Oft schwappen Träume aus der Schlafesdämmerung in den Tag hinein. Traum und wach züngeln ineinander. Erlebtes Leid, das ich mühsam verdünne, bis die Realität dann doch wieder sichtbar wird.
Ich bin verabredet. In einer Siedlung, die ich aus anderen Träumen schon kenne. Eine Trabantensiedlung. Unübersichtliche Anlage. Viele Wohnungen, Aufgänge, Eingänge. Mit dem Lineal gezogene gepflasterte Wege, aufgestapelte Wohnblöcke. Eine Mischung aus rotem Backstein und Beton. Ich weiß im Traum: Vor längerer Zeit hab ich schon einmal hier gelebt.
Treffen wollen wir uns in einer Art Einkaufszentrum, das aber grau und leer ist. Es ist noch in Betrieb und zugleich verlassen. Ich gehe eine dunkle Betontreppe hoch, in einem Flur um eine Ecke und um noch eine Ecke. Ich zweifle schon, ob ich richtig bin, – da kommt er mir entgegen. Ich kenne ihn gut, aber ich weiß nicht, wer das ist. Er ist eine Mischung aus mehreren verschiedenen Personen. Er muss noch etwas erledigen. Wir verabreden, dass wir uns in ein Café setzen. Ich solle schon einmal vorgehen, er komme dann nach ins Café „Mairon“. In der nächsten Szene gehe ich einen breiten gepflasterten Weg entlang. Es ist noch stockdunkel, aber Morgen. Links lauter Cafés. Auch hier alles eher grau und unwirtlich. Die Cafés schmucklos und wenig einladend, aber etwas belebt. Das verabredete Café ist irgendwo noch ein Stück weiter. Ich weiß das, weiß aber nicht woher. Ich setzte mich in eines der Cafés am Weg vorher. Im Traum denke ich, dass der, mit dem ich verabredet bin, auf dem Weg zum „Mairon“ ja hier vorbeimuss, ich ihn also nicht verpasse.
Heraus aus dem Einkaufszentrum sehe ich einen offenen Betonwürfel, vielleicht 5 x 6 Meter, der Rand etwa 1 Meter breit. Darin eine leicht schräg abwärts laufende Ebene, gepflastert. In der Mitte steht, seltsam erhellt (die Sonne? Künstliche Beleuchtung?) ein antik anmutendes säulenartiges Relikt, beige, verwittert. Beim Wegdrehen von dieser „Skulptur“ rege ich mich über diese albern protzige und zugleich phantasielose Inszenierung auf. Ich benutze diese Worte, spreche, aber zu wem?, und verstumme dann.
Draußen. Es ist dunkel. Nur ein kleiner Teil der Tische steht in der Sonne. Dieser Teil der Tische verlockt, aber ich setze mich trotzdem ins Dunkle. Warum? Wurde mir der Platz zugewiesen? Tische und Stühle sind sehr klein, fast wie Kindermobiliar. Ein südländischer Kellner beugt sich, ein billiges rundes, in verblassten Farben mit Werbelogos bedrucktes Plastik-Tablett balancierend, zu mir herab.
In der nächsten Szene ist meine Verabredung nicht gekommen. Ich mache mir Vorwürfe, weil ich nicht im vereinbarten Café sitze. Ich denke im Traum, dass ich das kenne, – in irgendwelchen Versäumnissen herumzuirren und zu versuchen, wieder gutzumachen, auszubügeln. Ich beschließe ins „Mairon“ zu gehen. Bestimmt sitzt er da.
Er sitzt da nicht. Ich weiß es, obwohl ich nicht nachschaue. Mitten in unruhigem Hin- und Herdenken – zurückgehen in dieses Treppenhaus? … Hierbleiben? …Ist die Sache eh gelaufen? … Hättest du bloß! … – befinde ich mich wieder woanders.
Wieder ein Weg. Wieder ist er gerade und gepflastert. Doch jetzt ist links Grün, rechts ist ein stählerner runder Handlauf, der schon etwas angelaufen ist. Im nächsten Moment habe ich zwei helle, ehemals bunte, jetzt verblasste Damenschirme mit gekrümmten Griffen in der Hand, – einer aus Holz, einer aus dünnem Plastik. Ein fröhlich angepunktes Mädchen mit auffällig gefärbten Haaren und Piercing links an der Unterlippe lacht. An dem Handlauf hängen jetzt lauter Schirme, wie auf einem Flohmarkt. Die Schirme sind Teil einer Altkleiderbörse. Ich weiß das, obwohl nur diese Schirme da sind.
Ich schäme mich vor dem Mädchen. Denkt sie, ich wollte die Schirme klauen? Ich sage irgendwas Erklärendes, komme aber nicht bei ihr an. Sie kichert wieder. Ich weiß aber nicht, ob über mich.
Jetzt habe ich auch noch meinen eigenen kurzen, dunkelgrauen Herrenschirm mit gekrümmtem braunem Holz-Griff in der Hand. Was denkt sie denn jetzt, wenn ich die Damenschirme zurückhänge, aber meinen eigenen in der Hand behalte, von dem sie ja nicht weiß, dass es meiner ist? Die Situation ist mir höchst unangenehm. Ich bin auf bedrückende Art allein mit meinem Problem.
Wieder wechselt die Szene.
Ich erschrecke. Plötzlich wird mir klar, dass heute Donnerstag ist. Ich hätte um 8:00 bei der Arbeit sein müssen. Bisher war ich davon ausgegangen, ich hätte frei. Wie spät ist es? Hektik und Druck kommen auf. Blick auf meine Armbanduhr. 8:10. Geht sie überhaupt? Steht sie noch auf Winterzeit? Dann wäre es jetzt 9:10. Beides wäre noch so gerade vertretbar. Aber bis ich das Auto gefunden habe … – wo ist es überhaupt? Wie lange brauche ich, wenn ich mich total beeile? Es wird sehr viel zu spät sein. Kann ich das irgendwie erklären? Entschuldigen? Die Lage gerät zunehmend aus den Fugen. Wieder denke ich über meine Uhr nach. Ist es 8:10? Ich frage einen Mann, der vorbeikommt. Seriöse Erscheinung. Anzug, elegante Aktentasche. Er schaut auf die Uhr. Es ist 10 nach 1. Schock. Tatsächlich ist es jetzt Mittag. Ich schaue auf und merke es. Bis jetzt hatte ich es gar nicht gemerkt. Unruhe an der Grenze zur Panik. Ich bin verloren, habe verloren. Trotzdem panisches Gedankenhetzen, wie ich das wieder hinbiegen könnte. Schmerzhaftes Grübelbrausen.
Nicht mehr schlafend und noch nicht wach dämmert mir langsam, dass die Lage doch nicht so schlimm ist.
Ganz langsam, wie durch einen halb verstopften Abfluss fließt eine giftige, zähflüssige Traum-Gedanken-Brühe ab.
Es ist tatsächlich Donnerstag.
Ich muss nicht zur Arbeit.
Ich habe Zeit.
Nur ein Traum.
Dessen Bedrückheit mich durch den Vormittag begleitet.
Als wäre ich nochmal davongekommen.
Diesmal …
Autor: Martin Gehrigk
Ein Schläfchen am Vormittag. Mehrere kurze verrückte Träume.
Einer davon:
Ich bin auf dem Weg in das Gebäude, in dem ich arbeite. Mitten auf dem Weg vor dem Seiteneingang steht ein Baum, der dort nie stand. Ein junger Baum mit noch lichtem Geäst. Frühlingsfrisches Blattgrün. Macht mich jemand aufmerksam oder drehe ich mich einfach so um? Ich sehe einen Dackel, der etwa in Kopfhöhe auf mich zugeflogen kommt. Er wirkt auf zielstrebige Art angestrengt. Seine Ohren schlagen, ersetzen die Flügel. Seine kurzen Beinchen sind stromlinienförmig leicht nach hinten abgewinkelt. Ich drehe mich, während er vorbeifliegt, hinter ihm her. Zorniges Vogelgeschrei kommt aus dem jungen Baum. Ist er dort gelandet? Ist er vorbeigeflogen? Zwei große Vögel – sie sehen aus wie die, die ich kürzlich neu bei uns im Garten entdeckt habe – hocken im Baum. Ich frage mich im Traum, ob sie den Dackel im Flug angegriffen haben. Warum das Geschrei?
In der nächsten „Szene“ verlasse ich das Gebäude wieder, zusammen mit einem jungen, auf freundliche Art jovialen Kollegen. Ich traue mich und erzähle ihm davon, was ich gesehen habe, wohl wissend, dass das unglaublich ist. Trotzdem tue ich es. Er tätschelt meinen Kopf und macht Späße. Unter anderem spielt er auf einen von Sylvester möglicherweise noch recht hohen Alkoholspiegel an. Ich versuche gar nicht erst, ihm zu widersprechen. Noch im Traum sehe ich ein, dass er die Geschichte gar nicht glauben kann. Seitlich strebt er weg von mir zum Auto.
Der fliegende Dackel ist nun wirklich nicht zu glauben.
Ich aber weiß, dass er da war. Noch jetzt sehe ich diese wie selbstverständlich flügelschlagenden Ohren ganz genau vor mir, ebenso wie seinen Gesichtsausdruck. Im Nachhinein meine ich darin auch etwas wie den Ausdruck des Erstaunens zu sehen. Vielleicht war es auch für den Dackel so selbstverständlich nicht zu fliegen.
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Zu doof?
Zu schlampig?
Zu faul?
Oder war alles ganz anders?
mietz … mietz … mietz
In der üblichen Teambesprechung zum Wochenabschluss hatten sie auch über Frau Helger gesprochen. Alle waren sich einig, dass ihre Demenz sich beschleunigte. Die Pflegekräfte, die sie regelmäßig besuchten, hatten beobachtet, dass ihr Zimmer zunehmend verwahrloste. Das war an sich noch kein Problem. Allerdings ließ der Geruch darauf schließen, dass hier und da auch verderbende Lebensmittel an versteckten Stellen lagen. Aber wie sollte man die beseitigen, ohne Fau Helger zu beschämen? Man konnte ja schlecht zu ihr gehen und sagen: „Frau Helger, in ihrem Zimmer stinkt’s. Hier muss mal Ordnung gemacht werden.“ Das wollte man ihr nun wirklich nicht antun, denn Frau Helger war Zeit ihres Lebens immer eine sehr ordentliche Frau gewesen, die ihren Haushalt geradezu vorbildlich in Schuss gehabt hatte. Sie wäre zurecht entsetzt über ein solches Ansinnen. Aber alles so lassen? Man einigte sich auf einen Trick. Timo, der FSJler, mit dem sie sich besonders gut verstand, sollte zu ihr gehen und ihr sagen: „Frau Helger, das Altglas wird heute umsonst abgeholt. Haben sie noch leere Flaschen? Dann würde ich sie rasch nach runterbringen. Oder wollen Sie das selbst erledigen?“ Natürlich würde sie das wollen. Sie war doch eine reinliche Frau.
Und tatsächlich. „Ach lassen Sie mal. Sie haben genug andere Dinge zu tun. Ich mach das rasch selber. Gegenüber ist doch ein Altglasbehälter.“ Sofort stand sie auf und griff sich zwei Plastiktüten mit leeren Flaschen. Die Rotweinflasche, die oben als erste aus dem Beutel lugte, schaute sie sich ganz versonnen noch einmal genauer an. Die war erst vor ein paar Tagen leer geworden. Ihr Sohn hatte immer ein Gläschen getrunken, wenn er bei ihr war. Letztes Mal auch. Wann war das noch gleich? Hatten sie an dem Tag nicht diesen Spaziergang gemacht, bei dem sie die Frau aus dem Zimmer nebenan getroffen hatten? Die hatte irgendwas erzählt und sie hatten alle drei so gelacht. Was war das nochmal? Als Timo anbot, die Flaschen doch rasch runterzubringen, tauchte sie wieder auf. „Nein, nein, ich geh schon.“ Sie stopfte die Flasche zurück in die Tüte. Das Senfglas, das sie weiter unten in der Tüte sah, war das überhaupt leer? Sie kramte, um es aus der Tüte zu angeln. Ihr Rücken meldete sich wieder. Sich bücken tat manchmal doch weh. Sie richtete sich wieder auf und streckte sich. Besser. „Soll ich mitkommen?“, fragte Timo. „Wohin?“ „Sie wollten doch das Altglas wegbringen.“ „Ach so, ja, nein, nein, geht schon.“ Sie griff sich die Tüten und schlurfte raus. Schon vom Eingang aus sah sie den Container und ging zielstrebig darauf zu. Ein schönes Gefühl Ordnung zu machen. Am Container angekommen, stellte sie die Tüten ab und lehnte sie seitlich an den weißen Klotz mit den drei Löchern. Sie wollte nicht, dass sie umkippten und dann die peinlichen leeren Flaschen auf den Weg rollten. Gerade wollte sie die erste Flasche herausholen, da hörte sie ein Auto auf den Parkplatz des Altenheims fahren. Sie schaute hin. Ob das ihr Sohn war? Aufgeschreckt von dem Geräusch huschte eine Katze weg, die sich gerade noch auf dem warmen Pflaster den Bauch gewärmt hatte. Frau Helger lächelte. Das war Mietzi. Die Katze von Frau Reiners. Die kam immer sofort zu ihr, wenn sie die Hand ausstreckte und strich ihr um die Beine. Auf der Bank vor dem Eingang sprang Mietzi ihr manchmal auf den Schoß und ließ sich streicheln. War die Bank noch frei? Ja. Und es stand sogar die Sonne darauf. Mal sehen, ob es ihr wieder gelingen würde, Mietzi zu locken. Sie stapfte in Richtung Bank. Mietzi lag ein paar Meter weiter auf einem anderen gepflasterten Sonnenfleck. Frau Helger setzte sich auf die Bank und streckte die Hand aus.
„Frau Helger, ist Ihnen nicht kalt?“ Susanne stand vor ihr und schaute besorgt. Ja, ihr war kalt. War nicht gerade noch die Sonne …? „Kommen Sie, wir gehen rein. Es wird langsam zu kühl hier draußen.“ Susanne bot ihr den Arm. Frau Helger hakte sich ein. „In ihr Zimmer?“, fragte Susanne. Als Frau Helger ihre Couch sah, atmete sie genüsslich aus. Jetzt erstmal ein bisschen ausruhen. Sie freute sich. Es roch angenehm frisch in ihrem Zimmer. Wie immer.
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– ohne Titel –
Meine Ära geht zuende.
Mein Leben war ein Traum.
Möge es nun wahr werden.
Todesnachricht II
Er ist zu wahr um noch benannt zu werden
Zu echt, um Thema eines Songs zu sein
Zu jenseits aller Wissenheitsgebärden
Zu wirklich Scheiße, um es mit fein
sinnig Formuliertem mit ihm aufzunehmen
Sein Wesen wabert wurzelwild im schemenhaften
Verzweifelwald
Verbrennt uns kalt
Von innen
Kein Entrinnen.
Er glotzt dich an und grinst
„Na? Wieder voll auf Hirngespinst?“
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Todesnachricht I
Kein Trost will sein
Mitgefühl verirrt sich in
Vertränten Blicken
Sätze versiegen beim Sagen
Schmerzhafter Wortverklungenheit.
Wäre besser Schweigen
Wo es doch sein will
Kein Trost?
Du wärst allein
Strecktest eine Hand aus
Hinein in die Alleinheit
Des anderen
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Der demografische Wandel
– das bin ja ich
Ich spüre, wie die Zukunft
Brüchig mir entgegenschrumpft
Pfeilspitzen großer Pläne
Sind abgewetzte Zähne
Weisen zurück:
Gehen wir noch ein Stück?
Wahrscheinlich bin ich einfach zu langsam für dieses Medium. Ich muss immer erstmal nachdenken. Manchmal ist es dann zu spät.
Irres Gefühl, dass ich jetzt in einer weltweiten riesigen Community kommuniziere. Millarden Menschen auf der Erde lesen meine Nachrichten. Theoretisch. Jedenfalls die, die im www unterwegs sind.
Ob Papst Franziskus wohl schon Internet hat? Aber doch bestimmt seine Berater. Die hätten dann diesen Brief ausgedruckt und ihn dem Papst auf den voluminösen Schreibtisch gelegt in eine schwere lederne mit Brokat verzierte Dokumentenmappe. Zur Kenntnisnahme. Wie heißt das wohl auf Latein: ‚Zur Kenntnisname’ ?
Nun ja, nun ist es zu spät. Dabei hätte ich so gerne gehabt, wenn er diesen Brief rechtzeitig bekommen hätte. Vielleicht hätte er mit der Entscheidung über das Rücktrittsgesuch des Limburger Bischofs noch gewartet. Bestimmt hätte er das.
Trelnah, den 29.02.2014 n.Chr.
Lieber Papst Franziskus.
Ich bin nur ein kleiner „nicht-so-richtig-aber irgendwie-doch-Gläubiger“ aus Deutschland. Aber Du hast ein großes Herz, und deshalb traue ich mich, einen Wunsch zu äußern:
Bitte, bitte behalte Tebarts van Elst noch im Amt, bis Frau Schavan deutsche Botschafterin im Vatikan ist. Ich möchte soooo gern hören, wie sie seinen Betrug und die damit verbundene Amtsenthebung kommentiert. Ist ja nicht mehr so lange. Büüü-ttt-e.
Mit frommen Grüßen
Martin Gehrigk
Lange habe ich gezögert. Stand schon kurz davor, hab`s dann doch nicht getan, um kurz danach wieder von neuem zu überlegen.
Nun aber ist es soweit: Ich habe ein Profil bei einer Kontaktagentur angelegt. Sie hat den Namen „Meet yourself“. Und kaum war ich angemeldet, hatte ich auch schon die erste Nachricht. Von mir. Zum Glück bin ich unter meinem Klarnamen angemeldet. Sonst hätte ich mich womöglich gar nicht erkannt. Seitdem schreiben wir uns regelmäßig. Erst war ich skeptisch, aber das legte sich schnell. Ich schreibe wirklich nett.
Der nächste Schritt ist jetzt, dass wir Fotos austauschen. Nicht dass das wirklich übermäßig wichtig wäre, aber eine gewisse Grundsympathie sollte schon auch da sein, wenn ich mich auf einem Bild sehe.
Ja, – und wer weiß? Vielleicht werden wir uns ja dann auch schon bald treffen. ich bin richtig ein bisschen aufgeregt …
Gibt es eigentlich den ADAC noch?
Vor einem Monat meldeten alle Medien, dass BMW, Mercedes und VW den Autopreis des ADAC – den „gelben Engel“ – zurückgeben. Ich versteh das nicht. Warum geben sie den Preis zurück? Er gehört doch ihnen. Sie haben ihn doch bezahlt.
P.S.: Wir wollen korrekt sein. Nicht alle Medien meldeten das vor einem Monat. Das Handelsblatt wusste es schon eine Woche vorher.
Was mag passiert sein diese Nacht?
Fand er sie so umwerfend, dass es ihn umgehauen hat?
Oder hat sie ihn umgehauen?
Oder beides?
Jedenfalls stürmisch muss es gewesen sein.

Am Morgen nach dem abendlichen Anruf
Nun also wieder Abschied
Einer, der die Nacht zerfetzt
Die Seelenhaut verätzt
Gedanklichkeit zersetzt
Die feine Schicht einritzt
Die den Augapfel schützt
Mit wirrem wildem Fragenwahn
Aufpumpt das Hirn
Zum Bersten leer
Die Stirn
erhitzt.
Wer ist seit wann wie warum schuld?
Drängend waidwunde Ungeduld
Ver-rückt
Aus der Zeit gedrückt
Alles wie immer nicht
Verstanden gesagt
Gemeint
Nein verjat
Ja verneint
Los, Zeit, mach hin!
Das Schlachtgetöse ist doch jetzt verklungen
Schenk mir nun auch ein inneres Verstummen
Dass eine weitere Narbe werde
Was Wunde ist.
Helmut Linssen, Ex-Finanzminister in Nordrhein-Westfalen, ist zurückgetreten von seinem Posten als … ehm … ich hab mich nie gefragt, warum dieser Posten ausgerechnet so heißt … jetzt weiß ich es: Piraten-Beute … Karibik … Schatzinsel … Schatzmeister.
Ein Mann hastet eine Straße entlang. Bei zwei Passanten bleibt er stehen. Er fragt sie: „Ist hier meine Liebe vorbeigekommen?“ Die beiden antworten. „Ja – sie kam gerade hier entlang. Wo will sie denn hin?“ „Sie folgt den Folgen.“ „Ah – na dann – wenn Sie sich beeilen, holen sie sie noch ein.“ Der Mann hastet weiter. Nach kurzer Zeit kommt er zurück. „Haben Sie sie gefunden?“ „Noch nicht.“ Fragende Blicke. Der Mann ergänzt: „Ich dachte, ich hole lieber meine Frau. Ist ja besser, wenn wir zusammen folgen.“
Frau Schavan wird Botschafterin im Vatikan. Herzlichen Glückwunsch zur Genesung, Frau noch-Ex-Dr. Annette Schavan: Nach dem Durchfall nun wieder ein geregelter Stuhlgang.
Es brauchte schon einen Redner mit besonderer Begabung, um der Öffentlichkeit die an sie adressierte Kernbotschaft der letzten Münchener Sicherheitstagung zu vermitteln. Schon das eine rhetorische Herausforderung: Eine Rede auf der nicht-öffentlichen Konferenz einer gesellschaftlichen Elite zu halten, deren Adressaten die Gruppe der eingeweihten Insider auf der Konferenz ist, die es aber dann in die Tagesthemen schaffen soll, deren Adressaten das gemeine Volk ist.
Die zweite Herausforderung nicht weniger anspruchsvoll: Das Volk mit einer neuen Militär-Doktrin vertraut machen, die nichts weniger bedeutet, als das Opfern von Menschenleben schon in naher Zukunft, und das so zu formulieren, dass letzteres nicht deutlich wird.
Wenigstens war der Boden schon ein bisschen bereitet durch einen der Eingeweihten, – den Bundesaußenminister Herrn Steinmeier. Er hatte die schwer zu vermittelnde neue Wahrheit schon einmal angekündigt mit dem denkwürdigen Satz, Deutschland sei zu wichtig, um die Weltgeschichte nur zu kommentieren.
Wer sonst hätte sich dieser Herausforderung besser stellen können als Joachim Gauck? Nur er konnte diese Botschaft aus der nicht-öffentlichen Sitzung via TV-Nachrichten in die Öffentlichkeit tragen. Er ist gesegnet mit unbefleckter Wort-Empfängnis. Die ihm dabei zufallenden Formulierungen trägt er mit jenem pastoralen Beschwichtigungs-Timbre vor, das kaum einem so zu eigen ist wie ihm.
Allerdings mag hier und da die Bedeutung seiner Rede etwas unklar gewesen sein, zumal wenn man zwar zu den TV-Adressaten oder zu den Betroffenen der neuen Doktrin gehört, aber eine andere Sprache spricht als der Herr Bundespräsident. Für diesen Fall hält das Bundespräsidalamt einen lobenswerten Service bereit: Man kann das Rede-Manuskript auf der Homepage des Präsidenten komplett lesen und es liegt in Übersetzungen ins Russische, ins Englische und ins Französische vor. Was allerdings fehlt, ist eine Übersetzung ins Deutsche. Gerne komme ich meiner staatsbürgerlichen Verantwortung nach und liefere sie hier:
„Sehr geehrter Herr Ischinger, liebe Verbündete im Geheimnis der Eingeweihten, liebe Elite!
Mir kommt die präsidiale Pflicht zu, einen Nachruf zu formulieren.
Lassen Sie uns heute hier mit allem gebotenen Respekt derjenigen gedenken, die schon bald im Namen der Freiheit des Handels gestorben sein werden.
Des jungen Mannes, der, von einem Kindersoldaten in einen Hinterhalt gelockt, von Macheten-Hieben regelrecht abgeschlachtet werden wird.
Der jungen Frau, die beim Versuch, bei einem Bombenattentat verletzten Menschen zu helfen, zerfetzt werden wird, als die zweite Bombe detoniert.
Der Gruppe junger Frauen und Männer, die im Straßenkampf eingekesselt, gestellt und erschossen werden wird, weil man die Informationen der Aufklärungsdrohne einfach falsch interpretiert hatte.
Lassen sie uns all diesen und all den ungenannten Menschen zurufen: Sie werden nicht umsonst gestorben sein und auch nicht vergeblich! Zukünftige Generationen werden sich dankbar vergegenwärtigen, dass ihr Lebensstandard nur möglich ist, weil Sie mit Ihrem Leben sich dafür eingesetzt haben.
Und Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer hier auf diese Konferenz verspreche ich heute und hier: Ich werde mich nicht drücken, wenn der erste tote Soldat aus den neuen Missionen zurückkommen wird. Ich werde die schwere Verantwortung übernehmen und die Trauerrede auf ihn halten. Darauf können Sie sich verlassen.
Ich danke Ihnen für’s Zuhören.“
Frisch erworbene Kenntnisse im Photo-Shopping …

Manchmal morgens im dämmrigen Halbschlaf werden mir ganz ohne Denkaufwand aus heiterem Himmel tiefe Einsichten geschenkt. Heute z.B. wird mir schlagartig eine Frage beantwortet, die mich schon lange quält: Warum reimen sich die erste und die letzte Zeile in der ersten Strophe des Steigerliedes nicht, – obwohl sich die erste und letzte Zeile aller anderen Strophen reimen? „ … der Steiger kommt.“ und „ … schon angezündt’ .“, aber „ … das gibt ein Schein“ und „ … ins Bergwerk ein.“ ?

Die Erklärung, denke ich plötzlich, ist ganz einfach. Der Autor des Textes war schlesischer Herkunft. Er sprach Deutsch mit Akzent. Und dann mag das so geklungen haben:
„Gliek ouf, Gliek ouf. Där Stäigär kimmt. Und är hat säin hällä-häs Licht bäi d’r Nacht, und är hat säin hällä-häs Licht bäi d’r Nacht schon angäzi-hi-hint, schon angezint.“
So wird ein Reim draus.
Total begeistert erzähle ich diese tiefe Einsicht meiner Frau. Sie meint lächelnd: „Das ist ja wirklich ein interessanter Gedanke. Das müsste man mal recherchieren.“
Wie bitte? Recherchieren? Was soll das denn? Ich werd mir doch meine nette kleine Theorie nicht von historischer Wahrheit kaputtmachen lassen!
An misanthropischen Tagen denke ich: Je zynischer du dir politische und wirtschaftliche Ereignisse auf dieser Welt erklärst, umso näher kommst du der Wahrheit.
Platon Lebedew, eine der Schlüsselfiguren in Chodorkowskis Ölimperium, ist nun entlassen worden. Ist das einfach Zufall? Ist das ein ganz normaler Teil der Anmestie, die in Russland erlassen wurde und von der noch einige andere, nur halt unbekannte Namenlose, profitieren? Oder ist es eben doch genau die Amigo-Scheiße, die ich mir in einer dieser misanthropischen Phasen beim Nachdenken über Chodorkowski zynisch zusammenphantasiert habe?
Filiströse Filolögchen
Immer wieder mal beklagen sie den Zustand der deutschen Sprache. Oder sie betonen, wie wichtig es sei, auf den Erhalt ihres Zustandes aufzupassen.
Kürzlich schlägt jemand vor, Texte für Förderschüler von sprachlichen Hürden zu entlasten. Man könne ja anstelle von „das Auto des Nachbarn“ schreiben: „das Auto vom Nachbarn“. Es folgt energischer Protest.
Erstens sei „das Auto vom Nachbarn“ grammatikalisch falsch. Ich frage mich einmal mehr: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen „grammatisch“ und „grammatikalisch“? Sollte ich mich darüber informieren, um nicht als ungebildet rüberzukommen?
… Später … (wahrscheinlich im Sinne von nie, weil nicht wirklich wichtig …).
Zweitens sei ohnehin ein Trend zur Verkümmerung des Gebrauchs des Genitivs erkennbar. Man müsse den ja nicht unbedingt noch unterstützen.
Da hat aber jemand ‚seinen Sick’ studiert. Oder zumindest ein Deteilchen ins tägliche Repertoire aufgenommen, mit dem man sich sprachschützerisch gebildet gebärden kann.
Nun – für mich stellt das Ganze schon länger kein Thema mehr dar. Ich lebe in einer Region, in der der Genitiv schon lange unbedeutend ist, genauso wie der Dativ. Trotzdem glaube ich nicht an hinterhältige kulturzersetzerische Abschaffung, – eher an eine Veränderung von Lebensräumen. Und wer weiß, – der Wolf ist schließlich auch wiedergekommen.
In „meiner Region“ müsste ‚der Sick’, wenn er korrekt sein wollte, auch eher heißen:
„Der Dativ war den Genitiv sein Feind.“
Eine wirkliche Entlastung für die/den Schüler (s.o.) hieße denn auch:
„…den Nachbar sein Auto“.
Vielleicht hat ja irgendwann mal jemand den Mut.
Übrigens: Ich schreibe „Philister“ und „Philologe“ weiterhin mit Peha. Ich finde, das sieht einfach schicker aus. Aber ich bin ja auch schon wat älter.
Eine Petition gegen Markus Lanz driftet durch’s Netz. Was ich nicht so richtig verstehe: Wäre es nicht viel weniger Aufwand und weit wirksamer sowohl für das eigene Wohlbefinden, wie auch für die Präsenzdichte dieses Moderatoren, ihn einfach gar nicht zu gucken, statt seine Popularität mit einer solchen Diskussion noch zu steigern?
Heute Morgen begegnete ich beim Laufen wieder Lonzo. Er drängte sich in eine Ecke seiner Wiese und schaute auf die Nachbarwiese. Sein Blick wirkte auf eine verstörte Weise sehnsüchtig. Hatte er vielleicht auffällig lange schon nichts mehr von seinem Freund, dem Maulwurf gehört? War ihm etwas passiert? Oder hatte er etwa ein Maulwurfsweibchen … oder gar doch wieder eine verheiratete Frau?

Stirb!
Nun stirb endlich!
Seltsam, – genau das höre ich, wenn das „Alles-Gute!“- Geschrei in der virtuellen Gladiatoren-Arena an mir vorbeizieht.
Auf dem Weg zu meinem Briefkasten bei web.de war ich darüber gestolpert. Michael Schumacher. Liveticker.
Hä? – fährt der wieder? Hatte der nicht aufgehört? Ist da heute irgendsoein Rennen?
Na egal.
Auf dem Rückweg schau ich doch nochmal vorbei und bin fassungslos. „Stirb! Stirb! Stirb!“, schreit es. Michael Schumacher hatte einen schweren Skiunfall und stirbt vielleicht. Und zu genau diesem Geschehen gibt es einen Liveticker. Einen L-i-v-e-t-i-c-k-e-r! Erst stolpere ich bei web.de darüber, dann bei focus.de. Umrahmt von gezwitschertem Promi-Palaver. Was Pocher, Poldi, Boris und Co. dem tollen Freund und Champion alles Gutes wünschen. „Halte durch!“. Stirb! Jetzt braucht es den nächsten Schritt. Die Ziellinie des Champions. „Stirb, mein Freund. Ich möchte so gerne der Welt zeigen, wie sehr ich Anteil nehme.“ Anteilsnehmer. Anteilseigner.
Ein „Journalist“ hat diesen nächsten Schritt schon praktisch angedacht. Da hat ein „Mensch“ eine „Super-Idee“, wie er an ein Sterbe-Foto kommt. Als Priester verkleidet. Wie zur letzten Ölung. Und dann wird mein Foto um die Welt gehen! Und mit ein bisschen Glück rennen plötzlich aufgeregte Weißkittel an mir vorbei! Schubsen mich zur Seite! Wegtreten! Stromstoß! Fdommp! 0-Linie auf dem Monitor. Dauerton.
Er hat zum Glück das Glück nicht. Er wird erwischt.
Andere werden es anders versuchen. 50000 für den, er es schafft.
Stirb! Wir wollen die Ziellinie, den Champion, den Crash.
Was mich erschreckt: Heute Nacht wird mir klar: Ich bin Teil von diesem „Stirb!“
Irgendein Scheiß-Höhepunkt in der Scheiß-Handlung eines Scheiß-Traumes lässt mich aus dem Schlaf schrecken. Metallisch müde brennende Augen. Unerfüllte Sehnsucht nach Schlaf. Die äußere Schicht der Augenlider zerrt die Haut nach unten. Eine innere Schicht zerrt sie nach oben, reißt auf, wie vor Schreck, weil etwas auf sie zustößt.
Ich bin wütend, leidend. Will schlafen. Was soll das? Schreck. Augenlider auf, zu, Drehen, Wälzen. Rasender Gedankenlärm.
Allmählich öffnet sich die Finsterwelt. Ich drehe mich auf den Rücken, nehme hin, wach zu sein, lasse die Gedanken strömen.
Zum Beispiel zu meinem Zorn über den medialen Schumacher-Hype. Voller böser Bitterkeit sehe ich irgendeine Promi-Schnepfe, die sich schnell noch in Mailand ein schwarzes Dolce-&-Camorra-Kostümchen nähen lässt. So richtig geil schlicht. Für die Beerdigung. Oder irgendeinen Freund der Familie, der am Morgen trotz des Regens die Sonnenbrille von – wie heißt die angesagte Marke?, sagen wir: „Cripton“, und es ist ihm verdammt bewusst, dass es die Cripton ist, denn nur die geht heute Morgen, alles andere geht gar nicht – aufsetzt, damit man glaubt, er wolle seine verweinten Augen verbergen.
Auch ich steigere mich hinein in dieses virtuelle Gladiatoren-Arena-Daumen-Runter. Stirb!
Wie bloß kann man in diesem Sog Anker werfen? Innehalten? Wieder menschlich werden? Einfach fühlen?
Das Brennen hinter den Augen wird schwächer. Die Finsterwelt milde. Die Glieder werden schwer. Müdigkeit hilft, aus dem Sturm heraus zu driften.
Möge das Koma der Kokon sein, der diesen Menschen vor dem Blitzlichtgewitter der virtuellen Mitgefühls-Raserei an der Ziellinie schützt. Möge dieser Mensch nicht von elektronischen Entladungen getötet werden.
Stirb nicht!
Schlafe.
Lonzo und der Märchenprinz
Eines Tages aber war er seines Daseins als Märchenprinz überdrüssig. Jahrelang schon hatte er die Träume sehnsüchtiger Frauen erfüllt, war dann weiter gezogen, gerufen von einer anderen armen Frau, war wieder weiter gezogen, war immer wieder angekommen und hatte dann doch nicht bleiben können. All dies hatte ihm Seele und Gemüt matt gemacht.

Doch erst, als sein treuer Schimmel Lonzo ihm gestand, dass auch er des Reisens müde war, rafften sich beide auf und baten die Götter inständig um eine andere Existenz.
Und tatsächlich. Sie erhörten das Flehen. Als sie den Prinzen fragten, welches andere Leben er denn wünschte, musste er nicht lange überlegen: Das eines Maulwurfes. Schon immer war dies sein heimlicher Traum gewesen. Lonzo dagegen wünschte sich einfach nur eine Wiese für sich ganz allein, am liebsten am Rande einer kleinen ländlichen Stadt mit vielen nicht übermäßig glücklich, aber dauerhaft Verheirateten, und möglichst nicht allzu weit von seinem Herrn entfernt. Beide Wünsche wurden erfüllt. Der Prinz wurde Maulwurf, direkt auf der Wiese neben der von Lonzo. Nach Herzenslust konnte er Gänge bauen, Hügel aufwerfen, das Köpfchen an die Luft strecken, wenn es dunkel und ganz still war und sich ansonsten in sein warmes Lieblingseckchen in seinem Lieblingsgang kuscheln.

Lonzo genoss die Ruhe und das immer frische Gras auf seiner Wiese.

Manchmal, wenn sie Sehnsucht nacheinander hatten, dann kroch der Prinz durch einen seiner Gänge zur anderen Wiese, schaute aus einem der Hügel, fiepte leise und dann drehte Lonso sich um, trabte heran und die beiden unterhielten sich ein Weilchen. Meistens sprachen sie lächelnd von den alten Zeiten.

Und so waren sie recht sicher, dass sie glücklich würden leben können bis ans Ende ihrer Tage.
Drei gegen eine
Die Situation war ihr ganz und gar nicht geheuer. Genau genommen hatte sie richtig Schiss. Man hatte in letzter Zeit so viel gehört über gewalttätige Übergriffe auf Schutzenten von marodierenden Gruppen von Origami-Robben. „Ja klar“, dachte sie bitter, „in der Gruppe, da fühlt ihr euch stark!“ Für einen kleinen Moment spürte sie etwas trotzigen Mut, aber dann kroch ihr die Angst wieder in die Flügel. Vielleicht sollte sie irgendwas sagen. Aber was? Und wer weiß, – ein falsches Quak und die gehen erst recht auf sie los. Wie die schon dastanden. Sie blinzelte vorsichtig von unten in die Runde. Der eine sah besonders grimmig aus.
Sie konnte ja nicht wissen, dass die drei nur eins interessierte:
Eine vierte Person zu finden für Doppelkopf.
Download
Irgendwann habe ich mir nach langer Zeit mal wieder einen richtig guten Fotoapparat gekauft. Von da an bestand das Leben eine Zeitlang vor allem aus verpassten Motiven.
Ich: „Oh wie schön! Das wäre ein tolles Foto gewesen.“
Aber: „Du bist einfach zu langsam. Vergiss es.“
Und jetzt dieser Blog.
Ich: „Hey, das ist eine gute Idee. Das wird ein schöner Text. Das werden die Leute mit Vergnügen lesen und vielleicht sogar lächeln und denken: Mensch, kann der gut schreiben.“
Aber: „Quatsch, das liest keine Sau. Und dafür liegst Du die halbe Nacht wach und grübelst über Formulierungen, bist den ganzen Tag gerädert und jammerst ‚rum. Mach doch einfach mal was Vernünftiges!“
Polit-Nostalgie
Jetzt ist es passiert. Ich werde nostalgisch und trauere den guten alten Zeiten hinterher. Früher, – ja, da wurde man noch mit wirklich poetischen Klischees im Fernsehen verarscht! Früher, – da gab es noch andere Feindbilder als den Taliban, z.B. den KGB oder den bösen Bonzen oder Heino.
Und in diesem Früher wäre die Freilassung von Михаил Борисович Ходорковский, zu Deutsch Michail Borissowitsch Chodorkowski, ein viel schöneres Spektakel gewesen: Verwackelte – offensichtlich heimlich gefilmte – Aufnahme eines Gefängnisses. Dunkler Himmel. Schnee. Tief vermummte Passanten. Man spürt, es ist steinkalt. Kommunistisch kalt. Das Gefängnis steht mächtig und finster und stalinistisch da. Dann öffnet sich knarzend zögerlich das große, graue Stahltor. Ein Mann tritt heraus. Unsicherer Schritt. Sofort ist klar: Hier ist ein Mann, der jahrelang gelitten hat, vielleicht sogar gefoltert wurde. Der Körper schwer geschwächt, aber das Herz ungebrochen. Ein Arm wirft ihm einen zerschlissenen Seesack hinterher. Eine kleine Gruppe läuft freudig rufend auf ihn zu. Der Gefangene beugt sich zuerst herunter zu einer alten Frau im Rollstuhl. Das ist bestimmt seine Mutter, denkt man, die ist ja schwerkrank. Dann sein Vater. Würdevoll und stolz klopft man sich auf die Schulterblätter. Schneeflocken stieben auf. Schließlich der Bruder. Er nestelt eine Wodkaflasche aus der Manteltaschengrube. So schwer haben es diese Menschen und doch sind sie so – hach – freiheitsliebend und menschlich!
Plötzlich schaut einer aus der Gruppe in Richtung Kamera. Aufgeregte Rufe. Arme rudern. Finger zeigen. Gesichter schimpfen wütend. Steine werden aufgehoben, in Richtung Kamera geworfen. Das Bild wackelt, bricht ab.
Karl-Heinz Köpcke erklärt, dass man die Bilder auf abenteuerliche Weise aus einer geheimen Quelle im KGB erhalten habe. So schön, schön war die Zeit …

Wie fade ist es heute!! – O.k. – es ist schon gut gemacht. Klaus, der Alles-Kleber klettert auf den News-Gipfel. Und schaut von dort auf das Treiben der Menschen hernieder. Schon das „Gottennabent“ ist wirklich gekonnt. Vielleicht klingt es noch ein bisschen zu ‚geübt’. Dann eine kurze, knackige Kennzeichnung dessen, was Putin da gemacht hat. Klaus durchschaut ihn. Dem macht keiner was vor. Nicht mal Putin, der gewiefte Taktiker. Der jetzt – ausgerechnet jetzt! – Chodorkowski begnadigt. Der muss doch was im Schilde führen. Natürlich. Er will vor den olympischen Winterspielen sein Image aufpolieren, damit die Spiele … eh … na ja, also … Jedenfalls war das Taktik. Zum Glück haben wir Kleber. Putin habe es für „zweckmäßig“ gehalten, der Welt ein „friedfertiges, ausgleichendes Gesicht“ zu zeigen, kurz vor den olympischen Winterspielen, die „teuer bezahlt“ gewesen seien. Dreimal durchschaut von Kleber – in einem Satz: Putin verfolgt nur einen Zweck, er ist nicht wirklich gnädig beim Begnadigen. Das Friedfertige ist nur eine Maske, ein Gesicht, keine Haltung. Die Winterspiele waren teuer bezahlt.
Infotainment at it’s best! Und dann ein Bild-Bericht. Der beginnt mit einem Fenster. Und einer Stimme: „Nach 10 Jahren Gefangenenlager ein Bett im Adlon.“
Hallo?! Im Adlon! Kein bisschen Begnadigungs-Romantik. Kein bisschen “armer Kerl!” Stattdessen ein kleiner Privatjet, ein Konvoi mit schwarzen Limousinen. Sprecher: „Noch während der Fahrt führt der Ex-Häftling die ersten Telefonate.“ Womöglich mit einer Bank in Zürich. Gut, der Mann braucht ja jetzt einiges. Dann Genscher: „Er ist hierher geflogen worden. Wir haben ihm eine Maschine geschickt.“ Genscher, nicht irgendein zerquältes Gesicht von Amnesty-International, ein Polit-Abenteurer, der den Häftling in einem klapprigen Jeep illegal in einer 5-Tage-Marathon-Autofahrt eigenhändig aus Sibirien nach Berlin gebracht hat, – nein Genscher.
Das wirkt alles so – staatsmännisch. So geordnet. So gar nicht knastisch. War der überhaupt gefangen? Ich meine, so richtig? Mit in einen Eimer pissen und aus dem Inhalt zerschlissener Matratzen Zigaretten drehen?
Der Beitrag endet wieder mit Bildern vom Adlon und dem Hinweis, dass Chodorkowski so ganz frei denn doch noch nicht sei. Immerhin würden vor dem Hotel Dutzende von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten warten. „Es dürfte der schönste Arrest seines Lebens sein.“ Selbst der Sprecher in dem Filmbeitrag klebert.
Jetzt mal ehrlich, Leute … der war gar nicht im Knast. „Wir haben ihm ein Flugzeug geschickt“, sagt Genscher. Das hört sich doch schwer nach einem Akt von Hoenessology, von Wulferism, von Ackermannation an, – oder wie soll man das nennen, wenn das System der prominenten „Beziehungen-Haber“, „Netzwerke-Knüpfer“, „Telefonierer“, „Flugzeug-Besitzer“, „Landeerlaubnis-Krieger“, „Hubschrauber-Besitzer“ – was war da in all den Beiträgen noch alles zu sehen aus dieser Luxus-Befreiung? – wenn also diese Welt einem unbedarften Heute-Jounal-Gucker wie mir einen Luxus-Häftling vor die Augen spuckt und mir weismachen will, da ginge es um Freiheit und Zivilgesellschaft.
Wer ist „wir“ in „Wir haben ihm ein Flugzeug geschickt.“? Die Leader-Community der freien Marktwirtschaft? Die nach vorne von „Zivilgesellschaft“ faselt, aber nach hinten, beim Gläschen unter Freunden, den Putin eigentlich beneidet? Der hat es doch einfach besser. Die Community muss Heerscharen von Lobbyisten beschäftigen, um ihre Interessen durchzusetzen und der kann das ganz einfach oligarchisch regeln. Wie früher mal der Chodorkowski auch.
Wenigstens hat sie jetzt mal die Freilassung von einem der ihren oligarchisch regeln können. Da sind Aufenthaltsgenehmigung, Einreisebestimmung und Familienzusammenführung ausnahmsweise mal kein Problem.
Mir kommen Bilder in die Quere: Chodorkowsky steigt auf dem Dach des Gefängnisses in einen Hubschrauber, den ihm irgendein Amigo besorgt hat. All die Namenlosen, die weiterhin in diesem Knast schmoren werden, starren leer an Gitterstäben vorbei auf die Szene. Sie bleiben verzweifelt zurück. Chodorkowski wird sie bald vergessen haben.
Außer einigen wenigen. Seinen Amigos, die auch im Knast sitzen. Sozusagen sein Firmen-Vorstand. Um die wird er sich noch kümmern. Das kündigt er am Tag danach schon an.
Und ich?
Ich glaub, ich werde auf die Suche gehen nach alten Tageschau-Schnipseln. Ich möchte lieber nostalgisch verarscht werden als modern verklebert.
Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen scheuen, von einem „sehr, sehr schönen Moment“ zu sprechen, würden es neudeutsch vielleicht „Win-Win“ nennen:
Der Nachbar ist frisch pensioniert. Montag ist sein erster Nicht-Arbeitstag. Alle aus der Straße „müssen“ vor der Arbeit bei ihm vorbeikommen. Er sagt nicht, warum. Und alle tun es auch ‚brav‘. Sie bekommen eine klassische Butterbrottüte.

Ich bekomme sie auch. Ein Geschenk für uns beide. Für mich, weil ich den ganzen Tag immer lächeln muss, wenn ich an diesen Augenblick denke, z.B. wenn ich mich gerade wieder mal dem Inhalt der Tüte widme …

Für den Nachbarn, weil er so noch intensiver spürt , dass er mit dem Arsch zu Hause bleiben kann, heute und in Zukunft.
Dieser Augenblick ist ein sehr, sehr schöner Moment.
Wer kennt nicht den ‚kleinen Mann im Ohr‘?
Ich hab sogar zwei.
Ich und Aber
Der Ich, wie der Aber
Hasst das Gelaber
Des jeweils anderen
Schon aus Prinzip.
Des einen Geheul
Ist dem andern ein Gräuel
Man hat sich von Herzen
Antilieb.
Zwei alte Bekannte
In ein Haus Verbannte
Heillos verwoben
In endlosen Streit.
Ach könnten die beiden
Sich trösten im Leiden!
– Noch bleibt ja vielleicht
ein bisschen Zeit -.
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Kern-leer-Plan




Heute Nacht – ein Traum.
Ich träume – kein Scheiß! – einen Werbespot für Whisky.
Ein Bauernhof. Ein alter Bauer tritt aus einer Scheune. Er trägt eine bollerige, von Arbeit zerschlissene Jeans und eine hellblaue Arbeitsjacke. Trotz seines hohen Alters hat er dichtes helles Haar. Er ist ziemlich moppelig. Er hat ein rundes, freundliches, rosiges Gesicht.
Beim Aus-der-Scheune-gehen sagt er mit altersmüder, gebrochener Stimme in irgendwie norddeutschem Dialekt: „Hab kein‘ Durst mehr.“ Er scheint unendlich müde.
Schnitt.
Derselbe alte Mann. Er geht jetzt auf einer Kuhwiese und gelangt zu einem markanten Ort. Ist es eine Lagerfeuerstelle? Oder eine verrostete Kuhtränke? Weiß nicht. Bis auf eine glatte, hautfarbene Unterhose ist er nackt. In seiner breiten, müden Hand baumelt eine Whisky-Flasche. Er stellt sie auf den Boden. Ächzend und stöhnend beginnt er, sich niederzulassen. Liegt schließlich als dicker Fleischberg mit gemütlichen Fettwülsten auf der Seite. Lässt sich auf den Rücken rollen. Sagt dabei: „Nor Hunger.“ Es ist die Fortsetzung von „Hab kein‘ Durst mehr“ und bedeutet: „Auch keinen Hunger mehr.“ Er legt sich nieder zum Sterben. Ich weiß das.
Sein Sohn tritt ins Bild. Er ist um die 50. Nackt. Drahtig. Weiße Haut. Ihr Kontrast mit der dunklen Körperbehaarung betont die Nacktheit. Freundliches Gesicht. Große, klare Augen. Fast schwarze strubbelige Haare auf dem Kopf und im hageren Gesicht. Ich registriere, wie aus dem Dickicht der Schamhaare sein Schwanz herausbaumelt. Er ist nicht beschnitten.
Etwas abseits links von dem Alten lässt auch er sich nieder. Lächelt ein freud-faltiges Lächeln. Er sitzt und lehnt sich an den Zaun. Es ist ein ganz normaler Draht-Zaun, wie er eben um Kuhwiesen steht. Ich denke im Traum: Das muss doch in die Haut schneiden.
Das Bild konzentriert sich wieder auf den sterbenden Alten, zoomt dann auf die Flasche. Ich kann das Label inclusive Namen deutlich erkennen. Behalte es sogar.
Noch im Traum denke ich, dass es ganz schön gewagt ist, mit dem Sterben zu werben.
Und ich frage mich, ob es wohl gut ist sich zu betrinken, wenn es soweit ist.
Dann wache ich auf.
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Ein Ereignis, das mich freudig lächeln lässt, heute Morgen:
Es ist unversehens zu einem Ritual geworden, am Morgen schnell mal eben den Tablet-PC einzuschalten und die latest „Bing“-News zu lesen.
Ich überschlage die neuesten Nachrichten zu den Koalitionsverhandlungen, zum Wiederauftauchen von Hamed Abdel Samad, der gestern in Kairo verschwunden war. Großes Kino in großen Artikeln: Ob da wohl wieder die bösen, bösen Islamisten am Werk waren und den lieben, lieben Islam-Kritiker entführt haben? Großformatiges Parlando gestern, kleine Nachrichten-Notiz heute – er ist wieder aufgetaucht. Keine weitere Informationen…
Sowas also überschlage ich, um gleich zum wirklich Wichtigen weiterzuscrollen, – dem Sieg des BVB am Vorabend gegen Neapel. Wie Millionen anderer habe ich gestern Abend alles Mögliche angestellt, um davon Bilder zu sehen.
Natürlich will ich heute an den überaus wichtigen Nachbesprechungen teilhaben.
Und ich finde? Nichts! Tatsächlich nichts! Außer einem Vorbericht darüber, welches Ergebnis welche Folgen hätte in der Gruppe. Es ist 7:26. Das Spiel ist zwei Internet-Ewigkeiten vorbei und ich finde – nichts!
Himmlische Ruhe.
Es ist tatsächlich möglich, dass ein Ereignis von so hohem öffentlichem Thrill heute in BING nicht stattfindet??!!
Vielleicht hab ich das Spiel ja auch nur geträumt.
Und so kann ich wieder mal machen, was ich in den „guten alten Zeiten vor BING“ oftmals schön fand: Im Dunkeln am Küchentisch sitzen, einen Kaffee schlürfen und schlaf-dämmerich räsonnierend vor mich hinglotzen. Allein mit mir und meinen – meinen! – Gedanken.
In diesen Tagen werde ich wieder daran erinnert, dass ich beinahe nicht gewählt hätte. Ein Politiker namens H.Seehofer brennt mir tiefe Abneigung gegen diese Art von Demokratie ins Gemüt. Welche Art? Rückblende:
Nach drei Wochen Italien nähern wir uns auf der Rückfahrt der deutsch-österreichischen Grenze. Wir freuen uns, wieder mal deutschsprachiges Radio hören zu können. Kurz bleiben wir hängen bei einer gut gelaunten österreichischen Moderatorin, die „totaal begäästert“ von irgendeiner Musiktitel-Beliebtheits-Umfrage erzählt. Und – Mensch! – eine österreichische Schlagersängerin hat da den 6. Platz erreicht. Wow!. Und damit wir das richtig verstehen, wie toll das ist, gibt es noch O-Ton der österreichischen Schlagersängerin. Und die findet das „uunfossbo gääl“. Sie sagt wirklich die Worte „unfassbar“ und „geil“.
Wir lachen und betätigen die Sendersuche, währenddessen wir alles, was wir sehen „uunfossbo gääl“ finden. Den schwarzen Oldtimer, den wir gerade überholt haben, das Grün des Notausgangsschildes im Tunnel, unser Radio … hey, sag mal wie findest Du eigentlich den Knauf am Schaltknüppel? … kichern … uunfossbo gääl.
Ein bayrischer Radiosender. Immerhin gerade kein Gedudel, sondern ein Wortbeitrag. Es ist Wahlkampf. Bayern wählt und dann die Bundesrepublik. Und es geht um den Vorstoß des Politikers H.Seehofer. Er möchte die (Bundestags-) Wahl gewinnen und dann eine Maut für Ausländer einführen. O-Ton. „Dess koan jo nned oangehe, doaß mia rund um uns härrrum in oandere Länder zoaln miasse, un die zoaln koan Cent, wann die unsere Autoboan benutzn, un des wo mir a ßo a wichtiges Trrranßit-Land san.“ Etwa so. Was wirklich fällt, sind die Worte „wir“ und „uns“ und „die„. Ich überlege kurz. In meiner inneren Europakarte steht es unentschieden. Ich habe in Holland, Belgien und Luxemburg nicht bezahlt, in Italien, Frankreich, Österreich, Schweiz schon. Ich weiß nicht, wie es in Polen und Tschechien ist. Weiter weg – auch wenn es nicht „um uns herum ist“, – aber Europa: In Spanien schon. Wie war das damals in Dänemark? In Schweden? In Norwegen? Weiß nicht mehr. Ich glaube, keine Maut. Meine kleine unsaubere Statistik kommt zu dem Ergebnis: Auf jeden Fall ist „überall“ nicht richtig. Also ist das Wort falsch. Es ist vielleicht sogar besonders falsch, weil es vielleicht „um uns herum“ mehr Länder gibt, in denen wir nicht zahlen.
Ich frage mich, warum mich dieser Beitrag so überaus, – ja, – abfuckt. Vielleicht deshalb: Wo um uns herum kassiert wird und wo nicht, weiß der Politiker H.Seehofer wahrscheinlich besser als ich. Er wird auch wissen, dass das europäische Parlament einer „Maut für Ausländer“, die wir nur von denen kassieren, niemals zustimmen würde. Trotzdem macht er diesen Vorstoß und „argumentiert“ so, wie ich es gehört habe. Warum? Willkommen in der Wirklichkeit, trotzkopfdumm, denke ich! Das mit den zwei Fliegen …:
Der Politiker H.Seehofer ahnt, dass es eine nennenswerte Zahl von Wählerinnen und Wählern gibt, die genau das auch total ungerecht finden, dass wir überall zahlen müssen und die bei uns nicht. Schmarotzer!
Und er ahnt, dass viele ihm das hoch anrechnen, dass er sich gegen den Rest Europas für uns einsetzt. Dass er etwas fordert, was total gerecht ist, auch wenn die anderen das nicht wollen, weil sie eben weiter schmarotzen wollen, … gar nicht so einfach, solche vermuteten dumpfen Gedankengänge zu zitieren.
Landesvater Seehofer.
Es geht um das Aufgreifen und Nutzen von Stimmungen. Es geht nicht um ein Problem oder ein Projekt oder eine Vision. Es geht nicht um eine Maut.
Ich habe dann doch gewählt.
Und darf nun seit siebzehn Tagen – so lange dauern jetzt die Koalitionsverhandlungen – erleben, dass das Thema „Maut“ einer der zentralen Punkte dieser Verhandlungen ist.
Vielleicht war es damals, als ich so abgefuckt war, doch noch komplizierter. Vielleicht war von Anfang an klar, dass es um die Frage geht, wie man zur Sanierung der maroden Infrastruktur in Deutschland mehr Geld in die Staatskasse bekommt, ohne die Bürger zu belasten. Vielleicht war von Anfang an klar, dass man die Maut nur von allen verlangen kann. Vielleicht war von Anfang an klar, dass eine Lösung sein könnte, zum Ausgleich dann die KFZ-Steuer zu senken. Vielleicht war von Anfang an klar, dass andere „Geldbeschaffungs“-Aktivitäten kaum möglich sind, weil von Anfang an klar war, dass das Polit-Spiel auf eine große Koalition hinausläuft. Und vielleicht war von Anfang an eben nicht klar, wie man es hinkriegt, einerseits zusammen zu regieren, andererseits aber den anderen für die unangenehmen Sachen den Schwarzen Peter … Dann doch lieber gleich nur bei den Ausländern kassieren …
Ich bin sicherer denn je, dass ich eine solche Art von Demokratie eigentlich nicht unterstützen möchte mit meiner Teilhabe.
Heute ist der 9. November. Ein wichtiger Tag in der Geschichte des dritten Reichs. Ein wichtiger Tag auch in der Geschichte der DDR.
Da wird der eine oder andere Wortbeitrag heute im Radio zu hören sein. Und er wird sicher auch des öfteren das Wort „Demokratie“ enthalten.
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Heute Nacht ein Traum. Ich sitze auf einer Liege, wie sie in älteren Praxen von Physiotherapeuten stehen. Plötzlich kommt mein Bruder. Ich erschrecke sehr. Das kann nicht sein. Er ist doch tot. Er setzt sich neben mich. Lächelt wie er eben immer gelächelt hat. Blaues Poloshirt mit irgendeiner Beschriftung. Mir fällt auf, dass ich das gleiche trage. Hab ich das im Traum wirklich so gedacht?: „Das kann doch gar nicht sein. Wie geht das? Er rät mir mit großem mildem lächelndem Ernst, dass ich jede Sekunde meines Lebens genießen soll.“
Der Schrecken ist verflogen.
Ich nehme seine Aufforderung mit in den Tag. Was mir jetzt beim Schreiben ein wenig lächerlich vorkommt, ist seither von großer Bedeutung. Macht der Gedanken … Immer wieder halte ich inne, sehe ihn, wie ich ihn im Traum sah und denke ‚ach ja, … jede Sekunde genießen…‘ – und muss lächeln.
Die Aufnahme ist gemacht. Warten. Dann bittet eine Ärztin meine Mutter und mich zu sich in … ja in was? Ist es ein Büro? Ist es eine Besenkammer? Für’s erste zu klein, für’s zweite dann doch zu eingerichtet. Die Ärztin klickt ein wenig durch die gerade gemachten CT-Bilder. „Also, es ist kein Krebs oder so was. Aber man sieht hier an den dunklen Flecken, dass relativ viel Hirnwasser vorhanden ist. Das ist manchmal im Alter so. Dann sammelt sich das an. Man kann da mit hirnwasserentlastenden Medikamenten arbeiten. Aber Therapie mach ich nicht, das macht der – wer hat sie geschickt?“ Das Gespräch dauert vielleicht zweieinhalb Minuten. Dann sind wir wieder draußen. „Wenn Sie 10 Minuten warten, können Sie den Befund direkt mitnehmen.“
Ich frage mich, wie das Ganze wohl abgelaufen wäre, wenn auf dem Bild „Krebs oder sowas“ zu sehen gewesen wäre, und wie diese 10 Minuten dann gewesen wären.
Mein Mutter friert auf dem Heimweg. Es ist Herbst. Sie hat es eilig. Immer wieder gerät sie mit ihrem Rollator gefährlich nah an den Grasstreifen am Rand des Weges.




