Nur noch ein paar Schritte vom Glück entfernt.

Steffen Simon kommentiert mit diesem typischen etwas zu tiefen schein-coolen intimer-Kenner-Stimmsitz das olympische Frauenfußball-Spiel Brasilien gegen China. Eines seiner Formulierungshighlights:
„Dass sich Brasilien im Moment so schwer tut, liegt vor allem daran, dass die Chinesinnen Fornika, die wichtigste Spielgestalterin der Brasilianerinnen, jetzt in Manndeckung nehmen.“
Wenig später dann Bernd Schmelzer beim Spiel Deutschland gegen Simbabwe. Es fällt das 1:0 für die deutsche Mannschaft durch einen Kopfball von Sara Däbritz. Zwei Verteidigerinnen von Simbabwe sind dicht neben ihr, können das Tor aber nicht verhindern. Bernd Schmelzer: „Wenn schon zwei Verteidiger in der Nähe sind, dann sollte wenigsten einer von beiden auch versuchen zum Kopfball zu kommen.“
Ich schätze, die Fußballmänner des ARD haben bei einer Fortbildung „Wie gender ich richtig?“ die ultimativ politisch korrekte Redeweise gelernt. Die Frauen werden einfach als Kerle bezeichnet. Das ist die größte Form der Wertschätzung im Fußball.
Steffen Simon allerdings ist punktuell noch unsicher. Sein Gender-Coach hat ihn drauf aufmerksam gemacht, dass ihm bei „Chinesinnen“ nochmal die diskriminierende Redeweise unterlaufen ist.

Ankunft

Hart erkämpfte Ankunft. Es geht höher und höher. Die Straße wird enger und enger. Und schlechter und schlechter. Wir denken: „O.k., jetzt muss es ja gleich kommen. Das ist ja hier eigentlich schon keine Straße mehr.“ Dann: „O.k., jetzt muss es aber wirklich gleich kommen. Das ist ja eigentlich gar kein Auto-tauglicher Weg mehr.“ Kurz bevor wir erleben müssen, dass man hier mit einem normalen PKW eigentlich gar nicht hinkommt, taucht das Häuschen auf. Unschuldig lächelnd heißt es uns in the heart of the middle of nowhere willkommen. Die Frau, die uns hierher geführt hat und dann die Betten bezieht, fragt, als sie geht, ob wir genug zu lesen mithaben.
Den kleinen Skorpion, der unmittelbar vor ihrem Fuß entlanghuscht, will sie sofort zertreten. Ich kann sie gerade noch davon abhalten. „Die sind nicht giftig“, sagt sie. Na also. Ist doch eine gute Grundlage für friedliche Koexistenz.

Emoticon für: Tiefer Friede
(wahrscheinlich nach anfänglicher Verunsicherung)

Tag 1 [10.07.]

Ein Schläfchen am Nachmittag. Eines von 2 Stunden. Luxus. Am Ende ein Traum. Ich bin in einem großen Supermarkt an der Kasse und lade eine schier endlose Reihe von Dingen auf das Förderband. Als der Einkaufswagen endlich leer ist, beginnen auf dem Band auch schon die Sachen des Nächsten. Wieder eine schier endlose Reihe. Am Ende der Reihe hockt plötzlich eine Kollegin knielings auf dem Band. Sie lächelt dieses Lächeln. Eines, das irgendwie gar keins ist. Und doch da. Eines, das sich liebevoll über das Leben lustig macht, hart an der Grenze zur Ironie. Sie hockt da, fährt im gemächlichen Tempo der Päckchen und Flaschen auf mich zu und sagt: „Oh … nicht dass du mich jetzt für eine Ware hältst.“ Und lächelt. Oder auch nicht. Ich antworte: „Nee, geht ja nicht. Du bist ja nicht ausgezeichnet.“ Dann wache ich auf.

Tag 8 [17.07.]

Dank an Navid Kermani

(1) Für die Zuversicht, dem eigenen Sehen zu vertrauen.
(2) Für eine Erinnerung, die so gern erzählt werden möchte.

Gemälde, Judith ermordet Holofernes

(1) Die zerstürmte Nacht war unruhig gewesen. Sogar das Gestänge des Sonnenschirms hatte das windige Wüten zerlegt. Und es war kühl, nicht nur drinnen.
Wir wollten weg hier. Weg vom wilden Berghütten-Dasein. Hinein in den Schutz der Stadt. Vielleicht Florenz? Die Uffizien lockten und schreckten zugleich ab. Ich fürchtete den Palazzo-Fresken-Ölgemälde-Medici-Overkill. Kermani erlöste uns. Wir haben ein Buch von ihm mit: Ungläubiges Staunen. Darin sind zwei Bilder aus den Uffizien beschrieben. Das war doch ein guter Perspektiv-Fluchtpunkt beim Eintauchen in dieses opulente Kunstgetümmel. Diese beiden Bilder suchen. Und vielleicht Anderes entdecken mit diesem Blick: Dem eigenen Sehen einfach vertrauend. Eines der von ihm beschriebenen Bilder – „Heimsuchung“ – war tatsächlich da. Ich staune. Über das Bild, über seinen, Kermanis, Blick. Über meinen, der ganz anders sieht und Anderes sieht. Das zweite Bild – „Die Opferung Isaacs“ – war nicht da. Unterwegs irgendwo auf der Welt in einer anderen Ausstellung. Mein eigener Blick. Er ließ mich entspannt an den Bildern vorbeischlendern, an anderen stehenbleiben. An wieder anderen fasziniert lange verweilen. Eines davon stellt eine biblische Geschichte dar. Mit einer Mischung aus blutrünstigem Horror, realistischer Darstellungslust und merkwürdig verklärenden Widersprüchen saugt es meinen Blick an. Ich erinnerte mich dunkel, dass ein sehr ähnliches Bild auch von Kermani beschrieben wird. Wieder zurück in der Berghütten-Einsamkeit ist dieses Bild heute ein Impuls.
Das Bild zeigt eine offenbar vielen bekannte und oft gemalte alttestamentarische Szene: Judith aus Judäa ermordet Holofernes. Er hat die Festung belagert, in die das Volk aus Judäa sich zurückgezogen hat. Es ist aussichtslos und so übergeben die Ältesten am 34. Tag der Belagerung, so schreibt Kermani, die Festung. Judith hat es geschafft, in das Schlafgemach von Holofernes zu gelangen. Er hat ihr zu Ehren ein Fest gegeben und vielleicht hat sie sich ihm als Geliebte angeboten. Auf dem Bild schneidet Judith ihm, als er schläft, den Kopf ab. In der Bibel dagegen, auch das lese ich bei Kermani, schlägt sie ihm zweimal mit aller Kraft in den Nacken.
Meinem eigenen Blick trauen. Zuerst all diese unbeantworteten und vielleicht auch unbeantwortbaren Fragen, z.B.: Wie kann es sein, dass Holofernes einer Frau ein Fest gibt, die eine der zentralen Figuren des Widerstandes gegen ihn ist? Eigentlich ein ähnlicher Impuls wie der, dass ich in abstrakten Bildern fast immer zuerst versuche zu erkennen „was das sein soll“, und meistens eine Weile brauche, bis ich von dieser Frage wegdenken kann. Dann die schaudernde Lust, die klaffende Wunde zu sehen, den entsetzten Blick des Sterbenden, das silbern blitzende Messer. Dann die auf eigenwillige Art hübsche Judith. Ein moderner Regisseur würde mit ihr die Rolle der jungen, ungewöhnlichen Grafik-Designerin besetzen. Single, hübsch, große Klappe, zartes Gemüt, höchst individuelle Selbstinszenierung. Dann die Brustwarzen, die der Maler sich unter dem Hemd abzeichnen lässt. Erlaubt er sich da einen kleinen erotischen Kick, oder ist das einfach in Zeiten der Nachahmung antiker Statuen normal? So hat mein Blick meine Gedanken bei der Hand und beide tasten sich von hier nach da.
Dann langsam ein konzentrierterer Blick.
Zuerst die alte Frau. Für Kermani ist sie abstoßend. Eine „geifernde Greisin“ „voller Mißgunst“ [übrigens eine, wie ich finde, albern rückwärtsgewandte Marotte in diesem Buch: Wörter, die heute mit ss geschrieben werden, mit ß zu schreiben …], eine, „die die Hölle vorwegnimmt“. Für mich ist sie einfach eine alte Frau, gezeichnet vom Leben, die ihre Pflicht erfüllt und Judith, der Herrin, hilft. Irgendwie muss man den Kopf ja transportieren, um ihn dem Volk zu zeigen. Sie hilft zu tun, was zu tun ist. Das hat sie ihr ganzes Leben lang gemacht. Helfen zu tun, was zu tun ist. Mit Mühe und Schmerz oft genug, wovon die Falten erzählen. In meinen Gedanken ist für die alte Frau richtig, was Judith tut. Und es ist richtig, dass sie hilft. Aber sie ist halt eine einfache Frau. Sie ist auch geschockt angesichts des Mordes. Ihr steht der Widerspruch zwischen Notwendigkeit und Verbrechen ins Gesicht geschrieben. Sie ist die Helferin, die in diesem Gestrüpp aus Widersprüchen mühsam einen Weg suchen muss.
Judith muss das nicht. In meinen Gedanken. Sie weiß den Weg. Und geht ihn mehr oder weniger unbeirrt. Einen kleinen Rest von Entsetzen und innerem Widerstand angesichts des Mordes allerdings sehe ich auch bei ihr. In den beiden Stirnfalten. Das macht sie, die Heldin, ein bisschen menschlich. Diese Falten und die leicht nach hinten gebeugte Haltung erzählen mir wie insgeheim von schweratmig hintan geseufztem Zögern. Ansonsten aber ist sie Heldin. Einfach und korrekt gekleidet. Die Haare schlicht nach hinten gebunden, vorne, von der Anstrengung leicht gelöst. Die Haut rosig, rein, beinah engelhaft. Und doch ist sie eine Heldin, die arbeiten muss. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt. Sie hat das Hemd beinah provisorisch, vielleicht eilig?, verschnürt und über den Brüsten seitlich eine Schleife gebunden.
Kermani nennt sie in seinen Gedanken eine „dumme Pute“, deren Gesichtsausdruck mit Stirnrunzeln und leicht geschürzten Lippen nur vielleicht ein „bißchen Erschrecken“ und damit eine „ehrliche Regung“ sei, aber ebenso gut eine „letzte Verspottung“ sein könne. Wahrlich sieht Kermani diese Judith ganz anders als ich. Mir ist, als würde ich tatsächlich be-greifen können, was es heißt, dass Menschen etwas je anders sehen, mit je eigenen Augen.
Und natürlich mag ich die verhüllt modellierten Brustwarzen von Judith. Ich würde mich gerne in diesem erotischen Kitzel mit dem Maler verbunden fühlen. Aber ich ahne, dass das Quatsch ist.
Dem Blick Kermanis Ähnliches sehen meine Augen im Opfer, das so lange tyrannischer Täter war. Er ist tatsächlich ein Mensch, ein starker, muskulöser obendrein, der in einem letzten verzweifelten Moment von Wachheit erlebt, dass er jetzt stirbt.
Am Ende meines sehenden Suchens, meines erblickenden Tastens scheint so etwas wie eine Botschaft auf. Da versucht ein Maler, die in seiner Zeit sicher nur allzu bekannte Geschichte einer biblischen Heldin so zu erzählen, dass sie menschlich wird, dass von der in zahllosen Erzählungen der Menschen möglicherweise immer zähfließender gewordenen Verklärung mit einem kleinen archäologischen Spachtel etwas abgekratzt wird, auf dass die Geschichte menschennäher werde. Soll es vielleicht dadurch einem nicht professionell Frommen leichter werden zu glauben? Besteht angesichts der kühlen Rationalität der Medici-Geschäfte vielleicht sogar die Gefahr von allzu viel Zweifel an diesen mystisch abgehobenen Geschichten? Ist es nicht gleichsam „hipp“, dem damals modernen Menschen, dem man als Individuum deutlich mehr Selbstbewusstsein unterstellt als dem Menschen der Generationen vor ihm, ein pragmatischeres Bild von Religion anzubieten? An diesem Punkt ist sozusagen der Schlusssatz meiner Erzählung von diesem Bild gar nicht so anders als der von Kermani. Nur mit viel weniger revolutionärem Drive. Der Künstler als radikaler Visionär, der von den Gestrigen beschimpft wird. Ein bisschen so kommt es mir bei Kermani am Ende vor. Und dazu habe ich vielleicht als studierter Musikwissenschaftler mich einfach zu viel herumplagen müssen mit subalterner Anbetung des genialen Künstlers als Revolutionär, der das ganz Neue schafft und trotzdem der satten Selbstgewissheit des Bildungsbürgers, der ihn feiert, nicht gefährlich wird.

(2) Und danken möchte ich Navid Kermani auch für eine Erinnerung, die wieder hochgespült wird, als ich, des aufgeregten Hin- und Her-Blätterns müde, dieses wunderbare Buch einfach mal ganz unspektakulär von vorne lesen möchte.

Und an eben diesem Anfang berichtet Kermani vom Besuch eines Klosters. Meine Gedanken schweifen ab.
2012 besuchten die Liebste und ich das Kloster Chiaravalle di Fiastra in der Nähe von Macerata. Uns war nach einem Ort voller Geschichte und Spiritualität. Zu unserer großen Freude lasen wir auf einem nachlässig getippten Blatt am Eingang, dass an „unserem“ Abend um 18:00 in der Kapelle die Mönche ihre Andacht abhalten. Und dass sie dabei auch ihre uralten Choräle singen.
Natürlich waren wir um 18:00 da. Außer uns verloren sich noch 3 weitere Besucher in der Kapelle. Tiefe Stille über allem. Selbst neugieriges Sich-Umschauen schien uns schon nach kurzer Zeit unpassend. Reden sowieso.
Dann öffnete sich eine große schwere Eichentür am Rand des Altarraums. 7 Mönche betraten ihn. Alle waren schon sehr alt. Drei von ihnen gingen würdevoll, hoch aufragend, mit ausladenden Schritten. Die anderen schlurften gebeugt und beinah mühsam jeden Schritt sich selbst abringend zu ihren Plätzen. Vier saßen am rechten Rand des Altarraums, drei am linken. Alle hielten ein Gebetbuch in den gefalteten Händen.
Aus Warten wird Ruhe. Aus Gespanntheit Gelassenheit. Aus Beobachten Wahrnehmen. Aus Denken Denken lassen.
Die Andacht beginnt. Gesprochene Litaneien von wechselnden Sprechern. Dann Gesang. Milde weben sich die Töne in das Tuch aus Stille, das sich in das Deckengewölbe der Kapelle gespannt hat. Selbst „ergreifend“ ein kaum zutreffendes Wort.
Sprechen und Singen wechseln sich ab. Sind zugleich seltsam eins.
Dann poltert ein unpassendes Geräusch in die Klänge. Ein Handy bimmelt. Erschrocken tasten wir nach unseren Geräten. Aber wir hatten doch … Nein unsere sind es nicht. Ich schaue mich um. Die drei anderen Besuche reagieren genau wie wir. Das Bimmeln geht weiter. Es muss von woanders kommen. Die Litaneien aber gehen auch weiter. Die Mönche wenden sich nicht mit strafenden Blicken an uns. Nein. Sie beten weiter.
Dann plötzlich sehe ich, dass in der linken Mönchsreihe ein noch etwas Rüstigerer mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seinen rechten Nachbarn mit dem Ellenbogen anstupst. Dieser reagiert nicht. Unbeirrt tastet er sich in den Gebeten voran. Das Anstupsen wird energischer.
Endlich reagiert der andere. Als würde er erst jetzt das Gebimmel bemerken, lässt er sich von seinem Nachbarn mit einem sanften Kopfnicken darauf hinweisen, dass das Bimmeln von ihm kommt. Eine ganze Weile braucht er. Dann sucht er in den Falten seines Gewandes. Er fummelt mit zittrigen Händen das zwippelnde Etwas heraus. Sein Zittern scheint dem Altern geschuldet, nicht einer Aufregung. Der Kopf ist tief über das Gerät gebeugt. Ein Zeigefinger sucht die Tasten ab. Es gelingt ihm nicht, das Gerät auszuschalten. Unnachgiebig zwippelt es weiter. Der Rüstigere greift vorsichtig über zu seinem Nachbarn. Ein weiteres Zeigefingertippen. Das Geräusch endet. Der Apparat verschwindet wieder in den Faltentiefen des Gewandes. Die Andacht geht nicht weiter. Sie war die ganze Zeit nicht unterbrochen.
Lange habe ich diese Geschichte als spaßige Anekdote aus dem Urlaub herumerzählt. Hi, hi, nicht die doofen Touristen, die Mönche selber.
Der Respekt, den Kermani religiöser Kunst zollt, belehrt mich heute eines Besseren. Die Geschichte ist keine Anekdote. Heute denke ich: Mönche machen ihre Arbeit, routiniert, geübt, tief gläubig, ernst. So ein albernes Gezwippel kann sie nicht ernsthaft stören. Auch das gemeinsame Bemühen um Ausschalten nicht. Und das liegt nicht an einer tiefen meditativen irgendwie überhöhten, scheinweihevollen Spiritualität, die wir Yoga- und Meditations-Jünger so gerne dahineindenken möchten. Nein, die Spiritualität liegt in der ruhigen, routinierten Gewohnheit, in der andächtigen Routine konzentrierter, zahllose Male geübter Arbeit.
Beinah schäm ich mich ein bisschen, dass ich häufiger diese Geschichte in Erzählrunden dazu benutzt habe, mich selbst anekdotisch aufzublähen.

 

Tag 1 [31.07.]

Reifen platt

Erster wirklich harter Test für die im Urlaub mit Freuden angesammelte Entspannung.
Leider durchgefallen.

Tag 15 [24.07.]

Lucca 1

Lucca Stadtmauer

Stadtmauer Lucca Gewölbe

Stadtmauer Lucca Gewölbe

Als hätte die Stadtmauer, die rund um die ganze Stadt noch erhalten ist, die Häuser, die Gassen, die Plätze, die Bewohner geschützt und täte es noch heute. Alles ist gedämpft. Die Häuser schauen freundlich zu dir herunter, die Straßen und Piazze legen sich wie einladende Teppiche vor dich. Selbst die Motorroller kommen einem eine Spur leiser vor. Die Autos rollen sanft heran, die Glocken läuten musikalisch, die Musik, die aus irgendeiner Bar herüberweht, ist gedämpft. Die Menschen lächeln. Auch die Besucher. Als würde die Mauer ihnen allen ihren Platz sichern. So dass sie nicht laut und fordernd darum kämpfen müssen. Selbst die Nippes-Läden, die es natürlich auch hier gibt, schreien ihren Andenken-Blödsinn dem Passanten nicht entgegen. Sie sind da, sie laden ein. Sie winken dir scheu lächelnd hinterher, wenn du vorbeigehst.
Als würde die Mauer den Überlebenskampf da draußen von drinnen fernhalten. Und das da drinnen davor schützen,  zu entgrenzen und sich dabei zu verlieren. Dauernd möchte man verweilen, schauen, bei sich und zugleich zusammen sein mit all dem um einen herum. Als wir einem schon älteren Kellner erzählen, wie schön wir „seinen“ Ort finden, womit wir eigentlich „sein Café“ meinen, missversteht er uns wie selbstverständlich, schwärmt für seine Stadt und beginnt mit der Mauer. Er zählt einige berühmte Städte auf, die allesamt berühmt und großartig seien, aber seine Stadt sei „unico“. „La mura“.
Der Schwiegersohn und ich erkunden sie und fast noch hingebungsvoller einen Teil ihres Innenlebens. Die Stadtmauer hat an mehreren Stellen große Ausbuchtungen. In diesen Ausbuchtungen gibt es Gewölbe. Der Erzählung im Reiseführer nach dienten diese Gewölbe der Verteidigung der Stadt in besonderer Weise. Ihre Zugänge waren durch die besondere Bauweise nicht auf Anhieb erkennbar, – schon gar nicht von weitem. So war es möglich, dass kleine Gruppen von Reitern an einer Stelle plötzlich ausbrechen, den Gegner überraschen und ebenso schnell an einer anderen Stelle wieder verschwinden konnte. Als wir durch die Gewölbe stromern, reisen wir in eine andere Zeit. Wir hören Pferdehufen-Getrappel, Rufen. Knirschen von Leder, wenn die letzten noch schnell in den Sattel springen. Es liegt konzentrierte Anspannung in der Luft. Der Geruch von Männerschweiß mischt sich mit dem der Pferde. Das unruhige Schnaufen der Pferde mischt sich mit dem Geräusch von Klingen.
Kaum trennen können wir uns von unseren Phantasien.
Als wir alle am Abend die Stadt wieder verlassen wollen, holen der Schwiegersohn und ich das Auto, das außerhalb der Stadt geparkt ist. Ein Hauch von Melancholie weht mich an, als wir durch ein großes Tor in der Stadtmauer aus dem Inneren hinaustreten. Und ein Gefühl von Aufatmen, als wir wieder in die Stadt hineinfahren um die anderen zu treffen.
Man möchte einfach gerne wieder zurück. Hinein in den Schutz.

Lucca 2

Selbstbildnis mit Fahrrad

Selbstbildnis mit Fahrrad und eingezogenem Bauch.

 

Tag 2 [11.07.]

Was vom Leben übrig blieb.

Treppe an Hauswand, die nirgendwo hinführt

Tag 16 [25.07.]

Im Traum ein Hund. Er liegt neben dem Nachbartisch in einem Café. Ein blöder Hund. Braun. Eher klein. Glattes Fell. Spitze Schnauze. So eine Sorte, die gar nicht aussieht wie ein richtiger Hund. Eher wie ein kleines Reh. Ein Weichei-Hund. Kann wahrscheinlich nicht mal richtig kacken. Drückt wahrscheinlich nur mit viel Mühe und zitternden Hinterläufen einen mickrigen Karnickel-Köttel raus. Kann wahrscheinlich auch nicht richtig bellen. Reißt das Maul auf, als wollte er gähnen und produziert nur ein helles „A – A“ mit Kinderstimme. Und dann trägt er auch noch ein albernes Hundeleinen-Geschirr. Nicht nur ein Halsband. Ein kleines Halfter um Hals und Brust mit folkloristischen Applikationen. Irgendwie bayrisch. Lächerlich!
Und dieses doofe Vieh macht sich bei jedem italienischen Wort, das ich spreche, lustig über meine Aussprache und über den Satzbau und über die falschen Vokabeln und überhaupt über alles. Bei jedem Wort. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ich sehe es nicht. Ich weiß es nur. Es macht mich total sauer. Als wir zahlen und gehen, drehe ich mich nochmal um und ziehe ihm eine Grimmasse.

Er äfft meine Grimmasse nach und schickt sie mir hinterher.
Sofort danach wache ich auf. So ein Mist. Jetzt kann ich nicht zurückätzen und das blöde Vieh hat gewonnen.
Das wird ein Scheißtag.
Zur Strafe kriegt er jetzt diesen Text.
Wehe der läuft mir heute Nacht wieder übern Traum!

Tag 9 [18.07.]

Kindsköpfe 2

Gestern Abend bereiten die Tochter, die genau genommen Stieftochter ist, die ich aber einfach nicht so nennen kann, weil das so metallisch klingt, dass es meine Liebe zu ihr unmöglich macht, sie so zu nennen, die Tochter also und die Liebste bereiten einen Kartoffelsalat zu. Die Liebste und ich, der Jungenlager-gestählte Ehemann und Vater, der genau genommen der Stiefvater … bla … bla … fangen augenblicklich an zu singen. Der Schwiegersohn, der genau genommen … bla … bla … stimmt augenblicklich mit ein.

Danach erfinden der Schwiegersohn und ich immer neue 5-Silben-Textvorlagen für die Melodie. Irgendwann wollen sogar wir endlich aufhören, können aber nicht, weil Ohr- resp. Spaßwurm. Wir helfen uns mit diesem:

Heute Morgen beim Frühstück tut mir endlich mal jemand den Gefallen, mich zu fragen, was eigentlich der Trick an dem Lied ist. Die Chance lasse ich mir nicht entgehen und halte einen Kurzvortrag zum Thema ⁶⁄₈-Takt  (schon relativ früh unterbrochen mit dem Hinweis „Warum eigentlich nicht ¾-Takt; kann man doch kürzen“, was mich aber, einmal im Dozier-Modus, nicht aus dem Takt bringt, das wär ja noch schöner!), Auftakt, natürliche Betonung von Silben, Taktschwerpunkt auf „1“. Mir egal, dass das sooo genau nun wieder doch keiner wissen wollte.
Die Aktion endet mit einem neuen, dem final-genialen Textvorschlag.

Tag 3 [31.07.]

geschlossener Vorhang

Der bleibt noch zu, beschließen wir. Das Elend eines seit drei Wochen vernachlässigten Gartens und der damit verbundenen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen schauen wir uns erstmal nicht an.

 

Tag 3 [12.07.]

Buntes Insekt wie Schmetterling

Entschleunigung in Echtzeit.

So jung und schon so warm ist dieser Morgen. Ich trete hinaus auf die Terrasse. Tasse Kaffee in der einen, Sudoku in der anderen Hand. Das, was ich gestern abgebrochen hab, weil es mir zu zäh wurde. Sonne oder Schatten? Kurzer Test. Ein Schritt ins gleißende Hell, schon umfängt mich die Sonne mit glühender Leidenschaft. Ich lass sie mich durchströmen und zieh mich schnell in den Schatten zurück. Richte mich auf zwei Stühlen ein. Die Logistik der Bewegungsabläufe verlangt genaueste Planung. Wie muss ich sitzen, dass es bequem ist? Dass die Holzstreben des Gartenstuhls sich nicht zu hart in den Hintern quetschen. Dass ich ohne großen Bewegungsaufwand an den Kaffee komme. Dass das Handy-Display mit dem Sudoku gut lesbar ist. Ich finde eine Haltung und tauche ein. Wenn hier die 2 hinkommt, dann steht sie auch hier und hier und da ist für die 7 dann nur noch in dem Kästchen … und für die 5 nur noch in dem Kästchen …, nee Moment, wo stand nochmal die 2? Von vorne. Wenn hier die 2 steht…

Die Zeit schmilzt unter dem Tröpfeln der Zahlen-Gedanken. Viel Zeit.
Von ganz weit hinten im Hirn kriecht ein Gefühl heran, das ich erst registriere, als es durch den Zahlenvorhang tritt. In dem Moment weiß ich, dass es schon eine ganze Weile versucht hat, auf sich aufmerksam zu machen. Irgendwas stimmt nicht.
Unwillig wende ich mich vom Sudoku ab. Ziehe Bilanz. Ist es das Knie, das beim Erklimmen der Burganlage etwas zu sehr belastet wurde. Joahh … Ist es der Hintern, der sich jetzt doch gegen die Holzstreben wehrt? Joahh .. Ist es das immer noch zähe Sudoku? Hmmm … Ist es der Kaffee, der über das Grübeln vergessen und kalt wurde? Ist es? Na klar! Vor allem ist es: Mir ist kalt. Der Himmel ist blaublau, die Sonne singt eine lustvolle Hitze-Arie. Und mir ist kalt. Jetzt wird es schwierig. Ist mir so kalt, dass ich bereit wäre, die doch irgendwie einigermaßen gut eingerichtete Sitzposition einschneidend zu verändern? Man kennt das doch. Man verändert eine Kleinigkeit und schon ist alles anders. Unangenehm anders. Lieber so bleiben. Blöderweise lässt sich das mir-ist-kalt-Gefühl nicht mehr wegschieben. Es ist wie beim Pinkeln morgens. Ich werde aufstehen müssen. Aber was könnte ich tun? In die Sonne wechseln? Zu heiß. Anziehen? Och nöh, – zu viel Aufwand. Ich hab’s. Da lag doch irgendwo noch ein unbenutztes Bettlaken. Da könnte ich mich doch…
Plötzlich ploppt ein Insekt auf den Tisch. Wie geht das denn? Ist es krank? Wenn es fliegen kann, muss es doch auch sanft landen können. So ein Tier fliegt doch nicht, sieht irgendwo einen Ort, wo es hinwill, zum Beispiel diesen hier, stellt die Flügel ab und hofft dass es ungefähr da aufknallt, wo es hinwollte, und dass es den Sturz überlebt. Ist es womöglich tot? Ganz vorsichtig stupse ich es an. Sofort fängt es hektisch an zu zappeln. O.k. tot ist es nicht. Es sieht merkwürdig aus: Länglicher schwarzer Körper mit einem einzigen gelben Ringel-Streifen um den Body. Hinterm Insektenköpfchen zwei große, weiß gepunktete schwarze Flügel. Sie sind zu klein für einen Schmetterling und zu groß für kein Schmetterling. Bekanntlich können sich die meisten Insekten ja im Laufe der frühen Entwicklung entscheiden zwischen zwei Existenzen. Libellen z.B. können sich entscheiden: Werde ich Scampi oder werde ich einer dieser Teich-Hubschrauber? Dieses Insekt hier hatte sich anfangs entschieden, Biene werden zu wollen. Als der erste gelbe Ringel um den schwarzen Körper fertig war, sah es ein, dass gelb-schwarz total blöd aussieht, und geringelt auch, und da die Zeit der zwei Möglichkeiten noch nicht um war, entschied es sich noch schnell, Schmetterling zu werden. Aber natürlich war die Frist schon fast abgelaufen und deshalb wurden die Flügel etwas kleiner als normal. Immerhin reichte die Zeit noch, dass der bienenschwarze Body sich zu einem tiefdunklen Blau hin verfärbte. Die Natur hat es schon faustdick hinter den Ohren.
Was wollte ich nochmal? Ach ja … Betttuch holen.
Bleibt immer noch die Frage: Warum plöppt das Tier hier so unbeholfen auf den Tisch? Vielleicht ist es aus dem Bett gefallen. Hier oben im Baum. Wo schlafen Insekten eigentlich? Schlafen die überhaupt? Wahrscheinlich ja schon. Außer Nachtfalter und Glühwürmchen. Und Eintagsfliegen. Die wären ja schön blöd.
Zurück zur eigentlichen Frage. Wo schlafen die Insekten, die schlafen? Wahrscheinlich ja in kleinen Nestern in Bäumen. Aus denen sie dann morgens, wenn sie, total verpennt, wie sie sind, sich einmal falsch bewegen, auf irgendwelche Tische ploppen. Wie sie wohl ihren Schlafplatz finden? Ob es immer derselbe ist? Ob es einer ist, wo sie vor z.B. Eidechsen sicher sind. Aber das geht kaum. Schließlich kommen Eidechsen überall hin. Die können sogar kopfüber an der Decke krabbeln. Klar! Das Insekt baut sein Bett auf einem Blatt am Ende eines dünnen Ästchens. Viel zu dünn, als dass es eine Eidechse halten würde. Natürlich auch so dünn, dass man völlig verpennt schon mal aus dem Nest auf einen Tisch ploppt.
Das Frösteln ist jetzt nicht mehr ignorierbar. Ich stehe auf, um das Betttuch zu holen. Als ich stehe, beschließe ich, mich, bevor ich reingehe, wo es ja auch kühl ist, erstmal einen ganz kleinen Moment in der Sonne aufzuwärmen. Ich setze mich auf eine Stufe. Verbrenne mir fast den Hintern. Wohlige Wärme flutet meine Adern. Es weht ein ganz zartes Lüftchen. Ein Hauch. Kaum erkennbar wiegen sich im Baum vor und über mir einzelne Äste und Blätter. Aber eines zappelt wie verrückt. Wie geht das denn? Ein einzelnes Blatt von ca. 83500 zappelt wie verrückt. Die anderen nicht. Wahrscheinlich sind auf der anderen Seite des Blattes ungefähr 150 Blattläuse und spielen kollektiv Wippen. Ob Insekten spielen? Warum nicht, wenn sie schlafen und auf Tische fallen und gelb-schwarze Ringel blöd finden. Eine Stufe weiter liegt eine Eidechse. Ist liegen überhaupt das richtige Wort? Eigentlich steht sie ja. Nur eben auf allen Vieren. Der Platz gefällt ihr nicht. Sie tappst auf die andere Seite der Stufe. Merkwürdige Art sich zu bewegen. Die Muskeln werden selbst bei kleinsten Bewegungen nicht langsam fließend in Gang gebracht. Nein. Jede Bewegung ist eine kleine Voll-Pulle-Eruption. Selbst wenn der linke Fuß hinten nur ein kleines bisschen erst nach oben und dann nach vorne zuckt. Und dann steht der ganze Körper wieder völlig starr da. Kopf und Hals wie beim Posieren in zwei weichen rechten Winkeln nach oben gebogen. Dann vorne rechts am Fuß irgendeine pieksige Unebenheit. Kurzes Zucken. Fuß nach vorne. Starre. Kopf die ganze Zeit hoch. Das muss voll auf die Halsmuskeln gehen! Von rechts hinten kommt eine Ameise angehetzt. Die ist so vertieft in ihren eiligen Job, dass sie gar nicht merkt, in welcher Gefahr sie schwebt. Noch ist sie sicher. Sie ist am Schwanz der Eidechse. Der übrigens, wie ich jetzt sehe, gar nicht so gemustert ist wie der Rest des Tieres. Er trägt nur ein schmutziges Grau-Braun. Alles andere aber schimmert silbrig in blau-grün-gelben Tupfen. Wenn sich jetzt dieses Riesenmonster umdrehen würde, hätte die kleine Ameise noch satt Zeit zu fliehen. Aber die dumme Nuss hetzt weiter. Richtung Kopf. Der auch noch leicht in ihre Richtung gedreht ist. Kurz überlege ich, ob ich einfach in die Hände klatsche, die Eidechse verscheuche und der Ameise so das Leben rette. Andererseits: Wenn ich damit jetzt hier oben anfange, mitten im toskanischen Dschungel, dann kriege ich viel zu tun. Jetzt ist die Ameise in Zungenreichweite. Eine kurze Muskeleruption. Rausrein. Weg ist sie.
Aber nichts passiert. Die Eidechse bleibt starr, inklusive Zunge. Die Ameise hetzt weiter. Ob Eidechsen keine Ameisen mögen? Kaum vorstellbar. Es ist schließlich eine toskanische Ameise. Die muss lecker sein. Wie alles hier. Kann natürlich auch sein, dass wir sie irgendwie aus Norddeutschland eingeschleppt haben.
Irgendwas zwickt auf meinem Schädel. Ich fasse hin. Die ganze Kopfhaut brennt. Sollte ich etwa von den paar Minuten in der Sonne schon…? Ich muss sofort in den Schatten. Aber da war es doch zu kalt. Genau, – das Betttuch. Mit einiger Anstrengung überwinde ich die Trägheit und stapfe ins Haus. Wo war nochmal das Betttuch? Ich suche herum. Hier ist es ja noch kühler als draußen im Schatten. Richtig kalt ist es hier. Vor allem die Füße auf dem Steinboden. Vielleicht ziehe ich mich doch besser an. Bevor ich mich hier erkälte. Im Sommer. In der Toskana. Wo liegt denn nur dieses blöde Betttuch?
Die Liebste ist aufgewacht. Ich höre oben ihr barfüßiges Tapsen. Schon kommt sie mir auf der Treppe entgegen. Sie trägt genau die Art von Hemd und die Art von Unterhose, die ich so sexy finde. Wahrscheinlich, weil sie genau das so gar nicht sein sollen. Sie kleiden ja nur den Schlaf. Herrlich warm ist mir, als wir uns umarmen. „Du bist ja ganz kalt“, sagt sie, „warst du die ganze Zeit drinnen?“

Tag 3 [02.08.]

Nach langer Zeit laufe ich heute mal wieder meine Runde. Ich habe noch den Touristenblick. Meine Landschaft. Ich finde sie wundervoll.
Das Laufen, … na ja.

Zwicken hier
Zwacken da
So sagt mein Leben ja
Na wunderbar.

Tag 18 [27.07.]

Bin mir nicht mehr sicher. Ist das jetzt Erholung für Fortgeschrittene? Oder doch sonneneinstrahlungsbedingte Verdünnisierung der Denkgrütze im Hauptspeicher im wahrsten Sinne des Wortes? Nutella wird bei dem Wetter schließlich auch irgendwann flüssig. Schätze ich.
Das Morgensudoku überfordert mich komplett. Mehr als die Grundregel kriege ich nicht mehr auf die Reihe. Die zynische Wortsalvenorgie des David Foster Wallace („Unendlicher Spaß“, Urlaubslektüre wäre nicht zutreffend, eher eine tropfenweise Einverleibung von immer höchstens 5-6 Seiten) passt schon eher zum Zustand meines Gripses.
Der Traum von heute Nacht auch. Handlung weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass Oliver Kahn (ja, der!) in unserer Küche saß. Die gar nicht aussah wie unsere Küche, aber eben doch unsere Küche war. Irgendwie gehörte er zu uns. Er zeigte mir das Ergebnis seiner Examensarbeit. Eine 3+. Sein Blick auf mich erwartete einen Kommentar. Ich war unsicher, was ich sagen sollte. Er schien enttäuscht. Also natürlich trösten. Eigentlich ist so eine Note ja tatsächlich auch nicht wichtig. Andererseits war ich innerlich belustigt und hätte ihn zu gerne ein bisschen gefoppt. Der Mann, der nicht müde wird, mit leicht nach oben ansteigender Tonkurve von „höchstem Niveau“ zu sprechen, sitzt hier und präsentiert eine, … pfff … 3 Plus. Bevor ich vegetativ hätte abspeichern können, wie ich dann tatsächlich reagiert habe, wache ich auf.
Weiß es also nicht.
Ab und zu schaue ich auf von meiner „Lektüre“. Oli geistert mir dann durch den Kopf. Einmal beobachte ich eine Eidechse, die ganz oben an einer bestimmt 2 Meter hohen Wand krabbelt. Und plötzlich lässt sie sich mit einem Flappsen auf den Boden fallen. 2 Meter! Ungefähr 20 Mal ihre Körperlänge. In meinem Fall wären das runde 35 Meter. Dann die Erdbeschleunigung einrechnen. „g“, glaub ich. Wie kann das gehen? Entweder kann die den Sturz so geschickt steuern, dass sie auf den Füßen landet, die unglaublich muskelbepackt sein müssen, weil sie ja den ganzen Tag, den Body hochhalten müssen, damit der Bauch nicht über den Boden schrappt. Oder die machen eben volles Risiko. Klappt oder klappt nicht. Das unbegreifliche Ploppen von Kleintieren irgendwohin (12.07.) ist weiterhin ungeklärt und um eine Variante reicher.
Irgendwann, wenn ich wieder Netz hab, kann ich das ja mal googeln (heißt das eigentlich in Italien „googlare“?). Und wenn ich grad dabei bin, kann ich ja auch gleich nachgucken, wie man eigentlich mit „g“ rechnet.
Bestimmt mache ich das, wenn ich mal wieder Netz habe. Ganz bestimmt. Aber vielleicht bin ich ja dann auch sonnbedingt endgültig verblödet. Was mir im Moment gar nicht schlimm vorkommt.

Tag 23 [02.08.]

Zurück auf 0. Kleine Korrektur

Urlaub und Sonnenschirm

Die Tochter, die eigentlich … bla … bla … [s. Tag 9, 18.07. Kindsköpfe 2] hat irgendwann gelesen, was mein Urlaubstagebuch bis dahin so zu bieten hatte. „Die Geschichte mit dem Skorpion hast du uns aber anders erzählt. Du hast erzählt, die Frau hätte ihn getötet.“
[s.Ankunft]
So ist sie. Liebevoll ehrlich. „Literarische Freiheit“, rede ich mich raus. Bin beschämt, weil dieses kleine Lüglein meinem literarischen Anspruch auf Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber widerspricht. Und einen guten Grund, die Geschichte so verändert zu haben, habe ich, wenn ich ehrlich bin, nicht. Ich wollte einfach am Anfang im Urlaubstagebuch gute Stimmung machen. Ja, o.k. – auch ein bisschen so tun, als wäre ich der blitzschnell reagierende Tierrettungsheld, der ich gerne in der Situation gewesen wäre.
Kein guter Antrieb fürs Schreiben, finde ich.
Die Aussage der Tochter hat seitdem genagt. Zurecht. Heute, da ich den Text veröffentliche, die echte Version:
Beim Durchgang durch das Haus, der, zumal todmüde mit der anstrengenden Anfahrt im Nacken, nicht gerade optimistische Vorfreude erzeugt (Alles dunkel, sehr einfach, sehr verwohnt, z.T. dreckig, eng), … bei diesem Durchgang also entdecke ich ein Insekt, das einem Skorpion verteufelt ähnlich sieht. Erschrecke. Ich frage sie, was das ist. Sie sagt: Ein Skorpion. Er huscht weg. Während sie erklärt, man müsse vor ihnen keine Angst haben, ein Biss würde zwar ordentlich zwicken, sei aber ungefährlich, weil nicht giftig, entdeckt sie im nächsten Zimmer wieder einen. Kaum gesagt, hat sie ihn schon zertreten. Ich sehe es nicht. Ich höre nur das Klatschen der Sohle und ein sehr hässliches Knacken. Wie üblich bin ich entsetzt, mit welcher Selbstverständlichkeit manchmal Menschen Tiere töten.
Für mich beschließe ich: „Nicht giftig“, hat sie gesagt. Das ist doch eine gute Grundlage für friedliche Koexistenz.

Tag 19 [28.07.]

Tereglio

Figur vor Kirche in Tereglio

Guten Freunden werden wir von diesem Dorf erzählen. Nur guten Freunden. Denn letztlich wissen wir nicht, ob es dieses Dorf wirklich gibt.
Aber ihr wart doch da, werden die guten Freunde einwenden. Ihr habt doch Menschen getroffen, etwas mit ihnen und ohne sie erlebt. Ihr habt die Häuser gesehen, die Gassen, die Wegweiser zu dem Dorf, seinen Namen auf der Straßenkarte. Dann werden wir lange schweigen. Innerlich dem Zögern der AntWorte lauschen. Bei guten Freunden kann man das. Und dann werden wir sagen: Wir haben etwas erlebt und gesehen, das sich wie ein wirkliches Dorf angefühlt haben könnte, und es zugleich aber auch nicht tat.
Am Anfang des Dorfes trafen wir zwei Frauen. Wir ließen die Scheiben heruntersurren und fragten sie, ob es einen kleinen Supermarkt oder etwas Ähnliches hier gebe. Ja, antworteten sie mit doppeltem Strahlen, es gebe ein kleines Geschäft, aber heute sei ja Mittwoch, und da sei es, – peccato! – geschlossen. Es gebe aber eine Bar. Dort könnten wir sicherlich etwas Brot, Käse und Wein kaufen, wohl aber eher nicht die Alufolie, die wir so gern für’s Grillen gehabt hätten. Dort hinter der Kurve sei ein Parkplatz. Da könnten wir das Auto abstellen. Von dort aus sollten wir uns auf den Weg zur Chiesa begeben. Ein Stückchen weiter sei dann rechts die Bar. Wir dankten, grüßten und empfingen erneut ein doppeltes Strahlen. Eines, wie man es vielleicht auf einer sommerlichen Hochzeitsgesellschaft erleben könnte. Aber so purzelbaumselig bei der einfachen Antwort auf die Frage nach dem Weg?
Der Eintritt in das Dorf wie das Durchschreiten einer Zeitgrenze. Mittelalter. Eine steil abwärts führende gepflasterte Gasse. Eine in sanftem Bogen aufwärts führende flachstufige, moosbewachsene Treppe. Die Kirche war oberhalb zu sehen. Also nahmen wir die Treppe. Die aber mündete nach der nächsten Kurve in einen überwucherten Hinterhof mit einem offenen Verschlag. Oh. Privat. Wir kehrten um und nahmen die Gasse. In goldenem Abendlicht floss sie abwärts. In der Mitte eine Rinne für das Regenwasser. Nichts war zu hören. Außer einem Telefonklingeln, wie es in einem 60er-Jahre-Film modern geklungen hätte. Kein Mensch. Das Strahlen der Frauen am Eingang und jetzt die Melancholie eines siechen uralten Dorfes. Das goldene Abendlicht auf einer Gasse, die gesäumt war von würdevoll schweigenden dunklen Steinfassaden und schweren, ebenso dunklen fensterlosen Eingangstüren. Zögernd gingen wir weiter und schwiegen. Hofften wir, jemandem zu begegnen, den wir hätten fragen können, ob wir hier weitergehen dürften, – könnten? Eingeladene Eindringlinge.
Die offene Tür entdeckten wir gleichzeitig. Die linke Hälfte einer verwitterten zweiflügeligen Tür. Im staubigen Halbdunkel des vielleicht 3 mal 3 Meter großen Raumes dahinter stapelten sich Haushaltsutensilien. Waschmittel, Wanderschuhe, Bindfadenknäuel, Schrubber. Eine ältere Dame mit einem milden, reifen Lächeln empfing uns. Ja, Folie habe sie und tippte dabei auf eine Schachtel mit Frischhaltefolie, die aus einem Sammelsurium vor der Ladentheke auftauchte. Noch ehe wie ausgesprochen hatten, dass wir Alu-Folie bräuchten, schwebte schon ein Karton vor unseren Gesichtern. Als hätte sie es von Anfang an gewusst. Helle Freude bei uns. Dasselbe milde Lächeln mit leicht seitlich geneigtem Kopf bei ihr. Die Kasse knarzte wie eine alte Rechenmaschine. Oder war es sogar eine? Wir dankten, grüßten und verließen das Geschäft wie die Praxis einer lebensweisen Heilpraktikerin.  Merkwürdig deplatziert der Karton in meiner Hand. Der Bon. Wieder hüllte uns diese seltsam belebte Menschenleere ein.
Hinter einem Vorsprung tauchte plötzlich eine Gruppe Jugendlicher auf. Einige Mädchen. Einige Jungen. Alle in frisch gewaschenen sonnig weiß oder bunt leuchtenden glatten T-Shirts. Ganz und gar nicht dörflich. Wie in unterschiedlichen Posen auf Stufen, kleine terrassenähnliche Plateaus, Fensterbänke drapiert. Obwohl sie redeten, waren sie still. Sie erwiderten unseren Gruß nicht. Ein verstohlener Blick zurück nach dem Vorbeigehen zeigte uns, dass sie uns nicht hinterherschauten. Als hätten sie keine Notiz von uns genommen.
Vor uns stieg die Gasse wieder an. Ein dreirädriger Lieferwagen tauchte auf der Kuppe auf. Sein Knattern drückte die eng bei einander stehenden würdevoll altschweren Häuser ein wenig auseinander, auf dass er hindurchpasse. Im selben Moment kam neben uns ein junger Mann aus einem Haus. Er trug ein schickes kurzärmliges Hemd und bunte Shorts. Seine blonden Haare legten sich modisch frisiert in Pose. Sein „Salve“ klang, als wäre er ernsthaft erfreut uns zu sehen. Schon hatte er sich in entgegengesetzte Richtung gewandt. Trotz der ruhigen Gelassenheit, die er ausstrahlte, schien er es eilig zu haben. Dass in diesen Häusern überhaupt jemand wohnte, wunderte uns und zugleich wunderte uns, dass wir uns darüber wunderten. Auch darüber, dass hier ein junger Mann auftauchte, der ebenso gut, eigentlich fast besser, in die Eingangshalle eines modernen Hochglanzkinos passen würde. Das Lieferwagendreirad knatterte an uns vorbei. Wir sahen ihm nach. Bei dem jungen Mann hielt es an. Beide waren jetzt am tiefsten Punkt der Gasse. Der junge Mann kletterte hinten auf die Ladefläche, schlug mit der flachen Hand auf das Dach des Führerhauses und hielt sich an dem Drahtgestell hinter dem Führerhaus fest. Das Dreirad setzte sich wieder in Bewegung. Wir schauten uns um, in welche Gassenöffnung hinein wir dem Dreirad ausgewichen waren. Es war ein niedriger Mauerbogen, durch den eine noch engere Gasse steil abwärts führte. Unten saß in einer Insel aus dem jetzt schon nur noch spärlichen Abendlicht ein älterer, hagerer Mann auf dem Boden. Die Beine rechts und links von sich gestreckt. Er hantierte mit irgendetwas, das wir nicht sehen konnten. Zwei Katzen waren bei ihm. Eine strich in seinen Beinwinkel. Eine andere beobachtete und schob sich schließlich hinterher. Gab er ihnen zu fressen? Spielte er mit ihnen? War er einfach der Katzenmann?
Wir wandten uns ab und gingen weiter unseren Weg, jetzt wieder steil aufwärts. Wieder bringelte irgendwo ein Telefon mit dem Klang, den wir schon kannten. Noch immer sprachen wir kein Wort. Als wäre in dem Film, in dem wir uns bewegten, eben kein Text vorgesehen. Auf der Kuppe des Anstiegs rechts hinter einem Haus ein Glockenturm. Links gegenüber eine Kirche. Sie hatte drei Eingangstüren. Das in der Mitte ein großes Portal. Vor allen Türen hingen große Vorhänge aus schwerem Stoff, der irgendwann einmal dunkelrot gewesen war. Gegenüber der Kirche ein kleiner Platz mit Aussicht. Mitten auf dem Platz eine Statue. Ein trauriger, müder Soldat mit einem Barett. Den Opfern des ersten und zweiten Weltkrieges. Der Platz war wir frisch gewischt. Vom  Geländer aus den Hang hinunter schwebte unser Blick auf einen Fußballplatz. Zwei kleine Tore. Die Spielfläche kleiner als gewöhnlich. Frisch gemäht. Die Torbalken wie frisch gestrichen. Ein Bergdorf voller enger steiler Gassen und Treppen und daneben ein Fußballplatz.
Ein Stückchen weiter auf unserem Weg tatsächlich eine Bar. Wir entdeckten sie erst, als wir schon fast vorbei waren. Beim Eintreten in das leer anmutende und doch eindeutig eine Bar beinhaltende Halbdunkel hörten wir gedämpfte Stimmen. Hinter der Theke, die außer einem Pappständer mit symmetrisch aufgereihten Chipstüten leer war, und einem hohen, ebenfalls fast leeren Regal entdeckten wir, wer gesprochen hatte. Ein großer älterer Mann und ein etwas kleinerer jüngerer Mann. Der Ältere hatte eine gebeugte Haltung und trug eine ehemals weiße Schürze. Sein auffällig ausgeprägtes Schielen gab seinem Gesicht etwas fremdheiter Märchenhaftes. Der Jüngere war leicht dicklich, trug ein italienblaues T-Shirt und hatte die Haare oben auf dem Kopf in einem Sträußchen zusammengebunden. Wie dieser freche Balkan-Schwede, der die Fußballwelt regelmäßig mit rotzräudigen Sprüchen aus der Ordnung schubst. Ja, natürlich könne er uns etwas Brot und etwas Käse verkaufen. Der Beschürzte verschwand links in einem Nebenraum. Der Jüngere murmelte ihm im Vorbeigehen etwas hinterher. Wir schauten uns um. Im Boden vor der Theke waren drei etwa 50cm lange und breite quadratische Fensterscheiben eingelassen, durch die man in einen dunkles Etwas unterhalb dieses Raumes sehen konnte. Vielleicht ein Keller. Ja, eine Cantina für Wurst und Wein, klärte uns der Ältere auf, als er wieder da war. Der Umbau des Bodens mit den Scheiben sei erst vor kurzem fertig geworden. Er hatte ein Viertel von einem runden Brot in der Hand. Ob das reiche. Dann schob er es umständlich in eine Papiertüte, deren Knistern in der märchenhaften Gedämpftheit dieses Raumes beinah aufdringlich war. Wieder verschwand er und tauchte kurz danach mit einem Stück Käse auf. Als er damit näher kam, konnte ich sehen, dass es schon ein etwas betagteres Exemplar war.  Er legte Brot und Käse auf die Theke. Bei einem normalen Einkauf hätte man den Käse vielleicht doch eher nicht genommen. So aber schauten wir gebannt auf die beiden Lebensmittel, die auf der Theke lagen, und deren Preis  nun abgeschätzt werden wollte. 8 Euro. Ehm, – nein, 10 Euro, ehm, nein, doch 8 Euro, so groß sei der Käse ja nicht. Wir waren so perplex ob der Szenerie, dass wir zustimmten. In der Cantina, knüpfte er an, werde wie gesagt Wein gelagert und Wurst. Ob wir vielleicht einmal probieren wollten? Schon hatte er einen kleinen Schluck in zwei Weingläser gefüllt. Offro io. Ich lade Sie ein. Schon der erste Schluck stieg zu Kopf. Zum Glück waren es nur noch zwei weitere. Eine Flasche kauften wir. Dann verließen wir den Laden, begleitet vom Lächeln und zurückhaltenden Winken des Älteren und von beobachtendem Im-Hintergrund-Stehen des Jüngeren.
Auf dem Rückweg kamen wir wieder an der Gruppe der Jugendlichen vorbei. Jetzt war sie deutlich weniger ruhig. Man lachte, plapperte und summte kleine Stücke der Musik mit, die von irgendwo aus dem Hintergrund kam. Zwei umarmten sich. Es kam uns überraschend innig vor. Als hätten sie jetzt verstanden, welche Rolle ihnen zugedacht ist. Sie spielten sie mit Freuden.
Als wir wieder im Auto saßen und so leise wie irgend möglich von dem Dorf wegfuhren, spürte ich schon eine vollkommen absurden Zweifel an der Existenz des Dorfes. Waren wir nicht vielleicht einfach nur in der Kulisse von Filmarbeiten zu einem surrealistischen Streifen gelandet? Mit Rollen, die wir traumwandlerisch sicher spielten, ohne zu wissen, welche es eigentlich waren. In einer Kulisse, die jetzt, wo wir im Auto saßen, schon wieder abgebaut war. Ein scheuer Blick in den Rückspiegel. Doch, – etwas von dem Dorf war noch zu sehen. Und doch zweifelten wir.
Letztlich wissen wir nicht, ob es dieses Dorf gibt. Wenn überhaupt jemand, dann wissen es nur die, die darin leben. Wenn es sie gibt.

Tag 10 [19.07.]

Pisa-Studie
schiefer Turm von Pisa

Tag 4 [13.07.]

Vertreibung aus dem Paradies.

Plötzlich ein Eindringling. Metallisches Knall-Knattern weht zu uns herauf. Bartkarierter Leder-Lüstling dreht am Griff. Eine bestimmte Sorte von Motorrad ist das. Gefahren wird sie vorzugsweise von spießigen saturierten Wohlstands-Aposteln, die sich jetzt, wo sie sich so ein Gefährt leisten können, so weit von dem dazugehörigen Lebensgefühl entfernt haben, dass sie für eine kleine Resterinnerung daran so ein geräuschimperialistisches Ding und in den Pausen starke Zigaretten und Bier brauchen. So ein Geräusch also weht hier zu uns herauf. Hallo??!!
Sofort wird es energisch und keinen Widerspruch duldend von den Vögeln vertrieben, die ein kleines bisschen lauter zirpzwitschern, von der toskanischen (oder heißt es toskanesischen?) Scheißhausfliege, die noch ein kleines bisschen wutbrummiger ihr Stakkato gegen die Fensterscheibe hämmert. [Man weiß gar nicht, ob man sie besonders hübsch finden soll – schließlich sind sie toskanische Scheißhausfliegen und damit über jeden Hässlichkeitszweifel erhaben – oder hässlich. Dieses widerliche Neon-Grün der Augen kann nur ein Ekel-Statement gegen toskanische (oder heißt es toskanesische?) Lieblichkeit sein.].
All diese Töne schwellen kurz an.
Unterstützung noch von den Bäumen, die einen Moment in der milden Brise geräuschvoller rauschen. Sogar ein Raubvogel mischt sich ein. Selten zu hören und erst recht zu sehen. Deshalb besonders. Er muss einen triftigen Grund haben. Ein kurzer Einsatz dieser Töne reicht, und schon ist das dummdreiste Knattern vertrieben. Das traut sich so schnell nicht wieder her.

Tag 11 [20.07.]

Ein zweites Mal zürnt die wirkliche Welt hinein in das netzlose Leben.
Erst vor 3 Tagen der Putsch-Versuch in der Türkei, der so lächerlich anmutet, dass die Reaktionen der erdoğanesk Herrschenden darauf schmerzhaft dreist und wie von langer Hand geplant wirken.
Dann dies: Ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan verletzt 5 Menschen in einem Regionalexpress in Würzburg mit einer Axt und einem Messer sehr schwer, vielleicht tödlich.
Renate Künast twittert:

Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!

Wie ich manchmal Twittern hasse. Wie ich diese zwanghafte ins Netz hinein geschissene 140-Zeichen-Aktualitäts-Notdurft hasse, – ja hasse. Wie ich es hasse, mich, wenn ich mich informieren möchte, mit diesem Blödsinn befassen zu müssen. Und sei es dadurch, dass ich ihn mühsam herausfiltern und ausblenden muss. Denn aufgeregt habe ich mich im Zweifel ja schon. Z.B. darüber, dass Frau Künast eben diese Aktualitäts-Notdurft verrichtet und die kritische Frage stellt, ob es denn nötig war, den Attentäter zu töten. Die Frage wie bei einer pubertierenden 15-jährigen begleitet von 5 Fragezeichen.
Ob sie die Beileidsbekundung, die auch in ihrem Tweet steht, hinterher noch eingefügt hat, weil sie dann doch irgendwie ahnte, dass die kritische Frage dem heillos in die Welt hineinschreienden Leid – ja: Auch des Täters! – das Gegenteil von gerecht wird? Oder hat sie die Beileidsbekundung schnell in die Tasten gezwippelt, um sie quasi hinter sich zu bringen („Du, tut mir total leid, aber …“). Um dann zum Eigentlichen zu kommen.
Diese Art von Aas-Fresserei ist für mich wie, – ja, Du, tut mir leid, aber es ist wie ein zweites Verletzen. Ihre Botschaft übersetzt: Ich bin so verbohrt in die Rolle, die ich für mich vorgesehen habe, dass ich das Blut, den unendlichen Schrecken, die Not, all dieses Unsagbare, das ein Handeln, welches auch immer, so unendlich schwer macht, dass es sogar falsch sein kann, mal eben wegdrücke wie ein lästiges Telefongespräch und die eigenen faden Interessen in den Vordergrund schiebe. Diese Art von Aas-Fressen widert mich an.
Dass ein gegelter Jungspross in der CSU oder der runderneugalterten FDP so agiert, marionettenhaft eingesponnen in das Netz der Rede-Notwendigkeiten zur Selbstdarstellung der Partei, o.k.,  aber eine Vertreterin der Grünen, … obwohl … ja, ja, ich weiß schon … naiv.

Wie schön es doch wäre, wenn Politiker und Journalisten, wenn sie nun unbedingt sich äußern müssten, es schafften, regelmäßig ein bescheidenes „Ich weiß es nicht“ in die Welt zu senden oder ein „Ich möchte dazu keine Meinung haben müssen, denn mein Bild ist noch viel zu unvollständig.“
Oder noch besser: Öfter mal einfach ganz die Klappe halten.

Tag 5 [14.07.]

Kindsköpfe 1

Nach fest kommt ab.
Nach Entschleunigung kommt Langeweile.
Nach Langeweile schlechte Laune.
Oder Blödsinn.
Ene mene miste.
Die Liebste entdeckt in einer unscheinbaren Holzkiste ein schickes Boule-Spiel. Edle, silberne, schwere Kugeln. Sie schlägt ein Spielchen vor.
Ich sofort im Wettkampfmodus. Gemischt mit Ingenieurmodus. Gemischt mit Post-Entschleunigungs-Langeweile Mäkelmodus. Wo bitte soll man hier in diesem toskanischen Berghütten-Ambiente vernünftig (Ja! Vernünftig!) Boule spielen können? Auf ihre unnachahmliche Art (in etwa dieselbe, mit der sich mich dazu gebracht hat, der neuen Küche zuzustimmen) überredet sie mich zu einer Begehung des Geländes. Langsam kriege ich Spaß an dem Gedanken. Die Wahl fällt auf die einzige halbwegs ebene Fläche. Kluge Entscheidung. Wenn so eine Boule-Kugel erst mal mit Schwung den Weg ins Tal angetreten hat …
Das Gelände ist die Miniatur-Ausgabe einer Bergwiese. Natürlich nicht so eine wunderbar glatte Milka-Wiese. Nein. Buckelig, steinig. Ein Gemisch aus vertrockneten Graskrumen, Geröll und frischen Grasbüscheln. Ideale Boule-Bahn. Relativ gesehen. Schon fliegt die kleine Holzkugel (die Liebste klärt mich auf: Französisch. Cochonnet.) ins Spielfeld. Und verschwindet in einem kleinen Erdloch. Lachflash. Hingehen. Stelle merken. Boule-Kugel hinterher. Sieht gut aus. Wow – sieht sehr gut aus. Könnte direkt ein erster Königswurf sein. Aber dann ein Buckel. Die Kugel vollführt einen absurden Bocksprung und hüpft im rechten Winkel vom rechten Weg ab. Lachflash. Als alle Kugeln geworfen sind, tänzelt die Liebste kokett mit dem sehr professionell anmutenden Abstands-Mess-Bändchen hinterher. Gut, so ausgerüstet zu sein, wenngleich in diesem Fall nicht zwingend notwendig. Die zweitnächste Kugel liegt ungefähr zwei Meter weg, die nächste ungefähr einen. Leider nicht meine.
Spiel um Spiel. Lachflash um Lachflash.
Schon neigt sich die Dämmerung über den Hügel. Wieder fliegt die kleine Holzkugel. Genau in dem Moment, als sie die Hand der Liebsten verlässt, frage ich sie irgendwas Belangloses. Ganz die Liebste wendet sie sich natürlich mir zu. Zwei belanglose Sätze später wollen wir weiterspielen. Du bist dran, sage ich. Hab schon, sagt sie. Ratlos schauen wir der möglichen Flugbahn des Cochonnet hinterher, malen sie in Gedanken in die Luft. Womöglich in der Hoffnung, am Ende der Flugplan das spurlos verschwundene Kügelchen zu sehen.
Die ersten zehn Minuten suchen wir einfach so. Da, wo sie ungefähr gelandet sein müsste. Sie ist perfekt getarnt. Sie hat ziemlich genau die Farbe der vertrockneten Grasbüschel. Die Dämmerung neigt sich tiefer. Wir müssen aufrüsten. Schleppen an: Eine Stirnlampe, eine fette Taschenlampe, Modell NYPD, eine Harke, einen Rechen. Und machen uns an die Arbeit. Erstmal mit Rechen und Harke. Dann ohne Harke. Als ich mit der Taschenlampe, noch gar nicht an, ins Gelände komme, liegt das Kügelchen einfach da. Weithin sichtbar. Lachflash. Ein Glück, jetzt können wir noch den Matchball austragen. Steht unentschieden. Denke ich. Sicherheitshalber markieren wir die kleine Holzkugel mit einer der vielen kleinen Solarleuchten, die man einfach in den Boden stecken kann. Aber nur den Stab, sagt sie, nicht die Leuchte. Die zerdepper ich garantiert. Lachflash.
Vier Kugeln kullern lustig einen kleinen Hang am Spielfeld-Rand runter. Vierfacher Lachflash. Zwei Kugeln schaffen es. Die Siegerkugel liegt ungefähr zweieinhalb Meter weg. Super-Wurf. Es ist meine. Gewonnen.
Wieso gewonnen? sagt sie und spitzt schnippisch die Schnute. Eigentlich ja nicht. Das Spiel, bei dem die beiden Siegerkugeln in nur 1cm Abstand lagen, hatten wir gesagt, ja stimmt, hatten wir gesagt, wollten wir doppelt zählen. Es waren die Kugeln der Liebsten. Widerspenstig räum ich ein: O.k. unentschieden.
Aber dann machen wir morgen ein Entscheidungsspiel. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

Tag 20 [29.07.]

Was vom Leben übrig blieb

Ruine Toscana

Tag 21 [30.07.]

Kindsköpfe 3

Obwohl schon die Melancholie des letzten Urlaubsfrühstücks über uns schwebt, albern wir herum. Auf meinem Teller liegt ein dunkelbrauner runder Haferkeks mit kleinen Nuss- und Schokoladenbröckchen.
Sieht aus wie …
… eingefallener Maulwurfshügel,
… Rad von einem kurz-nach-dem-Krieg Holzspielzeugauto,
… von einem Elefanten plattgetretener Straußenschiss („iiieeehhh!“)
… Scheibe von einer antiken Flex,
… Maori-Ohr-Schmuck-Abfall („hää?“ – „Loch vergessen“)

Tag 12 [21.07.]

Florenz. Aufgeregt eilen wir zum Dom. Wir sind verabredet mit der anderen Tochter, der Schwester, der Schwägerin, je nachdem wer von uns an sie denkt. Sie ist heute hier gelandet mit ihrem Freund.
Im Gewühl am Dom verlieren wir uns sogar kurz. Vor lauter aufgeregter Eile.
Schließlich entdecken wir sie in einem Café hinterm Dom. Sie strahlt uns entgegen.
Wir streifen zu sechst durch Florenz. Wie klitzekleine Sandkiesel in einem eifrig strömenden Bach purzeln wir durcheinander. Mal geht die mit dem. Dann mit der. Dann wieder mit der und der. Die dritte tänzelt immer mal auf mal neben dem Bordstein. Der Bürgersteig ist einfach zu eng für drei. Aber man möchte ja nebeneinander. Immer wieder sehe ich mich um und bin glücklich.
Meine Leute, mein Lächeln, meine Liebe.
So viele andere Leute kieseln wie wir durch die Stadt. Wir werden hierhin gestupst, dahin geströmt. Da sind kleine, glatt geschliffene graue, da sind grobere, sie treiben eher holprig, da sind bunte, schwere, leichte, derbe, feine.
Mal bleibt ein Grüppchen Kiesel an einer Statue hängen, kieselt ein wenig hin und her. Strömt dann weiter. Nur eins bleibt noch hängen. Die anderen sind schon weiter getrieben. Es purzelt hinterher. Andere Sandkiesel strömen achtlos vorbei. Als wären sie auf dem Weg irgendwohin. Wir alle kieseln durch die Stadt der wuchtigen stein gewordenen Bedeutungsschwere.

Löwenkopf mit Taube

Und der bunten Nur-so-Sachen, des grellen Nippes, den man kauft, damit man später sich erinnert. Weißt Du noch? Das haben wir damals in Florenz. Ein Häufchen Kiesel vor dem großen kleinen David. Was wohl von unseren Zeiten bleiben wird? Woran dann die Kieselschwärme entlangströmen? Wovon sie dann erzählen?
Schließlich möchten wir verweilen. Strömen in eine kleine Bar, die in einem länglichen Schlauch mit schmalen Tischen auf den Arno zeigt. Drängen uns um den Tisch. Und plappern. Wie Bachkiesel, die kichernd an einander stoßen. Kleine Bedeutungsschwere inmitten der großen steinernen, würdevoll und ernst deklamierenden.
Ich freue mich.
Meine Leute, mein Lächeln, meine Liebe.

Tag 7 [16.07.]

Where is nowhere?

Leere Voliere

Tag 13 [22.07.]

Was vom Leben übrig blieb

Vogelnest auf dem Boden

Blumenstrauß am Kreuz

Reste einer Mauer im Wald

Tag 14 [23.07.]

Vielleicht doch

Vielleicht doch
Frieden schließen mit meiner Misere
Meinen monströsen Miserchen.

Komm, Leid, setz dich zu uns
Die andern sind schon da.
Ich stell sie dir vor.
Als erstes Krotos, der arge Selbstzweifel
Alle denken, er trage den Namen eines griechischen Gottes und schämen sich, weil sie ihn nicht kennen.
Dann Hielgar, die Angst vor dem Tod
Genauer gesagt: Vor dem Totsein.
Und schließlich: Ssam͠sul, die Not, sich nicht genug geliebt zu fühlen.
Sie grämt sich, weil keiner sich die Mühe gibt, ihren Namen richtig auszusprechen.
Sag uns deinen Namen.
Bro¢, sagst Du? Ich müsste ihn kennen?
Du kennst uns?
Aber natürlich! Klar! Du warst schon öfter bei mir. Jetzt erkenne ich dich.
Du bist die Schlafnot.
Nach Deinem Namen habe ich aber nie gefragt.
Das wüsste ich.
Nun, – setz dich zu uns.
Wir erzählen gerade unsere Geschichten.
Zeigen uns gegenseitig Bilder.
Wunder dich nicht, wenn sie sich wiederholen, die Geschichten
und die Bilder. Sie sind schon ein bisschen abgegriffen.
Wir benutzen sie halt oft, weißt du.

Ihr Lieben, fühlt euch wie zu Hause.
Vielleicht ziehe ich mich zwischendurch mal zurück.
Ich bin sehr müde.
Ihr könnt natürlich bleiben.
In meinen Träumen ist noch Platz.
Offen gestanden wäre ich allerdings auch nicht böse, wenn ihr gingt.

Aber womöglich vermiss ich euch dann
Vielleicht doch.

Tag 7 [16.07.]

Einkaufen. Das Städtchen ist 18 km weg. Die Fahrt dauert, wenn alles schnell geht und nicht zu viele entgegenkommen, 50 Minuten.
Noch sind wir nicht so richtig sicher, ob wir den Weg zurück in unsere Enklave wirklich finden. Zum Glück haben wir oben am Haus unser Navigationsgerät gebeten, den Standort zu speichern. Jetzt weist es uns an, in 500 Metern rechts abzubiegen. Wie? Das ist doch nicht die Strecke, die wir hergefahren sind. Ja super. Vielleicht gibt es ja eine andere Strecke, die etwas weniger mühsam ist. Freudig biegen wir ab.
Mit jedem Kilometer bröckelt etwas ab vom Optimismus.
Wir erreichen ein Dorf. Fahren ein. Enger und enger die Gassen. Der magere Rest vom Optimismus reicht eigentlich nicht, um weiterzufahren. Nein, lass uns umdrehen. Eh wir uns hier festfahren. O.k., komm, die nächste Kurve noch.
Wir tasten uns um die Kurve herum. 10 cm enger dürfte sie nicht sein. Gut, – vielleicht mit eingeklappten Außenspiegeln.
Es öffnet sich ein Platz. Voller Menschen. Sommerlich fein gekleidet. Zwei von ihnen besonders fein. Lange Tafeln. Lustig klapperndes Essbesteck. Das gutlaunige Gewirr von Stimmen stoppt, schnappt lächelnd nach Luft. Wir auch. Wir stehen mit dem Auto mitten in einer Hochzeitsgesellschaft. Ein freundlicher älterer Herr kommt zu uns. Fragt, wo wir hinmöchten. Wir versuchen zu erklären. Er versucht zu erklären. So richtig sicher sind wir nicht, dass wir einander verstehen. Ein junger Mann kommt hinzu. Er spricht ein bisschen Deutsch. Moment, Leute! Sorry, aber irgendwann muss sich das Geld für den Volkshochschulkurs ja mal amortisieren. Also reden wir munter weiter, was unser Italienisch hergibt. Wir erfahren, – wohlmeinend begleitet von den munteren Blicken der kauenden Gesellschaft – sieht aus, als wären sie gerade bei der Pasta – sieht lecker aus – dass dieses Sträßchen tatsächlich dahin führt, wo wir hinwollen. Dass es aber nicht asphaltiert ist und wohl auch zu schmal für unser Auto. Aber kein Problem! Stückchen weiter sei noch ein kleiner Platz, da könnten wir drehen.
Dank. Gruß. Um die nächste Kurve. Drehen. Zurück. Noch einmal mitten durch die Hochzeitsgesellschaft, die uns munter hinterherwinkt. Wir lassen es uns nicht nehmen zum Abschied ebenso munter italienisch zu hupen. Man lernt ja in so einem Kurs nicht nur die Sprache!

Tag 14 [23.07.]

Gestern Nacht habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, wie der Mond aufgeht. Helllichtig lächelnd schob er sich hinter einem Bergkamm hoch. Wie ein Kind, das kichernd hinterm Sofa auftaucht, nachdem es sich versteckt hatte. Nur viel langsamer. „Hallo, ich bin’s, die kleine Sonne!“

Tag 14 [23.07.]

Es gibt tatsächlich doch auch hier Regen.

Toskana im Regen

Nein, – keine abgefahrene Kunstaktion. Einfach auf kaum vorstellbare Art ignorante Scheiße.

Im Wald entsorgte Autoreifen

Bemerkenswert: Als ich mir diese Bilder noch einmal anschaue, merke ich, dass ich kürzlich einen ähnlich bitteren Zorn empfunden habe, – in jener Konferenz, als mit fadenscheinig begründetem Widerspruch, mit Manipulation und mit scheinbarer Sachlichkeit, – mit jener Art von Politik also, die Demokratie erodieren lässt -, eine schon gefällte Entscheidung in einem erneuten Anlauf noch einmal gekippt wurde.

Trotzkopfdummer Trostversuch: Welches Glück, dass ich nicht nach solchen Maßstäben leben muss!
Misslingt. Leider.

Glück gehabt

Plötzlich ein Rabe
Der Todesbote
Schwärzer als schwarz
Glänzend gleitet er gemächlich heran
Mit ein, zwei federnd gehüpften Schritten
Landet er lässig am Teich
Blinzelt zu uns herüber
Duckt sich, schwingt sich auf und
Schwebt davon.
Glück gehabt.
Falsche Hausnummer.

Im Traum ein Tanztheater. Ich sehe keine Bühne, kein Publikum, nur zwei Szenen. Trotzdem weiß ich es.
In der ersten Szene  eine Figur. Sie steckt in einem bleichen leinenen mildweißen Ganz-Körper-Anzug. Er lässt die Körperkonturen verschwinden. Man sieht nur eine rundliche Silhouette. Einzig der nach vorn gesenkte Kopf setzt sich mit seinem kleineren Rund etwas ab.
Auf den Schultern, um sie herum und um den Kopf herum trägt die Figur ein merkwürdiges Gerüst aus Holzstreben. Sie sind aus grobem Holz. Zu dünn für Balken, zu dick für Leisten. Tiefschwarz gestrichen. Die gesamte Form ist andeutungsweise die eines Würfels, aber die Streben sind nicht parallel, rechtwinklig. Sie sind schräg, durcheinander, aus der Form herausragend.
In der zweiten Szene sieht man eine Hand. Sie trägt das Gerüst. Sie kriecht hinter einer Strebe hervor, nach oben. Man sieht auf die Handinnenfläche gemalt die obere Hälfte eines Gesichtes. Meerblaue, ovale Fläche. Zwei Augen. Sie schiebt sich höher. Man sieht ein weiteres Gesicht. Das gleiche Bild. Nur die Fläche ist smaragdgrün.
Im Traum frage ich mich, ob man dieses Detail in einem Tanztheater überhaupt sehen könnte.
Und wache auf.
Mit hingekritztelten Skizzen versuche ich mir beim Merken der Bilder zu helfen.
Wie gern würde ich zeichnen können.

Tanztheater im Traum Skizze

Bank. Ich muss dringend auf’s Klo. Die freundliche Dame weist mir den Weg. Es ist besetzt. Diskret warte ich auf dem Flur. Spülung, Wasserkran. Eine junge, hübsche Frau kommt raus. Kurzes Nicken als Gruß. Ein Hauch von einem Lächeln. Ein Hauch von Röte auf den Wangen. Ich gehe rein, lasse mich auf den Bottich sinken und muss lachen.
Ich bin tatsächlich überrascht, dass sie genauso stinkt wie ich.

Danach

Du warst ein Samen
Davor Molekül
Davor warst du etwas
Das starb und zerfiel
Davor warst du Leben.

Neuerdings verzichte ich immer öfter auf das Aktivieren irgendeines Wisch-, Daddel- oder Dudel-Apparates. Selbst das Autoradio bleibt aus. Einfach nur denken ist aufregender, als man denkt.

Zeit

Spüren, wie die Zeit sich regt
Mild pulsierend deine Sinne hegt
Die feinen Härchen an den Zellkernen behaucht.

Sie stell’n sich auf
Merksam bebend
Strecken sich
Dem Leben entgegen.

Sie wispern leis‘
Als wär das eine schöne List:
Du bist.

Bestimmt gibt es das in irgendeiner scheiß-dekadenten Bonzen-Disko in, sagen wir: Dubai.
Den Wettbewerb „Miss Wet Burka“.

Döner Bude

Der kleine Mann im Ohr ist umgezogen. Er wohnt jetzt tiefer unten, in meiner Leiste, da, wo meine Seele wohnt. Das Gehirn hat Eigenbedarf geltend gemacht. Zuviel für einen kleinen Kopf wie meinen.
Z.B. diese Szene:
Wie schon des öfteren gehe ich nach dem VHS-Kurs in die Döner-Bude um die Ecke. Man kennt mich, begrüßt mich überaus herzlich. Die Männer, die hier arbeiten, sind nach neuester Post-Köln-Bahnhof-Silvester-Diktion „nordafrikanisch aussehende Männer“. Sie sind supernett. Auch ihre Sprache. Ein leicht zur Seite geneigter Kopf: “ ‚Sch bringe Tisch“. Dazu eine einladende Geste mit der Hand, die mich ins Innere des Ladens schickt. Ich sitze direkt unterhalb des Fernsehers, der hier immer an ist. N 24. Es läuft eine Reportage über Ressentiments gegen Ausländer. Traurige, gebrochene Menschen faseln in breitem Sächsisch das Übliche. Ich frage mich, ob Journalisten gerne die besonders bräsig Sächselnden, besonders Miesepetrigen, besonders Blassen auswählen, wenn sie sich auf die Suche nach Interview-Partnern begeben. Oder gerade die auswählen beim Schnitt des Beitrages. Es sollen ja die richtigen Emos rüberkommen.
Mein Döner kommt rüber. „Lass es Dir schmecken!“. Diese Botschaft kommt zu mir, aber ich weiß, jetzt in der Erinnerung, gar nicht mehr, wie. Gesagt? Gezeigt? Beides? Oder nur die Augen? Egal.
Im Hintergrund sitzt eine Gruppe junge Männer. Sie lachen viel. Handy’s kreisen. Wahrscheinlich lustige Videos. Sprachgemisch.
Am Tisch neben mir ebenfalls zwei junge Männer. Sie unterhalten sich in geschliffenen Formulierungen über irgendeine Maschinenbau-Klausur.
Direkt neben der Theke das Döner-Buden-Faktotum: Eine älterer Mann, kurz vor Obdachlosen-Look, Flasche Bier in der Hand. Ab und zu eine kurz gebellte Konversation zu denen, die da hinter der Theke arbeiten. Die reagieren knapp, aber freundlich. Und weiter geht’s.
Wieder ein paar Bissen weiter schaue ich nochmal hoch zu N24. Inzwischen hat der Beitrag gewechselt. Eine wackelige Kamera folgt einem gewissen Herrn Beckenbauer. Regnerisches bergisches Ambiente. Schweiz? Er trägt eine dieser eng geschnittenen besonders grünen oder blauen oder roten Daunenjacken, die man heute trägt. Und eine Jogginghose. Freizeitlook. Und hat eine Tüte in der Hand. Brötchen? Ernsthaft? Holt Herr Beckenbauer eigenhändig Brötchen? Herr Beckenbauer hastet zu einem ziemlich teuer und ziemlich groß aussehenden Audi. A 10? Gibt’s sowas? Kamera hinterher. Journalisten-Stimme aus dem Off hinterher. „Herr Beckenbauer! Wir würden gerne etwas von Ihnen über die dubiosen 6,7 FiFa-Millionen…“ „Joo, äh, hem, hm“, – Kopfschütteln, Auto auf, weg.
Kauend male ich mir aus, was man mit 6,7 Millionen alles anstellen könnte. Wieviel würde es kosten, in einer mittleren Kleinstadt allen geflüchteten Menschen ein Jahr lang in Kleinstgruppen jeden Morgen 4 Stunden professionellen Deutschunterricht zukommen zu lassen? Weil ich dauernd Gefahr laufe, dass mir Knoblauchsoße auf den Schal (scheiße,  warum ist das hier immer so saukalt ?!) tropft, kann ich mich nicht auf die Rechnung konzentrieren und gebe irgendwann auf.
Lecker satt stapfe ich zur Theke zum Bezahlen. Neben mir steht eine Frau mit einem kleinen Jungen. Beide wirken blass, verfroren, müde und trotzdem spürt man ein bisschen Vorfreude auf’s Essen. Satt werden. Nicht selber kochen müssen. Der Junge weiß nicht recht, ob sein Hunger für einen ganzen Dönner reicht. Sie lässt ihm Zeit.
Ich zahle inzwischen. Beim Gehen der übliche Dialog:
„Tschüüüss, schönabbend!“ „Tschüss, Ihnen auch. Und gute Geschäfte!“ Kurzer Austausch von Blicken. Lächeln.

Oscar-Verleihung

Und natürlich stolpere ich auch dieses Jahr wieder über einen Kurzbericht über die Oscar-Verleihung. Noch ehe ich realisiert habe, wie zornig mich das macht, ist er wieder vorbei. Ein junger sehr, sehr schwarzer Schlaks in einem sehr, sehr weißen Anzug auf dieser sehr, sehr pompösen glitzernden Glamour-Bühne. Er macht Scherze darüber, dass so selten Schwarze für den Oscar nominiert werden. Im Publikum sehr, sehr gut aussehende, sehr, sehr berühmte ViP’s. Sehr, sehr weiß. Sie amüsieren sich köstlich über die Scherze. Ein paar close ups hintereinander. Sehr, sehr amüsierte Vorderzahnreihen.
So ähnlich muss man sich das ja wohl vorstellen, – die Atmosphäre in den Minstrel-Shows in den besonders finsteren Jahren der Rassendiskriminierung. Weiße mit schwarz geschmierten Gesichtern stolpern linkisch staksend über die Bühne. Sehr, sehr Weiße lachen sich tot über die Neger.
Nein, sie haben sich nicht totgelacht. Sie haben die Neger totgelacht.
Und dann sagt der Sprecher über diese Veranstaltung, die Oscar-Verleihung sei dieses Jahr wirklich politisch gewesen. Und als Beleg führt er an, dass Leonardo di Caprio seinen Oscar-Auftritt benutzt habe für einen Statement zum Klaimatschäindsch.
Der Beitrag endet im selben Moment, wo ich die Kiste ausmache. Zu spät irgendwie.

Der letzte Schrei für Böden oder Wänder: Rollschnee

Schnee auf der Frontscheibe

An der Ampel

An der Ampel lasse ich mich trotzkopfdumm auf ein Scharmützel ein.
Gegenüber steht auf der Linksabbiegerspur ein schwarzer Mercedes. Der Fahrer hat einen nervösen Gasfuß. Ab und zu rollt er ein kleines Stück vor. Ich weiß, was er vorhat. Er will mit einem Blitzstart vor mir links abbiegen.
Geschissen, Freundchen!
Ich spurte schon beim allerersten Schimmer von Gelb los. Mister Mercedes ist auch sehr früh gestartet, aber nicht früh genug. Spät, aber gerade noch rechtzeitig versteht er, dass er verloren hat und bremst.
In dem Moment werde ich langsam. Trotzkopfdumm will ich meinen Sieg auskosten. Beim Passieren des Mercedes schaue ich mir den Fahrer an. Er ist um 50. Trägt lässig-teure Klamotten. Auf dem Kopf eine (oder heißt das ‚ein‘?) Basecap. Ein besonders edles Modell. Wahrscheinlich seltenes feinstes Ziegenvelour oder irgendwas in der Art. Wahrscheinlich schweineteuer. Wahrscheinlich findet er sich cool und jugendlich.
Trotzkopfdumm rümpfe ich die Nase. Basecaps sollten für Männer ab 17 verboten werden. Besonders die teuren aus Ziegenvelour. Und noch mehr die Architektenvariante aus grauem Filz.
Ab 70 sollten sie dann wieder erlaubt sein, aber nur für  zu dicke Opis. Sie müssen dann etwas zu klein sein, sehr, sehr speckig, sehr, sehr knallfarbig und vorne muss irgendwas sehr, sehr Amerikanisches draufstehen, – z. B. „CHICAGO“. Sie muss unbedingt kombiniert sein mit der alten, total ausgebeulten Jeans, die er – so die lex Ehefrau – nur noch im Garten tragen darf. Jetzt aber ist die Gattin drei Tage bei Ihrer Schwester und er nutzt die Gelegenheit, diese seine Lieblingsjeans anzuziehen und sein (’seine‘?) CHICAGO-Cap aufzusetzen, als er sich mit seinen Kumpels in der Stadt bei Tschibo trifft.
Unter diesen Umständen finde ich das Tragen einer (‚eines‘?) Basecap durch einen erwachsenen Mann wieder akzeptabel.
Nicht aber bei dem Fahrer eines schwarzen …
Im aller-, allerletzten Moment bemerke ich, dass der Wagen vor mir gebremst hat. Schaukelnd komme ich gerade noch zum Stehen und glotze wahrscheinlich ziemlich doof. Im Augenwinkel sehe ich, dass Mister Basecap grinst. Ich schaue lieber nicht hin. Vielleicht ist es dann nicht ganz so peinlich.

Aleppo

Morgens im Radio höre ich mit einem Ohr die Nachrichten. An einer Stelle bin ich plötzlich ganz dabei und stutze. Aber dann ist es auch schon zu spät. Die Nachricht ist vorbei.
Habe ich das richtig gehört?: Aleppo droht eine Belagerung von drei Seiten? Auf der einen Seite vom IS, auf der anderen von den regierungstreuen Assad-Truppen, auf der dritten von – ja, ich hab das so gehört! – den Kurden?
Das nun bringt mich total durcheinander. Moment …, die Kurden, waren die nicht gegen den IS und gegen Assad? Waren nicht überhaupt IS und Assad auch Feinde? Wurden uns nicht eine ganze Zeitlang die Kurden als letzte aufrechte, moralisch integre Helden in diesem schmutzigen Krieg verkauft? Bärtige ausgemergelte Gesichter, die bereit sind für die gute Sache zu sterben? Also für uns. Und denen „wir“ deshalb auch Waffen geben? Und die „wir“ deshalb auch daran ausbilden.
Schon der Klang ihres Stammesnamens: ‚Peschmerga‘. Das klang doch nach Karl May, nach Robin Hood und ein bisschen nach Guevara.
Und nun helfen die, Aleppo zu belagern, also die Stadt, die nun jetzt gerade medial die geschundene Stadt ist? Von Assad und IS gleichermaßen gequält. Schlimmer geht es ja kaum. Oder sind das wieder andere Kurden?
Am Wochenende danach versuche ich, mir selbst die Sache aufzuklären. Und lerne dabei. Erstens ist es kaum möglich, überhaupt eine Quelle zu finden, die es sich zur vornehmen Aufgabe gemacht hat, die Schattierungen dieser Konflikte, die für mich medialen Deppen immer verständlich – und damit falsch – gemacht werden müssen, realitätsgetreu mit all ihren Widersprüchen darzustellen.
Und zweitens: Was ich dann verstehe, verstehe ich nicht.
Aleppo ist offensichtlich eine geteilte Stadt. Ein Teil wird von Militär beherrscht, das Assad treu ist. Ein anderer Teil wird von Kämpfern beherrscht, die gegen Assad kämpfen. Diese letzteren werden in den meisten Artikeln „Rebellen“ genannt.
Genau diese halten nun einen Flugplatz besetzt. Und genau den wollen die Kurden erobern. IS und Assad wollen die Stadt von den Rebellen überhaupt ‚befreien‘. Und dabei erhalten sie Bombenhilfe durch russische Kampfflugzeuge.
Ich frage mich: Was passiert nun eigentlich, wenn die Kurden diesen Flugplatz erobern? (Wohlmöglich mit deutschen Waffen?) Können dann die russischen Kampflugzeuge darauf landen? Und wenn gleichzeitig der IS einen weiteren Stadtteil von Rebellen ‚befreit‘, wird dann bei Kurden und Assad gleichermaßen gejubelt? Und wenn dann die IS-Flagge gehisst wird, erzürnt das dann doch die Kurden und die Assad-Truppen? Und wenn ja, was passiert dann? Neue Kämpfe? Und wer wird dann umgebracht? Dieselben Menschen, die jetzt auch schon umgebracht werden? Und ist all dieses Umbringen vielleicht schon jetzt nur noch symbolisch? Ist Sieger, wer die meisten umgebracht hat?

Nach zwei Stunden Recherche gebe ich auf. Meine Gedanken schwirren. Sie wissen nicht, ob sie mitfühlend und suchend sich weitertasten sollen oder sich zynisch abwenden oder verzweifelt einfach nur im Dunkeln warten, bis das Schlimmste vorbei ist.

Musikunterricht. 5. Klasse. Ein Arbeitsblatt ist verteilt. Darauf stehen die Töne, mit denen die Schülerinnen und Schüler auf Xylphonen und Metallophonen das neue Lied begleiten können. Ein paar Erklärungen von mir.
Schließlich die Frage: „Ist noch irgendwas unklar?“
Ein Schüler meldet sich: „Ja. Was heißt ‚ Hashtag C‘ ?“

Roger Willemsen ist tot.
Dem Nachrichten-Portal auf web.de ist dies Erwähnung wert.

Und im Text des Artikels rechts:

Er hätte wahrscheinlich die Größe darüber herzlich zu lachen:

„Ich als prominenter triptichonaler Trauerflor umrahme ein lockendes Vogue-Weibchen. Alles (na ja … mit Ausnahme des Schriftzuges ‚Vogue‘, oder besser ‚Vo   ue‘, Zwinker-Smiley) in Schwarzweiß. (Kleine sw-Reminiszenz an #Tod, an #Intellektueller, Zwinker-Smiley). Immerhin schaut jeder, der sich für die fallenden Hüllen interessiert, mal an mir vorbei, äh, sorry, bei mir vorbei. Soviel Ehre! lol.“

Und mir als Leser wird im Artikel eine unverhoffte Erkenntnis zuteil. Endlich weiß ich, warum es mir so schwer fällt zu lachen und zu lieben. Jedenfalls schwerer als, … sagen wir: Z.B. einem durchschnittlichen Mario-Barth-Fan.

 

Holland. Beim Laufen entdecke im noch dunklen Morgen ein auffallendes Haus. Leicht erhöht steht es inmitten eines großen Grundstückes. Die Architektur mischt den Charme eines alten bäuerlichen Anwesens mit dem Schick moderner Bauweisen. Roter eher kleiner Backstein. Unterteilte weiße Fenster, von denen sich der untere Teil hochschieben lässt. Eine große dunkelrote Holzeingangstür. Das Ganze ein großer Würfel mit traditionellem Walmdach. Die hohe Giebelfrontseite ist eingefasst mit einem kühl-modernen fast schwarzen, sehr breiten Holzrahmen. Geschickt angebrachte  Halogen-Leuchten inszenieren die Front innen wie außen mit dezent-moderner Eleganz. Die Einfahrt ist so breit und lang, dass der schräg platzierte schwarze SUV bequem darauf in zwei Zügen wenden könnte. Leicht könnten hier noch drei, vier andere Autos stehen. Der Garten des Anwesens, soweit er einsehbar ist, nimmt mit kleinen geometrischen Gestaltungselementen die moderne Gediegenheit des Hauses auf. Ganz hinten in der Ecke steht – mild beleuchtet – eine Budda-Figur. Hier wohnen also Menschen, denen geistige und spirituelle Erbauung wichtiger sind als materieller Besitz.

Zurück beim Duschen ein selten gewordenes erotisches Erlebnis der besonderen Art: Der kühl-feuchte Duschvorhang, der sich immer wieder zärtlich an den Rücken schmiegt.

Einer dieser immer wiederkehrenden Scheißträume. Ich bin unterwegs. Ich bin zu spät. Ich stoße dauernd auf irgendwelche Hindernisse. Nur diesmal weiß ich nicht, warum ich wann wohin muss. Ich bin einfach granatenzuspät. Eine Straße, an der ich rechts abbiegen muss, ist gesperrt. So eine Scheiße. Die rot-weiß gestreiften Absperrbaken stehen so, dass ich vielleicht daran vorbeifahren und den Abzweig einfach doch nehmen kann. Er sieht ja befahrbar aus. Ich fahre auf eine Bake zu. Schon stoße ich daran. Zum Glück ist es eines dieser Schilder, das am Fuß sofort nachgibt und nach hinten wegkippt. Sie verschwindet unter der Motorhaube. In dem Moment sehe ich, dass der Weg, den ich nehmen will, eine frisch gehakte Sandfläche in dunklem Ocker ist. Vorsichtig setze ich zurück. Wieder jede Menge Zeit verloren. Beim Zurücksetzen hoffe ich, dass die Bake so nachgiebig ist, dass sie das Auto nicht irgendwie von unten beschädigt. Also ein anderer Weg. Über den Markplatz. Ich weiß nicht, ob da Autos überhaupt fahren dürfen, aber es muss jetzt sein. Beim Einschwenken auf den Platz steht vorne rechts ein roter Kleinwagen im Weg. Ein junge Frau versucht einzuparken, setzt aber immer wieder zurück, weil sie den angestrebten Platz nicht mittig genug trifft. Links davon steht ein kleiner Kran-ähnlicher Transporter mit einem kurzen, nicht sehr hohen Ausleger. Daran hängt ein silbriger Stahl-Glas-Zylinder. Darin hockt ein behinderter  Junge (Ich sehe es nicht, ich weiß es nur. Tatsächlich träume ich den Begriff ‚behindert‘) . Ich suche das Führerhaus, um den Blick des Fahrers einfangen. Vielleicht kann ich ihn bewegen etwas zurückzusetzen, damit ich zwischen ihm und dem roten Kleinwagen hindurch auf den Marktplatz fahren kann. Der Platz ist – das fällt mir jetzt auf – mit kleinem rötlichem Stein gepflastert. ‚Eigentlich ganz schön‘, denke ich im Traum. Der Fahrer schaut mich mit unbeweglichem Gesicht an und doch an mir vorbei. Ich registriere, dass die ganze Zeit in meinem Auto das Radio läuft. Ich frage mich, ob das, was da läuft, ein Song ist.  Klaviermusik, die einen gesprochenen Text begleitet. Ist sie nur Hintergrund? Eigentlich nicht, denn das Sprechen kommt mir irgendwie rhythmisch und lyrisch vor. Die Stimme ähnelt sehr stark der von Manfred Maurenbrecher (den ich einmal gut fand, und von dem ich bestimmt seit mehr als 20 Jahren nichts mehr gehört habe … es gibt ihn tatsächlich noch …) Er kann es aber eigentlich nicht sein, denn das charakteristische Lispeln fehlt. Die Lücke, die der rote Kleinwagen und der Kleinkran lassen, ist verdammt schmal. Trotzdem versuche ich mich da hindurchzufummeln. Noch einmal nehme ich irgendwie teilnahmslos irritiert direkt vor mir die ausdruckslosen Gesichtsausdrücke vom Fahrer und von dem Jungen wahr. Dann bin ich tatsächlich durch. Im Radio höre ich im selben Moment eine Melodie. Anschließend einen Satz. Dann Stille. Ich warte auf einen Jingle oder eine Moderation oder irgendetwas anderes, mit dem das Programm fortgesetzt wird. Nichts. Stille, die bleibt.
Dann wache ich auf und kann mich zum ersten Mal in meinem Leben an eine Melodie aus einem Traum erinnern. An den Satz auch.

Wenn Menschen eine große Zahl anderer Menschen als „Gutmenschen“ verächteln, dann impliziert das doch, dass sie selbst solche nicht sind, also „Schlechtmenschen“.

Soll man froh sein über das Thema „Flüchtlinge“? Immerhin hat es uns beschert, dass diese bescheuerte Maut in Vergessenheit geriet. Und: Die bräsigen Ressentiments, um die es ging, sind jetzt wenigstens offen.

Es ist Samstag Morgen. Runde drei Wochen nach Sylvester. Die Ereignisse jener Nacht im Bahnhof in Köln sind noch immer präsent.
Ich will Einkaufen fahren.
Die Liebste verabschiedet mich. Sie steht im Bademantel in der Haustür und wirft  ein Lächeln und eine beiläufig gewinkte Geste in die kühle Morgenluft.
Beim Wegfahren bekomme ich mit, dass zwei sehr dunkelhäutige Schlakse mit Prospekten über dem Arm und Knöpfen im Ohr von Haus zu Haus gehen. Ich drehe um, fahre zurück, will bei der Liebsten bleiben und den Briefkastenbesuch der beiden Schlakse abwarten. Wer weiß …
Als ich ihr das erzähle, lächelt sie. Ihr Blick erzählt ein bisschen Rührung angesichts meines Kümmerns. Und mindestens ebensoviel freundlich-kritische Belustigung über meine vom Nachrichtenfeuer angefachte Sorge.
„Ich kann schon auf mich aufpassen.“
Im selben Moment ist mir klar, wie albern mein Handeln ist. Ich höre via Nachrichten-Sendungen von irgendwelchen Ereignissen, die unterfüttert sind mit diesem O-Ton- und ExpertInnen-Analyse-Getöse, wie es mich schon seit langem nervt. Und was mache ich? Ich sehe zwei Schwarze und unterstelle ihnen  unlautere Absichten. Denn die ExpertInnen haben mir ja erklärt, dass das Frauenbild … und dass die Werte … und dass dies und dass das. Hatte ich nicht schon lange immer seltener Fernseh-Nachrichten und Talkshows geguckt, um mich genau dem eben nicht auszusetzen?
Ich steige  wieder ins Auto und fahre nochmals los. Die beiden begegnen mir abermals. Dem ersten schaue ich ins Gesicht und lächle. Er strahlt zurück. Ein betrübtes, frierendes, ermattetes Gesicht hellt sich auf und schickt mir ein Strahlen , das mich beschämt. Ein wenig verweile ich  in seinem Blick, lächle weiter. Zum Glück weiß er nichts davon, wie verlegen ich bin.

Beim Abhängen vor dem Fernseher werde ich in die Ankündigung einer Sendung geschubst.  Talkrunde zu den „Ereignissen in Köln“. Eine stehende Redewendung ist das geworden. Synonym für irgendwas. Vielleicht: Die Wende in der Willkommenskultur? Das Aufblühen der Integrationsprobleme? Wir schaffen das nicht? „Männer nordafrikanischer Herkunft“ benehmen sich daneben. Etwas Merkwürdiges geht da vor sich. Eigentlich will ich damit nichts zu tun haben. Ich weiß nicht, was „in Köln“ passiert ist. Ich weiß nur, was Nachrichten-Übermittlung mir  erzählt, – schon was sie mir sagt, weiß ich nicht mehr.
Mir fällt wieder auf, dass ich schon lange vermeide, Nachrichten-Sendungen im Fernsehen zu sehen. Seit dem 11.09.2001. Seit dem 12. genau genommen. Am 11.09. war ich so schockiert von der Stirb-langsam-Ästhetik, die da als massenhaft tödliche Wahrheit in das wirkliche Leben hineinexpolodiert ist, dass ich mich nicht losreißen konnte. Den ganzen Tag nicht.
Danach aber mochte ich nicht mehr. Ich wollte nicht mehr Opfer sein. Opfer einer allmählich anschwellenden Islam-Feindlichkeit. Ich wollte nicht behelligt werden mit Bildern und O-Tönen von hysterisch schreienden quetschstimmigen Nachthemd-Trägern, die Hass-Botschaften verkünden, von denen ich noch nicht einmal wusste, ob es überhaupt welche waren. Warum nicht, … z.B. …, hysterische Fans bei einem Kamel-Rennen, die gerade dabei waren sehr viel Geld zu verlieren, weil sie auf das falsche gesetzt hatten.
In der nächsten Phase fingen dann Bekannte und Freunde an sich vorsichtig kritisch „bei allem Respekt“ „ich bin bestimmt keine Ausländerfeind“ aber doch über befremdliche Beobachtungen zu äußern. Ehemals von gutem nachbarschaftlichem Geist durchwehte Siedlungen, in denen jetzt eigentlich nur noch Türken wohnen, die natürlich keinen Kontakt zu den Einheimischen suchen. Frauen mit langen schwarzen Mänteln – Hallo? Im Hochsommer?!! – und Kopftüchern, die kein Wort Deutsch sprechen. Schon mit der bloßen Verwendung des Wortes Parallelgesellschaft konnte man ehrliche Besorgenis um die Offenheit und Liberalität unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Und damit gleichzeitig sagen, dass die Nachbarschaft, als sie noch rein deutsch war, liberal, weltoffen, tolerant und kontaktfreudig war. Warum eigentlich hat man dasselbe scheinbare Verantwortungsgefühl nicht zum Ausdruck gebracht angesichts der Parallelgesellschaft – sagen wir … – eines Beckenbauer?
Nun also Köln. Werbung für eine Fernsehsendung.
Ein sehr, sehr seriöses Streichermotiv signalisiert: „Top-News“, „Ernsthaftigkeit“, „Problem“. Im Hintergrund ein Hauptbahnhof bei Nacht. Schnitt. Die Moderatorin taucht auf. Links neben einem Polizeiwagen. Sie beginnt zu sprechen. „Angst, Unsicherheit, Sorge. Die Folgen der Sylvesternacht. Hier vor dem Kölner Hauptbahnhof. Darüber will ich mit Ihnen diskutieren. Fühlen Sie sich noch sicher? … “ Sehr ernster Gesichtsausdruck. Eine Journalistin, die sich der Tragweite ihres Themas bewusst ist. Perspektive Augenhöhe. Dann ein Zwischenschnitt. Die Perspektive leicht von unten. Der Blick der Moderatorin sorgenvoll und zugleich zupackend in eine ungewisse Zukunft mitten im Kölner Nachhimmel gerichtet. Dann wieder Augenhöhe. „Darüber will ich mit ihnen reden“. Sie betont das „Ihnen“.
Ich glaube ihr nicht. Sie will nicht mit mir reden. Sie will ihren Sender mitten im Geschehen halten. Sie will profitieren. Ich phantasiere ein Telefongespräch. „Hi, bist du soweit.“ „Ja, ich will nur noch eben die Musik für die Atmo speichern, dann komm ich runter. Ist die Maske schon bereit? Ich hab keine Lust, da unten so lange in der Kälte zu stehen.“ „Alles angerichtet. Kamera machen wir nur kleines Gerät. Geht alles ganz schnell. Ein paar Schüsse mit Bahnhof, Polizeiwagen Nachthimmel. Kein großes Ding. 10 Minuten höchtens. Wenn du deinen Text kannst … hö, hö, hö“ „O.k. ich komm runter.“
Ich frage mich, ob die Polizeiwagen zufällig da standen, oder ob sie so nett waren, mal eben …
Ein Fernsehsender, der von den Ereignissen getrieben wird. Noch nicht mal ein Krawallsender. Aber die Stimmung im Volk. Da muss man mit. Sonst wird man sehr schnell abgehängt. Ein geifernder Spießbürger, der in einer Talkshow seine dumpfen  Ressentiments hinausbrabbelt, ist zwar peinlich aber immer noch besser als im Feuerwerk der O-Töne des Zeitgeschehens nicht mitballern zu können.
Ich will nichts damit zu tun haben. Ich will nicht Opfer des O-Ton-Terrors sein. Ich werde die Sendung ganz sicher nicht sehen.

Bettina Böttinger

Bettina Böttinger

Ich beobachte einen Mann mittleren Alters an der Kasse eines Supermarktes. Das Entgegennehmen der Gegenstände, die die Kassiererin eben über das Strichcode-Lesegerät gezogen und nach dem erwarteten „Piep“ weitergereicht hat. Das Bezahlen, von dem die Kassiererin erfährt, dass es „mit Karte“ geschehen soll. Das Ablehnen des entgegengereichten Bons. „Brauch ich nicht“. Das Verabschieden ohne Erwiderung.
All das geschieht, ohne dass der Mann auch nur einmal den Blick der Kassiererin sucht.
Mir fällt ein, dass ich das oft und verwundert beobachte: Dass Menschen mit anderen Menschen Dinge abwickeln, ohne sie anzusehen. Die ältere Frau, die mit der Handtasche auf dem Schoß ein Eis bestellt. Der junge Mann, der die Straße überquert und den Blick des Autofahrers, der eben angehalten hat, vermeidet.
Was wohl in ihnen vorgehen mag. Ob sie scheuen,  beim Begegnen der Blicke sich ihrer Gegenwart  leibhaftig zu werden? Macht ein erwiderter Blick mich leiblich wahr und anders, als dies mein innerer Blick auf mich tut?

Auf einer morgendlichen Autofahrt entdecke ich an einer Autobahnbrücke ein Bild. In letzter Sekunde fotografiere ich es mit dem Handy. Auch nicht gerade das, was man bei konzentriertem Autofahren tun sollte.
Graffitti, – war das nicht irgendwas mit urbanem Underground? Was mit illegal, mit Nacht und Nebel, mit Stadtdesperados in Kapuzenpullovern, mit „Achtung, die Bullen!“?
Ob sie ihre Anzüge schon im Kofferraum haben? Im Auto, das ihnen Papa für diesen Tag geliehen hat? Zu dem sie gleich zurückkehren, um sich umzuziehen und zum Festakt zu fahren?

Graffiti an Autobahnbrücke

Graffiti Autobahnbrücke Abi 15

Die Kinder erzählen aus den Sommerferien. Einer berichtet begeistert, er habe sehr schöne Ferien gehabt, obwohl er gar nicht in Urlaub gefahren sei. „Oh, das hört sich interessant an. Erzähl doch mal. Was hast du denn gemacht?“

„Ich war ganz oft mit Omma und Oppa im Strebergarten.“

Libellengedächtnisstätte

Die Enkelinnen sind zu Besuch. Sie spielen am Teich. Lebewesen suchen. Sie finden eines. Auf einem Seerosenblatt liegt eine Libelle. Sie bewegt sich nicht. Ob sie tot ist? Zu gern würden sie es herausfinden und wollen sie von dem Blatt heben. Aber sie haben Angst, sie beim Bergen zu verletzen. Schließlich finden sie eine Lösung. Mit für kleine Kinder kaum vorstellbarer Vorsicht schieben sie zwei kleine Stöckchen unter den leblosen Leib und heben die Libelle auf einen Gartentisch. Ob sie etwas essen muss? Am ehesten ja, so überlegen sie, etwas aus dem Teich. Sie schieben Reste von Wasserpflanzen dorthin, wo sie den Mund vermuten. Lange beobachten sie das Wesen. Schließlich sagt eine traurig: „Sie ist ganz tot“. Dann herrscht lange ehrfürchtige Stille. Schließlich arrangieren sie den Körper und andere Fundstücke zu einer, – ja zu was? Ich glaube: Zu einer Weihestätte. Lange verharren sie vor ihrem Werk.
Dann wenden sie sich wieder dem Teich zu. Lebewesen suchen.

Ich besuche wie jeden Donnerstag meine Mutter im Altenheim. Als ich durch die erste Tür bin, stehe ich in der Halle, die ich sonst einfach nur durchquere, mitten in einer Veranstaltung. Die alten Leute sind alle versammelt. Vorne auf einer angedeuteten Bühne steht ein älterer Herr, der alte Schlager singt. Seine noch dichten weißen Haare, sein dezenter Schick, sein geübter Ton im Umgang mit dem Publikum. Er macht das nicht zum ersten Mal. Meine Mutter mitten im Publikum. Sie ist, wie viele hier, schon sehr weit entschwunden ins Land des Vergessens. Die Frauen und Männer, viele von ihnen in Rollstühlen, sind eingeladen mitzusingen. Sie tun es auch. Auch meine Mutter. Immer wieder blubbern Fragmente von Silben und Tönen aus ihren Mündern. Klingende Seifenblasen, die einen Moment durch den Raum schweben und dann versiegen.
Dann stimmt er dies an:

Am Abend wollen wir noch auf ein Glas Wein ins Städtchen. Schon von Weitem hören wir vom Markplatz Fetzen von Musik und  verwehtes Stimmengewirr. Als wir da sind, erleben wir eine feiernde Menschenmenge. Eine Bühne ist aufgebaut. Auf ihr eine Band. Ein Frontmann. Aufgemacht. Irgendwas zwischen Rex Gildo und Hardrockstar. Rechts von ihm zwei Tanzmäuschen. Mit hautengen Glitzer-dresses. Sehr weit ausgeschnitten. Sehr, sehr weit. Sehr kurze Hosen. Sehr, sehr kurz. Rhythmisch bewegte Titten und Ärsche. Auf demselben Platz, auf dem noch vor ein paar Wochen Hunderte von Menschen vor der Kirche standen und schweigend dem Trauergottesdienst um die Schülerinnen und Schüler folgten, die bei dem Flugzeug-Unglück zums Leben gekommen waren.
Jetzt aber bellt der Frontmann: „Ich will Haltern feiern sehen!! Ich will die Hände oben sehen!! Ich will Euch hören!!“ Es gelingt. Er ist sichtbar zufrieden. Mit dem ganzen Markplatz singt er „Atemlos durch die Nacht“.

Ein Spaziergang in Köln. Wir überqueren die Hohenzollernbrücke. Einmal mehr betrachten wir fasziniert die Schlösser, die Liebende dort angehängt haben.
Geradezu lächerlich lange suche ich nach einem Schloss, auf dem steht: „Michael und Reinhold“ oder gar  „Mustafa & Cem“.

Jetzt bin ich schon so alt und sehe doch dies zum ersten Mal:
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Oder habe ich es doch schonmal gesehen und einfach vergessen? Wie konnte ich!

Nebel über der Wiese
Emblem Flugzeugabsturz Haltern

Haltern am See. Der Schwarm der Aasfresser ist weitergezogen. Nahrungssuche bei anderen Katastrophen.

 

Trauer

Nun, Trauer, schenk mir Schweigen
Führ mich in das Haus des Schmerzes
Halt mich, bis
Meine Seele sich an die Dunkelheit gewöhnt hat
Bleib bei mir, wenn sie die Verse des Leids liest
Die auf die Wände geweint sind.
Bleib bei mir, wenn ich mich weitertaste
Tiefer hinein
In die lichtlosen Räume
Soweit, bis ich – irgendwann
Im Schein der Kerze
In einem Fenster
Die seidenen Fäden sehe.
Und wenn ich ihnen wieder trauen kann,
Dann: geh, Trauer.

 

Absender:
Kyss-Bank

Betr.:                 Inheart-Konto
Nutzername:   trotzkopfdumm

Sehr geehrter trotzkopfdumm,

hiermit teilen wir Ihnen mit, dass wir Ihrer Bitte um Löschung der 2. Buchung nachkommen.
Wir weisen jedoch vorsorglich darauf hin, dass diese Stornierung eine Einzelmaßnahme in Kulanz ist.  Vergleichbare Ansprüche sind in Zukunft aus dieser Maßnahme nicht ableitbar.

Darüber hinaus teilen wir Ihnen mit, dass wir Ihrem Antrag auf Satzungsänderung bei den Buchungsregeln vom 17. Februar 2015 nicht entsprechen.
Wir begründen unsere Entscheidung wie folgt:
Eine Buchung erfolgt auf eigenes Risiko. Die Folgen einer Buchung, die auf falschen Tatsachen beruht, und damit den Mangel einer Falschbuchung, hat nicht die Bank zu tragen, sondern die kontoführende Person.

Eine Moderatorin im Radio lädt die Hörerinnen und Hörer ein sich an einer Sendung zu beteiligen. Es gebe dafür verschiedene Möglichkeiten. Eine sei auch, die Seite der Sendung ‚Quarks und Co‘ auf … – jetzt kommen ihr die drei „k“s in ‚Quarks und Co‘  in die Quere – … auf Fake…, hoppla, sie ist schnell, sie bemerkt den Fehler und versucht noch irgendwie die Kurve zu Face zu kriegen, …  umsonst … – auf Fakesbook.
Ja, Mehrzahl ist in diesem Fall wirklich besser.

Ich entdecke einen Print-Fehler auf dem Klopapier. Auf einem Blatt ist an zwei Stellen das zarte Rosa des Blumen-Aufdrucks konzentriert verlaufen und bildet zwei kleine farbintensive Schlieren. Ganz klar: Ein Produktionsfehler. Ob man sowas reklamieren kann?

Ich bin die Vorträge leid. Die Powerpoint-Aufzählorgien in Spiegelstrich-Design. Ab und zu, bei den ganz Flotten, flutscht mal eine Serie von Spiegelstrichen von der Seite rein. Kinder!, denke ich oft, gebt mir ein Buch!
Wörterschwärme, die in einen Strudel ziehen.

Und jetzt? Redend dagegen anschwimmen, strampeln, oder schweigend untergehen?
Am Ende bleibt man doch am Leben. Die Flut der Wörter macht leer und leer schwimmt oben.
Warum das viele Reden? Mit Wörtern Wirklichkeit kreieren?
Falls man überhaupt trennen kann: 10% wirkliche Wirklichkeit. 90% gedachte. Warum die vielen Wörter?  Weil man sich nicht an die 10% wirkliche Wirklichkeit herantraut? Weil man lieber eine neue Welt erfindet, als die alte anzusehen? Weil man etwas darstellen will?

reden
Zuviel Reden ist in meiner Welt
Zuviel Kleber, der nur klebt, nicht hält
Hysterisches Treiben Leere zu füllen
Mit verbalen Erstickstoffhüllen
Sehnsucht nach Jetzt, Sehnsucht nach Hier
So ist es bei mir und anders bei Dir
Magst Du mir Deines zeigen
Mit einem Lächeln aus Schweigen?

Dann mache ich einen Versuch. Ich präsentiere eine Präsentation ohne Worte. Nur Bilder. Und schweige. Und bin schon nach kurzer Zeit nass geschwitzt ob der Hitze, die von den irritierten Gesichtern ausgeht. Köstliches Schweigen. Es ist ja alles gesagt.

Heute eine etwas längere Strecke. Durch den Wald. Nur wenige einzelne Hundebesitzer begegnen mir. Das letzte Stück zurück führt dann über einen Fahrradweg. Dort eine schöne Szene:
Mir entgegen kommt ein älteres Paar.  Die Beiden spazieren nebeneinander.
Und ein Radfahrer weiter hinter ihnen.
Wir alle vier werden an einer bestimmten Stelle auf gleicher Höhe sein.
Wir alle lösen das Problem elegant. Ich weiß nicht, wie wir das machen, aber wir alle vier sind in Kontakt. Bei dem Paar lässt sich der Mann etwas zurückfallen, läuft hinter seiner Frau. Ich laufe etwas langsamer. Der Radfahrer zieht an uns vorbei. Grüße schweben zwischen freundlichen Gesichtern. Ich beschleunige wieder, erweitere meinen Ausweichbogen. Der Mann kann wieder zu seiner Frau aufschließen.
Ein kurzer Moment gemeinsamen Glücks. Ich nehme die drei noch ein Stück des Weges in Gedanken mit. Und lächele. Und denke: So – … ja, lacht mich ruhig aus, ist mir egal … – so, und nur so, geht Frieden.

Frühling

Ein Sonntag. 8.März. 180. Beide Türen zur Terasse sind offen. Wir lassen die Sonne die Räume fluten. Genau der richtige Tag, um ein Lied wiederzuentdecken, das ich vor 30 Jahren geschrieben habe. In guter alter Liedermacher-Manier. Es gefällt mir noch immer, obwohl ich etwas peinlich berührt bin vom belehrend ernsten Klang meiner Stimme.

Auf andere Art anders

Heute ist meine Strecke
Auf andere Art anders als
In den Tagen, die vergangen sind
Die milchige Wärme
Einer milden Morgensonne mischt
Sich mit der harschen Kälte
Der Nacht
In anderen Welten
Zu anderen Zeiten:
Ob da der Tag heute
Der richtige gewesen sein würde?
Der für das Frühlingsopfer lang ersehnte?
Und ob das junge Mädchen
Gebannt gewesen sein würde
In freudige Erwartung der Ehre
Die ihr zuteilwerden würde?
Vorsicht – eine aufgetaute Riesenpfütze
Schau
Trotzkopfdumm
Auf deine Füße!

Wutwörter

Erst, als es einigen Menschen kaum noch möglich war, überhaupt irgendeinen zusammenhängenden Text zu sprechen oder zu schreiben, war auch dem letzten klar, was für eine Revolution einige Tage vorher begonnen hatte. Inzwischen lag ein Bekennerschreiben vor, das heißt, – es war nicht eigentlich ein Schreiben. Es war ein Gedanke. Ein Bekennergedanke. Er verbreitete sich auf rätselhafte Weise. Die Menschen erlebten ihn wie einen eigenen Gedanken und wussten doch zugleich von anderer Urheberschaft.

„Wir werden nicht weiter hinnehmen, für Bedeutungen missbraucht zu werden, die wir nicht vertreten können.“

Es war schwer zu rekonstruieren, welches das erste Wort gewesen war. Die meisten Experten jedoch waren sich einig, dass es sich um das Wort „Sinn“ handelte. Es war hier und da aus Formulierungen verschwunden. Menschen, die das Wort in bestimmten Zusammenhängen benutzen wollten, bekamen es nicht über die Lippen. Sie bewegten sie zwar und Lippenleser hätten das Wort auch identifizieren können, aber zu hören war es nicht. Wenn diese Personen dann auf die Idee kamen, es aufzuschreiben, sah man sie die richtigen Bewegungen machen oder die richtigen Buchstaben-Tasten drücken, jedoch zu sehen war das Wort nicht. Es war, als wär das Wort durch irgendeine magische Kraft in der Lage selbst zu entscheiden, in welchem Zusammenhang es hör- oder lesbar sein mochte und in welchem nicht. In einer Formulierung wie „Tut mir leid, aber ich verstehe den Sinn, der darin sein mag, noch nicht.“ tauchte es deutlich vernehmbar auf, in Sätzen wie „Hör auf mit dem Unsinn!“ fehlte es schlicht. Man hörte nur „Hör auf mit dem Un     !“

Für den gleichnamigen Wirtschaftsprofessor kam das teilweise Verschwinden des Wortes einer Katastrophe gleich. Er konnte sich nicht mehr vorstellen. Auf seinen Publikationen war nur noch „Prof.“ zu lesen oder „Prof.“ und „Hans Werner“. Sein Ausweis war unvollständig, – ein Zustand, der auch mit geschicktesten Techniken nicht veränderbar war. Er konnte sich nicht mehr einloggen, jedenfalls da nicht, wo sein Account nicht auf einem Pseudonym basierte. Selbst verklausulierte Formulierungen wie „der Wirtschaftsprofessor, der vormals unter dem Namen ‚Sinn‘ bekannt war“, brachten das Wort nicht zum Vorschein. Das Verschwinden des Wortes war in seinem Fall eindeutig mit seiner Person verbunden, denn anderen Menschen mit dem gleichen Nachnamen widerfuhr ähnliches nicht, jedenfalls nicht allen.
Das gleiche Phänomen zeigte sich kurze Zeit später dann bei dem Wort „Gott“. Man hörte „     es Wille ist unergründlich“ oder las „Wir werden einen      esstaat errichten“ usw. Zunächst betraf es nur die deutschsprachige Form des Wortes. Je erfinderischer Journalisten oder auch Propagandisten wurden, das Wort zu umschreiben bzw. andere Ausdrücke zu wählen, umso größer wurde der Kreis der partiell verschwindenden Wörter. Sehr vielen Menschen kam das Wort „Allah“ abhanden, anderen „Jahwe“. Ein besonders interessantes Phänomen grassierte plötzlich in jüdischen Zusammenhängen. Hier wurde aus den vielen Umschreibungen, die es ermöglichen von Gott zu sprechen, ohne das Wort zu benutzen, plötzlich das Wort „Gott“. Diese Welle brachte jüdische Religionsgelehrte ebenso in größte Schwierigkeiten wie einfache Gläubige, weil ihnen der Glaube ja verbot, das Wort auszusprechen und es ihnen trotzdem ungewollt über die Lippen oder die Schrift kam, – hörbar und lesbar für jedermann. Eine wahrlich mystische Art des Wort-Verschwindens.

In religiösen Zusammenhängen entstand bald danach eine regelrechte Auflösungswelle. „Heilig“ war betroffen, „gläubig“ oder „Sünde“, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Soziologen und Sprachforscher machten sich schon bald nach Entstehen dieser Welle daran, das Phänomen zu ergründen. Dabei wurden naheliegende Thesen entwickelt, ebenso wie eher abwegige. Natürlich betraf das Wörterverschwinden auch die Sprachforscher selbst. Man hörte von einem, der ganz aus dem Thema ausstieg. Der Kernbegriff seiner Theorie war der Begriff „Wahrhaftigkeit“. Und genau der verschwand aus allem, was er von sich gab. Eine wirklich stichhaltige Theorie entstand jedoch nicht. Dazu gab es einfach zu viele widersprüchliche Verschwindenszusammenhänge. Klar war nur: Das Verschwinden der Wörter war manchmal an eine bestimmte Person gebunden, manchmal an bestimmte Verwertungszusammenhänge, manchmal an beides, manchmal an beides gerade nicht.

Das Phänomen löste schnell eine sich rasch verbreitende mediale „must-info“-Welle aus, ohne aber im konkreten Alltag der meisten Menschen übermäßig bedeutsam zu sein. Noch war es eher ein unterhaltsames auf schicke Art metaphysisches Phänomen. Entsprechend waren die Kommentare in den sozialen Netzwerken und den Foren eher von Ironie und Sarkasmus geprägt. Es habe diesem oder jenem endlich mal die Sprache verschlagen, diese oder jene zeige deutliche Symptome von Alzheimer – tränenlachender Smiley – usw.

Das aber sollte sich dramatisch ändern, denn eines der nächsten Worte war das Wort „Liebe“. Das Wort selbst und alle Ableitungen waren betroffen. Die Verweigerung einer ganzen Wortfamilie und auch noch einer, die in unzähligen Zusammenhängen größtmöglichen emotionalen Effekt haben soll, ließ mit einem Schlag aus einem eher belächelten „Promi-Laber-Manko“ eine fast epidemische angsteinflößende Behinderung werden. Dazu kam, dass nun auch beträchtlicher ökonomischer Schaden zu erwarten war. Nur noch hartgesottene Nihilisten und Zyniker machten weiterhin ihre Späße. Die meisten anderen Menschen begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Ein Wort nach dem anderen kam hinzu. Kaum noch jemand war von dem Stammeln, dem man aktiv und passiv ausgeliefert war, nicht betroffen. Bestimmte Ausdrücke verschwanden fast ganz und hinterließen nur noch beinah spastisches Kieferklappen, begleitet von gleichermaßen beschämten wie ängstlichen Blicken. „Unbezahlte Mehrarbeit“ war so ein Ausdruck, der im gesamten Bildungsbereich praktisch verschwand. „No go“ verschwand aus der Modewelt. „Sale“ aus der Geschäftswelt, „vernünftig“ fast überall, „alternativlos“ aus der Politik, die Ausdrücke „tief“ oder „hoch stehen“ aus der Fußballwelt.

Die ungeheure Verunsicherung, die mit der Verunmöglichung unbedarften Sprechens verbunden war, trieb schon bald die seltsamsten Blüten. Der Comic-Markt boomte. Das Lippenlesen wurde in Volkshochschulkursen gelehrt und zum Volkssport, – ein Effekt, der allerdings auch schnell wieder nachließ. Offenbar gingen die Wörter dazu über, auch das artikulatorisch eindeutige Bewegen des Sprechapparates zu verhindern. Als die zweite Generation der Lippenlese-LehrerInnen ausgebildet war, war der Trend schon fast wieder vorbei.

Menschprozession am Strand

Eine beinah gespenstisch anmutende Bewegung waren gigantische Prozessionen zu temporären Weihestätten des Schweigens, die aus dem Nichts entstanden, eine Zeitlang als Gedanke die Menschen in bestimmte Richtungen lenkten, um im nächsten Moment sang- und klanglos wieder zu verschwinden.

Die gesamte Sprachwelt befand sich praktisch über Nacht mitten in der größten Umwälzung ihrer Geschichte.

Heute gibt es keinerlei Garantien, keine Tricks, keine Hintertürchen. Ein Wort erscheint oder klingt oder eben nicht. Wohin das führen wird, ist völlig offen. Foren, Kommentarfunktionen, Kurznachrichten, Blogs, Twitter – die medialen Wortnutzungszusammenhänge solcher Art sind besonders betroffen. Sie scheinen sich in einem Erosionsprozess zu befinden, der möglicherweise die eine oder andere Kommunikationsform ganz wird verschwinden lassen.

Die einzig         volle Art des Umgangs mit diesem Phänomen scheint zu sein: Sich Zeit lassen. In Ruhe nach Worten suchen. Denn man ist ihnen ja letztlich              .

An die Kyss-Bank

Betr.:               Inheart-Konto
Nutzername: trotzkopfdumm

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit beantrage ich die Löschung der folgenden Buchung:

Kyss Bank 2. Buchung

Begründung: Die Darlegung des Buchungsgrundes beruht auf falschen Fakten. Die Anfrage wurde nicht mit „Nein“ beschieden, sondern mit „Ja“. Die Buchung wurde vorgenommen, weil der Ich-/Aber-Identität durchaus bewusst ist, dass ein „Nein“ angebracht gewesen wäre. Sie hat aber diese Entscheidung nicht geschafft. Die Buchung ist also ungerechtfertigt.

Ergänzung: Mir ist bekannt, dass laut § 2 der AGB eine einmal getätigte Buchung nicht storniert werden kann. Deshalb beantrage ich zusätzlich zum Antrag auf Stornierung der obigen Buchung eine Änderung der AGB wie folgt:
§ 2 in der alten Form wird gestrichen.
Neue Fassung:
§ 2 Einmal getätigte Buchungen können nur dann storniert werden, wenn
Abs. 1 … die zu stornierende Buchung von der Ich-/Aber-Identität selbst vorgenommen und nicht von einer/m Außenstehenden beantragt wurde.
Abs. 2 … die kontoführende Ich-/Aber-Identität stichhaltig darlegen kann, dass die Buchung zu Unrecht vorgenommen wurde.

Mit freundlichen Grüßen

trotzkopfdumm

Ich denke, also bin ich.
Scheiße.

Leuchtturm heißt vuurtoren

Neulich beim Wochenend-Ausflug des Seniorengesangsvereins SGV „Lippe“ nach Bergen: Ein Mann in sportlicher Jogging-Kleidung kommt in den Aufenthaltsraum. Etwas aus der Puste fragt er: „Ben ik hier in de buurt van de vuurtoren?“ Einer fragt: „Vorturnen?“ Ein anderer sagt: „Hier kann man nicht vorturnen, hier ist der Sängerclub.“ Eine dritte: „Der Swingerclub?“. Die Vierte schüttelt den Kopf: „Vorturnen im Swingerklub, ts ts ts …!“

Spinnennetz 1

Wenn du richtig gut vernetzt bist, – wer bist du dann? Die Spinne?

Spinnennetz 2

Und wenn du dich mit dem falschen Leuten einlässt, hast du dich dann vernetzt?

Jungs halt!

Griechenland hat gewählt. Die neue Regierung kündigt vollmundig an, das von der europäischen Union auferlegte Spar-und-Restrukturierungs-Programm so nicht mehr mittragen zu wollen.
Einer der Architekten dieses Programms – Jeroen Dijsselbloem, Chef der Euro-Gruppe, reist nach Athen und trifft sich mit dem neugewählten griechischen Wirtschaftsminister Gianis Varoufakis.
Auf der Presse-Konferenz erneuert Varoufakis seinen Vorschlag zur Neu-Gründung einer Konferenz, die die Bedingungen zur Finanzhilfe für Griechenland neu taxiert.
Die beiden Männer formulieren ihre Positionen. Die beiden Jungs sagen noch anderes. Hier einige Ausschnitte …

Dijsselbloem in Athen

Was er wirklich sagte … :

Dijsselbloem in Athen

Und später … :

Varoufakis und Dijsselbloem in Athen 1

Was er wirklich sagte … :

Varoufakis und Dijsselbloem in Athen

Und schließlich … :

Varoufakis und Dijsselbloem verabschieden sich in Athen

Was sie wirklich sagten … :

Varoufakis und Dijsselbloem verabschieden sich in Athen

Kleiner Trost II

Vorschlag für meinen Grabstein

Ich hatte mein Solo.
Es war sehr schön.
Nun werde ich wieder Ton
Im Klang der Ewigkeit.
Vielleicht kannst du mich
Ab und zu hören.

Kleiner Trost I

Seelenruhig
Fließen meine Tage ab.
Sandkorn für Sandkorn
Spülen sie
Von den Hinter-Gründen.
Übrig bleibt
Die Hauptsache.

Und jetzt?

Gestern gibt es eine Anschlagsdrohung gegen die Pegida-Demonstration in Dresden. Sie hat islamtistischen Hintergrund.
Die Veranstalter sagen ab. Die Polizei untersagt die Demo ebenfalls.

Und jetzt?

Sticker drucken?

Je suis Charlie-Je suis Pegida

EwIch und EndlIch

Schon lange waren EwIch und EndlIch sehr gut befreundet. Manchmal wunderten sie sIch darüber. Denn sie waren sehr unterschiedlIch. Aber vielleIcht war genau das der Grund, warum sie ihre Freundschaft so mochten, – dass sie nIcht unablässIch versuchen mussten etwas zu finden, was gleIch war an ihnen.
Wieder einmal hatten sie sIch zu einem ihrer Spaziergänge verabredet. Vergnügt trabten und plapperten sie vor sIch hin, als plötzlIch EndlIchs Handy surrte. Er hob ab. Sein GesIcht wurde grau und nachdenklIch. EwIch erkannte die Stimme, die da aus dem kleinen Apparat zirpte. Es war WIchtIch.
Schon kurz nachdem er das Gespräch angenommen hatte, begann EndlIch die üblIchen Brumm- und Brabbel-Geräusche des skeptischen Zuhörens von sIch zu geben. SchließlIch sagte er: O.k., dann mache Ich mIch jetzt auf den Weg. Bis gleIch.
Du musst los, sagte EwIch, schade.
Tja, meinte EndlIch. Ich kann’s nIcht ändern. Aber wir sehen uns ja schon bald wieder, – auf meinem SechzIchsten.
HoffentlIch, entgegnete EwIch und musste ein wenIch lächeln dabei, – hatte er doch gerade für einen Moment so gedacht wie sein Freund.

Schöner Traum

Ich sitze in einem Hotel beim Frühstück. Schräg gegenüber von mir sitzt ein Paar orientalischer Herkunft. Sie trägt eine schwarze Burka. Ich kann den Blick nicht von ihr lassen. Als hätte sie eine durchsichtige Bluse an, werden meine Augen immer wieder von voyeuristischem Magnetismus angesaugt. Fasziniert beobachte ich, wie sie regelmäßig das Stück Stoff vor ihrem Mund anhebt, um in ein Brötchen zu beißen. Phantasiere ich oder sehe ich ihr, obwohl ich sie kaum sehe, den Genuss an? Die beiden haben gute Laune. Sie lächeln einander an. Denke ich. Jedenfalls lächelt er sie an. Ich meine verliebten Stolz in seinem Blick zu sehen. Seht, was für eine schöne Frau ich habe!
In derselben Woche habe ich bei meiner morgendlichen Lektüre der Nachrichten auf dem Windows-Portal „Bing“ von der rheinland-pfälzischen CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner gelesen, sie habe öffentlich angeregt die Burka in Deutschland zu verbieten. Die Burka sei „Ausdruck eines frauenfeindlichen Menschenbildes, das nicht zu unserer Werteordnung passt“. Man möge doch „aufgeklärten Frauen“ nicht „aus falsch verstandener Toleranz“… „in den Rücken“ fallen. Kombiniert ist der Artikel mit 5 Bildern. Zwei Bilder von Frau Klöckner. Drei Bilder von verschleierten Frauen.

SJulia Klöckner(Screenshot web.de, abfotografiert, 16.03.2015 9:03)
Frau in Burka(Screenshot web.de, abfotografiert 16.03.2015 9:03)

Das ist ja mal ein interessanter Ansatz: Schauen, ob eine Art sich zu kleiden zu „unserer“ (brrrr) „Werteordnung“ (brrrr) passt! Und verbieten, wenn nicht. Nun könnte man trefflich darüber räsonieren, welche Werteordnung eigentlich die Uniform der Laptop-Luden montags morgens am Flughafen zum Ausdruck bringt. Oder der Dresscode im Dschungelcamp. Was ist mit der Werteordnung, die die Hungerhaken auf Titelblättern von Frauenzeitschriften repräsentieren oder die jungen hübschen Dinger in modischen Kultsendungen, deren Stimmen so klingen, als würden sie nicht mit Stimmbändern und Zwerchfell Töne machen, sondern mit einem implantierten Headset. Man könnte auch sich fragen, ob die Geschäftsführer von Edel-Boutiquen in den einschlägigen Einkaufsmeilen nicht eigentlich eine Bürgerinitiative gegen das Burka-Verbot starten müssten. Schließlich machen reiche Burka-Trägerinnen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Stammkundschaft aus.
Und das Styling von Frau Klöckner? Der Lippenstift. Das Make-up. Das Haarspray. Der Eyeliner. Die Wimpertusche. Der Lidstrich. Das Sakko. Welche Werteordnung? Welches Frauenbild? Aufgeklärt? Frei? Selbstbestimmt? Aber das ist müßig. Es ist gilt ja die alte Weisheit. „So dumm kann keiner sein, ohne gute Gründe so dumm sein zu wollen“. Den Menschen, die solche Forderungen stellen, kann es nicht darum gehen, irgendwelche Werte zu verteidigen. Sie müssen wissen, dass seriös vertretbare Grenzziehungen in Sachen erlaubte/unerlaubte Kleidung in einer demokratischen Gesellschaft nicht möglich sind, wenn man von eindeutig gewaltverherrlichenden Emblemen und Zeichen mal absieht.
Darüber nachdenken aber, warum diese Menschen trotzdem öffentlich solche Forderungen stellen, möchte ich gar nicht. Viel lieber möchte ich träumen.
Die beiden, die ich im Hotel getroffen habe, übrigens in Aachen … ob das wohl Belgierin und Belgier waren? Ob sie vielleicht für ein Wochenende in das Hotel in Aachen gefahren sind, um sich einfach mal wieder ganz in Ruhe so zu bewegen, wie es ihnen gefällt? Ob sie wohl zu ihm gesagt hat: „Schatz, lass uns mal wieder ein Wochenende in Deutschland verbringen. Da ist es so schön frei. Da kann ich endlich mal wieder meine Ausgeh-Burka anziehen.“
Was für ein schöner Traum. „Da ist es so schön frei.“
Irgendwann besiege ich den „Durchsichtige-Bluse-Magnetismus“ und wende mich anderen Dingen zu. Als ich dann doch noch einmal wieder vorbeistreife, sehe ich plötzlich, dass sie den Stofflappen vor dem Mund abgenommen hat. Für den Bruchteil eines Augenblicks begegnen sich unsere Blicke. Kann es sein, dass da der Hauch eines Lächelns durch unser beider Augenwinkel gehuscht ist?

Der NDR-Journalist Hubert Seipel muss sich verteidigen. Er hat den russischen Präsidenten interviewt, – ja genau … den, dessen Namen die Franzosen immer so missverständlich aussprechen. Man wirft ihm vor, er sei durch seinen langjährigen Kontakt zu Herrn Putin nicht mehr unabhängiger Journalist, sondern Hofberichterstatter. Nun kann man sich natürlich fragen, von wessen Hof die Journalisten Bericht erstatten, die in den letzten Wochen Putin reflexhaft kritisch beurteilen und sich darin gefallen, seine hinterlistigen Machtspiele zu durchschauen, die so hinterlistig ja nicht sein können, wenn schon ein Journlist von sagen wir zum Beispiel: der Osnabrücker Zeitung sie durchschaut. (Sind das eigentlich wohl dieselben Journlisten, die, weil sie die Spiele des Herrn Putin ja durchschauen, jetzt dem Journalisten Seipel den Geruch der Hofberichterstattung attestieren?)
Ich höre, wie sich Herr Seipel gegen diesen Vorwurf zur Wehr setzt. Und er gibt an, ein Beleg für die Akzeptanz der Unabhängigkeit des Journalisten Seipel durch den Präsidenten Putin sei die Tatsache, dass von Seiten des Präsidenten Putin im Vorfeld des Interviews keinerlei inhaltliche Vorgaben oder Einschränkungen erfolgt seien.
Ähm … wie jetzt? Wollte Herr Seipel sich nicht verteidigen? Warum reitet er sich dann noch mehr rein? Wenn schon ein Politiker im sogenannten freien Westen sich im Vorfeld eines ausführlichen Interviews alle möglichen Absicherungen ausbedingt, was, bitte, hat es dann zu bedeuten, wenn Herr Putin das nicht tut? Kann es einen anderen Grund haben als den, dass er einfach von Herrn Seipel nichts zu befürchten hat?
Wenn nicht, was ist das dann bei Herrn Seipel? Doofheit? Selbstüberschätzung? Schwere mentale Funktionseinschränkung infolge zu intimer Nähe zur Macht? Oder einfach Langzeitfolgen von Wodka? Das muss dann allerdings an der Menge liegen. Denn die Qualität wird ja gestimmt haben in diesen Kreisen.

Biermann spielt im Bundestag

Wortgewalt-tätiger Drachentöter

Ein Drachentöter möcht‘ er gerne sein gewesen.
Der ausgestreckte Zeigefinger war wohl dann sein Schwert.
Von diesen hier und jenen da ins Heldentum hineinverehrt,
(Von jenen feindeshalber halt verkehrt
Herum), wollt‘ er am Ende nur Leviten lesen.

Das zeigt: Ein einig Vaterland schon vor der Wende!
Der Lehrer hebt im Wohlgefühl des Besserwissens seine Hände.
Er unterweist vom Pult das Pack.
War hier wie da nichts als autoritärer alter Sack.

Youtube: Wolf Biermann gibt dem Bundestag die Ehre

Der netteste Moment am Ende.
Kanzlerin und Vizekanzler machen Biermann Ihre Aufwartung. Und der Spitzbube Lammert – hat er intuitiv gespürt, was hier schiefläuft? – sagt:

„Also, das war jetzt nicht Kanzlerwahl mit den üblichen Gratulationskuren am Präsidentenpult“.

Vorher singt Biermann eine alte Kamelle. Empfiehlt den Abgeordneten, die mit wohlaufgesetztem „Achtung!-Kunst“-Blick dem selbsternannten Drachentöter zuhören wie Abiturienten in der teuren Privatschule dem Schulleiter bei der Zeugnisverleihung: „Du lass dich nicht verhärten“.
Zuerst sagt er, was ein Lehrer immer als erstes sagt: „So“. Übersetzt: Jetzt wird mir zugehört.
Sagt es und glotzt danach ab und zu selbstherrlich in die Runde. Am Anfang gleich. Virtuoses Geklimper als Einleitung. Scheinbedeutsame klingende Belanglosigkeit. Dann ein musikalisches Zitat seiner selbst. Er kontrolliert, ob auch alle brav zuhören, die Botschaft verstehen, das Lied erkennen. Man würde sich nicht wundern, wenn er plötzlich unterbrechen und rufen würde: „Trittin! – Was hab ich gerade gespielt?“ Trittin schreckt auf! Er weiß es nicht. „Setzen! 6!“
Kündigt an, den Linken nicht die Leviten zu lesen, wie es die Rechten natürlich erwarten. Und tut es dann doch. Na klar. Im deutschen Bundestag! Als ob da nicht schon andere tagtäglich ihr klägliches Mütchen kühlen am traurigen Rest einer irgendwann einmal utopischen gesellschaftlichen Vision.
Wohlgemerkt: Dem Rest einer Utopie im Westen dieses Landes.
Wenn schon Grüne sich eine „aktivere Rolle“, sprich: eine „bewaffnete Rolle“ der Deutschen an den Kriegsschauplätzen dieser Welt vorstellen, dann ist der traurige Rest des „demokratischen“ „Sozialissimus“ in der DDR – will man sagen: leider? – eben auch der traurige Rest jener linken gesellschaftlichen Vision im Westen, … ja, liebe Kinder, das gab es mal. (Zwinker!)
Diesem traurigen Rest liest er dann doch die Leviten. Stürzt sich in Scharmützel mit Zwischenrufern aus der Fraktion der Linken. Die sind doof genug, ihm diese Gelegenheit auch zu bieten. Anstatt, wie man das bei einschlägigen Gelegenheiten als braver Privatschul-Abiturient eben macht, einfach die Schnauze zu halten. Nein, sie wehren sich. Wissen sie nicht, dass sie es mit dem Schulleiter zu tun haben? Trotzig weisen sie darauf hin, dass sie doch aber demokratisch gewählt seien. Und kriegen natürlich vom Oberlehrer gleich mit dem Hinweis auf die Geschichte – ah: Geschichtslehrer… – was auf die Fresse. „Sei nicht zu clever!“, raunzt er dem aufmüpfigen Pennäler entgegen.
Um dann – endlich – doch Gnade vor Recht ergehen zu lassen und dem Auditorium das Lied vom Verhärten zu schenken.
Ich hab ihn gemocht. Sehr sogar. Ein bisschen schäme ich mich jetzt vor mir. Hatte er immer schon diese autoritäre Pose? Diesen Schimmer von Künstler-upperclass, ja, aber dieses Elfenbein-Kerker-Belehrende? Bin ich darauf einfach reingefallen? Oder war ich eingeschüchtert? Hab ich ihm lieber geglaubt, als ihm zuzuhören?
„Ich weiß ja, dass die, die sich Linke nennen, nicht links sind, auch nicht rechts, sondern reaktionär“, sagt er. Im deutschen Bundestag. Wo er gerade sitzt und seine geschichtsgeschwängerte Prominenz ausbreitet.
Er hätte doch auch „Nein“ sagen können. Nein, hätte er nicht. Ein echter Oberlehrer sagt nicht „Nein“, wenn er mal den Schulleiter vertreten darf.

So ist das ja wohl zu verstehen, wenn er am Ende die große „Wie-schön-dass-wir-jetzt-alle-in-der-Demokratie-leben-Sülze“ verteilt. Mit Erfolg. Denn Kanzlerin und Vizekanzler verlassen ihre Sessel und gehen zu ihm hin. Nicht er zu ihnen. Und kondolieren.
Hat Lammert das alles gespürt, als er sagte: [s.o.]?

Ich sollte mir jetzt doch endlich mal einen schwarzen Anzug kaufen. Ich werde immer öfter einen brauchen.
Hoffentlich.

Ein Tanztheater-Stück in einer ehemaligen Industrieanlage.
Eine japanische Tän
zerin und ein japanischer Tänzer bespielen eine rechteckige Bühne. Sie ist länglich. Das Rechteck verläuft längs vom Publikum weg, nicht quer zu ihm.
Schon das kreiert einen ungewöhnlichen Raum, bei dem man kaum von Bühne sprechen möchte.
Der Boden der „Bühne“ ist über und über mit Glasscherben bedeckt. An den beiden Längsseiten und an der hinteren Stirnseite hängen rechteckige Glasscheiben von der Größe eines mittleren Bilderrahmens an dünnen Seilen aufgereiht von der Decke. Dieser Vorhang aus Scheiben bildet die Wände des „Bühnen“raumes.
Die betanzte Fläche wird immer wieder wechselnd von unterschiedlich farbigem Licht, das von unterschiedlichen Orten her einfällt, verändert. Mal schimmert sie golden mit einem nach außen hin heller werdenden Schimmer. Dann wieder wird sie durch das Licht quer unterteilt. Hinten eine Fläche, die in bläulichem Licht wirkt wie eine Eisfläche, die angetaut und dann erneut gefroren ist. Die vordere dunkle Hälfte ist amorph. Noch da, noch Teil des Geschehens und doch nebensächlich.
Die Scherben auf dem Boden werfen je nach Lichteinfall Schattierungsflecken auf die Seitenwände. Wenn die Scherben durch die Schritte der Tänzer bewegt werden, beginnen die Lichtfleck-„Beschichtungen“ der Wänder seltsam lebendig zu werden.
Das Geschehen auf der Bühne bisweilen martialisch. Der Tänzer zerschlägt immer wieder Glasplatten, die in wohl geordneten Haufen um den Bühnenrand herum symmetrisch aufgeschichtet sind.

Immer öfter zücken Besucher um mich herum ihre Handys und fotografieren Standbilder, die besonders beeindruckend sind.

Auch ich spüre diesen Impuls. Und widerstehe ihm. Dies soll ein Erlebnis bleiben. Eines, an das ich mich erinnere. Oder auch nicht. Eines, das sich mir einprägt. Sich vielleicht mit der Zeit verändert. Von dem ich Einzelheiten besonders intensiv erinnere, andere gar nicht. Viele falsch. Aber was heißt schon „falsch“. Sehe ich im Original-Moment richtig?

Es ist erstaunlich, wie aufregend sich das anfühlt. Etwas Visuelles zu erleben, dem ich eine Konservierung als Foto verweigere. Dem Sehen das Abenteuer des möglichen Vergessens zu lassen.

 

Kyss-Bank Keep your soul safe Logo

Mitteilung über Kontoeröffnung.
======================
Konto-Typ: Inheart
Abrechnung: Ich-side
Nutzername: trotzkopfdumm


[nähere Informationen zum Abrechnungs-Modus „Ich-side“ und „Aber-side“: „Ich und Aber“]

 

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AGB:

Vorbemerkung:
Das Inner-Verfassungs-Gericht hat mit Grundsatzurteil vom 10.09.2014 darauf hingewiesen, dass im Bereich der Inheart-Konten die Beschränkung auf lediglich Soll-Buchungen des Abrechnungstyps „Aber-side“ mit den allgemeinen Grundsätzen der Buchungsführung nicht vereinbar ist.

Dieser Mangel wird nunmehr mit der Einführung eines „Ich-side“-Kontos behoben.
Entsprechend gelten folgende Regeln:

§ 1   Auf dem Ich-side-Konto werden ausschließlich Haben-Posten verbucht.
§ 2  Einmal getätigte Buchungen können nicht storniert werden.
§ 3  Buchungen können nur von einer Ich-Aber-Identität vorgenommen werden, nicht von Außenstehenden.
§ 4  Außenstehende können Buchungsanträge stellen. Dies erfolgt formlos.
§ 5 Dem Antrag muss eine (ggf. auch mündlich vorgetragene) Begründung
beigefügt sein.
§ 6 Der Antrag kann nur positiv beschieden werden, wenn
Abs. 1  die Begründung ausführlich ist,
Abs. 2  die Begründung stichhaltig ist,
Abs. 3  die Begründung glaubwürdig ist.

Das Konto ist mit der ersten Buchung unter Gültigkeit der AGB eröffnet.

Kyss-Konto 1. Buchung

 

Spur einer Schnecke

Wilde Flucht

Plötzlich stand dieses Monster mit den Stacheln und der spitzen Schnauze vor ihr. Kurz erstarrte sie. Doch dann hatte sie sich wieder gefangen. Es gab nur eins: Flucht.
Sie warf sich herum und schlug einen dieser wilden Haken, um die sie in ihrer ganzen Kriech-Community beneidet wurde.Doch ihr Manöver half ihr nicht.
‚Hätt ich bloß diese Schrecksekunde nicht gehabt. Dann hätte es vielleicht noch gereicht’. Das war das letzte, was sie dachte.

Freitag Abend. Radionachrichten.Ich höre von einer „Schariah-Polizei“, die durch Wuppertal gezogen sei und junge Leute zu einem gottgefälligen Leben aufgefordert habe.
Nein, Kardinal Meißner war nicht dabei. Sie waren wohl von einer anderen Fraktion.
Das Treiben sei auf einem youtube-Video zu sehen. Offenbar hat die delikate Hinterlassenschaft mehr oder weniger unbemerkt ein Weilchen auf der medialen Gassi-Wiese vor sich hingestunken.
Aber dann hat es die üblichen Schwandroniermaschinen und Reflexschwätzer doch aus den Häusern gelockt. Eine Zeitlang schnüffelten sie daran herum. Schließlich muss man ja wissen, ob man sein Revier neu markieren muss, oder  mit effektvoll erhobener Bell-Schnauze auf sich aufmerksam machen.
Die größte Schnauze gibt der bayerische Innenminister. Er versteigt sich zu dem Gekläff, dass das Verhalten der jungen Männer eine Kriegserklärung an den Rechtsstaat wäre.
In den Radionachrichten höre ich, die Männer hätten Warnwesten mit der Aufschrift „Scharia-Polizei“ getragen.

Scharia-Polizei Wuppertal

Genau das aber war die Aufschrift nicht.  Da steht nicht „Scharia-Polizei“. Polizei steht da in ausgerechnet der Sprache des liebstgehassten Erzfeindes. Das ist doch nett. Die jungen Männer haben ihre amerikanischen Ballerfilme gesehen. Und sie haben offenbar verstanden, dass diesen Filmen dasselbe Rechtsverständnis zugrunde liegt wie der Schariah.
Und es steht da „Schariah“. „Hey, komm lass h dazunehmen. Sieht irgendwie arabischer aus.“
Lieber Gott. Öffne die Schleusen des Himmels und schick uns ein You-Tube-Video, auf dem zu sehen ist, dass es sich nur um eine besonders schräge Art des Junggesellenabschieds handelte.
Sehen sie nicht auch so aus, als stünden sie nach ein paar Bierchen an der Pissrinne?
Und der Mann in der Mitte zeigt auf den zukünftigen Bräutigam.

 

– ohne Titel –

Die Nacht ist
Dunkelgiftigblau
Über mich gewölbt.
Gallige Gedankengase
Gären im Schlamm am Grund
Meines Lebens.
Alte Nöte
Steigen auf in modrig platzenden
Bedrohlichkeits-Blasen.

Licht an. Augen auf.
Komisch, dass das gar nicht stinkt
Aus demselben Geist, der denken kann:
Ein Glück.

Heute habe ich ein Leben gerettet.
Es ist höchste Zeit, mal wieder die Fadenalgen aus dem Teich zu fischen. Bei fast jeder Ladung zappelt kleines Getier im grünen Matsch. Vorsichtig bugsiere ich es jedes Mal zurück ins Wasser.

Wieder ein neuer Algen-Haufen, der klebrig zusammenpappt, wenn man ihn aus dem Wasser hebt. Mittendrin ein Wulst. Darin etwas Dunkles. Ich untersuche die Form. Es ist eine Libellenlarve. Absolut starr. Ich stubse sie an. Keinerlei Reaktion. Sie ist leblos. Schon will ich den Haufen wegwerfen, da hält mich irgendwas zurück. Ach guck doch noch mal. Vorsichtig puhle ich Algenfäden von dem starren Körperchen. Komme mir dabei lächerlich vor. Das Tier ist tot. Irgendwie albern, es herauszuschälen und dann auch noch so vorsichtig, dass ich es nicht verletze. Quatsch, – jetzt schmeiß den Haufen weg. Nein – ich puhle weiter. Nähere mich dem Körper. Jetzt bloß keine Beinchen ausreißen. Aber das Tier ist doch tot. Schließlich habe ich es fast ganz frei gelegt. Es rührt sich immer noch absolut nicht. Trotzdem mache ich einen Versuch. Ich fahre mit der Hand, in dem dieses Körperchen liegt, an dem nur noch einige wenige Algenfäden kleben, langsam unter Wasser. Plötzlich schüttelt sich die Larve einmal durch und taucht ab. Als wäre nichts gewesen. Ihr Zucken hat mich regelrecht erschreckt. Als sie verschwunden ist, bin ich stolz. Ich habe ein Leben gerettet.

Einen Sonnenuntergang kann man nicht fotografieren. Nicht dass ich es nicht schon tausendmal gemacht hätte. Ein Bild schöner als das andere. Und doch enthält keines, was diesen sich eilig dehnenden Moment ausmacht.

‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.’ Eben nicht.
Die Überraschung, wenn man plötzlich wahrnimmt, wie schnell sich doch die Erde dreht. Eben noch hat die Sonne voll und rund orangen gleißend über dem Ende der Welt geschwebt. Flimmernde Verheißung. Beinahe ewig. Schon ist sie zu einer kleinen hellen Sichel über dem Horizont geworden, die sich unaufhaltsam weitersenkt. Verheißung für andere Welten. Mich verlässt sie. Und dann bleibt nur noch ihr rötlicher Schimmer am Himmel. Melancholie sickert ins Herz. Alles Ende in einem Ende fühlbar. Auf wahrlich traurige Art schön.

Das kann man nicht fotografieren. Das kann man nur erzählen. Nachher. Denn dabei ist Verstummen. Selbst die Worte scheinen mit der Sonne zu verschwinden.

– ohne Titel –

Wie es wohl als
DAS LETZTE MAL
Gewesen wäre.

Bloß jetzt nicht
Diesen Moment
An die Erfüllung verschleudern.

Hier geblieben, Ewigkeit!

Urlaub.
Entspannung pur. Erkennbar an einem Dialog wie diesem.

 (Er glotzt auf den Campingkocher. Sie beobachtet ihn)

Wat bis’ an kucken?
Wasser.
Wie Wasser?
Ich bin dat Wasser cooken an kucken.
Ah.

Fußball-WM in Brasilien
Deutschland gegen Frankreich.
Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl analysieren einen Spielausschnitt. Man sieht die Szene und hört Scholls Stimme aus dem Off.
Und da passiert, was nicht passieren darf: Mehmet Scholl benutzt ein Fremdwort. „Wohltemperiert“. Um Himmels willen! Das wird Quote kosten. Dabei ist ihm so eingeschärft worden, dass er das nicht darf. Dass er immer so sprechen muss, dass die Worte ungehindert in den Zuhörer hineinsickern …

Und als wär das nicht schon schlimm genug, spricht er seinen Fehler auch noch aus. Er macht die „Wir-wollen-immer-extrem-einfach-sprechen-Regel“ öffentlich. Bei seinem Zögern und Stutzen nach diesem Fauxpas (ups …) kann man regelrecht hören, wie sein Gegenüber mit Blicken mit ihm schimpft: „Bist du verrückt?! Du kannst doch nicht den Zuhörern auch noch sagen, dass wir sie für doof halten?!“

Alles das in diesem kurzen Ausschnitt.

Morgens höre ich im Radio ein kleines Feature über die Sprach-Vielfalt im europäischen Parlament. Darin ist eine kleine Randbemerkung, dass es manchmal Missstimmung gebe, weil oft Namen aus anderen Sprachen als der eigenen nicht richtig ausgesprochen werden.
Ich frage mich sofort nach der Missstimmung, die der russische Präsident empfinden mag, wenn ein Franzose seinen Namen ausspricht. Obwohl: Kann Putain überhaupt Französisch?

Kleines Lob dem Nicht-Gelingen

Ich jogge ‚meine Strecke’. Ein Stück über einen Fahrradweg. Während ich laufe, achte ich darauf, möglichst rechts zu laufen, damit Fahrradfahrer, die von hinten kommen, gut vorbeipassen. Es fällt mir auf, dass ich darauf achte und ich muss grinsen.

Letztes Jahr im Herbst. Ich jogge ‚meine Strecke’. Ein Stück über einen Fahrradweg. Es ist noch dunkel. Bin irgendwo in einem beinbewegten Gedanken-Nirwana. Plötzlich raunzt jemand neben mir zackig: „Ohren auf! Augen auf!“ und rauscht mit dem Fahrrand vorbei. Ich belle „Schnauze!“
Fahrradbremsen ratschen. Ein Person neigt sich von der Wucht des schnellen Bremsens über den Lenker.
Er bleibt stehen.
Er ist mindestens zwei Meter groß.
Er ist stark.
„Was war das gerade?“
Und dann folgt ein ruppiges Wortgefecht. Er habe ein paarmal geklingelt. Ich solle gefälligst aufpassen, wo ich laufe. Es gäbe schließlich auch noch andere usw. usw.
Und ich: Was dieser Ton solle! Wir seien hier nicht in der Kaserne. Ich würde scheißen auf die 10 Sekunden, die er durch mich verloren hätte usw. usw.
Schnauzereien, Beschimpfungen. Unangebrachtes Duzen.

Am Ende macht er sich wieder davon und lässt mir ein „Arschloch!“ da.
Selber!
Den Rest der Strecke schimpfe ich weiter innerlich über ihn. Was maßt der sich an, mit mir zu reden wie ein verbockter autoritärer alter 50-er-Jahre-Grundschullehrer mit seinen Kindern?
Schnauze!

Seitdem laufe ich immer strikt rechts.
Denn eigentlich hatte er ja Recht.
Deshalb muss ich grinsen.

Heute will ich zum Baum meines Bruders. Der Trauer Zeit schenken. Für den Weg und vielleicht auch mein Verweilen dort möchte ich die drei Songs auf mein Handy laden, die in der Zeit nach seinem Tod so wichtig waren.
Außerdem ein Foto. Vielleicht will ich es, wenn ich da bin, in meinen Händen halten.
Alles das, weil vielleicht das Gewimmel im Kopf den Weg nicht frei gibt zur Trauer.
Bei der Suche nach den Songs und dem Bild auf meinem Computer stolpere ich, ich weiß nicht mehr wie, wieder einmal über „Arbeit und Struktur“ – den Blog von Wolfgang Herrndorf.
Ich klicke hinein.
Der letzte Eintrag ist immer noch derselbe:

„Schluss
Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“

Er rührt mich an wie eh und je. Ich öffne das letzte Kapitel, weiß nicht mehr warum. Ich wollte doch eigentlich was ganz anderes. Dort finde ich einen Eintrag vom 23.07.2013.
Ein Erlebnis mit einer toten Libelle.
Keine Spur mehr von Gewimmel. Gedanken wie angeknipst.
Diesen Text will ich als Startbild auf meinem Desktop haben. Als Hintergrund vielleicht eine meiner Langeweile-Kritzeleien, die ich immer aufhebe und einscanne? Stromere durch den Ordner, bleibe hängen bei einem Foto, das hier eigentlich gar nicht hingehört. Wie ist das denn hierhingeraten? Es zeigt die Wasseroberfläche unseres Teiches, auf dem Bambusblätter schwimmen.
Das muss es sein. Erst viel später fällt mir auf, dass es eine intuitive Logik hat, über gerade dieses Bild zu stolpern. Hier wird eine Libelle ja groß: Im Wasser.
Inzwischen ist mein Entschluss jetzt zu meines Bruders Baum zu fahren schon mehr als eine Stunde her. Eine Vorstellung entsteht. Dieses Bild, umgewandelt in Schwarzweiß mit verblasster Schwärze. Darauf die Buchstaben des Libellen-Textes.
Ab jetzt folge ich selbstvergessen diesem inneren Bild. Bearbeite das Foto. Kopiere den Text in Word. Drucke ihn aus. Scanne ihn ein. Löse jedes einzelne Wort aus seinem Hintergrund. Was für eine mühsame, fummelige Arbeit. Keine Ahnung, warum ich das mache. Dennoch keine Zweifel. Es muss unbedingt sein. Auf eine lustvoll Art, die mich immer weiter zieht. Was für stolze kleine Bauwerke sind doch Buchstaben! Wie zittrig meine Hand, wenn ich den Curser versuche an ihren Konturen entlangzuführen. Schrift – Bild. Viele Versuche misslingen. Dann ist es doch fertig. Mehr als zwei Stunden sind vergangen seit meinem Entschluss. Es ist gut

.Bambusblätter auf einem Teich  Wolfgang Herrndorf, Libelle, Blog Arbeit und Struktur

Und seltsam unpassend. Dieses Bild, das viele Stunden voller Hingabe in sich trägt, als Bild auf einem so unsentimentalen Gegenstand wie meinem Computer! Ich bin liebevoll verbunden mit dem Text. Auch mit diesem klitzekleinen Fehler. „Gewiesene“ statt „Gewiesen“.

Mache mich fertig. Fahre los. Stunden nach meinem Entschluss. Bin in einer anderen Welt in anderen Bildern und doch ganz nah bei ihm. Die ganze Zeit. Obwohl in meinen Gedanken sein Name nicht fiel. Die gute Stunde, die ich fahre, im Auto, ein dichtes Nebel-Wadern von Gedanken-Dasein. Erinnern. Fetzen von Sätzen. Gesichtsausdrücke. Seine Art zu tanzen. Wie er dabei genussvoll die Unterlippe leicht nach vorne schob. Sein mildes, starkes Schweigen. Das Großer-Bruder-Schweigen. Sein runder warmer Körper, wenn ich ihn umarmte beim Begrüßen.

Das kann ich nicht. Schreiben, wie meine Reise zu seinem Baum weiterging, ohne, ja – ohne was? – ohne –

Anruf. Herzinfarkt. Rasende Fahrt. Halte durch! Ich bin gleich da!
Aber ich bin nur der kleine Bruder.

Ich fasse seinen Baum an. Meine zu spüren, wie etwas von seiner Seele in mich hineinwandert. Wie damals, als ich – zu spät – in der Intensivstation ankam. Er schon in einem Anderen. Ich legte meine Hand auf seinen nackten Oberarm. Erschrak, wie kühl er war. Und spürte, wie etwas aufgeregt in mich hineinströmte. Als hätte sich seine Seele erschreckt und wäre in mich geflüchtet. Unterschlupf? Ich weiß noch, wie ich ein, zwei Wochen später, damals, in irgendeiner tiefen unruhigen Nacht sie bat, sich einen anderen Ort zu suchen. Ich konnte die Enge um mein Herz nicht mehr tragen.
Quatsch, sagt der Vernunft-Fundamentalist in mir, – mein ‚Aber’. Das alles, was Du da fühlst, bist Du, nicht er. Tod ist nur Stecker raus und Schluss.
Pflücke ein Kleeblatt, das genau an der Stelle wächst, an der zwischen den Wurzeln dieses Baums seine Urne eingegraben ist. Ist etwas von ihm darin? Natürlich.
‚Aber’ zynt.
Denke an eine Freundin, die homöopathisch arbeitet. Kleinste Stofflichkeit, die Organismen wachsen hilft. Vielleicht kennt sie diese Welt der Moleküle.
Auf der Rückfahrt fällt mir ein, dass auch ich einmal eine Libelle gefunden habe im Wohnzimmer. Ich hab sie damals nicht „bestattet“, wie Wolfgang Herrndorf. Ich hab sie all die Jahre in einer Blechschachtel aufbewahrt. Ab und zu schaue ich hinein. Bin immer noch überwältigt von dieser Lebenspracht und zugleich traurig zu sehen, wie ihr prozellanen volles Blau-Grün immer weiter verblasst.
Und mir fällt ein, dass ich manchmal, wenn ich Hüllen von Libellen-Larven am Teich finde, mich frage, ob dieser Kunstflieger da über den Schachtelhalmen irgendwas von seinem ersten, seinem Wasserleben mitnimmt in die Lüfte. Womöglich ein Erinnern? Warum sonst am Teich weiterleben?
Und mir fällt ein, dass ich, nachdem ich zum ersten Mal eine solche Hülle am Teich gefunden hatte, den heimlichen Wunsch hatte, mir dieses Bild von einer Libellen-Larve in die Haut tätowieren zu lassen, – irgendwo rechts an der Leiste.
Und mir fällt ein, dass ich irgendwann einmal, ich weiß nicht mehr wann und wie dahin gekommen, davon überzeugt war, dass dort meine Seele sitzt, – irgendwo rechts an der Leiste.
Und mir fällt ein, dass ich vergessen habe, mir Wasser mitzunehmen für die Fahrt.
Ich denke so traurig gern an ihn.
Ich wäre so gerne Larve.
Und er wäre Libelle.

Schatz, gibst du mir mal eben meinen Eye-Liner?
Deinen Ei-was?
So’n runder schwarzer Stift.
Und wo ist der?
In meiner Handtasche.

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mir der Kerl irgendwie bekannt vorkommt.

 

 

 

 

Bayern München ist deutscher Meister. Ausgelassene Freude bei den Fans und den Spielern. Obligatorische Bierdusche inclusive. Und die Bilderjäger mittendrin und drumherum. Der Trainer Guardiola weiß das. Also spielt er mit einem Augenzwinkern das „Opferlamm“. Die Kameras flappen ihre Verschlussgeräusche. Geht das nur mir so, dass die Bilder irgendwie an den Messias erinnern?

Und dann der eigentlich denkwürdige Moment. Biergeduscht und glücklich läuft Guardiola auf drei Menschen zu, die gerade den Platz betreten haben. Ein Mädchen, vielleicht 7, ein Junge, vielleicht 9, eine Frau. Seine Familie. Alle drei schöne Geschöpfe. Zierden jeder Titelseite nicht nur der Yellow-Press. Vogue-tauglich. Alle Kameras auf Alarm. Jetzt gleich wird es die Bilder geben, die schon Minuten später um die Welt gehen. Guardiola weiß das. Er geht auf seine kleine Tochter zu und möchte sie – weißbiergeduscht und glücklich – umarmen. Schon streckt er die Arme aus. Und dann das Unglaubliche. Dieses zarte junge Wesen strafft ihren Körper weg von ihm und biegt sich nach hinten. Sie will nicht umarmt werden. Mit unschuldiger Entschlossenheit verweigert sie sich dem, was schon fast im Kasten war. Papa stinkt. Iiiehh! Den will ich nicht umarmen. Guardiola ist sensibel genug, nicht darauf zu bestehen. Nächster Versuch beim Sohn. Doch auch der verweigert sich. Allein die Frau überwindet sich, schmiegt sich kurz an ihn und gibt ihm einen Kuss. Was für eine schöne Szene. Zwei Kinder weigern sich, der weltweiten Bild-Maschinerie die Bilder zu liefern, die diese dann millionenfach vervielfältigt in die Welt hinausposaunen kann. Einfach so, weil Papa eben stinkt.

In einer kurzen Zusammenfassung in der Tagesschau sehe ich diese Bilder. Danach suche ich sie vergeblich auf allen möglichen Wegen, die das Internet zu zu bieten hat. Nein, – diese Sequenz ist nur noch Erinnerung. Ich kann sie nicht zeigen. Ich kann sie ‚nur’ erzählen.

Pool-Position

An dieser Stelle befand sich ursprünglich ein Pressefoto. Es zeigte Sebastian Vettel in seinem schwarzen Rennanzug mit dem auffälligen Red-Bull-Logo auf dem Rücken. Er hält eine Person in weißer Kleidung – ich meine mich zu erinnern, dass es der Leiter des Red-Bull-Rennstalles war – umklammert. Das Foto zeigt, wie die beiden im Rahmen einer Siegesfeier gerade in einen Pool springen. Darum herum, dicht gedrängt, Fotografen. Alle mit einem begeistert fiebrigen Lachen ob der zu erwartenden tollen Schnappschüsse. Man hört förmlich das Geklicker der Auslöser.
Dieses Foto musste ich entfernen. Und zusätzlich 187 € zahlen als Schadenersatz für entgangene Lizenzgebühren.
Es war leicht verfremdet mit Schwarz-Weiß-Effekten und Herausheben von Details durch Farbe. Hier kann man sich das Origianl anschauen.

Pole-Position

Kreuz am Straßenrand