Die Wochen 9+10
Stationen:
Vibo Valentia – Vibo Marina,
Tropea,
Taureana,
(Bagnara),
Reggio di Calabria,
Messina,
Milazzo,
Lipari – Porto Pignataro
Vibo Valentia – Vibo Marina,
Tropea,
Taureana,
(Bagnara),
Reggio di Calabria,
Messina,
Milazzo,
Lipari – Porto Pignataro
(Messina)
Angsthase! Pfeffernase! Morgen kommt der Osterhase!
Neptun. Er kann nicht nur Stürme entfachen. Er kann sie auch beruhigen. Auch in uns. Er steht zum Glück direkt am Hafen. So beginnen wir unter seinem Arm zu reden. Gehen in Gedanken noch einmal zurück zum Morgen.
Heute wieder ein Abschied. Marion und Martin werden den zweiten Teil ihres Urlaubs antreten. Noch eine Woche Tropea.
Der Wind scheint sich so weit beruhigt zu haben, dass wir die Überfahrt zurück nach Messina wagen können. Auch die Wetterberichte und der Ormeggiatore halten es heute für möglich. Morgen eher wieder nicht mehr.
Wir studieren die homepage mit der Strömungsvorhersage für die Straße von Messina. Sie ist in den nächsten 3 Stunden noch günstig für die Überfahrt nach Messina. Danach ist sie extrem ungünstig. Strom gegenan mit z.T. mehr als 3 Knoten.
Der aktuell milde Wind, die Strömung, – … plötzlich ist klar, dass wir uns den ruhigen Abschied mit traurigem Winken auf dem Bahnsteig genau betrachtet eigentlich nicht erlauben können, wenn wir nicht eine weitere Nacht in diesem unwirtlichen Hafen verbringen müssen wollen.
Also ein eiliger Abschied. Von unseren Freunden und von hier.
Von Anfang an ist mir mulmig. Ich glaube nicht der trügerischen Windruhe. In den letzten Tagen ist der Wind am Morgen erst wild gewesen, hat sich dann beruhigt und ist am Mittag umso heftiger zurückgekommen. Trotzdem brechen wir hastig auf.
Kaum sind wir draußen, frischt der Wind auf 6-7 Bf auf. Wir kämpfen mit dem Wind.
Ich kämpfe mit meinem Gemüt. Nein. Eigentlich kämpfe ich nicht. Ich habe schon vor dem Kampf aufgegeben. Ich habe Angst. Weiß mich kaum zu verhalten. Ich schrumpfe zusammen auf einen kleinen engen Knoten. Tief unten irgendwo in meinen Gedärmen. Schaue mit Grauen auf die höher werdenden Wellen. Auf den Windmesser, der immer neue beänstigende Zahlen auswirft. Versuche verzweifelt den wieder sehr lebhaften Schiffsverkehr zu beobachten. Reden geht nicht. Die Angst ist so groß, dass ich sie nicht benennen kann. Als wollte ich sie so aus dem Leben bannen.
Wo sie doch schon längst ist.
Dauernd phantasiere ich Schreckensszenarien. Der Motor fällt aus. Wir können nur noch vor dem Wind ablaufen. Wir treiben irgendwo auf. Schiffbruch. Wir produzieren Bruch im Hafen.
Die Liebste behält kühlen Kopf.
Irgendwann kommen wir an. Mit der Ankunft in Messina beruhigt sich der Wind. Ulrike hat über Funk um Unterstützung gebeten beim Anlegen. Ich hielt das nicht mehr für nötig. Genauso irrwitzig wie die Angst. Der Strom drückt uns mit Macht in den Hafen. Hier können wir gar nicht ohne Hilfe anlegen. Und es wird dann auch richtig kompliziert. Zum Glück helfen die Ormeggiatori nicht nur. Sie steuern das Ganze. Zum Glück ist die Liebste hellwach.
Ich bin ja nur der kleine Knoten.
Während des ganzen Nachmittags treibe ich vor meiner Angst her. Es fühlt sich an wie ein schlimmer Kater.
Erst am Abend können wir reden.
Richtig sortiert kriege ich, was ich heut Nachmittag erlebt habe, nicht. Ich kann nur Elemente benennen. Meine Angst hat etwas Vegetatives. Etwas Traumatisches. Als hätte es irgendwann eine schlimme Angst gegeben, die in mir weitergärt, ohne dass ich wüsste, was für eine es wäre und woran sie sich einst entzündete.
Sie ist unselig verknüpft damit, dass ich glaube, mir Angst eigentlich nicht erlauben zu können. Als Mann nicht. Schon gar nicht als Segler. Als SeeMann. Da sollte ich groß, stark, bärtig, entschlossen und mutig sein.
Sie ist unselig verknüpft mit der tiefen Überzeugung, dass irgendwann auffliegt, dass ich eigentlich gar nichts kann. Bei allem, was ich tue. Auch und schon gar nicht bei schwerem Wetter sicher und mutig eine Yacht führen. Dass es eigentlich wahnsinnig ist, dass so ein Weichei wie ich sowas überhaupt macht.
Sie ist unselig verknüpft mit der Not, dass all dies im Rucksack mir verbietet, um Hilfe zu bitten. Denn ich müsste es ja alles alleine können. Als mutiger Segelprofi.
Sie ist unselig verknüpft mit magischem Denken. Wenn ich dies oder jenes getan oder gelassen hätte, wäre jetzt dies oder jenes kein Problem. Wenn ich mehr trainiert hätte, mich in schwerem Wetter zu bewegen, hätte ich jetzt keine Angst. Aber jetzt ist es ja zu spät. Wenn ich ein richtiger Mann wäre, hätte ich sowieso keine Angst. Oder hätte entschieden und wissend heute Morgen gesagt, dass wir nicht auslaufen. Als autoritärer Skipper. Aber jetzt ist es ja zu spät.
Natürlich fällt der Motor nicht irgendwann aus, sondern jetzt. Jetzt – wo es besonders gefährlich wäre. Möglicherweise gab es auch schon Anzeichen. Hat er sich nicht gerade ganz anders angehört? Gleich wird der Windmesser bestimmt die magischen 30 Kn übersteigen. Und dann nähert sich das hier einem richtigen Sturm. Hier in der Straße von Messina ist alles möglich. Und Du hast wieder nicht die richtigen Informationen. Du hast nicht die richtigen Leute gefragt. Du hast Dich vor der Reise nicht vernünftig informiert. Du hast nicht dafür gesorgt, selbst ein Wetterexperte zu sein. Wie alle anderen Segler*innen. Du kannst ja nicht mal eine normale Wetterkarte lesen.
All das sitzt schmerzhaft zusammengequetscht als Knoten in meinen Eingeweiden und macht den Rest von mir als einsame Hülle hilflos.
Es gibt auch eine Verbindung zu meinem Vater. Ich weiß aber nicht, welche. Er scheint mir ein furchtloser, gestandener und entschiedener Mann gewesen zu sein. Ich habe aber keine Erfahrungen, die mir das erlebt belegen. Auch keine Erzählungen. Er hat eine lebensgefährliche Kriegsverletzung erlitten. Als 17-Jähriger. Ich weiß davon aber so gut wie nichts. Jedenfalls nichts von Angst. Ich weiß nur Erzählungen, die bei jedem Mal der Wiederkehr eine andere Färbung angenommen haben.
Ich weiß, dass ich einmal als vielleicht 7 oder 8-jähriger Junge vom Küchenfenster aus ein Gewitter habe aufziehen sehen. Bei den ersten Blitzen habe ich mich furchtbar erschrocken. Meine Mutter sagte dazu seufzend: „Ja, wer weiß, vielleicht geht jetzt die Welt unter.“ Ich weiß, dass in mir etwas regelrecht zerplatzte. Ich rannte in mein Zimmer. Was ich dann tat, weiß ich heute nicht mehr.
All das fördern die Fragen der Liebsten zutage. Ein Gedanke von ihr ist eine Art erste Hilfe: „Dein magisches Denken ist ein bisschen verrückt, denn eigentlich kannst du entweder alles, was du brauchst, um das hier zu bewältigen. Oder du kannst etwas nicht: Dann kannst Du Dir Hilfe organsieren.“
Es ist nichts gelöst. Aber der Kater ist vorüber. Ich gehe später am Abend wieder zuversichtlich auf dieses Schiff zu. Ich bin ihr sehr dankbar.
(Rückblick auf Messina und Milazzo)
Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“
Die Liebste und ich steigen ohne groß zu überlegen direkt am Hafen in eine Straßenbahn. Wir wollen einfach bis zur Endstation fahren und gucken. Eine Zeitlang fahren wir am großen Haupt-Hafen entlang. Rechts von uns große, andeutungsweise herrschaftlich aussehende Gebäude. Sehr schön restauriert. Links von uns noch deutlich höhere Fassaden, die alles überragen. Die Fassaden von Kreuzfahrtschiffen. Flach gelegte Hochhäuser. Vor den Fenstern Balkons mit schicken Liegestühlen. Schwarze Großraum-Taxis mit abgedunkelten Scheiben, frisch geputzte vollklimatisierte Groß- und Kleinbusse auf der Pier. Bedienstete, die vor und unter der Gangway wimmeln. Offenbar bricht man gleich auf zu einigen Landausflügen. Wir fantasieren. Die Outdoor-Aktivisten lassen sich zum Ätna fahren und brettern dort mit martialischen Allrad-Monstern rauf zum Gipfel. Die klassischen Stadt-Besichtiger*Innen begeben sich zur Stadt-Rundfahrt in einem dieser roten Mini-Lokomotiven-Züge mit anschließendem Kaffee in der schönsten Pasticceria der Stadt. Vielleicht kann man auch zu einer Partie Golf aufbrechen. Oder zu einer Tour im Kleinbus zu einem schönen Strand etwas außerhalb. Cocktail inclusive. Während wir das fantasieren, wirkt die Umgebung der Straßenbahn allmählich immer weniger aufpoliert und besichtigungstauglich. Ganz langsam bewegen wir uns vom Fruchtfleisch zur Schale. Sie ist hier und da ein wenig angedötscht, aufgeplatzt, verschorft. Ein nicht sehr großer, schlanker, sehr dunkler Sizilianer steigt ein. Er meckert vor sich hin. Sucht immer wieder Blickkontakt zu einem Afrikaner, der uns gegenüber auf der Bank sitzt. Wir verstehen nicht, was der Sizilianer sagt, aber wir verstehen, es geht um Provokation. Der Afrikaner ist sehr verunsichert. Er schaut weg, dann wieder hin, dann wieder weg. Sein Blick ist flüchtig, flatternd. Die Menschen um uns herum sind genervt von dem Geschimpfe. Aber sie steigen nicht ein in das angebotene Kämpfen. Sie suchen nur den Blickkontakt mit dem Afrikaner. Versuchen ihm Beistand zu signalisieren. Versuchen ihm mit Augenbrauen, Haltungen, angedeuteten Handbewegungen zu signalisieren: Hör nicht auf das Gemecker! Lass Dich nicht verrückt machen! Der spinnt!
Als der Sizilianer aussteigt, lässt er noch ein paar Sprüche da. Dann schließt sich zischend die Tür und die Körper und Gesichter entspannen sich. Der Afrikaner nicht. Er schaut auf den Boden vor sich.
Endstation im grauen Alltag in Messina. Auch wir steigen aus. Stromern herum.
Die Liebste hat beim Abendspaziergang einen Frisiersalon entdeckt und die spontane Idee, sich hier morgen frisieren zu lassen. Sie geht hinein um einen Termin zu machen. Kommt wieder zurück und berichtet, sie brauche keinen. Sie solle einfach morgen früh kommen.
Das tut sie. Und lernt Elena kennen. Elena schneidet ihr kunstvoll die Haare. Mit einem Messer. Und plaudert. Dabei klärt Elena die Liebste über wichtige grundsätzliche Dinge auf. Zum Beispiel darüber, dass Deutschland ein wirklich schönes Land sei. Sie sei einmal da gewesen. Wirklich sehr schön. Nur: Im Kaffee sei zu viel Wasser. Wie übrigens auch im Flugzeug und in Mailand.
Im Yachthafen fragen wir einen Mann, der an seinem Schiff hantiert, wie wir zur Madonna della Lettera kommen, der Statue, die uns jedes Mal aufgefallen ist, wenn wir die Hafeneinfahrt von Messina passiert haben. Er lacht. Was wir da wollten. Wir antworten, dass wir sie uns einfach ansehen wollen. Er lacht wieder. Das machen Sie am besten von hier. Er zeigt auf den Boden. Und erklärt weiter, dass man dort nicht hinkönne. Dort sei abgesperrtes Militärgelände. Erst recht könne man nicht rauf. Man sehe sie tatsächlich am besten von hier.
Ein Gebäude ist uns bei der Ansteuerung von Messina aufgefallen. Eine Kuppel, die alle anderen Gebäude überragt. Dort kraxeln wir hin.
Es ist das Sacrario di Cristo Re. Mitten auf dem Stufenaufgang stehen zwei Tische. Einige Menschen drum herum. Eine Initiative, die sich um den Erhalt, die Pflege und die „Bewirtschaftung“ historisch bedeutsamer Stätten in Sizilien kümmert, bietet hier eine Führung an. Wir buchen. Ein junger Mann in Schwarz gekleidet begleitet uns. Sehr freundlich, sehr engagiert und sehr eloquent erklärt er uns alles, was zu diesem Heiligtum zu sagen ist. Er scheint selbst bewegt von dem, was er uns hier zeigt. Besonders von der Glocke, die aus eingeschmolzenen Kanonen gegossen wurde.
Wir mögen einander. Wir fragen ihn, wie es kommt, dass er so gut Englisch kann. Er erklärt ganz selbstverständlich, die wichtigsten Basics habe er in der Schule gelernt. So 20%.
Den Rest beim Online-Spielen und überhaupt bei Computer-Spielen.
Er lässt sich gerne mit der Liebsten fotografieren vor der Glocke aus Kanonen-Stahl. Beide lächeln. Das Foto allerdings existiert nur in unserer Erinnerung. Ich hatte in dieser Zeit keine Karte in der Kamera.
Auf dem Rückweg vom Sacrario di Cristo Re kommen wir in einem normalen Wohnviertel an einer Bar vorbei und haben gleichzeitig den Impuls, hier bei einem Aperitif ein wenig auszuruhen. Beim Betreten der Bar stolpere ich und falle auf die Treppe. Ich kann mich beim Fallen nicht abfangen, denn ich habe den Fotoapparat in der Hand. Sofort springt der junge Mann am Tisch nebenan auf. Die Kellnerin eilt herbei. Ebenso der Besitzer. Alle möchten gerne helfen. Erkundigen sich immer wieder, ob wirklich alles in Ordnung sei. Ich würde ihnen gerne sagen, dass mir nichts passiert sei, dass mir nur das Knie wehtut, und dass das morgen bestimmt ein bisschen dick ist. Aber dazu kann ich zu wenig Italienisch. Also: „Tutto a posto, grazie.“
Wir sind jetzt nicht nur Gäste. Wir sind jetzt Menschen, um die man sich kümmert.
Beim Bezahlen fragt die Liebste die Kellnerin, was es mit dem Namen des Cafès auf sich hat. „XXIV Maggio“. „Ganz einfach, das ist der Name der Straße hier.“ Wir schauen auf die Wand draußen gegenüber.
Am Abend versuchen wir herauszufinden, was es mit diesem Tag in Messina auf sich hat. Wir lernen alle möglichen interessanten geschichtlichen Dinge. Aber erst spät wird klar: Der 24. Mai ist der Tag, an dem Italien in den ersten Weltkrieg eingetreten ist. Gegenleistung der alliierten Staaten gegen Österreich-Ungarn und Deutschland unter anderem: Südtirol.
Unser langes Gespräch über meine Angst bei der Überfahrt von Reggio di Calabria nach Messina endet mit Bezahlen an der Theke. Eine ziemlich divenhafte Frau hinter der Kasse fragt mich, wann wir wieder fahren. Ich stutze. Hab ich das jetzt richtig verstanden? Was meint sie? Sie legt nach: Sie sind doch mit dem Schiff hier? Ich bin platt. Woher weiß diese Frau, dass wir mit einer Segelyacht im Porto Nettuno liegen. Ich antworte so wahrheitsgemäß wie verdattert, dass wir noch nicht wissen, wann wir wieder auslaufen. Sie wendet sich ab. Sie hat keine Lust, sich weiter mit diesem stotternden Nicht-Wisser zu beschäftigen.
Erst draußen wird mir klar: Wir sind hier in der Nah-Schiff-Bewegungszone von Kreuzfahrtschiff-Passagieren. Die Lady wollte einfach nur wissen, ob heute Abend noch mit zusätzlichen Einnahmen zu rechnen ist.
(Rückblick auf Messina und Milazzo)
Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“
Milazzo hat etwas mehr als 31 000 Einwohner. Sagt Wikipedia. Als wir unseren ersten Abendspaziergang vom Hafen aus machen, stellen wir fest: Die 31 000 müssen allesamt jetzt gerade zur Passegiata hier auf der Hafenpromenade sein. So ein unfassbarer Betrieb ist hier. Plus Familienangehörige, die gerade zu Besuch sind. Plus die paar Touristen, die sich hierher verirrt haben. Wir z.B., die wir auf einer Bank sitzen und das Treiben hier Eis-leckend betrachten. Im Hintergrund eine alles andere als malerische Industriekulisse. Verrückt.
Am nächsten Abend wandern wir zur anderen Küste dieser schmalen Halbinsel. Was heißt „wandern“? Es ist ein kleiner Spaziergang. Wir finden einen Traumstrand. Davor eine Straße. Zwischen Traumstrand und Straße: Nichts. Keine Bars für den Sundowner. Nicht mal Reste von temporären, die vielleicht nur während der Saison offen sind. Stattdessen liegen dort drei mittelalte Menschen im Rest des Sonnenlichtes. Kurz vor Sonnenuntergang packen sie ihre Sachen und gehen. Ist kühl geworden.
Wir staunen lächelnd. Wie kann man jetzt gehen? Die Echtzeit-Romantik kommt doch gleich erst.
Die aus Touristensicht viel schönere Küste ist verwaist. Am Lungomare mit Blick auf Öltürme tobt das Leben.
Rechts vom Hafen liegt erhöht in einiger Entfernung ein großes, halbrund geformtes Gebäude mit vielen Fenstern und kleinen Balkons in Richtung Bucht von Milazzo. Wir fragen uns, was das wohl für ein Gebäude ist. Ein Hotel? Eine Altenresidenz? Ein Krankenhaus? Wir fragen einen älteren Herrn. Er kommt aus einem Haus im Schatten dieses Gebäudes. Er schaut erstaunt hin. Und weiß es auch nicht. Aber er empfiehlt uns eine Pizzeria in der Nähe, falls wir ein Restaurant suchen.
Eine kleine feine Ennoteka vis-à-vis vom Lungomare. Hier gibt man sich kleinen feinen Genüssen hin für großes Geld. Vornehmlich Männer. Einer betritt den Laden mit einer sehr viel älteren Frau. Vielleicht seine Mutter. Er dirigiert sie an einen Tisch neben uns. Mehr Tische gibt es nicht. Draußen noch zwei, drei Tische mit Barhockern. Hier drinnen passiert’s im Stehen. Ein Gast, der schon hier war, begrüßt den neuen Gast. Man kennt sich. Man ist vertraut. Fasst sich an. Gibt angedeutete Wangenküsse. Einer der Kellner reagiert auf den neuen Gast laut, freudig und mit einem hüpfenden Gang hinter der Theke weg zu ihm. Schnell ist klar: Der Neue hat heute Geburtstag. Der Gast, der schon da war, ist ein wenig beschämt, dass er es vergessen hat. Mit lachend vorgetragenen Entschuldigungen verlässt er den Laden. Kurze Zeit später kommt er wieder. Er übergibt dem Geburtstagskind eine schicke kleine Papiertasche aus einer Parfümerie. Geburtstagskind packt aus. Währenddessen öffnet der Kellner eine erste Flasche Schampus. Oh, wie schön!! Eine Fläschchen Parfüm. Es wird natürlich sofort probiert und wortreich kommentiert. Auch der Mama gefällt der Geruch.
Nach dem ersten Gläschen betritt ein weiterer Mann den Laden. Er hat auch ein kleines Geschenk dabei. Er hat offenbar dran gedacht. Geburtstagskind packt aus. Unter dröhnendem Gelächter und vielen Scherzen, die wir alle nicht verstehen, tritt zutage: Ein Fläschchen Parfüm. Exakt dasselbe. Nur die Flasche eine Nummer kleiner. Die die Schampus-Gläser werden sofort lachend nachgefüllt.
Ein weiterer Traum wird wahr. Unmittelbar neben dem Yachthafen sind mehrere Fischer-Kooperativen, die hier an kleinen Tischen direkt nach der Rückkehr vom Fischfang ihre Beute verkaufen. Wir streifen daran entlang. Unten, direkt vor den sanft ausplätschernden Wellen, hantieren zwei Leute mit etwas Größerem. Wir schauen genauer hin. Es ist ein Rochen von bestimmt 1,50 Durchmesser. Die beiden schneiden Filetstücke heraus. Ich hebe die Kamera. Noch bevor ich fragen kann, gibt mir einer der beiden mit heftigen Gesten zu verstehen, dass er nicht fotografiert werden will. Ich drehe mich weg. Ein Fischer hier oben hat die Szene beobachtet. Er lächelt und zuckt mit den Schultern. Er lädt mich ein, ihn zu fotografieren. Er posiert sogar ein bisschen für mich.

… der äußerst streng riechende Käse, den ich mir vom Hafenfaktotum Saverio in Reggio di Calabria habe andrehen lassen. Ich versteckte ihn vor der leidenschaftlich leidenden Käsehassernase von Martin im Kleiderschrank von der Liebsten und mir. Und vergaß ihn. Dicke Luft in doppeltem Sinn, als sie ihn entdeckte.

… der eiskalt verhandelte Bikini-Deal der Liebsten in Maratea. 30% statt 10%.
Gewinn.
Nicht nur wegen des Preisvorteils.

… das Schlechte-Laune-Selfie

… die sehr entspannende Fußpflege, die sich die Liebste in Reggio di Calabria angedeihen ließ. Im Hintergrund lief das Radio und bei bestimmten Songs sangen die Bediensteten und die Kundinnen im ganzen Laden gut gelaunt mit.

… die „Dance-The-Mediterranean-Sea“-Tanzeinlage.

… das während unserer Reise mehrfach mit wechselnden Namen angewendete selbst komponierte Geburtstagslied.

… Elisa, die überaus kultivierte Musiklehrerin, bei der sich die Liebste in Messina nach dem Weg zum Friseur erkundigte. Sie wusste den Weg nicht, fand aber ohnehin, dass die Liebste besser zu dem Friseur gehen sollte, den sie selber bevorzugte. Sie versorgte die Liebste auch noch mit weiteren wichtigen Informationen, z.B. der, dass Messina früher viel schöner gewesen sei, es aber bei dem Erdbeben fast vollständig zerstört und dann nicht so schön wieder aufgebaut worden sei. Außerdem erfuhr die Liebste, dass Elisa auch einmal in Mailand gearbeitet habe. Das habe sie aber abgebrochen. Es sei ihr dort einfach zu kalt.

… der Spruch der Woche von der Liebsten, nachdem wir ausgiebig das Strandleben im Amalfi-Hotspot Positano studiert hatten, incl. der aktuellen Bikini-Trends:
Und is dat Föttschen noch so klein, so willet doch jewackelt sein.

… die „hochseetaugliche“ Konstruktion, mit der man auf unserem Schiff Kaffee kochen musste.

… der intellektuelle, studierte Sohn, der seinem Vater in der Salumeria in Seccheto half, und der die Liebste darüber aufgeklärte, was denn die ganzen mit Wasser gefüllten Flaschen sollten, die hier vor dem Laden und auch vor anderen Häusern stünden. Der Sohn erzählte, dass man mal gedacht habe, dass diese Flaschen Katzen und Hunde davon abhalten würden, hier ihr Geschäft zu machen. Das funktioniere aber in Wahrheit nicht. Andererseits aber doch, weil diese Flaschen die Aufmerksamkeit der Hunde- und Katzenbesitzer auf dieses Problem gelenkt und dadurch indirekt doch funktioniert hätten.

… das Kreieren eines neuen Dokumentationsformats: das 360 Grad-Film-Filmchen durch die Liebste.

… der Amerikaner, der uns aus dem Niemandsland den Weg nach Lipari beschrieb. Wir sollten an einer Stelle nach links abbiegen. Wo war das nochmal? Ach ja. Eine kleine Kapelle mit Namen „San Bartholomeo“ (amerikanisch ausgesprochen Sän und Bartholomeo mit fettem Tie Äitsch) „Or however it sounds like in Italian…“

… das Straßenkünstler-Paar in Rom, das mich so begeisterte. Und bei dem ich erst ganz spät verstanden habe, warum sie ihre „Gesichter“ vor mir versteckten, so dass ich sie nicht fotografieren konnte. Erst ein sehr direkter Hinweis auf die Dose vor ihnen brachte Erkenntnis: Sie hatten keins.

… die sehr coole Einkaufswagen-Aktion der Liebsten im Hafen von Reggio di Calabria.

… das Mädchen, das in einem Anfall von selbstvergessenem Exhibitionismus auf der Hafenmauer von Ventotene tanzte.

… der super passend angebrachte Aufkleber, man möge das Schiff bitte nicht mit Straßenschuhen betreten. Er klebte über dem Niedergang. Wenn man rauskletterte, konnte man ihn von drinnen lesen.

… das delikate Gebäck in einem Cafe am Rand von Positano.

… der furchteinflößende Wachhund in Pizzo.

… der Treppenaufgang für Rollstuhlfahrer in Santa Marinella. Peter entdeckte ihn, während er Astrid im Rollstuhl schob und eine Stelle suchte, an der man eine Ebene tiefer Richtung Strand käme.