinen Hals dringt.
Es lässt ihn seltsam unberührt.
Hoffentlich wählt der Polizist die Nummer nicht, denkt er.
Dann lässt er los.

البكر‎,

Vor einer Woche hat sich Dschaber al-Bakr umgebracht. Seinen Namen habe ich aus Wikipedia hierhin kopiert. Wenigstens diese kleine Ehre will ich ihm erweisen, – seinen Namen in arabischer Schreibweise zu zeigen.
Als ich weiterschreiben will, stelle ich fest, dass die Schriftrichtung sich umgekehrt hat. Von rechts nach links.
Ich muss eine ganze Weile herumprobieren, bis die Schriftrichtung wieder von links nach rechts läuft.

Eine Woche ist sein Tod nun her. Inmitten all des hysterischen Wort- und Bild-Getümmels findet sich alles, was man medial aufbieten kann. Verpixelte Bilder, O-Töne von Fachleuten, Filmaufnahmen von allen möglichen Orten, die irgendwie mit ihm verknüpfbar sind. Selbst der schwerkranke Bosbach meldet sich zu Wort.  Zahllose Spekulationen, Bewertungen, Erklärungen, Verknüpfungen aller Art stürmen durch die Medien.
Sogar zu schein-spaßigen billigen Begriffsspielereien lassen sich Journalisten hinreißen. Im Presseclub sagt der Moderator, er verstehe nicht, warum die Psychologin keine Selbstmordgefährdung gesehen habe. Schließlich gehöre der Selbstmord ja geradezu zum Berufsbild eines Selbstmordattentäters. Höhö.
Der tote junge Mann verkümmert zu einem Terroristen, dem man keine Träne nachweint. Zu einem, den irgendwie das richtige Schicksal ereilt hat. Zu einer bedauerlichen Lücke in diversen Ermittlungsmechaniken.
Irrsinnig viele Äußerungen. Nur eines nirgends: Mitgefühl.
Ist das naiv? Ist das trotzkopfdumm? Ein junger Mann ist tot. Er hat sich unter den Augen derer umgebracht, die auf ihn aufpassen sollten. Ist das unsere Rolle im zynischen Automatismus des Märtyrertodes? Dass eine aufgeklärte, demokratische, liberale, menschliche Gesellschaft einem toten potentiellen Attentäter das Mitgefühl verweigert?
Dschaber, – ich wünschte, er hätte andere Möglichkeiten der Zuversicht und des Aufgehoben-Seins finden können.
Ja, – es tut mir leid, dass er sterben musste.

Großstadt-Hotel

Werde viel zu früh wach. Schon faucht und rüplst und knurrt die Stadt. Wahrscheinlich verdaut sie das Gestern. Und mampft schon das Heute. Mich auch. Ob sie zur Gattung der Wiederkäuer gehört?
Ich frage mich, was wohl Ameisen hören, wenn sie wach werden.
Und vieles mehr in dieser Art.
Bis ich mich endlich aus dem Bett quäle, durchs Dunkel tappse und das Fenster schließe.
Wieder in wattige Stille gehüllt, atme ich auf.
Und schlafe tatsächlich doch nochmal ein.

Autoaufkleber Kein Kind

Vor mir an der Waschstraße ein schicker schwarzer Kombi. Bisschen tiefer gelegt. Getönte Scheiben. 225er auf bösen schwarzen 18“-Alufelgen.
Die Botschaft auf der Heckscheibe schubst mich in das Bemühen sie zu verstehen.
Wahrscheinlich teilt hier jemand mit, dass ein Kind in ihrem oder seinem Auto sitzt. Und zwar eins mit nur einem Namen. Und der ist gut. So richtig verstehe ich nicht, warum mir das als Hintermann mitgeteilt werden soll. So viele Kinder mit einem Scheiß-Doppelnamen gibt es ja nicht. Wann sieht man schon mal „Wladimir-Donald“ oder „Frauke-Marine“ oder „Recep-Adolf“ oder so? Jedenfalls doch nicht so oft, dass es sich lohnen würde, sich darüber via Heckscheibe zu ereifern.

Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur.
Alle einschlägig bekannten Dylan-Fans beklatschen das euphorisch.
Bruce Springsteen hat schon vor Jahren das Zitat geliefert, das jetzt allenthalben zitiert wird: Er gab zu Protokoll:
„Elvis Presley gab dem Rock ’n Roll den Körper, Dylan gab ihm den Geist.“
Der Rock ’n Roll ist noch dabei ihn weiterzuverteilen, – den Geist. Er ist jetzt bei Buchstabe „P“. Bruce Springsteen ist auch bald dran.

Nichts für ungut, Bruce! Die schwarzen Musiker des Rock ’n Roll hast du bestimmt einfach nur vergessen! Kann passieren! Und sie sind ja jetzt auch nicht sooo wichtig.
Nichts für ungut, liebe Feuilletonist /-innen! Mann!, das muss ja immer alles so schnell gehen nowadays. Da kannst du froh sein, wenn du auf die Schnelle ein halbwegs brauchbares Zitat findest. Das kann man dann nicht auch noch immer alles stundenlang durchdenken, sure!

Irritation.
Auf einer langen Autofahrt höre ich mal wieder Dudelfunk. Ein Song zieht an mir vorbei.
An einer Stelle horche ich auf. Da steht jemand im Lehm. Interessantes Bild.
Ist aber, wie mir dann klar wird, ein Verhörer.

Lautschrift: Silbermond, „Das Leichteste der Welt“

Und ich, ich kann nch schlafn
ohne irngdwas zu nehm
und du stehs längs mit beidn Bein
im neuen Lehm

Was mach ich mir eigentlich immer so’n Kopp um Aussprache und Sprachrhythmus und Reim? Voll Retro!

889

Im Supermarkt beobachte ich einen Vater mit seiner kleinen Tochter. Er fragt sie, ob er auch Orangen kaufen solle. Ja, ruft sie, aber ich will die Nummer eintippen an der Waage. Die Nummer! Ich will sie eintippen. Wie ist die Nummer. Acht-acht-neun, brummelt der Vater. Das Mädchen fängt an mit tänzelnden Seitwärtsschritten hin- und herzuwippen. Dabei ruft sie rhythmisch „Acht-Acht-Neun“. Kleine Pause. „Acht-Acht-Neun“. Das geht eine ganze Weile so. Schließlich darf sie endlich zur Waage. Sie kommt nicht an das Tippfeld auf dem Bildschirm. Vater hebt sie hoch. „Acht-Acht-Neun“ tippt sie genauso ryhthmisch ein, wie sie es vorher getanzt hat. So einfach geht Lernen.

 

Baby gerade auf der Welt

17:59

Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Tanzen dürfen
Den Tanz, der dich leben machte:
Den der Liebe.
Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Spüren dürfen
Diese Kraft
Andere dich lieben zu machen.
Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Dich freuen können, dass du lebst
So wie wir alle jetzt.

Was ich sonst nie tue: Ich clicke eine Bilderstrecke auf web.de an. Es sind Fotos vom Massaker der SS-Schergen an nahezu 34 000 Juden in einem Tal in der Ukraine. Es gibt diese Fotos, weil die SS selbst die Aktion dokumentieren wollte. Heute vor 75 Jahren. Wie ein Urlaubsphotograph hält der SS-Dokumentarist verschiedene Phasen der Szenerie  fest. Ein Bild zeigt den Boden eines breiten Grabens übersät mit Kleidungsstücken. Die Opfer mussten sie auziehen. Zwei Soldaten bücken sich hinein in die Häufchen. Als würden sie nach Wertgegenständen suchen.

SS Massaker Ukraine

Nach diesem Bild plötzlich Werbung. Schon dass sie überhaupt erscheint, macht mich zornig. Es ist wie üblich schwierig sie wieder loszuwerden. Man muss wie üblich aufpassen, dass man sie nicht gerade durchs vermeintliche Wegclicken öffnet.
Die Spitze des Zornes aber entzündet sich beim Inhalt: Werbung für Hundefutter. „Tessa Canis. Das erste Hundfutter in 100% Lebensmittelqualität.“ Sie sollen es gut haben, „unsere“ Vierbeiner.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen?
„Schalten Sie Ihre Werbung in unserem Portal! Bei uns erreichen Sie punktgenau Ihre Zielgruppe! Sie können verschiedene Preisklassen buchen“.
Die Bilderstrecke am Anfang des Portals ist natürlich die teuerste. Schließlich ist der Werbeeffekt hier am größten. Am allergrößten ist er, wenn dann das umworbene Produkt auch noch gut zur Bilderstrecke passt bzw. zu den potentiellen Betrachtern der Bilderstrecke. Kann man das so genau buchen? Ah, – das passt gut, – Erschießung von Juden und  Zielgruppe Hundebesitzer. Womöglich Schäferhund-Besitzer.
Oder ist das Zufall? Bitte – wer auch immer! – lass es Zufall sein! Bitte lass den Marketing-Chef von Tessa Canis nicht gewusst haben, wohinein sein Produkt platziert wird und es auch im Nachhinein nicht gesehen haben.

 

 

Das ist ungerecht.
Wenn ich bei einer Aufführung der Ruhrtriennale noch vor Beginn der Aufführung ein Foto von dem Bühnenbild machen möchte, um Tage oder Wochen später wenigstens einen kleinen Erinnerungsimpuls zu haben, kommen sofort freundliche Mitarbeiter/-innen in corporate-identifizierten schwarzen Poloshirts auf mich zu und fordern mich dezent auf, – man will mich ja vor den anderen im Publikum nicht beschämen –, das doch bitte nicht zu tun. Deshalb hab ich es am Freitag, als ich Medea.Matrix gesehen habe, – o.k., nicht gar nicht, aber doch sehr sehr heimlich und mit viel schlechtem Gewissen getan.
Karin Fischer aber durfte für ihre Rezension des Stückes im Deutschlandradio offenbar sogar O-Töne aufnehmen.

Ist das ungerecht?
Schon erst recht, wenn der O-Ton für eine Rezension benutzt wird, die das Stück nichts anderes als runtermacht.
Ich dagegen, der mit größtmöglichem Respekt vor der Arbeit der Künstler seine Verunsicherung erstmal mit rausnimmt und schweigt, und weiter schweigt und dann, nach und nach, im Gespräch mit den anderen, sogar noch Tage später, entdeckt, was dieses Stück mir erzählt, – ich dagegen also darf nicht mal ein Foto machen.

Heute beim Frühstück fragt die Liebste, als wir ein weiteres Mal über unser Erlebnis am Freitag reden, mit der ihr eigenen zarten Ironie, was wir eigentlich über das Stück denken „müssen“. Ob ich schon mal nachgeguckt hätte. Wir suchen und finden: Eine Rezension im Deutschlandradio. Sie stammt vom Tag nach der Uraufführung.
Wir hören sie uns an und fragen uns, ob eigentlich ein/-e Kulturjournalist/-in nicht der Wahrheit verpflichtet ist. Die Autorin der Rezension berichtet, die Figuren, denen man begegnet, während man auf den eigentlichen Aufführungsraum zugeht, hielten Plastikschüsseln mit je einem Ei in den Händen. Komisch, wieso erinnere ich mich nur an eine Plastikschüssel mit einem Ei, ganz bestimmt aber nicht an viele? Wieso erinnere ich mich daran, dass einige der Frauen eben keine Plastikschüssel in der Hand hielten? Wieso erinnere ich mich daran, dass ich mich gefragt habe, wie das Ei und das, was noch in diesen Schüsseln lag, – nämlich z.B. prallgrüne runde Blätter einer Pflanze, von der ich noch heute nicht weiß, wie sie heißt, zusammengehören? Hab ich das falsch gesehen?
Habe ich mich getäuscht, als plötzlich diese – übrigens blaue, übrigens Plastik- – Schüssel als Projektion in dem Stück wiederauftaucht? Diesmal mit einer Hand, die mit blauer Farbe ein Ei benetzt?
Die Rezensentin bezeichnet die Frauen als „erratische“ Gruppe. Wieso habe ich weder am Anfang, noch im weiteren Verlauf des Stückes, als die Frauen sich zu einer Art Sprechchor versammeln, der eindeutig christliche Konnotation erhält, als die Frauen eine Art Kommunion vollziehen, wieso habe ich an keiner Stelle das Gefühl, sie seien „sich verirrend“ ? Im Gegenteil. Für mich gehören sie genauso jeweils genau da hin.
Und wir fragen uns, ob ein/-e Kulturjournalist/-in nicht wenigstens den Versuch unternehmen sollte, der Irritation, dem Schweigen, dem suchenden Tasten, die das Stück auslösen, ein kleines Stück Wegs folgen sollte. Vielleicht hätte sie dann manches entdeckt. Z.B., dass dieses Stück kein Vorhang-Theater ist, bei dem am Ende an der Zahl der „Vorhänge“ der Erfolg des Stückes, ja sogar in Konkurrenz bisweilen der Erfolg einzelner Schauspieler/-innen gemessen wird. Nein. Man betritt einen Raum, geht durch ein Geschehen, setzt sich auf einen Platz, die Aufführung ist schon im Gange und geht jetzt auf einer Bühne weiter. Sie endet irgendwann mit einer sich auditiv und visuell steigernden Bild-Inszenierung, die mit gar nicht so viel Deutungsaufwand als subjektives Erleben einer Geburt anmutet. Ein gebogener Raum, wie das Innere einer Röhre, dunkle wie überdimensional vergrößerte Haare anmutende Streifen vor hellem Weiß. Das Weiß wird immer heller, weißer, gleißender. Die Streifen verschwinden. Auf einem Bildschirm erscheint: „Die Geburt der Tragödie“. Auf einem Bildschirm erscheint: „Exit“. Die Vorführung ist zu Ende. Das Stück beginnt. In jedem einzelnen. Nur offenbar in der Rezensentin nicht.
Sie schwadroniert eine „Ja, ja, kennen wir alles“ – scheinbedeutsame Beliebigkeit in das Stück hinein und je schärfer sie stechen möchte, umso mehr entwaffnet sie sich ihrer Worte bis zur Lächerlichkeit.
Die (bekannte) Schauspielerin im Zentrum der Bühne wird als Spielball von „Vergeudung“ bezeichnet, weil sie eben extrem distanziert spricht und nicht im klassischen Sinne Rolle spielt. Sie verlässt ihren Platz nicht, ändert nicht ihre Pose, bewegt sich kaum. Nun ist es aber für eine Kultur-Spezialistin eine geradezu vermessene Unterstellung, hier würde schauspielerisches Potential „vergeudet“. Denn es unterstellt, die Schauspielerin hätte nicht im Wissen um ihre „Rolle“ diesem Spiel zugestimmt, hätte nicht genau das gut gefunden. Und es unterstellt, die Macher/-innen des Stückes wären kein Team, das genau solches reflektiert. Allein die Tatsache, dass am Ende eines Theaterstückes das Publikum irritiert ohne Klatschen den Raum verlässt, ist bemerkenswert, – auch wenn man es nicht goutiert.
Beinah unverschämt am möglichen Kern des Stückes vorbei schleudert Frau Rezensentin, als sie das Fehlen von „Einsichten“, von „Erfahrung“ bemängelt und nur „kunstgewerbliches Bemühen“ attestiert. Soll das etwa heißen, man möchte im Theater gefälligst mit Einsichten und Erfahrung beliefert werden, die man dann begeistert beklatscht und über die man dann beim Gläschen irgendwas noch ein bissen gebildet daherquatscht, sich dann wieder ungerührt dem Drama des eigenen Lebens hinzugeben, ohne zu merken, dass es eins ist? Theater als Emotionenlieferant für die Gebildeten, die wohlhabend genug sind, sich solcherart Lieferservice leisten zu können.
Vollendete Entwaffnung dann bei der Schluss“pointe“, das Stück sei albern genug, in Berlin gefeiert werden zu können, nicht aber geeignet für das „ehrliche“ Ruhrgebiet. Solcherart realitätsferne Verkitschisierung möge man doch bitte Wolle Petry und Herbert Grönemeyer überlassen!
Was nun? Na ja, z.B.  einfach etwas mehr Zeit nehmen und zunächst mal über den Titel nachdenken. In diesem Fall: „Medea.Matrix“. Vielleicht stellt sich dann das, was man gerne „Bilderflut“ nennen möchte, anders dar, erst recht dann, wenn man sich erinnert, dass die Bildthemen sich jeweils ausgehend von einer Projektionsfläche auf die anderen verteilen, solange bis alle erfasst sind, und man eben gerade nicht von Bilderflut sprechen kann.

Trotzkopfdumme Idiotie.
Total angespannt.
Trotzdem zu spät.
Nur halt 1 Minute weniger.
Scheiß-Foto mit scheiße verkniffenem Gesichtsausdruck.
30 €.

Kuba

Erst Ry Cooder
Dann der Papst
Dann Obama.
Dann die Stones.
Jetzt wir.
Meinesgleichen fährt nach Kuba. Gerade so öko und gerade so links, dass der eigene Wohlstand weder gedanklich noch gar materiell in Gefahr gerät, erliegen wir jetzt, wo das Land von der freien Welt erobert wird, dem Reiz einer noch irgendwie unschuldigen Welt. Wir sind die Vorhut. Erfreuen uns an der Aufbruchstimmung im Land. Freuen uns, dass die Menschen anfangen aufzuhören, ihr Land verkommen zu lassen. Freuen uns, dass sie jetzt die Bürgersteige fegen, über die wir dann zur nächsten schon fast vergessenen Sehenswürdigkeit schlendern. Erzählen zu Hause, dass man jetzt dorthin kann. Verschweigen, dass man schon lange dorthin kann, dass es nur halt deutlich mühsamer war. Zuviel Abenteuer für uns Toscana-Verwöhnte.
Wenn die Geheimtipps von heute zum Ballermann von morgen verkommen sein werden, werden wir wieder hinfahren. Mountain-Bike-Touren machen zu den speziellen Orten, die noch nicht so touristisch sind. Wo man noch das (jetzt liebevoll für uns restaurierte) alte Kuba sieht und erlebt. Und abends wieder auf das ebenfalls frisch restaurierte kleine Landgut zurückkehren, auf dem wir zugucken können, wie biologischer Tabak angebaut und fair getradet wird. In Südfrankreich und in der Toscana werden sie neue Touristenlabels entwickeln müssen.
Wann fahre ich hin?
Wann werden Rumänien und Bulgarien (endlich?) soweit sein?

Froggy The Trans

Die Sonne lässt das Städtchen quirlig plappernd noch einmal Sommer spielen.
Die Eisdiele ist voll besetzt. Hauptsächlich frisch Pensionierte mit hastig für einen letzten Einsatz dieses Jahr aufgebügelten kurzärmligen Hemden. Im Wohlgefühl des Wohlversorgtseins schaut man in die Einkaufsstraße hinein. Westfälisches Lächeln (eines, das man nicht sieht). Immer auf dem Sprung, einer irgendwie auffälligen Person ein irgendwie abfälliges Mundwinkelziehen hinterherzuschicken.
Vis à vis, – mittendrin im abtaxierten Blickfeld, sitzt eine Roma-Frau und bettelt. Die Pensionäre versuchen so zu tun, als wäre sie nicht da. Ein Lächeln, das man nicht sieht. Eine Bettlerin, die man nicht sieht.
Ich quirle auch. Auf diese Szenerie zu. Rechts die Eisdiele. Links die Romafrau. Vor mir eine skurrile Gestalt. Ein vielleicht 60jähriger Mann. Seine schon recht lichten Haare sind hell violett gefärbt. Er trägt ein T-Shirt. Auf dem Rücken steht, handgemalt: Froggy The Trans. Flatterige Schlabberbuchse. Barfuß in Schlappen. Links an der Schulter hängt eine Jutetasche mit Kuba-Flagge.
Leicht vorgebeugt geht er mit strammem Schritt an der Eisdiele entlang, als müsste er wo hin. Plötzlich fängt er lauthals an zu singen: „VÖLKER HÖRT –  DIE – SIGNA-LE“. Keine Ahnung, welchen Schalter in mir das umlegt. Jedenfalls singe ich laut mit „AUF ZUM LET – ZTEN GEFECHT“ .
Ich erschrecke vor mir selbst. Das bin nicht ich. Um Gottes willen, – ich mache mich total peinlich. Am liebsten würde ich sofort wieder aufhören und hoffen, dass es keiner mitgekriegt hat. Aber das geht auch nicht. Ich will nicht, dass Froggy mich für feige hält. Also singe ich laut weiter. Zum Glück belässt es Froggy beim Refrain. Nach „ME – NENSCHENRECHT“ ist Schluss.
Ich bin nassgeschwitzt. Kann mich nicht in Luft auflösen.
Plötzlich dreht Froggy sich um und maunzt in breitem Berlinerisch: Na, det hasse abba noch janz schön jut drauf, wa?!
Und eilt weiter.

Er sitzt mir über Eck gegenüber. An seinem Stammplatz am Kopf des Esstisches. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich begreife, wirklich be-greife, dass wir nicht mehr wie gewohnt mit einander reden können. Mein Vater sagt manchmal noch mit großer Mühe und angestrengter Selbstkontrolle ein, zwei Wörter. Anfangs rede ich dagegen an. Ich spreche langsamer, deutlicher, lauter. Als würde das irgendwas ändern. Strenge mich genauso an wie er. Bin verzweifelt, weil ich anerkennen muss, dass es so nicht mehr geht.
Dann nehme ich seine Hand. Er greift energisch zu. Seine Hand ist noch viel kraftvoller als seine Zunge. Er legt sogar die andere Hand dazu. Er strahlt. Wir schweigen. Und lächeln. Mehr braucht es in diesem Augenblick nicht.

Was ich von da an sage, sage ich nicht um einer gesprochenen Antwort willen.
Endlich bin ich – erleichtert – auf dem Weg zu ihm.

Trumpism

Die CSU verabschiedet im Zusammenhang mit einer Klausurtagung ein Grundsatzpapier. Darin Aussagen zur „Flüchtlingsproblematik“. „Obergrenze, Obergrenze, Obergrenze“. „Vorrang für Zuwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis“, „Konsequente Rückführung“, „Burkaverbot“, „Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft“.

Ist das jetzt noch ein, wenn auch auf krude Art, an der realen Gestaltung von wirklichem gesellschaftlichem Leben, orientiertes Denken? Oder ist das schon Trumpism? Auch als CSU-Politiker/-in kann man doch nicht so dumm sein, zu denken, all das wäre realisierbar, wenn man schon so verrückt ist, es als wünschenswert anzusehen.
Denn:
Wie genau hätte man sich die Obergrenze vorzustellen? Dass ein bayrischer Grenzbeamter einer Familie mit zerschlissenen Taschen, in denen nur noch das Allernötigste ist, in schlechtem Englisch, das die Verzweifelten vielleicht auch nicht verstehen, und das er dann mit hektischem Armrudern untermalt, mitteilt: „Du, Wannhandretneintieneinßausendwannhandredneintiäit, du 199199, und du 200000. Er sieht die ratlosen Gesichter. Malt die Zahlen auf die Rückseite seines Notizbuches. Mehr geht nicht. Die restlichen zwei zurück. Wer wären die dann? Zwei der Kinder? Die Eltern? Oder Vater und ältester Sohn?
Vorrang für Zuwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis. Wer wäre das? Flüchtlinge aus Italien? Vor was würden die flüchten? Oder aus der Ukraine? Dürften sie bleiben, auch wenn sich herausstellt, dass sie Moslems sind? Weil sie ja geografisch aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis kommen?
„Konsequente Rückführung“? Die gibt es schon. Wenn der Asylantrag abgelehnt ist oder eine Person kriminell geworden ist. Nur ist selbst das eben nicht so einfach, weil es internationales Recht gibt. Und es ist gut so. Denn wohin sollte man Menschen ausfliegen, die vielleicht keine Papiere haben, warum auch immer, und deren Herkunftsländer dann die Einreise ablehnen? Riesige Lager auf nicht-territorialem Niemandsland entlang der Grenzen des christlich-abendländischen Kulturkreises? Bewacht von Frontex? Mit Waffen am Ende?
„Burka-Verbot“? Gibt es Frauen, die im Alltag in Deutschland Burka tragen? Sind es so viele, dass das überhaupt als Problem erkennbar ist, wenn es denn eins wäre? Was sagen die Geschäftsführer der Münchener Edel-Boutiquen dazu, die ihre Geschäfte auch für genau diese zahlungskräftige Klientel eingerichtet haben? Was sagt der Bademeister dazu, der dann, wenn er die Frau im Burkini sieht, die Polizei rufen soll. Und was sagt die Polizistin dann? Oder was sagen die Passanten, wenn der Bademeister die Polizei nicht ruft?
Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft. Da erhält der Malergeselle, der irgendwann die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt hatte, weil er sich eben mit beidem identifiziert: Seiner Heimat, dem Land in dem er lebt, und dem Land, aus dem seine Eltern kommen, ein Schreiben: „Sehr geehrter Herr Yilmaz. Nach § X sind sie verpflichtet, eine Ihrer Staatsbürgerschaften wieder abzugeben. Bitte entscheiden Sie binnen einer Frist von 4 Wochen ab Zustellung, welche Sie weiterhin behalten, …“, – oder wird gleich die deutsche aberkannt? Sollten Sie ein ausgewiesener IT-Experte sein, bitten wir um kurzfristige Kontaktaufnahme.“
Was würden das Bundes-Verfassungsgericht und der europäische Gerichtshof zu Beidem sagen?
Erinnert sich noch jemand an die Maut?
Ist sie noch auf dem Weg? Kommt sie? Oder hat man sich auch in der CSU schon davon verabschiedet, eine dumpf dräuende Wahlkampfwaffe mit Namen „Ausländermaut“ auch in die Realität zu übersetzen, weil – was man von Anfang an vermuten durfte – sie eben nicht geht? Oder bauen alle darauf, dass sie nach der nächsten Bundestagswahl eh vom Tisch ist. Ging es bei der Maut um das Realisieren wirklicher Projekte?
Dieses CSU-Papier dokumentiert ein an der realen Gestaltung des wirklichen Lebens interessiertes Denken jedenfalls  nicht. Es ist Trumpism.
Passend dazu Trumpism light: Die „Debatte“, die man kaum so nennen mag, um das „Leitbild“. Warum drängt sich bloß bei mir immer das „d“ dazwischen? Leidbild. „Unsere Werte“, die da leiten sollen, welche sind das? Sind es Demokratie, Menschenwürde, Toleranz, Freiheit? Oder sind es „den Staat bei Steuern bescheißen, wo es irgend geht und gleichzeitig verlangen, dass die öffentliche Verwaltung wie am Schnürchen, am besten noch zu meinen Gunsten funktionert“, „die Freiheit am Hindukusch verteidigen und sie zugleich in den Schulen verkommen lassen“, „langsam fahrende Autos per Lichthupe von der linken Spur zu pesten“, „Tod dem S04-BVB an irgendeine Autobahnbrücke“ zu sprühen, halt eben das, was uns an offenbar das Handeln leitender Kultur tagtäglich so begegnet? Vielleicht auch der alkoholschwangere Männerdunst im bayerischen Bierzelt? Vielleicht auch der erbitterte Kampf gegen die Forensik in der eigenen Stadt, wo doch jeder wissen könnte, dass der weitaus größte Teil der Sexualdelikte im Schutz der Familie geschieht? Die ja sicher auch unter den Leitbild-Schutz fällt.
Es kann bei diesem Leitbild-Geschwätz nicht um das reale Gestalten einer demokratischen Gesellschaft gehen. Es kann nur darum gehen, all den warum auch immer Enttäuschten in ihrem haltlosen Schlingern bei der Suche nach Schuldigen Wort-Nahrung zu geben, die ihren Geist aufpeitscht, aber nicht ernährt. Ich weiß nicht, was ich will, schon gar nicht, was mein Nachbar will, aber ich weiß wenigstens, wer schuld ist daran, dass ich es nicht habe: Die Burka. Der Moslem. Der Afrikaner. Der „Gutmensch“. „Die Lügenpresse“. Wenn so ein Wort erstmal in der Welt ist mit dem Beigeschmack der Schuld, dann wird es diskutiert, zitiert, bestätigt, millionenfach mit scheinbarem Sinn aufgepumpt und darf gemampft werden wie ein wabbeliger Burger. Und wenn es ausgelutscht ist, muss ein neues her, ein schärferes. Z.B. das Wort „Bürgerkrieg“, dass Frauke Petry in den verregneten Himmel raunzt.
Es ist verrückt. Am Ende scheitert womöglich eine Kanzlerin, die nach konkreten Lösungen für unsere gesellschaftliches Leben sucht, daran, dass sie das überhaupt tut. Dass sie pragmatisch und realistisch agiert. Die uns zutraut, dass wir es schaffen. Nicht weil sie zur CDU gehört, sondern weil sie sich dem stinkenden auf-den-Acker-Sabbern von sinnlosem Parolen-Dünger verweigert. Es gibt für mich kaum etwas Abwegigeres als CDU zu wählen, aber heute hatte ich mal (kurz!) das Gefühl, ich könnte bei der nächsten Wahl genau deshalb genau das tun.
Wenn es nun aber um das wirkliche Gestalten der wirklichen Wirklichkeit gar nicht geht. Worum dann? Die Protagonisten der Lauthalsigkeit, … wollen sie tatsächlich einfach nur die Macht erhalten, ohne damit die Vorstellung von Gestaltung zu verbinden? Und warum Macht? Geht es am Ende womöglich darum, sich bedeutsam zu fühlen? Dem großen informationellen Alles, ein kleines Stück Land, ein kleines Stück Wichtigkeit abzugewinnen? Um nicht als informationelles Nichts zu verdunsten? Verkneten sie deshalb vermutete Befindlichkeiten „des Volkes“ zu griffigen Schlagworten, die eine Zeitlang Bedeutsamkeit vorspiegeln? Schieben sie sich deshalb vors Mikrofon oder gegelt und hornbebrillt hinter dem großen Vorsitzenden ins Bild, wenn es heißt, dieses ihr CSU-Grundsatzprogramm zu „erklären“?

Angenommen, Leif-Erik Holm, der Spitzen-Kandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, der als Gewinner der Landtagswahl am Morgen danach im Morgenmagazin auf WDR 5 interviewt wird, – angenommen dieser Kandidat hat nicht die halbe Nacht Kreide gefressen, damit ihm bloß nicht das rausrutscht, was die AfD so viele Stimmen hat gewinnen lassen. Angenommen, dass dieser Kandidat nicht zynisch genug ist, genau das in seinem öffentlichen Radio-Reden wegzulassen, wovon er weiß, dass es ekelig ist: Hetze gegen Islam, Hetze gegen die Bundeskanzlerin, die schuld an der Flüchtlingsflut ist, Hetze gegen Schwule, Hetze gegen die Lügenpresse. Angenommen also, Herr Holm meinte ernst, was er sagte, nämlich, dass die AfD ihren nunmehr gewachsenen Einfluss für eine bessere Landespolitik nutzen wolle. Angenommen er will tatsächlich dazu beitragen, dass, wie er in diesem Interview sagt, Familien gefördert werden, dass die Ansiedelung von Betrieben in MV forciert wird, dass mehr dafür getan wird, dass nicht so viele junge Menschen aus MV abwandern und das Land vergreist, dass mehr für die Bildung in MV getan wird.
Das alles angenommen, dann: Respekt! So konsequent hat noch keine der sogenannten Protestparteien daran gearbeitet, den Anspruch, dereinst eben nicht politisch vollgefressen im Sumpf der sogenannten etablierten Parteien zu landen, auch in die Tat umzusetzen. Sich nicht vom Virus der Macht anstecken zu lassen. Denn: Etwas dafür tun, dass mehr junge Menschen in MV bleiben, die Klientel also, bei denen der Anteil an AfD-Wählern am geringsten ist. Und dann auch noch etwas für die Bildung zu tun, was, je mehr man im Besitz von ihr ist, die Neigung AfD zu wählen erwiesenermaßen auch nicht gerade steigen lässt. Wenn das alles so ist. Respekt! Die AfD arbeitet vom Morgen nach der Wahl an konsequent daran, sich selbst wieder überflüssig zu machen.
Unglücklicherweise habe ich aber auch ein paar Nebensätze gehört, die den Verdacht nahelegen, dass die Annahme unsinnig ist.
Wahrscheinlich also doch: Kreide.

AFD

Meine Fresse
Mein Land
Meine Frau
Meine Stadt
Mein Vaterland
Mein Volk
Mein Gott
Mein Eid
Mein Kampf
Mein Atomkraftwerk
Meine Prügelstrafe
Mein Gott
Vermeintes Gelände.

Sommer im Städtchen

Sommer im Städtchen. Menschen plappern eisselig umher.
Vor mir läuft ein Mann. Das blaue T-Shirt und die schicke Sommer-Chino zeigen schon hitzebedingte Trage-Dellen. Die heute Morgen liebevoll nach hinten gegelten Haare haben sich Schweiß in die Strähnen gezogen.
Um den Mann herum schwärmt hüpfig ein vielleicht 8 Jahre alter Junge. Er ist blass. Er hat sehr schmale Glieder. Die Turnschuhe wirken beinah auf comic-hafte Art zu groß für sein zierlichen Füße. Seine Sommersprossen haben heute den Namen verdient. Sie scheinen sich darüber zu freuen. Er scheint sich auch zu freuen. Vielleicht ist er stolz mit seinem Vater durchs Städtchen zu streifen. Vielleicht traut er sich sogar auf seiner Zuneigung zu tanzen. An der Ampel hole ich die beiden ein, kann nun bruchstückhaft hören, was sie sprechen. Grün. Wir starten. Der Vater fragt: „Und warum machen sie das?“ Der Junge plappert irgendwas. „Und warum machen sie das?“ Irgendein Plappern. „Und warum machen sie das?“ … „Und warum machen sie das?“ Der Vater wiederholt die Frage in absolut gleichem Wortlaut sicherlich zehnmal. „Und warum machen sie das?“ Nur im Tonfall ist ein ganz kleine Steigerung wahrzunehmen.
Die lustige Lieblichkeit der Szene kippt. Bedrohlichkeit schwappt herüber. Ich weiß nicht, was schließlich der Junge gesagt hat. Jedenfalls höre ich jetzt den Vater im Erklärmodus. Irgendetwas über Bienen. Der Junge schweigt ein verschüchtertes Schweigen. Dann scheint der Vater fertig zu sein. Der Junge fängt langsam sein hüpfiges Schwirren wieder an. Er scheint Spaß daran zu haben, mit nach innen gedrehten Füßen zu gehen. Die unbeholfene Wabbeligkeit des Ganges macht ihn lachen. Der Vater sagt irgendetwas. Wird energischer. Dann schimpft er zischend. „Jetzt hör doch mal auf mit dem Herumgealber. Ich erklär Dir gerade was.“ Bei „erklär“ hebt sich die Stimme bedrohlich beleidigt. Sie bleiben stehen. Der Vater doziert irgendwas über seine Füße. Er dreht sie dem Jungen nach innen und nach außen, zeigt wiederholt darauf. Dann ist er fertig. Die beiden gehen weiter. Der Vater vorweg. Der Junge hinterher. Sein Kopf leicht gesenkt. Seine Haut eine Spur blasser. Oder liegt das am Schatten? Er schweigt. Aber er geht korrekt.

Service top

Ultraschall und die anderen Untersuchungen sind eindeutig. Es geht dem Baby bestens. Nur an der „Beckenendlage“ hat sich leider noch nichts geändert.
Alle, die hier auf der Geburtsstation arbeiten, sind überaus freundlich und hilfreich. Wenn es nicht ein Krankenhaus wäre, würde man sagen: Der Service ist top.
Ich frage mich, ob dem Vater während einer vielleicht notwendigen Operation als kleine Aufmerksamkeit des Hauses ein Imbiss gereicht wird. Vielleicht, – … „Kaiserschnittchen“?

Wolfgang Bosbach gibt bekannt, dass er bei der nächsten Wahl nicht mehr für den deutschen Bundestag kandidiert. Frau Ostehr interviewt ihn im Morgenmagazin auf WDR 5. Ich habe die ganze Zeit das Gesicht dieser rheinischen Schwadroniermaschine vor mir, die so aussieht, als würde sie ihre Zeit hauptsächlich damit verbringen, zwischen Sonnen- und Talkshowstudio zu pendeln.
Später in den Nachrichten erfahre ich, dass Herr Bosbach schwer kebskrank ist. Und noch ein wenig später erfahre ich, dass diese Krebskrankheit unheilbar ist.
Mein Inneres verstummt.
Es ist beschämt und ein bisschen brummig. In Zukunft wird es sich nicht mehr so einfach über  das Bedeutungsblasen abblähende Besitzbürger-Gebrabbel erregen können, denn dieser Mann wird ihm leidtun.
Es verstummt und fragt sich, wie das geht, dass ein Mann dem Tod nah ist und so jovial scherzend mit der Moderatorin über seinen bevorstehenden Bundstagsauszug plaudern kann. Ist das zutiefst verständliches Verdrängen? Ist es das einfach bis zum Ende immer weiter Abrollen eines geübten Mechanismus politischer Rede? Ist es das Festhalten daran, das Bild einer honorigen öffentlich Person darzustellen, auf dem der Tod schon angefangen hat herumzukritzeln?
Schon tut mir nicht mehr nur sein Sterben leid.
Und ein bisschen tue ich mir selber leid. Einer weniger zum drüber Ereifern. Einer mehr, der mir nur vor Augen hält, ein Teil eines absurden Spiels zu sein.
In dem launigen Interview erzählt Herr Bosbach auch, dass Herr Plasberg ihm eine wahnsinnig nette SMS geschrieben habe und wie sehr er sich darüber freue.
Mein Inneres ist schon verstummt. Sonst würde es sich jetzt bestimmt über Herrn Plasberg erregen und darüber, dass die, die das Spiel des sich Erregens als scheinbare Gegener anheizen, doch zur selben Mannschaft gehören.

Medaillenspiegel

Ich frage die Liebste, warum wohl so viele gute Läufer*innen aus Jamaika kommen. Sie begegnet dieser Frage nicht mit dem gebührenden Ernst und antwortet: Muss am Kiffen liegen.
Steile These. Aber wenn man den Medaillienspiegel richtig berechnet, kommt man schon ins Grübeln:
Man vergebe an jede Nation für jede Goldmedaille 100, für jede Silbermedaille 90 und für jede Bronzemedaille 80 Punkte.
Man berechne die Summe aller Punkte.
Man wikipediere die Einwohnerzahl jedes Landes und teile sie durch Huntertausend.
Die Zahl, die man dann erhält, teile man durch die Summe der Medaillenpunkte.
So erhält man die Zahl der Medaillienpunkte pro 100 000 Einwohner einer Nation.

Und dann sieht der Medaillienspiegel so aus:

  1. Jamaika                35,5 Punkte
  2. Kroatien                22,1 P.
  3. Ungarn                  11,6 P.
  4. Australien             11,4 P.
  5. Niederlande         10,4P.
  6. Großbritannien   10,1 P.
  7. Kuba                      8,9 P.
  8. Frankreich           5,6 P.
  9. Deutschland        4,6 P.
  10. Italien                   4,1 P.
  11. Südkorea              3,7 P.
  12. Russland              3,5 P.
  13. USA                       3,4 P.

3 Wochen sturmfreie Bude. Die Alten nicht da.
Aus dem Mauerblümchen ist eine veritable Mauerblume geworden.

 

Das Model und das Mauerblümchen

Diese Farben! Genau diese Mischungen aus milden und doch leuchtenden Gelb- und Rottönen, wie sie in dieser Saison angesagt waren. Der Stoff an den Blüten luftig fließend und in sanften kleinen Rundbögen aufgefächert. Chic und verspielt zugleich. Beides in genau der richtigen Dosis. Und diese Haltung! Kerzengerade aufgerichtet mit einem Hauch von Drehung. Wie Skulpturen und doch alles andere als verkrampft. Die Köpfe geradezu kokett leicht geneigt. Das ganze Bild selbstbewusst zurückhaltender Chic!
Ach! Wie oft hatte das kleine Mauerblümchen ihre Nachbarin angeschwärmt. Heimlich zuerst und verschämt. Und zugleich sehnsüchtig. Wie gerne würde sie diese wundervolle Schönheit ihre Freundin genannt haben.
Aber einfach sich ein Herz fassen und Kontakt aufnehmen? Niemals. Die würde sich nie mit ihr einlassen. Doch nicht mit einem so unscheinbaren Gewächs wie ihr!
Immer wieder schaute sie hinauf. Träumte. Und zog sich voller unerfüllter Sehnsucht wieder zurück.
Doch eines Tages sah sie, dass die Köpfe dieser Schönheit sich ganz leicht nach unten geneigt hatten. Ob das Model vielleicht doch nicht so unnahbar war, wie sie gedacht hatte? Galt die Kopfneigung womöglich gar ihr? Und war da nicht der Hauch von einem Lächeln? Einem echten. Nicht diesem künstlichen falschen Laufsteg-Lächeln.
Und dann traute sie sich doch. Sie sprach die Schönheit an. Aufgeregt fiebrig hoffend. Keine Reaktion. Traurig zog sie sich wieder zurück.
Aber der Bann war gebrochen. Als hätte das Ausbleiben einer schroffen Abweisung ihr zumindest den kleinen Mut gelassen, es immer wieder zu versuchen, auch wenn die Antwort Schweigen blieb.
Der Sommer war schon reif. Sie selbst war ein gutes Stück gewachsen. Mit jedem Millimeter diesen Blüten ein bisschen näher. Der Versuch, die Schöne anzusprechen, war schon fast zu einer täglichen Routine geworden. Kaum rechnete sie noch je mit einer Reaktion.
Und dann geschah es. Erst hörte sie nur ein schwaches Wispern, das ihr erst so vorkam, als würde sich eine Biene nähern. Natürlich würde die zuerst in ihrer Nachbarin nach Nahrung suchen. Aber keine Biene kam. Das Wispern blieb. Sie reckte sich so gut es ging zu dem leisen Tönen hin. Und, – ja! Ganz deutlich hörte sie es: „Hast Du was gesagt?“ Eindeutig! Ihre schöne Nachbarin hatte geantwortet. „Ja! Ja. Eh. Ja“ Mehr brachte sie nicht zustande. Vor lauter angestrengten Versuchen, Kontakt zu bekommen, hatte sie sich nie gefragt, was sie denn dann sagen sollte, wenn die Schöne doch …
„Ich, – also ehm, ich …“, stotterte sie.
„Kannst Du etwas lauter sprechen? Weißt du, ich bin ganz schlimm schwerhörig. Das war ich schon immer.“
Beinah schämte sich das Mauerblümchen dafür, dass sie geglaubt hatte, ihre Nachbarin wäre zu stolz sich ihr zuzuwenden. Die Schöne hatte sie nicht gehört. So einfach war das! Sie hob die Stimme. „Also…, ja, ich versuch`s. Ich hab dich schon ganz oft angesprochen. Ich hatte schon Angst, ich würde dich nerven.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ Am liebsten wäre das Mauerblümchen noch ein bisschen schneller gewachsen, um besser verstehen zu können. Aber irgendwie ging es auch so. Sie redeten. Und schwiegen. Und selbst das Schweigen redete.  Und während des Redens merkten sie, dass ihre Freundschaft schon vor dem Reden begonnen hatte. Beide gestanden einander kichernd, dass sie sich glühend beneideten. Die eine die andere wegen ihrer erhabenen Schönheit und der pflegenden Liebe, die ihr von den Besitzern des Hauses zuteilwurde. Die Andere die Eine, weil sie so gut hören konnte, weil sie den Mut hatte einfach zu wachsen, wo sie nicht hingehörte. Die Schöne erzählte sogar, dass sie oft genug Angst gehabt hätte, wenn die Terrassentür aufging, dass jetzt der Moment gekommen wäre, wo das Mauerblümchen herausgerissen würde. Und dann wäre sie wieder allein gewesen. Und jedes Mal hätte sie erleichtert aufgeatmet, wenn es wieder einmal ausgeblieben war. Sie erzählte dem Mauerblümchen auch, wie sehr sie es beneidete, weil das Mauerblümchen sich selbst aussäen konnte, sie aber nicht.
Und dass sich ihre Sorge um das Mauerblümchen ein wenig verflüchtigt hätte, weil die Hausbesitzer jetzt schon seit 2 Wochen nicht mehr herausgekommen waren.
Eine selige Zeit hatte begonnen. Klar, sie hätten sich wünschen können, dass sie niemals enden würde, aber dazu wussten sie zu genau, dass das nicht so sein könnte. Dass die Sehnsucht danach sie nur daran gehindert hätte, ihre Freundschaft zu genießen.
Heute Nacht, so hatten sie verabredet, wollten sie länger wach bleiben. Der Himmel war klar. Es war Vollmond. Er würde hell und freundlich zu ihnen hinablächeln. Das wollten sie sich zusammen ansehen.
Und so kam es. Sie standen da. Die Luft zwischen ihnen war gesättigt von ihrer Freundschaft. Der Mond schien hell zu kichern. Es war wie im Märchen. Sie sagten nichts. Sie wussten ja, dass Worte eben manchmal einfach stören, besonders, wenn einer schwerhörig ist.

Beim Gespräch mit einem Freund kommt die Rede auf Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt. Mir fällt die Melodie eines Liedes ein, das ich früher (jetzt, wo „früher“ mehr als 30 Jahre bedeutet, kommt mir das Wort ganz schön wuchtig vor) sehr gern gespielt und gesungen habe. Nach einigem Hin- und Hersummen und -Suchen fällt uns der Titel auch noch ein. „The Wind“.
Am nächsten Tag probiere ich einfach mal aus, ob ich es nach mehr als 30 Jahren noch immer kann. Und, – ja, – nach zwei Ansätzen in der falschen Tonart, fließt mir der richtige Bewegungsablauf aus den Fingern. Einfach so. Ohne weiteres Nachdenken.
Man sagt, das Gehirn steuere die Muskeln. Ich glaube, es ist umgekehrt.

 

Libelle am Ärmel

Ein sonniger Morgen. Das gleißend flimmernde Spiel des Sonnenlichtes auf den Halmen des Schilfgrases am Teich lockt mich zu einer Foto-Session. Mittendrin landet eine Libelle auf dem Ärmel meines Bademantels. Den Rest der Session schaut sie sich aus nächster Nähe an. Erst als ich wieder reingehen möchte und sie mit einem sanften Stupser auffordere, draußen zu bleiben, schwirrt sie davon.